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Die Geschichte der jungen Renate Fuchs

Jakob Wassermann: Die Geschichte der jungen Renate Fuchs - Kapitel 10
Quellenangabe
pfad/wasserma/renate/renate.xml
typefiction
authorJakob Wassermann
titleDie Geschichte der jungen Renate Fuchs
publisherS. Fischer Verlag
year1901
firstpub1903
correctorreuters@abc.de
senderHolger Schmidt
created20120522
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Neuntes Kapitel

1.

Liebste Renate, die Erlebnisse der letzten Tage haben es wirklich vermocht, daß ich nicht einmal die Kraft fand, Dir zu schreiben. Auch jetzt thue ich es nur halb, denn was ich Dir sagen muß, ist das Schlimmste. Ich kam hier an, fuhr nach dem Rennweg in die Wohnung meines Bruders, traf die allergrößte Verwirrung, ratlose Gesichter, Gerichtsleute, den Arzt. Meine bösen Ahnungen sind bestätigt. Mein Bruder hatte sich in der Nacht erschossen. Wozu soll ich Dir den Eindruck schildern, den das auf mich machte. Ich kann es nicht. Ich weiß auch nicht, was jetzt werden soll. Wir sind arm. Renate, ich bin arm. Ich bin von heute an bettelarm. Mein Bruder hat sein und mein Vermögen in einem höchst zweifelhaften Unternehmen angelegt, und jetzt ist alles hin. Ich glaube nicht, daß ich nach den allgemeinen Abrechnungen mehr als tausend Gulden übrig haben werde. Das Haus in Wien, das Grundstück bei Goisern, die Villa am Bodensee, alles ist hin. Mein Bruder hatte sich noch tiefer verpflichtet, als mit barem Geld.

Was soll nun werden? Ich habe keine Verwandten und eigentlich auch keine Freunde, stehe völlig allein, vor bitterer Armut. Du weißt nicht, was das heißt, Renate. Auch ich wußte es nicht, aber die Zukunft wird mir nichts von dem ersparen, was viele Millionen schweigend dulden müssen. Aber Du! Du Renate! Mein Verstand steht mir still. Wirst Du so stark sein, kannst Du so stark sein, es zu ertragen, Vielgeliebte? Jetzt noch viel mehr als sonst Geliebte? Zitterst Du nicht vor Entbehrungen? Wirst Du nicht bedauern? Wirst Du so viel Vertrauen in Dir finden, um an meiner Seite auszuharren, bis ich mir ein neues, festes Haus gebaut habe? Solche Gedanken zermartern mich Tag und Nacht. Ich wäre stolz, Dir zu zeigen, was meine Arme für Dich vermögen, aber wirst Du so standhaft sein, mir zu helfen, dadurch, daß Du an mich glaubst?

Was jetzt geschehen muß, ist folgendes. Ich reise heute noch ab, und zwar nach München. Dort habe ich noch die meisten Aussichten, – einige Verbindungen, die mir meine chemischen Kenntnisse und Beschäftigungen gebracht haben. Auch Du sollst abreisen, und wenn Du Furcht hast, allein zu fahren, hole ich Dich. Schreibe sofort an meine Münchener Adresse. Ich kann es mir denken, mit welchen Gefühlen Du diese Stadt wieder betreten wirst, aber gieb Dich nicht dem Ausmalen des Verhaßten hin, Geliebte. Wir bleiben höchstens acht Tage, dann geh ich nach Berlin. Du wirst verborgen bleiben, Niemand wird ahnen, wo Du bist. Deine Eltern sind ja schon fortgezogen. Ich kann Dich nicht länger entbehren. Die wenigen Tage waren ein nagender Hunger nach Dir. Schreibe mir, was Du denkst, verheimliche mir nichts von Deinen leisesten Gedanken, und glaube mir, daß ich durch die weite Ferne jeden Schatten gewahren kann, der über Dein teures Gesicht huscht. Ich hätte nie geglaubt, daß eine Leidenschaft mein ganzes Wesen so unterwühlen könne. Dein Anselm.

Lieber Anselm, es hat gebrannt bei uns. Die Politur am Flügel ist teilweise kaput, die blaugestickte Decke und ein Vorhang sind verkohlt, sonst ist nichts geschehen. Sei nicht bös, aber ich war ungeschickt mit der Lampe. Lieber Anselm, ich begreife nicht, daß Du so viele Worte machst. Es ist ja selbstverständlich, daß ich thue, was Du verlangst. Ich fahre nach München, hier ist es ohnehin zu einsam. Hier könnte ich nicht bleiben. Man muß doch auch Menschen sehn. Vor den Leuten hier habe ich Furcht. Wenn wir nur wenige Tage in München bleiben, liegt ja nichts daran. Es liegt auch nichts daran, was die Leute reden. Ach, Anselm, sei doch nicht so zaghaft über Deine Armut. Du wirst schon Geld verdienen, mehr als wir brauchen. Du bist ja geschickt und klug. Es hat mich ergriffen, daß Dein Bruder sich das Leben genommen hat. So was in der Nähe ist immer schauerlich, bei Fremden hört man darüber hin. Ich glaube, ich würde nie dazu fähig sein. Ich habe das Leben viel zu lieb. Wie Dir zu Mut ist, kann ich mir denken. Ach, manchmal ist auch mir vor der Zukunft bang, aber nicht, weil wir jetzt arm sind. Ich kann es Dir nicht so ausdrücken, auf dem Papier schon gar nicht. Morgen reise ich noch nicht, weil ich Zeit haben muß, zu packen, und weil Freitag ist. Also Samstag mit dem Zwei-Uhr-Zug. Wenn wir nur schon beisammen wären. Ich hatte fast Angst, weil so lange kein Brief kam. Herzlich küßt Dich Deine Renate. Angelus nehme ich mit.

