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Die Geschichte der jungen Renate Fuchs

Jakob Wassermann: Die Geschichte der jungen Renate Fuchs - Kapitel 8
Quellenangabe
pfad/wasserma/renate/renate.xml
typefiction
authorJakob Wassermann
titleDie Geschichte der jungen Renate Fuchs
publisherS. Fischer Verlag
year1901
firstpub1903
correctorreuters@abc.de
senderHolger Schmidt
created20120522
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Siebentes Kapitel

1.

Ein Tag von wundervoller Klarheit hatte die Reise der drei Damen begünstigt. Loni und Martha hatten die ganze Nacht hindurch nicht geschlafen; sie fieberten vor Erwartung. Anders Renate. Je näher die erwartete Stunde rückte, je ruhiger wurde sie. Als Mutter und Schwester fort waren und sie sich allein im Hause befand, ging sie voll Besonnenheit an das Packen ihrer beiden großen Koffer. Anette, ein junges Ding, seit Mai im Haus bedienstet und Renaten herzlich ergeben, half ihr dabei. Um halb vier kam ein bestellter Mietswagen; Renate ließ eine Karte mit wenigen Worten, die deutlich und fest klangen, auf ihrem Schreibtisch liegen. Dann überzeugte sie sich durch ein kurzes Nachsinnen, daß sie nichts vergessen hatte und ging mit einem merkwürdig frauenhaften Lächeln zum Wagen.

Anselm Wanderer hatte am Bahnhof schon gewartet. Ohne andere Verständigung, als eine stumme Begrüßung, besorgte er die Aufgabe des Gepäcks und nahm dann im Schnellzug Platz, – nicht in Renates Abteilung. Es war eine verabredete Vorsicht, denn sie wollten nicht müßigen Gehirnen früh-schnell zu denken geben. Die Welt ist klein für Leute, die allein sein wollen. Jetzt erst, beim Anblick der roten Plüschstoffe, pochte Renates Herz, und weil sich kein Passagier mehr hier befand, schlug sie die Hände vors Gesicht, da der Zug die Halle verließ, als sei sie geblendet durch das plötzlich hereinströmende Licht. Gleichgiltig war ihr die Landschaft, die völlig eben hinlief bis in die Ferne, gleichgiltig auch das Kommende wie das Vergangene. Nur daß sie hier auf einmal so einsam war, machte sie bestürzt, erschien ihr wie eine üble Vorbedeutung. Eilig, mit rhytmischen Stößen rollten die Räder; Renate begleitete das Stampfen unwillkürlich mit einer Melodie und ebenso unwillkürlich paßten die Versworte auf diese Melodie: die Seele, die in dir gelebt ...um dort, was du gelitten hast.

Endlich war die Station da, wo Wanderer zu ihr kommen wollte. Sie bangte nach ihm. Es war schon dunkel geworden, als er mit dem Träger kam, (den er nervös entlohnte) und sich dann mit den Koffern beschäftigte. Warum spricht er nicht? dachte Renate befangen. Als die Fahrt wieder begann, wandte er sich hastig zu ihr, nahm ihre beiden Hände und fragte sie, ob sie nicht bereue. Wieder dieser fassungslose Blick, wieder das bestürzte Lächeln. Und wieder die Scham Anselms und die Unschlüssigkeit, was er ihr sagen sollte. Er seufzte, und es kam ihm einen Augenblick lang vor, als sei er mit leise schmerzenden Wunden wie überdeckt. Ihre Anwesenheit, ihr Anblick, ihre Ruhe, ihr feines blasses Gesicht, ihre großen Augen weckten in ihm ein Gefühl, das der Ehrfurcht glich. Sie lächelte zu ihm auf, und das Kindliche, das dadurch zum Ausdruck kam, ermutigte ihn. Sachte, mit zitternden Fingern hob er den Schleier bis an die Stirn, wo er wie ein dichter schwarzer Vorhang liegen blieb, beugte sich nieder und küßte sie. Daß er es that, erschreckte ihn noch nicht so sehr, als der kühle und feuchte Mund, den er berührte. Ein Mund, der nichts Verlangendes hatte, sich aber dem Druck seiner Lippen nicht verschloß. Staunend und flehend blickte sie ihn an. Er selbst verfiel in ein zielloses Staunen über die Stunde und die Möglichkeiten, die sie herbeigeführt.

Sie sprachen wenig: von Büchern, von Malern, vom Ziel der Reise, den Schönheiten des Bodensees. Sie waren sich ja noch so fremd, daß Keines wußte, was dem Andern gefallen mochte. Daher eine halb tändelnde, halb scheue Unsicherheit des Gesprächs und Wanderers etwas täppische Ironie, wenn er von seinem eigenen Leben sprach. Renate blickte ihn dann immer an, als wollte sie den Ernst dahinter suchen, den sie für alle Dinge nötig hatte, und einmal meinte sie naiv: »Ich kenn mich da gar nicht aus.« Im Grund war das eine Klage, und er verstand es nicht. Sie war verwundert, daß sie sich so fest in die Gegenwart gefunden hatte, ohne den Wunsch, zurückzublicken, ohne Bedenken und Erinnerungen. Sie war dankbar gegen sich selbst gestimmt.

