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Die Geschichte der jungen Renate Fuchs

Jakob Wassermann: Die Geschichte der jungen Renate Fuchs - Kapitel 18
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pfad/wasserma/renate/renate.xml
typefiction
authorJakob Wassermann
titleDie Geschichte der jungen Renate Fuchs
publisherS. Fischer Verlag
year1901
firstpub1903
correctorreuters@abc.de
senderHolger Schmidt
created20120522
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Siebzehntes Kapitel

Die Bäuerin, die in die Dunkelheit eines Wiesenplans heraustrat, welcher mit einem dürftigen Zaun umschlossen war, sah prüfend und angestrengt den eintretenden Frauen entgegen. Ihr Kopf war mit einem Tuch umwunden, ihr Gesicht war auffallend intelligent und von bewegtem Mienenspiel. »Welche ist die Schwester?« fragte sie mit einer herben, tiefen Stimme, und fügte dann, ausschließlich zu Miriam gewendet hinzu: »Er hat Sie den ganzen Tag erwartet. Er war ungeduldig und hörte nicht auf meine Worte.«

»Führen Sie uns zu ihm,« antwortete Miriam, kaum der Sprache mächtig, mit beiden Händen nach dem Arm der Frau greifend.

»Er schläft jetzt,« sagte jene mit einem Gesicht, welches aussah, als sei es unfähig, zu lächeln. »So lange er schläft, müssen Sie warten, und wenn es Gott will, müssen Sie die ganze Nacht warten.«

»Aber sehen will ich ihn.«

»Das geht nicht an,« erwiderte die Bäuerin. »Ein Blick kann unruhige Träume machen. Wenn Sie Hunger haben, es giebt hier Milchsuppe, schwarzes Brot und Butter.«

»Wo ist er? Wo ist Agathon?« forschte Miriam, mit furchtsamen Augen die Alte betrachtend.

»Die Holzstiege links geht zum Heuboden, unten ist die Kuh. Daneben sehn Sie den Thorweg und ein Stück von der Steintreppe. Die Steintreppe führt in den Turm hinauf und da liegt er. Die Mauern droben sind zwei Meter dick. Kein Wetter kommt da hinzu.«

»Ein Turm? Ich sehe keinen Turm.«

»Wir nennen es den Turm, wenn's auch keiner ist. Es braucht nicht alles so sein, wie man's nennt. Gott ist auch im Unglück, und wir schreiben's doch dem Teufel zu.«

»Wie kommt es denn, daß Agathon hier ist, sagen Sie? Wo ist der Arzt und was meint er? Meint er, daß Agathon bald gesund wird?«

»Viel auf einmal. Aufs Fragen bin ich eingerichtet, aufs Antworten nicht immer. Aber sei's drum, da Sie die Schwester sind. Wen haben Sie denn da mitgebracht?« Sie deutete auf Renate, die auf der Bank unter einem alten Birnbaum saß und sich nicht regte.

»Es ist eine Freundin,« gab Miriam verschüchtert Auskunft. »Allein hätte ich nicht reisen können. Ich selbst ...habe Unglück gehabt ...hatte das mit Agathon nicht erwartet.«

»Ja, was thut Gott nicht alles,« murmelte die Bäuerin. »Das Unerwartete zeigt uns, was wir wert sind. Ich will Ihnen jetzt zu essen bringen, dann können wir ja immerhin reden.« Die Entschiedenheit in allem, was das Weib sprach, machte Miriam bange. Sie sah ihr nach, wie sie mit festem, bedächtigem Gang dem Schuppen zuschritt und setzte sich dann zu Renate, die kein Wort redete, sondern hinüberblickte auf die kaum noch wahrnehmbaren Umrisse der Schloßruine. Die Bäuerin kam mit einem Tisch zurück, den sie mit erhobenen Armen trug, und auf welchem das Notwendige für ein Abendessen vorbereitet war. »Ins Zimmer können Sie nicht herein,« sagte sie, »da ist kein Aufenthalt für Sie. Schlafen müssen Sie oben im Heu, das heißt, immer die eine, die andre kann bei ihm wachen. Es ist ganz gut, daß Sie zu zweien sind. Marika!« schrie sie hinüber, »bring die Laterne heraus!«

Das Kind, welches Miriam und Renate hinaufgeführt, brachte eine Art Stall-Laterne, stellte sie auf den Tisch, lächelte kaum merklich und huschte davon wie ein scheuer Vogel. »Es ist noch kühl außen,« sagte die Bäuerin, ohne auf ihr Mädchen zu achten und sah mit verschränkten Armen neben dem Baum stehend zu, wie Miriam und Renate, mehr mechanisch als aus Hunger zu essen begannen. Sie beobachtete die nervöse Ungeduld, zu fragen, zu erfahren, auf Miriams Gesicht, schwieg aber beharrlich, so lange die beiden aßen. »Haben Sie Gepäck mitgebracht?« fragte sie endlich.

