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Die Geschichte der jungen Renate Fuchs

Jakob Wassermann: Die Geschichte der jungen Renate Fuchs - Kapitel 17
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pfad/wasserma/renate/renate.xml
typefiction
authorJakob Wassermann
titleDie Geschichte der jungen Renate Fuchs
publisherS. Fischer Verlag
year1901
firstpub1903
correctorreuters@abc.de
senderHolger Schmidt
created20120522
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Sechzehntes Kapitel

1.

So zog Renate arm hinaus. Zog in die Nebel des Novembertages, Angelus an der Seite. Was sie besaß, schob ein Dienstmann auf einem Karren hinter ihr her, und ihre Mittel, um zu leben, bestanden in dem wenigen Baargeld, das sie seit gestern noch in der Tasche trug. Wohin? hatte der Dienstmann gefragt, und sein Gesicht erinnerte Renate an das Gesicht jenes Kutschers, der sie einstmals nach der Schwindstraße gefahren hatte und noch zur Vision im dunkeln Treppenhaus des Ateliers geworden war. Es gab jetzt viele Erinnerungen für Renate.

Das Haus in der Florianigasse, zu dem sie eine Art von überirdischem Vertrauen zog, hatte drei Höfe und drei Aufgänge. Zum dritten wies sie der Portier, fügte aber sein Vermuten hinzu, daß die fremde Dame ausgezogen oder verreist sei. Zwei steinerne, enggewundene Treppen mußte Renate steigen, und oben stand im Flur eine ältliche Dame mit bebänderter Haube und sah zu, wie eine schwarze und eine weiße Katze einträchtig aus einer Schüssel mit Milch nippten. Wochenlang sei schon Frau Blum-Neander fort, hieß es, und komme nicht wieder, und Renate hörte versonnen der Nachricht zu, wunderte sich nur, daß sie jetzt viel mehr allein war, als sie geglaubt hatte. Es war da ein Hof mit einem verkrüppelten Bäumchen unten, dessen Zweige im Wind knackten. Der Hof war mit kleinen, gelben, regelmäßigen Granitsteinen bepflastert und machte einen friedlichen Eindruck. Ein einzelner Kinderschuh lag neben der Kellertreppe; er lag umgekehrt, zeigte die zerrissene Sohle und verlieh dem Hofe etwas von Verlassenheit, etwas von einem Ort, dem man in aller Eile entflieht. Renate fragte, ob das Zimmer, in welchem ihre Freundin gewohnt, leer stehe. Die Wirtin, in glückseliger Bereitwilligkeit, öffnete alle Thüren. Es gäbe gar nichts Schöneres, als gerade dieses Zimmer, welches als ein Paradies von Ruhe, Ordnung und Behaglichkeit gelten müsse; ein Fürst könne darin wohnen. In der That hätten ein Sektionschef, ein Kanzleidirektor, ein Arzt, ein Ingenieur, eine italienische Gräfin und eine Opernsängerin schon hier logiert. Es besäße alle Vorzüge, die man sich nur wünschen könne und werde so sehr begehrt, daß nur allerfeinste Personen Berücksichtigung finden könnten. Doch ein wenig gleichgiltig beschaute sich Renate diese Perle aller Wohnstätten und Zufluchtsorte: graublaue Wände, geziert mit dummen Oeldrucken und altersgelben Photographieen, ein Bett im Winkel, ein kleines Sopha, welches aussah, als flehe es um Schonung, und eine ärmliche Lampe mit hochmütig aufgeblähtem Glassturz stand auf einem gar hoch- und dünnbeinigen Tischchen. Renate setzte sich beim Fenster nieder, stützte den Kopf gegen das Kreuz und hörte geduldig an, mit welch außerordentlichen Eigenschaften des Geistes und Herzens die früheren Mieter ausgestattet waren. Ein jeder wurde zur Blüte seines Standes, hatte die vornehmsten Verbindungen und war auf geradem Weg, Minister zu werden oder geheimer Hofrat. Was Frau Bum-Neander betreffe, so sei sie höchst zufrieden gewesen. Allerdings habe sie Briefe vergessen, nach denen sie ein Mal geschrieben und ein andres Mal geschickt, aber es habe sich leider nichts vorgefunden.

Es schien, als ob die arme Rednerin durch Schweigen ausgehungert sei und sich nun durch Worte zu sättigen vermöchte. Als Renate endlich den Preis erfahren hatte und ihn gering fand, sagte sie zum Erstaunen der Wirtin, daß sie den Dienstmann mit ihren Sachen gleich heraufschicken werde. »Sind wohl auch eine Doktorin?« fragte die Dame mit ehrfürchtig verdrehten Augen. – »O nein.« –»Jedenfalls aber so was Ungewöhnliches?« – Nein, durchaus nichts Ungewöhnliches. – Haben aber so ein feines Wesen und seien so schön, ja wahrhaftig, sehr schön. Ob wohl incognito reisen wollten? So etwas käme heutzutage oft vor. »Ach und die zarten Hände! Das sind ja Feenhände.« –

Allein. Zum Plänemachen wie zu Unternehmungen war der Tag nicht geeignet. Die Stürme hatten sich gelegt, das Schiff war versunken, gefährtenlos war Renate an ein weltentlegnes Stück Inselland verschlagen. Die fremden Menschen hier verstanden ihre Sprache nicht. Aber an ihrer Arbeit teilzunehmen, würden sie der Fremden vielleicht gestatten. Möglich, daß sie Mühevolles und Schweres verlangten, aber heimatberechtigt wird nur, wer ihnen gleich die Arme rührt. Arbeit ist eine Gleichmacherin, Zusammenhalterin. Renate dachte sich, der Wille, den Geringsten gleich zu sein; müsse Gastfreundschaft finden. An die Not dachte sie nicht. Der Hunger hatte durchaus nichts Erschreckendes für sie. Fahle Erinnerungen an Zeitungsberichte und mancherlei Elendsbücher beeinflußten ihre Stimmung nicht. Daß in einer solchen Stadt die Luft zitterte vom unheimlichen Röcheln der tierisch Verkommenden, hatte sie noch nie wahrnehmen können. Als ihre Wäsche und ihre Kleider eingeräumt waren, und die sonstigen Gegenstände ihren Platz gefunden hatten, setzte sie eine Zeitungs-Anfrage auf, deren Schüchternheit und Naivetät bedeutsam genug war. Eine junge Dame, musikalisch gebildet, doch zu jeder Arbeit bereit, suche Stellung. Das trug sie hoffnungsreich in das Inseraten-Amt. Aber als zwei Tage vergangen waren, brachte diese bescheidene Anfrage, – ein wahres Flüstern im Getöse von hunderttausend Stimmen, – nur ein paar alberne Briefe von Männern, welche augenscheinlich nichts zu thun hatten, als wegelagernd banale oder berechnende Anknüpfungen zu suchen. Renate wiederholte ihr zaghaftes Pochen an die Pforten der Arbeit, und glaubte diesmal, daß man sie nicht überhören würde. Als sie mit ihren raschen Schritten, dichtverschleiert und leise zusammenschaudernd im kalten Wind, das Büreau verließ, wurde sie durch einen Wagen aufgehalten, der langsam aus einem Hausflur kam. Sie wartete, und ihr Blick fiel auf eine Buchhändler-Auslage neben dem Thor. Das erste, was sie sah, förmlich hingebreitet für ihre Augen, war ein Buch, dessen Titel sie zwang, zu bleiben; sie erblaßte und schloß die Lider, als sie gelesen hatte: Die Wiedergeborene von Stefan Gudstikker. Zuerst blieb sie regungslos, als besänne sie sich auf einen Traum. Dann erwachte das Verlangen in ihr, das Buch zu lesen; sie ging hinein und kaufte es, trotzdem Sparsamkeit für sie geboten war. Doch hatte sie das dunkle Gefühl, als käme hier etwas zur Sprache, das ihre Angelegenheiten betraf, ja, als bestünde ein Zusammenhang zwischen dem Buch und ihrem Leben.

Sie las es in vier Stunden desselben Nachmittags. Als sie fertig war, legte sie sich müde auf ihr Bett, und ihr Mund zeigte einen nie gekannten Zug von Bitterkeit. Ihre Augen waren mit einem leeren Ausdruck unabänderlich auf eine bestimmte Stelle der Zimmerdecke gerichtet, die einen dicken Riß zeigte mit Verästelungen, welche denen eines Baumblatts glichen. Sie lag bis zum Abend und dachte nicht daran, Licht anzuzünden. Es nützte auch nichts, daß Angelus am Pfosten scharrte, vielleicht aus Hunger, vielleicht aus Besorgnis.

Ein junges Mädchen kämpft den leidenschaftlichen Kampf um Freiheit innerhalb der Familie, unterliegt, verläßt das Elternhaus und tritt in jenes Reich vermeintlicher Freiheit, wo sie jeder neue Tag mit neuem Schmutz besudelt und tötet sich in dem Augenblick, wo sie einer Stärkeren, Liebefähigeren, Mutigeren, Wachenden begegnet, in welcher symbolisch die Wiedergeburt der Heldin angedeutet wird.

Das war der Inhalt des Buches. Aber nicht um dessentwillen war es, weshalb Renate stumm und zerbrochen dalag und mit Trostlosigkeit das Vorbeifließen der Stunden wahrnahm. Diese Heldin hatte ihre Züge, Renates Haltung, Renates Worte, Renates Gewänder, Renates Körper. Alles, was äußerlich war an Renate, hatte die »Heldin« erkennbar an sich, so sehr, daß jeder es beobachten mochte, der von gewissen Dingen Kenntnis hatte, wie ein Kammerdiener um das Leben seines Herrn weiß und aus seinem Verstand ein Bild zu geben sucht. So war diese Pseudo-Renate, mit den Augen des Kammerdieners gesehen, hämisch belauscht, zum Charakteristischen verzerrt. Was Wahrheit daran sein sollte, war bloß Indiskretion, und der sittliche Ernst, der so prahlerische Worte fand, war nichts als Bücherschreiber-Komödie, leicht zu durchschauen, leichter zu verachten. Renate hatte das Gefühl, als wandle sie schimpflich gekleidet, mit den geschminkten Farben der Trauer, dem erheuchelten Ausdruck des Leidens von Hand zu Hand und solle ein Schulbeispiel abgeben für die Verirrungen der Unbefriedigtheit. Tiefer beleidigt ward nie ein Wesen, dachte sie voll Qual und glaubte, die Straße nicht mehr betreten zu sollen. Ueber alles, was sich ereignet hatte, begann sie nachzudenken. Suchte sich selbst zu prüfen und zu beschauen, verwirrt und bestürzt durch die treue Beobachtung und beängstigende Aehnlichkeit ihres äußern Wesens. Zum ersten Mal empfand sie Reue, wußte doch nicht, woran sie sich in aller Raschheit klammern sollte, und ungelenkt irrten ihre Gedanken, ihre Vorwürfe ins Finstere.

