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Die Geschichte der jungen Renate Fuchs

Jakob Wassermann: Die Geschichte der jungen Renate Fuchs - Kapitel 12
Quellenangabe
pfad/wasserma/renate/renate.xml
typefiction
authorJakob Wassermann
titleDie Geschichte der jungen Renate Fuchs
publisherS. Fischer Verlag
year1901
firstpub1903
correctorreuters@abc.de
senderHolger Schmidt
created20120522
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Elftes Kapitel

1.

In allen Dingen bewies Anna Xylander eine kluge Umsicht und hausfrauliche Sorgsamkeit. Ihre kleine Wohnung in der Salvatorgasse hatte etwas von der anspruchslosen Einfachheit einer ländlichen Pastorswohnung. Ein schwarzes Stehklavier war noch das kostbarste darin. In der That war sie eine Pastorstochter aus dem Oberfränkischen, besaß aber außer einer taubstummen und lahmen Großtante, die auf dem Land lebte, und ihrem Bruder keinerlei Familien-Anhang. Sie hatte mit ihren dreißig Jahren schon ein achtungswerthes Stück Lebensarbeit geleistet, hatte die Arme zu rühren verstanden und war eine Freundin der graden Wege und der graden Worte. Dabei erwarb sie nicht nur ihr eigenes Stück Brot, sondern half auch bei Stieve tüchtig mit, dessen Lethargie unheilbar schien. Ihre Kapuzinerpredigten genossen eine gewisse Berühmtheit, denn sie scheute nicht die kecksten Anstößigkeiten und entschuldigte sich damit, daß sie nicht so frisiert reden könne. Immer von temperamentvoller Ungerechtigkeit, lebte sie nur von Aufwallung zu Aufwallung, vertrug sich in der Regel schlecht mit Frauen, aber desto mehr mit Männern, »bei denen man sich nicht zu genieren braucht.« Auf alles »Feine« war sie erbost, und sie war im Stand, einen neuen Hut bloß deshalb nicht zu tragen, weil er in Mode war. Freilich war sie trotz allem nichts von dem, was man ein Naturkind nennt. Naturkinder pflegen in allen Lagen obenauf zu sein, haben eine glückliche Hand für Gelegenheiten und eine untrügliche Eingebung für das, was geschmackvoll ist. Sie nehmen es weder schwer mit der Liebe, noch mit dem Geld, und wenn sie irgendwo verspielt haben, zahlen sie den Verlust aus, falls sie können, und haben keinen Platz für Schwermut und wuchtige Nutzanwendung in ihrem Herzen. Was von Poesie in ihnen ist, entfließt einem Temperament, das zwischen Echtem und Erquältem ohne Mühe unterscheidet.

So war nun Anna Xylander nicht. Bei ihr ging alles ins Bizarre. In manchem hatte sie den Standpunkt der Kinder, die »nun gerade nicht« wollen, und was die Liebe angeht, so konnte davon nicht die Rede sein, ehe nicht die laufenden Schulden bezahlt waren. Dabei war sie nicht einmal ordnungsvoll, sondern in ihrem Wesen war etwas tief Unordentliches. Es gab Leute, die sie haßte, wenn sie abwesend waren, und denen sie huldigte in ihrer Gegenwart. Nicht aus Falschheit. Das waren meist Menschen, die ihr überlegen waren, oder sie hatte die betreffende Person einmal sehr gern gehabt, oder sie vergaß einfach bei einer Plauderei den Grund ihres Hasses. Am besten war der daran, den sie bemitleidete; dem wurden sofort alle Winkel ihres Wesens hell. Am schlechtesten hinwiederum der, von dem sie sich bemitleidet glaubte.

Viele Jahre schon dauerte ihr Verhältnis mit Stieve. Man konnte es kaum mehr Liebe nennen. In vielen Dingen war es etwas durchaus Geschwisterliches, ohne das Muß-Interesse, das oft an Geschwisterlichem hängt. Zuweilen hatte Anna einen mütterlichen, spöttisch-beschützenden Ton, was in Gesellschaften zu komischen Situationen führte. Gesellschaftlich und ökonomisch beherrschte sie ihn völlig; wenn sie ihrerseits nie auf Heirat gedrungen hatte, war das, obwohl sie es leugnete, ein Zug edler Selbstlosigkeit. Sie wollte ihn nirgends hindern. In geistigen Dingen dagegen, in Freundschaftsfragen, in allgemeinen Sympathieen ließ sich Stieve nicht dareinreden, schon um das Aeußerliche der »Manneswürde« zu wahren. Im Uebrigen schützten ihn seine Intelligenz und sein feines Taktgefühl vor Herausforderungen, deren Folgen zu tragen er nicht Willenskraft und Schlagfertigkeit genug besaß.

An den Abenden, wenn ihn seine Pflicht nicht ins Theater oder zu Versammlungen rief, kam Stieve immer zu Anna Xylander, um mit ihr zu Abend zu essen. So auch heute. In dem kleinen, schmalen Wohnzimmer saßen sie einander gegenüber und hatten das übliche Bohemien-Gemisch vor sich: Schinken, Eier, Käse, Häring, Thee. Die Hängelampe brannte, die weißen Gardinen waren sorgsam aufeinandergezogen, die gescheuerten Dielen leuchteten vor Reinlichkeit. Schmuckeres war nicht zu denken.

»Es ist ein wenig kalt,« bemerkte Stieve kauend.

»So? Um die Zeit, weißt Du, heizen selbst die Millionäre nimmer,« war der schnöde Bescheid.

»Hast Du Geld, Anna?«

»Was? Geld?«

»Ich muß heute Abend noch Papier kaufen.«

»Vierundsechzig Pfennig hab ich. Das Goldstück wird vor Sonntag nicht gewechselt.«

»Du bist entsetzlich kindisch.«

»Kann schon sein.«

»Wie oft hab ich Dir schon gesagt –!«

»Wie oft hast Du mir schon gesagt – ja. Das kenn ich. Predigen ist umsonst, mein Lieber. Wenn man euch Männer nicht am Bändel hält, ist es nicht zum Drauskommen. Wenn Du nur ein anderes Leben anfangen wolltest!«

»Ein anderes Leben! Ich weiß gar nicht, was Du damit willst. Ich kann doch nicht Reichskanzler werden.« Stieve zupfte unwillig an seiner Nasenspitze.

»Reg Dich nicht auf, Stieve. Laß das Nasenspitzel in Ruh.« Anna Xylander lachte gutmütig.

»Ihr Weiber seid doch eine wie die andere.« Nach dieser erbaulichen Wendung trank Stieve seine Schale aus und legte sich das untere Ende eines Härings auf den Teller. »So ein Häring, das ist doch noch was. Da kann man noch von Idealismus reden, so lang man Häring soupiert.« Er neigte liebevoll seinen Kopf auf die Schulter, der selber etwas von einem Häringskopf hatte. »Dein Bruder Martin nährt sich nur noch davon.«

»Also will denn das Schwein wirklich heiraten?« fuhr Anna entrüstet heraus und machte eine Bewegung des Abscheus.

»Ja ja. Es ist soviel wie sicher. Gisa Schumann ist schon bei der Söderborg draußen, der Freundin von Hedwig Uibeleisen, das Aufgebot ist auch erfolgt. Verliebt ist er ebenfalls. Er ist so verliebt, daß er sich jede Nacht betrinkt und auf dem Heimweg den Hochzeitsmarsch brüllt. Gestern Nacht ist er arretiert worden und hat den Gendarmen ein poesieloses Faultier geheißen. Kostet Geld, so was.«

»Aber um Gotteswillen, Stieve, womit will er denn heiraten?«

»Womit? Mit nichts. Er hat da einen armen Idioten von einem Grafen gefunden, dem er eine schauspielerische Zukunft prophezeit. Davon lebt er momentan.«

»Der Mensch geht zu Grund.«

»Zu Grund müssen Viele gehn. Sonst könnten die Kletterer nicht hinaufklettern.«

»Und Gisa? Will sie ihn denn?«

»Scheint so. Scheint mir ein Verzweiflungsschritt zu sein.«

»Das arme Mädel ist von Monat zu Monat tiefer heruntergekommen.«

»Ja. So ist eben das Leben.«

»Lächerlich, Stieve. So ist das Leben nicht. Was heißt das überhaupt: so ist das Leben?«

»Apropos, Anna« – und Stieve richtete sich aus seiner bequemen Lage auf dem Sopha empor – »da hätt ich beinahe das Wichtigste vergessen. Ich wollte Dir erzählen, daß Renate Fuchs seit gestern Abend verschwunden ist.«

»Verschwunden? Das ist ja schon Kriminalroman ...« Anna Xylander stützte beide Ellbogen auf den Tisch und sah Stieve durchdringend an.

