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Die Geschichte der jungen Renate Fuchs

Jakob Wassermann: Die Geschichte der jungen Renate Fuchs - Kapitel 13
Quellenangabe
pfad/wasserma/renate/renate.xml
typefiction
authorJakob Wassermann
titleDie Geschichte der jungen Renate Fuchs
publisherS. Fischer Verlag
year1901
firstpub1903
correctorreuters@abc.de
senderHolger Schmidt
created20120522
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Zwölftes Kapitel

1.

Anna und Renate waren einander entfremdet. Anna fing an, Renate zu mißtrauen, ohne daß sie die Absicht hatte, es merken zu lassen, ja ohne es sich selbst zu gestehn. Aber wenn sie auf die reichen Leute schimpfte und auf gewisse Gewohnheiten der großen Welt, bezog sie im stillen Renate immer mit ein. Renate ihrerseits wurde verschlossener und zurückhaltender, lernte das verstehen, was sie in der Einsamkeit allenfalls sich selbst sein konnte, doch hatte sie keineswegs abgerechnet, war nicht sässig geworden auf Erfahrungen. Noch zog es sie hinaus, noch winkte Unbestimmtes in der Ferne, noch glaubte sie verstohlen ihren Träumen, noch war der Frühling nicht Sohn des Winters, sondern Vater des Herbstes für sie. Und wovon sie Erlösungen hoffte, das war nach den Schlüssen ihres Verstandes die Arbeit.

»Sie sind in letzter Zeit so gedrückt,« meinte Renate zu Anna.

»So? Kann schon sein.«

»Bin ich Ihnen zuviel? Sie dürfen es offen sagen, ich bin Ihnen wahrhaftig nicht gram deshalb.«

»Aber! Sie sind ja die Einzige, die unsereins ein bißchen versteht.«

»Unsereins? Ich bin doch nichts Besseres um Gotteswillen. Oder hab ich mich aufgespielt? Ich bin ja obdachlos gekommnen.«

»Ach, wissen Sie, das liegt so in der Natur, Renate. Das ist eben die göttliche Weltordnung, daß die Eine seidene und die Andre wollene Unterröcke trägt.«

Renate lächelte enttäuscht. In diesem Augenblick läutete der Postbote. Es war ein Brief von Baronin Terke an Renate: Liebes Fräulein, da ich von Bekannten Ihre Adresse erfahren habe, darf ich nicht zögern, Ihnen eine Nachricht mitzuteilen, die Sie tief treffen wird. Ihre Mutter ist am 6. April in Freiburg in Baden gestorben. Ueber ihre letzten Tage ist mir nichts Näheres bekannt. Ihr Vater machte mir nur kurze Mitteilung von dem Unglück, das ihn betroffen, wie auch davon, daß die Beisetzung in Freiburg selbst erfolgt ist. Seine Schrift zeigt deutlich den Einfluß des Ereignisses und vielleicht auch eines andern. Ihr Name kommt in seinen Zeilen vor, doch in einer Verbindung, die ich nicht wiederholen kann. Ihr Vater ist aber der beste Mensch, – ein Wort, ein Brief und Vieles ist wieder gut. Ihre stets zugeneigte Vilma v. Terke.

Das stand da, mit blauer Tinte, in einer außerordentlich verhudelten Schrift, denn die Baronin pflegte stehend zu schreiben, um nicht dabei einzuschlafen.

Als Renate den Brief gelesen hatte, entfiel er ihrer Hand. »Was ist denn los?« fragte Anna Xylander, offenbar mit dem Vorsatz, gleichgiltig zu bleiben. Renate hob die verschlungenen Hände ein wenig, und ein stechender Schmerz beraubte sie der Worte. Sie deutete auf das Papier. Anna hob es auf und las. Der Trost, den sie zu geben versuchte, fand kein Ohr. Renate setzte sich in den Fensterwinkel und brütete stundenlang vor sich hin. Das Haus, in dem sie sich befand, erschien ihr wie ein Gefängnis, das Zimmer kam einer Zelle gleich. Hier war sie eingesperrt mit Anna Xylander, die froh war, wenn wieder ein Tag vorüber war. Erst hatte sie zur Baronin Terke eilen wollen in dem unbestimmten Drang, Einzelheiten über den Tod zu erfahren, den die Mutter gestorben. Aber welchem Zweck konnte es dienen? Wer war Renate Fuchs noch, die verlorene Tochter? Dann fiel ihr ein, dorthin zu reisen, wo die zufriedene, geduldige Frau abgeschieden war, jedenfalls ein Nun oder Jawohl auf den Lippen. Aber Renate hielt es nicht mehr so sehr mit den fantastischen Entschlüssen, wollte nicht einen Fluch demütig auf ihr Haupt nehmen, den sie durch einen solchen Schritt als erfüllt offenbarte. Lieber fern sein und warten; und leiden. Das waren ihre Gedanken, und sie wunderte sich im stillen über das thränenlose Grübeln, blickte starr ins Licht der Lampe. Die Flamme blakte, und der Rußfang wurde schwarz. Renate mochte nicht aufstehn. Wie gleichgültig war es, wenn auch das Glas zersprang samt dem Oelgefäß und eine Feuersbrunst das Haus verzehrte.

Zum Unglück kam auch noch Stieve am Abend. Auch er erfuhr es, schüttelte betroffen den Kopf, stemmte die Arme in die Seite und ging mit Riesenschritten auf und ab, ein sicheres Zeichen, daß ihm eine Sache zu denken gab. Vielleicht aber dachte er gar nicht daran, dachte vielmehr an den Untergang, der ihm selbst drohte, in dessen Zeichen er seinen Arm erlahmen fühlte. Das Feine war bei ihm, daß er auf Tröstungen kein Gewicht legte. Renate sagte bald gute Nacht, mehr um allein zu sein, um zu ruhen; denn zu schlafen konnte sie nicht hoffen. Als sie sich entkleidete, bemerkte sie, wie ihr Gewand leise Spuren des Verfalls zeigte. Das versetzte ihre Gedanken in eine Art Fieber, und mit instinktiver Hast verlöschte sie die Kerze, nur um nicht zu sehen. Dann kauerte sie sich im kalten Bett zusammen. Es wurde ihr nicht warm. Es war, als höre sie die Nacht rauschen, die Stille rauschen, und sie wünschte auf das Sehnlichste, daß sie allein bleiben dürfte, nur die eine Nacht. Sie fürchtete den Augenblick, wo Anna kommen würde, sich an ihre Seite zu legen, mit einem Scherzwort oder einer Bosheit. Doch unabwendbar war es, wie das Vergangene, wie das Kommende. Nichts blieb übrig, als sich schlafend zu stellen, hier wie in jedem Sinn.

Der andre Tag verging wie ein Traum. Es war ein Hinübertasten von einer Stunde zur anderen. Morgen sollte Annas Bruder mit Gisa Hochzeit feiern. Bisher hatte es für selbstverständlich gegolten, daß Renate am Feste teilnehmen würde. Nun schien es ausgeschlossen. Umso größer war Annas Erstaunen, als ihr Renate ruhig erklärte, sie wolle mitgehen. Sie wünsche nicht, sich zu unterhalten, sondern nur, unter Menschen zu kommen. Renate ging, eine kleine Bronze-Statue der milesischen Venus als Geschenk zu kaufen. Sie vergaß, daß es keine Grafenhochzeit war. Schon war es Abend, ein hinreißend-süßer, farbenbeglückter Abend, von goldigrot schimmernden Cyrrhus-Wölkchen überdeckt, mit dem silbernen Mondhorn in Nebelflor wie auf Seide gestickt.

Was aber aus dem Tag der Hochzeit wurde und aus der kleinen milesischen Dame, das sollte tiefe Schatten auf Renates Weg werfen.

2.

