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Die Geschichte der jungen Renate Fuchs

Jakob Wassermann: Die Geschichte der jungen Renate Fuchs - Kapitel 7
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pfad/wasserma/renate/renate.xml
typefiction
authorJakob Wassermann
titleDie Geschichte der jungen Renate Fuchs
publisherS. Fischer Verlag
year1901
firstpub1903
correctorreuters@abc.de
senderHolger Schmidt
created20120522
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Sechstes Kapitel

1.

Da Anselm Wanderer gelogen hatte, indem er Renate an jenem Gesellschafts-Abend erzählt, er habe für Elwine Simon eine Stelle gefunden, trachtete er danach, diese Lüge wenigstens später zur Wahrheit werden zulassen. Nichts konnte charakteristischer für ihn sein, als daß er in diesem Fall eine so unnötige Lüge ersonnen. Aus purem Mitleid konnte er zum Lügner werden, oder um grundlose Intriguen zu spinnen. Um zu gefallen, konnte er sich selbst verhöhnen und konnte mit Erlebnissen prahlen, vor denen ihm innerlich graute. Nicht anzustoßen, um nicht gestoßen zu werden, lieber zu renommieren als zu langweilen und alle Ungeradheiten einem scharfblickenden Beobachter noch erkenntlich zu machen, – das war Wanderer im Verkehr mit Andern. Allein dagegen: – ein galliger Grübler, tändelnd mit spitzen Wahrnehmungen oder ein langsamer Träumer mit einer Neigung, auch die Träume gleich seiner Kleidung mit einem Zug ins Elegante auszustatten.

Es verursachte wenig Mühe, Elwine Simons Wohnung zu finden. An der Schwelle empfing ihn ein altes Weib mit kupplerischem Grinsen, und er wurde in eine Stube geführt, in der ein eigentümlich morscher Wäschegeruch herrschte. Das Mädchen kam herein wie geschoben, blickte kaum vom Boden auf und begann mechanisch, die Bänder ihres Rocks aufzuschnüren. »Nicht, nicht,« wehrte Wanderer ab und berührte sacht ihre Hand. Sie blickte ihn fragend an, kalt und gehässig. Etwas Verstoßeneres als ihr hülfloses und ergebenes Gesicht konnte sich Wanderer kaum vorstellen. Er begann nun zu reden und das, was er wollte, in ein paar matte Worte einzukleiden. Elwine stieß ein bleiernes Lachen aus, wie wenn man ihr gesagt hätte, daß sie die Tochter eines Königs sei. Doch als der junge Mann Renates Namen nannte, fing sie an zu zittern, und ihre Augäpfel irrten hin und her. Er sagte Fräulein zu ihr, und sie trat von ihm zurück, als ob sie den Titel durch die größere Entfernung rechtfertigen wolle. Mit ihrer klagenden und ermüdeten Stimme berichtete sie, wie viel sie der Inhaberin schulde und fügte zum Schluß hinzu: »Ich kann es gar nicht fassen.« – »Was können Sie nicht fassen?« – »Daß es anders werden soll.« In ihrem Gesicht wurde es wieder lebendig vom Anteil am Leben.

Wanderer hatte vorher ein billiges Zimmerchen in der Nymphenburgerstraße gemietet; drunten stand schon der Dienstmann, um Elwines Habseligkeiten dorthin zu tragen. Wanderer rief die Vermieterin und legte das schuldige Geld auf den Tisch. Das alte Weib wischte die Hände ab und gluckste vergnügt. Doch ein gewisser Ingrimm verschwand nicht aus ihren zerhackten Zügen. Sie fletschte nachdenklich die dicken polsterähnlichen Lippen, und als wollte sie gutmütig sein, krächzte sie eine freche Anspielung auf Elwines Zukunft. Schnellatmend stand das junge Ding dabei, wollte glauben und konnte nicht; Erinnerungen schienen sie festzuketten, und sie begriff das Neue so wenig wie ein jäh erwachter Schläfer den Tag.