Miriam nickte, war aber nicht fähig, zu antworten. »Wir haben alles auf dem Bahnhof liegen und lassen es morgen holen,« sagte Renate an ihrer statt. Die Bäuerin heftete den Blick ihrer stahlgrauen, dumpf leuchtenden Augen fest auf Renate. Dann schob sie einen Bottich, der hinter dem Baum stand, näher und setzte sich darauf, vor die Schmalseite des Tischs.

»Was ist es also mit Agathon, Frau!« brach endlich Miriam mit flüsternder Stimme aus. Sie zitterte.

»Frau Wilmofer können Sie mich nennen,« versetzte die Bäuerin ruhig. »Er,« – Renate bemerkte, daß jene Agathon nie beim Namen nannte, – »er kam vor drei Tagen. Junge Bekannte sind wir nicht mehr. Vor vierzehn Monaten schon war er im Mährischen, und ich kann sagen, daß er Marika das Leben gerettet hat. Marika war krank, es war tief im Dezember, und wir hatten so viel Schnee wie seit zwanzig Jahren nicht mehr. Ich konnte nicht in die Stadt kommen, des Schnees halber und weil ich Marika nicht verlassen konnte. Wir leben da oben gar nicht in der Welt nämlich. Aber in der größten Verzweiflung, da kam er durch den hohen Schnee, als ob ihn Gott hergetragen hätte. Ich lag schon auf der Diele und heulte, denn Marika regte sich nicht mehr. Seit vier Wochen hatte ich schon keinen Menschen gesehen, und der letzte war der Pippesen-Bola, der uns alle drei Tage mit seinem Wagen das Wasser herauffährt, denn hierherum ist kein Brunnen. Und wie er nun kam aus dem Schnee, war's wie eine Erscheinung und nach, acht Tagen hatte Marika die Gesundheit wieder. Und dann ging er weiter ins Galizische hinüber. Ihn hat Gott hergetragen damals. Vor drei Tagen bin ich bei der Kuh, da hör ich Marika rufen, und wie ich herauskomme, seh ich ihn auf der Bank da und glaubte, eine Leiche sei's. Frau Wilmofer, sagte er, ich kann nicht weiter. Und wir legten ihn hinauf, und der Kreisdoktor kam und Marika lief aufs Amt mit dem Telegramm.«

»Und was sagt der Doktor?«

»Etwas Lateinisches sagt er und den Kopf schüttelt er. Das Herz! Er muß übrigens bald kommen. Früh um neun und abends um neun kommt er. Ein guter Mensch und liebt seine Kranken. Verdrießlich thut er, aber er ist gut und kein Weg wird ihm zu sauer.«

»Aber warum ist jetzt Niemand bei Agathon?«

»Er hat gebeten, daß wir gehn möchten. Nicht einmal Marika soll wachen.«

Ein dumpfer, schwerfälliger Schritt vor dem Zaun ließ alle drei aufhorchen. »Der Kreisdoktor,« sagte die Bäuerin befriedigt, und ihr Gesicht wurde hell. Miriam vermochte sich nicht zu rühren. Sie saß, als ob ein Urteil über sie gefällt werden sollte. Renate legte den Arm um die Schulter des jungen Mädchens. Der Doktor kam, grüßte mit einer komischen Grandezza, indem er seinen verwitterten Hut lüpfte und machte: »Ah, sehr gut, sehr gut,« um zu zeigen, daß er auf alles vorbereitet sei. »Was ist es, was für eine Krankheit ist es, Herr Doktor?« fragte Miriam, dem Aufschluchzen nahe, und erhob sich ungestüm.

Der Kreisphysikus machte ein betrübtes Gesicht, holte mit den Armen aus und schlug sie gegen den Rumpf zurück, wobei er überdies noch die Achseln zuckte. »Degeneration des Herzens, mein Fräulein,« sagte er mit einer sonderbaren Mischung von Wohlwollen, Traurigkeit und wissenschaftlicher Würde.