»Ja, denk Dir nur. Wanderer war heute früh schon in meiner Wohnung, ganz verzweifelt. Er hat sie gestern Abend noch fortgehn lassen und dachte, sie käme bald wieder. Nachmittag kam er in einer unbeschreiblichen Verzweiflung ins Cafe. Er wollte auf die Polizei, aber wir haben ihm klar gemacht, daß es sinnlos ist und nur einen Skandal verursacht. Vorläufig wenigstens. Er meinte dann selbst, sie wäre zu einer Bekannten oder Freundin. Aber etwas war da nicht richtig mit ihm. Er war zu verstört.«

»Er thut mir leid. Und sie auch. Ein schönes Mädchen. Neulich bin ich ihr im Hofgarten begegnet, und wir haben lang miteinander geplaudert. Sie wollte mich einmal besuchen.«

»Aber was das Merkwürdige ist, kommt erst. Um fünf Uhr begleitete ich Wanderer nach Haus. Und an der Veterinärschule steht der Hund, den sie mitgenommen hatte, und springt uns winselnd entgegen. Das ist ganz rätselhaft. Wanderer verlor fast die Besinnung. Ich sagte ihm, er solle mit zu Dir herauf, damit er nicht ganz allein ist. Aber ohne mich zu hören, ist er nach Haus gestürzt.«

»Da ist was geschehn, Stieve. Ich weiß nicht, Du bist so unsympathisch ruhig bei solchen Sachen. Da kann was Schreckliches passieren.«

»Geh Angstmeier. Wir leben doch in einem Kulturstaat.«

»Das machst Du ausgezeichnet. Ich weiß nicht, ihr Männer seid alle wie die Frösch. Drum veracht ich euch doch so. Was haben denn die Andern gesagt?«

»Du weißt ja wie sie sind. Gudstikker kam dazu. Auch der wollte gleich zur Polizei.«

»Gudstikker! Gräßlich. Ein Tintenfisch!«

»Ich bitte Dich! Dein Haß um jeden Preis macht mich nervös.«

»Ja ja. Du wirst schon sehn. Mein Gefühl betrügt mich nicht.«

So wurde noch ein wenig in Worten geplänkert, und nach einer Viertelstunde verabschiedete sich Stieve, mit Ermahnungen betreffs Frühnachhausegehn reichlich ausgestattet.

2.

Anna Xylander zog ihre Hausschuhe an, wobei ihre Bewegungen den Charakter ruhefroher Behaglichkeit annahmen. Eine Weile stand sie am Fenster, sah den spitzen Turm der russischen Kirche und die breiten Kuppeln der Theatinerkirche vom Mondlicht übergossen, und der Mond selbst stand wie ein feuriges Hörnchen am Rand des Turmdaches, bereit, die Mitternacht anzublasen: Mitternacht und Frühlingsnacht, alles voller Weihe. Hierauf setzte sich Anna Xylander in die Sophaecke, nahm ein Zeitungsblatt, in welchem Stieves Kritik über das letzte Gudstikkrsche Buch stand und las. Stieve schrieb da in seiner rücksichtsvollen Weise, die nie verletzen sollte, eine lange Kette von Betrachtungen, nicht ohne geheime Bitterkeit. Zum Schluß wurde es offenbar: ja, der Verfasser schreibe »schön«, gewiß. Aber er sei nun so süß und weich geworden wie ein gebratener Apfel, recht geeignet für den Magen des Bourgeois. Anna mußte lächeln, erst über den Vergleich, und nun schon gar, wenn Stieve mit dem Bourgois anfing. Aber der Vergleich hatte etwas Anheimelndes und Leckeres für sie. Sie ging und legte einen Apfel in die Röhre und mußte laut lachen in der Voraussicht, daß sie ihm das morgen erzählen würde. Süß mußte er sein und weich, ganz im Gegensatz zu dem sauren und harten Stieve, dem Nicht-Bourgois. Ueberhaupt, was so ein Mann alles zu sein glaubt, wenn er einmal die Feder in der Hand hat; Könige ertränkt er in der Tinte.

Plötzlich läutete es. Anna Xylander erschrak und vergaß ihre Gebratene-Aepfel-Philosophie. Wer mochte zu dieser Stunde kommen? Stieve? Das wäre sonderbar; auch war es nicht die Hausglocke, sondern die des Korridors. Anna hatte keine Furcht, aber es schien ihr, als solle sie den Rotbackigen in der Röhre heute nicht mehr verzehren. Sie zündete eine Kerze an, ging hinaus, lugte durch's Guckloch, öffnete und hätte beinahe den Leuchter fallen lassen, denn Renate stand vor ihr.

Anna Xylander öffnete den Mund zu einer formlosen Begrüßung, dachte in einem Nu an Wanderer, an Stieve, an abenteuerliche Ereignisse, dabei aber trat ihr zunächst die Frage wegen des Hausthors auf die Zunge, als achte sie dies für das Allerwichtigste. Ja, antwortete Renate kleinlaut, ein Herr, der im Hause wohne, habe geöffnet, als sie drunten die Glocke ziehen wollte; habe sie freundlich hereingelassen, als sie gesagt, daß sie zu Fräulein Xylander müsse. »Wollen Sie, daß ich wieder fortgehe?« fügte sie tonlos hinzu.

Davon war Anna weit entfernt und sagte es auch in ihrer unbeholfenen Art. Stürmisch forderte sie Renate auf, einzutreten, zog sie an der Hand nach sich, nahm ihr in der Stube Hut, Schirm, Pelzchen und Jacke ab, und sagte, während sie so eifrig beschäftigt war: »Ja mein Gott, Fräulein, wie sehn Sie denn aus? Möchten Sie einen Kaffee oder Thee oder ein Glaserl Schnaps, Kirsch hab ich und Heidelbeer, und wie kalt die Handerln sind und die eisigen Wangen, mein Gott! Natürlich bleiben Sie die Nacht über hier, das versteht sich ja von selber, und die Stiefel ziehn wir auch aus, ich stell derweil die warmen Pantoffeln zum Ofen.«

Anna kniete vor Renate, mit dem Aufschnüren der Schuhe beschäftigt. Renate beugte sich vor, legte beide Hände auf Annas Schultern, drückte die Lippen auf deren Haar, und schließlich auch die Stirn. Anna blieb unbeweglich, fühlte das fortlaufende Zittern in Renates Körper und zwei warme Tropfen, die ihr auf das Haar fielen. Dann erhob sie sich sanft und suchte Renate zu beschwichtigen: »Nicht weinen, Arme, nicht weinen.«

Nach geraumer Zeit fragte Anna Xylander teilnehmend und so, daß es nicht wie Neugierde aussehen konnte: »Wollen Sie denn nicht mehr zu Herrn Wanderer zurück?« Doch klang aus der Frage mehr Wissen, als Anna hatte verraten wollen, und sie wurde verlegen.