Wanderer nahm sie bei der Hand, und sie riß sich los. Auf der Straße sagte er ihr, daß er ein Inserat in die Zeitung gegeben habe, um eine Stelle für sie zu finden. Er behandelte sie liebreich, fand es rührend, wie sie neben ihm trippelte, sorgsam auf seine Schritte achtend. In dem neuen Heim wartete eine Ueberraschung auf sie. Ein dunkelbraunes Kleid mit großen, weißen Streifen lag über das Bett gebreitet. Es war durchaus nicht einwandfrei im Geschmack, doch Elwines Hand strich zärtlich darüber hin. Wanderer wartete unten, hatte sie gebeten, das neue Gewand gleich anzulegen, und sie wollten dann noch einige Besorgungen machen. Alles geschah angeblich in Renates Auftrag.

»Ich weiß gar nicht, wie ich das verdiene,« sagte Elwine ängstlich. Doch wurde ihr warm im Bewußtsein der Geborgenheit, und sie ward zutraulich.

Sie liefen den ganzen Nachmittag herum, mit vielen Kleinigkeiten beschäftigt und Wichtigeres wieder aufschiebend. Elwine wurde müde, was sich bei ihr dadurch äußerte, daß sie mehr sprach als sonst. Ihr mageres Gesichtchen war gerötet, und als die Sonne unterging, stand sie auf der Brücke und staunte, als ob sie nie im Leben die Sonne gesehen hätte. »O das grüne Wasser!« sagte sie, oder »O der wunderbare Himmel!« Wenn Wanderer lachte, schwieg sie sogleich. Er gefiel ihr, bis auf die Augen. Er seinerseits fand, daß sie wie durch Zauberei unverdorben und naiv geblieben war, als ob ihre Seele bis heute in einem feuersicheren Schrank aufgehoben worden wäre.

Die gekauften Gegenstände wurden in Elwines Wohnung geschickt. Der Zufall fügte es, daß Wanderer einem Kaufmann begegnete, der ihm und seinem Bruder befreundet war. Er hieß Dawill und war der Vater des bleichen Studenten. Es ergab sich in einem kurzen Gespräch und auf Wanderers Befragen, daß der Fabrikant ein ehrliches Mädchen für eine Art Spezialcassa brauchte. Sie sollte zugleich so gescheit sein, um eine Schreibmaschine neuen Systems handhaben zu lernen, an deren Erfindung er selbst beteiligt war. Anselm brauchte nur wenig Worte, um Dawill für Elwine einzunehmen. Die nahe Vergangenheit blieb Geheimnis, und Elwine sah nicht so aus, als könne sie die Gegenwart Lügen strafen. Das betäubend Neue raubte ihr die Sprache. Auf Dawill übte ihr Wesen einen gewissen Eindruck, den er zwar nicht deuten konnte, der ihn aber veranlaßte, das Mädchen komisch wohlwollend anzuschielen. Im Uebrigen benahm er sich famos.

Es war sechs Uhr geworden, – Nacht. Wanderer ging mit Elwine zum Hoftheater und kaufte zwei Logensitze für Fidelio. Elwine gestand, daß sie noch nie in einem Theater gewesen sei und beichtete das wie ein Verbrechen.

Während der Vorstellung achtete er weniger auf Spiel und Musik, als auf seine Begleiterin. Bisweilen spiegelte er sich vor, ein Menschenkenner zu sein, ein Beobachter. Zeitvertreib. Bei der Ouverture wurde Elwine blaß, und ihr Interesse für den Raum und die Menschen war verflogen. Lange, unbewegliche Blicke richtete sie in die Tiefe, wo das Orchester brodelte, und bei dem feierlichen Mittelsatz der durch das Trompetensignal eingeleitet wird, hob ein einziger, schwerer Seufzer ihre Brust, und zitternd beugte sie sich vor. Wanderer hatte ihr vorher die Züge der Handlung erklärt, und ihre stürmische Anteilnahme ergriff ihn jetzt. Er glaubte die Schauer zu spüren, die über ihren Rücken huschten, und sinnliche Bilder verknüpften sich damit. Als in der Gefängnis-Szene die Trompete wieder in das totenstille Haus schmetterte, lehnte sie sich abgehärmt in ihren Sitz zurück und hielt beide Hände vor die Brust, als fürchte sie, zu vergehen.

