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Die Geschichte des Tom Jones / Theil II

Henry Fielding: Die Geschichte des Tom Jones / Theil II - Kapitel 12
Quellenangabe
typefiction
booktitleDie Geschichte des Tom Jones / Theil I
authorHenry Fielding
year1848
firstpub1749
translatorDr. A. Diezmann
publisherGeorg Westermann
addressBraunschweig
titleDie Geschichte des Tom Jones / Theil II
pages239
created20080529
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Zwölftes Kapitel.

Führt uns ein rührenderes Schauspiel vor, als alles Blut von Blifil und Thwackum und noch zwanzig andern der Art, darzubieten im Stande ist.

Herrn Western's Begleiter waren jetzt herangekommen und zwar gerade, als der Kampf vorüber war. Sie bestanden in dem wackeren Geistlichen, den wir früherhin bei Herrn Western kennen gelernt haben, dem Fräulein Western, Sophiens Tante, und endlich der lieblichen Sophie selbst.

Auf dem Schlachtfelde sah es nun folgendermaßen aus. Auf der einen Seite lag bleich und fast athemlos der besiegte Blifil am Boden. Neben ihm stand der Sieger Jones, fast ganz mit Blut bedeckt, wovon ein Theil sein eigenes 70 und ein anderer vor Kurzem noch das Eigenthum des ehrwürdigen Herrn Thwackum gewesen war. An einer dritten Stelle stand der nämliche Thwackum, gleich dem Könige Porus, sich mürrisch seinem Sieger unterwerfend. Die letzte Stelle nahm Western der Große ein, großmüthig des besiegten Feindes schonend.

Blifil, der kaum noch ein Lebenszeichen von sich gab, war fürs Erste der Hauptgegenstand der Beachtung aller und namentlich des Fräulein Western, die ein Riechfläschchen aus ihrer Tasche gezogen hatte und damit beschäftigt war, es ihm vor die Nase zu halten, als plötzlich die Aufmerksamkeit der ganzen Gesellschaft von Blifil abgelenkt wurde, dessen Geist, wenn er sonst gewollt hätte, jetzt die beste Gelegenheit gehabt haben würde, sich ohne alle Ceremonien von dieser Welt hinwegzustehlen.

Denn jetzt lag ein rührenderer und lieblicherer Gegenstand vor ihnen. Dies war Niemand anderes als die reizende Sophie, welche von dem Anblicke des Blutes, oder aus Besorgniß um ihren Vater, oder aus irgend einer andern Ursache in Ohnmacht gefallen war, ehe ihr irgend Jemand beistehen konnte.

Fräulein Western die ältere erblickte sie und schrie laut auf. In demselben Augenblicke schrien zwei bis drei andere Stimmen: »Fräulein Western ist todt!« Riechsalz, Wasser, alles wurde beinahe auf einmal verlangt.

Der Leser möge sich erinnern, daß wir in unserer Beschreibung dieses Wäldchens eines murmelnden Baches erwähnten, welcher nicht hierher kam, wie ähnliche liebliche Bäche, die durch gewöhnliche Romane fließen, blos um zu murmeln. Nein, das Schicksal hatte diesen kleinen Bach zu etwas Edlerem, zu einer höheren Ehre bestimmt, als irgend einer von denen, die Arkadiens Auen bespülen, jemals verdiente.

71 Jones rieb gerade Blifil die Schläfe, denn er fing an zu fürchten, er habe ihm einen Schlag zu viel gegeben, als mit einem Male die Worte: »Fräulein Western ist todt!« in sein Ohr schallten. Er sprang auf, überließ Blifil seinem Schicksale und flog hin zu Sophien, die er, während alle andern hin und her und wider einander liefen und sich auf dem trockenen Wege nach Wasser umsahen, in seine Arme aufnahm und fort über das Feld an den oben erwähnten Bach trug, wo er ihr Gesicht, Kopf und Nacken reichlich mit Wasser besprengte.

Ein Glück war es für Sophien, daß die nämliche Verwirrung, welche ihre andern Freunde abhielt, ihr Hilfe zu leisten, dieselben zugleich verhinderte, Jones in seinem Beginnen zu stören. Er hatte mit ihr bereits den halben Weg zurückgelegt, ehe sie nur wußten, was er vorhatte, und sie war wirklich dem Leben schon wieder zurückgegeben, ehe sie das Ufer des Baches erreichten. Sie streckte ihre Arme aus, öffnete die Augen und rief: »O Himmel!« gerade wie ihr Vater, ihre Tante und der Geistliche herbeikamen.