In Lindau lag schon das Dampfschiff keuchend im Hafen. Kalt und fern stand der Mond zwischen zwei Wolken, die wie lauernde Kauen aussahen, und weit hinaus in den See strömte das Licht wie gelbes Perlengerinsel. Gegen Süden und Osten lagerten schwarz und ungeheuer die Berge und dahinter in Weißlicht schimmernde Schneekappen wie Silberbeschläge. Die Luft roch von Seewasser und Tang, und Möven schrieen heiser. Renate konnte nicht sprechen, wenn sie so gepackt war wie jetzt, und sie stand an der Schiffsbrüstung, während Anselm die kleinen Dinge der Reise besorgte.

Während sie so in Schauen versunken war, das Gesicht verschleiert, die Hände fest am Holzgeländer des Verdecks, empfand sie ein Unbehagen, dem sie sich anfangs zu entziehen suchte, das sie aber bald gefangen nahm. Sie wandte sich zur Seite und sah die Blicke eines Mannes auf sich gerichtet, den sie im Leben sicher nie gesehen hatte, der aber in ihrer Phantasie das Bild einer bösen Erinnerung annahm. Es war eine kurze, gedrungene Gestalt von bewußter Haltung, in einem gelben Ueberrock und mit einem Calabreser auf dem Kopf. Das Gesicht war im Schatten des Dampfschlots, doch sah Renate einen schmalen Ziegenbart, der wie aufgeklebt aussah. Auch als das junge Mädchen unwillig den Kopf abwandte, ließen seine Blicke nicht ab, jede Bewegung, jede Kleiderfalte, jedes Augenzucken an Renate förmlich zu verschlingen. Erst als Wanderer kam, that er gleichgiltig und setzte eine Virginia hinter vorgehaltenen Händen in Brand. Beim Aufflackern des Hölzchens gewahrte Renate ein Gesicht voll kalter Ruhe, scharf, entschlossen, durchwühlt vom Leben und wie versteinert, mit einem cynischen und grausamen Mund. In der ganzen Erscheinung war eine so sonderbare Mischung von Gravität und Unbekümmertheit, von Tierischem und Weltmännischem, von Teilnahmlosigkeit und Wildheit, daß selbst Wanderer dem Auf- und Abgehenden kopfschüttelnd nachschaute.

Renate konnte sich nicht mehr der Landschaft widmen. Ueberall fühlte sie den Blick jenes Menschen. Wie sie sich auch bewegte, war sie gehemmt und unfrei, als sei ihren Schritten eine Grenze gezogen.

Sie stand am Steuerbord und dachte: wohin?

2.

Um neun Uhr landete der Dampfer an einer Haltestelle vor Constanz. Der einbeinige Hausverwalter war mit seiner Tochter und einem Burschen da und begrüßte die »junge Frau« mit der formvollendetsten Verbeugung, die vielleicht jemals gemacht worden ist. Die Generalprobe dieses Bücklings lag kaum eine halbe Stunde zurück und hatte unter den untrüglichen Kenneraugen des Nachtwächters Kiesewetter stattgefunden. Kiesewetter, ein Mann von Welt! Er besaß zwei Katzen und vier Hunde, denen er in durchdringender Weise die Formen höfischen Lebens beigebracht hatte.

Das tadellose Compliment des Herrn Winiwaak, welches Renate belustigte, verursachte bei dem Herrn mit dem Calabreser einen Heiterkeitsausbruch, der weniger wie Lachen, als wie das Schnauben eines Dampfrohrs klang. Renate zuckte zusammen.

»Ein gefährlicher Bursche,« keuchte Winiwaak, und suchte seinen Zorn mit dem Respekt gegen die Herrschaft zu vereinigen. »Wohnt im weißen Hahn. Fährt wöchentlich zwei Mal an die Schweizer Grenze. Verdächtiger Bursche.«

»Lassen Sie nur,« beschwichtigte ihn Wanderer. Er war zerstreut und erregt. Erregt auch durch die Landschaft, die mit sammtgrauem Nebel bedeckt sich hinbreitete, durch das leise Rauschen des Sees, durch all das Plötzliche, das seine langsamen Sinne vergebens zu umfassen suchten.

Als Renate die Zimmer des einsam an einem Hang gelegenen Landhauses betrat, wurde sie von einer so großen Bewegung ergriffen, daß sie nur verschwommen die Dinge um sich her zu erkennen vermochte. »Ist etwas geschehen?« fragte Wanderer besorgt.

Renate schüttelte den Kopf und versuchte zu lächeln. Und dann, mit einer überhastigen Wendung, warf sie sich ihm an die Brust. Ihre halboffenen Lippen ließen die feuchtweißen Zähne durchschimmern, als ihr erwartungsvoller Blick ihn traf. In diesem Blick lag die äußerste, die schmerzlichste Anstrengung, seine Gedanken zu ergründen. Nun wurde vom Dorf drüben, vielleicht aus einer Schenke, eine Tanzmelodie hörbar, vom Baß komisch unterstrichen. Anselm lachte, – ein thörichtes Lachen. Renate ließ den Kopf sinken, trat zurück, ging zum Fenster, lehnte die Stirn an die Scheibe. Mitten in dem Schweigen klopfte Winiwaak ans Zimmer, steckte ehrfurchtsvoll seinen erschreckend dünnen Kopf in die Thürspalte und »vermeldete gehorsamst,« das Essen sei bereit.