Den kommenden Tag verbrachte sie im Zimmer. Mit Auf- und Abgehen verfloß die Zeit, mit müdem Liegen. Die Hausfrau kam mit dem Frühstück, wollte ein Thema zu gegenseitiger Erbauung in Gang setzen, doch Renate empfing dergleichen mit stumpfer Unaufmerksamkeit. Ihr Blick suchte Schutz vor Worten, was jene Gemütliche, halb geängstigt und halb verdrossen, endlich fühlte. Renate sagte sich, daß wenig Glück, aber alles Unheil in den Worten liege. Ebenso bangte ihr vor Gesichtern, vor finstern weniger wie vor gleichgiltigen und am meisten vor den lächelnden. Die blassen Photographieen an der Wand, fächerartig und im Bogen gehängt, belästigten sie, gefährdeten ihr Alleinsein. Die starren, matten Augen zeigten allesamt einen leisen Ausdruck von Wahnsinn, der übermäßig freundliche Mund wies trotzdem deutlich auf eine atemlose Flucht hin. Renate nahm die Bilder herab, legte sie beiseite, hing an die nun leere Wand das breite, dunkle Stück eines Stoffes. Gegenüber lag die Rückenseite des zweiten Hinterhauses mit mehr als fünfzig Fenstern. Oft zeigten sich dort Gesichter, wenig verschieden von jenen geisterhaften Photographieen. Jedoch einen Tag weiter und Renate, von der Notwendigkeit getrieben, suchte wieder ihr Inseratenamt auf. Irgendwo sah sie ein Bild ausgestellt: ein Wald und Ackerland und eine umfriedete Hütte, – rasch ging sie vorbei, um ihren Weg nicht hassen zu müssen. Von neuem fand sie unter den Briefen die frechen und sinnlosen Aufforderungen; ja, in einem war eine ganze Lebensgeschichte erzählt. Jemand, der sich »ungeliebt« fühlte und sentimental war, suchte eine »gleichgestimmte Seele«. In dumpfem Zorn knüllte Renate die Epistel zusammen. Doch ein Schreiben las sie, das, nüchtern und geschäftsmäßig, zur Hoffnung Anlaß gab. Wie es darin verlangt wurde, ging sie in die Vorstadt, erstieg die vier Treppen eines ameisenhaft belebten Hauses. Oben konnte sie auf die Hügel von Dornbach blicken. Sie erfuhr von einem würdevollen und lächerlich eleganten Herrn, daß man zu einer Damenkapelle eine Klavierspielerin suche. »Ich heiße Josef Maria Piepenzahn,« sagte der Elegante, dessen Gesicht zinnoberrot war. »Meine Kapelle konzertiert jeden Abend im Restaurant zur grünen Insel. Ich zahle für den Tag einen Gulden und Nachtmahl. Wenn Sie Lust haben, können Sie heute noch eintreten. Gemacht?«

Renate zog die Schultern ein wenig in die Höhe, und ihre Lippen zitterten. Hastig strich sie mit der Hand ein paar Haare aus der Stirn und erklärte sich bereit. »Hier ist ein Klavier, zeigen Sie, was Sie können,« erwiderte Piepenzahn, betrachtete Renate neugierig, aber kalt und legte seine dicke, aufgequollene Hand wohlwollend auf Renates Schulter. Sie stand auf, hob diese Hand mit empor, sah in ein Nebenzimmer, wo eine Frau, zum Skelett abgemagert, im Bett lag und ein Cruzifix zwischen den Händen hielt. Am Tisch saßen ein Mann und ein Mädchen, welche sich küßten. »Die Kunst ist etwas Edles,« sagte Herr Piepenzahn mit erhobener Stimme. »Die Kunst ist sozusagen das Manna der Seele. Der echte Künstler ist ein gottbegnadeter Sohn des Himmels. Und ob die Wo–o–olke sie verhüllte ...,« fing er plötzlich an zu brüllen. Er stand am Fenster und riß es auf, als wäre das Zimmer zu eng für seine Begeisterung. Die Stimme des Skeletts wimmerte, man möge das Fenster schließen.

»Machs Fenster zu, lieb Schä–ätzelein!« brüllte Herr Piepenzahn mit heiserem Tenor. Das küssende Paar schien von alledem nichts wahrzunehmen. Draußen hatte es aufgehört zu schneien; die Abendröte fiel durchs Fenster.

»Was soll ich spielen?« flüsterte Renate, an dem verkümmerten Instrument sitzend, den Blick bohrend auf die Klaviatur gerichtet, die so gelb war, wie die Haut des Skeletts drinnen. Allmählich schlich das Abendrot zu ihr heran, legte sich auf ihre Haare, ihre Hände, die einen Walzer zu spielen begannen. Herr Piepenzahn wiegte sich in den Hüften mit, summte leise dazu, knipste mit den Fingern in der Luft und drehte sich schließlich elegant und geziert mehrmals um seine eigene Achse.

2.

Angelus war zu Hause geblieben. Für ihn kam jetzt überhaupt eine lange Zeit des Zuhausebleibens. Abends um sechs Uhr verließ Renate ihre Wohnung und kehrte erst um zwölf Uhr in der Nacht zurück, an Sonntagen um ein Uhr oder noch später. Ohne Klagen, weder laute noch stumme Klagen legte sie den weiten Weg zurück, stets allein, furchtlos und den Blick nicht nach rechts noch links wendend. Meist waren die Straßen voll Schnee, denn es schien ein richtiger Schneewinter zu werden, und es war äußerst mühevoll, ans Ziel zu gelangen. Es kann dabei wohl bemerkt werden, daß die »grüne Insel« wenig angethan war, das Verlockungsvolle ihres Namens zu rechtfertigen. Erklärlicherweise, da eine solche Insel mit Gänsefüßchen weit häufiger ein dürres, düsteres, elendes Nest von Trinkern und Müßiggängern zu sein pflegt. Blaß vom Gehen langte Renate in dem dumpfen Holzverschlag an, wo zehn andre Mädchen schon damit beschäftigt waren, das weiße Kattunkleid mit den roten Schleifen und Bändern anzulegen, was unter Lachen und Geschichten-Erzählen geschah. Renate hatte das Gefühl, als ob jede dieser Stimmen im Lauf der Jahre den ihr angeborenen Klang verloren habe, etwa wie ein Schmuckstück, das lange von Hand zu Hand geht, seine Vergoldung verliert. Und nur in der Stimme lag daher die deutliche Kunde von Verlorenem, während alles andre, Augen, Mund und Worte täuschen sollten und zu täuschen vermochten. Die meisten waren nicht mehr ganz junge Mädchen, und was Renate zuerst an ihnen auffiel, war eine außerordentliche Verachtung der Männer, die in ihrer eisigen Selbstverständlichkeit etwas von einer Naturgewalt besaß. Alle haben in ihrer Weise dasselbe erlebt wie ich, dachte Renate, nur wußten sie es wohl, was ihrer wartete. Sie legten keinen Maßstab mehr an die Größe ihrer Beleidigung, erwarteten resigniert die Not, auch das völlige Ausgestoßensein, hatten sich darein ergeben, alles in der Welt käuflich zu finden. In ihrem Innern war es still und finster. Ihre Gefühle waren die primitivsten. Ihr Hang zu Vergnügungen hatte etwas Krankhaftes, wurde zum Rausche, zur einzigen Fessel, die sie an das Leben knüpfte. Renate sprach mit ihnen in einer merkwürdig verworrenen und furchtsamen Art, als ob sie zu zeigen wünsche, daß sie den Ansprüchen, die jene an ihr Dasein stellten, keineswegs ebenbürtig sei. In allen Gesichtern war die Kenntnis des Lasters, die gar nicht verheimlicht werden sollte, die im Gegenteil sich wie ein Triumph gegen unsichtbare Mächte ausnahm, wie Freude über einen errungenen Vorteil. Renate dachte in ihrem Grübeln, ob nicht Laster und Tugend die verschieden belasteten Schalen Eines Gefühls sein konnten, und ob die Sittlichen der Erde nicht gut thäten, sich damit zu beschäftigen.

Wenn dann alle angekleidet waren, und die Zeit des Beginns war überschritten, so klopfte Herr Piepenzahn an die Thür und schrie: »Meine Damen, die Kunst ruft!« Alsbald saß Renate vor dem jahrzehntealten Flügel und spielte, während eine junge, schwarze Geigerin die Dirigentin markierte. Gassenhauer, Tänze, Märsche, Operettenpotpourris wurden spieldosenhaft und blechern heruntergehaspelt, und das Entzücken des sich dichter füllenden Saals nahm in demselben Grade zu, wie der Rauch der Speisen und Cigarren und die Menge des getrunkenen Bieres. Wie von dünnsammtenen Vorhängen umgeben, saß Renate im graublau ziehenden Rauch und spielte, spielte ...Im Gesicht und am Körper spürte sie Hitze, ihr Mund war leicht geöffnet, doch die Zähne waren geschlossen wie ein fester Käfig. Unten horchten die Leute und fanden alles wunderschön, wiegten sich im Takt, genau wie Herr Piepenzahn selbst, waren äußerst gerührt, wenn etwas Weinerliches und Schmachtendes kam. »Erinnerung an Schloß Helfenstein« hieß eine besonders beliebte Nummer, weil da Zither und Triangel angenehme Soli hatten und die Posaunistin eine ungewöhnlich prachtvolle Cadenz blies. Hierauf stellte sich ein putziges Duo zwischen der Baßgeige und der Flöte ein, sowie eine unbeschreiblich traurige Stelle für die Geigen, gegen welche die schwermütigste Serenade der reine Jubelgesang war. Aber das Gute bei dieser Schloß-Erinnerung war, daß das Klavier beschäftigungslos blieb, und so konnte Renate sitzen und den Blick dumpf staunend über das Publikum schweifen lassen. Dicht vor ihr saßen zwei alte Leute, ein Mann und eine Frau von bäurischem Typus, hatten den Arm gegenseitig um die Schultern geschlungen, sahen treuherzig ergriffen auf das Podium. Dann kam eine lange Reihe von dunkelroten, ungesund erhitzten Gesichtern, von fahlen, totenhaft bleichen Wangen, von gierigen und erschöpften Augen, von tückischen, frechen, furchtsamen, verbrecherischen, dummen, pfiffigen, verzweifelten, gleichgiltigen, lügnerischen Stirnen. Die Gerüche von Bier und schlechten Speisen, von Atem, Schweiß und Rauch zogen heran und fern über der Thür stand lapidar in schwarzen Lettern auf weißgetünchtem Grund: Freiheit und Fröhlichkeit macht alle Herzen weit.

Aber mit dem Geld, das sie als Mitglied der Piepenzahn'schen Kapelle verdiente, konnte Renate nicht leben. Besonders im Winter nicht, wo das Heizen teuer war. Und ein warmes Zimmer konnte Renate viel weniger entbehren als Speise. Es war angenehmer für sie, zu hungern als zu frieren. Frau Gabesam wußte nicht um die Beschäftigung ihrer Mieterin, war zufrieden, daß sie pünktliche Bezahlung erhielt und sorgte im Uebrigen bei ihren Bekannten für einen Cyklus von Sagen und Legenden, den man um die Gestalt des ewig einsamen Fräuleins spann. Die allgemeine Stimme war, daß man es mit einer Nihilistin zu thun habe. Die besseren Menschenkenner jedoch rieten auf eine Gräfin, die getrennt von ihrem Manne lebe und sicherlich als verschollen gelte. Frau Gabesam las von da ab mit verdoppelter Aufmerksamkeit die Zeitungen.