Renate bemerkte es kaum. Sie schüttelte den Kopf. »Später erzähl ich Ihnen alles,« flüsterte sie scheu. Aber weil Anna sie immer besorgter betrachtete, fing sie gleich damit an: wie sie ihm erst gefolgt war, ohne Bedenken, ja voller Stolz. Wie sie aber bald gemerkt habe, daß er nicht der Rechte sei. Wie dann das Unglück mit seinem Vermögen gekommen sei und ihn entschleiert habe. Von Tag zu Tag seien sie sich fremder geworden, denn er habe alles unerfüllt gelassen, was sie von einem Mann, von dem Mann, dem sie sich grenzenlos ergeben, erwartet habe. Und schließlich, als sie sich ihm versagt habe, sei es schrecklich gewesen, welche niedrige Seiten seiner Natur zum Vorschein gekommen. »Er hatte etwas Verstecktes angenommen und ich bekam erst Furcht, dann –. Ach, es war eine Hölle zuletzt. Mir war, als sei der Schmutz haushoch um mich her.«

Anna Xylander lauschte mit tief verstehenden Blicken. War es nicht ihr eigenes Leben, das sich da vor ihr entrollte, nur gedrängter und jede Schuld verdeutlichter? Sie freilich hatte gewährt, immerzu gewährt, als die Liebe vorbei war aus Mitleid, aus Kameraderie, aus Gleichgiltigkeit, aus Frivolität, aus Furcht vor Szenen, ja vor Unbequemlichkeit. Das sei eben des Lebens Zweck und der Liebe Ziel, hieß es da immer; die Welt bestehe dadurch und nicht durch empfindsame Gelüste. So wurden selbst die Küsse, die täuschenden, zum immer kürzeren Vorspiel, und übrig blieb das Entehrende, weil mit kühler Seele Gewährte. Das ist Frauenschicksal, hatte einmal Katharina Herz zu Anna gemeint. Es mußte wohl wahr sein. Erst ein kurzer Garten, dann eine lange Wüste mit Hunger und Durst. Freilich, Stieve war ein Mann, mit dem sich Freundschaft schließen ließ, und daran war alles Empören gescheitert.

So war es nun mit Anna Xylander; in einem Nu konnte sie sich in die bittersten Gefühle hineinreden. Voll Inbrunst drückte sie Renate an sich, daß dieser einen Augenblick bang wurde. Ja, sie wisse wohl, was auf Wanderer laste. Und mit wenigen Worten erzählte es Anna.

Renate schwieg lange, als diese Erzählung beendet war. »Er hat es um meinetwillen gethan,« sagte sie endlich nachdenklich. Plötzlich schauderte sie zusammen und ließ den Kopf tief sinken.

»Vielleicht können Sie sich doch wieder mit ihm versöhnen,« sagte Anna, die sich nicht vorstellen konnte, was mit Renate werden sollte.

»Nie! nie!« brach Renate leidenschaftlich aus und klammerte die Finger um Annas Hand, als fürchte sie, fortgerissen zu werden.

Jetzt war Anna den Thränen nahe, denn sie verstand ja das alles gut genug. »Sie sagen ›Nie‹, Renate. Aber man muß nicht nie sagen.«

»Nein, nein! Es ist unmöglich.«

»Warum? Weil Sie das erfahren haben? Wollen Sie denn so hinleben und –«

»Ja, ich will so hinleben und arbeiten.«

»Das ist leicht gesagt. Hat schon manche gesagt. Dazu sind die feinen Hände nicht, Renate.«

»O ich will schon. Nur nicht mehr zurück.«

»Seien Sie vernünftig. Warten wir ein paar Tage, oder ein paar Wochen. Da sieht sich alles anders an. Vielleicht mit Ihren Eltern –?«

»Ach Fräulein Xylander –!«

»Sagen Sie doch Anna zu mir. Das ist einfacher.«

Renate lächelte scheu. »Wenn Sie wüßten, wie unmöglich das jetzt ist. Da könnt ich mich ebensogut in die Isar stürzen.«

»Warum sagen Sie jetzt? Auf einmal –? Ach ja, das vergeß ich ganz ...wo waren Sie denn seit gestern?«

»Ich hab mich so herumgetrieben, stundenlang,« flüsterte Renate. »Dann ging ich in ein Hotel, – ich weiß gar nicht mehr, wie es heißt.« Plötzlich fing sie so heftig an zu schluchzen, daß es schien, als wollte sie ersticken. Anna Xylander nahm ihren Kopf zwischen beide Hände und suchte sie zu beruhigen.

Als Renate ruhig geworden war, geschah etwas Sonderbares. Sie stand auf, und ihr Gesicht war trotz des besorgten Ausdrucks und der gefurchten Stirn beängstigend unbeweglich. Sich leicht zurückbeugend, kramte sie in der Tasche ihres Rockes und zog in der geballten Hand etwas Blaues, zerknittertes hervor. Sie öffnete die Hand und betrachtete ungefähr drei oder vier Hundertmark-Noten, die ineinander verknüllt waren. Sie betrachtete die Scheine mit einer gewissen stumpfsinnigen Aufmerksamkeit, und die erstaunte Anna Xylander erhob sich langsam, mit weit geöffneten Augen von ihrem Stuhl. Renate ging zum Ofen, riß die Eisenthüre auf, und machte eine Bewegung, die Noten in die Glut zu werfen, als Anna auf sie zustürzte und ihre Hand zurückriß. »Sind Sie denn wahnsinnig?« schrie sie auf.

Renate ließ die Scheine los und hielt sich am Ofen fest, da sie sonst gefallen wäre. Sie starrte in die Glut des offenen Feuers, und ihr Gesicht rötete sich davon. Mit einem Grauen ohne Gleichen gedachte sie der vergangenen Nacht, in der sie alle Schrecken der Einsamkeit empfunden und mit verwirrtem Sinn durch Straßen und Straßen gewandert war. Die völlige Hilflosigkeit, in der sie sich befand, erzeugte Schreckgesichte. Sie ging auf das Telegraphen-Amt und depeschierte ihren Eltern: thörichte Worte, in denen sie allen Stolz verlor und nur mit fieberischen Lauten der Angst redete. Und wie viel Ueberlegung gehörte trotzdem dazu: eine Adresse anzugeben, zu schreiben, vor dem Beamten zu stehen und zu warten...

Man hatte ihr Geld geschickt, – ohne Zeichen, ohne Worte. Diese Stunde empfand sie als eine körperliche Züchtigung, die sie sich selbst zugefügt, und deren demütigende Macht ohne Grenzen war. Sie hätte stolzer bleiben dürfen, hätte man ihren Ruf nicht gehört.

Anna Xylander saß am Tisch und entknitterte sorgsam die Noten, strich sie mit den Händen glatt, – in einer liebevollen Weise, die ein Leben der Entbehrungen beleuchtete. »Es sind vier Stück,« sagte sie schließlich schwankend, ob sie es humoristisch nehmen solle. »Warum haben Sie denn das Geld verbrennen wollen?« fragte sie.

»Ich will nichts davon sehen,« entgegnete Renate abgewandt, mit verschleierter Stimme.

Anna Xylander seufzte. »Es ist alles so, wie man's selber nimmt,« sagte sie betrübt. »Die Hauptsache ist schließlich, daß man noch unglücklich sein kann. Da ist noch nichts verloren. Wer rein ist, bleibt rein, das ist ein altes Wort von mir. Schaun Sie, es ist jetzt so mit uns Frauen, daß wir faktisch nicht mehr wissen, wohinaus, wo das Gute liegt oder das Schlimme. Wir sitzen da, jede sitzt da und wartet, daß Einer kommt und den Weg zeigt. Aber es kommt Keiner. Denn wir verstehen uns nicht selber, mir müssen verstanden werden. Wir fallen so oft auf den Ersten herein, fast immer. Aber das ist nie der Beste. Manchmal geh ich so auf der Straße und denke mir: der ist's oder der hätt' es sein können. Ein Blick ist oft wie ein langes Leben. Na, da geht dann der Betreffende vorbei und ich seh ihn nie wieder. Das ist schlecht eingerichtet, find ich.«

»Wenn ich nur wüßte, was ich thun soll,« flüsterte Renate ratlos.