»Ist es denn gefährlich, ich bitte Sie um der Barmherzigkeit willen, sagen Sie mir die Wahrheit.«

Der Arzt trat völlig in den Lichtkreis der Laterne und stützte das Kinn in die Hand. »Es ist jedenfalls eine recht merkwürdige Krankheit,« sagte er mild und versonnen, und etwas Pfarrerhaftes lag in seinem Wesen. »Also ich will einmal sagen, ein abgenutztes Herz, ein zu sehr verbrauchtes Herz will ich sagen. Und das führt dahin, wohin wir alle müssen, will ich sagen. Also da Sie mich im Namen der Barmherzigkeit anflehen, will ich einmal sagen, daß so ein Herz vergeht wie der Schnee im Mai.«

»Ist keine, keine Hilfe möglich?«

»Hilfe, mein Fräulein? Da will ich sagen: nein.«

»Und wenn ein berühmter Arzt käme?«

»Oh, mein Fräulein, ich will einmal sagen, daß ein berühmter Arzt nicht auch ein guter Arzt sein könne. Aber wo nimmt er ein neues Herz her? Ich will sagen, mit welchen Mitteln steht ihm solches zu Gebot?«

Miriam bedeckte das Gesicht mit den Händen. »Führen Sie mich zu ihm,« hauchte sie. »Schon eine Stunde bin ich da und man hat mich zurückgehalten. Ich will ihn sehen.«

»Gehn Sie hinauf, Wilmoferin,« sagte der Kreisarzt zu der schweigenden Bäuerin. »Sehen Sie, ob er wacht, bereiten Sie ihn langsam vor.«

»Wenn er wacht, zündet er die Kerzen an, Herr Kreisphysikus.« Doch in demselben Augenblick wurden die drei Fenster in der Steinmauer hell. Miriam zuckte zusammen. Frau Wilmofer ging zum Thor hinüber, an den Holzstößen vorbei. Der Kreisarzt schaute ihr nach. »Eine Person von Gold,« sagte er in der Absicht, die beiden dumpf schweigenden Frauen abzulenken. »Eine goldene Person. Sie ist nicht, was man eine geborene Bauersfrau nennt. Sie ist von oben, ich will sagen, aus der Gesellschaft. Hat den Wilmofer geheiratet, einen Bauern bemerke ich, der arm war wie Hiob. Ein interessantes Schicksal, ein starkes Gemüt, ein ehernes Herz. Eine Frau, eine erhabene Frau, will ich, einmal sagen.«

Weder Miriam noch Renate hörten recht, was er »einmal« sagen wollte. Frau Wilmofer trat unter den Thorweg und winkte mit der Hand. Miriam stieß einen schwachen Schrei aus und lief hinüber. Der Doktor stapfte langsam hinterdrein und seufzte schwer in Pausen von je drei Schritten. Nun saß Renate allein, den großen Himmel über sich, ringsumher das tiefem Atmen gleiche Rauschen der Bäume. Hoch in den Lüften gingen die dunklen Wolken hin und machten huschende Lichtpunkte aus den Sternen. Die Schläge ihres Herzens zählte Renate und erinnerungslos war plötzlich ihr Geist. Je länger sie hinüberschaute auf die welligen Flächen der Baumkronen, je heller schien das Land zu werden, als ob verborgene Lichtquellen selbst die Mitternacht noch zur Dämmerung machen könnten. Sie erstaunte nicht, wie sie hierhergekommen. Sie fand es so, als sei sie immer hier gewesen neben dem Wald und neben dem Acker.