2.

Mit leichtem Herzen hatte Renate Abschied genommen von See und Wald, von der Villa und von Constanz, der Stadt. Als einzige Erinnerung lag Angelus zu ihren Füßen, blickte sie mit seinen braunen Augen forschend an und gab sich dann dem behaglichen Schlummer hin, der durch das eintönige Räderrollen begünstigt wurde. Doch wuchs in Renate von Stunde zu Stunde die Furcht vor der Stadt. Sie gestand sich, daß ihre Unbefangenheit und Wahrhaftigkeit bei den Erlebnissen der vergangenen Wochen sogleich zur Waffe gegen sie selbst geworden war. Sie begriff nicht, daß sie den Entschluß hatte fassen können, dorthin zu gehen, wo scheelsüchtige Augen jeden ihrer Schritte bewachen, jeden Winkel der Vergangenheit ausspähen würden. Und doch hatte ein edler Trotz und das Gefühl ihres Rechts sie gedrängt, jenen ins Gesicht zu sehen, die sie bisher als ihre Feinde im Dunkeln betrachten mußte. Sie glaubte, ein herzliches, ehrliches Wort müsse jede Feindschaft ersticken, heimliche und offene Feindseligkeiten vernichten. Sie sehnte sich darnach, durch persönliche Mühe jene Sympathien zurückzugewinnen, die sie nur deshalb verloren glaubte, weil die Freunde den Beweggrund ihrer Handlungsweise mißverstanden. Und sie hatte sich nur schwer entschlossen, in eine fremde Stadt zu gehen, als sie anfing, den Verkehr mit der Gesellschaft zu vermissen, die ihr auf einmal in einem schönen, milden Licht erschien. Sie hatte das Gefühl gehabt, als gebe sie Unentbehrliches mutwillig verloren.

Sie wußte nichts von Welt und Menschen.

Um sieben Uhr abends donnerte der Zug in die Halle des Centralbahnhofs. Anselm wartete, führte Renate zum Wagen und suchte die leidenschaftliche Begrüßung des Hundes Angelus möglichst zu dämpfen. Als Renate, ermüdet und zugleich erregt im Einspänner saß, der holpernd, mit klirrenden Fensterscheiben über das Pflaster fuhr, empfand sie ein zielloses Grauen vor der Wandlung der Verhältnisse, die sie unter dem Wort Armut begriff. Sie blickte Anselm an; er war blaß und abgespannt und beobachtete mit krankhafter Aufmerksamkeit jeden Zug in Renates Gesicht. Weiß von Schnee lagen alle Straßen, taghell beleuchtet durch die Bogenlampen. Beide saßen stumm im engen Wagen. Sie hatten sich nacheinander gesehnt, der eine aus Liebe, die andere aus Verlassenheit und mußten jetzt nichts zu reden.

In Anselms Wohnung fanden sie warme Zimmer und den Tisch gedeckt zum Abendbrot. »Ich habe mit der Hausfrau die Vereinbarung getroffen, daß ich zwei von den Zimmern behalte,« sagte Wanderer. »Die Möbel der übrigen Räume kauft sie mir ab und vermietet alles.« Er setzte sich neben Renate auf den Divan, umarmte sie heftig, zog ihren Kopf an seine Schulter. Nach einiger Zeit fühlte sie bang, daß sein Körper wie von Stößen erschüttert wurde, und sie hörte ihn weinen. In lähmendem Entsetzen wagte sie sich nicht zu rühren, wagte nicht aufzuschauen. Sie hatte nie einen Mann weinen sehen. Doch bald überwand sie ihre Scheu, strich mit den Händen zärtlich und mitleidig über seine Wangen. In ihrem tiefsten Jammer grollte sie ihm. Noch spät in der Nacht vor dem Einschlafen dachte sie grübelnd: er hätte doch nicht weinen sollen.

Sie hörte ihn lange draußen auf- und niedergehen, und sie fand keinen Schlaf. Obwohl es stille war, glaubte sie einen Strom unterirdischer Geräusche an ihr Ohr fließen zu hören. Das war die Stadt. Das war der Atem der Stadt, das Pochen ihres Blutes, die dumpfen Traumlaute, die sie im Schlaf ausstieß. Anders nahm sich hier der Nachthimmel aus, förmlich sorgenvoller; schneller schienen die Wolken zu fliegen, und das Sausen des Schneewindes hatte etwas Klagendes. Renate war froh, daß es Nacht war, und daß sie warm im Bett lag.