Indessen, die schnellgewonnene Freundin tröstete sie auf Morgen. »Das Morgen ist nicht so übel wies die Leute machen. Und gar in der Nacht. In der Nacht kann ich nichts beschließen. Morgen werden wir Stieve alles erzählen. Wenn es Andere betrifft, weiß er immer was zu raten.« Unter solchen Reden half sie Renate beim Entkleiden und verfuhr mit ihr wie mit einer Puppe. Alles fand sie entzückend, jedes Kleidungsstück erweckte ihre Begeisterung. Renate hatte nichts zur Nachttoilette bei sich und schämte sich dessen. Aber sie schämte sich auch sonst vor Anna Xylander, was deren lauten Jubel hervorrief. Als Renate das dunkle Haar auflöste, um es durchzukämmen, fielen die Strähnen auf ihre bloße Schulter und Anna stand vor ihr, schlug die Hände zusammen und meinte, sie habe noch niemals eine so weiße Haut gesehen, so glatt, und anzufühlen wie Sammet. Errötend wandte sich Renate ab, und um etwas zu sagen, bemerkte sie, daß es hier gut röche, nach gebratenen Aepfeln. Anna brachte den Apfel herbei, der schon ganz schwarz war. Renate schälte die verkohlte Rinde ab und biß hungrig in die dampfende Frucht. Aber sie schlug es aus, mehr zu essen als den Apfel. Wie sie da saß, das blasse und ein wenig verhärmte Gesicht im Rahmen der Haare, mit einem halb verstohlenen, halb furchtsamen Lächeln, die eine Hand auf die Brust gepreßt, konnte Anna keinen Blick von ihr wenden. Das Bild blieb ihrem Gedächtnis unverlöschlich eingegraben; unverlöschlich die schmale, reine Stirn, die großen, dunklen, fragenden Augen, der schlanke Hals, die schneeweiße Büste und die magere gelbliche Hand auf dem Spitzenhemd. Langsam trat sie heran, legte ihre Arme um Renate; ihre herben Züge wurden weich und mit einem dumpfen Seufzer küßte sie die junge Freundin auf die Augen und den Mund und flüsterte befangen: »Du bist schön.«

Renate fühlte eine nicht zu bezwingende Bangigkeit, konnte nicht reden, auch später nicht, als sie im Bette lag, Anna schweigend, regungslos, mit gefalteten Händen neben ihr. Sie sah den Mond, der schon rot zu werden anfing und nicht mehr auf den Kuppeln, sondern auf dem Rand der Häuserdächer stand. Die Nacht war still, windlos und von weichen Frühlingslüften erfüllt.

Es war unmöglich für Renate, zu schlafen. Es war, als stände ein Frager an ihrem Bett, der all ihre eigenen Sorgen in einer Frage widerklingen ließ.

3.

Stieves Erstaunen ging so weit, daß sein Gesicht das menschliche Ansehen verlor und dafür etwa den Ausdruck eines erschreckten Papageis annahm. An stillen Huldigungen für Renate ließ er es nicht fehlen, denn für ihn trug sie noch immer den Glanz jener großen Welt, die ihm unerreichbar schien, und die er zu verachten glaubte, so lange sie nicht den Kreis seines Lebens berührte. Wäre er reich gewesen, so hätte ihm seine eigentümliche und geräuschlose Vornehmheit, sein ruhiger Takt den Ruf eines Kavaliers gesichert. Arm jedoch, waren diese Eigenschaften nichts. Für Renates Lage fehlte ihm das Verständnis. Er betrachtete ihr Thun wie einen harmlosen Ausflug in plebejisches Land, und seine Ratschläge hatten demnach etwas Gutmütig-Ironisches, als trüge er auf seine Weise zu dem Gelingen eines Spiels bei.

Das fühlte Renate; fühlte, daß von allen Dingen dies am schlimmsten war. Dazu kam ihre Beobachtung, wie unglücklich Anna Xylander war, wie oft ein unbezähmbarer Haß gegen Stieve sie erfüllte, am meisten dann, wenn sie ihr zärtlich beschützendes Wesen gegen ihn annahm. Ihre Geberden und Blicke waren von einer deutlichen Beredsamkeit: er hat mein Leben zertrümmert, ruht behaglich auf den Fetzen meiner Hoffnungen. Ein quälender Neid gegen Jeden, der mit voller Tasche ging, war in ihr, und doch konnte sie den Erinnerungen Renates aus dem Elternhaus mit atemlosen Entzücken lauschen.

Zwei Tage war Renate bei Anna, da erschien Wanderer, den Stieve nicht im Ungewissen lassen wollte. Seine Befürchtungen, durch Sehnsucht und Reue entflammt, hatten etwas von Wahnsinn angenommen. Er stürzte erregt und zitternd ins Zimmer ehe Anna, die ihm geöffnet, es verhindern konnte, fiel vor Renate in die Kniee und erhob stumm flehend die Hände. Auch Angelus kam. Und wer freute sich mehr als Angelus! Er schoß von einem Eck ins andre, warf Stühle um, zerbrach eine Tasse und den Blumentopf und schien nicht übel Lust zu haben, vor Vergnügen die Wände hinaufzuklettern.

Anna, zartfühlend wie sie sein konnte, hatte sich angekleidet und war verschwunden. »Steh doch auf,« sagte Renate gütig zu Anselm.

Er that es in einer Weise, die zeigen sollte, daß er nichts anderes wünsche, als ihr zu gehorchen. »Ich habe nicht geschlafen, nicht gegessen, nicht gelebt,« sagte er dumpf.

Renate seufzte, blickte fort von ihm, da er nicht nur sich selbst, sondern auch sie demütigte. »Zurück kann ich nicht,« antwortete sie mit starrem Blick und wiederholte: »kann ich nicht.« Und als er sich vor ihr in den Staub legte, mit beschwörenden Worten ihr Innerstes zu rühren versuchte, als sein Gesicht nach und nach so bleich wurde, daß die Züge alles Leben verloren, als er ihr sagte, was auf dem Spiet stehe (»o Renate, du verbietest mir damit, weiter zu leben«), erhob sie sich und sagte: »Du hast Dich ja der Verachtung der Leute preisgegeben.« Ja, sie sagte ›preisgegeben‹ und hatte sich geradezu bemüht um solch ein Buchwort. Ein sonderbarer Zorn erwachte in ihr, daß er sie an jenem Abend hatte gehen lassen, statt sie mit Stricken an den Pfosten der Thüre zu fesseln. Freilich, was er auch hätte thun mögen, der Liebe konnten dadurch keine Flammen mehr geschürt werden.

Als Renate das von der Verachtung der Leute gesagt hatte, fand Anselm keine Worte mehr. Er schloß die Augen, legte den Kopf ein wenig in den Nacken, als wäre soeben eine drückende Bürde von seinen Schultern gefallen. Seltsam genug, jetzt, weil sie es wußte, linderte sich die brennende, fressende Glut seiner Liebe. Jetzt brauchte er nicht mehr sein Gefühl zu überhitzen, um sich selbst zu täuschen in dem Gedanken ihrer Unschuld an seinem Fall; um Renate zu täuschen über seine schwere Verzweiflung. Da sie es wußte, brauchte er nicht mehr hündische Kniffe, um eine Selbstachtung zu heucheln, die er immer mehr entschwinden sah, und er konnte männlicher tragen, was ihm zugefallen. Nie hätte er selbst es ihr gestehen können, aber sein Wunsch, daß sie es wissen möge, hatte oft eine fieberhafte Gewalt erreicht. Vielleicht glaubte er, ihr gerechter Sinn würde dann ein Teilchen Schuld übernehmen und würde eine neue Brücke über den Abgrund bauen, der zwischen ihnen entstanden war.

Aus Mitleid und feinem Takt sprach Renate von gleichgiltigen Dingen, bat ihn, daß er ihre Kisten und Koffer hierher in Anna Xylanders Wohnung schicken möge, fragte scherzhaft nach dem Befinden des Ehepaars Corvinus, und Anselm fand sich mit Fassung in diese gar zu blassen Gesprächsstoffe. Er erhob sich schließlich, wie um durch eine Abschiedsbewegung ein letztes Wort der Entscheidung herbeizuführen und sagte: »Den Hund, Renate, bitte ich Dich zu behalten. Er hängt so sehr an Dir, und wenn Du ihn hast, ist es, als wäre ein Stück von mir immer bei Dir.«

»Das ist auch so der Fall,« versetzte Renate, halb mit Bitterkeit und halb bewegt. »Und jetzt will ich Dir was sagen, Anselm. Führe Dein Leben von nun an wieder allein. Und wenn es so geworden ist, wie Du's willst, durch Deine eigene Kraft, dann wirst Du mich ja zu finden wissen. Jetzt müssen mir die Zeit vergehen lassen.«

Wie sehr fühlte Renate, daß sie unaufrichtig war, daß sie ihn so nicht wiederfinden würde, finden wollte, daß die gegenwärtige Stunde die letzte war, in der sie das vertraute Du getauscht. Anselm aber nickte zustimmend. Sein Wesen war ernster, gelassener, fester und beinahe voll Zukunftsglauben.