Ziemlich lange saß sie, achtete nicht des kühlen Windes, fühlte nicht das Vorbeigehen der Zeit. »Renate, kommen Sie,« flüsterte auf einmal Miriam neben ihr und führte sie über den Rasen zur Steintreppe des »Turms«. Es war eine so enge Treppe, daß kaum zwei nebeneinander zu gehen vermochten. Es roch nach Moder; am Thor führte eine schwarze, thürlose Oeffnung in einen unterirdischen Gang zur Ruine. Aus diesem Loch strichen faule, erdige Dünste empor. Renate glaubte noch nie eine so lange Treppe erstiegen zu haben, und bis sie endlich das Licht sah, schwand alle Kraft aus ihren Gliedern. Miriam schien merkwürdig gefaßt, zeigte eine edle Ruhe. Auf der Schwelle stand Marika mit einem feierlichen Gesichtchen und leicht geröteten Wangen, – voller Anmut. Frau Wilmofer und der Physikus standen zu Füßen des Bettes, und Jene hielt die Kerze hoch, während der Doktor Aufzeichnungen in sein Notizbuch machte. Es war ein großer Raum, der aber durch zwei, tiefe, bauchige Nischen sehr verkleinert schien. Auch die Decke war gewölbt, und zwei massige, tragende Quadersteine ließen auf die Dicke der Mauern schließen. Die Wände waren weiß getüncht. Nichts stand in dem Raum als das Lager, der Tisch, eine flache Kiste und ein Brett mit einigen Büchern. Miriam führte Renate an das Bett und sagte: »Das ist Renate.« Und Renate streckte die Hand aus und fühlte eine andere, weiche, trockene Hand in der ihren. Es wurde ihr dunkel vor den Augen, und nur langsam vermochte sie zu sehen und zu hören. Sie sah in die dunklen Augen eines Mannes, und ihr Blick prallte wie erschrocken davon ab. »Siehst Du, Agathon, ich habe sie festgehalten,« sagte Miriam mit feuchtem Blick und mit einer zärtlichen Stimme. Agathon schüttelte lächelnd den Kopf, während der überraschte Ausdruck in seinen Zügen blieb. »Und doch war das Bild schlecht,« sagte er, und der seltsam belebte Mund preßte sich ein wenig zusammen. Dann strich, er mit der abgemagerten Hand die Haare aus der Stirn und lag so ruhig, als lausche er einem Geräusch. »Sie sind schrecklich bleich,« sagte Miriam zu Renate, die sich mit den Fingern an den Hals griff und eine atemsuchende Bewegung des Kopfes machte. Der Doktor trat zu Agathon, schlug das braune Hemd, das seine Brust bedeckte, zurück und legte die Hand auf das Herz des Kranken. »Wie lang läuft das Uhrwerk noch?« fragte Agathon lächelnd. – »Oh,« erwiderte der Kreisphysikus entrüstet. »Jahrzehnte! Jahrzehnte! Eine eigenartige Frage, muß ich sagen!«

»Ich bleibe gleich hier,« sagte Miriam, »und Sie, Renate, gehen zur Ruhe.«

Renate schaute sich mechanisch um, kniete dann vor Marika hin und küßte sie auf die Stirn. Frau Wilmofer beobachtete es mit unbeweglichem Gesicht. Nur das Kind sah, wie es wild und fassungslos um Renates Lippen zuckte.

Der Weg zum Heuboden war ziemlich beschwerlich. Man mußte auf einer Leiter hinaufsteigen, und oben war es schwül und finster. »Wir haben nur ein einziges Bett,« entschuldigte sich die Bäuerin, »und das hat er, der Kranke. Ich und Marika haben nichts als den Strohsack.«

»Es ist ja gleich, wo man schläft,« erwiderte Renate dankbar, doch ein wenig scheu.

»Wenn man schläft, ist's gleich, jawohl. Gute Nacht.«

»Gute Nacht.« Der Lichtschein verschwand langsam, und Renate lag im Heu, regte sich nicht, hielt die weitgeöffneten Augen an den Himmels-Ausschnitt geheftet, der vor dem Eingang hing wie ein dunkles Glas. Lebendige Gestalten traten im Halbkreis um sie herum, aber ehe man sie deutlich gewahren konnte, waren sie wieder verschwunden. Stallgeruch drang zu Renate, und unten regte sich die Kuh. Es kamen Visionen, die sich deutlich unterschieden von Traumbildern, und es zeigte sich eine Figur von fremdartiger Prägung, voll philosophischen Wesens, die vernehmlich aus einem Buche las, etwa: – der Irrweg, der doch zum Ziele führt, erfüllt dich mit der Einsicht von der Notwendigkeit deines Schicksals. Zu spät, erwiderte Renate, und die Nacht nahm ein dunkleres Gewand um ihre Schulter, blieb unbeweglich und geräuschlos liegen vor den Pforten des Morgens.

