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Die Geschichte des Tom Jones / Theil II

Henry Fielding: Die Geschichte des Tom Jones / Theil II - Kapitel 10
Quellenangabe
typefiction
booktitleDie Geschichte des Tom Jones / Theil I
authorHenry Fielding
year1848
firstpub1749
translatorDr. A. Diezmann
publisherGeorg Westermann
addressBraunschweig
titleDie Geschichte des Tom Jones / Theil II
pages239
created20080529
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Zehntes Kapitel.

Worin die Wahrheit der vielfachen, von Ovid und andern gewichtigen Schriftstellern gemachten Beobachtungen unwiderleglich dargethan wird, daß der Wein oft die Unkeuschheit in seinem Gefolge habe.

Jones verließ die Gesellschaft, in der wir ihn zuletzt sahen und ging hinaus ins freie Feld, um sich durch einen Spaziergang an der frischen Luft abzukühlen, ehe er sich zu Herrn Allworthy begäbe. Dort ereignete sich, während er jene Betrachtungen über sein Verhältniß zu Sophien wieder aufnahm, die durch die gefährliche Krankheit seines Freundes und Wohlthäters einige Unterbrechung erfahren hatten, ein Vorfall, den wir mit Kummer erzählen und den der Leser gewiß mit Kummer vernehmen wird; dennoch sind wir es der historischen Wahrheit, der wir mit unverbrüchlicher Treue ergeben sind, schuldig, ihn der Nachwelt mitzutheilen.

Es war an einem schönen Juniabende, als unser Held einem herrlichen Wäldchen zuging, wo das Säuseln der Blätter in dem milden Hauche der Abendluft mit dem süßen Plätschern eines murmelnden Baches und den melodischen Tönen der Nachtigall sich zur entzückendsten Harmonie verbanden. In dieser Scene, den Träumen der Liebe so hold, 61 dachte er an seine theure Sophie. Während seine üppige Phantasie ungezügelt in ihren Reizen schwelgte und seine lebendige Einbildungskraft ihm diese in verschiedenen entzückenden Formen vormalte, floß sein glühendes Herz von Zärtlichkeit über; und indem er sich endlich am Rande eines lieblich murmelnden Baches niederwarf, brach er in die folgenden Ausrufungen aus:

»O Sophie, gäbe der Himmel Dich in meine Arme, wie glücklich würde ich sein! Verwünscht sei das Vermögen, das sich zu einer Schranke zwischen uns erhebt! Wärest Du nur mein, und machten wenige Lumpen auch Dein ganzes Besitzthum aus, wer wäre der Mann auf Erden, den ich beneidete? Wie verächtlich würde die blendendste Schönheit Circassiens, geschmückt mit allen Juwelen Indiens, meinen Augen erscheinen! Aber warum erwähne ich nur ein anderes Weib? Könnten meine Augen mit Zärtlichkeit auf eine andere hinblicken, diese Hände sollten sie aus meinem Kopfe herausreißen. Nein, meine Sophie, wenn das grausame Schicksal uns für immer auseinander hält, so soll meine Seele Dir doch allein angehören. Die keuscheste Treue will ich ewig Deinem Bilde bewahren. Soll ich auch nie Deine reizende Person besitzen, sollst doch Du allein meine Gedanken, meine Liebe, meine Seele haben. Ach! mein liebendes Herz liegt so fest in diesem zärtlichen Busen verschlossen, daß die glänzendsten Schönheiten keinen Reiz für mich haben und ihre Umarmungen einen Eremiten nicht kälter lassen würden. Sophie, Sophie allein soll die Meine sein! – Welch' Entzücken liegt in diesem Namen! ich will ihn in jeden Baum eingraben.«

Bei diesen Worten sprang er auf und erblickte – nicht seine Sophie – auch keine Circassierin, reich und elegant geschmückt für des Großherrn Serail. Nein; prunklos, in ein grobes Röckchen gehüllt, das nicht das reinste war 62 sondern Spuren von den Arbeiten des Tages trug, und eine Heugabel in der Hand haltend, trat ihm entgegen Molly Seagrim. Unser Held hatte sein Federmesser zu dem oben erwähnten Zwecke hervorgezogen; als sich ihm das Mädchen näherte, rief sie lächelnd aus: – »Ich hoffe doch nicht, Herr, daß Sie es auf mein Leben abgesehen haben?« – »Warum das?« versetzte Jones. »Doch nein,« erwiederte sie, » nach der grausamen Weise, in der Sie mit mir verfuhren, als ich Sie das letzte Mal sah, würde der Tod vielleicht noch zu mild für mich sein.«

Hierauf entwickelte sich ein Gespräch, das ich, da ich mich nicht für verbunden halte, es wiederzugeben, übergehen werde. Es genüge zu erwähnen, daß es eine volle Viertelstunde dauerte und daß sie sich, als es zu Ende war, in den dichtesten Theil des Waldes zurückzogen.