In einer Befangenheit, die er noch nie gefühlt, trat Wanderer zu Renate, bog ihren Kopf zurück und küßte sie mutlos auf die Augen. Seufzend ließ sie es geschehen. Ihr Gesicht war bleich geworden. In einem seltsamen und quälenden Durst betrachtete Wanderer diese Züge. Sie schienen ihm wie ein Buch, das in einer ihm fremden Sprache geschrieben war, mit deutlichen und klaren Lettern und doch unenträtselbar. »Wo weilen jetzt die Gedanken?« fragte er, schüchtern die vertrautere Anrede vermeidend.

»Ich weiß es nicht,« erwiderte Renate sanft.

»Wir werden es schön haben hier,« fuhr Wanderer fort und seine Worte klangen ihm hohl und ausgeblasen. »Den ganzen Tag Sonne und den See. Wälder und Berge und alte Schlösser und alte Kirchen. Und einen großen Hund will ich anschaffen; er soll uns auf unsern Spaziergängen begleiten.« Er sagte das, als fürchte er, sie könne sich mit ihm allein langweilen.

»Einen Hund? Das wird herrlich. Einen russischen Steppenhund vielleicht?«

»Ja, oder einen englischen Hühnerhund. Renate darf nie traurig sein. Darf nie vergeblich wünschen. Darf keine Gedanken haben, als –«

»Als –?«

»Das will ich nicht sagen.«

»Doch, bitte!«

»Es ist gefährlich. Worte sind so gefährlich.«

»Oft auch, wenn sie nicht gesprochen werden.«

»Aber muß ich denn reden, Renate?« Erschreckt sah sie ihn an. Er selbst begann zu zittern. »Es ist hier wie in einem Waldhaus,« sagte Renate etwas bedrückt. Wanderer erwiderte nichts. Er fühlte, daß sie ihm entglitten war und fand sich wunderlich erleichtert dadurch. Sinnend nahm er ihre Hand, die kühl und trocken war und etwas berückend Ruhiges in ihren Formen hatte. Er war ihr dankbar, daß sie so fein war, jede Spannung und Schärfe des Gesprächs unmerklich zu umgehen. Darin bestand sein Sinnen. Und nun sagte er banal, daß ihr das schwarze Kleid gut stehe, überhaupt schwarz.

Das gemeinsame Nachtmahl bestärkte in beiden die Empfindung von außerordentlicher Abgeschiedenheit. Aber beide dachten mit verstärkter Kraft ein und denselben Gedanken und suchten sich durch weit abliegende Gespräche zu täuschen. Es schlug zehn Uhr, und Anselm war aufs Höchste erstaunt, daß es noch so frühe war. Alle Stunden, die folgen sollten, lagen nun wie in einem Hinterhalt, aus dem sie sich, höhnisch und forschend, langsam erhoben. Renate war müde geworden und ruhig sagte sie, sie möchte schlafen. Doch als sie aus dem Weinglas getrunken hatte und es auf den Tisch stellte, bebte ihre Hand, das Glas fiel um und der Wein rann wie dickes Blut über das weiße Linnen. Beide lachten, doch wagten sie sich nicht anzuschauen, und Renate zürnte Anselm, daß er kein befreiendes Wort fand. Sie begriff das alles kaum. Sie fühlte sich ihm überlegen und begann etwas Dunkles, Fernes zu fürchten. »Anselm,« sagte sie schmeichelnd, »weshalb so schweigsam?«

»Ich kann es ja gar nicht fassen, Renate,« erwiderte Anselm. »So still bist Du eingekehrt in meinem Leben, und jetzt liegt das Unterste zu oberst. Wenn ich Dich ansehe, fürchte ich wahnsinnig zu werden. Ist es möglich, daß man so schnell sich verliert? Oft bin ich Dir so nahe, innerlich, daß ich glaube, Deine Gedanken zu hören. Und wenn eine Zeit kommt, wo Du nicht mehr lächelst, wenn ich etwas Dummes sage, bin ich sicher der unglücklichste Mensch.«

Renate sah ihn mit klaren und lachenden Augen an, doch jene Furcht nahm zu. Sie glaubte Schritte in der Allee draußen zu hören, die langsam sich entfernten, wieder näher kamen, aussetzten, wieder fern wurden. Am Fenster stehend sah sie den Calabreser lustwandeln, in seiner ganzen Quartierlatin-Eleganz.

Sie zuckte zusammen, trat zu Wanderer, der etwas künstlich bekümmert am Tisch saß, lehnte sich an seine Schulter und strich mit der Hand viele Male über sein dunkles, welliges Haar. Wie in einer Wolke von Glück verharrte. Anselm und wagte nicht zu atmen.

3.

