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Die Geschichte der jungen Renate Fuchs

Jakob Wassermann: Die Geschichte der jungen Renate Fuchs - Kapitel 6
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pfad/wasserma/renate/renate.xml
typefiction
authorJakob Wassermann
titleDie Geschichte der jungen Renate Fuchs
publisherS. Fischer Verlag
year1901
firstpub1903
correctorreuters@abc.de
senderHolger Schmidt
created20120522
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Fünftes Kapitel

1.

Renates Unrast trieb sie, unablässig Besuche zu machen und so zu leben, daß sie nicht gezwungen war, allein zu bleiben. Unter den Freundinnen, die sie aufsuchte, war auch Helene Brosam, die Frau eines Arztes, die sie ein Jahr früher auf einem Maskenball im Odeon kennen gelernt hatte. Zu ihr ging sie heute, an einem hellen, fast freudigen Tag im ersten Drittel des Oktobers. Sie wollte ein paar Stunden plaudern, oder vielmehr, sich von Helene Brosam vorplaudern lassen, – der Schmiegsamen, Scharfsinnigen, Katzenhaften.

»Ich habe Sie lange nicht gesehen,« sagte Helene, setzte sich auf einen Lehnstuhl und baumelte mit den Füßen, die nicht bis zur Erde reichten.

»Wie geht es Ihnen immer?« fragte Renate, ziemlich eingeschüchtert durch den forschenden Blick der Freundin.

»Na ...Sosolala. Aber Sie, Sie müssen doch ungeheuer glücklich sein. Ein Herzog! Das ist, wovon man in der Schule träumt!«

Renate verzog kaum merklich den Mund. »Was macht Ihre Kleine?« fragte sie. »Ist sie immer noch so lustig?«

»Sie spielt jetzt mit den Buben im Hof. Mein Mann ist leider nach Bruck gefahren. Er hat dort einen Krankenbesuch.«

»Sie leben wohl sehr glücklich?« fragte Renate in einem unwiderstehlichen Zwang von Neugierde und Zukunftsfurcht.

Frau Helene baumelte stärker mit den Füßen und kniff die Augen zusammen. »Glücklich ...die Wurst im Wurstkessel ist vielleicht glücklich. Und auch das ist zweifelhaft.«

»Aber ich meine so in der Ehe –«

»In der Ehe?« Helene spitzte boshaft die Lippen und pfiff leise. »Es ist ganz nett manchmal. Besonders anfangs. Später ist es auch oft nett, aber ohne den Herrn Gemahl. Im Ganzen kann ich die Sache nicht empfehlen.«

Renates erschreckter Blick haftete an einem Bild über dem Sopha. Es war Doktor Brosam, ein schöner Mann. Stirn und Haartracht waren ähnlich wie bei Anselm Wanderer, so fand sie wenigstens.

»Was das Wichtigste ist,« fuhr Helene mit komisch-pretiösem Stirnrunzeln fort, »zwei Schlafzimmer. Bei Ihnen ist das selbstverständlich. Aber bei einem Doktor ...Ein Mann ist etwas Gräßliches, wenn er sich nicht mehr zu genieren braucht.«

Renate errötete und mußte lachen. Im Innern war sie verwirrter als je. »Sagen Sie mir,« fing sie wieder an, »haben Sie alles gewußt, was Ihr Mann vor Ihnen erlebt hatte?«

Helene Brosam richtete einen flüchtigen Blick des Verstehens auf Renate. Dann lachte sie gezwungen und hölzern. »Man nimmt das nicht so genau. Es ist eine schmutzige Welt. Die Männer sind auch nicht sauberer. Wir sind doch nicht da, um große Wäsche zu halten.« Um ihre Gleichgiltigkeit zu zeigen, riß sie die Augen auf wie ein Clown, leckte an einem Stückchen Zigarettenpapier herum, bis es naß war. Dann klebte sie es an die Nase, daß es wie eine Fahne hing, schielte kokett-feierlich in den Spiegel und lachte. So saß sie, mit den Füßen baumelnd, als ihr Töchterchen zur Thüre hineinschoß und die Mutter zigeunerhaft wild abküßte. Wie einer alten Kameradin gab das Kind Renate die Hand und erzählte wichtig, daß es Herrn Gudstikker begegnet sei, der heraufkommen wolle.

»Ist das der berühmte –?« fragte Renate.