»Wir wollen bei mir zu Hause essen,« erklärte Wanderer nach dem Theater. Elwine blickte ihn ergeben an. Müde nahm sie im Wagen Platz, und Wanderer schaute gespannt in ihre erschöpften Züge. Ihre Blicke waren ziellos und wartend; was an ihr selbst geschah, blieb ihr fremd.

2.

Zwei Tage später war das Zusammentreffen mit Renate in der Gallerie. Eine kurze Stunde, die es verursachte, daß Wanderer vor seinem eigenen Leben und Denken Halt machte. Als ihn Renate verlassen, erschien ihm die Dämmerung farbiger, das Rund des Himmels weiter und freier. Drei Mal stieß er an Leute, ohne von seiner Versonnenheit abgelenkt zu werden. Schließlich landete er vor dem Kaffeehaus, in welchem Süssenguth verkehrte. Der saß dort bis in die Morgenfrühen, »gerecht nur sich und stumm den lauten Jüngern«, wie der Litterat Herz von ihm sagte. Auch Stieve verkehrte da, Salatsch, ein abgeschaffter Privatdozent von äußerst verkümmertem Aussehen, ein schwarzbärtiger Componist namens Uibeleisen, und der Schauspieler Xylander, der Bruder von Anna Xylander. Bisweilen kam auch Gudstikker, der sonst einen vornehmeren Stammtisch im Luitpold hatte.

Wanderer setzte sich an den Tisch zu Herz und bewaffnete sich, mit seiner Beobachtermiene, etwa wie man eine Brille aufsetzt. Herz, ein Mann voll Anmut und Würde, beugte sich so weit herüber, daß sein Bauch auf dem Tisch lag, und fragte: »Pardon Herr von Wanderer, kennen Sie Gisa Schumann?«

Es schien, daß Gisa die Geliebte Süssenguths geworden war. Jedermann wollte etwas über die Fabelhafte wissen, obwohl das Verhältnis von Süssenguth selbst wie eine allgemeine Angelegenheit behandelt wurde. Er sprach darüber wie ein betrunkener Professor der Psychologie. Wanderer lauschte seiner hysterischen Begeisterung mit stiller Scham. Der Außenraum war schon leer; in der seitlichen Nische hier hallte jedes Wort.

»Sie, – diese Unbefangenheit! Wer das nicht empfunden hat, der hat nie gelebt. Ist denn das nicht viel schöner als eine Naturerscheinung? Als so ein Krater oder feuerspeiender Berg oder das Meer? Was kümmern mich eure Sonnenaufgänge, euer Meer, eure Gletscher! Ich habe Wald und See und Sonne und Mond in einem einzigen Wesen auf sechs Quadratmeter Raum.«

Seine Hände griffen ins Leere, als tasteten sie einem entfliehenden Gegenstand nach, dann erstarrten sie in der Geste und sanken herab. Sein Gesicht war verzerrt, jeder Muskel war angespannt, als er fortfuhr: »Diese Mysterien der Mädchenseele! Das tiefe Sich-selbst-Treusein! Das Niemals-aus-der-Rolle-Fallen! Jede ist eine Duse ihrer Mission, die höchste Competenz der Natur. Entdeckt das Weib in seinen tiefsten körperlichen Verrichtungen, und ihr findet es wieder in den geheimnisvollsten Regungen seiner Psyche. Bewahrt sie vor einer Indigestion, und ihr schützt sie vor einem moralischen Fehltritt. Denn nur im Dank gehört sie euch ganz. Lebe ich jetzt nicht das vollkommenste Glück? Wenn sie früh aufwacht und mich anlacht, – das ist mein Morgengebet. Sie, das ist mein Spaziergang, mein Studieren, mein Fortkommen, mein Carrieremachen! Freilich nichts für die Gudstikkers und Marlitts, für Sozialästheten und Sammlergehirne. Das ist für mich und für Sie und für Sie und für Sie!« Er deutete erregt auf die bei ihm Sitzenden, denn wer in seiner Gesellschaft war, gehörte stets zu den großen Ausnahmen, – so lange er anwesend blieb. Sein Gesicht war bleich geworden, fast grau, der Hals war intensiv gerötet.