In der Frühe, – es regnete in Strömen kam Richard Uibeleisen. Er war fahl im Gesicht; sein Bart war zerzaust, seine Kleider waren durchnäßt, und so warf er sich in einen Stuhl und bedeckte mit den Händen das Gesicht. Anna und Renate waren schon angekleidet, um in das Herz'sche Atelier zu gehen; wo das Hochzeitsfest stattfand. Beide sahen sich verwundert an. Endlich blickte Uibeleisen empor und sagte finster:

»Die Söderborg ist fort.«

»Fort? Wieso?«

»Wahrscheinlich durchgebrannt, – mit dem Grafen.«

»Reiffenstuel –?«

»Und das Kind ist da. Das Kind ist bei Gisa geblieben. Eine Gewissenlosigkeit ohne Gleichen. Auch Elsa scheint mir nicht recht bei Verstand. Ich sah sie heute morgen vor der Trauung, und ich muß sagen, ich habe schon fröhlichere Gesichter bei einer Hochzeit gesehen. Sie sieht aus, wie eine Wachsmaske. Zwischen ihr und Reiffenstuel ist etwas vorgegangen.«

»Woraus schließt Du das?« fragte Anna Xylander kleinlaut.

»Weil ich sie gestern noch draußen gesehen habe. Sie glühte vor Glück und ich glaubte, die Hochzeit sei das Elixier. Man hätte sie nicht mehr hinauslassen dürfen, damals. Jetzt ist es zu spät.«

Er erhob sich, um zu gehen. Renate blickte ihm mit weitgeöffneten Augen nach. Das ganze Dasein schien ihr wie ein klaffendes Loch, ein grundloser Schlund, und Schicksalsfäden spannten sich hinüber und herüber in verwirrtem Knäuel.

»Auch ein Graf auf der Welt,« murmelte Anna. »Sonderbare Exemplare laufen herum.« Sie blieb aber schweigsam, bleich und gedrückt. Sie dachte an die Aufgewühltheit Uibeleisens und an die Art seiner Gefühle für die Söderborg. Mit mehr als freundschaftlicher Neigung hing sie an ihm und sah jetzt besondere Umstände, die sie zur Trauer verurteilten.

Es gab einen laut surrenden Ton im Klavier, der lang hallte. »Eine Saite gesprungen,« erklärte Anna gleichgiltig und wie zu sich selbst, denn sie beachtete Renate gar nicht mehr, die ihr plötzlich in der Weise launischer Frauen als die Urheberin alles möglichen Unglücks erschien.

Draußen peitschte der Wind den Regen umher wie Strähne.

Das Atelier von Katharina Herz war zigeunerhaft mit Blumen, Bändern, Stoffen, Tapetenresten, japanischen Schirmen geziert. Das Oberlichtfenster war von einer grellblauen Draperie guirlandenartig umwunden. Durch das Glas selbst war der Himmel nicht zu sehen, denn der Regen floß darüber hin, daß es aussah, wie mit weißem Fliespapier belegt. Das Nordlichtfenster zeigte weiten, freien Ausblick. In den Ecken des saalartigen Raumes standen Kerzen auf hohen Holzpostamenten, an den Wänden hingen Tierbilder, Studien in Kohle und Oel, fast lauter Skizzen von Schülerinnen. Herr Herz ging in einem Fräcklein herum, mit einer Cognacflasche versehen, zu welcher er die Gläser suchte. Er sah angestrengt aus, als bedeute die sorgsam einstudierte Festrede einen Wendepunkt in seiner Existenz. Da der gefürchtete Gudstikker anwesend war, galt es, mit Gedankenfeuer nicht zu sparen. Gudstikker lehnte faul herum, die tiefe Falte zwischen den Brauen, das mitleidig-müde Lächeln auf den koketten Lippen. Ein paar junge Leute liefen ab und auf, höchst eilfertig, sahen aus wie Mohn im Blühen. Frau Hedwig war schon seit frühem Morgen da, hatte schmücken helfen und wartete jetzt auf ihren Gatten, dessen Ausbleiben sie besorgt machte. Sie sah aus wie eine kleine, bekümmerte, überarbeitete Nähmamsell, lächelte weinerlich und rückte immer wieder an den Lichtern herum, weil sie die Beleuchtung zu düster fand. Salatsch, der hungrige Ex-Dozent, hatte sich mit einem schurkisch und geleckt aussehenden Blondin in ein Gespräch über den Tod der Katharina Sforza vertieft, welche Salatsch mit Pathos als das eigentliche Renaissance-Weib erklärte. Er liebte das Wort Renaissance, führte es zu beständigem Gebrauch mit sich wie ein Taschentuch. Der Blondin widersprach wie Jemand, der durch Widerspruch seine gänzliche Verständnislosigkeit bemäntelt. Im Nebenzimmer war etwas wie ein Büffet angebracht, das durch aneinandergerückte, mit Brettern und Tüchern verdeckte Betten entstanden war. Dort unterhielten sich Dawill, der Blasse, der wie ein Weltmann von Erfahrungen aussah und ein verschrumpfter kleiner Mann, welcher Dichter, Maler, Vorstand des Sittlichkeitsvereins und pensionierter Major zu gleicher Zeit war. Er war nicht viel mehr als ein Leichnam und vermochte doch zu sprechen, sogar mit Fistelstimme, wie alle Vorstände von Sittlichkeitsvereinen. Stieve stand am Büffet und that sich schon seit einer halben Stunde gütlich. Er machte ein leidendes Gesicht, als äße und tränke er nur aus Zerstreutheit. Doch im Grunde war ihm wohl. Zwei Schauspieler und zwei Schauspielerinnen waren da, die laute und gewollt frivole Gespräche führten, auf den Direktor schimpften und auf das »Cliquenwesen.« Einer lernte in Zwischenpausen an einem Gedicht: die Hochzeit des fahrenden Schülers.

Gisa und Xylander, schon Vermählte, traten ein. Es hatte keine kirchliche Trauung stattgefunden. Gisas Gesicht war weiß wie ihr Kleid; das einzig Farbige an ihr waren die grünen Blätter im Haarkranz. Wenn sie angesprochen wurde, lächelte sie, und das Lächeln blieb minutenlang auf ihren trockenen Lippen, als hätte sie vergessen, es zurückzunehmen. Ihr Blick war in die Höhe gerichtet, ließ nicht ab von einer gewissen Stelle in der Luft, wo er sich festzusaugen schien. Man fand ihr Wesen nicht sehr hochzeitlich, doch tröstete man sich mit der sonst so belebten Stimmung und mit Xylander, der strahlend jede Hand schüttelte und manche zwei Mal, von Seligkeit förmlich troff und nicht aus seinem glucksenden Lachen kam. Er ging herum und heimste die Glückwünsche ein wie fällige Wechsel, umarmte die Frauen, sprach nicht, sondern stotterte nur und wurde in Anspielungen vor lauter Glück niederträchtig. Er führte die Schauspieler vor die Venusstatuette, die Renate geschickt, legte beschwörend zwei Finger auf die Brüste der Figur und lallte etwas von der großen Peripetie seines Lebens. Er liebte die Fachausdrücke und verdankte ihnen weihevolle Augenblicke der Selbstbewunderung. Dann klopfte er auf den Bronzebauch der Venus, umarmte seinen Collegen und rief mit schwimmenden Augen: »O schmölze doch dies allzufeste Fleisch für Dich mein neidverachtender Freund! Mut, Horatio, Mut.« Die bare Sinnlosigkeit.

Unbemerkt waren Anna und Renate gekommen. Renate glaubte sich in eine Versammlung von Tieren versetzt. Dann erblickte sie mitten im Knäuel Gisa. Sie erschien viel größer als sonst, wie wenn sie unter einem Wichtelvölkchen stünde. Der alte Sittlichkeitsdichter stand vor ihr, und seine Frackschöße schwänzten rechts und links. Der Himmel mag wissen, was er ihr vorraunte. Dawill kam hinzu und hob die Augen emphatisch zu ihr auf, die dastand wie ein Bild der Unschuld, von allen Geräuschen angeblichen Jubels umtost. Sie sah sich einen Augenblick ihre Hände an, als wäre etwas darauf geschrieben. Katharina Herz sprach laut zu der älteren Schauspielerin vom Martyrium der Ehe, und ein junger Bartloser, der von der Ferne einem Schwein nicht unähnlich sah, ließ die Frauen hochleben, schrie: hoch die Frauen. Stieve, an Annas Seite, strich graziös mit der flachen Hand sein dürftiges Haar nach vorn; die beiden Schauspieler standen in Intrigantenpose unter der blauen Draperie. Dem einen fiel ein Wassertropfen durch einen Fensterspalt der Decke aufs Ohr, und er verlor nahezu die Haltung darüber. Martin Xylander war in seiner Weltentzücktheit daran, sich selbst zu umarmen, denn für ihn war es heute köstlich, Martin Xylander zu sein. Renate ordnete vor einem Spiegel mit beiden Händen das Haar, und da bemerkte sie, daß der Aermel ihres Kleides einen kleinen Riß in der Naht zeigte. Sie erschrak. Wohin führst du mich, Schicksal? flüsterte eine wache Stimme in ihr. Ihr war abwechselnd kalt und heiß. Jemand grüßte sie über Köpfe hinweg und stieß beim Gruß eine Kerze um, die gleich verlöschte. Der Betreffende sah Wanderer ähnlich; so gravitätisch grüßte Wanderer. Eine längst verflossene Zeit, dachte Renate.