Manche meiner Leser werden diesen Vorfall vielleicht für unnatürlich zu halten geneigt sein. Indessen, die Sache ist wahr und läßt sich auch wohl dadurch genügend erklären, daß Jones gedacht haben mag, Ein Weib sei besser als gar keines, und daß Molly wahrscheinlich meinte, zwei Männer seien besser als einer. Außer diesem, Jones' gegenwärtigem Beginnen untergelegten Beweggrunde wird der Leser sich auch noch gefälligst erinnern, daß jener dieser herrlichen Kraft der Vernunft, vermöge deren strenge und weise Männer ihre aufbrausenden Leidenschaften zügeln und verbotene Lust von sich zurückweisen, damals nicht mächtig war. Der Wein hatte diese Kraft in Jones völlig überwältigt; denn er befand sich in einem Zustande, in welchem die Vernunft, wenn sie auch nur berathend hätte wollen auftreten, die Antwort erhalten haben möchte, die einst ein gewisser Cleostratus einem albernen Menschen gab, der ihn fragte, ob er sich nicht schäme, betrunken zu sein? »Schämst Du Dich nicht« entgegnete Cleostratus, »einem 63 Betrunkenen Ermahnungen zu ertheilen?« – Das ist wahr, vor einer gerichtlichen Behörde darf die Betrunkenheit keine Entschuldigung finden, wohl aber vor der Behörde des Gewissens; daher giebt auch Aristoteles, welcher die Gesetze des Pittakus empfiehlt, nach denen Betrunkene für ihre Verbrechen doppelt hart bestraft werden sollen, zu, daß diesem Gesetze mehr Politik als Gerechtigkeit zu Grunde liege. Giebt es nun irgend verzeihliche Fehltritte, die der Zustand des Rausches zur Folge hat, so sind es sicherlich solche, deren sich Herr Jones gegenwärtig schuldig machte und worüber ich mich mit einer reichen Fülle von Gelehrsamkeit verbreiten könnte, wenn ich dächte, daß der Leser dadurch Unterhaltung finden oder etwas lernen würde, was er nicht schon wüßte. Um seinetwillen also werde ich meine Gelehrsamkeit für mich behalten und zu meiner Erzählung zurückkehren.

Man hat die Beobachtung gemacht, daß das Schicksal selten etwas halb ausführt. Wahr ist es, daß seine Launen unendlich sind, mag es uns wohl oder übel wollen. Kaum hatte sich unser Held mit seiner Dido zurückgezogen, als

Speluncam Blifil dux et divinus eandem
Deveniunt   —   —   —

der Geistliche und der junge Herr, die einen ernsthaften Spaziergang mit einander machten, an dem in den Wald führenden Steige anlangten und der letztere das Liebespaar erblickte, gerade wie es aus dem Gesichte verschwand.

Blifil erkannte Jones ganz genau, obgleich er auf zweihundert Schritte entfernt war, eben so gewiß war er seiner Sache im Betreff des Geschlechts seiner Begleiterin, wenn auch nicht ihrer individuellen Persönlichkeit. Er staunte, segnete sich und that einen feierlichen Ausruf.

Thwackum drückte seine Verwunderung über diese plötzliche Gemüthsbewegung aus und fragte nach deren Ursache, 64 worauf ihm Blifil zur Antwort gab, daß er einen Burschen und eine Dirne hätte in das Gesträuch schlüpfen sehen, die ohne Zweifel nichts Gutes im Sinne hätten. Jones' Namen hielt er für gut zu verschweigen, warum, muß dem Urtheile des scharfsinnigen Lesers überlassen werden; denn wir pflegen den Handlungen der Menschen nie Beweggründe unterzulegen, wenn eine Möglichkeit vorhanden ist, daß wir uns irren.

Der Geistliche, welcher nicht allein für seine eigene Person in strenger Keuschheit lebte, sondern auch an allen Andern das entgegengesetzte Laster von Herzen haßte, gerieth in Feuer und Flammen bei dieser Mittheilung. Er verlangte, daß Herr Blifil ihn sogleich zu der Stelle hinführte, und erschöpfte sich, je näher sie kamen, in Drohungen und Klagen; auch konnte er nicht umhin, auf Herrn Allworthy einige Seitenhiebe fallen zu lassen, indem er zu verstehen gab, daß die Leichtfertigkeit in der Gegend hauptsächlich von seiner Aufmunterung zu diesem Laster herrühre, weil er nämlich einen Bastard so wohlwollend behandelt und jene gerechte und heilsame Strenge des Gesetzes gemildert hätte, das über lockere Dirnen eine sehr strenge Strafe verhänge.

Der Weg, auf dem unsere Jäger ihr Wild verfolgten, war so mit Dornen besetzt, daß sie nur langsam vordringen konnten und überdies ein solches Geräusch verursachten, daß Jones ihre Annäherung lange genug vorher merkte, ehe sie ihn zu entdecken vermochten; ja es war Thwackum so unmöglich, seine Entrüstung zurückzuhalten und er eiferte bei jedem Schritte mit solcher Heftigkeit, daß dieser Umstand allein Jones hinlänglich überzeugt haben mußte, daß man ihn (um in der Jägersprache zu reden) auf dem Neste finden wollte.

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