»Großartig,« sagte der Litterat Herz, und nahm seine Zeitung wieder, die fast ebenso groß war wie er selbst. Stieve nickte anerkennend und hustete dann. Er ersparte sich dadurch oft die Unbequemlichkeit einer Replik. Uibeleisen und Xylander saßen mit offenem Mund. Uibeleisen, ein wenig Naturbursche, ein Temperament und Weiberheld, hatte wenig Verständnis für solche Dinge.

»Ich bitt Sie, was sind denn das für Männer, die selbst von den besten Frauen gewählt werden? Ausbeuter, Piraten, Börseaner des Lebens, Geschäftchenmacher. So viel Liebe geb ich dir, soviel bist du mir schuldig. Ich verlang mir nicht mehr vom Leben, als ein einziges Wesen so mit Treue zu überschütten, daß sie nicht mehr ein noch aus weiß. Jedes wirkliche Glück ist Sklaverei.«

»Das ist wahr, das hab ich mir oft gedacht,« bemerkte Xylander mit ergebenem Grinsen. Er wollte eine Geschichte erzählen, fand aber nicht den Knoten der Handlung. Stieve musterte sorgsam die Sprünge im Plafond.

Wanderer fror, indem er Süssenguth ansah. Sinnverdreher, dachte er mit raschem Unwillen. Er stand auf, ging unruhig von Tisch zu Tisch. Die Fensterscheiben waren noch nicht verhängt, und er sah hinaus in die vorbeiströmende dunkle Menge. Jede Frauengestalt, die vorüberging, erschreckte ihn. Je mehr er seine Gedanken abzuwenden suchte, je mehr kehrten sie zu einem Bild zurück, zu demselben Bild. Er verlor alle Macht und Vernunft, wollte die Stadt verlassen, wollte schreiben, um sich mitzuteilen, aber wem sollte er Geständnisse ablegen, und welche Geständnisse? Verwegene Gedanken bestürmten ihn, sammelten sich zu einem verwegenen Entschluß. Mit rauher Stimme bestellte er Tinte und Papier. Was er an Renate schrieb, war von einer trüben Stunde eingegeben, bestand in halben Täuschungen, halbem Trotz. Aus der Nische drang wieder Süssenguths keuchende Stimme. Seine Worte erhielten immer mehr einen prophetischen Charakter. Messias der Frauen hörte er sich gerne nennen.

3.

Mühsam schlich die Nacht vorbei, langsam der nächste Vormittag, dann Stunde für Stunde doppelt langsam. Um drei Uhr war Wanderer schon in der leeren Säleflucht der Pinakothek. Er wünschte, nicht geschrieben zu haben; es schien ihm, daß dabei nur ein Versteckenspiel mit ehrlicher Miene geglückt war. Er wußte, daß er nicht die Stadt verlassen würde, aber die edle Entsagung seines Schriftstückes schützte seine Selbstachtung. Er war viel allein gewesen, daher blieb er seinen Handlungen gegenüber empfindlich. Gesellschaft von Männern verdarb ihn sofort; jeder fremde Ton wurde der seine, und er heuchelte sich in eine fette Behaglichkeit hinein. Aehnlich war es mit den Bildern. Ihm gefiel nur die Vorstellung, daß er seine Zeit einsam bei Kunstwerken verbrachte.