Plötzlich stand sie Gisa gegenüber, deren Anblick sie tief erschreckte. Gisa drehte die Augen ganz in den Winkel, sodaß die Augäpfel fast verschwanden und nur das Weiße sichtbar blieb. »Sie brauchen mich nicht zu verachten!« kreischte sie mit durchdringender Stimme, und diese Worte wiederholte sie zweimal mit denselben kreischenden Lauten.

Inzwischen war es im Atelier so still geworden, daß der Regen, der aufs Dach fiel, sich wie das Geknatter von Kieselsteinen anhörte. Auf Gisas Gesicht ging plötzlich eine gewaltige Veränderung vor sich. Die starre Ruhe zerschmolz. Die geisterhaft lächelnden Lippen entfernten sich wie im Grauen von einander. Arme und Beine schlotterten, und als erinnere sie sich jetzt erst, als habe sie die Stunden seit der Trauung in Versteinerung hingebracht, zeigten ihre Züge einen Ausdruck des Entsetzens, der etwas durchaus Tierisches an sich hatte. Sie warf sich auf den Boden, schlug mit den Händen die Dielen, schlug die Finger blutig und benetzte mit dem Blut das weiße Kleid, stöhnte, wie wenn sie sterben müßte, und ihr Körper wand sich, als ob er knochenlos sei. Schreckliche Zeichen des Wahnsinns. »Bringt sie fort, sie ist ja krank! bringt sie hinüber in meine Wohnung, dort ist Ruhe, ich laufe nach dem Arzt!« schrie Richard Uibeleisen, der eben gekommen war, in die angstvolle Stille der Gäste, und Frau Hedwig eilte sogleich wie eine obdachlose Taube auf ihn zu, der sie brutal zurückstieß.

Martin Xylander hatte den Mund offen, um zu schreien. Sein Hals rötete sich und schwoll so an, daß Leute ihm die weiße Binde abreißen und den Kragen und das Hemd öffnen mußten. Einige Männer hoben Gisa empor. Sie leistete keinen Widerstand mehr. Eine jähe Bewegung entstand unter den Gästen, wie wenn der Sturm ins Wasser fährt. Herz klopfte in die Hände, aus einem Grund, den er selbst nicht begriff. Der Sittlichkeitsmajor schnaubte gleich einer Maschine, alles drängte zur Thüre, gegen den Corridor hinaus, auf dem die Mägde standen, hochzeitlich gestimmt, denn sie dachten, auch für sie könne am Ende was abfallen. Xylander fuchtelte wie ein Tobsüchtiger mit den Armen umher, ließ sich nicht bändigen und drängte dem Haufen nach. Er stieß an das Holzpostament auf dem die kleine Venus stand, die herabstürzte und Hals und Glieder brach. Anna sank kraftlos in einen Stuhl. Salatsch fragte bei allen möglichen Leuten herum, was vorgefallen sei, die Schauspielerinnen, bleich unter der Schminke, suchten ihre Hüte. Die grellblaue Draperie wirkte nicht mehr stechend durch ihre Farbe, denn viele Lichter waren ausgelöscht oder herabgebrannt. Hedwig Uibeleisen hatte auf einmal das Aussehen einer Greisin, und Katharina Herz stand wie eine Bildsäule mitten im Atelier, sah stumpfsinnig auf den Boden nieder, der von verschüttetem Wein und ausgetretenem Straßenschmutz starrte. Renate empfand nur Wirres. Sie wollte denken, kam aber nicht über eine rauschartige Verwunderung hinaus. Sie ging in den Nebenraum, wo das geplünderte Büffet aussah, als sei eine Horde von Freischärlern dagewesen, und dann kam, wie sie wußte, ein weiterer kleiner Schlafraum, dessen Stille sie suchte, um sich zu sammeln.

An der Thüre blieb sie stehen, näherte mit einem leisen Schrei die Hände einander, ohne sie zusammenzuschlagen, – aus Furcht, ein Geräusch zu machen. Auf Zehen schlich sie zu dem altväterischen Lehnsessel, der im Winkel zwischen dem hier geneigten Dach und dem Fußboden stand. Dort schlief Gabriele, Frau Söderborgs Kind, den ruhigen, festen, traumlosen Kinderschlaf. Mit feuchten Augen starrte Renate in das unvergleichliche Gesichtchen mit dem geöffneten Mund, den blühenden Backen, doch blassen Lidern, die sich in der klaren, schwarzen Linie der Wimpern schlossen. So lehnte das Kind in dem großen Sessel, »Sonn und Mond auf seinen Wangen.«

3.

Das Schlafgemach der Eheleute Herz empfing sein Licht nur durch zwei kleine Dachfenster. Aber selbst dieses Licht genügte, um den Raum unwohnlich, verlottert und trübselig finden zu lassen. Die Betten waren noch nicht in Ordnung, und Renate erschrak über die Kühnheit, mit der sie hieher gedrungen war. Das leidenschaftliche Verlangen, allein zu sein, hatte sie alles andre vergessen machen, und nun lag das Kind vor ihr, ein Bild völliger Verlassenheit. Doch nicht so verlassen wie ich, dachte Renate. Sie wollte sich nicht zum Gegenstand eines vergeblichen Erbarmens machen, aber sie konnte nicht glauben, daß ihr Leben nun in den Sand verlaufen sollte, Wüste rechts und Wüste links, sie, die ausgezogen war mit einem Herzen, angefüllt bis zum Rand mit unverbrauchter Liebe. War es die Bestimmung, daß sie sündenlos den Weg vollenden sollte, dann hatte sie an dem Schrecklichen, das draußen vorging, keinen Teil.

Sie zuckte zusammen. Sie hatte Schritte gehört, wandte den Kopf. Gudstikker stand hinter ihr und nickte ihr bedächtig-freundlich zu. »Wenn ich Ihnen beschwerlich falle, so gestehen Sie es offen,« sagte er in seiner väterlichen Weise und legte leicht, wie beschützend seine Hand auf die ihre.

»O nein.« Renate schüttelte eifrig den Kopf. Sie flüsterte, der kleinen Schläferin wegen.

»Ich sah Sie hereingehen, und etwas zwang mich, Ihnen zu folgen,« erklärte Gudstikker, und die Falte zwischen den Brauen vertiefte sich.

»Draußen hab ich Sie nicht gesehen,« antwortete Renate schüchtern.