Um nicht Not und Kälte leiden zu müssen, sann also Renate hin und her. Endlich fiel ihr jene Fächerfabrik ein, für welche sie eine Zeitlang im Hause Anna Xylanders gearbeitet hatte. Sie erinnerte sich noch der Adresse und ging eines frühen Tages nach Mariahilf hinaus. Man empfing sie freundlich, ja zuvorkommend, war erfreut, daß sie Arbeit wünsche, hätte es bedauert, daß sie damals in München plötzlich aufgehört. »Heim-Arbeiten« könne man in dieser Saison nicht mehr geben, ob sie nicht im Atelier der Maler arbeiten wolle? Neue Muster seien in dieser Saison nicht mehr willkommen, sie müsse Vorhandenes nach dem Dutzend kopieren. Gewiß, man könne nicht viel dafür zahlen, denn die Industrie sei im Absterben und dergleichen mehr. Renate rechnete sich heraus, daß sie mit dem Verdienst hier und jenem musikalischen gerade werde leben können, ja, bei Uebung und angestrengtem Fleiß konnte sie am Ende vielleicht Ersparnisse machen. So war also von da ab ihr Leben: von acht bis zwölf Uhr und von ein bis sechs Uhr malte sie und von acht bis elf Uhr in der Nacht spielte sie Klavier. Dabei ersparte sie noch sehr viel an Holz und Kohlen; dort in dem riesenhaften Atelier mit dem Oberlicht-Dach herrschte eine angenehme Wärme. Sie saß an einem kleinen Tisch, ihre Farbentöpfe vor sich, und unverdrossen und unermüdet suchte sie Vollkommenheit. Kein weibliches Wesen arbeitete sonst in diesem Raum; sie war die Einzige und die Erste. Die Maler suchten ein Einverständnis mit ihr zu erzielen, probierten es mit höflichen oder neckischen, galanten oder zweideutigen Redensarten, aber da sie stets gleich kühl und gleich förmlich blieb, gaben sie die Strategie des Gewinnen-Wollens auf. Sie beschränkten sich auf einen achtungsvollen Gruß, auf eine sachliche Auskunft, auf bescheidene Zurückhaltung, fanden etwas Ueberlegenes, Unnahbares in Renate, vor dem sie eingeschüchtert und erwartungsvoll Halt machten.

Keine Erschöpfung kam über Renate. Das gleichmäßige Tagewerk rollte sich anscheinend von selbst ab. Manchmal konnte sie keinen Schlaf finden, trotzdem ihr beim Auskleiden schon die Lider zugefallen waren. Da begann ein gedankenloses und anstrengendes Schauen in die Finsternis der Stube, und ein Bild rückte empor wie aus fernem Dämmer. Unversehens kam dann der Schlaf, überfiel sie, als habe er auf der Lauer gelegen, und wenn sie erwachte, fühlte sie sich wenig erquickt, sondern hatte eine schmerzliche Empfindung des Angestrengtseins, wie wenn der Zustand der Bewußtlosigkeit voller Qualen gewesen wäre, die nun verwischt und verlöscht blieben.

Ein langer Weg war es am Morgen zur Fabrik. Nebel und Schnee, Schnee und Nebel, die ganze Welt ein Winterfeld, die Sonne ein blutgefärbtes Gesicht zwischen Straßen oder Dächern und schimmernder Rauhreif über den Bäumen. Das war die schwerste Stunde für Renate, wenn der Tag noch vor ihr lag, wenn sie so früh am Maltisch eine angstvolle Empfindung hatte, es könne vorm Thor einer stehen, der mit ihr sprechen müsse um jeden Preis, ohne sie finden zu können. An jedem Morgen glaubte sie ihr Herz von einer alten Wunde blutend, die erst mit dem steigenden Tag vernarbte. Wohl trug auch die bunte Betriebsamkeit dazu bei: das Rollen der Räder und Surren der Riemen in den untern Stockwerken, das durchdringende Kreischen der Holzsäge, wenn man Gestelle schnitt, das Kistengehämmer im Hof, der Leim- und Stoffgeruch, die Hin- und Hereilenden, die vielen hundert Mädchen, die ärmlich und bedrückt im großen Arbeitssaal saßen und sehnsüchtig auf die Frühstücksglocke warteten. Keiner schien hier zu wissen, daß er lebe, und nur ein Ideal gab es, den Sonntag. Renate aber hatte Furcht vor dem Sonntag. Zwei Mal war sie in die Kirche gegangen, ein Mal in ein Museum. Dort irrte sie umher, ohne zu sehen, von Saal zu Saal und kam endlich, müder als ob sie durch einen großen Wald gelaufen wäre, nach Haus zurück. Das nächste Mal ging sie in die Fabrik, obwohl sie wußte, daß nur der Buchhalter arbeitete. Ratlos ging sie in verschiedenen Stockwerken umher, wo überall reinlich aufgekehrt war und die Gegenstände wie zu einer langen Reihe von Feiertagen ordnungsvoll aufgeschichtet waren. Im Montiersaal traf Renate ein einziges Mädchen, die mit dem Ausbürsten ihres Sonntagshutes beschäftigt war. Es war die Spitzen-Fanny, die man so nannte, weil sie die Verwaltung aller Spitzen hatte, welche auf die Fächer genäht wurden. »Suchen Sie Jemand, Fräulein?« fragte die Spitzen-Fanny freundlich, ohne Neugier zu zeigen.

Renate erschrak, überlegte, fand keine Antwort.

»Es ist kein Mensch mehr da und oben ist alles zugesperrt,« fuhr das blasse, magere Mädchen fort. »Nicht wahr, Sie sind bei den Malern oben?«

»Ja.«

»Wie komisch. Alle wundern sich drüber. Und so still sind Sie. Die jungen Mädeln in der Montierung sind alle ganz närrisch auf Sie.«

»So? Wie kommt denn das? Sie sehen mich doch nie.«

»Das schwarze Peperl und die Eiseners Marie sind sogar richtig verliebt. Haben Sie denn nicht bemerkt, daß die zwei mehr wie fünfzig Mal im Tag in die Malerei laufen, um Sie zu sehn? Der Saboy lacht dazu und schimpft auch manchmal, aber wenn die Marie ein Mal öfter oben war, ist die andere schon eifersüchtig.«

Renate wurde purpurrot. Verlegen und beschämt sah sie vor sich nieder. »Die dummen Mädchen,« sagte sie mit einem seufzenden Lachen.

»Wie alt sind Sie denn?« fragte die Spitzen-Fanny; ihre mattblauen Augen wurden ganz dunkel vor liebevollem Interesse.

»Dreiundzwanzig,« erwiderte Renate, wider Willen gewonnen durch das natürliche Wesen des Mädchens.

»So jung!« meinte die Spitzen-Fanny verwundert. »Was fangen Sie denn mit dem Sonntag-Nachmittag an?« fragte sie unvermittelt weiter.

»Ich weiß nichts,« antwortete Renate offen. »Ich sitze daheim und thue nichts.«

»Wollen Sie mit mir spazieren gehn?«

»Gern, wir nehmen dann meinen Hund mit.«

»Einen Hund haben Sie auch? Wissen Sie,« fügte sie mit einem sonderbaren Lächeln hinzu, »es ist eigen, daß ich heute noch Gesellschaft finde, wo es doch vielleicht das letzte Mal ist. Nämlich,« –sie veränderte ein wenig die Farbe und deutete auf ihre Brust. »Ich mache mir gar nichts daraus,« sagte sie scherzend, als sie Renates mitleidigen Blick gewahrte. »Dann giebt's halt eine Spitzen-Marie oder Spitzen-Anna. Unentbehrlich ist keiner.«

Renate ging also mit der Spitzen-Fanny spazieren, ließ das lustige Mädchen erzählen, – hundert Schwänke und Alltagsabenteuer, und Angelus trabte wohlgemut nebenher. Er war etwas gesetzter geworden, wie Einer, der Reisen, Erlebnisse und Erfahrungen hinter sich hat. Uebrigens hatte ihn das viele Daheimsitzen faul gemacht, und selbst das anmutigste Hundefräulein konnte seinen düstern Gleichmut nicht zerstreuen. Für Renate war etwas Wunderliches in der Art der Spitzen-Fanny, wie sie ihr Leben nahm, und mit einer lustigen Grimasse nach Jahren der Plage dem Tod ins Gesicht blickte.

Sie gingen nach Schönbrunn und wanderten durch den winterlichen Park. Renate hatte nicht das Bewußtsein, daß sie sich in Gesellschaft befinde. Sie erschien sich einsamer als irgendwo und irgendwann sonst. Alles bestaunte die Spitzen-Fanny an ihr: ihren Gang, ihre Hände, ihre Augen, und Renate hatte darüber ein traumhaftes Gefühl von Reichtum und Vollkommenheit. Es ist ein guter Sonntag für mich, dachte sie und sah flüchtig zum grauen Himmel auf. Viele Leute gingen denselben Weg. Der Schnee machte jeden Schritt unhörbar. Die ebenmäßig geschnittenen Alleen erweckten die Vorstellung von einer unermeßlich langen Promenade, und jedes Vorwärtskommen war mit einer Vermehrung jenes Reichtums- und Vollkommenheitsgefühls verbunden. An den Jahreszeiten vorbei, an den Jahren vorbei; zu einem Glück, das erworben und verdient war.

Als es dämmerte, hatten sie den Park schon verlassen und gingen durch schmale, ruhige Vorstadtstraßen. »Wo sind wir denn?« fragte Renate und folgte ihrer Begleiterin einen Hügelweg hinan, der mit Gärten und kleinen landhausähnlichen, doch keineswegs prunkvollen Gebäuden besetzt war. »Dort drüben wohnt meine Mutter,« erwiderte die Spitzen-Fanny. »Sie müssen unbedingt ein Schalerl Kaffee bei uns trinken.« Indessen kam ihnen mit hastigen Schritten ein junges Mädchen entgegen, erhitzt vom raschen Gehen. Vor einem der kleinen Häuser blieb sie stehen, erst wie aufatmend, dann den Blick neugierig, erstaunt und freudig auf Renate heftend. Flüchtig schaute sie an den Fenstern empor von denen zwei eben erleuchtet wurden, dann ging sie rasch auf Renate zu und streckte ihr beide Hände hin. Sie konnte nicht sprechen, so atemlos und vielleicht auch so erstaunt war sie. Renate ihrerseits sah völlig stumm in das junge, glühende, anmutvolle Gesicht. Aber eine Stimme im Haus rief im Ton äußerster Ungeduld: »Miriam! Miriam!« Und Miriam schüttelte Renates beide Hände und stammelte: »Kommen Sie! Bitte, kommen Sie bald!« Schon war sie ins Haus geeilt.

Als Renate weiterging, glaubte sie geträumt zu haben. In den Augen der Spitzen-Fanny las sie eine Mischung von Mißtrauen und scheuer Ergebenheit.

3.

Ferner war das wie eine Fortsetzung der erträumten Vorgänge: man saß um einen runden Tisch; im engen Kreis war das Licht der Petroleumlampe: jenseits war Schatten, und ein paar altväterische Bilder und ein Kachel-Ofen schwammen weit draußen im Meer der Dämmerung. Es saß eine alte Frau da, welche beständig den zahnlosen Mund öffnete, angeblich um zu lachen; dann die Spitzen-Fanny, von welcher sich Renate plötzlich abgestoßen fühlte, weil es wie Prahlerei klang, daß sie so gleichgiltig, ja verächtlich um das Schicksal that, das ihrer wartete. Einmal unterbrach sie sich selbst und lief, überjugendlich thuend, zu einer Kommode hinüber, während die alte Mutter kummervoll und blöde den Kopf schüttelte, als könne sie der Bewegung ihres Hauptes nicht mehr Einhalt thun. Die Spitzen-Fanny brachte eine kleine Schatulle herbei, an welcher ein beweglicher Spiegel festgeschraubt war. Sie zog die Schublade heraus und nahm eine altaussehende Photographie in die Hand. »Das ist mein Vergangener,« sagte sie sentimental. »Er ist schon lang tot. Bei einem Strike ist er von einem Kameraden erstochen worden.« Ruhig nahm Renate den Karton, aber trotz ihrer Abneigung gegen Photographieen ergriff sie etwas in dem Gesicht des Mannes. Ein Zug von Heldenhaftigkeit vielleicht, der besonders dem Mund ein auffallend edles Gepräge gab. An den Arbeiter erinnerte nur die niedere eckige Stirn. »Nicht wahr ein schöner Mann?« fragte die Spitzen-Fanny und legte den Arm vertraulich um Renates Schulter. Renate wurde sehr blaß und erhob sich rasch, indem sie sich sanft aus dem Arm des Mädchens befreite. »Ich muß gehen,« murmelte sie, auf die Uhr sehend, »es ist die höchste Zeit.« –»Höchste Zeit? Wieso denn?« – Renate schwieg betroffen; dann sagte sie trotzig und schroffer als sie wollte: »Ja ich muß gehen.« Die Spitzen-Fanny machte ein boshaftes Gesicht und wurde übermäßig höflich mit ihrem Gast. Alles Blut floß Renate zum Herzen, und sie reichte ihr nicht die Hand, als sie mit einem kargen Gruß Abschied nahm, um den Weg nach Hernals einzuschlagen und den Abend lustig bei Walzern und Märschen hinzubringen. »Sie kommen spät, mein Fräulein,« säuselte Herr Piepenzahn. »Die Kunst kann nicht warten. Die Kunst läuft nach der Uhr ...funiculi, funiculaaa!« brüllte er sodann in den steinernen Korridor.