Gegen vier Uhr kamen Besucher, aber um halb fünf war es schon wieder leer. Das Licht war heute schlecht. Ein Landregen war gekommen. Aus dem hallenden Treppenhaus hörte Wanderer leichte Schritte über die Steinfließen. Erbleichend wandte er sich zu einem Gemälde an der Rückwand und blieb in kindischer Befangenheit unbeweglich stehen. Ein Gruß, mit halber Stimme gesprochen, ließ ihn zusammenfahren. Renate tippte ihn leicht am Aermel und sagte: »Ich wußte ja doch, daß Sie da sind.«

Hilflos sah er sie an, und mit leisem Schauer fühlte er, daß sie heftiger atme. »Setzen wir uns ein wenig nieder«, schlug Renate vor, »ich bin müde vom Gehen.« Der Ton, die Stimme, dies: ich bin müde vom Gehen, – Wanderer wußte nicht zu antworten. Gleich feierlichen Schatten floß die werdende Dämmerung durch die Gallerie. Die tiefroten Wände, der rote Stoff der Sessel, die goldnen Rahmen, die Gesichter aus den Bildern, alles eine Welt für sich, schweigend und unberührt.

»Ich wollte nur noch ein Mal hierher kommen,« sagte Renate weich, als bäte sie um Verzeihung. »Ihr Brief hat mich erschreckt. Freilich, ich dachte mir, so ein Brief müßte einmal kommen. Damit ich mich erinnere, was ich mir wert bin, – und Andern. Aber es wäre besser gewesen, jemand hätte es mir gesagt, Sie hätten es mir gesagt. Geschrieben macht es einen unsicher.«

»Fräulein Renate, ich bin jetzt vor Ihnen schuldig. Sie können Rechenschaft von mir fordern. Aber es war kein Vorsatz, nicht einmal ein Wunsch. Eine blinde Gewalt. Sie selbst vielleicht. Ja, Sie selbst, ohne daß Sie es wußten.«

»Das kann ich mir denken. Da brauchen Sie sich nicht zu verteidigen,« sagte Renate, beständig an ihrer Unterlippe nagend und den Schleier bis zur Stirn emporhebend. Plötzlich stand sie auf. »Und wenn ich Ihnen nun folgen würde, wohin Sie wollen, zu allem bereit, was sie wollen?«

Es war Wanderer, als befinde er sich plötzlich in einem versengend heißen Raum. Er sah nicht mehr die eigenen Hände, die er unwillkürlich ineinander verkrampfte. Renate stand regungslos vor ihm. Bisweilen lief ein Zittern durch ihre Arme; ihr Gesicht war bleich von Scham, Furcht und Erwartung. »Mir ist nicht ein Mann wie der andere,« fügte sie mechanisch und voll mädchenhafter Trauer hinzu. »Ich werde nie den Herzog heiraten. Um zu verkümmern, dazu brauche ich keinen Palast, keine Krone.« Was trieb sie eigentlich zu alldem? Wahllos griff sie ins Rad der Loose wie ein Kind mit verbundenen Augen.

»Wenn Sie das wollen,« sagte Wanderer in einer Erregung, die dem Wahnsinn nahe war, »dann würde ich wissen, was Glück ist.«

»Ach Glück,« erwiderte Renate betrübt und unsicher, »damit ist es nicht gethan.«

»Es ist zu viel auf einmal,« murmelte Wanderer, den es wie im Fieber fröstelte. Zugleich empfand er einen Schrecken, dessen er nicht Herr wurde. Das fremde Schicksal, das von seinem eigenen Besitz ergriff, lähmte Gedanken und Entschlüsse. Die Zukunft, die er ahnungsvoll voraus zu sehen glaubte, erschien ihm wild und ungangbar.

»Ja, ich will fliehen,« wiederholte Renate in der leidenschaftlichen Begierde nach einer Entscheidung. »Mein ganzes Leben hier ist mir verhaßt.«

»Die Zukunft, die ich Ihnen bieten kann, ist sorgenlos,« sagte Wanderer hastig. Es war ihm durchaus unklar, wie das werden solle und wie sie sich das vorstellte.

»Zukunft,« entgegnete Renate zornig. »Ich denke nicht daran. Ich will nicht jedes Zimmer wissen, wo ich für alle Zeiten wohnen soll. Sie sollen mich auch gar nicht heiraten. Sie sollen nur wissen, was ich will und was ich bin. Denn ich selbst, ich weiß es ja kaum.«

»Und vor den Folgen ist Ihnen nicht bange?« fragte Wanderer besorgt und furchtsam.