Es kamen nun Tage für Renate, in denen eine so beglückende Lebensfülle auf sie einströmte, daß sie sich in der beständigen Illusion befand, als müßten alle Dinge um sie her, die stummen wie die tönenden, an ihr und ihrem Schicksal teilnehmen. In elementarer Kraft trat das Bewußtsein davon aus ihrem Wesen, verschönte ihren Gang, adelte jede einzelne ihrer Thätigkeiten, durchdrang das Gleichgiltige und Triviale ebenso wie das Hohe und Feierliche. Was an ihr selbst geschah, bedachte sie kaum, nicht aber, was unter dem Eindruck davon an friedlichen und hoffnungsvollen Vorstellungen in ihrem Innern zurückblieb. Bisweilen deutete Anselm an, ihren Bund »gesellschaftlich zu sanktionieren,« wie er sich auszudrücken pflegte. Aber er beobachtete, wie dergleichen Worte in ihr einen mißtrauischen Schrecken hervorriefen, den sie zwar nicht äußerte, der aber noch lange in nachdenklich gezogenen Worten unterirdisch nachhallte. Nichts fürchtete sie so sehr, als daß er einer falschen oder nur herkömmlichen Auffassung des Schrittes zuneigen könne, der sie zueinander geführt. In der That war es die seltene Innigkeit einer edlen Ueberzeugung, die das Freieste, Reinste in ihrem gegenwärtigen Glück ausmachte. Jedoch seinem offenen und beharrlichen Willen hätte sie kaum widerstanden, wenn sie auch wußte, daß ein solcher Wille unterblieb, weil er Zartheit genug besaß, diese feinen Instinkte Renates zu würdigen. Ein solches Verhältnis, frei in der Luft schwebend, jedem leisesten Zittern eines Windes ausgesetzt, unberührt von widrigen Umständen, erhielt ja seine tiefste Weihe erst durch den Reiz der Ungewöhnlichkeit. Das Neue, festlich Heitere und Planvolle an diesem Glück machte Beide in einem unerhörten Maß empfindlich für jeden auch nur hingeträumten oder halbgedachten Mißton und gab andererseits jeder Zärtlichkeit einen Wert und eine Bedeutung, die weit hinaus reichte über den Augenblick, in welchem sie gewährt worden war. Renate konnte stundenlang nachdenken über den Ton einer Anrede, den Sinn einer Gebärde; denn bei ihr selbst hatte jede Liebkosung eine so scheue Zurückhaltung, daß schon als leidenschaftlicher Ausbruch wirkte, wozu andere sorglos am hellen Tag vor fremden Augen bereit sind. Alles war lautlos an ihr, vom zagen Kuß bis zur beschwörenden Abwehr; keine Erfüllung konnte das Schwebende, Sehnsüchtige ihres Wesens mildern, kein geräuschvoller Liebesbeweis ihr immerwaches Mißtrauen verringern.

Die Leute in dem kleinen Ort waren stolz auf die schlanke, vornehme Dame, als hätte durch sie das Dorf an Schönheit gewonnen. Die jungen Dirnen und Burschen standen regungslos, wenn sie vorbeiging. Renate war dann verlegen und wagte nicht aufzublicken. Der Calabreser hatte sich nicht mehr sehen lassen. Anselm konnte nichts Bestimmtes über die bizarre Erscheinung erfahren. Er hieß Graumann, Peter Graumann. Weiter wußte man nichts.

Schöne Tage brachte die Jahreszeit. Morgens war es immer kalt; See und Hügelhänge vergingen unter bleiernen Nebelmassen. Aber an den Mittagen wurde es warm, und Renate sagte, wie sehr sie den Herbst liebe, und daß sie niemals einen so wundervollen Spätherbst erlebt habe. Es war, als hätte sie immer da gelebt, hätte immer die gelbgraue Fläche des Bodensees wogen gesehen, immer die pfauchenden Dampfschiffe still träumend mit den Blicken verfolgt, wäre immer zur Zeit der Dämmerung durch die ruhigen, ja stummen und traurigen Wälder gegangen, wo rote Blätter herabfielen, um einen Teppich für Renates zögernden Fuß zu bilden. Bisweilen ging sie mit Anselm, bisweilen auch allein. Sie ging gern allein, hatte durchaus keine Furcht, auch nicht, wenn es zu dunkeln begann. Dann sah sie auf den See hinunter, dessen Fläche langsam den Glanz verlor, wie eine Spiegelscheibe, die man mit grauen Tüchern verhüllt. Die roten und grünen Dampferlichter schimmerten durchdringend, und an den Hügelwänden echoten die schrillen Schreie der Maschinenpfeifen.

Das Schönste waren die Nachmittage im Wald, ob nun die Sonne da war oder nicht. Eine unbändige Lust zu sagen, kam da manchmal über Renate, und sie führte eine innerlich beredte Zwiesprache mit den Dingen der Natur, und Anselm, der ihre plötzliche Lebhaftigkeit nicht verstand, fühlte eine unbestimmte Eifersucht. Sie wollte ihm nicht gestehen, was sie wünschte. Bitten konnte sie nicht und auf Umwegen oder mit halben Andeutungen ein Ziel zu erreichen, verschmähte sie. Auch kam die Angst, Anselm könne gar zu sklavisch gehorchen und bestärkte sie in ihrem Schweigen. Doch wenn sie von der Granegg aus den Weg zur alten Schloßruine wanderte, hörte sie in den Ställen des Grafen Zoest laut ein Füllen wiehern, als sollte es ein Jagdgruß für Renate sein und Erinnerung an vergangene Herbste. Da bekam sie solches Herzklopfen, daß sie kaum weitergehen konnte.

