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Die Geschichte der jungen Renate Fuchs

Jakob Wassermann: Die Geschichte der jungen Renate Fuchs - Kapitel 2
Quellenangabe
pfad/wasserma/renate/renate.xml
typefiction
authorJakob Wassermann
titleDie Geschichte der jungen Renate Fuchs
publisherS. Fischer Verlag
year1901
firstpub1903
correctorreuters@abc.de
senderHolger Schmidt
created20120522
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Erstes Kapitel

1.

In der Mitte des September ereignete sich ein ungeheuerlicher Vorfall, von welchem einige Tage lang ganz München sprach.

Gegen die Abendstunden herrscht in der Nähe der Akademie und der Universität bewegtes Leben. In einer der Straßen, die sich dort in mathematisch genauen Rechtwinkeln durchschneiden, steht ein altes und ziemlich baufälliges Haus. Um die Zeit, wo die Studenten schon die letzten Collegien durch die Gartenseite zu verlassen pflegen, erschallte aus dem Flur dieses Hauses ein lautes Geschrei. Gleich daraus stürzte ein völlig nacktes Mädchen aus dem Thor auf die Straße. Sie hielt beim Laufen die Arme in die Höhe, und zwar in einer sonderbaren Weise: als ob sie fürchte, ein schwerer Gegenstand könne über sie herabfallen. Sie schrie nicht in abgesetzten Lauten, sondern es war ein einziger langgedehnter Ruf, von der Zeit, die sie brauchte, um aus dem Hofatelier bis in die noch helle belebte Straße zu gelangen. Es ist klar, daß sofort jeder Verkehr auf diesem Teil der Straße stockte. Menschenmassen liefen zusammen, deren plötzliches Auftauchen etwas Rätselhaftes hatte. Die Fenster der Wohnungen öffneten sich für erschreckte Gesichter, die dann allmählich ins Grinsen kamen, – aus naheliegendem Grund.

Dem Mädchen zunächst hatte sich ein Kreis von Studenten gebildet. In blöder und komischer Ratlosigkeit starrten sie auf den am Boden liegenden nackten Körper. Das Gesicht der Hingestreckten war in die verschränkten Arme hineingewühlt. Die Haare, die sehr kurz waren, fielen aufgelöst, braungolden nur wenig über den Nacken. Die Haut schimmerte bräunlich und zuckte bisweilen wie bei nervösen Tieren. Jemand fand, ein Arzt müsse beispringen, doch es war kein Mediziner unter den Gaffern. Manche waren blaß, manche lächelten gespreizt, manche thaten außergewöhnlich wichtig wie in einem Thatendrang, manche fanden sich ergötzt wie im Schauspiel, warteten gespannt und phlegmatisch auf den Fortgang der Ereignisse, einige fanden die öffentliche Sittlichkeit bedroht, und währenddem verengerte sich der Kreis, denn von allen Seiten drängten die Hintenstehenden vorwärts.

Nur ein Einziger trat schließlich aus den Reihen, indem er sich mit den Elbogen Platz schaffte, kniete nieder und breitete seinen langen, hellgrauen Havelock sorgfältig über die Liegende. Dann versuchte er den Kopf des Mädchens zu heben, begegnete aber einem krampfhaften, unerwarteten Widerstand. Die feststehende Menschenmasse schloß jede Hilfe von außen und jede Aufklärung des Vorfalls zunächst aus. Indes war es sein Entschluß, das Peinliche der Öffentlichkeit abzukürzen, und er winkte einem der jungen Herumsteher. Beide ergriffen den unbeweglichen Mädchenkörper, ein dritter half, die Menge wich mechanisch und träg zurück, eine schmale Gasse öffnete sich, und die drei eilten schnell mit ihrer Last in denselben Hausflur, aus welchem das Mädchen geflohen war. Sie brachten es geschickt zuwege, das Thor zuzuschlagen, ehe noch ein Einziger der Nachdrängenden mit hereinkommen konnte und schoben mit einiger Mühe einen großen verrosteten Riegel vor. Draußen wurde gepocht, geklopft, gehämmert, schließlich kamen Stöße, daß das Thor wankte und das morsche Schloß seufzte, dann pfiffen sie und gröhlten; plötzlich jedoch wurde es ganz still.