»Haben Sie mir nicht gesagt, daß Sie mich lieben?« flüsterte Renate mit einem verzweifelten Klang der Stimme. »Oder war der Brief nur etwas zum Zeitvertreib? Und ich, ja, ich habe mich geprüft, ich habe mich geprüft. Das ist alles. Wie kann es anders sein. Ich habe gewußt, daß Sie die Leute verachten, die um mich sind, und wenn ich mich beleidigt gefühlt habe, dachte ich an Sie. Das ist kein Leben. Nirgends sich wärmen können und mit schönen Betten die furchtbarsten Träume zudecken. Ich will mich nicht für einen Titel verkaufen, nein, da will ich mich lieber verschenken. Ich stehe da, mit nichts bin ich gekommen, und wenn Sie wollen, will ich arbeiten wie niedere Frauen. Das quält mich auch, ich möchte wissen, wie es da drunten ist, was sie treiben die hunderttausend Weiber, die uns verfluchen. Da soll ich in einem Schloß wohnen? Immer die fernen Stimmen hören? Nein, nein!« Mit aufgerissenen Augen wartete sie auf seine Antwort. Er nannte ihren Namen und beugte sich auf ihre Hand nieder, die er küßte. »Und soll ich nicht zu Ihrer Mutter gehen –?« fragte er.

Renate fuhr zusammen und lachte bitter. »Sie denken, ich will Abenteuer, ich will romantische Abenteuer.«

»Nur unnütze Gefahren will ich vermeiden.«

»Gefahren? Wenn Sie das thun, könnte ich Sie nicht mehr mögen. Schon deshalb nicht, weil Alle Sie beschimpfen würden. Ich will vergessen, was zurückliegt. Kleinliche Händel kann ich nicht ertragen. Meine Mutter denkt nur noch an diese Herzogs-Heirat.«

Ihr Wesen wurde zusehends bedrückter. Es war zu viel, was sie sagen wollte und zu wenig, was sich ihr in Worte fügte.

»Ich verstehe Sie,« sagte Wanderer, in seiner schwerfälligen Art zu sprechen. »Für Sie ist das keine Flucht, sondern eine Empörung. Flucht ist mutiger für Sie als Kampf.«

»Ja, das ist wahr, das ist riesig wahr,« rief Renate plötzlich freudig lächelnd. Sie sagte ›riesik‹ mit einer kindlich-wichtigen Betonung.

»Sie wollen nicht beschmutzt werden durch Vorwürfe und Kränkungen. Empörung ist Ihnen das edelste Gefühl. Sie wollen dem Mann, dem Sie sich anvertrauen, keine Verpflichtungen auferlegen dadurch, daß er an Sie geschmiedet ist. Ich verstehe das alles sehr gut, Renate.«

»Anselm!« stammelte das junge Mädchen beglückt.

»Aber ob Sie nicht bereuen werden, das ist die beständige Furcht. Den Leuten braucht man es ja nicht ins Gesicht zu rufen, doch müssen Sie nicht fürchten, daß Sie geirrt haben? Fällt nicht jeder falsche Ton zehnfach ins Gewicht? Kann nicht jedes Wort zum Feind werden? Man muß genau mit sich rechten. Keine Lüge darf geheim bleiben.«

»Ich werde es nicht bereuen,« erwiderte Renate. »Was daraus folgt, kommt auf mich selbst. Nur für mich selbst kann Schuld daraus kommen. Und Lügen? ich lüge nie. Ich wollte nur wählen für mich allein. Ich bin stolz, das glauben Sie gar nicht. Und nicht nur für mich, sondern für alle Frauen bin ich stolz, von meiner Mutter und meinen Schwestern angefangen.« Sie sagte das so herzlich einfach und bescheiden, daß der Grund von Kummer deutlich aus den Worten schimmerte wie Wasser aus einem Schacht.

Ein wie seltsames Wesen, dachte Wanderer, der innerlich ratlos war. Alles war jetzt Beschluß geworden, was vorher unerreichbar geschienen hatte. Ueber Abgründe hatte ein handfertiges Geschick schnell Brücken gebaut.