»Nun wissen Sie, das ist ein Hexensabbath. Ganz gut so. Allmählich reift man für die große Einsamkeit. Ja, und was sagen Sie, – das Kind da! Das sind so die Wunder unserer elenden Werktage.«

»Es ist Frau Söderborgs Kind –

»Ich glaube. Eine Abenteuerin, nicht wahr?«

»Leise sprechen! Ist es nicht ganz gespensterhaft, was hier vorgeht? Es kommt mir vor, ich träume und fürchte mich fast noch mehr vor dem Aufwachen als vor dem schrecklichen Traum. Wissen Sie, daß ich Gisa das Lager verweigert habe, wie sie zu mir und Anna Xylander gekommen ist? Darum ist alles geschehen. Ich hab ihr den Arm nicht gereicht und jetzt ist sie ertrunken.«

»Draußen spricht man davon.«

Renate wurde bleich und spürte Kälte. »Wie? Spricht man davon? Wer denn?«

»Anna Xylander. Das Weib haßt Sie. Warum denn?«

»Sie haßt mich?« fragte Renate tonlos, schmerzlich und verzweifelt. »Das wußte ich nicht.«

»Weshalb haben Sie mir denn nicht mehr geschrieben?« forschte Gudstikker. »Ich glaube doch, ich hätte Ihnen etwas wie ein Freund sein können. Sie sind eine naive Seele. Sie sind in der Meinung, daß das Leben ordnungsmäßig wie eine Gerichtsverhandlung verläuft. Sehen Sie denn nicht, daß die Leute um sie her lauter blind gewordene Fensterscheiben sind? Und Ihr Wesen wird für alle zum Spiegel. Ein Spiegel ist unangenehm für den Buckligen, der Gutgewachsenheit affektiert. Sie gehen unter Leichen umher, und es sollte mich wundern, Renate, wenn Sie nicht innerlich schon ein wenig mit toten Dingen zu thun haben.«

Mit verlornem Blick schaute Renate Stefan Gudstikker an. Sie seufzte in unbestimmter Qual, sich mitzuteilen. Aber nur mit dumpfem Sinn hatte sie seine Worte erfaßt. »Glauben Sie wirklich, daß ich Schuld habe?« fragte sie mit vorgebeugtem Kopf, »innere Schuld?«

»Schuld ist ein Wort, das nicht in meinem Wörterbuch steht. So wenig wie Tugend. Wäre die Form Ihrer Nase nur um eine Linie anders, so stünden Sie vielleicht nicht hier, sondern in einem herzoglichen Schloß. Verstehen Sie mich recht. Die Bilder und Vorstellungen, die wir uns von Geschehenem machen, sind nichts wie Träume, auf die wir uns zufällig besinnen. Es fehlen aber zur Ergänzung und zum Verständnis die Träume, von denen wir nichts wissen. Hätte Gisa den Willen und den Trieb zu alledem nicht unsichtbar in ihren Augen und in ihrer Stimme gehabt, wer weiß, ob Sie ihr das Bett verweigert hätten. So verstrickt ist, was wir thun.«

Schweigend, furchtsam und treuherzig hörte Renate zu. Die Bewunderung und ein fernes Begreifen machten, daß sie sich leichter fühlte. Aber jetzt wachte Gabriele auf. Mit verschleiertem Blick sah das Kind sich um, eine Mischung von Angst und unklarer Erinnerung in den feinen Zügen. Renate kniete nieder, von überquellenden Muttergefühlen bezwungen und herzte das Mädchen, das sich widerstandslos den Zärtlichkeiten fügte. »Was wird nun aus dem süßen Geschöpf,« flüsterte Renate und suchte Gudstikkers Blick. »Soll es hier in der schlampigen Wirtschaft aufwachsen? oder soll es zu anderen fremden Leuten? Ist es denn nicht furchtbar, daß man von irgend einer Hand zu jedem Unheil geschleppt werden kann? Und daß ich jetzt vielleicht die Macht habe, alles zu verhindern, wenn ich es zu mir nehme?«

»Oder auch nicht. Wenn Sie es thun würden, wäre es ein Raub an Ihnen selbst. Ein Kind ist ein Räuber und Tyrann. Wollen Sie Ihre Jugend verschenken ohne Gewähr? Nur deshalb, um ein Trugbild davon an Ihrer Seite zu haben? Kennen Sie die Sage von Amor und Psyche, – wie er Psyche entführt, auf einen einsamen Felsen glaub' ich, und wie sie nach dem Anblick des Geliebten forscht, und zur Strafe von ihm verlassen wird? Wissenwollen und Sehenwollen macht uns unglücklich, und es ist gefährlich, wenn wir Herrgott spielen und dem Schicksal ein Schnippchen schlagen wollen. Das ist, wie wenn neben dem Orchester einer stünde, der mit dem Taktschlagen das ganze Musikstück übertönen würde. Vorausgesetzt, daß es ginge, denn wir bleiben ja doch Orchester-Mitglieder. Aber ich rede wieder Bände.«

Mühelos flossen Gudstikkers Worte, so wie Wasser eine Rinne entlangfließt. Eine gewisse Müdigkeit der Stimme gab dem Gesagten den Schein von Unwichtigkeit und Selbstverständlichkeit, als ob man daran eigentlich keinen Hauch verschwenden brauchte.

»Nun müssen wir hinaus. Es könnte auffallen,« sagte Renate, und in ihrem Ton lag die Furcht vor dem Hinausgehen. Zweifelnd blickte sie Gabriele an, zweifelnd die häßliche Unordnung des Zimmers, als ob sie die Wirklichkeit der Dinge nicht mehr begreifen könne. Noch immer lag sie auf den Knieen, beide Hände des Kindes in den ihren. Jäh wandte sie sich zu Gudstikker und fragte in naiver Traurigkeit: »Glauben Sie, daß es Vielen so geht wie mir?«

»Vielen,« antwortete Gudstikker, nachdenklich nickend.

»Und glauben Sie, daß die Vielen mir gleichen?«

»Behandeln Sie mich doch nicht als Sozialphilosophen. Was wäre Ihnen mein Nein oder Ja? Warum haben Sie denn plötzlich aufgehört, mir zu schreiben?«

»Ach! So – halt. Es war, als ob es zu finster würde, an Sie zu schreiben.«

»Sonderbare Antwort. Ich mache Ihnen mein Kompliment; Sie sind ein Poet.«

»Gisa! Gisa!« rief das Kind, zusammenschauernd. Renate erhob sich und starrte gleich darauf nach der Thüre, die aufgerissen wurde. Martin Xylander wankte herein wie Einer, der bis zur Besinnungslosigkeit vollgetrunken ist, und fing an zu heulen. Es klang, wie wenn in finstern Nächten Hunde über die Wiesen heulen. Renate ging hinaus; Gudstikker, dem diese fortwährende Nervenstörung unbequem war, folgte ihr rasch, und zitternd kam Gabriele nach.

Als Renate ins große Atelier trat, sah sie Stieve, Anna Xylander, das Ehepaar Herz und das Ehepaar Uibeleisen schwatzend in einer Gruppe beisammenstehen. Alle andern Leute waren schon fort, und als nun diese Sechs Renate gewahrten, verstummten sie, richteten ihre Blicke gleichgiltig thuend irgend wohin, wobei sie aufhörten, einen Knäuel zu bilden. Jedoch behielten sie ihre geheimnisvollen Mienen bei, außer Stieve, der mißmutig die Achseln zuckte. Seltsam, daß Renate, indem sie stehen blieb, an Angelus dachte, der zu Hause eingesperrt war, und dessen Schutz ihr allein noch geblieben. Seltsam auch, daß sie lächelte, äußerlich lächelte, während ihr Herz sich zusammenkrampfte in einer wahllosen Sehnsucht.

»Wollen Sie mir den Schlüssel geben, Anna? Ich will heim, bin abgespannt,« sagte Renate leise.

Anna Xylander lachte beinahe frech. Stieve knurrte: »Gieb doch den Schlüssel her.« Anna warf sich herum, ihre Augen glitzerten redebegierig und sie sagte: »Thun Sie doch nicht so zimperlich, Renate. Wir übernachten ja nicht hier. Seit wann sind Sie denn so zimperlich?«

»Wahrscheinlich wird sie Dich auch aus dem Bett vertreiben,« sagte Richard Uibeleisen finster. »Man müßte darauf ein Couplet dichten.« Sein Gesicht war noch, immer so unnatürlich blaß wie am Morgen.

Alle schmiegen. Renate war es zu Mut, als sei ihr die Zunge aus dem Mund gerissen. Wenn man sie geschlagen hätte, wäre sie nicht fähig gewesen, zu stammeln. Es war zum ersten Mal in ihrem Leben, daß man sie in solcher Art (wie auf Verabredung) beleidigte, erniedrigte, verhöhnte. Sie sah sechs Gesichter in einem undeutlichen Zwielicht vor sich, schaute in keines und sah doch alle sechs. Sie hatte die Empfindung, als müsse etwas geschehen, um die sechs Paar Augen von sich abzuwenden, diese Blicke abzustreifen, und als Gudstikker neben sie trat, und einen leisen, jedoch durchdringenden Pfiff ausstieß, seufzte sie erleichtert auf, den Blick zu Boden gleiten lassend, voller Scham, voll unbestimmter Reue. Wie von ferne klang das Heulen Martin Xylanders an ihr Ohr; auf der Erde lag, nicht unähnlich einer Ermordeten, die Bronze-Venus, und Gabriele stand mit verschlungenen Händchen davor, erstaunt und bedauernd.