Aber was nun? Als es still war, hörten die drei das junge Mädchen in einer bekümmerten Weise in sich hineinweinen, immer mit dem zwischen den Armen verwühlten Gesicht. Der Flur war leer, die Stiege leer, die Weinende stand nicht Rede, kein Laut im ganzen Haus war vernehmbar. »Was sollen wir nun anfangen, Herr Wanderer?« fragte einer der jungen Menschen (er hieß Dawill) fast schadenfroh. Oder möglich, daß an dieser »Schadenfreude« sein blasses Gesicht schuld war, welches beständig ein aufdringlich-bescheidenes Lächeln zur Schau trug. Diesmal brach das Lächeln jäh ab, denn durch den Hof kam plötzlich in höchster Eile, was seinem Gang etwas grotesk Abgehacktes verlieh, ein Mensch von vielleicht fünfunddreißig Jahren. Bei dem Mädchen stehend, beugte er sich erst vorsichtig lauschend über dessen Körper, flüsterte mit einem Ausdruck von verzerrter Inbrunst im Gesicht: »Gisa! Gisa!« nahm dann die Liegende auf seine Arme, was bei seinen anscheinend geringen Kräften erstaunlich aussah, trug sie in den Hof und von dort in den Eingang einer erdgeschössigen Wohnung.

Dawill öffnete das Thor und wurde von zwei sehr streng aussehenden Polizisten in ein Verhör gezogen, während Hunderte von Menschen in Gruppen beisammenstanden und sich neugierig wiederum gegen das Thor drängten. In demselben Augenblick kamen zwei junge Damen die Treppe herab, eine schlanke, blasse, vornehme und eine plebejisch lachende, schwatzende. Wanderer wurde sehr aufmerksam durch den intensiv abgekehrten, tiefgrüblerischen Ausdruck im Gesicht der Einen, die er von seiner Begleiterin Renate nennen hörte. Es war etwas in dem Gesicht, das in unterirdischer Verbindung mit dem Vorfall zu stehen schien, dem er soeben beigewohnt. Beide Damen stiegen in einen Zweispänner, der jenseits der Straße am Universitätsgarten stand, und fuhren davon.

Dawill und der andere Student, ein wollhaariger Jude mit dem einfältigen Gesicht eines angestrengten Tänzers, verabschiedeten sich mit studentischer Umständlichkeit von Wanderer. Sie sahen aus, als hätten sie eine religiöse Feier veranstalten helfen. Noch eine junge Dame kam aus der Malschule von oben, hielt errötend ihr Taschentuch vor das Gesicht und wurde von den Belagerern des Thors, die sich wie um ein Schaustück geprellt erschienen, höhnisch angestarrt. Ein Gendarm kam, sah sich hochmütig um, musterte Wanderer, der that als erwarte er Jemand, und stapfte dann gravitätisch in den Hof.

2.

Wanderer wartete auf seinen Mantel, – und im Grunde auf weit mehr. In ihm war eine Saite zum Schwingen gekommen, die nun nicht mehr aufhörte zu vibrieren. Die Menge verlief sich in den leichten und dennoch lastenden Septembernebel der Straßen. Schließlich erschienen noch zwei Journalisten, die mit albernem Gethue den Lokalaugenschein vornahmen, als hätten sie niemals einen Hausflur und einen Hof gesehen. Oben ging eine Thür auf, und Klaviergeklimper gellte durch das Stiegenhaus. Der Gendarm, mit schweren, respekteinflößenden Stiefeln, kam wieder zum Vorschein.

Als Niemand sonst sich sehen ließ, ging Wanderer in den Hof, und, kühn gemacht durch seine Erwartungen, öffnete er die Thüre, die ihn lockte. Aber im Begriff einzutreten, wurde er von jenem Mann zurückgeschoben, der das Mädchen fortgetragen, und der nun zugleich mit Wanderer wieder in den Hof trat. Er trug ein überaus kleines, grünes Hütchen; sein dichter rotblonder Schnurrbart bedeckte den Mund und hing, halbkreisförmig, über das Kinn herab. Den Mantel hatte er schon über dem Arm, und als er ihn Wanderer reichte, sagte er langsam; »Sie will allein sein. Sie muß Ruhe haben.« Dann fügte er mit einer rednerischen Betonung der Worte und mit fernhinsehenden Augen hinzu: »Denken Sie sich alle Tragödien aller menschlichen Seelen zusammengepreßt in eine einzige und Sie haben das, was Sie eben erlebten.« – Wanderer machte erst ein gedankenvolles Gesicht, dann nannte er seinen Namen, errötete aber, weil ihm dies knabenhaft erschien. Der Grünhut wandte sich ab, hörte kaum darauf, drückte wie im schmerzlichen Kampf Lippen und Augen zusammen. Nach einer Weile erst drehte er sich um und murmelte gleichgiltig: »Süssenguth. Christian Süssenguth.«