Es schlug fünf Uhr: eine halbe Stunde war vorbei, die im Raum der Erlebnisse die Verantwortung wie Jahre trug. Der Landregenhimmel rötete sich, plötzlich wurde er gelb, eine Färbung von gespenstischer Grellheit. Der alte Diener kam, um durch sein Erscheinen anzudeuten, daß man die Gallerie schließe. Renate sah mit strahlendem Gesicht zu Wanderer empor, – er war nur wenig größer als sie, – dann gingen sie im stummen Einvernehmen zum Bild der Saskia. Nur ein Blick im Vorübergehen; ein paar helle Augen blickten aus dem Schatten, der die Leinwand schon verhüllte. Schwärmerische und getäuschte Augen. Galeotto war das Bild ...

4.

Mit ihrer sanften Stimme und in der ruhigen Weise, bei der sie nicht die Arme bewegte, erzählte Renate auf dem Weg durch den englischen Garten, daß die Mutter und die Schwestern morgen dem Vater bis Innsbruck entgegenreisen wollten. An diesem Tage war Renate allein. Eines der Dienstmädchen besaß ihr Vertrauen und sollte packen helfen, die andern und den Diener wollte sie auf die Auer-Dult schicken. Wanderer redete nicht sehr viel. Aus Furcht, falsche Gefühlstöne anzuschlagen, fand er oft nicht die wahrhaften. In der Angst allzu aufrichtig zu sein, wurde er grundlos ironisch. Doch fremde Ironie erschreckte ihn und machte ihn empfindlich. Von einer Leidenschaft überrumpelt, wußte er nicht aus noch ein, lebte er nur noch in der Furcht, sich nicht zu blamieren. Renates Entschlossenheit, die etwas Heldenmütiges hatte, erweckte seine Bewunderung; aber in der Tiefe seiner Grübeleien fanden sich Erinnerungen an gewisse Romane, und er suchte sich zu waffnen gegen einen unbestimmten Jemand, der das Alles vielleicht verspotten könnte. So verzwickt war, was er that und dachte.

Renate, bei der jeder Vorsatz etwas Unabänderliches hatte, gleich den Absichten der Natur selbst, war heiter und frei. Es war auf einmal ein schöner Abend geworden. Dumpf leuchtete das Grün durch die Halbdunkelheit, und Regentropfen fielen auf die dürren Blätter nieder. Renate hatte bald alles gesagt, was zu sagen war, sachlich und ohne Abschweifung. Jetzt schwieg sie, scheinbar dem Abendläuten zulauschend, das von der nahen Ludwigskirche herüberdröhnte. Die lallenden Klänge hatten etwas Verschlingendes. Die Landschaft schien zu beben. Wanderer hatte als Reiseziel ein kleines Grundstück am Bodensee vorgeschlagen, das seit langem seiner Familie gehörte. Ein alter Soldat, der bei Königgrätz ein Bein verloren, hatte die Wirtschaft inne. Wanderer wollte ihm noch in der Nacht telegraphieren. Renate stimmte bei, und das Zubereitete, Vorsichtige in Wanderers Erklärungen verdroß sie nicht. Ich gehe mit ihm, frei und allein. Ich habe gewählt und bin doch gewählt worden. Das Leben öffnet mir alle seine Thore, – von solchen Gedanken war sie erfüllt. Erst hatte sie Briefe schreiben wollen, an die Mutter, an den Herzog, aber sie scheute die Nüchternheit und das Entweihende, das für sie selbst daraus hervorgehen mußte.

Beim Abschiednehmen fragte Anselm, ob sie ihn denn liebe. Sie sah ihn fassungslos an und lächelte bestürzt. Es war eine Frage, deren Sinn sie nicht begriff; daß sie gesprochen war, machte sie bleich vor Scham. Wanderer schaute zu Boden. Ihr bestürztes Lächeln beim Schein einer dürftigen Straßenlaterne blieb ihm unvergeßlich. In diesem Augenblick verwandelte sich seine ratlose Sympathie in Leidenschaft.