Jones, der diese liebliche Bürde bisher in seinen Armen gehalten hatte, ließ sie jetzt los, gab ihr aber in demselben Augenblicke ein Zeichen seiner Zärtlichkeit, das ihr, wären ihre Sinne vollkommen wieder hergestellt gewesen, nicht hätte entgangen sein können. Da sie also kein Mißvergnügen über diese Freiheit zu erkennen gab, so vermuthen wir, daß sie sich damals von ihrer Ohnmacht noch nicht völlig erholt hatte.

Diese traurige Scene ward nun plötzlich in eine freudige verwandelt. In dieser spielte unser Held ohne allen Zweifel die Hauptrolle; denn so wie er wahrscheinlich über Sophiens Rettung größeres Entzücken empfand als jene selbst, so kamen auch die Glückwünsche, die man ihr darbrachte, 72 denen nicht gleich, welche Jones empfing, und zwar namentlich von Seiten Western's, der, nachdem er seine Tochter einige Mal umarmt hatte, Jones um den Hals fiel und ihn herzte und küßte. Er nannte ihn Sophiens Retter und erklärte, es gäbe außer ihr und seinem Gute nichts, was er ihm nicht mit Vergnügen geben würde; doch nahm er nach einigem Besinnen noch seine Fuchshunde, Chevalier und Miß Slouch (sein Lieblingspferd) aus.

Da jetzt alle Besorgniß um Sophie verschwunden war, so ward Jones der Gegenstand der Beachtung des Squire. »Komm, mein Junge,« sagte Western, »zieh Deinen Rock aus und wasche Dir das Gesicht; denn Du bist verteufelt zugerichtet, sage ich Dir. Komm, komm, wasche Dich, und dann gehst Du mit mir nach Hause; da wollen wir sehen, ob wir einen andern Rock für Dich finden.«

Jones folgte dieser Aufforderung, warf seinen Rock ab, ging zum Wasser und wusch sich Gesicht sowohl als Brust; denn die letztere war eben so blutig wie ersteres. Aber wenn auch das Wasser das Blut wegnehmen konnte, so blieben doch die schwarzen und blauen Flecke, die Thwackum seinem Gesichte und seiner Brust aufgeprägt hatte, und bei deren Anblick Sophie einen Seufzer ausstieß und ihm einen Blick unaussprechlicher Zärtlichkeit zuwarf.

Dieser Blick, den Jones gleichsam in sich sog, übte eine unendlich stärkere Wirkung auf ihn aus als alle Contusionen, die er empfangen, aber auch eine unendlich verschiedene; denn sie war so sanfter und balsamischer Art, daß sie, selbst wenn alle seine empfangenen Stöße Dolchstiche gewesen wären, ihn deren Schmerz auf Minuten lang würde haben vergessen lassen.

Die Gesellschaft bewegte sich nun wieder zurück und gelangte bald an den Ort, wo Thwackum Herrn Blifil wieder auf die Beine gebracht hatte. Bei dieser Gelegenheit können 73 wir einen frommen Wunsch nicht unterdrücken, den nämlich, daß doch alle Streitigkeiten bloß durch die Waffen entschieden werden möchten, mit denen uns die Natur, welche weiß was uns frommt, versehen hat, und daß man das Eisen verwenden möchte, keine andern als die Eingeweide der Erde zu durchwühlen. Dann würde der Krieg, der Zeitvertreib der Monarchen, fast unschädlich sein, und Schlachten zwischen großen Armeen könnten auf besonderes Verlangen vornehmer Damen geliefert werden und diese mit den Königen selbst bei dem Kampfe persönliche Zuschauerinnen abgeben. Dann wäre vielleicht das Schlachtfeld in diesem Augenblicke mit menschlichen Leichen übersäet und im nächsten erhöben sich die Todten, oder doch bei weitem der größte Theil, gleich Bayes's Truppen, und marschirten entweder nach dem Schalle einer Trommel oder einer Geige, je nachdem man sich zuvor darüber vereiniget hätte, wieder ab.