»Ja. Stefan Gudstikker.«

»Ich möchte ihn gern kennen lernen.«

»Bitte. Er hat Marianne ein Kinderbuch geschenkt, und ihr etwas hineingeschrieben.«

In dem Buche, das Marianne zeigte, stand: Die Seele, die in Dir gelebt, wandert zu fernen Höhen, um dort, was Du gelitten hast, erst deutlich zu verstehen.

Renate las es zweimal. Sie hatte bald gehen wollen, denn vieles lastete in diesen Tagen auf ihr. Solche Besuche durften nur heimliche sein, und die Stunden dazu erstahl sie sich. Der Herzog liebte es nicht, daß sie sich so unstät an allerlei Volk wandte, obwohl seine Vornehmheit nicht steifleinen war. Doch wollte er nicht gänzlich mit dem Hofe brechen. Heute Abend sollte große Gesellschaft in seinem Palais sein, und es hieß, die Mutter und einige Verwandten hätten sich bereit erklärt, die Braut kennen zu lernen. Diese Bereitschaftskundgebung hatte etwas aufgeweckt in Renate. Ihre Zurückhaltung war gewichen, und sie hatte gelacht. Frau Fuchs aber hatte gesagt: »Nun Renate, das ist merkwürdig, daß Du lachst. Ich finde das durchaus nicht komisch. Schließlich sind wir die Unterthanen, jawohl.«

Die Seele, die in Dir gelebt, wandert zu fernen Höhen, um dort, was Du gelitten hast, erst deutlich zu verstehen. Sie wollte den Mann kennen lernen, der das geschrieben, deshalb blieb Renate. Ihr ganzes Wesen lechzte nach Rat und Aufschluß. Sie verstand es nicht, was sie litt.

2.

Es läutete energisch und kurz. »So läutet nur ein berühmter Mann,« erklärte Helene Brosam, und schickte das Kind hinaus. Renates Herz klopfte.

Die Thür that sich auf, und Stefan Gudstikker erschien mit der Miene eines aufs äußerste beschäftigten Menschen. Er strich durch das dichte, wellige Haar, knipste ein Stäubchen von der Manschette und eilte auf die Hausfrau zu. Er war ein Mann von vierzig Jahren. Wenn man sagen kann, daß jemand von Wichtigkeit strahle, so that er es. Das schwarze Haar, der schwarze elegante Spitzbart, das zierliche Mündchen, die unruhigen Augen, der graziös sitzende Zwicker, alles war von Wichtigkeit übergossen. Er lächelte selten, und wenn er es that, gewissermaßen offiziell. Er hatte keine Zeit, zu lächeln.

»Stefan Gudstikker – Fräulein Renate Fuchs.« Helene Brosam wurde sehr gravitätisch, indem sie vorstellte. Gudstikkers Benehmen erhielt sofort etwas Rücksichtsvolles und Wissendes, als billige er die vielbesprochene Heirat nicht geradezu, könne sie aber nicht völlig verurteilen.

»Woran arbeiten Sie jetzt?« fragte Frau Helene. »Welche Abteilung des öffentlichen Lebens werden Sie vernichten?«

Gudstikker neigte den Kopf nach links. »Ich arbeite an einem Frauenroman,« sagte er gleichgiltig thuend, mit müder Noblesse.

Renate beugte sich horchend vor.

»Meiner Ansicht nach sind die Zustände unhaltbar geworden. Die begabten Frauen verlieren sich, die unbegabten gehen zu Grund. Ueberall ist ein Schrei nach Erlösung, aus sozialer Not oder persönlicher Not. Die einen wollen zu Männern werden, mißverstehen ihre Kräfte, – verzeihen Sie, meine Damen, wenn ich mir eine Zigarette anzünde? – die anderen hängen unrettbar am Körperlosen. Die einen verachten den Mann, die andern verlangen Uebermenschliches von ihm. Und doch wird das Buch zu einer vernichtenden Anklage gerade gegen die Männer werden.«

»Also doch vernichtend,« sagte Helene. Renate warf ihr einen bittenden Blick zu. »Wie nennen Sie das Buch?« fragte sie, blaß vom Mitfühlen.

»Veronikas Ende. Der Titel sagt nicht sehr viel. Es wird kolossales Aufsehen machen.« Gudstikker zog die Brauen zusammen, dachte angestrengt nach und zupfte an seiner Unterlippe. Während des ganzen Gesprächs hatte er das linke Bein nachlässig über das rechte geschlagen und mit weiten Augen ins Ferne geblickt.