Als es Tag war, wußte Renate nicht, ob sie geschlafen habe. Sie erhob sich, reinigte ihr Kleid von Halmen und Heustaub, nachdem sie an der Leiter herabgeklettert war, wusch das Gesicht in einem Zinnbecken, trank frische, warme Milch. Miriam kam, übernächtig und müde, blickte geblendet in das Sonnenlicht, wollte aber nicht von Agathons Bett weichen. Renate irrte umher, wußte kaum, worum es sich handelte, als das Gepäck vom Bahnhof kam, wagte nicht, das Krankenzimmer zu betreten. Sie wanderte zur Ruine, irrte ruhlos durch das verfallene Gemäuer, von dem nur noch die rohen Backsteine zu sehen waren, mit vielen Thüren, Thoren, Fenstern, zerstörten Fenstern. Ueberall lag Schutt, als ob hier allnächtlich der Sturm tose, lediglich um der Zerstörung willen; auf den Simsen wuchs das Gras. Renate setzte sich schließlich vor ein Thor, blickte auf die Ebene hinunter, auf ferne, bläuliche Wälder, auf das dumpf schimmernde Band eines Stromes, und etwas jahrzeitloses lag auf diesem Bild: düsterer Herbst und stiller Frühling zugleich. Renate, in einer sphinxhaften Haltung, die Ellbogen auf die Kniee gestemmt, glaubte vergehen zu müssen in einer geheimnisvollen Verzweiflung, die anders war als alles, was sie bisher empfunden. Die Natur selbst begann zu ihr zu reden, der Ausdruck ihres Gesichts hatte etwas Flehentliches, als sei sie bereit, sich selbst zu opfern, wenn nur das nicht geschah, was sie fürchten mußte. So erschien ihr der Reigen der Stunden als etwas Geisterhaftes, und der Abend kam, wie wenn es gar nicht Tag gewesen wäre. Sie hatte mit einem Bauern am Hang geplaudert, einem mageren Burschen mit kleinem, lebhaftem Gesicht, sie war mit Marika bis zur Landstraße gegangen und beide hatten Blumen gepflückt. Der Kreisphysikus war gekommen, und beim Abendbesuch schrieb er wieder in sein Notizbuch und Frau Wilmofer hielt ihm die Kerze hoch.

»Man muß, muß einen Arzt aus Wien kommen lassen,« sagte, als er fort war, Miriam mit zusammengepreßten Zähnen leise zu Renate.

Agathon hatte es jedoch gehört. Er richtete sich ein wenig auf und schüttelte den Kopf. »Erinnerst Du Dich denn nicht, was ich Dir gesagt habe, Miriam,« sagte er, ohne mit einer Wimper zu zucken. »Vergiß es doch nicht ...«

Miriam schwieg, klammerte sich an das Brett des Lagers und wandte das Gesicht langsam gegen die Wand. »Aber ich will wachen, ich will die Nacht über hier bleiben,« murmelte sie dann gequält.

»Wenn Du bleibst, Miriam, wird es schlimmer für mich sein, als wenn ich allein wäre,« gab Agathon zurück und atmete tief. »Du mußt ruhen. Ruh Dich doch aus von der Stadt. Die Stadt hat Dich verfinstert und verbittert.«

Renate sagte etwas und hörte ihre eigene Stimme nicht.

»Ja, nur wenn Renate bleibt, kann ich ruhen,« sagte Miriam, und Renate spürte die Lippen des jungen Mädchens auf ihrem Hals. »Gute Nacht, Agathon,« sagte sie dann und ging mit schleppenden Schritten, ihr Lager aufzusuchen.

Renate schob die flache Kiste von der Wand zum Bett und setzte sich darauf. Es war plötzlich so auffallend ruhig geworden, daß die Luft im Raum zu singen anfing.

»Wie kommt es nur, daß es so war, als seien Sie mir längst nahgewesen,« sagte Agathon, und sein überaus bleiches Gesicht wandte sich Renate zu. Der dunkle Bart um Mund und Kinn warf einen Schatten bis zur Stirn, die dann weiß und marmorn gegen die feuchten Haare sich bog.

»Ich, ich habe längst von Ihnen gehört,« antwortete Renate. »Gudstikker war es, der Ihren Namen nannte.«

Agathon Geyer zuckte überrascht zusammen, hob den Kopf empor. »Gudstikker –?« fragte er langsam und erstaunt zurück, und wiederholte, gänzlich in der Macht einer nebelhaften Erinnerung: »Gudstikker! Ein Dichter, nicht wahr? Ja, er kannte mich, und das ist lang her. Ich erinnere mich, ein Hinterpförtchen-Mensch, nicht wahr?«

Renate nickte, und ihr Oberkörper sank vornüber.

»Es ist fast noch aus der Knabenzeit,« fuhr Agathon fort, und seine Stimme klang, wie immer, förmlich sordiniert. »Er war ein Wahrheitsager, der stets log. Er that wie ein Prophet, und doch ging er nur auf Abenteuer aus.«

Wieder nickte Renate, und ihre Hände umklammerten fest ihre Kniee.

»Und Sie kannten ihn also?«

»Oh, sehr gut, sehr gut.«

»Warum so bitter? Freilich, wenn Sie ihn gut gekannt haben, muß es wohl bitter sein. Ich erinnere mich, ich sehe ihn noch. Ich höre noch seine einschmeichelnde Stimme, seine Honigstimme, sehe noch seinen Blick voll Ueberzeugung. Er ist das schlechte Prinzip, aber sympathisch gemacht durch Scharfsinn und Ueberfeinerung. Er ist ein Schriftsteller, weil ihm dadurch seine eigene Seele versteckt wird, weil ihr ein eitles Gewand umgehängt ist. Verstehen Sie?«

»Oh, es ist wahr, und ich verstehe es gut,« flüsterte Renate.