Ich wollte diesen Gegenstand nicht gern scherzhaft behandeln, damit nicht ernste Leute und Politiker, die sich, wie ich weiß, durch einen Scherz leicht beleidigt fühlen, die Nase darüber rümpften; allein könnte nicht wirklich eine Schlacht eben so gut durch die größere Anzahl zerschlagener Köpfe, blutiger Nasen und blauer Augen entschieden werden, als durch die größeren Haufen verstümmelter und gemordeter Menschenkörper? Könnten nicht Städte auf dieselbe Art zufrieden gestellt werden? Man würde freilich gegen dieses System einwenden können, daß es den Interessen der Franzosen nachtheilig sei, weil diese ihres Vortheils, den sie in der Vorzüglichkeit ihrer Ingenieure über andere Nationen haben, verlustig werden würden; aber wenn ich die Galanterie und die Großmuth dieses Volkes erwäge, so bin ich überzeugt, daß sie es nie ablehnen würden, sich hinsichtlich der Vortheile mit ihren Gegnern gleich zu stellen, d. h. mit gleichen Waffen gegen sie zu kämpfen.

74 Allein solche Verbesserungen sind eher zu wünschen als zu hoffen; daher werde ich mich auch mit dieser kurzen Andeutung begnügen und zu meiner Erzählung zurückkehren.

Western fing nun an nach der Ursache dieses Streites zu fragen, worauf ihm weder Blifil noch Jones eine Antwort gab; Thwackum aber sagte mürrisch: »Ich glaube, die Ursache liegt nicht weit; wenn Sie die Büsche gehörig durchsuchen, so können Sie sie finden.« – »Sie finden!« versetzte Western: »was, haben Sie sich einer Dirne wegen geschlagen?« – »Fragen Sie den Herrn in der Weste da,« sagte Thwackum: »der weiß es am Besten.« – »Ja also,« rief Western, »es ist sicher eine Hure. Ah, Tom, Tom, Du bist ein Mädchenjäger. – Aber kommt, Ihr Herren, seid alle Freunde, geht mit mir nach Hause und macht über einer Flasche endlich Frieden.« – »Ich muß um Verzeihung bitten, Herr,« sagte Thwackum: »es ist für einen Mann meines Standes keine so gleichgültige Sache, von einem Knaben so gröblich beleidigt und gepufft zu werden, bloß weil ich meine Schuldigkeit thun und eine freche Hure entdecken und der Gerechtigkeit überweisen wollte: aber es ist keine Frage, der Hauptfehler liegt in Herrn Allworthy und Ihnen; denn wenn Sie die Gesetze so in Anwendung brächten, wie Sie es sollten, dann würde das Land bald von diesem Geschmeiß gesäubert sein.«

»Eben sobald wollte ich das Land von Füchsen säubern,« rief Western. »Ich meine, es verdiente eher eine Aufmunterung, wenn die Menge Leute, die wir täglich im Kriege verlieren, immer neu ersetzt werden. – Aber wo ist sie denn? Zeige mir sie doch, Tom.« Er suchte nun umher, als ob er einen Hasen aufspürte und rief endlich aus: »Holla! Das Häschen ist nicht weit weg. Hier ist seine Gestalt, bei meiner Seele; ich glaube, es hat sich weggeschlichen!« Und so war es in der That; denn er hatte 75 jetzt die Stelle entdeckt, von welcher aus das arme Mädchen, als der Streit anfing, sich auf eben so viel Füßen, als ein Haase gewöhnlich zu seiner Fortbewegung braucht, hinweggeschlichen hatte.

Sophie bat jetzt ihren Vater, nach Hause zurückzukehren, indem sie vorgab, sie fühle sich sehr unwohl und fürchte einen Rückfall. Der Squire willigte in die Bitte seiner Tochter (denn er war der zärtlichste der Väter). Er gab sich ernstliche Mühe, die ganze Gesellschaft zu vermögen, daß sie mitginge und zum Abendessen bei ihm bliebe; doch Blifil und Thwackum weigerten sich durchaus. Der erstere brachte zur Entschuldigung vor, er hätte mehr Gründe, als er jetzt angeben könnte, aus denen er diese Ehre ablehnen müßte, und der letztere erklärte (wohl mit Recht), daß es mit seinem Stande unverträglich sei, sich in dem Zustande, worin er sich jetzt befände, irgendwo sehen zu lassen.

Jones konnte sich unmöglich das Vergnügen versagen, mit seiner Sophie zusammen zu sein; und so machte er sich mit Squire Western und den Damen auf den Weg und der Geistliche bildete die Nachhut. Dieser hatte wirklich seinem Amtsbruder Thwackum angeboten, bei ihm zu verweilen, weil dieser vorgab, seines Aufzugs wegen nicht mitgehen zu können; allein Thwackum lehnte diese Gefälligkeit ab und schob ihn ohne große Höflichkeit Herrn Western nach.

So endete der blutige Kampf, und hiermit soll das fünfte Buch dieser Erzählung enden.

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