»Sagen Sie mir nur das eine,« begann Renate und wandte sich mit einer flehentlichen Bewegung der Hände zu ihm, »sagen Sie: ist es denn unabänderlich, daß die da drunten zu Grunde gehen müssen, damit wir anständig bleiben können?« Sie brachte die Worte stockend heraus, und ihre Wangen flammten, noch mehr, als sie die Wirkung sah. Helene schüttelte mißbilligend den Kopf und spielte mit einer künstlichen Rose auf dem Spiegeltisch. Gudstikker starrte auf seine Kniee und zog bald den einen, bald den andern Mundwinkel gegen das Ohr. Nach einer langen Pause strich er rasch und kraftvoll durch sein Haar, lächelte verheißungsvoll, richtete sich auf und zerrte das Gilet glatt, beugte sich wieder vor, stützte das Haupt in die Hand, blies langsam und feierlich einen dünnen Rauchkegel von sich und hub an: »Vor dreizehn oder vierzehn Jahren kannte ich in meiner Heimat, ich bin nämlich aus Franken, einen ganz merkwürdigen jungen Menschen. Er hieß Agathon Geyer. Er war so eine Art Weltverbesserer, müssen Sie wissen. Ich hab mal versucht, die Figur dramatisch zu verwerten, so eine Art Faust, wissen Sie. Aber es gelingt mir nicht. Mein Feld ist der Roman. Kurz, dieser Agathon Geyer, ich will nicht weitschweifig werden, wollte unter anderm auch die Zustände reformieren, die Sie andeuten. Er heiratete eine Gefallene, (um das Beispiel zu geben), aber die Sache ging schief. Das Leben ist immer stärker als irgend ein Prophet. Ein verrückter Bursche, dieser Geyer, kaum zwanzig Jahre alt, aber ich möchte fast sagen genial. Nebenbei bemerkt, ein Jude, so ein wenig mit messianischen Anwandlungen, edelster Typus, verstehen Sie. Später war er auf einmal verschollen. Bei dem Reformieren ist eben nichts zu holen. Man beschränkt sich darauf, die Natur zu belauschen, solange man die Feder führt. Auf das große Uhrwerk haben wir keinen Einfluß.

Er schwieg. Es war eigentlich nur eine Effektpause, aber die erwartete Wirkung blieb aus. Seine Erzählung kam ihm ein wenig überflüssig vor.

Doch auf Renate hatte es Einfluß geübt. Ihre grüblerische Haltung aufgebend, sagte sie: »Ich denke, man kann erst Frieden finden, wenn man die ganze wilde Komödie gesehen hat, (sie sagte Komödi, im Dialekt). Sonst lebt man ohne Augen und Ohren. Ehe ich immer in der Angst lebe, in ein tiefes Loch zu fallen, eher will ich gar nicht leben. Ich denke mir, wer das Häßliche nicht sieht, kann auch vom Schönen nichts wissen. Ist es nicht so, sagen Sie doch selbst?«

Sie sah von einem zum andern, senkte plötzlich die Augen und lächelte schüchtern. Gudstikker blickte sie aufmerksam an, wie etwa eine Vase. Aber auch Helene war das Wesen der Freundin sonderbar. Sie ergriff Renates Hand und drückte sie in einer ihr sonst fremden, gütigen Weise.

»Ich weiß nicht, ich bin von robuster Natur,« sagte Gudstikker. »Ich bin ein Bauernsohn, daher mag es kommen. Dieser Wissensdrang nach dem Moralischen hin ist entschieden Degeneration.«

Renate, verwirrt und bedrückt, erhob sich, sagte Helene flüchtig Lebewohl, drückte Gudstikker ernst und warm die Hand und ging. Als die Thür geschlossen war, lauschte Gudstikker, schritt auf Helene zu und küßte sie auf den Mund. Helenes Züge blieben unbeweglich. »Sie hat mit mir kokettiert,« sagte Gudstikker ernst.

Renate stand aufatmend im Thorweg und überlegte, ob sie den Wagen benutzen sollte. Vor ihr lag der Wunderbau der Akademie, darüber der krauszerzackte Spätnachmittags-Himmel.

3.