Sie gingen hierauf Beide die Straße gegen die Akademie zu, und es war zu hören, daß die Leute sich noch immer nicht beruhigt hatten. Aber das Gerücht lief jetzt wie herrenlos umher, gab Jedem das, was er davon nehmen mochte. Wanderer wollte nicht neugierig thun, nicht um Erklärungen betteln; stumm schritt er an der Seite des Grünhuts, in der Bedrücktheit eines Untergeordneten. Süssenguth schien von vielen Leuten gekannt zu sein, wurde häufig gegrüßt, meist mit jener achtungsvollen Zurückhaltung, die Vertrautheit ausschließt. Endlich befragte er Wanderer um einige Kleinigkeiten, Gleichgiltigkeiten. Zuerst hatte er den Namen vergessen. – Anselm Wanderer. – Wo er her sei. – Aus Wien. Dort hätten seine Eltern lange gewohnt. Geboren jedoch sei er in Franken, in Nürnberg. – Was er treibe, ob er mit Lust studiere. – Nein; »nicht mit einem Hauch meiner Seele.« – Also vielleicht ein Wanderer? – Nein, eigentlich kein Wanderer. Eher ein Phlegmatiker, oder doch ein Stillehalter. – Es sei auch nichts mehr mit dieser Art von Studieren. Die jungen Menschen nützen sich ab, jeder sterbe mit neun Zehntel seiner Eigenart. –

Süssenguth wurde rasch leidenschaftlich, als ob Leidenschaft die Atmosphäre sei, darin er einzig leben könne. Seine Gesten wurden weit, übermäßig edel, als ob er auf einem Forum stünde, und er beachtete die Passanten nicht mehr. Wanderer stimmte zu, machte eine richtige Bemerkung, die naheliegend war, und die Freude, mit der Süssenguth ihm zustimmte, war einer Umarmung gleich. Sein Gesicht in der Ruhe war wie ein bewegungsloser Vorhang seines Innern; wenn er sprach, war alles durchglüht. Wanderer hatte manchmal ein Gefühl wie bei einem Theaterstück. Er war gespannt und voll nicht ganz aufrichtiger Zustimmung. »Wo gehen Sie denn hin?« fragte Süssenguth, als ob sie sich schon jahrelang kannten. Wanderer entgegnete, er habe einen Besuch zu machen. Doch Jener hörte ihm nicht mehr zu. Das kleine Töchterchen einer vornehmen Dame, die auch Anselm Wanderer bekannt war, rannte in vollem Galopp auf Süssenguth zu, lachte und jauchzte. Er beugte sich zu dem Kind herab, und sein Gesicht zeigte eine leidende Verzücktheit, eine krankhafte Extase. Es schien wie Liebe und Hingebung, die nach Verwirklichung außerhalb des Menschlichen strebten.

Wanderer grüßte und ging.

3.

Herbst, wunderbarer Herbst! Zeit der Sammlung und der Entschlüsse, der Reife, der Ruhe! Wo alle Willenlosigkeiten sich verflüchtigen, alle Trübungen sich klären. Mit solchen Gefühlen schritt Anselm Wanderer gegen den englischen Garten hinab, über dem die mattgefärbten Nebel lagen und dessen bräunendes Laub sich scharf vom Himmel hob. Der nahe Abend brachte eine gewisse Festlichkeit über die Straßen und drunten über den verschwimmenden Park. Wanderer blieb stehen, als ob er sich sein Leben ansähe, das Fertige und das Kommende zugleich. Darüber lagen die vielen ziehenden Wünsche gebreitet: Nebel, erst rosenrot gefärbt, dann grau und dunkel werdend, eins mit der Nacht.