»Und wie kam es, daß Sie ihn kannten? Es ist nicht Neugierde, Renate. Ich nenne Sie Renate nur als Freundin Miriams, seien Sie nicht böse darüber. Wie kam es? Oder ist es Geheimnis?«

»Nein, ein Geheimnis ist es durchaus nicht.«

»Also dies,« antwortete Agathon mit einem Blick rätselhaft sicheren Verstehens. »Ja, es giebt viele solche. Sie nehmen eine Frau und saugen ihr das Herz aus. Das ist ihre Kunst so. Im Tiefsten sind sie gleichgiltig, aber dies reine Blut berauscht sie. Keine geht an ihnen vorbei, ohne ihre Unersättlichkeit zu reizen.« Renate zitterte und Agathon bemerkte es, machte eine beruhigende Geste und sagte sanft: »Erschrecken Sie nicht. Ich weiß von einem Mädchen, sie hieß Monika, war rein wie das geläuterte Gold. Und er, Gudstikker, kam und ging und hat sie mit Lebens-Unruhe erfüllt. Sie verging an meiner Seite.«

»Und er ist wie alle, wie alle,« stammelte Renate, die das Gefühl hatte, sich unrettbar verirrt zu haben.

»Was ist es mit Ihnen, Renate, warum können Sie nicht emporschauen?«

»Es ist zu schwer,« hauchte Renate furchtsam gegen die Finsternis der Nischen, gegen die vor den Fenstern blickend.

»Sie kommen von weit her, haben einen langen Weg gemacht, wie?«

»Ja, einen sehr langen Weg,« antwortete sie wie ein Kind, das voller Scheu Rede steht.

»Und allein?«

»Allein. Keiner half. Jeder trieb mich aufs neue in eine Wildnis.«

»Und wie kamen Sie hieher? Ich meine nicht den Grund, den ich kenne, mit Miriam und das; den unsichtbaren Grund mein ich, den Sie ahnen.«

»Ich weiß es nicht. Es war Bestimmung. Auch habe ich Briefe gelesen, die Sie an Darja Blum geschrieben haben. Und da wurde es plötzlich, hell und es trieb mich nach irgend einer Ferne ...Nein, nein, ich kann nicht reden.«

»Und hier, was soll es hier, Renate?«

»Ich weiß es nicht. Hier will ich sein.«

»Hier? Wer soll hier eine Suchende beglücken können?«

»Ich suche ja nicht mehr.«

»Nur wer vor dem Tod steht, kann das von sich sagen.«

»Ach nein! nein!« Wie ein dumpfer Schrei löste sich dies von Renates Lippen. Sie richtete den Kopf empor und legte den Arm über die Augen.

»Aber solche Erfüllungen sind selten, begegnen uns nicht auf den Straßen,« sagte Agathon versonnen. »Sie sind blind gewesen, haben eine Wanderung angetreten, haben den Abgrund nicht gesehen, der neben Ihrem Schritt sich beständig öffnete. Sie haben vertraut, weil Sie erfüllt waren vom Weg, vom Weg allein. Sie haben sich aufbewahrt, haben nicht mit eigenen Lippen geredet, nicht mit eigenen Händen gefühlt, nur gelitten mit eigener Seele. Haben sich aufbewahrt für das ferne Ziel allein, ohne zu wissen, ja, ohne zu glauben. Ist es das?«

»Ja, ja, ja,« antwortete Renate, bis in das innerste Herz erzitternd, mit einer Mischung von Jubel und Qual. »Jetzt erst verstehe ich mich.«

»Es liegt alles in Ihren Augen, in Ihrer Stimme,« sagte Agathon leise nickend. »Beraubt und doch nicht ärmer geworden. Trockenen Fußes über Sumpf und Schlamm. Ach, ich liebe die Frauen,« sagte er plötzlich leiser, mit einer Innigkeit, die wie Musik war. »Ich liebe ihr Schicksal und ihre Leiden, ihr Vertrauen lieb ich und ihre unbefangenen Blicke. Jetzt aber kommt eine neue Zeit für sie, denn jedes Gefühl wird kräftiger in ihnen, und sie fangen an, den sinnlichen Vorurteilen zu mißtrauen und wollen ihr Schicksal, ihr Frauen-Schicksal erleben und wollen nicht mehr leibeigen fein.«