Sie hatte sich dafür entschieden, zu gehen, obwohl die Zeit gemessen war. Die Toilette für den Gesellschaftsabend mußte zwei Stunden in Anspruch nehmen. Sie befahl dem Kutscher, nach Hause zu fahren, und ein unüberwindliches Trotzgefühl trieb sie nach einer anderen Richtung, durch drei oder vier Straßen, bis sie vor der alten Pinakothek stand. Sie besann sich nicht lange, hineinzugehen. Selbst wenn Bekannte droben waren, konnte niemand etwas falsches glauben. So beruhigte sie sich und stieg die breiten Fließen empor.

Im dritten Saal schlenderte in der That Wanderer umher. Sie stellte sich nicht überrascht, sondern ließ ihn ruhig auf sich zukommen. »Ich wollte nur sehen, ob Sie wirklich jeden Nachmittag da sind«, sagte sie lächelnd. »Ich bin gerade vorbeigegangen und habe an Sie gedacht.«

Wanderer war bestürzt und suchte es zu verbergen. Er hatte ein Buch in der Hand, das er jetzt zuklappte und sagte, nur um rasch ein Wort zu finden: »Sie kommen spät. Es wird gleich geschlossen.«

Sie fühlte, daß sie ihr Kommen begründen müsse. »Ja. Schon lange wollte ich die Saskia von Uhlenburg wieder sehen. Wer weiß, wann ich wieder einmal dazu komme. Ist es denn schon so spät?«

»Gleich dreiviertelfünf. Das Licht ist auch schon schlecht. Kein Mensch ist mehr da.« In der That war die ganze Kette der Säle wie ausgestorben. Es war so still, daß man das Klirren der Glöckchen vernahm, mit denen die Tramwaypferde behangen sind.

Ein kummervoller Zorn erwachte in Renate über die Nüchternheit des jungen Mannes, den sie in Wahrheit suchen gegangen war. Schweigend ging sie an seiner Seite durch die hallenden Räume, und Bild auf Bild zog ihr ungesehen vorbei: Helden und Kinder, Tiere und Landschaften, Interieurs und Still-Leben, bald in bunten, bald in dunklen Farben.

»Können Sie nicht begreifen, daß ich diesen Aufenthalt hier liebe?« fragte endlich Anselm Wanderer. »Hier bin ich in der besten Gesellschaft und unterhalte mich träumend, brauche gar nicht zu reden.«

»Reden Sie denn so ungern?«

»Sehr. Viel besser ist schweigen.«

»Alle jungen Männer sind so eitel«, erwiderte Renate kopfschüttelnd. »Das ist doch auch nur Eitelkeit.«

»Nein, manchmal ist es auch amüsant. Es ist amüsant, wenn die Leute anfangen unruhig zu werden, sobald einer schweigt. Sie vermuten sofort etwas Gefährliches in ihm.«

»Ja?« Das fröhlich-fragende Ja war entzückend an ihr. Er nickte und fuhr angeregt fort zu reden. »Sobald man aber spricht, hat man alles verloren. Da atmen sie auf und werden innerlich Du und Du mit einem. Als ich ein Kind war, wohnte ein Taubstummer in unserm Haus, ein harmloser, hübscher Mensch. Aber für mich war er beängstigend.«

»Das ist wahr«, bekräftigte Renate. Plötzlich ergriff sie beinahe stürmisch seinen Arm und deutete lautlos auf ein Bild in der Ecke. Es war die Saskia, die durch einen wunderlichen Zufall gerade in den feurigen Strahlen der untergehenden Sonne hing. So kam es, daß die Abendröte auf der Leinwand durch die wirkliche Glut wie übermalt schien. Die Mutter und das Kind auf ihrem Schoß schwammen in Sonnengold.

Wanderer sagte nichts, und Renate war ihm dankbar dafür. Sie fühlte sich von einem Frieden umarmt, der ihr neu war. Langsam ließ sie die Blicke zu Boden gleiten und sann.

Doch bald war es Zeit zu gehen. »Darf ich Sie denn begleiten?« fragte Wanderer etwas unsicher. Sie erschrak wie aus dem Schlaf geweckt und bejahte, nicht ohne geheimen Trotz, wie es ihm schien.

Als sie beim Obelisken waren, dämmerte es schon. Zwei junge Männer gingen vorbei, die höflich grüßten. Renate zuckte zusammen. Eine Erregung kam über sie, deren Grund sie nicht begriff. »Wer war es?« fragte sie.