Eine solche Macht haben Worte.

Bevor er ging, trat er nahe und suchend an Renate heran. Sie ergriff seinen Kopf bei den Schläfen und küßte ihn flüchtig auf die Lippen. Ein letzter Blick, und er verließ das Zimmer. Renate blickte noch lange auf die wiedergeschlossene Thür, als sei nun ein Schleier über ein bedeutungsvolles Stück ihres Lebens gefallen, und als ruhe diese Liebe mit all ihren Enttäuschungen schon im Schoß einer Vergangenheit, die ferner lag, als es der Augenblick wollte. Es war auch, als empfinde sie die abenteuerlichen Verstrickungen voraus, die von nun ab ihr Leben ausmachen sollten.

Angelus lag still vor ihr, den aufmerksamen und menschlichen Blick unablässig auf ihr Gesicht gerichtet. Draußen flutete eine goldene Sonne, die das erwachende Blütenjahr verkündete. So lange, bis Anna kam, konnte Renate nicht dasitzen und die Zeit vergrübeln. Sie nahm eine Stickerei zur Hand in dem Willen, schon jetzt die Seit der »Arbeit« zu beginnen, von der sie geträumt. Aber es machte ihr wenig Freude. Erstens war es häßlich, daß die Hände farbig wurden von der Wolle. Dann war das »guten Appetit, mein Herr«, das sie in den Stoff sticken sollte, doch gar zu läppisch. So setzte sie sich zuerst an das Fenster, sah den Leuten zu, die wie Marionetten straßauf, straßunter eilten oder trippelten und vertrieb die übrige Zeit mit tändelndem Klavierspiel. Aber allein zu sein in diesem etwas betrüblichen und armseligen Raum, das machte sie traurig.

4.

Das kärgliche Leben, welches Anna Xylander führte, schreckte Renate wenig, denn für den Magen hatte sie keine Wünsche. Wohl aber waren es die wunderlich zerrütteten Verhältnisse, die ihre Seele verfinsterten. Wenn Anna aus Stieves Wohnung kam, war sie meist in einem Zustand barster Hoffnungslosigkeit und bitterer Ernüchterung. Dann sollte Renate erzählen, vom Leben da droben in den Sphären, wo die Atlas- und Seidenmusik rauschte und Gold in unvertilgbarer Menge auf die Dielen hüpfte. Das Auf und Ab in Annas Laune war oft erschreckend von zerfließender Schwermut zum brutalen Gelächter cynischer Späße war bei ihr kein Uebergang. Stieve kam seltener. Ihn verstimmte es, daß der Anblick von Renates schlichter Vornehmheit und einfacher Eleganz so drückend und zugleich aufrührerisch auf Anna wirkte. Ihr ganzes Verhalten gegen ihn war eine Anklage: so hätte ich auch sein können, wenn Du nicht gekommen wärst, die Blumen meines Gartens zu zertreten. Doch so sonderbar es klingt, wirkte auf Anna die Vorstellung, daß Stieve überhaupt imstande gewesen war, etwas zu vernichten wenn es auch ihr eigenes Leben war, imponierend und versöhnte sie fast mit seiner apathischen Sanftmut.

Es wurde die Frage erwogen, ob Renate nicht ein Zimmer mieten solle. Sie selbst hatte es vorgeschlagen, denn sie fürchtete, lästig zu fallen und die beiden Leute zu stören, sowohl in ihren Kämpfen, als auch in den ruhigen Stunden. Anna aber protestierte lebhaft. Vielleicht mochte sie die Geldsumme nicht missen, die Renate mitgebracht, und von der sie den Unterhalt ihres Gastes bestritt, vielleicht aber hatte sie nur Freundschaft dazu veranlaßt und jene seltsam überhitzte Liebe, die sie für das junge Mädchen empfand. Denn Renate allein, hinausgestoßen in die Zufälle der Gasse, das war nicht gut auszudenken. Renate sehnte sich nach Einsamkeit und auch wieder nicht. Ja, dahinaus, hinauf in die Berge hätte sie mögen, und was sie sah und dachte, beflügelte solche Wünsche.

Auch mit ihrem Vorsatz, zu arbeiten, quälte sie sich. Die besinnungslose Fieberhast einer ganzen Stadt verstörte ihre Gedanken. In allen Gegenden des Himmels stieg der Schweiß der Arbeitsamen, Arbeitvollen empor wie Dunst aus einem Meer. Jedes Hirn zermühte sich in tausendfältigen Qualen, die doch nur ein einziges Ziel hatten, jede Stirn war umfangen von dem einen, ehernen Gedanken, und zahllose erschöpfte Hände streckten sich aus nach Mehr. Nur sie allein müßig! Aber was hatte sie gelernt? Ein altersgraues Vorurteil hatte sie daran gehindert, ihre Sinne zu sammeln für eine Thätigkeit, ihre Gedanken zu gewöhnen an ein übersichtliches Maß von Geschäften, ihre Hände zu üben in Stetigkeit und Ausdauer, ihren Ehrgeiz zu entflammen für ein gemeines Vollbringen. Was sollte sie also thun? Denn freiwillig noch tiefer herabsteigen von der Stufe, auf welche sie herabgeglitten war, das hätte sie völlig zerstört in diesen Tagen. Mußte also ein Weib das Edelste ohne Zögern feilbieten, wenn sie sich im grauenhaften Kampf der Existenzen behaupten will? Mußte sie irgend einem bebarteten Hohlkopf den ermatteten Arm reichen, nur weil er ein Mann war, damit sie sich retten könne in ein mehr oder weniger reinliches, gebrechliches Boot?

In der Not ihres Sinnens verfiel sie auf ihre Malerei und gab eine Anfrage in die Zeitung. Sie erhielt das Angebot einer großen Wiener Fächerfabrik. Dort wollte man »moderne« Blumen-Ornamente in persönlicher Weise auf Fächer gemalt haben, da, wie der Brief sich ausdrückte, die Industrie unter dem Schlendrian maschineller Köpfe zu Grunde zu gehn drohe. Renate ließ sich die Stoffe senden und malte nun zum Erstaunen Stieves und Anna Xylanders lustig drauf los. Sie hatte Einfälle, gewöhnte sich an das Material, fand Freude an der stillen und poetischen Arbeit. Jetzt war sie auch unter denen, die mit umfangenen Stirnen am Werk waren. Aber leer blieb ihr Herz, und täglich empfand sie das schmerzlicher. Die Fabrik zahlte schlecht, aber Renate fand sich königlich belohnt. Denn wer nicht mit der Seele schafft, findet, sofern er ehrlich ist, jeden Entgelt für seine Arbeit unverdient.

»Das ist doch ziemlich überspannt,« meinte Anna eines trüben Tages zu Renate, die eine Lilien. Arabeske auf schwarzen Crepe de Chine malte. Die Blumen sahen aus wie gespenstisch lang gestreckte, gebogene Leiber.

»Ach, man schwärmt jetzt so für das Ueberspannte,« erwiderte Renate resigniert. »Die Leute finden es schön. Ich übrigens auch. Sehn Sie Anna, die Lilien sind lauter Frauen, und das Schwarze, der schwarze Stoff ...na, sagen wir, der ist das Leben. Da oben mal ich noch was goldnes her, vielleicht einen Halbmond. Und die Lilien können nie da hinaufreichen, weil ich es nicht will. Ich bin der Lilienherrgott.« Renate lächelte.