Renate hörte, wie Gudstikker etwas zu Uibeleisen, dann zu den Andern sagte, was sie nicht begriff, was ihr aber im dumpfen Bewußtsein sehr männlich und eindrucksvoll klang. Gabriele sah mit hilflos geneigtem Kopf furchtsam zu den Erwachsenen hinüber. Renate lächelte ihr mit leerem Ausdruck zu.

Kurz darauf ging sie an Gudstikkers Seite die fünf Treppen hinab, ohne zu wissen, wie das gekommen war.

4.

Gudstikker bewies ihrem teilnahmlosen Ohr haarklein, daß Gisa durch eine unabänderliche Kette von Vorbestimmungen zu ihrer Leidenschaft für Reiffenstuel getrieben worden war. Als Jüdin sei sie zur Liebe verurteilt worden, »ja, geradezu verurteilt,« denn ein Christ könne nicht ahnen, welch ein Vulkan von Gefühlen sich in der Tiefe so einer jüdischen Seele auszubreiten vermöge. »Bei uns ist das Heroische aus der Mode gekommen. Unsere Seelen sind nicht gut ausgeheizt. Wir sind zu sehr mit der Brotfrage beschäftigt. Aber Sie hören ja gar nicht zu.«

»O ich höre schon,« erwiderte Renate sanft.

Gudstikker wurde durch den Ton ihrer Stimme zum Schweigen veranlaßt. Renate seufzte und ging weiter des Wegs, als ob sie durch den Willen ihres Begleiters gezogen würde, raffte nicht einmal das Kleid auf dem verregneten Pflaster, bemerkte nicht die Vorübergehenden, nicht den Himmel, der sich rötete, wie er sich gestern gerötet hatte und morgen röten würde. Wer wird jetzt meine Fächer malen? dachte sie beim Anblick der zitternden Farbenklexe, die der Abendhimmel in die Pfützen streute.

Gudstikker seinerseits baute einen Plan. Er baute stets an Plänen, wenn er schwieg. Er dachte nach, wie der Heimatlosen zu helfen sei, die sich von den Wassern treiben ließ mit halbgeschlossenen Augen. »Hören Sie einmal, Fräulein Renate,« begann er etwas weniger siegessicher wie sonst, denn der Wunsch, zu helfen, machte ihn zartfühlend, »ich habe eine ausgezeichnete Idee.« Er zündete mit all der Umständlichkeit, die ihm eigen war, eine Cigarette an und fuhr fort: »Da droben in der Schwindstraße wohnt ein junges Mädchen, eine liebe Bekannte von mir. Sie bewohnt ein Atelier, obwohl sie nicht malt und überhaupt nichts mit der Kunst zu thun hat. Ein feines Geschöpf, Sie werden ja sehen. Sie ist Lehrerin, ernährt sich kümmerlich. Stammt aus einer littauischen Baronsfamilie von ganz droben aus dem Norden. Als sie achtzehn Jahre alt war, brannte sie mit einem armen Kapellmeister vom Theater durch, und sie heirateten in Berlin. Später hat sie der Kerl sitzen lassen. Nun denk ich so. Das junge Mädchen geht in zehn Tagen fort. Sie ist auf zwei Probemonate an eine Kinder-Idioten-Anstalt engagiert. Sie können während der Zeit das kleine Atelier nehmen, das sehr billig ist. Da würden Sie zu sich selbst kommen, brauchten nicht Rücksichten zu spielen mit Leuten, die selber am Ende alter Dinge sitzen und hätten während der ersten Tage auch eine feine und verständnisvolle Gesellschaft. Alleinsein scheint mir im Augenblick nicht rätlich für Sie. Was halten Sie davon, Renate? Ich würde Ihnen nichts vorschlagen, was ich nicht auch für meine Schwester, wenn ich eine hätte, gut finden würde. Also was halten Sie davon?«

»Wie Sie meinen,« entgegnete Renate, die nur den Wunsch hatte, der Straße zu entfliehen. Dann fügte sie hinzu: »Es ist schrecklich. Ich könnte jetzt ebensogut aus der Welt verschwinden, ohne daß es wochenlang Jemandem einfiel, daß ich fehle. Uebrigens ist mir gar nicht gut.«

Besorgt blickte Gudstikker sie an, rief einen Einspänner herbei, dem er die Schwindstraße als Ziel bezeichnete. Als sie beide saßen, nahm er Renates widerstandslose Hand, um ihren Puls zu fühlen. Dann erzählte er, vorgebeugt mit dem rücksichtsvollen Streben, zu zerstreuen, von Irene Puntschuh, der ehemaligen Baronesse, daß man sie immer noch Fräulein nenne, obwohl sie den Namen ihres Mannes trug, erzählte, wie er sie kennen gelernt, als sie einmal in der Carnevals-Nacht von Studenten belästigt worden war und er ihr beigesprungen. »Das klingt abgedroschen, nicht wahr?« fragte er sarkastisch. »Man kann dergleichen gar nicht mehr erfinden, ohne banal zu sein. Ein bedeutsames Zeichen der Zeit.«

»Wo fahren wir denn hin?« fragte Renate, sich geängstigt aufrichtend, als ob sie alles vergessen hätte. Gleich darauf errötete sie und lächelte wie um Entschuldigung bittend. »Aber werde ich nicht lästig fallen?«

»Lästig? Irene wird glücklich sein. Sie hat sich in einem Atelier verschanzt, weil ihr das möblierte Zimmerwesen verhaßt ist. Sie ist ihr eigener Dienstbote, ihre eigene Köchin. Ein einsames Wesen, aber einsam nicht aus eigenem Wunsch, sondern aus dem Defekt der Andern. Sie wird Ihnen gefallen. Ich habe ihr oft erzählt von Ihnen. Was haben Sie denn, Renate?«

Es zeigte sich, daß Renate krank war. Mit Mühe konnte sie sich noch in Irene Puntschuhs Heim hinauf schleppen. Es brauchte nicht viele Worte zwischen Gudstikker und Irene. Eine Viertelstunde später lag Renate im Bett, und Abends noch kam der Arzt, ein ganz junger Mann aus der Nachbarschaft, der sich da draußen niedergelassen hatte, und mit proletarischer Kundschaft kaum die Tinte für Rezepte erwarb. Er war auch ganz melancholisch geworden und träumte von großen Reklameschildern neben dem Eisenbahngeleise, worauf stehen sollte, daß Dr. med. Grünholz, (Volmer Grünholz) an wunderbaren Heilerfolgen keinen Nebenbuhler besitze.

Renate empfand die Ruhe als etwas Köstliches. Es wehte und fiel um sie her wie Schatten, wie eine wohlthätige Verdunkelung, entrückte sie weit den eigenen Gedanken, und der Raum, in dem sie sich befand, erschien ihr verschwenderisch ausgestattet mit Dingen, welche man sonst nur in Träumen sieht. Der junge Arzt hatte die Gestalt eines Fürsten, und seine Worte kamen daher wie auf dicken Teppichen. Das Lampenlicht war nicht so intensiv, als daß man nicht den bläulich-grünen Schein des Mondes sehen konnte und einen Himmel wie eine Glasglocke, durch die kein Hall der tosenden Geräusche dringt. Dann wandelte da ein geisterhaftes Wesen herum, die man kaum hörte, wurde Irene genannt. Dann Gudstikker, der mit bekümmerter Wichtigkeit alle Gründe hervorhob, die ihn veranlaßten, das Lampenlicht zu dämpfen. Dann war es wieder Tag; unerklärlich schnell, als hätte die Zeit einen Sprung gethan, und irgendwo rief irgendwer: Anna! Anna! Schließlich war Anna Xylander gemeint, die noch schlief und beim schimpfen über die Unredlichkeit der Welt den Schlaf der Nacht versäumt hatte. Doch es klopfte zweimal an die Thüre, bevor Frau Söderborg hereintrat und gleichzeitig, aber durch eine andre Thüre, Gisa. Irene wies ihnen Stühle an und Renate lachte, weil Gisa aus Angst vor Frau Söderborg nicht zu reden wagte. »Sie ist immer so,« sagte Frau Söderborg unwillig und ziemlich barsch. »Nie spricht sie. Sie besitzt eine unanständige Natur. Ihre Sinne sind erhitzt. Gewiß, sie ist ein junges Mädchen, aber von den gefährlich Prüden.«

Gudstikker saß da und war überrascht. Aber plötzlich sagte Stieve, – weiß der Himmel, wo er nur hergekommen war: »Sie sollte für bessere Verdauung sorgen.« Dann lehnte er sich behäbig und gutgelaunt in seinen Sitz zurück.