Eine Viertelstunde später befand er sich schon in der Villa bei seiner Freundin, der alten Baronin Terke. Unterwegs hatte ihn unsichtbar jener Süssenguth begleitet wie ein Stück von ihm selbst, um ihn auszuforschen, und Wanderer war beunruhigt, beschloß, den Schatten nicht aus dem Auge zu lassen.

Bei Terkes wurde er herzlich begrüßt. Vor vierzehn Monaten hatte man sich zuletzt in Wien gesehen, denn Wanderer war erst vor einer Woche von dort gekommen. Die Baronin wußte eine Menge von Neuigkeiten und erzählte eine nach der andern, so wenig sie auch zusammenpassen mochten. Ihr Gesicht glich etwa dem einer greisenhaften Puppe, war geschminkt und gepudert, und das Haar bildete oft kunstvolle Ringe. Sie atmete schwer, stöhnte, wenn sie sprach und machte bei alledem die Liebenswürdige und Amüsante. Sie war eine unerschöpfliche Chronik von Neuigkeiten, und mit geistreicher Nachlässigkeit sagte sie Dinge, die Andere in ihr Tagebuch als »Maximen und Aussprüche« notiert hätten. Bisweilen lachte sie lustig auf, hell, klirrend, (ihr Lachen war eine Rakete) um dann plötzlich in den bleiernen Halbschlaf der Morphinisten zu versinken. Dann schreckte sie empor, sagte Ja, schlug sich burschikos auf die Schenkel, und scheinbar harmlos lächelnd setzte sie unbefangen ein Gespräch fort, welches die Andern längst schon vergessen hatten. Diese Andern waren neben Wanderer ihre Schwägerin, die Gräfin Terke, – voll Würde, Gelassenheit, Vornehmheit, – und Adele, – die mühevoll verhaltene Schalkhaftigkeit eines leichtflüssigen Temperamentes.

Man saß beim abgedämpften Licht einer großen Lampe, in einem Zimmer, dessen Wände mit purpurfarbenem Stoff bekleidet waren. Vor den Fenstern zog der Abend wie greifbar vorbei, die Straße mit bläulicher Dämmerung füllend. Nichts Wesentliches geschah in diesem Raum; hier stand das Leben vornehm still, und während sich Anselm Wanderer in der geräuschlosen Weise unterhielt, wie sie die Stunde und der Ort gebot, dachte er an ein Leben voll Gefahren gleich einem Knaben, der die Lederstrumpf-Erzählungen liest. Wie eine Ferngerückte saß die Gräfin Terke da, mit ihrem schönen Haar von reinstem Silberweiß und dem gleichmäßig lilafarbenen Kleid. Sie sah wie eine Rokoko-Königin aus, hörte halb mitleidig, halb belustigt auf das wiederbelebte Geplauder der Baronin, die von ihrem Hund erzählte. Ein Thema, das Unendlichkeit in sich trug. »Tiger« war ein Bursche mit langhaarigem Fell, unfähig zu laufen, unfähig zu schnaufen, in seinem Fett vergehend, und von seinen Beinen waren nur drei gebrauchsfähig. Jeder Polster war ihm zu hart, jeder Leckerbissen zu gering, jede Liebkosung molestierte ihn, und wenn er allein sein mußte, bekam er einen Spiegel vor sein Lager gestellt, um sich am Anblick seines teuren Ichs gütlich zu thun. Diese kostbare Sache von Hund blieb lange der Gegenstand des Gesprächs, aber die Geschichte mit dem Spiegel führte auf die Geschichte einer Dame, die so lange vor dem Spiegel stand, bis sie irrsinnig wurde, und damit hing wieder eine neue, höchst interessante Geschichte zusammen, die möglichst schnell und atemlos einzuschalten war, die aber durch eine eintretende junge Dame unterbrochen wurde, bei deren Anblick Wanderer erblaßte. Unvermittelt sah er sich wieder in dem öden, hallenden Hausthor der Amalienstraße, wo dieselbe Schlanke, Blasse die Treppe heruntergekommen war. Die junge Gräfin stellte vor und setzte sich dann gleich zu Fräulein Fuchs auf die Ottomane.