Von dem Tag an begann die Arbeit auf Renate anders zu wirken, als bisher, gleichwie wenn ein unsichtbares Wesen in ihr, welches jedoch seiner Ziele genau bewußt war, auf solchem Weg kein Heil erkannt hätte. Tiefe Erschöpfung stellte sich ein, oft schon in der Mitte des Tages, und die Farben auf dem halbkreisförmigen Stoff, den sie vor sich liegen hatte, begannen zu verschwimmen. In den Ohren war eine leise, quälende Musik, als ob alle Biermelodieen der grünen Insel aus der Ferne heranrückten ähnlich einer ordnungslosen Soldateska. Der Tag hatte keine bestimmten Grenzen mehr, die Gesichter der Leute nahmen sich aus wie verblaßte Zeichnungen an einer grauen Wand. Mit verdüstertem Sinn schleppte sie sich abends zur grünen Insel, und beim Heimweg in der Nacht überfiel sie ein Geist des Widerstands und des Aufruhrs, der durch Müdigkeit und Schlaf nur langsam seine Gewalt verlor.

So blieb es die erste Woche. Am Sonntag Morgen, kaum daß es Tag geworden, verließ sie das Bett und setzte sich wie sie war, ans Fenster. Doch fror sie bald, und sie machte ein Feuer an. Angelus folgte jedem ihrer Schritte, als ob er etwas erwartete oder fürchtete. Er schien zu fragen, warum seine Herrin müde sei, warum sie sich nicht zu ihm wende, warum ihre Hände so erschlafft herabhingen, warum der bitter-ergebene Zug den Mund nicht verlasse. Komm, Angelus, sagte Renate, als hätte sie verstanden, finde es aber zu schwer, Auskunft und Antwort zu geben. Der Hund legte seinen Kopf in ihren Schoß und rührte sich nicht mehr. Renates Haar hing über die Lehne des Stuhls herab, reichte fast bis an den Boden. Sie ließ den Kopf zurücksinken, um das Gewicht ihrer Haare zu vermindern. In der Mitte des sonntäglich rein gekehrten Hofs stand noch immer das verkrüppelte Bäumchen wie der traurige Rest ehemaliger Gartenherrlichkeit. Um acht Uhr läutete es draußen, und gleich darauf, als sei Jemand gekommen, der sich nicht zurückhalten ließ, klopfte es an die Thür, die ebenso hastig aufgestoßen wurde. Die Spitzen-Fanny, trat ein, lächelte gewinnend, war rot vor Erregung, grüßte und fragte dann, plötzlich kleinlaut geworden, ob Renate mit in die Kirche gehe. Sie war mit ihren schönsten Sachen aufgeputzt, trug einen Hut mit wallenden Strauß-Federn, welche einmal für Fächer bestimmt gewesen waren, und die sie als Weihnachtsgeschenk in der Fabrik bekommen hatte. Ihre Ohrringe bestanden aus großen, falschen Steinen, die Halsbroche aus vielen kleinen solchen. Ihr Kleid war voller Flitter und blitzendem Tand. Mit unverhohlener Neugierde blickte sie im Zimmer umher, als gebe es Geheimnisse zu ergründen. »Wie kommen Sie denn hieher?« fragte Renate, die gegen das Fenster gekehrt stand und einen wilden Zorn über sich kommen fühlte. – »Man hat mir im Comptoir Ihre Adresse gesagt. Ist es Ihnen nicht recht, daß ich da bin? Dann kann ich ja wieder gehn. Sie brauchen es ja nur zu sagen.« – »Ich gehe nicht in die Kirche,« erwiderte Renate jetzt gleichmütig. – »Sind Sie krank? Soll ich Ihnen Gesellschaft leisten?« – »Ich bin nicht krank,« sagte Renate, ging durch das Zimmer und setzte sich auf den Bettrand, als sei sie auf Schlimmes gefaßt. Feindselig blickte die Spitzen-Fanny sie an. Dann wurde ihr Gesicht plötzlich wieder heiter und in noch deutlicherer Weise geheimnis-lüstern. »Ei, sehen Sie doch!« rief sie aus und schaute überrascht auf den Schrank hinauf, »da haben Sie ja genau einen solchen Toilettekasten wie ich. Und auch ein Spiegel und dieselbe Schnitzerei! Das ist merkwürdig!« Was daran merkwürdig sei, konnte Renate nicht verstehen. Es war ein gewöhnliches Hausmöbel, wie es in vielen Wohnungen zu treffen ist. Renate hatte es nie benutzt, es nie berührt. Seit sie hier wohnte, stand es auf dem Schrank. »Ist vielleicht auch ein Vergangener drin? oder vielleicht ein Zukünftiger?« fuhr daß Mädchen neckend fort, und die unbezähmbare Neugierde in ihr bekam etwas Krankhaftes und Abstoßendes. Unbekümmert ging sie hin, erhob den Arm und zog die Schublade heraus, wobei sie sich auf die Zehen stellen mußte. »Ach, nur Briefe!« sagte sie enttäuscht und hielt ein paar weiße Blätter zögernd in der Hand. Aber etwas in Renates Gesicht schien sie zu beunruhigen. Mit scheuem Lächeln warf sie die Papiere wieder an ihren Platz und schloß den Kasten. »Liebe Fanny,« sagte Renate ruhig, »lassen Sie mich allein. Ich bin heute gar nicht aufgelegt zu reden.« – »O bitte sehr, bitte sehr,« erwiderte das Mädchen schnippisch, schloß gleich darauf die Augen und hielt die Hände vor die Brust. »Es sticht,« sagte sie mit veränderten Mienen.

Als sie gegangen war, legte sich Renate, die Arme verschränkt, das Gesicht nach unten, auf das Bett und verharrte so. Aber das Unerwartete, das dem Vormittagsbesuch der Spitzen-Fanny folgte, war eine feindliche und mißtrauische Stimmung, die sich in der Fabrik gegen Renate verbreitete. Ueberall waren beobachtende und lauernde Blicke, und die Spitzen-Fanny wühlte unten und intriguierte oben, redete vor den Herren im Comptoir, bei denen sie sehr beliebt war, hin und her, componierte sich in einen Roman hinein, der ihr unwillkürlich die Pflichten der Steigerung und folgerichtigen Entwicklung auferlegte, so daß ihr selber bald zur Last wurde, was ihr im Anfang Vergnügen gewesen war. Denn die Verleumdung wird immer die Herrin des Verleumders.

An alledem lag Renate nur wenig. Es trug dazu bei, ihre Einsamkeit zu vermehren. Sie bemerkte es meist kaum, litt also nicht darunter. Ihre umflorten Blicke waren in die Ferne gerichtet, – immer noch. Was sie that und was sie lebte, hatte Aehnlichkeit mit dem Gang eines Schlafwandlers zu unbekanntem, jedoch längst festgesetztem Ziel. Deshalb erlahmte sie nicht, täglich Dutzendmuster auf Fächer zu tünchen und in der grünen Insel am Klavier zu sitzen, obwohl sie in jeder Nacht glaubte, ja hoffte, morgen das Bett nicht mehr verlassen zu können. Der einzige Halt blieb Angelus. Er durfte jetzt mit zur grünen Insel gehen und beschaute sich dorten mit Muße die Welt. Manchen Bissen bekam er in der Küche, und ein Piccolo, der nicht größer war, als ein gewöhnlicher Spazierstock, wurde sein besonderer Gönner. Oft schlich er traurig in den Gängen herum, kehrte düster auf seine Wolldecke zurück. Man sah ihn oft vor dem Thore stehen und unbeweglich Katzen und Spatzen fixieren. Es schien, daß er einen Gast erwarte, dem er aufopfernde Dienste würde leisten müssen.

Nach und nach wirtschaftete der Winter ab. Zu Anfang des März kamen die Vorfrühlingstage mit geradezu sommerlichem Gehaben. Die Luft wurde weich, und die Wolken wie Flaum schienen voll zu sein von warmen Dünsten, die sie ausstreuten. Wie schwer wurde es für Renate, zu gehen! Ihre Augen waren müde, zu schauen, ihre Gedanken müde, sich zu bewegen. Sie lagen im Innern, wie Vögel, die plötzlich durch zu heißen Wind erstickt wurden. In ihrem Zimmer saß sie, – wieder an einem Sonntag und versuchte zu nähen. »Wie lange werden wir noch hier wohnen, Angelus,« flüsterte sie. »Ich glaube, noch lang. Es wird auch immer stiller um uns. Alle unsere Freunde sind tot.« Sie wollte ein wenig spazieren gehen und machte sich daran, sich zu frisieren. Da aber der Handspiegel gestern zerbrochen war, wollte sie es aufgeben, als ihr Blick auf den alten Toilettekasten fiel. Sie erinnerte sich der Spitzen-Fanny, die immer noch so lustig weiterlebte. Auch fielen ihr die Briefe ein, die Jene damals in der Hand gehalten. Nie hatte Renate daran gedacht, und jetzt hatte sie Lust zu sehen, was es damit war. Sie nahm die Papiere aus der Lade und entfaltete sie. Es waren zwei Briefe. Sie waren mit einer klaren, vorsichtigen, doch kühnen Schrift geschrieben. Jeder begann: liebe Freundin Darja, und die Unterschrift lautete Agathon Geyer.

Nachdem Renate die Briefe gelesen, hatte sie ein leichtes Schwindelgefühl. Ihr war, als ob sie in die Luft getragen worden wäre, recht weit empor und nun voller Angst sei, herunterzustürzen. Eine Wirrnis und Bangigkeit war in ihr, die nicht zu beschwichtigen war. Lange Zeit wanderte sie auf und ab, flüsterte halbe Worte vor sich hin, stand am Fenster, blickte in das dunkelblaue Stück Himmel, das in den Hof hereinstrahlte und fürchtete aufs Neue die Tiefe eines Falles. Mechanisch trat sie ihren Gang zur grünen Insel an, und als sie draußen war und schon im völlig leeren Saal stand, erinnerte sie sich erst, daß heute nicht gespielt würde, da der Wirt gestorben war. Sie stand auf dem Podium und öffnete das Klavier. Nebenan in der Wand war eine Glasthür, und in einem spelunkenartigen Raum saßen vier verbrecherisch aussehende Gestalten, vollgetrunken, mit Kartenspiel beschäftigt. Der ganze Saal war finster, nahm sich aus wie eine Katakombe. Ueber einen Lichtstreifen zwischen zwei Tischen lief eine Ratte, und eine andere folgte faul. Renate ließ die Finger über die Tasten gleiten, beugte die Stirn bis an das Notenbrett herab und redete etwas vor sich hin, was eine wunderliche Mischung von Gebet und leidenschaftlicher Klage war.