Anna schüttelte den Kopf und lachte cynisch. »Nein! Gedanken haben Sie wie eine kranke Laus,« platzte sie los. Renate erblaßte und legte den Pinsel weg. »Ja, Anna,« entgegnete sie mit gesenktem Blick. »Krank mögen meine Gedanken schon sein. Da haben Sie recht. Aber ich frage mich nur immer, ob ich im Unrecht bin und wohin das alles führen soll.«

Anna bereute herzlich ihre Worte und streichelte Renates Haar. Aber mit dem Malen war es für heute vorbei. Ueberdies sollte Besuch kommen: Gisa Schumann und Katharina Herz. Gisa war noch immer bei Frau Söderborg, und in acht Tagen sollte sie Hochzeit mit Xylander feiern. Sie hatte an Anna geschrieben: ich muß kommen, denn sonst weiß ich nicht, was geschieht.

"Ist das wirklich wahr mit Wanderer?« fragte Renate, am Fenster stehend und in den düstern Himmel starrend.

»Ja, es muß schon wahr sein.«

»Es thut mir leid,« flüsterte Renate nachdenklich, doch ohne tiefere Teilnahme. Sie fand derlei jetzt selbstverständlich, jedenfalls aber der Trauer unwert. Wanderer hatte ein Verhältnis mit einer dunklen Dame, wohnte in einer Art Keller, ging umher wie ein Landstreicher, lebte wie ein Mensch ohne Gehirn, trunken, haltlos, besinnungslos. Sein Untergang schien unvermeidlich.

»Denken Sie nur, Anna,« sagte Renate gleich darauf, »ich habe einen komischen Traum gehabt wegen Gisa.«

»So? Das ist ja furchtbar, Sie Arme. Selbst im Schlaf lassen sie ihr keine Ruh«, spottete Anna gutmütig. Sie liebte es, von Anwesenden in der dritten Person zu sprechen.

»Was ist eigentlich mit der Frau Söderborg?« fragte Renate. "Ich höre so oft den Namen, und Jeder macht ein so merkwürdiges Gesicht dazu.«

»Sie ist die beste Freundin der kleinen Uibeleisen«, gab Anna ausweichend zur Antwort.

»Und sonst nichts?«

Anna Xylander lachte. »Das ist eine komische Geschichte, wissen Sie. Die Söderborg kam aus Rußland angeschneit, und Keiner weiß, warum sie hier in der Stadt blieb. Sie hat ein Kind, ein Mädchen von drei Jahren, und von einem Mann ist nie die Rede. Sie wissen ja, daß sie draußen wohnt bei Süssenguths Cousinen, so lange die in der Schweiz bleiben. Sie waren ja auch einmal draußen.«

»Nun, und weiter?«

»Weiter? Ja ...die Person führt halt ein unglaubliches Leben. Das Haus ist ihr überlassen, liegt am Ende der Welt, wo die Katzen einander gute Nacht wünschen. Es ist schauderhaft, was sie da treiben soll.«

»So? Was denn?« fragte Renate naiv. Aber die Glocke klimperte, und Angelus bellte laut.

5.

Die allersonderbarsten Dinge kamen zum Gespräch, die von Renate nur von weitem verstanden und mit beklemmendem Ahnen gehört wurden. Außer Katharina Herz und Gisa war auch Hedwig Uibeleisen gekommen. Frau Herz war Malerin, stand einer Malschule für Damen vor, und Gisa war früher sozusagen das Hausmodell gewesen. Frau Herz hatte sich des jungen Mädchens mit der Leidenschaftlichkeit eines Menschen angenommen, dessen Leben gleichfalls in Verlassenheit hinfließt. Ihr Gatte, der Litterat, führte ein Dasein auf eigene Tasche und eigene Faust, doch die Tasche war leer, und die Faust glich im Lauf der Zeit einer ausgestreckten Hand. Sie malte und hatte mit ihren Bildchen einen gewissen Kurswert erreicht. Es war stets dasselbe: eine junge Frau am geöffneten Kammerfenster, draußen die halbe Dämmerung. Zu Füßen der Gestalt spielten ein Kind und eine Katze. Bisweilen waren Zinnsoldaten dabei, bisweilen eine Spielwaren-Madam oder ein hölzerner Schornsteinfeger. Manchmal kniete die Mutter auf dem Boden und ordnete die Schlachten-Aufstellung, aber sie lächelte nicht, sondern blickte starr und angstvoll aus dem Zwielicht. Frau Herz war eine zimperliche Dame; ihre Rede ging auf den Zehen. Sie war meist höflicher, als notwendig schien und wunderte sich im Stillen über alles, was geschah. Sie war etwa vierzig Jahre alt, hatte aber das Gesicht eines kleinen Mädchens.

Während Hedwig Uibeleisen erzählte, schwieg Frau Herz, und in ihrem Schweigen war die Fülle ihrer Entrüstung. Auch Gisa redete nichts. Ihre Augen blickten unstät; sie atmete so hastig, daß sie ein paar Mal mit der Hand an den Hals griff. Oft schauerte sie zusammen; senkte den Kopf, um die zuckenden Lippen zu verbergen. Offenbar hatte sie kein rechtes Verständnis mehr für ihre Leiden, obwohl in ihrem Wesen eine Art traumhaften Grauens lag.

Gisa hatte fliehen wollen, war über die Felder bis zur Sternwarte gelaufen. Der Observator fand sie am Morgen ohnmächtig am Zaun liegen. Die Milchfrau lief zu Frau Söderborg, die noch schlief, die meist den ganzen Tag verschlief. Man brachte Gisa hinüber, und bis zum Abend lag sie bewußtlos.

Der Apotheker kam, später der Doktor. Vorgegangen war Folgendes.

Frau Söderborg hatte Herrengesellschaft geladen: einen Techniker, einen Schauspieler, einen Artisten und den Grafen Reiffenstuel. Gisa war ahnungslos dabei gesessen, beobachtete furchtsam, wie der Genuß des Weins die seltsamen Fünf entflammte. Frau Söderborg verschwand, kam wieder im Gewand der Nymphen, eilte auf Gisa zu, sie in die Arme zu schließen. Das entsetzte Mädchen floh in ihre Kammer, schloß sich ein, saß stundenlang zitternd auf dem Bettrand, verbrachte so die Nacht.

Die Kette von Leiden und Demütigungen, die Frau Söderborg um Gisa legte, war um so unzerbrechlicher, als jenes Weib mit dämonischer Erfindergabe jede Erniedrigung und Beleidigung durch einen scheinbar aufopferungsvollen Beweis von Freundschaft vergessen zu machen verstand. Sie haßte Gisa, und wunderliche Hindernisse entstanden für Gisa, dem zu entweichen. Sie liebte den Grafen Reiffenstuel mit aller Glut der Unbeachteten und Verstoßenen. Kaum wußten ihre Sinne davon. Zum ersten Mal wurde ihr ganzes Wesen in seiner Tiefe erschüttert. In ihrer Leidenschaft lag etwas von der hinreißenden, plötzlichen und vernichtenden Gewalt eines Natur-Ereignisses. Frau Söderborg wußte es. Aber Gisa, ihr zuerst bequem, wurde ihr unentbehrlich, da sie ihrer kleinen Tochter Gabriele in wenigen Wochen zur wahren Mutter geworden war. Daher konnte sie unbekümmert ihren Freiheitsgelüsten huldigen, und sie durfte andrerseits einem Geschöpf ihre Ueberlegenheit fühlen lassen, von dem sie sich verachtet wußte.

Gisa hatte sich des Kindes förmlich erbarmt, war ihm mehr als die unvollkommenen Träume von Zärtlichkeit, die sein junges Leben schon zu verdüstern begannen. Einer abenteuerlichen Verbindung entsprossen, das Bewußtsein schmerzlicher Verlassenheit in den Zügen tragend, fröstelnd vor jedem unbedachten Wort, an jedes liebreiche sich klammernd, beständig sich duckend wie eine Blume am Weg in der Angst, zertreten zu werden, war das Schöne und eigentümlich kluge Kind dem willigen und verlangenden Erdreich ähnlich, in dem die ungestüm überfließenden Gefühle Gisas zur Blüte kamen.