Auch nach Constanz gingen sie, der alten Stadt. Aber es gab solches Aufsehen, Fensteraufreißen, Stehenbleiben, Wispern, Mundaufsperren, daß Renate die Lust verlor und es nur am Abend wagte, die Straßen zu betreten. Sie fand es komisch, und vielleicht schmeichelte es ihr ein wenig, auch um Anselms Willen, doch gerade das erweckte ihr zum ersten Mal die Empfindung des Abenteuerlichen, des Sich-auf-der-Flucht-Befindens. Es war ein Stich wie bei der Erinnerung an einen vergessenen Traum: an ihr früheres Leben, jenseits des Wassers, jenseits des Wachens. Zu Hause dann beim Abendthee beugte sich Wanderer herüber, um sie zu küssen, und sie erwiderte seinen Kuß feuriger als sonst. Es lag etwas Schutzsuchendes darin.

In der Mitte des November wurde das Wetter trüb. Die Wege blieben beständig nebelnaß, und zum Bootfahren war der See zu erregt. Das Clavierspiel wollte Renate keine rechte Freude mehr machen; mitten im Takt ließ sie oft die Arme sinken und blickte abwesend auf das Notenblatt.

Anselm war von der Stadt zurückgekommen und saß im Erkerzimmer gegen den See. Er wollte an seinen Bruder schreiben und machte vergebliche stilistische Versuche, als die plötzliche Stille, das Mittenabbrechen in Renates Spiel ihn stutzig machte. Froh, einen Vorwand zu haben, um aufzustehen, ging er hastig hinüber und fragte sie, weshalb sie aufgehört. Renate fiel eine Veränderung in seinem Gesicht auf, hauptsächlich in den Augen, die etwas übertrieben Beschäftigtes hatten. Unter ihrem aufmerksamen Blick lächelte er und wiederholte seine Frage.

»Das Clavier ist verstimmt,« sagte Renate ausweichend.

»Ich war in der Stadt,« bemerkte Anselm scheinbar absichtslos. Er ging ruhelos auf und ab.

Renate beobachtete jeden seiner Schritte. Sie war gespannt, doch wollte sie nicht mit Fragen zuvorkommen. Sie wußte, wenn es etwas Wichtiges war, würde er es nicht für sich behalten können. Da er aber schwieg und seine Wanderung fortsetzte, ging sie zum Spiegel und löste ihr Haar. Indem sie es mit dem Kamm strahlte, daß es beständig knisterte wie von Funken, beobachtete sie jede Miene Anselms im Spiegel. Sie sah, daß er bei jedem Hin- und jedem Hergehen flüchtig nach ihr hinschielte. Plötzlich gab er sich einen Ruck, griff in die Tasche, nahm eine Zeitung heraus, entfaltete sie mit einer möglichst unbeteiligten Miene und reichte Renate das Blatt, die es mit fragendem Ausdruck ergriff und den Kamm zur Erde fallen ließ.

»Daß wir noch nie auf den Gedanken gekommen sind, die Münchener Blätter zu lesen,« sagte Anselm, während er sich nach dem Kamm bückte.

Renate runzelte die Stirn und suchte nervös auf den Spalten der Zeitung. Anselm trat neben sie, legte den Arm um ihre Schulter, lehnte seine Wange an die ihre und deutete mit dem Finger auf einen Absatz. Ihre gelösten Haare streiften sein Ohr, und Wärme durchrieselte ihn. Renate las langsam und entzog sich ihm dabei.

In üblem Journalistendeutsch hieß es da, daß die vielberedete Skandal-Geschichte nun in ein neues Licht getreten sei. Die betreffende Dame sei nicht allein entflohen, sondern mit einem jungen Manne, der in den Kreisen der Gesellschaft eigentlich ganz unbekannt sei. Eifrige Nachforschungen seien im Zuge. Das hohe Mitglied des Fürstenhauses, das dem unglückseligen Vorfall nah stehe, habe eine tiefe Gemütserschütterung erlitten und weile zur Zeit im Gebirge, um an den Hofjagden teilzunehmen.

Renate las zuerst mechanisch weiter über Unglücksfälle, Vereinsnachrichten und Taschendiebstähle, dann ließ sie mit einem bodenlosen Blick das Blatt zur Erde fallen. Unreines kroch an sie heran. Sie wußte, daß Wanderer dastand, und darauf wartete, was sie sagen würde, aber das Wort, das sie sprechen sollte, kam ihr ekel vor.

4.

Von da an glaubte Anselm eine Veränderung in Renates Wesen wahrzunehmen. Sie ging öfter nach Constanz hinüber, mit stets wachsendem Abscheu vor dem Aufsehen, das die Leute um sie machten. Doch es war, als wünsche sie sich zu quälen. Sie verschaffte sich alle Nummern der Zeitung, die seit ihrer Flucht erschienen waren und suchte mit verächtlicher Miene, doch gierig jedes kleinste Wort, das im Zusammenhang mit ihrer Person stehen konnte. Sie blickte oft lange auf den See, als erwarte sie, ein Schiff käme, sie zu rauben. Es gab Stunden, wo eine beständige Anstrengung des Laufens ihre Züge doppelt wach erscheinen ließ. Am Abend schrak sie vor ihrem Schatten zusammen, und wenn Wanderer sie mit allgemeinen Worten beruhigen wollte, argwöhnte sie Gefahr, weil er so sprach.