Es war Dawill, der bleiche Student mit dem unverschämt-schüchternen Grinsen und irgend ein Zweiter, Unbekannter. Renate ging immer langsamer, je dunkler es wurde, denn ihr Ziel, und das, was sie dort sollte, erschien ihr mehr und mehr abscheulich und entwürdigend. Sie sprach über die Leistungen irgend einer Sängerin, und in ihrem Innern tönte es: sieht niemand, daß ich leide? Als sie hinter dem Hofgarten waren, wo der unterirdische Bach neben der Kasernen-Ruine donnert, blieb Renate stehen und sagte: »Wenn mich jetzt einer nähme und bis nach Australien trüge, ich weiß nicht, wie dankbar ich ihm sein könnte.«

Wanderer blickte ihr eine Sekunde lang ernst in die feierlich glänzenden Augen. Die tiefe Unschuld, in der sie dies hingesprochen, ließ keine Phrase zu, vielleicht gar keine Antwort. Er kam sich machtlos und jünglinghaft vor. Doch sagte er: »Sie müssen mir einmal alles erzählen. Wollen Sie?«

Sie erwiderte nur mit einem seufzenden Lachen.

»Kann man es nicht sagen?«

»Nein.«

»Aber ich weiß es doch. Seit heute Nachmittag weiß ich alles. Wie komisch übrigens, daß ich Sie hier so begleiten darf, und in ein paar Wochen schon brauchen Sie mich nicht mehr zu kennen.«

»Ja, in ein paar Wochen,« wiederholte Renate mechanisch, und sie ging schneller und schneller, denn die Versäumnisse, welche sie wie in einem schmerzlichen Traum beging, erfüllten sie mit Angst. Nach fünf Minuten war sie am Thor der Villa, vor dem ein Diener geschäftig Ausschau hielt.

4.

»Nun, Renate, das muß ich sagen, so etwas ist mir noch nicht vorgekommen. Bist Du denn von Sinnen? Wie willst Du denn in einer Stunde fertig werden?«

»Ich gehe nicht zu dem Empfang,« erwiderte Renate und fügte auf ein entsetztes und starres Schweigen der Mutter fast aus Mitleid hinzu: »Ich bin krank.«

Loni und Martha standen blaß wie zwei Lilien dabei, rissen die Augen auf. »Ja ich bin krank,« wiederholte Renate.

Das Gesicht der alten Dame wurde fahl. Renate entledigte sich des Hutes und der Jacke und legte sich auf die Ottomane, ohne sich sonderlich um Mutter und Schwestern zu kümmern, die nun doch besorgt wurden. »Was fehlt Dir, Renate? Bist Du müde? Hast Du Kopfschmerzen? Sollen wir den Arzt holen? Warum denn nicht? Friert Dich?« In das herzogliche Palais fuhr so schnell als möglich ein Diener. Wenn ich nur wüßte, was mir fehlt, dachte Renate. Was sie gesagt, war weder Ausflucht noch Lüge. In ihr war eine Bangigkeit ohne gleichen. Was hinter ihr lag, war finster, was vor ihr lag, bestand darin, daß sie morgen wieder hingehen könne, die Saskia von Uhlenburg zu betrachten.

Frau Fuchs tröstete sich. Nun, damals, da sie Fuchs heiratete, hatte es auch unvorhergesehene Zwischenfälle gegeben. Davon ist die Welt voll, schließlich wendet sich alles wieder zum Guten. Jawohl. Unter der Wärme solcher nachgiebigen Weisheit schmolz ihr Groll, und sie lenkte den schweren Schritt zum Schlafzimmer, das feine Seidenkleid mit dem gewöhnlichen Hauskleid zu vertauschen. Wenn Renate erst Herzogin ist, werden diese Aufregungen ein Ende haben, jawohl. Darüber wollte sie heute Abend Patience legen.

Renate lag. Rechts kauerte Loni, links Martha. Renate war stumm, aber die Schwestern unterhielten sich trefflich. »Hat Dich der blonde Leutnant bis ans Haus verfolgt?« – »Bis ans Haus nicht, aber bis zur Brücke.« – »Ich habe ihn neulich gesehen. Sein Schnurrbart wird immer länger.« –»Hat er Dich gegrüßt? Mich grüßt er immer.« – »Weißt Du, an wen er mich erinnert? An den Assessor in ›Moderne Frauen‹ –« – »Pst, wenns die Mutter hört.« – »Ich hab ja das Buch so gut versteckt.« – »Es ist furchtbar spannend.« – »Ja, schrecklich interessant. Ob wohl die Komtesse merkt, daß er sie betrügt?« – »So weit bist Du schon? Betrügt er sie wirklich? Er war mir gleich verdächtig.« – »Zum Schluß geht es gut aus. Ich hab den Schluß voraus gelesen.« – »Schrecklich realistisch ist es geschrieben.«