Agathon schloß erschöpft die Augen und lag stille da. Sein Puls schien rascher zu laufen, eine blaue Ader an der Schläfe trat deutlich hervor. Renate wagte nicht, sich zu rühren, empfand auch kein Verlangen darnach. Auf fernen Höhen wandelte ihre Seele. Ein Morgenlicht brach ein in alle Poren. Ihre Lippen öffneten sich wie zu einem Gebet, aber sie fühlte dessen Ueberflüssigkeit, fühlte, daß der Gott mit ihr ging, so lange sie sich nicht selbst verlor. Wieder begann die Luft zu schwirren und zu singen und bisweilen klang es wie ein ferner, feierlicher, hymnenartiger Choral. Alles an ihr begann zu vibrieren, begann teilzunehmen an diesem Gesang der Lüfte, dem kühl und mysteriös ein Hauch von Ewigkeit voranzugehen schien. Wohl eine Stunde konnte so verflossen sein, da blickte Renate zum ersten Mal furchtlos in das Gesicht des Schläfers. Dann erhob sie sich, trat in die tiefe Nische, und öffnete ein Fenster. Alles Land schlief, weil Agathon schlief. Dunkel war der Höhenzug vor der Ruine und heller der Himmel. Doch der Berg und seine Umrisse schienen ihre Dichtigkeit verloren zu haben, und ein leichter, goldner Schimmer wie ein Traumhauch lag auf ihm, oder ein Licht in seinem Innern hatte nicht völlige Durchleuchtungskraft. Ein grüner Stern strahlte ganz einsam über der Ebene, die zu atmen schien in ihrer tiefen Ruhe. Renate rührte sich nicht, und die Regungslosigkeit ihres eigenen Schattens, der sich auf dem Rasen drunten malte, gab sie erst der Welt zurück. Als sie sich umwandte und auf das Bett zuschritt, lächelte sie bang, denn Agathons Augen waren unverwandt und fragend auf sie gerichtet. Er bat sie um ein Glas Wasser, und sie brachte es herbei, reichte es ihm, während ihre Lider halb geschlossen waren.

»Sie haben ein schönes Gesicht, Renate, wie ich wenige gesehen habe,« sagte Agathon ernst und nachdenklich. »Besonders, wenn man Ihren Mund sieht, weiß man, daß Sie niemals lügen werden.«

»Nein, ich lüge nicht,« entgegnete Renate tonlos.

»Und jede Regung von innen wird Ihre Stirne verraten. Das ist es, was an der Zeichnung fehlt. Und was viel mehr als alles ist, in Ihrem Blick liegt Unsterblichkeit.«

»Wie ist das möglich?« fragte Renate mit einem schüchternen und lautlosen Lachen.

Agathon lächelte fein. »Es ist nicht schwer zu erraten.« Dann, nach einem Schweigen: »Es ist schön, wenn Sie langsam die Lider aufschlagen, als könnten Sie nicht glauben, daß all die Dinge noch ebenso da sind, wie vorher, da Sie sie gesenkt haben.«

»Ich meine, Sie sollten nicht so viel sprechen,« sagte Renate, Blutröte auf den Wangen.

Agathon blickte lange zur Decke empor. »Nun lieg ich da und warte auf den Tod,« sagte er endlich. »Ich bin nicht enttäuscht, kein Schiffbrüchiger, auch kein Sieger. Ich habe gelebt, und das Leben hat mich zerrieben, das ist alles. Es ist wunderbar, so zu sterben, denn viele Leiden trag ich mit hinüber. Auch das Ihre, Renate.«

Allmählich kam der Tag, und mit der ersten Dämmerung schon erschien Miriam und setzte sich an das Bett des Bruders, nachdem sie Renates Hand lange in der ihren gehalten hatte. Sie sah verstört aus wie nach unvollkommenem Schlaf, und Heuhalme hingen ihr im dunkeln Haar. »Du bist ja auch krank, Miriam« sagte Agathon und packte ihren Arm. Das junge Mädchen lächelte und schüttelte heftig den Kopf. Renate ging und wollte ruhen, schreckte nach einer Stunde wieder empor, trieb sich auf dem Berg und in den Gehölzen herum, kehrte zurück, ging mit Marika nach Leipnik, kam totmüde wieder heim, konnte doch nicht schlafen, nicht essen, nicht trinken, fand Agathon bleicher als gestern, die Augen durchleuchtender, und Miriam war nicht fähig, sich aufrecht zu erhalten, mußte sich auch gegen Abend auf Frau Wilmofers Strohsack legen, die mit ihrem Kind im Heu schlief. Renate sollte wieder Nachtwache haben, und wurde nun ruhiger, und ein sonderbarer, schwermütiger Triumph erfüllte sie darüber.