Anselm Wanderer wurde plötzlich gesprächig, und, innerlich unsicher, sagte er viele überflüssige Dinge. Er wandte sich zu der Neuangekommenen und sagte mit der Bedeutsamkeit eines Witzigen: »Es ist die Duplizität der Fälle, daß ich Sie hier treffe, Fräulein, und gerade heute.« Die junge Dame wandte ihm das Gesicht zu und blickte verdutzt auf seinen Kragen. Er wurde verwirrt, wollte nicht näher auf die Begegnung und ihre Ursache eingehen, und erzählte schließlich von seiner Bekanntschaft mit Süssenguth, aber nur davon. Nachdem er eine Reihe von Sätzen in feuilletonistischer Weise aneinandergeheftet, bemerkte er, daß er wenig Anklang damit fand. Nur die Augen des Fräulein Fuchs waren unablässig auf ihn gerichtet. Es waren schwarze Augen, in diesem halben Licht wie glänzende Kohlen anzusehen, aber scheinbar ohne Tiefe. »Sie kennen ihn?« fragte Wanderer fast mechanisch.

»Diesen Juden? Nein.«

»Sie sagen es so verächtlich. Weil er ein Jude ist?«

Sie zuckte die Achseln und öffnete den Mund, was ihrem Gesicht etwas Kindlich-Hülfloses gab. »Freundinnen haben mir von ihm erzählt, – das heißt,« fügte sie leiser und den Blick senkend hinzu, »bekannte Mädchen.«

Damit endete dieser Teil der Unterhaltung, doch von da ab war jeder Einzelne mit etwas anderem beschäftigt, als mit dem, wovon er gerade sprach.

4.

Es fügte sich, daß Anselm Wanderer und Fräulein Fuchs zugleich aufbrachen. Ihr Wagen wartete unten, aber da es so ein schöner Abend war, wollte sie gehen, wenn er es nicht langweilig finde, sie zu begleiten. Während sie die Treppe heruntergingen, bewunderte er ihre Gestalt, ihre Freiheit der Bewegung. Sie hatte nicht das Gepreßte und Beengte der jungen Damen ihres Kreises; ihre Freiheit nach außen gab Andern innere Sicherheit.

Der Abend war in Wahrheit schön. Die Laternen hingen wie Lampions in der Luft, die zu dampfen schien, die alles unsichtbar machte, was nicht zu dem Frieden sich eignete. Beide schritten kaum, dachten kaum. Endlich sagte Wanderer, wo er sie vor Stunden gesehen habe, und daß sich so seine Bemerkung, die er vor Terkes nicht begründen wollte, von selbst erkläre. Sie blieb stehen, und ihm war, als sehe er sie größer. Doch sie hatte, in ihrer Weise, den Mund ein wenig geöffnet und suchte nach einer Erwiderung. Wanderer fragte, seltsam berührt, was sie denn eigentlich gegen Süssenguth hätte.

»Erstens, – ich hasse die Juden!« antwortete sie, – doch durchaus nicht haßerfüllt, sondern fast flehentlich.

»Ernsthaft?« Wanderer lächelte.

»Sind Sie denn einer?« fragte Renate Fuchs, jetzt ebenfalls lächelnd.

»Nein, das nicht. Aber ich könnte doch ebensogut einer sein; dann wären Sie aufgesessen.«

»Aufgesessen? Das versteh ich nicht.«

»Na gleichviel. Aber, Sie sagten »erstens«, vorhin.«

»Ja, und dann ist es ja stadtbekannt, was der alles treibt. Kindern schreibt er Briefe. In jedes Mädchen ist er verliebt. Dann predigt er Dinge, an die man gar nicht denken darf, sitzt in ...schrecklichen Lokalen bei ...schrecklichen Frauenzimmern. Das alles habe ich gehört.«

»Aber er scheint Sie doch zu interessieren?«

»Mich? Kaum. Es giebt Frauen, die für ihn schwärmen. Ich weiß nicht warum. Oder doch. Er sagt nämlich, – aber es ist ja ganz gleichgiltig.«

Doch als Anselm Wanderer schwieg, fügte sie leiser und etwas nachdenklich hinzu: »Er wirft sich zum Retter der Frauen und Mädchen auf.«

»Wieso? Was – ist da zu retten?«

»Vor den Männern will er sie retten.«

»Wie albern!«

»Nicht wahr!« gab sie triumphierend zurück, als ob ihre Zweifel jetzt ein Ende hätten.