4.

Der letzte Gang hieher, dachte Renate auf der Straße, sah sich umgeben von Lachenden, Schwatzenden, Sonntagsfrohen. Hinter den Hügeln flammte noch der getötete Tag, der jetzt schon über fernen Meeren schwebte. Eine Wolke zog ihm nach, ruhig den Himmel durchfurchend; es schien, als werfe sie Streifen wie ein Kahn im Wasser. Aber alles wurde plötzlich sehr fern für Renate, trat aus dem Kreis ihres Interesses, und deutlicher als je vernahm sie den Ruf, der sie einmal schon erreicht hatte, als sie das Haus ihrer Eltern verließ. Am nächsten Morgen ging sie nicht mehr in die Fabrik, um zu malen. Sie setzte sich an ihren Lieblingsplatz beim Fenster und begann zu nähen, nahm ihre Kleider aus dem Schrank, prüfte jedes Stück auf das Sorgfältigste und setzte es wieder in Stand. Ich muß frühlingsfähig werden, dachte sie mit raschem Lächeln, jedoch hatte sie eine Empfindung wie vor einer großen Reise. Und abends nahm sie wieder die Briefe an Darja und las sie von neuem. Diese Schriftstücke folgen hier.

Der erste Brief lautete:

Liebe Freundin Darja, ich muß Ihnen danken, denn die mütterliche Obhut, die Sie meiner Schwester Miriam in Zürich zuwandten, verpflichtet mich zu Dank. Deshalb nenne ich Sie Freundin, wage es, Ihren Vornamen hinzuzufügen, obwohl ich Sie noch nicht gesehen habe. Dennoch kenne ich Sie: durch Miriam, die Sie liebt, und die es meinem Gefühl leicht werden ließ, eine Gestalt von Ihnen zu schaffen. Sie wissen es, daß Miriam mir teuer ist. Von allen teuren Menschen ist sie mir allein noch geblieben. Es ist drei Jahre, daß ich sie nicht mehr gesehen habe, und ich dachte, sie in diesem Winter zu treffen. Doch es ist unmöglich. Die Städte will ich meiden, muß ich meiden. Seit zwölf Jahren hat mein Fuß keine Stadt betreten. So wird es Sommer werden, bis ich Miriam wiedersehen kann. Schreiben Sie mir, Freundin, welche Zukunft Sie für meine Schwester hoffen. Ob der Weg, auf dem sie geht, zu Zielen führt, oder ob er sie den Mangel eines Gefährten vergessen lassen wird. Für Liebe ist Miriam nicht geschaffen. Vieles an ihr giebt mir Recht, das zu sagen. Sie ist nicht geschaffen dafür, würde zerbrechen, vergehen. Denn es ist mein Glaube, daß es jetzt einige Frauen giebt, die zu fein, zu stolz, zu zart, zu sehr erfüllt von einem Ideal sind, um einer unvollkommenen Leidenschaft zu dienen. Und käme wirklich eines, das sie ganz ergreifen könnte, es wäre ein Wunder, Zufallswunder. Darum schreiben Sie mir, was Miriam hoffen kann und was Sie denken. Not braucht sie ja nicht zu fürchten, denn seit unser Verwandter Löwengard gestorben ist, können wir ohne die erniedrigenden Sorgen leben. Aber das allein genügt noch nicht. Wo der Geist ruht, schläft die Seele. Und wenn die Seele einer Frau schläft, geht sie durch das Leben wie durch einen tiefen Traum, und ihre Hand greift nach andern Händen, welche sie herunterziehen müssen. Ihr Agathon Geyer.

Der zweite:

Liebe Freundin Darja, von neuem ein Dank, denn Sie haben mich beruhigt. Ich lernte Ihren klaren Blick würdigen, der nur aus einem klaren Herzen kommen kann. Miriam wird nicht in die Lage kommen, den Irrtümern der Träumenden zu verfallen, schreiben Sie. Ich glaube es selbst. Es ist etwas von der Stärke unserer Rasse in ihr. Sie bitten mich, Ihnen von mir zu schreiben, warum ich hier bin, in den Dörfern Galiziens, warum ich wie in der Wildnis lebe, unter Menschen, von denen mir keiner zum Freunde werden kann. Ich antworte Ihnen darauf: ein Mann braucht keinen Freund. Sie wissen es vielleicht, daß meine Jugend seltsam war. Frühe, viel zu frühe brach ich Früchte vom Erkenntnisbaum. Ich entäußerte mich alles Glaubens und sah in der engötterten Welt starke Menschen sich zur Freude wenden. Nichts Ueberkommenes hielt mich auf, und das Ziel der endgiltigen Freiheit beflügelte meine Wünsche. Was ich sah, schien mir alt und brüchig, lastend und verderblich. Die Moral der Religionen und der Gesellschaft hatte mich erbittert und zum Kämpfer gemacht. Durch Andersthun, durch Worte glaubte ich wirken zu können. Heute glaub ich es nicht mehr. Später glaubte ich, die Zeit reifen lassen zu müssen, aber die Zeit reift nur für den Einen, der bereit ist. Ich kann nicht von Enttäuschungen sprechen, denn ich bin mir der selbe geblieben. Kaum zwanzig Jahre alt, nahm ich eine Verführte zum Weib und kümmerte mich nicht um die Rauner und Uebelwoller. Aber sie war schwach und blieb klein, ja, das Kleinliche kam wie eine Krankheit über sie. Sie konnte die Menschen nicht entbehren und litt am Gerede der Welt. Sie sah nicht mehr mich, sondern denselben, den die Leute sahen. So entglitt sie mir, und allmählich siechte sie hin. Damals verließ ich die Heimat und begann erst, zu werden. Ich sah mir alles Leben der Welt an vom Kleinsten bis zum Größten und schwieg. Es wurde mir klar, daß es mein Beruf sei, zu schweigen. Ich bin weder ein .Verneiner noch ein Bejaher, sondern stehe da und lebe. Von allem, was ich früher an Ueberzeugungen und Wünschen erworben hatte, suchte ich mich zu befreien. Ich habe mich befreit. Niemals habe ich zu überreden gesucht oder zu bekehren. Anhänger zu haben, lag nicht in meinem Willen. Gepriesen zu sein oder verdammt zu werden auch nicht. Nicht durch Absonderlichkeiten wollte ich die Blicke auf mich zwingen, damit der oder jener frage, was es sei. Ich ging nicht im »härenen Gewand«, verdrehte nicht die Augen, machte meine Einsamkeit nicht auffällig, eignete mir kein erhabenes Wesen an, wollte äußerlich gleich sein einem Jeden, der meinen Weg kreuzte, und kein Spiel treiben mit falschen Künsten. In aller Welt bin ich gewesen und habe gesehen. Und allmählich kam ich hinter den Urgrund eines jeden Schicksals. Allmählich kam es so, daß der Vorübereilende mir nichts zu verschweigen hatte, denn sein Schweigen, sein Eilen redeten laut. Die Worte, die ich wirklich hörte, wurden mir zu schwanken Zeichen, zu armseligen Behelfen, und ich merkte bald, daß kein wahrhafter Mensch sich ihrer bedienen kann, um von seinem Innern Kunde zu geben. Alle Leidenden sind stumm, sind wie verriegelt. Und nun hören Sie: indem ich ging und überall die stummen Worte hörte, legte ich ihnen gar keinen Wert mehr zu, sondern blickte auf die Dinge, die wie im Grund des Wassers ruhen. Und auf solche Weise begann ich zu leiden. Jede Thorheit, jede Ungerechtigkeit, jede Schwäche, jedes Unheil, jede Bedrückung, – jedes Leiden floß zu mir über und ich fühlte mich bald so voll davon, daß ich vermutete, die Zeit sei nahe. Denn das ist mein Glauben geworden, wer sich selbst erlöst durch Leiden und durch Wissen, der erlöst alte Leidenden, die niemals wissen werden. Nichts geht verloren in der Welt, am wenigsten das stumme Opfer. Wenn es die Luft nicht künden wird, muß es der Staub thun, in den ich zerfalle. Nichts ist umsonst. Wem ich die Hand drücke, der giebt mir seine Angst und seine Sorgen, und ich richte schweigend auf. Gütig sein ist alles, und gütig sein heißt: sehen und ertragen. Ein Jeder ahnt in mir den Mitträger seiner Schuld und seines Elends, nur tausendfach vermehrt. Deshalb wächst seine Stärke und sein Leichtigkeitsgefühl, und er erscheint sich als der allein Verantwortliche über seinem Schicksal. Die Zeit der offenen Martyrien ist vorbei. Wer da vergeht, voll vom Geschick und der Bestimmung, der ist Erlöser. Ich bin noch kein alter Mensch, kaum fünfunddreißig, aber ich stehe am Abend meines Lebens, ich weiß es deutlich. Meine Natur beginnt sich zu widersetzen, aber es ist nicht eigentlich das Leiden des Körpers, das mich zu Fall bringen wird. Hier unter den galizischen Juden geht das Verderben mit geschärftem Schwert umher. Meine Stammesgenossen sind es, die ich verkommen sehe, und es ist, als ob alte Blutschuld sie erdrückte. Ich fühle mich nicht zusammengehörig, nur mitschuldig an einem großen Irrtum, der die Erde verfinstert hat. Sie stehen um die Leiche eines Gottes und thun, als ob er lebe und nicht hören wolle. Das ist ein Unglück von solcher Art, um lange Ketten kommender Generationen zu vergiften. Hier bin ich gelandet. Und da, wo ich bin, kommen die Kinder zu mir. Aus drei Dörfern ziehen sie herbei, hunderte. Ich lehre nicht und bilde nicht. Alles wird wie im Spiel. Sie finden sich in mir. Sie entfernen sich von jener Leiche. Ich gehe mit ihnen durch den Wald, und sie singen. Es kommt der Abend, und sie lagern. Plötzlich werden sie Andere, scheinen geheimnisvolle Versprechungen zu geben, und einer kommt zu mir, ein blasser Knabe mit merkwürdig mutigen Augen und fragt, ob ich ihn liebe. Darin liegt das Ereignis, in dieser Frage der Anfang einer Wandlung. Und nun genug von alledem. Meine Hand, nicht gewohnt zu schreiben, ist müde. Daß ich geschrieben habe, kommt mir fremd und erstaunlich vor. Was Sie lasen, liebe Freundin, sind Worte, zerrissene Empfindungen, kaum ein Hauch von Wirklichkeit. Agathon Geyer.

Vieles, was sie nicht sogleich verstand, las Renate zweimal. Und was sie mehr als alles ergriff, war das zitternde Etwas, das hinter den Worten lag und nicht zur Form gelangen konnte. Unmöglich schien es ihr, daß die Briefe für eine Andere als sie selbst bestimmt gewesen waren. Sie glichen einer Nachricht, der sie lange, lange entgegengewartet. Aber war es nicht zu spät? War es nicht um Jahre zu spät?

5.