Renate wurde es kalt ums Herz bei diesem Gespräch. Sie saugte sich an unbestimmten Vorstellungen fest; von schönen Landschaften des Südens, von dem Gesichtsausdruck des Kindes auf dem Rembrandt-Bild, und schließlich tauchte ein Vers auf: die Seele, die in Dir gelebt, wandert zu fernen Höhen ...

Im ersten Stock wurde eine Thür zugeschlagen. Die Magd kam, um Kohlen an den Kamin zu stellen. Ein leiser Pfiff ertönte auf der Straße, setzte sich in kurzen Pausen fort bis in die weite Ferne. Loni erzählte vom ersten Liebhaber des Hoftheaters, einem schönen Mann. Renate beobachtete gequält die tiefe Nüchternheit, die träg und endlos aus allen Ecken stierte.

Frau Fuchs kam mit einem Brief, den die Post eben gebracht. »Nun Kinder, hört einmal, was mir Fuchs da schreibt. Euer Vater hat also beschlossen, die hiesige Fabrik in ein Aktien-Unternehmen zu verwandeln. Eine gute Idee. Fuchs hat immer den Moment zu nutzen gewußt. Er will dann im badischen Schwarzwald ein Haus kaufen, eine Villa oder so. Ein guter Gedanke, jawohl. Die erste Versammlung der Aktionäre soll schon kommende Woche sein. Er will in den nächsten Tagen zurück sein.«

Die Schwestern waren beglückt. Alles, was mit einer Reise zusammenhing, beglückte sie. Frau Fuchs erzählte weiter, daß Fuchs demnächst geadelt werden solle. Sie gab es feierlich kund, mit gefalteten Händen und halbgeschlossenen Augen. Renate richtete langsam den Oberkörper vom Lager auf und stützte den Kopf in die Hand. Die Rückkunft ihres Vaters berührte sie als ein Umstand, der Entschlüsse herausforderte. Aber welchem Entschluß sollte sich ihr schwaches Herz zuneigen? Fest blickte sie in den Ausschnitt des dunklen Abends, der zwischen den weißen Gardinen lag, und sie dachte an Flucht. Es war wie ein Wahnsinn. Das Zimmer wurde ihr zum Gefängnis. Das Wichtigste war, auf Befreiung zu sinnen.

Der Diener kam mit folgendem Billet vom Herzog: Liebe Renate, Du hast ein schweres Versäumnis mit diesem rätselhaften Unwohlsein begangen. Ich weiß kaum, was ich thun soll. Es wird sich nicht wieder gut machen lassen. Ich kann natürlich im Augenblick nicht kommen, werde aber in einer Stunde den Kammerdiener schicken und morgen früh selbst vorsprechen. Eine böse Geschichte. Rudolf.

Ein wildes und glückliches Lächeln huschte über Renates Gesicht, als sie mit einem Ruck aufstand. »Ich gehe in mein Zimmer,« sagte sie, »gute Nacht.« – »Jetzt schon?« fragte Frau Fuchs erstaunt. »Nun, Du hast Recht, Renate. Der Schlaf heilt. Gute Nacht, mein Kind.«

Sie kleidete sich droben hastig an, warf den Shawl über, schlüpfte die Treppe herab in den Flur, der schon finster war – auf das Sparen mit Licht verstand sich Frau Fuchs –, da aber ein Geräusch im Salon und das Knarren einer Thüre hörbar wurde, eilte sie hurtig wieder hinauf. Sie verschloß ihr Zimmer von außen und nahm den Schlüssel zu sich. Klopfenden Herzens lauschte sie, stieg Stufe um Stufe hinab, öffnete das Thor, lauschte noch einmal zurück, hörte die Mädchen und den Diener in der Küche singen und eilte hinaus.

Das Gartenthor war schon verschlossen. Zornig nagte sie an den Lippen. Erregt wie vor einer That, die ihr ganzes Leben entscheiden sollte, ging sie auf und ab. Da fiel ihr das kleine Pförtchen bei der Weinlaube ein. Oft schon hatte sie den Leichtsinn des Dieners gerügt, wenn die kleine Thüre offen geblieben war. Jetzt kam es ihr selbst zu statten: die Klinke gab dem Druck ihrer Hand nach.