»Ich verstehe es überhaupt nicht. Was ist da zu retten?«

»Ich kann Ihnen das nicht so sagen, wie es mir erzählt wird.«

Diese kindlichen Worte rührten ihn. Doch sie, wie es schien, von neuem gequält, sagte sehr langsam, wobei sie auch ihren Schritt verzögerte: »Er meint, daß alle die körperlichen Tugenden, die die Männer von uns verlangen, nichts als Lug und Trug sind. Er meint, daher kommt es, daß so viele, viele Frauen zu Grunde gehen.«

Das erschreckte Anselm Wanderer, nicht durch den Inhalt, sondern dadurch, daß sie es sagte, ihm sagte, von dem sie kaum den Namen kannte. Doch Renate Fuchs fühlte wie durch eine Eingebung seine Empfindungen mit und fügte hinzu – (jetzt kam es ganz deutlich zum Vorschein, wie gequält sie durch all das Zeug war) –: »Sie staunen, daß ich Ihnen das so mitteile. Aber dann ist es ja wahr, daß man uns blind machen will. Der Süssenguth da, er ist ja ein Narr, – ist er nicht ein Narr?«

»Ich sollte glauben, Fräulein.«

»Nun natürlich; aber ich habe ihn einmal sprechen hören. Es war auf einer Bank unter den Arkaden. Ich saß mit Adele Terke auf der Nebenbank und Adele kicherte fortwährend. Einige Freunde waren mit ihm. Er war sonderbar, sehr sonderbar. Er sagte das, – hören Sie nur – er sagte: ein Mann kann fallen, eine Frau kann niemals fallen.«

Wanderer schwieg. Er senkte den Kopf und sah in diesem Augenblick Süssenguth mit seiner begeisterten Hingabe an das Wort, das pure Wort. Und sonst? Ein kleiner, blasser Mensch mit einem grünen Hütchen und einem Jägerhemd.

»Und dann sagte er weiter«, fügte das junge Mädchen hinzu, gänzlich wiederversunken in jene Situation, »er sagte: die Frau hat eine Asbestseele. Sie bleibt unversehrt im Feuer des Lebens.«

»Und das haben Sie so fest behalten? Es sind Extravaganzen. Das Originelle ist selten wahr.« Wanderer wollte kritisch sein, fühlte sich aber ein wenig ärmlich in diesem Augenblick.

»Warum darüber reden!« sagte Renate Fuchs. »Ich wollte nur, Sie würden meine Freundinnen kennen. Seele, Seele! An denen ist gar keine Seele. Es sind junge Mädchen mit schönen Kleidern, die sich aufs Heiraten freuen.«

Damit hatte das Gespräch ein Ende. Sie waren bei der Brücke über den linken Isararm angelangt. Dort wurde ein Friedensdenkmal gebaut, in der Höhe über den Stufen, die zum Rondell führen. Man sah auf lange Lichterreihen hinunter und die Finsternis dazwischen hatte etwas von einem Tier, einem ungeheuren schlafenden Wurm. Der Strom rauschte, aber die Ruhe brach durch das Rauschen hindurch wie der Stoff durch eine Stickerei.

Renate Fuchs blieb vor einem Gartenthor der Maria Theresiastraße stehen, bis der Wagen kam, der durch die Maximilansstraße nachfuhr. Ihr Gesicht war ruhig geworden, und ihre Augen glänzten nicht mehr so sehr. Sie behauchte den Schleier, und Anselm dachte, von dieser Gewohnheit werde es wohl kommen, daß sie den Mund oftmals halb öffnete. Weiße, enge Zähne blitzten dann hervor. »Hören Sie das Gehämmer drinnen?« fragte sie, während schon die Räder des Wagens drüben auf der Straße knirschten. »Bei uns ist großes Fest morgen.«

»So? Haben Sie Geburtstag?«

Renate lächelte und schaute starr in die Blendlaterne des einbiegenden Wagens. »Ich werde mich verloben. Aber das sag' ich nur Ihnen. Heute darf es noch Niemand wissen.«

Immer stärker wurden ihre Züge von der Blendlaterne beleuchtet. Es war ein schönes, kindliches und zugleich frauenhaftes Antlitz. Beständig zuckten die Lippen. Beständig liefen ein paar störrische Haare von den Schläfen herein. Die Augenbrauen waren hohe, dünne, schwarze Halbkreise. Sie hielt den Kopf ein wenig gegen die linke Schulter geneigt und lächelte.

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