Sie zählte in der Nacht ihre Ersparnisse nach. Es waren sechsunddreißig und ein halber Gulden, – mühevoll, Monat für Monat beiseit gelegte Groschen. Sie hatten in Renates Augen einen viel größeren Wert als den wirklichen. Ausgaben, die davon bestritten werden sollten, mußten idealer Natur sein. Die halbe Nacht saß Renate beim Nähen; schließlich war das Oel in der Lampe gar. Das Licht wurde immer düsterer, und sie blickte versonnen vor sich hin. Die Arbeit ruhte auf ihren Knieen. In der Ecke zwischen Ofen und Wand kauerte Angelus und rührte sich nicht. Draußen wehte ein Sturm; oft drückte er sich gegen die Fenster wie ein Leib und drohte, das Glas zu sprengen. Als Renate schlafen ging, war es schon drei Uhr. Weil sie sehr müde war, schlummerte sie bald ein, aber ihre bebende, erwartungsvolle Erregung ging mit in den Schlaf hinüber, nach einer Stunde schreckte sie empor, im Glauben, man habe ihren Namen gerufen. Sie lauschte, mit einer Hand das wirrgewordene Haar zurückstreichend. Der Sturm hatte wieder aufgehört. Die Welt schien still von einem Ende bis zum andern. Das Atmen des Hundes war leise vernehmbar.

Früh am Morgen kam Jemand aus der Fabrik, zu fragen, was es sei. Sie gab zu wissen, daß sie sich unfähig fühle, zu arbeiten. Frau Gabesam, mürrisch und finster, brachte aus dem Boten, was sie wissen wollte heraus. Allmählich sah sie sich genötigt, die Gräfin in Renate Fuchs aufzugeben. Da alles Roman-Ersinnen vergeblich gewesen und es anscheinend keine Geheimnisse mehr zu lösen gab, erwachte ein schweigender Zorn gegen die Mieterin. Aber vor den Nachbarn blieben die Fabeln lebendig, die den guten Ruf ihres Hauses und eine eigene Art Vornehmheit ausmachten.

Ist es nicht verbrecherisch? fragte sich Renate bange, als der Abgesandte fort war. Jedoch die sonderbare Zuversicht war stärker als die Furcht. Nähen, nur nähen, alles bereit halten. Am selben Tag kam auch ein Mädchen, welches Herr Piepenzahn schickte. Die Nachricht bestand darin, daß die Kapelle heute im goldenen Apfel spiele. Frau Gabesam, plötzlich ebenso mißtrauisch als verwirrt, verlangte ohne weiteren Grund den laufenden Mietsbetrag, obwohl der Monat nicht zu Ende war. Renate ließ sie nicht warten, zeigte auch keine Verwunderung. Warm und hell schien die Sonne, und es war lockend, spazieren zu gehen. Sie zog das beste Kleid an, das schwarze, das sich noch wie unberührt ausnahm. Auch der Hut war schwarz, mit schwarzen Federn, nur die Handschuhe waren weiß. Als Renate so auf den Korridor trat, stand Frau Gabesam an der Thüre gegenüber und fütterte ihre beiden Katzen. Sie riß die Augen auf, als sie ihre Mieterin sah, die schlanke, ruhige Gestalt und das bleiche, schöne, regungslose Gesicht hinter dem schwarzen Schleier. »Es ist wunderbares Wetter heute,« sagte Renate mit leiser Stimme und verlegenem Lächeln, als hätte sie um Entschuldigung bitten müssen. Die Alte schlug die Hände zusammen; die Gräfin-Legende hatte neuerdings an Wahrscheinlichkeit gewonnen. Renate dachte nach, wann sie das Kleid zuletzt getragen hatte. Es war damals gewesen, als sie von Anna Xylander zur Gräfin Terke gegangen war. Ein Frühlingstag war es gewesen und im englischen Garten erwachten die Blüten.

Angelus ging voran. Heimliche Ungeduld schien ihn zu treiben. Er blieb oft stehen, blickte zurück, rannte vorwärts, blieb von Neuem stehen. Er schnüffelte in der Luft, schüttelte sich, war voller Unruhe, mehr noch als seine Herrin. Renate wandte sich zum Rathaus, ging durch die stillen Arkadenhöfe, fühlte sich plötzlich einsam und schutzlos, sah sehnsüchtig in die geöffneten Fenster der Wohnungen, blickte den eilfertigen Fiakern nach. Dann saß sie auf einer Bank im Volksgarten, und es kam ihr vor, als sei die Sonne glanzlos geworden. Schwatzende Mädchen gingen vorbei und freuten sich des jungen Jahrs, das sich so gut anließ. Aber was sie erblickte, schien in weite Ferne zu rücken, und unwillkürlich beugte sie sich vornüber, um den Boden unter ihren Füßen näher zu haben. Sie kämpfte gegen das Erinnern und Sichbesinnen, aber es war unmöglich, gegen Gedanken sich zu wehren, oder gegen Bilder, die wie im Rad sich drehten und beständig wiederkehrten. Ihre ganze Natur strebte zu einem Ziel, doch ringsumher war Ziellosigkeit. Und: wohin führst Du mich? Schien sie fortwährend einen Schattenhaften Gefährten zu fragen, aber keine Antwort fiel.

Nach Hause. Doch im engem Raum vergrößern sich die Bilder, und vorher unbestimmte Laute gewinnen Sinn und Gestalt. Sie will schlafen, aber sie fühlt sich bedrängt in ihrer Einsamkeit und glaubt, man müsse die Thür verriegeln. Es geschieht. Doch das ist es nicht, was den Schlaf abhält. Angelus will nicht ruhen, und man muß ihm zureden. Seine Augen haben etwas Drohendes, Falsches, Verwirrtes. Kinder spielen im Hof, denn es ist noch früh. Um das verwitterte Bäumchen haben sie einen Kreidekreis gezogen; innerhalb des Kreises ist Sicherheit vor dem Feind. Renate wähnt sich selbst noch Kind; ein teilnehmendes, doch zugleich leeres Lächeln tritt auf ihre Lippen. Eine schmetternde Tenorstimme gellt durch die Abenddämmerung. Das Spiel ist aus. Wie Funken auf der Asche verbrannten Papiers schleichen die Kinder davon. Nun wird es auffallend stille. Renate horcht und horcht. Es ist, als habe sie auf einmal die Fähigkeit zu hören verloren. Dann ist sie müde und der Schlaf kommt, etwa wie ein Grandseigneur, der um den Umfang seiner Gnade weiß. Schneller als sonst atmet sie im Bette, und die Decke über dem Körper wird schwer. Sie sieht Gebirge im kalten Dunst der Nacht. Berge wachsen auf, wo vorher noch Städte waren, und Eis krönt ihre Gipfel. Oben steht Angelus, zum Ungeheuer geworden, fett und angeschwellt von Leichen. Renate schrickt empor, ihre Stirne brennt, und beklommen schlägt sie die zitternden Hände vor das Gesicht.

Aber was sind das für Tage, in weiße Nebel eingehüllt, geräuschlos gehend, zeitlos, ereignislos? Denen keine Sonne scheint, und die sich aneinanderreihen wie die festgefügten Glieder einer Kette? Frau Gabesam bringt Frühstück und Mittagessen und trägt es oft ganz unberührt wieder davon, fragt, ob Renate krank sei. Renate ist nicht krank. Sie leidet an einem andern Hunger als dem, den Frau Gabesam durch ihre Kochkunst befriedigen kann. Angelus soll ein Stück Fleisch bekommen, doch er frißt nicht. Ein verstockter Hund, bösartig und übelwollerisch, meint Frau Gabesam. Doch ist sie nicht im Recht, und Renate sagt es ihr. Es ist heute wieder so schön, sagt die würdige Dame, ein schöner Abend, das Fräulein solle doch ausgehen. Als sei das ein Befehl, kleidet sich Renate an und geht, geht, geht, weiß nicht wo und wohin. Gelber Staub liegt über dem Praterstern, Millionen Geräusche scheinen darin halb zu ersticken. Man schreit, lacht, rennt; Wagen poltern, Glocken tönen, Glöckchen zirpen; Musik vom Prater, Maschinenpfiffe vom Bahnhof; und im Westen loht die Abendröte. Renate zahlt irgendwo Eintrittsgeld, es ist »Venedig in Wien«. Ein Gefängnis scheint es, denn die Bäume, die sie sieht, scheinen keinen Himmel über sich zu haben. Glühlampen hängen zahllos in den Zweigen, und disharmonisch verstrickte Melodieen fließen aus allen Richtungen herbei. Es ist ein atemloses Drängen in den Alleen, und Renate wird mit Coriandolis beworfen, so daß Hut und Kleid nicht mehr schwarz, sondern carnevalsbunt aussehen. Drüben dreht sich ein riesenhaftes Rad mit Lichtern besteckt, wie eine Sonne, die ihr Feuer bis auf ein paar Funken verloren hat. Ueberall Musik, überall Gesang, überall lustige Lacher. Man spricht Renate an, sie antwortet nicht, hört es nicht. Einmal sieht sie ein Gesicht, das sie festhalten möchte, aber es treibt fort wie ein Sandkorn im brodelnden Wasser. Oben in den Lüften ist Nacht, hier noch lange nicht. Oben schweigt die Welt, ruht die Wolke still neben dem Mond, und beide gleiten einsam über das dunkle Firmament. Renate möchte empor, aber wie könnte sie es mit schweren Gliedern. Dort geht Herr Piepenzahn. Tief entzückt vom Gesang der Italiener, legt er das eine Ohr begeistert auf die Schulter, summt lächelnd mit, wippt mit Fuß und Stock den Takt. Und dort ist der mausgraue Baron, wirft einer Geschminkten, albern Grinsenden einen Blumenstrauß zu. Renate verläßt den Ort der Vergnügungen, findet, daß es kühl ist, schauert zusammen. Die Jahreszeit ist noch zu früh, um im blanken Kleid gehen zu können. Aber wo ist Angelus hingekommen? Sie bleibt stehen und sieht sich um. Sie geht zurück bis zum Eingang und ruft. Ein Mann kommt herbei mit einer gelben Mütze, fragt, womit er dienen könne. »Mein Hund ist fort,« erwidert Renate mit stockender Stimme und geht ein Stück die Praterallee hinab, wo es leer und finster wird. Angelus, ruft sie. Die Sträucher rauschen zur Antwort, das ist alles. Wartend bleibt sie stehen, mühsam sammelt sie die Gedanken. Es wird ihr klar, daß der Hund nach Hause gelaufen ist. Rasch eilt sie auf eine Tramway; ihre Ungeduld kann nicht das langsame Vehikel beflügeln. Noch ist das Hausthor geöffnet, doch Frau Gabesam ist gerade im Begriff, sich zur Nachtruhe zu entkleiden. Kein Angelus ist da. Ich hätte nicht fahren dürfen, denkt Renate verzweifelt, sicherlich wäre er mir auf dem Weg begegnet. Sie stellt sich vor den Straßeneingang des Hauses und wartet. Man sperrt das Thor zu, sie wartet immer noch, sie denkt, Angelus ist klug, weiß, wo er zu Hause ist, wird nicht säumen, zu kommen. Aber alles ist vergeblich. Vorübergehende Männer starren Renate frech an, aber sie schaut nur immer die Straße hinunter, ob Angelus nicht auftauchen wird. Ich habe ihn vernachlässigt, grübelt sie schmerzlich, und er hat es gefühlt. Ich habe erlaubt, daß man ihn schlägt, und er hat es mir nie verziehen. Er war treu und geduldig, verstand alles, ein wahrer Kamerad. Er wußte besser Bescheid um seine Herrin, als irgend ein Mensch, aber ich habe es gleichgiltig hingenommen, darum verlor ich ihn. Ich werde ihn nicht mehr sehen.