»Das haben Sie von Süssenguth,« erwiderte Gudstikker ironisch und mißbilligend. »Zum Teufel mit Verdauung. Wollen Sie soziale Uebel mit Rhabarber aus der Welt schaffen? Unsre Philosophen verzichten auf die Ehre, logisch zu sein.«

Gisa fing zu reden an mit leiser, singender, klingender Stimme, und Regentropfen hingen ihr im Haar. »Als junges Ding durfte ich nicht einmal vom Storch sprechen. Man sollte nur daran glauben. Ja, aber dann habe ich viel gelitten und konnte oft nicht schlafen. Es war schrecklich, an all das zu denken, aber weil es für unanständig galt, war es mein Verderben. Es verbrannte mich, aber ich mußte schweigen.«

»Aber,« sagte Frau Söderborg, »ziehen Sie doch Ihre Strümpfe hinauf.« Stieve lachte. Später entschuldigte er sich, und jemand Anderer erzählte mit flüsternder Stimme eine Geschichte von zwei jungen Mädchen, die höchst anständig erzogen waren. Sie gerieten darauf, ein erdichtetes Liebesverhältnis zu spielen, als ob sie Mann und Weib wären. Bald nachher wurde die eine wahnsinnig, weil die andre mit einem neunzehnjährigen Kellner auf und davonging.

»Ich habe in meinem vierzehnten Jahr ein Verhältnis mit unserm Stallburschen gehabt,« sagte Frau Söderborg. »Er war brutal und prügelte mich, aber das gerade gefiel mir an ihm. Im selben Jahr stahl er eine Taschenuhr und wurde eingesperrt.«

»Nun,« sagte Frau Fuchs wohlwollend, »das sind lauter Faxen, liebe Freundin. Man muß natürlich sein, jawohl. Damals wie wir in Pörtschach waren, – ein schöner Ort, jawohl, – gab es eine Viehmagd, die sich aus Liebesgram in den See stürzte. Nun, damals wunderte ich mich, daß auch Viehmägde daran leiden, aber jetzt finde ich es ganz natürlich. Jawohl, liebe Freundin, ganz natürlich. Die Welt ist eben einmal darauf eingerichtet, auf Liebe mein ich. Nun, und wir sollen es nehmen wie es ist.«

»Ausgezeichnet,« sagte Stieve, der sonderbare Bewegungen machte, als schnellte er Kirschkerne in die Luft.

Doch es waren nicht Kirschkerne, sondern Steine. Erst hingen sie eine Weile, dann senkten sie sich auf Renatens Brust herab und lagen schwer. Man konnte in das Innere der Steine sehen, wo wunderliche Tiere der Vorzeit erstarrt waren, als ob die Jahrmillionen ihnen nichts weiter als den flüchtigen Funken Leben geraubt hätten. Und irgend eine Stimme sang in weiter Ferne: Rosen, zwei Rosen am Strauch, Lilien, zwei Lilien am Band. Die vergangenen Tage wanderten vorbei, und jeder hatte auf einem kleinen Löffel einen Tropfen Blut. Es waren lauter krüppelhafte Männchen und einer, besonders vorwitzig, hihite und flüsterte höhnisch: Jeder von uns nimmt von Deinem Herzblut.

Doktor Grünholz putzte seine Brille und sagte mit einer Miene, als hätte er Citronensäure im Mund: »Neununddreißig, Komma sieben. Sehr günstig.«

5.

Irene Puntschuh neigte in ihrer Gestalt ein wenig zur Fülle. Doch ihr Gang war leicht und fast geräuschlos. Ihre Haare waren von glanzlos rötlicher Farbe, ihr Gesicht blaß. Ihr Wesen hatte einen tiefskeptischen Zug, und ihre Schutzlosigkeit verfügte über eine einzige Waffe: den Spott. Ihre Antworten auf gewisse Fragen waren oft so fein, daß man vorsichtig sein mußte, um sich nicht lächerlich zu machen. Den Unglücklichen, der ihr so zum Opfer wurde, musterte sie mit gerieben-mitleidiger Miene. Sie war sehr klug, schon darum, weil es ihr Spaß machte, für dumm genommen zu werden; sie verachtete diejenigen, die ihr Schicksal bejammerten und war scharfsichtig bis ins Krankhafte.

Sie hatte nicht versäumt, Renates Besitz aus Anna Xylanders Wohnung holen zu lassen, und als Renate wieder anfing, gesund zu werden, gab ihr dieser Umstand ein wenig von der Sicherheit eines geordneten Lebens. »Hab ich viel dummes Zeug geredet?« fragte sie Irene und beobachtete mit Schüchternheit das junge Mädchen. »Ach und der wunderschöne Tag draußen! Es ist schon Sommer.«

»Sommer? Nein. Aber Sie habens gut gehabt. Sie haben von manchem Sturm und Regen nichts bemerkt.« Irene blickte mit naiver Bewunderung Renate ins Gesicht, denn sie erschien ihr schön. Sie beneidete sie fast.

Da regte sich etwas im Winkel und das war Angelus, der näher kam und offenbar an tiefem Kummer litt, seit er die Liebkosungen seiner Herrin entbehren mußte. Er hing die Ohren betrübt herab, umschlich das Bett, blinzelte scheu hinauf, legte die Vorderpfoten auf die Kante, sodaß ihm Renate den Kopf krauen konnte. Er war sogleich wie verhext, bellte, daß Irene sich die Ohren hielt, sprang im Zimmer herum, hüpfte über einen Schemel, benahm sich in auffallender und höchst unzukömmlicher Weise. Mehrmals schoß er vom Bett zur Thüre, als wollte er Renate zu einem Spaziergang bewegen.

Renate fand, daß sie sich keine bessere Begrüßung hätte wünschen können, und Irene erzählte mit einer Stimme wie Glas, daß der Hund bis zur Stunde ein brummiger Melancholikus gewesen sei. Keine Verlockung der Kochkunst hätte ihn zur Freundlichkeit bewegen können. Renate wurde vor Freude lebhaft, legte den Arm um den Hals des Hundes, der wie ein Kater zu schnurren anfing, fragte nach Gudstikker und erfuhr, daß er zwei Nächte hindurch nicht von ihrem Lager gewichen sei. »Ich bin ihm sonst nicht ganz grün,« meinte Irene, »aber das hat mir gefallen. Daran erkennt man Freundschaft. Ein Mann opfert nicht leicht seinen Schlaf.«

Renate sah nachdenklich vor sich hin. »Weshalb sind Sie ihm denn nicht grün?« fragte sie.