Nachdenklich ging Renate noch die wenigen Schritte zur Maria-Theresia-Straße. Morgen Nachmittag um vier Uhr wollten sie sich im Central-Bahnhofe treffen. Das war alles, was sie unter dem Wort Zukunft begriff. Grübeln war nicht ihre Sache; sie dachte nur in Bildern, entweder in dunklen oder in frohen. Dabei war das Bewußtsein von der Nähe der großen Wandlung eigentlich berauschend für sie. Jeder Stein, den ihr Fuß betrat, erschien ihr in seltsamer Uebertragung ihrer Gefühle liebenswert. Mit einem Blick nahm sie Abschied von dem sanften Abend, der das große Thor für das Morgen bildete.

»Nun Renate,« sagte Frau Fuchs, die auf dem Lehnstuhl saß, ein Kohlenbecken unter den Füßen, »es ist doch gar zu merkwürdig, was Du treibst. Den ganzen Nachmittag bist Du fort, ohne Wagen, ohne Begleitung. Ich versteh das nicht. Du hast doch Pflichten. Ich an Deiner Stelle würde anders handeln, jawohl.« Loni und Martha gaben durch ihr andächtiges Zuhören kund, daß sie an Renates Stelle ebenfalls anders handeln würden, jawohl.

Durch den abwesenden Ausdruck in Renates Gesicht stutzig gemacht, schüttelte Frau Fuchs den Kopf und fügte wehmütig hinzu: »Ich bin krank.«

Voll Schrecken blickte Renate die Mutter an. »Du bist krank?« Und schnell beugte sie sich zu ihr nieder.

»Nun, Du brauchst Dich nicht ängstigen, Renate, ich danke Dir mein Kind. Es ist eben die alte Geschichte.«

»Da wirst Du doch morgen nicht reisen, Mutter,« sagte Renate entschieden. Dann preßte sie entsetzt die Unterlippe zwischen die Zähne. Eine Lüge! Es war wie ein Blitz in ihrem Innern.

»Nun, ich werde doch wohl reisen, Renate,« erwiderte Frau Fuchs mit unverminderter Wehmut. »Die Kinder freuen sich so, und ich, wer weiß ob ich die Berge da drunten wiedersehen werde. Fuchs will ja bald fortziehen. Ach Gott«

Martha wußte eine drollige Geschichte, die sie zwang, fortwährend zu lachen. In der Brienner Bäckerei war ihr »dieser« Süssenguth vorgestellt worden. Nein, und was ihr der alles gesagt hatte! Sie hatte es ganz auswendig gelernt, hihi. »Ihre Schwester Renate, mein Fräulein, ist für mich einfach das Ideal. Mit ihrem Schicksal auf der Stirn geht sie offen durch die Straßen. In herrlicher Unbekümmertheit wandert sie ihren Weg zum Leiden. Une femme douloureuse. – Ist das nicht komisch, hihi?«

Heftiger als sonst verwies Frau Fuchs den beiden das »dumme Zeug« da. »Nun ich muß sagen, ihr verirrt euch. Nette Bekanntschaften, das muß ich sagen. Ich will davon nichts mehr hören. Ihr werdet diesen Menschen nicht mehr kennen.«

Sie hatte offenbar keine Silbe verstanden, aber eine mütterliche Ahnung mochte einen Widerhall der Wirkung erwecken, die das Gehörte auf Renate ausgeübt, selbst durch das Geschwätz der Schwestern hindurch. Von neuem fielen Süssenguths Worte wie milde Schlaglichter auf ihren Pfad.

Heute muß ich noch einmal Klavier spielen, dachte sie; irgend etwas Feuriges und Leidenschaftliches muß ich spielen. Ihre Wangen röteten sich, als sie sich an den Flügel setzte und mit den wuchtigen Anfangstakten der »letzten« Sonate begann. Aber bald ermatteten ihre Hände und sehnten sich nach weicheren Tönen. Im Zimmer war es still geworden, und vor ihren Augen erschien mit rätselhafter Deutlichkeit ein Gesicht, das sie unbesonnen küßte.

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