Betrübt geht Renate zum Park hinunter, und ihre Blicke irren suchend umher. Die Einsamkeit, in der sie sich befindet, erscheint ihr plötzlich unerträglich. Ihr Zimmer mit den kahlen, kreidigen Wänden kommt ihr wie das Gebilde einer bösen Vision vor. Lieber will sie durch die Straßen gehen, um Angelus zu suchen, lieber will sie ihr Leben einbüßen in der Nacht, als in jenen Raum zurückkehren. Sie spürt ihre Müdigkeit nicht mehr, sie weiß nicht mehr, wo sie geht. Eine furchtbare, geheimnisvolle, unirdische Traurigkeit kommt über sie, und ihr Mund ist geschlossen und gefährtenlos geht sie hin. Sie friert und weiß es nicht. Es regnet und sie empfindet es nicht. Von ungefähr kommt Irene Puntschuh des Weges und schüttelt den Kopf; ihr rötliches Haar löst sich im Wind. Eugenie Hadamard sitzt auf einer Bank, stickt an einem roten Tuch unablässig bis in den Tag hinein. Aus den Fenstern eines palastähnlichen Hauses blickt Elwine Simon, und vor Glück flammen ihre Wangen. Engumschlungen stehen Gisa Schumann und Ella Holzgetan vor einer Gartenpforte, Peter Graumann geht auf sie zu, ohne in der Dunkelheit den Weg zu finden. Erschreckend bläst ein Horn in der Nacht; es ist der Feuerwagen, der durch Mariahilf stürmt, zwei Fackeln rechts und links vom Bock. Düster glühende Messinghelme auf dem Haupt, sitzen Gudstikker und der Herzog zwischen den Fackeln, und Herr Winiwaak kauert auf dem gerollten Schlauch. Gespenster, flüstert Renate totenbleich, niemals hab ich das erlebt, niemals alle diese gesehen. Und wo bin ich jetzt? Wo geh ich hin? Ich bin in einer fremden Stadt. Wie kam ich hieher? Ich will zu Miriam gehen; sie hat mich gebeten, zu kommen, doch wie sind ich sie jetzt in der Nacht? wie soll ich die ferne Gasse und das kleine Haus finden, die so weit sind?

Sie erkennt das Gebäude, vor dem sie sich befindet. Es ist der Vorderbau der Fächerfabrik. Sie lehnt sich an die Mauer, beginnt vor Erschöpfung zu zittern. Das Thor öffnet sich, und zehn bis zwölf Arbeiterinnen kommen, durcheinander plaudernd, auf die Straße. Und Renate sieht, daß die Spitzen-Fanny dabei ist. Sie glaubt, es sei ein Traum. Aber die Mädchen haben sie gewahrt, stellen sich im Halbkreis um sie her, und die Spitzen-Fanny erkennt sie mit einem erstaunten Ruf. Renate bittet, daß jene sie mitgehen lasse, und Fanny beginnt sogleich aus Mitleid zu heulen. Wie es komme, daß sie in der Nacht hier sei, fragt Renate matt. Jetzt, vor Ostern, arbeite eine Anzahl Mädchen jede Nacht bis zwölf Uhr, war der Bescheid. Renate kann nicht gehen, und eines der Mädchen eilt, einen Wagen zu holen. Die Spitzen-Fanny nimmt Renates beide Hände, die sie eiskalt findet und küßt Renate. Ihr unberechenbares Wesen erschöpft sich in Zärtlichkeiten, bis der Wagen kommt. Eiseners Marie, die unter den wartenden Mädchen steht, hat das Gesicht in die Schürze vergraben. Sie liebt Renate, und hat doch nie mit ihr gesprochen. Renate empfindet nichts als den Trieb zu schlafen. Es ist ihr, als ob morgen ein Tag sei, verschieden von allen früheren, – ein Ziel, dem sie unbewußt zugewandert, und vor dem sie jetzt erschöpft zusammenzubrechen droht.

6.

»Welch ein Zufall, daß ich Sie gefunden habe,« sagte Renate am Morgen, als sie in einem niederen, nach Moschus und Kampfer riechenden Zimmer erwachte. »Ist Angelus da?«

»Wer ob da ist?« fragte die Spitzen-Fanny.

»Angelus. Mein Hund. Er ist fort. Ich habe ihn verloren. Ich bin ihm nach durch viele Straßen. Gott weiß, wo ich überall war.« Mit scheuem Lächeln preßte Renate die Hände gegeneinander.

»Aus Ihnen werd ich auch nicht klug,« erwiderte die Spitzen-Fanny kopfschüttelnd. Sie fing an zu husten und wurde fahl. »Jetzt hat die Gaudee bald ein End',« sagte sie, die Lippen schief ziehend, »Begräbnis vierter Klasse.«

»Es ist ja auch ganz gleich,« entgegnete Renate mit ruhigem Blick. Sie nahm einen schwarzen Pelzmuff vom Tisch und grub ihre Wange hinein. Der Muff lag vom Winter da, in einer offenen Schachtel. »Wenn ich denke, was ich alles erlebt habe,« fuhr sie nachdenklich fort. »Und ich wundre mich. Ich wundre mich nur über alles. Irgend etwas wollt ich doch heute, und jetzt weiß ich's nicht mehr. Angelus werd ich nimmer finden.«

»Geben Sie's doch in die Zeitung. Oder gehen Sie zur Polizei.«

»Nein, nein. Er hat schon einen Grund gehabt, fortzugehn.«

»Einen Grund?« Fanny machte ein Gesicht, als ob sie am Verstand ihres Gastes zweifelte.

Renate stand auf, kleidete sich an, öffnete das Fenster weit, sah mit einem inbrünstigen Ausdruck in den blauen Himmel. Die schmale, chausseeartige Straße war leer, und die Häuser sahen aus, als wären sie in der Nacht säuberlich gewaschen worden.

»Was wollen Sie denn jetzt thun?« fragte die Spitzen-Fanny, die mit einer Schale Kaffee kam und sie auf den Tisch stellte. »Ich muß nämlich bald in die Arbeit.«

Renate stand vor dem Spiegel und hörte bei dieser Frage auf, ihr Haar zu kämmen. Ich bin immer noch ganz hübsch eigentlich, dachte sie flüchtig, ihr Gesicht betrachtend. »Was ich thun will? Ja, ich weiß es nicht. Am liebsten möcht ich jetzt weit fort reisen.«

»Wissen Sie, was ich glaub, meine Liebe? Wissen Sie's? Ich glaub nämlich, Sie sind entsetzlich unpraktisch.« Mit einer Miene, als seien ihr jetzt alle Rätsel über Renate gelöst, stand sie da.

»Das mag schon sein,« erwiderte Renate. »Aber glauben Sie denn, daß die Praktischen erlöst werden?«

»Erlöst? Wieso –?«

Renate setzte sich ans Fenster, legte in plötzlicher tiefer Mutlosigkeit die Hände in den Schoß. »Ich möchte nur wissen, warum Angelus fort ist. Irgend eine Bedeutung hat es, muß es haben.«

»Aber Fräulein! Was redens' denn da! Was soll's denn sein! Wer grämt sich denn so um ein Vieh.«

»Ein Vieh? Er hat alles verstanden, und jetzt versteh ich es selbst erst. Ich bin nutzlos. Oder bin ich nicht nutzlos? Sagen Sie doch selbst. Angelus ist fort, das heißt, entweder bin ich am Ende und meine Bestimmung ist aus, oder morgen schon passiert etwas so Großes, daß man darüber wahnsinnig wird.« Sie war bleich und ihre Augen brannten. Unverwandt blickte sie ins Leere.

Die Spitzen-Fanny, voller Aengstlichkeit, trippelte vom Fenster zur Thüre. »Trinken Sie doch Ihren Kaffee,« sagte sie unruhig.

»Ich habe geschlafen,« flüsterte Renate. »Es kommt mir vor, als könnt ich jetzt wochenlang nichts thun, als weinen. Dabei klopft mir das Herz ganz unsinnig.«

»Sie müssen unbedingt zum Doktor gehn.«

»Das ist keine Krankheit für den Doktor, Fanny.« Ein leichter, hastiger Schritt auf dem Sand des gegenüberliegenden Wegs veranlaßte Renate, hinauszublicken. Sie fuhr zusammen, streckte unwillkürlich die Hand aus. Die Eilige von drüben blieb stehen und schaute herüber, den Kopf vorbeugend, mit der Hand die Augen vor der Sonne schirmend. Dann kam sie rasch ans Fenster und streckte Renate den Arm entgegen. Renate ergriff die Hand und lächelte etwas verstört. »Immer so eilig, Miriam,« sagte sie beklommen.

»Ach, wie gut, wie gut, daß ich Sie treffe,« sagte Miriam und Renate erschrak, als sie genauer in das verweinte Gesicht des jungen Mädchens sah. »Kommen Sie doch, bitte, oder darf ich hinein?«

»Nein, ich komme,« entgegnete Renate hastig, und in einer seltsamen Ahnung begann sie zu zittern. Ihre Stimme kam ihr hohl und unverständlich vor. »Vielen, vielen Dank, Fanny,« stammelte sie, indem sie den Hut aufsetzte und ihren Schirm nahm. »Leben Sie wohl und vielen Dank!«

Die Spitzen-Fanny war gerührt, wehrte ab. Miriam wartete am Thor, zerrte nervös an ihren Handschuhen. »Mein Bruder ist krank,« stieß sie hervor.

»Ihr Bruder Agathon?« fragte Renate und blieb stehen. Nur eine Sekunde lang schloß sie die Augen: – fahle Erinnerungen an Träume.

»Und ich muß zu ihm reisen,« fuhr Miriam mit erstickter Stimme fort.

»Wo ist er denn?«

»In Mähren. Irgendwo ist er dort zusammengebrochen. Man hat ihn zu einer Bäuerin geschafft, in ein Haus oder altes Schloß. Schloß Helfenstein bei Leipnik. Ich habe vom Arzt dort ein Telegramm bekommen. Agathon wollte mich treffen, ich sollte ihm entgegen, in einer Woche, und unterwegs kam das. Sein Herz ist krank, das steht in dem Telegramm.«

»Und Sie gehen natürlich gleich, Miriam?«

»Ach, wie hab ich Sie gesucht, Renee!«

»Sagen Sie doch nicht Renee zu mir. Ich heiße Renate, Renate Fuchs. Alles war Lüge damals. Renate heiß ich.«

Miriam ergriff Renates Hand. »Ich wußte es ja, wußte es damals schon, daß Sie eine Andere sind. Jener Dawill damals sagte es schon. Ich weiß ja alles.«

»Miriam!« Ein Blutstropfen quoll aus Renates Unterlippe. »Und warum haben Sie mich denn gesucht? Ich auch, wahrhaftig, ich habe Sie gesucht, ohne es zu wissen.«

»Darja ist fort. Darja und ich, wir haben seit Februar zusammengewohnt. Bis vor acht Tagen. Und dann ist Darja fort mit –« Miriam wankte, stützte sich an einen Gartenzaun und sah verzweifelt vor sich nieder. »Aber hier sind wir ja,« sagte sie gefaßter und schritt voran in den Flur des kleinen Häuschens, wo eine junge Magd mit Aufwaschen beschäftigt war. Sie traten in ein Zimmer, das gegen das Gärtchen lag, und Miriam legte sich aufs Bett und schluchzte lautlos. »Agathon, Agathon,« flüsterte sie, als Renate ihr mechanisch besänftigend über die Schulter strich. Im Zimmer lag alles in größter Unordnung umher. Die Schränke mit Kleidern und Wäsche waren ausgeräumt, ein unberührtes Frühstück stand auf dem Tisch. Die Sonnenstrahlen fielen gebrochen durch eine Wasserflasche, und Regenbogenfarben bemalten ein entfaltetes Telegramm.