Und der Physikus war schon fort, und alles lag im Frieden, da setzte sich Renate auf den Bettrand und erzählte Agathon von ihrem Leben. Sie unterbrach sich kaum, erhob kaum ihre Stimme dabei, wurde nicht erregt und nicht durch Erinnerung ergriffen, erzählte wie im Dienst einer Mission, mit einer einfachen Wahrhaftigkeit von Ereignis zu Ereignis gehend. Und als sie damit fertig war, schwieg sie zuerst ein wenig, plötzlich aber kam es ihr vor, als ob das Herz in ihrer Brust sich zu bewegen anfing, als ob die dunklen Fenster dieses Raumes einen lautlos scheuen Tanz ausführten. Etwas kam über sie wie der Druck einer übergewaltigen Ungerechtigkeit, und die heißesten Thränen, die sie je geweint, seit sie denken und empfinden konnte, entquollen ihrem Innern. Wie von einem starken Arm gebrochen, sank sie zusammen und weinte, als ob all ihr Leben sich in diesen bitteren Strom ergießen sollte. Doch ein andrer Arm umfing sie und das Gesicht an Agathons Schulter gepreßt, schluchzte sie weiter mit seufzenden, seltsam flüchtigen Lauten. Und Agathon strich gütig seine Hand über ihr Haar und sagte nichts, sondern hielt sie fest, und seine Augen bekamen einen warmen, inbrünstigen und entzückten Glanz. »Ach mir ist so leicht jetzt, grenzenlos!« flüsterte Renate, ohne sich zu rühren.

»Du bist es, Renate, die für mich ist,« sagte Agathon sterbensbleich.

»Und Du bist es für mich,« erwiderte Renate dumpf, wie in seinen Körper hinein. Sie schmiegte sich an ihn mit einer leidenschaftlichen Kraft, und ihr Wesen wachte auf wie aus tausendfältigen Hinterhalten, und überall ergoß es sich von Flammen, überirdischen, ungezählten, und die Zeit schien grenzenlos zu sein, die bloße Lebenszeit, bis an das Ende aller Welten. Es war kein menschliches Gesicht mehr für Renate, sondern das eines Gottes, eines Schicksals, einer Erfüllung. Das Glück, das sie empfand, war angesammelt aus Generationen her, um dieser einen, scheinbar so flüchtigen Nacht eine Fort- und Fortdauer zu verschaffen für die Künftigen. Sie lag neben Agathon und ihre Küsse waren voll von jahrelanger Sehnsucht, von geheimnisvoller Glut, und sie wußte nun, daß dies Liebe war und alles andere nichts, und daß sie in Agathon gewesen war von Anfang an und es sein würde bis über das Leben hinaus. »Und wenn Du sterben mußt?« fragte sie, sich aufrichtend, und die Lippen auf seine Hände drückend.

»Kann ich denn sterben für Dich, Renate? Ist das für uns dasselbe, was für die Andern der Tod ist? Ich sterbe nie für Dich, Renate. Du darfst nicht trauern.«

»Nicht trauern ..., « flüsterte sie verloren.

Agathon beugte sich und küßte ihre Brust. Sie klammerte sich an ihn und drückte die Wange auf seine kühle Stirn, die wie von Schauern berührt wurde. Ich bin es nicht mehr selbst, dachte Renate, ich bin eine Andere, eine Neue. Niegekannte, unvertilgbare Ruhe zog in ihre Seele.

Und Agathon sagte leise, den Mund an ihrem Ohr: »Renate! Hörst Du, Renate?«

»Ja, ich höre Dich,« erwiderte Renate, richtete sich ein wenig auf, als horche sie in die weite Nacht.

»Renate, wenn es ein Knabe sein wird, nenn ihn – hörst Du mich, Renate?«

»Dich allein hör ich, Agathon.«

»Nenn ihn Beatus. Und es wird ein Knabe sein! «

»Beatus.«...

»Und erzieh ihn rein, Renate. Erzieh ihn wie Parsifal, fern von Allen. Willst Du das?«

»Ich will es.«

Ein graues Frühlicht kam aus den Tiefen der Ebene, und Renate kleidete sich an. Und als sie Agathons Hand wieder berührte, war es eine kalte und leblose Hand. Und das Gesicht, das sie mit ihrem Hauch streifte, war kalt und leblos. Es war von einem Ausdruck der Schwärmerei und der Zuversicht erfüllt.

So starb Agathon Geyer.

Renate aber stieß einen langen, klagenden Ruf aus, kniete nieder und legte das Gesicht auf das weiße Linnen und blieb so, bis Miriam kam, die von Unruhe hergetrieben wurde.

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