»Ach! Erstens ist er Schriftsteller, und auf die Leute ist kein Verlaß. Zweitens posiert er den Mann, der nicht posiert. Drittens bildet er sich ein, die Frauen ganz, ganz genau zu kennen. Und überhaupt!«

»Aber er hat so schöne Bücher geschrieben.«

»Legen Sie daraus Wert? Das beweist nichts für den Menschen. Heutzutag besonders, da fliegt Jedem was zu von Kunst oder Talent oder so. Das liegt auf der Straße. Und das Schreiben verdirbt den Charakter. Aber jetzt hübsch ruhig sein und nichts mehr reden.«

Um das zu erreichen, erzählte Irene. Von der Anstalt, wo sie in einigen Tagen erwartet wurde, von dem schweren Amt, das sie freiwillig auf sich genommen, und zu dem eine Geduld nötig war, die alles Denken und Gefühl lähmen mußte. Von ihrer Heimat, von Kinderjahren, von Liebesahnungen, welche die Natur selbst dem jungen Wesen einflößte; wie sie erzogen wurde, völlig in den Fesseln jenes entehrenden Damenkultus, der die Mädchen nur den Rand der Dinge erkennen läßt, der sie blind macht für die unerbittliche Stimme des eigenen Körpers. Unverhohlen berichtete Irene, wie es auf einmal über sie gekommen in einer Sommernacht, daß sie sich einem Mann hingeworfen, von dem sie nicht länger geträumt als etwa von einem neuen Kleid. »Da weiß man nun alles, was man mit Gedankenputz behängt hat und steht da wie ein Narr. Aber wir haben doch das rechte Gefühl, ich und die andern, die dasselbe gethan haben. Meine Ueberzeugung, und die ist wie eine Religion in mir, ist, daß es irgend Einen in der Welt giebt, geben muß, der für mich geboren ist, wie ich für ihn. Ich weiß, daß er da ist und finde ihn nicht, weiß nicht wo ihn suchen. So lebt mans dann zu Ende, erreicht es nie oder zu spät. Viele denken so, gerade bei uns bürgerlich Erzogenen. Manche wissen es, manche nicht, manche probiren es auf viele Arten, das Suchen, manche geben es ganz auf. Ich zum Beispiel. Ja, mit einer überspannten Person sind Sie da zusammengeraten. Das denken Sie doch?«

»O nein,« erwiderte Renate, matt lächelnd. »Ich denke nur, es ist unheimlich, alles zusammen.«

»Schlafen Sie nur, liebes Fräulein. Vorhin haben Sie so gut geschlafen.«

»Sagen Sie doch nicht Fräulein zu mir.«

»Nein, ich sag's nicht mehr. Sie sind mir sehr sympathisch. Aber ich muß Ihnen noch was erzählen. Ich bin doch eine gescheite Person, nicht? Leidlich, wenigstens. Jetzt hab ich da ein Buch gelesen über die .... na ...Frauen-Emanzipation. Ganz vernünftig, aber denken Sie nur, dafür kann ich gar nichts empfinden. Ich habe das Gefühl, ein Weib bedeutet nur dann etwas, wenn sie allein ist oder mit dem Mann, den sie liebt. Wenn nur zwei Frauen etwas gemeinsam thun, das muß unweiblich sein.«

»Haben Sie Freude daran, Lehrerin zu sein?«

»Freude? An den Kindern, ja. Denken Sie, welche Macht man da hat. Wie viel Zukunft an einem hängt. Und dann, für die Kinder ist jedes neue Wort, was für uns ein fremdes Buch. Das find ich so schön, das Aufwachen, das innerliche Aufwachen. Besonders bei den Mädchen. Da giebt es Einige und die sind in mich verliebt. Das ist ganz eigentümlich. Wenn Sie wüßten, welche Glut in so einem jungen Dingchen lebt, so unbefangen, und doch weiß es keine, und wie sie schon vollständig Frauen sind manchmal, stolz und verzweifelt ...Davon kann ich Ihnen viel erzählen. Da sieht man eben: Gefühl ist alles. Was so an Gescheitheit nebenbei ist, das ist wie Salz aufs Brot. Es giebt gar keine dummen Frauen, das haben die Männer erfunden. Es giebt höchstens solche von schlechtem Gefühl.«

In dem Maß, wie Renate gesundete, wurde Irene Puntschuhs Wesen zurückhaltender. Einmal erklärte sie ihr, weshalb sie in jene Anstalt trete. Vor etwa vier Wochen hatte sie einen Spaziergang gegen Schleißheim gemacht und war vom Regen überrascht eben in das Anstaltsgebäude geflüchtet. Ein alter Herr führte sie herum, und sie sah auch die Kinder. »Das vergißt man doch nicht mehr, das läßt einen nicht mehr los. Es kann doch keine wahnsinnigen Kinder geben. Die armen Würmer sitzen mit gelben Gesichtern und großen Augen, die einem nichts sagen. Die Händchen legen sie vor sich auf die Bank, als obs fremde Sachen wären, rühren sich nicht. Meist sind es gemütskranke Kinder. Können Sie sich das ausdenken? Mich hat es unerträglich ergriffen. Es ist leicht, dorthin zu kommen. Keine hält es länger als drei Wochen aus. Da will ich doch sehen. Und dann liegt das Haus am Wald, und ich habe, was ich will: Einsamkeit und Arbeit.«

Von da ab wurde Irene gegen Renate etwas spitz und quecksilbrig. Was geradezu ihren Haß erregte, war der Hund. Hatte man je einen Hund gesehen, der allem was gesagt wurde, zuhörte wie ein neugieriger Mensch? Der Jeden, der ihm nicht sympathisch schien, in der unpassendsten Weise anheulte? z. B. Gudstikker; der Brot und Fett und Kuchen und überhaupt die feinsten Sachen stehen ließ aus wohlberechneter Bosheit gegen den Geber –? der beim Anblick der armen Suleika in Raserei geriet und der, wenn er von seiner Herrin etwas wünschte, ein so heuchlerisch-kummervolles Gesicht zu machen verstand –? »Das ist kein Hund, das ist eine Mißgeburt,« sagte Irene, die ihr Kätzchen Suleika nach langem Kampf der Hausbesorgerin übergeben hatte.

Renate wurde es etwas bange vor solchen Feindseligkeiten, die durch die Hinterthüre sich einschlichen. Doch bald sollte Irene fort. An jedem Sonntag würde sie in die Stadt kommen und Renate besuchen. Renate wollte inzwischen ihre Arbeiten fortsetzen, um Geld zu verdienen, wie sie behauptete. Aber Gudstikker sagte mit müder Stimme: »Liebe Renate, Sie sind keine von den Frauen, die auf der Schanze stehen. Dazu sind Sie wohl zu weltfremd. Ihre Blicke sind oft so fern, daß erst irgend ein Unheil Sie zurückzukehren zwingt.«

»Das war wieder eine sogenannte feine Bemerkung,« sagte Irene und zog die Augenbrauen hoch. "Ich weiß nicht, lieber Gudstikker, aber für mich haben Sie etwas von einem Geistprotzen. Die sind noch schlimmer als die Geldprotzen.«

Renate blickte in tiefer Nachdenklichkeit vor sich hin. Sie war Gudstikker dankbar, daß er sich um sie bekümmerte. Die zwei Nächte vergaß sie ihm nicht, die er an ihrem Krankenlager zugebracht. Eine Nacht ist lang, Niemand konnte es besser wissen als Renate.

6.

Als Renate das Bett verließ, nahm Irene Puntschuh Abschied, und zwar mit einer ironischen Grazie, deren Sinn nicht leicht zu enträtseln war. Auch schien es Renate, die mit Maleraugen sah, als ob ihr Haar um eine Nuance röter sei. Die beiden küßten sich und Irenes Augen leuchteten dabei förmlich hinein in die Renates, immer mit jener seltsamen lachenden Glut, als wolle sie etwas ergründen oder bestätigt wissen. Noch viel später, Monate später, wenn sie an Irene dachte, sah Renate ein bestimmtes Bild: wie sie unter der Thüre stand, lächelnd den Raum musterte, zwei Mal knixte und dann mit der behandschuhten Hand Angelus zuwinkte und sarkastisch rief: »Lebewohl, mein Freund, Du ekles Vieh.«

Gudstikker stand dabei und blieb bei Renate zurück.

»Finden Sie nicht, daß sie etwas von einer Eidechse hat?« fragte Renate unsicher.