Der Wind schlug ihr ins Gesicht, faltete den schwarzen Shawl auseinander und ließ ihn flattern. Es war eine verlassene Nacht. Wind und Wolken hatten ein Bündnis gegen den Mond geschlossen, trüb schimmerte der Sandweg zum Neubau des Friedensdenkmals, doch die Stadt in der Tiefe mit dem geordnet-wirren Lichter-Heer war ein guter Wegweiser. Renate ging, so schnell die Füße sie trugen, ohne klares Bewußtsein dessen, was sie wollte.

5.

Der Palast des Herzogs war ein ausgedehnter, zweiflügeliger Bau aus rotem Backstein. Es war ein weiter Weg dahin. Renate traf kaum einen Menschen, und die anerzogene Furcht vor der nächtlichen Straße verlor sich allmählich.

Alle Fenster waren erleuchtet. Vor dem Portal befanden sich zwei berittene Gendarmen, aber ihre Mienen sahen nicht wachfreudig aus. Die Pferde schnaubten und warfen die Köpfe. Der majestätische Portier stand neben dem Schilderhaus und durchmusterte verächtlich die ganze Breite der Straße. Einige Neugierige vor ihm standen in unmittelbarer Linie seiner Geringschätzung. Kaum hatte sich Renate ihm genähert, so wurde er zusehends größer, und sein Kinn näherte sich dem Dachfirst. Doch nach den ersten Worten kehrte dasselbe Kinn wieder in eine angemessene Lage zurück. Dann senkte sich nicht nur sein Kinn, sondern auch der hoheitgewohnte Nacken und mit ihm die Schultern, die das ganze Gebäude von Ernst, Anstand und Würde zu tragen bestimmt war. Erstaunen und Ratlosigkeit verursachten, daß die Beine ihre respektwidrige Querstellung behielten.

Von da an wurde alles Vision eines zerrütteten Herzens. Ein dumpfes, düsteres Eckzimmer des Mezzanins; tiefgeschraubte Gasflammen; Möbelstoffe von moderigem Grün; ein Diener, der kommt und sich entfernt; Renate selbst, die ihre Lage überdenkt, als ob sie aus einem Buche läse; ein fester, (nicht übereilter) Schritt; der Herzog, der an der Thüre stehen bleibt; die Stille des Zimmers, die nun doppelt deutlich fühlbar ist; eine unwillige und staunende Stimme wie aus großer Ferne; Worte wie: Abenteuerlichkeit, Gerüchte, die im Keim erstickt werden müssen, und dann deutlicher –

»Warum schützest Du Krankheit vor, Renate? Warum diese Tollheit? Nach diesem Schritt muß ich Dir vorschlagen, einige Wochen zu meiner Mutter auf Schloß Giesingen zu gehen.«

Renate: »Ich weiß nicht. Ich wollte mich eine Stunde lang frei fühlen. Etwas aus mir selbst herausthun. Und sehen wollte ich, – hier wurde die Stimme kaum hörbar – ob Du das mitfühlen kannst. Aber Du kannst es nicht.«

»Ja Renate, was soll man dazu sagen. Ich bin keiner von den Ceremoniösen. Gewisse Dinge sind aber nötig, damit man friedlich in der Gesellschaft leben kann. Meine Herzogschaft achte ich für wenig. Es ist mein altes Ideal, eine Bürgerliche zu heiraten, das Blut zu erneuen. In Dir wurden meine Hoffnungen übertroffen.« Eine Hand, die über Renates Haar streicht. Renate ist gequält durch das Ueberflüssige, Phantastische ihrer nächtlichen Flucht. Denn es ereignet sich nichts. Es bleibt im Grunde alles wie zuvor.

Renate spricht, und es scheint, daß der Raum dunkler wird vor ihren gesenkten Lidern. »Du glaubst vielleicht, ich bin stolz, und fürchte, daß ich nur geduldet werde. Aber ich bin noch viel stolzer. Ich fürchte das gar nicht.«

Der Herzog lächelt unruhig, blickt nach der Thüre, lauscht nach oben, murmelt etwas vom Portier und vom Diener, denen man Stillschweigen befehlen müsse. Er kommt sich dem jungen Mädchen gegenüber machtlos vor, das in seinen Augen wächst, weil er aufhört, es zu verstehen. Er will Renate in die Arme schließen. Renate macht eine erschrockene Bewegung. Ihr Blick weist ihn unwiderstehlich zurück. Sie hat die bedrückende Empfindung, als ob alles, was ihre zagen Hände berühren, ekel und widerwärtig würde.