Es waren lauter milde Tage in dieser Zeit, aber mit trübem Himmel; kaum daß die Sonne eine halbe Stunde lang ein messing-gelbes Licht auf die Landschaft warf.

»Könnt es nicht auch schönes Wetter sein?« sagte Renate, willens, einen Scherz zu machen.

»Es ist wahr,« erwiderte Anselm, der im Zimmer herumging und mit den Fingern knipste. In der Zerstreutheit versäumte er es, darauf einzugehen wie auf einen Scherz.

Renate folgte ihm lange aufmerksam mit den Augen; endlich sagte sie klagend: »Du machst mich ganz nervös.«

Er hörte auf zu gehen, stellte sich neben sie, nahm ihre Hand und streichelte sie. »Hast Du einen Wunsch, Renate?« fragte er leise und beugte sich über die Lehne des Sessels, daß er den Geruch ihres Haares einatmen konnte.

Rasch und erstaunt blickte sie auf. Der Unsichere Ausdruck seiner Augen erfüllte sie eine Sekunde lang mit einem ziellosen Groll, und sie antwortete nicht. Sie entwand ihm nur ihre Hand.

»Du weißt doch, was ich meine, Renate,« fuhr er fort, widerspenstige Haare aus ihrer Stirn streichend.

»Ach geh,« erwiderte Renate. »Du weißt doch, ich kann das nicht leiden. Ich kann Dir ja gar nicht sagen, wie mir ist, wenn Du damit kommst. Es ist so entwürdigend.«

»Aber ich habe Sorge. Du wirst so wortkarg, Renate. Du willst mir nichts anvertrauen von dem, was Dich drückt. Früher war nicht ein Schatten auf Deiner Stirn. Jetzt sind Schatten da.«

Renate schüttelte den Kopf. »Früher! Du sprichst wie von zehn Jahren. Ich kenn' Dich ja noch gar nicht, und Du kennst mich nicht.«

Anselm erschrak und richtete sich auf. Renate nahm begütigend seine Hand. »Heiraten,« sagte sie und blickte auf den Boden, als läse sie dort die Worte, »mir ist, als würde dadurch alles zerstört. Wenn Du meiner so sicher wirst, scheint Dir kein Kuß mehr der Mühe wert und mir vielleicht auch nicht. Dann wird alles, was wir gethan haben, eine kindische Geschichte. Daß Du das nicht verstehst, Anselm. Ich glaube, Du verstehst mich halt nicht.« Sie schwieg mit einem halben Lächeln, das viel beredter war, als ihre Zunge.

Anselm blickte durstig auf die weichen Lippen, die sich von ihm wandten, als fühlten sie seine Wünsche. Zornig seufzend nahm er mit beiden Händen ihren Kopf bei den Schläfen, drückte ihn rückwärts und küßte die Widerstandslose auf den Mund. Renate blieb ohne Regung unter seinem Kuß und hatte die Hände im Schoß gefaltet. Er fühlte es, wie der schwere Gang ihrer prüfenden Gedanken stockte und die Besorgnis von ihr wich. Wie erschütterten ihn ihre unerfahrenen Küsse, ihre müd geschlossenen Augen, ihre Lautlosigkeit, ihr bebender Körper! Wenn sie dann die Augen aufschlug, war immer etwas Forschendes, angstvoll Forschendes darin, als fürchte sie, daß er lachen könne.

Es klopfte an die Thüre, Winiwaaks schüchternes Pochen. Mit umständlichen Gebärden schob er sich herein und berichtete, heute früh, da er auf dem See draußen gewesen, sei ein Mann gekommen und habe mit seiner Tochter Marianne gesprochen, habe sich erkundigt, wer hier wohne, und wie lang die gnädige Frau schon hier sei. Marianne habe sich aber auf nichts eingelassen, sondern den Fremden an den gnädigen Herrn selbst gewiesen.

»Recht so,« sagte Anselm erregt und fing wieder an, auf und ab zu gehen. »Nun, – und? Will er kommen?«

»Wer war es denn? Wie sah er aus?« verhörte Renate mit weitgeöffneten Augen. Aber Winiwaak wußte nichts und Marianne war gerade in der Stadt. Sein Benehmen zeigte plump, daß er wohl verstehe, hier gebe es ein Geheimnis zu bewahren.

Anselm, um die Sache nicht wichtig erscheinen zu lassen, gab Winiwaak Verhaltungsmaßregeln für den Hund, der gestern von der Züchterei gekommen war. Er fragte, ob es ein verläßliches Tier sei, und nahm den Hut, um nachzuschauen, was Angelus treibe, – so hieß der Hund.

»Eigentlich ein dummer Name: Angelus. Findest Du nicht, Renate?« sagte er, als Winiwaak gegangen war. »Ein überflüssiger Name. Ein Hund kann Sixtus heißen oder Theodor oder Schnapp, – aber Angelus...«

Er wollte sie zum Lachen bringen, doch sie verzog keine Miene. Sie fand ihn ein wenig abgeschmackt, wenn er Witze machte. Seinen Mißerfolg erkennend, fügte er rasch hinzu: »Wir müssen reisen, Renate, willst Du?«

Wir müssen reisen, Renate, willst Du! Das verstand sie nicht. Entweder man mußte oder man wollte etwas. Sie schüttelte den Kopf. Ich habe da was angestellt, dachte Wanderer und wurde unsicher. Schließlich fragte er, ob sie zu Hause bleibe; es werde wahrscheinlich regnen. Ja, sie bleibe zu Hause, sie wolle lesen. Er seinerseits gehe nach Constanz hinüber, um Hundefutter zu kaufen. Eine vortreffliche Quelle sei ihm empfohlen worden.