Der Graf nahm plötzlich an Gisa eine Art Lebemanns-Interesse. Er kam täglich und brachte Geschenke für Gisa. Frau Söderborg wurde von wilder Eifersucht gepeinigt. Sie suchte Xylander argwöhnisch zu machen, aber der gutmütige und schwache Mensch vertraute Gisa völlig, deren Versprechen er besaß. Frau Söderborg, in ihren Vermögensverhältnissen am Rande des Abgrunds, konnte den Grasen nicht entbehren, und an jenem Montag, wo Gisa geflohen war, benutzte sie die gleichzeitige Anwesenheit Gisas und Reiffenstuels zu einer teuflischen, niedrigen Verleumdung. Gisa verstand erst nicht, was sie dem Grafen gesagt, dann aber verließ sie das Zimmer, das Haus, wandte sich laufend, sinnlos vor Scham, gegen die Felder ...

Niemand hätte von alledem erfahren, wenn nicht eine Dienstmagd von draußen, die um Gisas Beziehungen zu Frau Herz wußte, in deren Atelier gelaufen wäre. Die ratlose und ängstliche Malerin eilte zu Uibeleisens. Richard Uibeleisen war ein Freund der Frau Söderborg, und deshalb war Frau Hedwig bis jetzt gezwungen gewesen, ein Weib Freundin zu nennen, gegen das sie einen wahren Maulwurfshaß hegte. Beide Frauen fuhren in einer Droschke zu Frau Söderborg, fanden sie nicht zu Hause und nahmen Gisa, die noch wie betäubt war, mit sich. Zwei Nächte hatte Gisa bei Uibeleisens verbracht. Doch die Wohnung erwies sich als zu klein, in keinem Eckchen der zwei Zimmer war Platz und, was bizarr wirkte, Frau Hedwig wurde nun ihrerseits eifersüchtig. Die dritte Nacht verbrachte Gisa bei Frau Herz, aber der Litterat kam nach Hause und wollte aus seiner Trunkenheit Nutzen schlagen. Gisa hatte kein Geld, wußte nicht, wohin, ließ sich führen, sagte, sie wolle jenes verruchte Haus am Rande der Stadt nie wieder betreten und fühlte, daß eine magische Gewalt sie hinzog. Man kam zu Anna Xylander: ob Gisa die acht Tage bis zur Hochzeit hier verbringen könne.

In dem larmoyanten, halb verzweifelten, halb schüchternen Ton der Frau Hedwig vorgetragen, hatten diese ohnehin romanhaften Ereignisse und Verknüpfungen etwas durchaus Fabelhaftes und Fantastisches, umsomehr, als die Erzählerin nicht aus noch ein wußte mit ihrem Stoff. Kein Motiv irgend einer Handlung war deutbar und vernünftig; die Person der Söderborg wuchs ins Verzerrte, Unglaubhafte, und Gisa selbst glich einer Wahnsinnigen, deren Thun sich jeder Kontrole entzog. Dazu fing Hedwig Uibeleisen an zu schluchzen, Katharina Herz folgte ihrem Beispiel, unentschieden, ob aus Teilnahme oder Ratlosigkeit. Anna Xylander, eindrucksfähig und leicht sentimental, begann ebenfalls zu heulen, stand auf und umarmte Gisa, die still vor sich hinweinte, während Angelus, der sich unbehaglich fühlte in dem Gemisch wunderlicher Geräusche, leise zu bellen sich entschloß. Renate fand zu der grotesken Versammlung keinerlei Beziehungen, starrte bald die eine, bald die andre an, biß sich auf die Lippen und hatte das Gefühl, als wohne sie der Szene eines Schauspiels bei, von der ihr das Vorher und Nachher unbekannt blieb.

Endlich sagte Anna Xylander: »Ihr habt Recht, man kann das Mädchen nicht sich selber überlassen. Bei der Söderborg kann man sie auch nicht lassen; die Person ist dem Teufel zu schlecht. Ja ...und bei mir, das geht halt schwer. Ich schlafe mit Renate. Doch für die paar Tage macht es mir nichts aus, auf dem Sofa zu liegen, wenn Renate mit Gisa zusammenschlafen will.«

Alle sahen auf Renate, die sich verfärbte und nervös an ihren Lippen nagte. So sympathisch, ihr nach einer gewissen Seite Gisa war, – in Atemnähe Nacht um Nacht mit ihr zu schlafen, die, wenn auch unverschuldet, so viel vom ekelsten Schmutz des Lebens mit ins Lager brachte, das erregte so sehr ihren Abscheu und Widerwillen, daß sie schroff aufstand und »Nein, das mag ich nicht« sagte. Mit einer Betonung, die ihre Empfindungen unverhüllt zu erkennen gab.

Eine ganze Weile herrschte Schweigen. Die Ablehnung wirkte gleichartig auf alle vier. Angelus, als spüre er Gefahr für seine Herrin, richtete sich empor, reckte sich, stellte sich ostentativ neben Renate. Schon bereute sie, was sie gethan, nicht die Weigerung sondern nur die Worte, die sie dafür gewählt. Nicht hochmütig hatte sie scheinen wollen, sondern nur in Notwehr handelnd gegen ein unerklärliches, bedrückendes Phantom, das langsam heranrückte mit Fittigen, die von den Seufzern tausender verlorener Frauen geschwellt waren. Sie überhörte eine ebenso salbungsvolle als strafende Bemerkung, zu der Katharina Herz sich verpflichtet glaubte und sagte gütig einlenkend: »So mein ichs nicht. Ich will auf dem Sofa schlafen, Anna wird es gern erlauben, sie ist ja auch müder wie ich und braucht das Bett.« Doch Anna Xylander lächelte finster; sie war plötzlich voll Haß gegen das verwöhnte Schoßkind des Glücks, das Renate in ihren Augen immer noch war. Sie fühlte sich eins mit Gisa Schumann, – gleich ihr das gehetzte, atemlose Wild.

Gisa verließ ihren Platz, neigte, wie sie zu thun pflegte, ihren Kopf gegen die Schulter und blickte madonnenhaft vor sich hin.

»Ich danke,« sagte sie. "Ich danke schön. Ich gehe wieder hinaus zu – zu Gabriele. Die wenigen Tage gehn schon vorbei. Soll geschehen, was will.« Aufrichtig war das. In solch elegischem Fatalismus war sie ganz Jüdin. Aber ihre Fantasie malte zugleich anziehender, unwiderstehlicher als je das Bild des jungen Husaren-Offiziers, und sie war gewillt, zu leiden, betrachtete sich als verurteilt, zu leiden, ahnte vielleicht dumpf, was kommen mußte, jetzt, wo sie alle Macht über ihre Sinne so sehr verlor, daß sie sogar Renate zu hassen vergaß, von der sie tief beleidigt war.

»Das sagt man so: soll geschehen, was will,« antwortete Frau Hedwig giftig, und doch auch mütterlich besorgt. »Aber ich bin nicht schuld, wenn ein Unglück daraus entsteht. Andre sinds, Andre, die sich rein fühlen und nicht wissen, was vor ihrer Thüre steht. Genug.«

"Ich werde jeden Tag kommen und Sie besuchen,« sagte Anna Xylander, Gisas Hand tätschelnd.

Renate wurde es schwindlig. Ihr war, als sei sie von Feinden eingeschlossen und könne sich nicht rühren. Angstvoll wandte sie sich an Gisa:

»Bleiben Sie!« Doch jene schüttelte zerstreut den Kopf.

Nach dem geräuschvollen Aufbruch der drei Damen kam Anna Xylander vom Flur zurück und warf anscheinend achtlos die Worte hin: »Was die Weiber doch geschwätzig sind. Da will die Hedwig Uibeleisen wissen, daß Wanderer überall so sehr bedauert wird. Die Baronin Terke habe neulich in einer Gesellschaft Stein und Bein geschworen, daß Sie eigentlich an seinem Ruin schuld sind.«

»So?« fragte Renate frostig, während das Schwindelgefühl von vorhin wiederkehrte.