»Du bist mir teurer als alle Frauen der Welt,« hört sie wie durch eine Wand. Sie ist erbittert und entgegnet, durstig nach einem lügenlosen Wort: »Ich kann nicht, ich ahne etwas, wovor mir graust.« Sie legt das Gesicht in das Polster und bleibt unbeweglich. Der Herzog, kreidebleich, fragt nicht weiter. Er mißversteht sie. Frage und Antwort scheinen ihm gefährlich, denn er blickt in die Wirrnis der Vergangenheit. Das Unausgesprochene läßt Renate begehrlicher erscheinen. Es ist, als sei sie die Herzogin, und er der erhobene Verlobte.

Der Herzog verhüllt sie dicht, bestellt den Wagen an ein Nebenthor und führt sie hin. Er verspricht sich Klärungen von morgen, er küßt ihre Hand, gibt dem Kutscher Befehle, die Pferde stürmen fort. Die Nacht ist doppelt dunkel, die entblätterten Sträucher sind doppelt nah. Zwanzig Schritte vor dem Haus hält der Wagen.

Sie gelangt unbemerkt in ihr Zimmer. Sie wirft sich angekleidet, bei brennender Lampe, aufs Bett und wundert sich, daß niemand im Hause sie gehört hat. Das Erlebte kommt ihr unwahrscheinlich vor. Jetzt erst hört sie die Dienstmädchen kichernd und schäkernd in die Mansarden hinaufschlürfen.

6.

Verehrtes Fräulein Renate, obwohl ich weiß, was ich mit diesem Brief begehe, muß ich ihn doch schreiben. Es gibt Dinge, die man thut, ohne daß der Wille in Frage kommt. Ich will Sie nicht verletzen mit dem, was ich jetzt schreibe. Nichts wäre mir schrecklicher, als zu wissen, ich hätte Sie verletzt. Sie dürfen mir auch nicht böse sein, daß ich schreibe. Der Inhalt wird Sie überzeugen, daß es nicht noch einmal geschehen wird. Gestern sagten Sie, Sie kämen vielleicht noch einmal zur Saskia, wollten auch andere Bilder mit mir ansehen, und wir wollten darüber sprechen. Aber es ist nicht möglich. So gern ich es wünschte, ich kann nicht mehr kommen. Was in diesem Satz enthalten ist, Kämpfe für mich, das Beleidigende für Sie, – ich darf es nicht näher erklären. Ich will bald abreisen, verehrtes Fräulein, denn ich habe mir die Sache so überlegt oder ausgedeutet, daß es unheilvoll für mich sein könnte, zu bleiben. Doch warum soll ich Sie mit Rätseln belästigen. Es könnte anmaßend erscheinen, und andererseits habe ich nicht in meiner Macht, das, was so plötzlich über mich gekommen ist, plötzlich zu verbergen. Vielleicht stimmt Sie diese Andeutung versöhnlich. Erlauben Sie mir, Sie zu grüßen und Ihr künftiges Leben mit meinen Wünschen zu begleiten. Anselm Wanderer.

Leni kam ins Zimmer gehüpft. »Es ist so schön, wir wollen ausreiten, gegen Thalkirchen hinunter. Thust Du mit, Renate? Du darfst Dich heute nicht ausschließen wie sonst.«

»Natürlich thu ich mit,« entgegnete Renate mit einem so glücklichen Leuchten im Gesicht, daß die Schwester stutzte.

»Was hast Du denn für einen Brief bekommen, Renate? Mama sagt, es schickt sich nicht, daß Du für Dich Briefe erhältst. Also schnell, kleide Dich um, es ist wunderschön.«

Eine halbe Stunde später saß Renate auf ihrem Rappen, die Schwestern auf Grauschimmeln hinterdrein, zuletzt der Lakai.

Wie ein Kind im ersten Schlaf lag die Landschaft: duftig und frisch. Renates Augen glänzten, sie spornte ungeduldig das Roß, das seine leichte Last windschnell davontrug. Die Schwestern waren in heller Angst. Aber sie konnten kaum reden und sehen. Die Augen brannten vom Sonnenlicht, das blendend auf dem grünen Strom lag.

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