»Reisen Sie mit mir, Renate,« bat Miriam und richtete sich auf. »Wenn Sie mitgehn, ist vieles leichter, denn so allein, wie ich jetzt bin, davon haben Sie keinen Begriff. Erinnern Sie sich noch an das Bild, das Sie mir in Zürich geschenkt haben? Das hab ich im Winter an Agathon geschickt. Und nach einiger Zeit kam es zurück, und er hat darunter geschrieben: Die halte fest, Miriam. Das hat mich merkwürdig berührt damals. Zwei Tage später sah ich Sie dann draußen auf der Straße und konnte Sie nicht einmal sprechen.«

Renate erwiderte nichts. Wie eine ferne, doch unvollendete, eigentümlich süße und friedliche Melodie begann es in ihr zu klingen.

»Werden Sie mitgehn, Renate?« fuhr Miriam flehentlich fort. »Sehen Sie, wenn ich allein ginge, – ich kann nämlich mit keinem Fremden mehr reden. Alle kommen mit wie Tiere vor. Seit acht Tagen bin ich eingeschlossen, habe nicht gewagt, auf die Straße zu gehen.«

»Aber was ist vorgefallen?«

»Werden Sie mitgehen?«

»Wie kann ich denn das! Sie wissen nicht, wie arm ich bin.«

»Renate! Sprechen Sie doch nicht so abscheulich. Warum wollen Sie mich herabsetzen. Heute noch fahren wir, um ein Uhr nachmittags. Um sieben Uhr sind wir dann dort. Ich habe alles schon nachgesehen.«

»Dann muß ich aber gleich nach Hause.«

»Lassen Sie mich mit. Ich will nicht allein sein. «

Miriam schickte die Magd um einen Wagen, und während der Fahrt erzählte sie mit klangloser Stimme, und ihre Hände waren dabei zusammengekrampft. »Darja fuhr im Oktober nach Holland, wo ihr Mann war. Ende Januar kam sie zurück und sagte nun, daß sie jetzt geschieden sei. Ich war froh, daß ich sie hatte, und wir wohnten beisammen. In unserm Häuschen aber wohnte noch Jemand, den ich schon lange kannte. Und nicht nur kannte, sondern auch ...Eines Tages im Herbst begegneten wir uns im Flur. Er sah mich an, ich konnte es nicht mehr vergessen. Er war ein Arzt. Nur Arme behandelte er und nahm kein Geld. Oft gingen wir zusammen spazieren, sprachen viel. Ich wurde gleich sehr eingenommen von ihm und dann ganz verzaubert. Auch in der Woche gingen wir oft spazieren, mocht es noch so kalt sein. Einmal in einer sternklaren Nacht und der Schnee lag, sagte er mir, wie ganz anders sein Leben sein könnte, wenn ich es mit ihm teilen wollte. Ich antwortete darauf, das wollt ich gern. Weiter sprach keins ein Wort. Als wir zu Haus im Flur Abschied nahmen, küßte er mich. Sonst war nie etwas. Immer wenn wir uns gute Nacht sagten, küßten wir uns. Er hatte auf alles Einfluß, was ich dachte und unternahm. Und nun kam Darja. Erst unterhielt sie sich viel mit ihm, dann auf einmal sprachen sie nicht mehr. Ich versuchte sie zu versöhnen, glaubte, daß sie sich zerzankt hätten. Aber einmal wachte ich auf in der Nacht, da war mir elend und ahnungsvoll zu Mut, und ich ging, um Darja zu wecken. Ich hörte leise sprechen, als ich vor der Thür stand. Die Thür wird aufgemacht, und ...Ja was soll ich sagen. Ich bin auf der Stelle hingesunken. Am Morgen waren sie fort. Ich kann Ihnen versichern, mein Herz ist so...!« Sie machte eine Faust, die sie krampfhaft zusammendrückte, um Renate das Gepreßte ihres Herzens zu veranschaulichen. Renate hauchte einen Kuß auf die Schläfe des Mädchens, und Miriam schlang die Arme um Renates Hals. Voller Erfahrungen, wie Renate war, konnte sie sich gleichwohl nicht überlegen geben. Ja, sie erschien sich nicht wie eine Erfahrene, sondern wie eine für Vertrauen Dankbare, für jede Schuld Mitschuldige.

»Ist Angelus da?« waren die ersten Worte, die sie, lebhafter als sonst, an Frau Gabesam richtete. Ein mürrisches Kopfschütteln raubte ihre Hoffnung.

»Nun müssen wir aber packen,« sagte Miriam, auf- und abgehend, die Augen nicht vom Boden erhebend. Es ist Darjas Zimmer gewesen, dachte sie beständig. Sie hatte gar nicht heraufkommen wollen, als es ihr Renate mitgeteilt hatte.

Frau Gabesam kam mit Renate herein und machte wallnußgroße Augen: erstens über die Reisenachricht, dann über das mysteriöse Auftauchen der jungen Dame, die sie so oft bei der früheren Mieterin gesehen hatte. Ihrem simplen Verstand erschien nunmehr die ganze Welt als ein Hexenkessel, worin Menschen und Schicksale in einer verwirrenden Weise durcheinandergerührt werden. Sie fing an, den Kopf zu schütteln, und hätte ihn wohl bis zum nächsten Monatsbeginn weiter geschüttelt, wenn die beiden Katzen sich nicht unter der Thüre gezeigt hätten.

»Ich habe Briefe von Ihrem Bruder an Darja gefunden,« sagte Renate und gab Miriam die Papiere mit einem sonderbar verschleierten Blick in die Hand. Während der ganzen Zeit, in der Renate beschäftigt war, las Miriam die Schriftstücke, konnte sich nicht losreißen, und ihr Wesen nahm während der folgenden Stunden unbewußt etwas Getragenes und Feierliches an.

Alles ordnete Renate, und die kurz bemessene Zeit vermehrte ihre Ruhe und Umsicht. Dann ging es wieder zu Miriam zurück und dort an ein letztes Packen, und zwei Stunden später saßen sie schon im Zug und sahen sich an, halb ermüdet, halb erstaunt. In einer sonderbaren Aufwallung ergriff Miriam Renates Hand und drückte einen Kuß darauf. Renate fuhr zusammen wie unter einem Schlag. Die schwarzen Augen Miriams glänzten fieberhaft, wandten sich ab vom Fenster, als wollten sie sich dem Anblick der Stadt verschließen und waren doch nicht fähig dazu. Dabei lächelte sie fast verzerrt. Ihrem erregten Gemüt erschien die große Stadt nur als Behälter des einen einzigen Unrechts, das sie selbst darin erlitten.

Eine lange Ebene gegen Norden. Später dann leicht geschwellte Hügelketten mit dem samtenen Nachmittagsdunst der Frühlingssonne. Immerzu fahr ich so rätselhaft durch die Welt, dachte Renate; ein unsichtbarer Arm kommt und trägt mich fort: nach Süden und Westen und Osten bin ich gegangen, und heute zum ersten Mal nach Norden. Wer hat die Fäden ineinandergeschlungen? Zum ungefähren Spiel oder zu Sinn und Plan? »Ob wohl alles seine Bedeutung hat, was man erlebt,« fragte sie aus diesen Gedanken heraus. Sie waren allein, konnten ungestört plaudern.

»Man muß Agathon fragen, Agathon weiß das alles,« antwortete Miriam naiv.

»Ist Agathon groß?«

»Groß, ja. Groß und schön. Schön sind besonders die Augen. Es giebt keine solchen Augen mehr in der Welt. Und die Stirn drüber ist wie bei Marmorköpfen.«

»Und wie ist er in seinem Wesen?«

»Still.«

»Immer? Immer still?«

»Nein, es ist eine innere Kraft bei ihm, die sich von selbst verkündet. Das ist es. Anders kann man es nicht ausdrücken. Und weil ich das weiß, bin ich ja noch so ruhig. Ihm droht keine Gefahr.«

»Ach, Miriam, mir scheint es, auch Sie haben diese Kraft. Auch Ihnen droht keine Gefahr. Wäre ich wie Sie gewesen, ich hätte nicht mein Herz verschleudert. Jetzt ist es mir wie denen, die von der Kirche ausgeschlossen sind.«

»Doch kann man überall seine eigene Kirche bauen.«

»Wenn man stark ist, ja.«

»Sehen Sie doch die Felder, Renate. Es ist wie fränkisches Land. Und das ist schon Mähren, wo wir sind.«

»Ist das nicht eine Windmühle, dort drüben?« fragte Renate.

»Das glaub ich nicht. Ein Windrad, glaub ich.«

»Wie neu mir das alles vorkommt,« sagte Renate mit einem saugenden, fast flehenden Blick auf die Landschaft.

»Die Bäume hier am Rain! Wunderbare Pappeln!«

Renate seufzte tief auf, hatte ein bittersüßes Gefühl in der Brust und fand keine Worte für etwas, das sie gerne ausgesprochen hätte.

Und nun war das Ziel erreicht, eine kleine Station, eine breite, von grauem Staub bedeckte Chaussee zur Stadt. Sie fuhren im Wagen zwischen Reihen liliputanischer Häuser, aus denen ja hie und da ein weißes Matronengesicht oder neugierige Kinderaugen sahen. Dann hinaus gegen Schloß Helfenstein, und während die Sonne fern in die Ebene hineinsank, überließen sie sich willig einem Schweigen, das schon vorher in allen ihren Reden sich angekündigt hatte. Da war ein Strom, zur Hälfte ausgetrocknet, und eine morsche Brücke drüber hin. Dann Sandflächen, dann ein Stück Acker gegen den dämmernden Himmel geschwellt wie ein Bauch. Bauern mit fremdartigen Zügen gingen vorbei; Rinder brüllten sehnsüchtig hinter einem Wäldchen. Gehölze waren bunt verstreut, Baumgruppen am weitgekrümmten Bachufer. Dann kam der Schloßberg und Miriam entlohnte mit zitternder Hand den Kutscher.

Schweigend stiegen sie empor. Kühler Wind wehte von der Ebene herauf. Das zerfallene Schloß mit hohlen Fenstern, ohne Dach und ohne Thore, wurde hinter langgestreckten fahlen Baumzügen sichtbar, und es war eine tiefe, tiefe Einsamkeit, ohne Laut. Frühvergilbte Gräser zitterten am Hang und die noch kurzen, grünen Halme im Weizenfeld bogen sich wie ein Tuch.

»Wo soll es sein?« flüsterte Miriam befangen und wandte den Blick zum geröteten Himmel. Seitwärts am Berg war ein langgezogener grauer Holzschuppen, über dem der Himmel doppelt hoch erschien, dann ein altertümlicher Bau mit dürftigen Fenstern, die jetzt heiß erglühten in der Abendröte. Renate blickte hinüber, konnte nicht reden, nicht denken, kaum gehen. Sie preßte den Mund zusammen, und in ihrem bleichen Gesicht waren die Augen fest geschlossen und hatten einen angestrengten Zug.

Ein Mädchen kam aus einem Seitenweg, der durch das Gebüsch verdeckt war. Miriam nannte den Namen der Bäuerin, und das Kind, das einen kleinen Strauß von Schlüsselblumen, Rittersporn und Wiesen-Vergißmeinnicht trug, nickte überaus ernsthaft, zeigte nach der Höhe und schritt voran. Nach einigen Schritten drehte es sich um, lächelte schelmisch und verlegen und reichte Renate alle seine Blumen hin.

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