»Nein, diese Weiber,« klagte Anna Xylander und schlug die Hände zusammen. Während der ganzen Zeit sah sie Renate gar nicht an, vermied es sogar nach der Richtung zu blicken, wo Renate stand. »Aber Anna,« flüsterte Renate, »Sie wissen doch, wie es zugegangen ist.«

»Ja schon, natürlich, regen Sie sich nur nicht auf deshalb.«

Renate machte sich langsam zum Ausgehen fertig, und wie ihre Natur in schmerzlichen Lagen überhaupt zu stürmischen Entschlüssen neigte, hatte sie den seltsamen Vorsatz gefaßt, noch in derselben Stunde die Baronin Terke aufzusuchen, um sie zur Rede zu stellen. Ohne an anderes zu denken, als an die große Unbill, die ihr widerfahren war, eilte sie durch die Straßen, beachtete nicht den strahlenden Sonnenschein, der plötzlich alle Wolkentrübnis verscheucht hatte, fühlte nicht die würzige Luft des Frühlings, der hereinbrach an allen Ecken des Landes.

Auf der Stiege des gräflichen Hauses begegnete ihr die fantastisch gepuderte und geschminkte Baronin, die ihren Hund in das Grün des Gartens hinabtragen wollte. Renate war froh, jetzt konnte man sich nicht mehr verleugnen lassen. Die Baronin blieb so verdutzt stehen, daß ihre überroten Lippen den Dienst der Worte versagten. Mit den kleinen Aeuglein blickte sie flehend zu Renate empor, die entflammt, in Rechenschaft fordernder Haltung vor ihr stand. Kleinlaut, mit sorgenvoll gefurchter Stirn und mitleiderregendem, seufzendem Stimmchen bat sie endlich Renate, einzutreten.

6.

»Das ist aber nett, daß Sie kommen,« keuchte die kleine Baronin in grimassenhafter und verlegener Freundlichkeit. »Geh, Tigerchen, geh, setz' dich nieder, – nicht auf den kalten Boden, – so. Was der Hund alles treibt! Also wie geht es Ihnen, Fräulein Fuchs? Meine Schwägerin ist leider nicht da. Adele ist verlobt, das werden Sie wissen. Komm, Tigerchen, komm.«

Aber Tigerchen kam nicht, sondern ließ sich winselnd in der Ofenecke nieder und verfiel in eine Art Starrkrampf, der ihm sein verfehltes Dasein weitaus erträglicher machte. Indessen brachte Renate in mühseligen, doch durchaus nicht mutlosen Worten hervor, was sie hergeführt. Die Baronin rückte unruhig auf ihrem Sessel herum, fletschte die Lippen ein wenig, um sie zu befeuchten, dann platzte sie mit einem Ausruf der Entrüstung heraus. »Ich habe nichts gesagt, niemals. Ich habe nur gesagt, daß ich Sie bedaure, und das ist doch nichts Unrechtes. Und das thu ich auch heute noch, Fräulein Renate, trotzdem Sie mir sagen können, ich hätte keinen Grund. Na, dann will ich Sie nicht ansehen dabei und sagen, daß Sie Recht haben. Ich denke, Sie wissen jetzt, wie die Welt läuft; und so etwas beunruhigt Sie noch? Wir leben ja in der Luft der Verleumdung, unsre Wände sind durchsichtig, und wenn ich meinen Hund in den Hof trage, machen sich die Leute im englischen Garten schon darüber lustig. Daran muß man sich gewöhnen. In unsrer Welt bleibt nichts rein, am wenigsten der reine Wille. Ich für meinen Teil hätte gewollt, daß Sie wegen etwas Andrem gekommen wären. Daß Sie das gethan haben, zeigt, daß Sie schlecht beraten oder ganz ratlos sind. Ich denke gut von Ihnen, wenn auch die Gräfin bei solchen Sachen das Moralvisier, Reichspatent, herunterläßt. Ach, ich könnte Ihnen erzählen, erzählen bis in die Nacht. Komm mein Tigerchen, komm.«

"Ich will Sie nicht länger stören«, sagte Renate mit leerem Blick. »Man hat mich getäuscht, ich bitte Sie um Verzeihung. Aber Sie irren, wenn Sie glauben, daß ich unglücklich bin.«

»Na, das freut mich. Aber wie gesagt, ich schaue Sie nicht an, dabei. Schade, daß wir nicht mehr so plauschen können wie früher. Das waren noch Zeiten. Sie gefallen mir gar nicht, gar nicht, Renate. Es giebt wenig Mädchen wie Sie. Die Verachtung sozialer Höhen, ja, das begreif ich. Obwohl es eigentlich ein jüdischer Zug ist. Und daß man nicht jeden Gimpel mit Eichenlaub heiraten will, begreif ich auch. Aber da drunten ists fürchterlich. Noch schlimmer, wenn die Verleumdung aufhört und die Vergessenheit anfängt. Ich begreife ja, was Sie gewollt haben. Ein berühmter Mann hat mir einmal gesagt: heutzutage sind die jungen Mädchen dazu verurteilt, den Widersinn aller sozialen Vorurteile durch ihr Schicksal zu beweisen. Na, wie mans nimmt. Sehn Sie, die Adele, meine Nichte, die ist für den Gimpel mit Eichenlaub. Heiratet ihn sogar. Was mich nicht brennt, blas' ich nicht. Freilich, Sie hat es gebrannt. Sie haben einen Schlüssel gefunden und glaubten, er sei golden und öffne goldne Thüren. Es ist nichts damit. Wer ein Haus hat, Renate, schließt es zu in der Nacht, und wer draußen ist, gilt als Landstreicher. Da helfen goldne Schlüssel nichts. Immerhin, Kopf hoch und vergessen Sie Ihre alte Freundin nicht. Mir ist, als sollt ich Ihnen etwas sagen und komme nicht auf das Wort. Erinnern Sie sich an den Herbsttag, wo Sie bei uns waren und der bewußte junge Mann eintrat? Ein verdrehter Tag. Seitdem gehts auch mir schlechter. Kopfschmerzen, Brustschmerzen, Bauchschmerzen, ach ja. Mein Leben ist wie eine Uhr, die nur geht, wenn sie geschüttelt wird. Da hab ich gestern, das muß ich Ihnen noch erzählen, so ein Schwein in Pumphosen getroffen – hihi – die Elsa von Kapperitz, die kennen Sie doch? Hundertachtzig Jahre alt, Astronomin, Geographin, Radlerin und nachts in ihrem Bett macht sie Afrikareisen, – die hat mir also von Ihnen vorgeschwärmt. Sie seien ein ...ein was? ...ja, ein weiblicher Christus. Na ja, wenn ein Weib von den Männern stehen gelassen wurde, wird ihr Geist lasterhaft.«

So plauderte die kleine Baronin ihren kunterbunten Mischmasch herunter, sich beständig durch Seufzen und asthmatisches Aechzen unterbrechend. Hastig verabschiedete sich Renate, von einer Schwermut erfüllt, die jeden ihrer Schritte belastete. Fortgegangen war sie, um Rechenschaft zu fordern, zu erkämpfen, doch hatte sie ein Gefühl, als sei sie vor einen Leichnam hingetreten. Ihre Anklagen waren verstummt, denn was nützte es, sich zu rechtfertigen, wenn kein Ohr war, willig zu hören? Sie hatte die Sprache verlernt, in der man sich dort oben unterhielt, Prinzregentenstraße 2.

Eingelullt von überweichen, abendlichen Lüften ging Renate durch die Dämmerung. Um eine Ecke biegend, sah sie den Major von Stahleck in Civil und an seinem Arm Elwine Simon, tief verschleiert, elegant, blaß, zierlich. Renate blieb stehen wie versteinert, doch die beiden, die sich gegen die andre Seite der Straße wandten und sich lächelnd zuplauderten, sahen sie nicht.

In seltsam verträumter Bitterkeit setzte Renate ihren Weg fort. Das Bild unglaubwürdiger Schicksalsverkettungen bedrückte sie, und sie hörte lange noch, wie die kleinen Mädchen in einem Hof sangen: Eisenhaar, hast gesponnen sieben Jahr, sieben Jahr sind um und um ...

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