»Eine Mischung von Paris und deutscher Provinz. Ich muß überhaupt sagen, ich kenne doch viele Frauen, aber das, was in den Büchern vom sogenannten deutschen Weib zu lesen ist, hab ich noch nicht gefunden.«

»Kennen Sie wirklich so viele Frauen?«

»Zuviele, um glücklich zu sein, und doch um eine zu wenig.«

»Wieso? Das versteh ich nicht. Oder –« Renate stand auf und machte sich mit dem Hunde zu schaffen. »Und Veronika und die Andern, die Sie geschildert haben?«

»Das ist Tinte. Im besten Fall erstarrte Träume.«

»Aber es muß schön sein, zu schaffen. Vielleicht sogar für die Unsterblichkeit. Dieses Wort ist wie Glockenklang für mich.«

»Sagen Sie das nicht. Unsterblich, was heißt das? Die längste Unsterblichkeit dauert fünftausend Jahre, vielleicht sechs. Und die andern tausend Billionen? Aber ich schlage vor, daß wir ein wenig spazieren gehn, Renate. Es ist herrlich draußen.«

»Heute? Zum ersten Mal ...«

»Ja. Wenn Sie müde werden, nehmen wir einen Wagen.«

Renate willigte ein. Sie war voll weicher Gefügigkeit, blieb aber schweigsam und in sich gekehrt. Die Straßen und die helle Sonne überall kamen ihr berückend vor. Die Stadt war im Festtagskleid, wie Gudstikker behauptete, denn es war der erste Tag des Mai. Sie hatten gleich einen Wagen genommen, erst draußen wollten sie ein wenig gehen. Angelus lief nebenher, schielte ungehalten und verstimmt in das Gefährt und bellte jedem begegnenden Köter mit geschäftsmännischer Kürze etwas nach. Sie fuhren erst die Theresienstraße hinunter, an den Pinakotheken vorbei, in deren Anlagen sich hunderte von Kindern spielend umhertrieben. Fast mechanisch blickte Renate hinauf zu den Fenstern der alten Gallerie, und ein flüchtiges Erinnern zog ihr vorüber wie das abgeschnittene Stück eines früher gelebten Lebens. Saskia von Uhlenburg schien an einer der Brüstungen zu stehen und mit den hellen Augen in die Sonne zu blinzeln.

Dann fuhr der Kutscher die Arcisstraße hinauf, weil Gudstikker sich für den Nymphenburger Park entschlossen hatte. Er wurde von vielen Leuten gegrüßt und dankte mit einer langsamen Nonchalance. In der Nähe der Basilika verfiel Renate auf den ihr so ungewohnten Einfall, in die Kirche zu gehen. Nicht beten wollte sie; sie wünschte das Gebäude nur zu betreten. Vielleicht entsann sie sich, und heute zum ersten Mal, des Ausspruchs einer alten Hausmagd bei Fuchsens, welche nie unterließ, zu versichern: Wer an einer Kirche vorbei geht, sperrt sein Glück hinein. So ersuchte sie Gudstikker, er möge halten lassen, und von ihm geführt, trat sie unter die Riesenwölbungen des feierlich stillen Raums. Gudstikker machte ein unzufriedenes Gesicht, aber ein Blick in Renates tiefst versonnene Züge reichte hin, daß er schweigend verblieb. Renate dachte nichts Frommes, fühlte sich nicht fremden und unirdischen Mächten genähert. Nur die Bewußtheit des Augenblicks versiechte, und statt dessen kam eine halbschlafähnliche Täuschung von Frieden über sie. Das Bild ihres jetzigen Zuhause stieg dahinter empor. Es war, als hätte sie sich glücklich fühlen können, wenn nur dorthin keine Rückkehr möglich gewesen wäre. Denn es ist sicherlich so, daß das Zimmer, in welchem er schläft, seinem Bewohner nachläuft, wohin er auch gehen mag, und stets wird ihn ein Teil der Empfindungen unbewußt erfüllen, mit denen er jenen Raum erlebt.

So fern war also Renate von andächtigen Schauern. Gebete konnten sich ihr nur in der Ferne der Ueberlegung formen, und der Gedanke an eine Gottheit war etwas, der Möglichkeit des Todes verwandt. Gudstikker stand neben ihr in scheinbar verständnisvollem Schweigen, ein wenig in der Haltung des Mannes mit dem interessanten Kopf. Er saugte die Kirchenstimmung in sich ein wie ein Schwamm, glaubte Renate erfüllt von mysteriösen Strömen poetisch-religiöser Gefühle, und als sich beide zum Gehen wandten, suchte er ihren Blick und hielt ihn fest mit begreifendem und gütigem Aufleuchten seiner dunklen Augen. Dabei war doch Renate eher stumpf. Das Blicketauschen machte sie schamrot, denn sie merkte wohl, daß er anderes dachte.

Die Sonne stand schon den Baumkronen nahe, als sie im Park des Nymphenburger Schlosses anlangten. Die zierlichen Wege bogen sich einladend hin, auf den stillen Weihern schwammen Schwäne mit ihrer anmaßenden Vornehmheit, und die Fassade des Schlosses leuchtete wie weißer Marmor. Renate nahm den angebotenen Arm Gudstikkers, und sie wanderten eine Weile schweigend weiter, bis Gudstikker aus seinem Nachdenken heraus fragte: »Wie stellen Sie sich eigentlich Ihr künftiges Leben vor?«

Renate heftete den Blick wie gebannt in das Buschwerk am Weg. Es war, wie wenn ein Vorhang entzweigerissen wird, der nichts enthüllt, als einen zweiten, jedoch unbeweglichen Vorhang. Wie stellte sie sich ihr Leben vor? Anna Xylander hatte mit den Koffern noch hundertfünfzig Mark geschickt, den Rest von Renates Eigentum. War das nicht Zukunft genug? Da begann sie etwas Verletzendes in Gudstikkers Frage zu wittern, und ihr Gesicht erhielt einen nervösen Zug. Sie schüttelte den Kopf, machte den Arm frei und nagte an der Unterlippe. Gudstikker, der sich über seinen Fehltritt nicht klar werden konnte, begann von der Mühsal des Lebens überhaupt zu reden, von der Unmöglichkeit eines wahrhaften Sichverstehens. Man gleiche dabei einem Baumeister, der von einem Stern zum andern Brücken schlagen wolle. Freilich stelle die Sympathie etwas wie eine ideale Brücke her. Und das könne er wohl sagen, so sympathisch wie Renate sei ihm lange kein menschliches Wesen geworden. Er könne sich darüber nicht näher erklären, sei überhaupt kein Freund der Worte. Aber früher, wenn er des morgens erwacht sei, habe er nichts als den sehnlichen Wunsch. empfunden, sofort wieder in jenen angenehmen Zustand des Nichtseins zurückzukehren, der Schlaf heißt. Die ganze Welt habe ihm bitter geschmeckt. Jetzt sei das anders.

Renate schwieg, bewahrte ihre Miene, aber innerlich fühlte sie eine betäubende und einlullende Wärme. Sie standen am Ende des Parks, am Zaun, und jenseits waren die leeren Wiesen. Das reinliche Rokoko des Gartens hatte sich mehr und mehr in englische Wildnis verwandelt. Surrend rann ein Bach über Moosgestein unter dem Zaun hindurch. Oben in einem alten Baum hackte der Specht, pfiff eine Kohlmeise. Die abendliche Sonne, von Dünsten gerötet, gab fernen Häusern eine feurige Contur, und wie aus einem Schacht emporgehoben, lagen graublau die Berge im Süden. Renate lehnte die Stirn an einen der morschgewordenen Zaunpfähle und sah mit erstarrtem Blick auf das Holz, und die Löcher des Bohrwurms erschienen ihr durch die große Nähe wie die Oeffnungen labyrinthischer Höhlen. In ihren Augen sammelte es sich heiß. Ohne daß sie fähig gewesen wäre, sich zu beherrschen, fiel ein Tropfen nach dem andern in Moos und Gras herab. Nicht Bilder noch Gedanken trugen Schuld, vielleicht nur die Stille und Abgeschiedenheit des Ortes, der nichts Erinnerungweckendes an sich hatte. Ihre Kniee zitterten, und mit den Thränen vereinte sich eine wilde Bangnis, die dadurch vermehrt wurde, daß sie sich in der Gegenwart eines fremden Mannes so haltlos und bedürftig zeigte. Angelus hockte mit einer erwartungsvollen und beunruhigten Physiognomie auf einem Maulwurfshaufen, sah aus, als verstehe er wohl, was vorging, schien aufrichtig betrübt. Renate wandte sich schnell ab vom Zaun, lächelte verstört und verlegen und tätschelte den Hund.

Gudstikker aber ergriff beide Hände Renates, und sie widerstrebte nicht. Das Lächeln von vorhin wiederholte sich auf ihren Lippen, und schweigend standen sie da, während die Landschaft in immer glühendere Farben getaucht wurde.

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