»Geh nur,« sagte Renate, »ich bin gern ein wenig allein. Aber Du mußt mir Zeitungen mitbringen.«

»Zeitungen? Wirklich?« Er war froh, daß sie einen Wunsch äußerte. Er zündete sich eine Cigarre an, mit einer Behäbigkeit, der sie Bewegung für Bewegung folgte. »Ich möchte wissen, wer das gewesen ist, der Frager da,« murmelte er schmauchend. »Irgend so ein Müßiggänger jedenfalls.«

Bevor er ging, wollte er sie küssen, aber scherzhaft gähnend wehrte sie ab. Er stutzte. »Wenn Du rauchst, mag ich Dich nicht,« sagte sie mit heiter glänzenden Augen. Er lachte und ging, ein italienisches Lied trällernd.

Seltsam, dachte Renate, daß ich hier sitze, Tag aus, Tag ein, statt durch die Welt zu fahren und alles Schöne zu bewundern, wovon ich gelesen. Es fing schon an zu dämmern; sie schlug den Regenmantel um und verließ das Haus. Im Garten stand Marianne und knixte, wie es Renate schien, ein wenig vertraulicher als sonst. Deshalb gab sie es auf, das Mädchen anzusprechen und zu fragen, wie sie anfänglich gewollt. »Ich gehe ein wenig in den Wald hinüber,« rief sie freundlich und schlug das Thor zu.

Ruhig zogen die Wellen des Sees ans Ufer, ein gleichmäßiges Atmen. Das düstere Rot des Himmels spiegelte sich im Wasser mit zerbrochenen Streifen. Rein schimmerte der Kies des Wegs und klirrte unter Renates Tritten. Als sie den Wald betrat, verstummten viele Geräusche mit einem Mal und beängstigend. Hier dunkelte es schon, aber da sie den selben Weg oft und zu allen Tageszeiten gegangen, wollte sie jetzt nicht feig sein. Die Wege waren ihr bekannt; sie wußte, dorthin ging es zum Gipfel, dorthin an die Seestation, dorthin in den tiefen Wald. Sie wandte sich zum tiefen Wald, wie aus Trotz. Gleich schimmernden Pokalen blitzte das ferne Rot durch die Baumzwischenreihen, und der Forst war finster wie der Mund einer Höhle. Sie hörte neben sich ein Rascheln. Mit einem leisen Schrei blieb sie stehen. Peter Graumann stand vor ihr, sich höflich verneigend und den Calabreser lüpfend.

5.

Wie er so dastand, sein Gesicht zu einem devoten Grinsen verziehend, das zugleich ebensogut Schadenfreude und Spott bedeuten konnte, die Stirn ein wenig gerötet im Reflex der Abendfarben und die übrige, hündisch gebückte Gestalt im Dunkel der Walddämmerung vergraben, hatte Renate eine Empfindung, als sei er dem Erdboden entstiegen, und ein Grauen überfiel sie. Schweigend wandte sie sich, zur Villa zurückzukehren.

»Gnädige Frau, ich habe Sie erschreckt, ich bitte sehr um Verzeihung. Gestatten Sie, daß ich mich vorstelle.« Und er nannte seinen Namen. Es war eine tiefsonore Stimme, die Renate mit seltsamer Gewalt am Weitergehen hinderte, fast wie ein Befehl. Jedes Wort war deutlich, in sich selbst pointiert wie bei einem Schauspieler; das R war ein Gaumenlaut und langgedehnt, es war der Träger der respektvollen Bestimmtheit, die in der Stimme lag.

»Sie verfolgen mich,« erwiderte Renate unwillig und herrisch, herrischer als sie wollte. Sie verbarg ihre Furcht und ihren Schrecken damit.

»Ich bin gänzlich unschuldig,« sagte Peter Graumann mit übertriebener Bestürzung. »Es ist wahr, damals als ich Sie zuerst auf dem Schiff sah, wünschte ich, Ihnen folgen zu können wie ein Hund. Denn es ist angenehmer, ein Hund zu sein, als ein Mensch wie ich. Doch ich habe resigniert. Feig genug, aber ich habe resigniert.«

»Sie haben heute Vormittag im Garten nachgeforscht,« entgegnete Renate herb, fast erleichtert durch diesen Gedanken. Doch war es unwahrscheinlich, daß Winiwaak den Gegenstand seines besonderen Hasses unerwähnt gelassen hätte. Graumann beteuerte seine Unschuld mit einer pathetischen Uebertreibung, die wie Ironie wirkte, und Renate mußte sich entschuldigen.

»Warum sind Sie mißtrauisch, gnädige Frau?« fuhr Graumann fort, als ob er unglücklich wäre über ein solches Mißtrauen. »Sie haben keinen Grund dazu. Es war mein Schicksal, daß ich Sie treffen mußte, und es war das Ihre, das Sie heute Abend in den Wald geführt hat. Und wenn es nur diese Viertelstunde ist, für mich ist sie wie ein Flammenzeichen. Ich bin herumgegangen, habe gewartet, habe gewußt: heute wird es sein.« Er schwieg und trocknete mit dem Taschentuch die Stirn.

Renate hatte nie ein so vollendet artikuliertes Deutsch reden hören. Das fiel ihr zunächst auf. Damit aber wuchs eine Unruhe in ihr, deren sie sich nicht erwehren konnte, die ihre Gedanken lähmte und ihre Lippen verschloß.

»Und warum mußte es sein?« begann Peter Graumann wieder mit seiner vollen, unerbittlichen Stimme. »Weil es von Anfang meines Daseins der feste und mir unbekannte Entschluß meines ganzen Wesens war, Sie zu finden. Ich bin nicht von Gefühlen blind, wenn ich das sage, glauben Sie das nicht. Aber wenn Sie mir entrinnen wollten, das wäre gerade so wie wenn der Mond der Erde entlaufen wollte, die ihn hält. Glauben Sie mir das.«

Renate atmete hastiger, ging schneller, Furcht stieg ihr wie ein Rausch zu Kopf. Bald war der Waldrand erreicht, und sie stockte, wie durch eine Schranke gehalten, vor dem Bild der Landschaft. Ueber dem Südöstlichen Himmel lag der Schimmer des Mondes. Leichte Wolken waren vorn zusammengeweht wie der Staub, der sich über einer fernen Reiterschar erhebt. Dann schienen dunkle Florstreifen sich von der Staubwolke zum Himmel emporzuheben, als ob sie vom Mond kämen. Höher hinauf wurden sie zu glitzerndem Silberflor. Unfern lag die Villa mit dem Dach in leichter Mondglut. Renate schämte sich ihrer Befürchtungen und ging langsamer. Kühn blickte sie zur Seite und sah ihren Begleiter prüfend an. Seine abenteuerliche und zweifelhafte Eleganz reizte ihre Lachlust, und sie fragte spöttisch: »Frieren Sie denn nicht im Sommerrock?«

Peter Graumann verzögerte seinen Schritt und sagte dann bedächtig wie zu sich selbst: »Ich habe mich doch elend getäuscht. Ich bitte Sie um Verzeihung, aber ich war in dem Wahn, Sie könnten begreifen. Was ich gethan und gefragt habe, ist wahrscheinlich in Ihren Augen ein Verbrechen. Gut, sei es ein Verbrechen. Mein tausend und erstes. Die andern tausend sind nämlich auch von der Art. Oder noch schlimmer. Die bürgerliche Welt ist undurchdringlich. Ich mache mich zum Wächter, und wachsam bleib' ich vor den verschlossenen Thüren liegen.«

»Aber was wollen Sie denn von mir!« rief Renate unruhig.

»Ich habe hier ein kleines Notizbuch, gnädige Frau. Da ich seinen Inhalt auswendig kenne, brauche ich kein Licht, um es zu lesen. Elisabeth Körner, zu Grund gegangen, Margret Holmsen, zu Grund gegangen. Anna Malling, zu Grund gegangen. Sabine Hallander, zu Grund gegangen. Edith von Saar, zu Grund gegangen. Elwine Simon ...«

»Elwine Simon?« flüsterte Renate nach. »Was soll das alles heißen?«

»An einer einzigen Krankheit: unnütz vergeudete Liebe. Nicht unglückliche Liebe, durchaus nicht, davon wird man in den meisten Fällen gesund. Aber wenn ein Dichter alles, was er fühlt und ist und kann mit einem einzigen Gedicht in den Sand schreibt, weil er weder Feder noch Papier hat, und der Wind kommt und verweht die ganze Geschichte, – unwiederbringlich, das ist es, was ich meine. Unwiederbringlich! Einer, der sein ganzes Vermögen einem schlechten Schiff anvertraut. Das ist es. Und alle diese Frauen haben keine Ohren. Schweigend gehen sie dahin und tragen, tragen. Und wenn man sie in der Dunkelheit anspricht, laufen sie davon, rufen den bürgerlichen Anstand zu Hilfe. Kiesewetter, den Nachtwächter. Zu wählen verstehen, das ist alles im Leben.«

Beide standen jetzt auf dem niedern Gipfel. Unten lag die Wanderer-Villa, und Winiwaaks rauhe Stimme schallte herauf. Auf dem See pfiff der Bregenzer Dampfer, schrill und dumpf. Bleich sah Renate hinaus. Der Calabreser auf dem Haupt des Ziegenbärtigen erschien ihr nicht mehr komisch, bekam mehr und mehr etwas Grauenhaftes. »Ich verstehe nichts davon,« sagte sie achselzuckend.

Graumann zog den Mund breit und grinste faunisch. »Eine Handbewegung sagt mir mehr als eine Lebensgeschichte. Für Männer habe ich eine ganz besondere Stärke. Das ganze Möblement von Männlichkeiten taxiere ich besser als ein Gerichtsvollzieher.« Er verbeugte sich tief, mit grimassenhafter Höflichkeit und stapfte über den Rain davon.

Im Garten unten rief Wanderers ängstliche Stimme: »Renate, Renate!« Sie antwortete nicht und stieg nachlässig hinab.

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