Sie stellte sich vor, daß sie auf ödem Feld sei; durch die Kälte über den Schnee müsse sie allein einem Haus zueilen, das noch unermeßlich weit entfernt war. Darüber schlief sie ein, gewahrte nicht mehr, daß Anselm mit dem Licht in der Hand an ihr Bett trat, um sie zu betrachten, als könne er auf ihrer friedlichen Stirn Zukünftiges lesen.

Am andern Morgen beim Frühstück fragte Renate »Also wie viel Geld haben wir denn, Anselm?«

Er schüttelte den Kopf und antwortete: »Es ist besser, Du fragst nicht. Wir müssen ja nicht hungern, Renate.«

Renate lachte, aber das Wort hungern, wie er es aussprach, hatte einen neuen, nie gehörten Klang für sie bekommen. Anselm ging in die Stadt und verabschiedete sich mit einer Miene, als gälte es, große Entschlüsse auszuführen. Als er zurückkam, sagte er finster, daß er einige Bekannte getroffen habe und alle wüßten schon: Renate Fuchs sei wieder hier. »Es ist ganz rätselhaft,« meinte er naiv. »Als ob man in ein Spionen-Nest geraten wäre.« Am Nachmittag ging Renate fort, und er schrieb, –stundenlang. Erst beim Anbruch der Dunkelheit kam sie wieder nach Haus, und sie schien ihm äußerlich verändert. Als er sie aufmerksam ansah, bemerkte er, daß sie eine neue, pelzverbrämte Winter-Jacke trug. »Na, wie gefall ich Dir?« rief sie triumphierend, mit glänzenden Augen. »Es war aber auch dringend notwendig.«

»Wie viel kostet die Jacke?« fragte Anselm beklommen.

»O riesig billig. Achtzig Mark nur. Es ist ein Gelegenheitskauf.«

»Hast Du denn noch Geld gehabt, Renate?«

»Mein letztes. Schön ist die Jacke, nicht wahr? Steht mir gut?« Sie war wie ein Kind. Er wagte kein Wort des Vorwurfs, sondern stützte schweigend den Kopf in die Hand. Renate ahnte sofort, was ihn bewegte. Sie wußte nichts mehr zu sagen, blickte nur hilflos vor sich hin. Wir sind ja arm, dachte sie und zog die Brauen zusammen, als suche sie den Sinn dieser Worte zu durchdringen. Sie beugte sich zu Anselm herab, strich sinnend mit der Hand über sein Haar und blätterte in dem Manuskript herum, das vor ihm lag. Es führte den Titel: Ueber die Albuminate oder Eiweißkörper.

»Was machst Du denn da, Anselm?«

»Ich arbeite.«

»Wirst Du viel dafür bekommen?«

»Ich weiß nicht, Liebste.«

»Mehr als hundert Mark?«

»Kaum den vierten Teil, Renate. Kaum die Aermel Deiner Jacke könnte man damit zahlen.«

Renate zog die Jacke aus und setzte sich schweigend in einen Winkel. Warum solche Umwege? dachte sie bitter. Bald darauf rüstete sich Anselm zum Ausgehen. Er sagte, er habe eine Zusammenkunft mit Stieve, einem Journalisten. Unruhig gemacht durch ihr Schweigen, trat er dicht vor sie hin. Sie versuchte seinen Blick zu erwidern, aber es war, als fänden seine Augen keinen Halt. In diesen wenigen Sekunden spürte Wanderer, indem sich sein Gesicht leidend verzerrte, die Liebe, als ob ihn eine unsichtbare Riesenhand in einen gluterhitzten Raum gesteckt hätte. Gänzlich betäubt davon, und weil er glaubte, reden zu müssen, fragte er halb scherzhaft, halb in jünglinghafter Thorheit: »Bist Du mir auch treu gewesen, Renate, während ich in Wien war?«

Renate zuckte zusammen, als hätte man ihr mit einem Schlag gedroht. Sie hatte eine Vorstellung, wie wenn Jemand in einem hellerleuchteten Raum alle Lichter verlöscht hätte. In der That war es einige Zeit ganz finster um sie. »Das ist ja kindisch,« flüsterte sie, stand auf und wollte in das andre Zimmer gehen. Aber Wanderer ergriff sie mit fast brutaler Heftigkeit, und sie fiel ihm beinah in die Arme. Hilflos, willenlos lag ihr Kopf an seiner Schulter. Sein Hut fiel auf die Erde, und er küßte sie, wie ein Verhungerter sich auf Nahrung stürzt. Renate erwiderte seine Küsse nicht. Sie preßte die Lippen zusammen und glaubte sich selbst von außen zu sehn, wie sie immer blasser wurde. Er hat mich genommen, als ob ich sein Gegenstand sei, dachte sie.

3.

Es schneite nicht mehr. Feierlich still, wie mit aufgespanntem Linnen bedeckt, lagen die Straßen, durch die Wanderer mit der Zufriedenheit eines satten Menschen stampfte. Er nahm eine Hand voll Schnee und näßte seine Schläfen, die ihn brannten. Dann summte er ein Lied, nach dessen Rhythmus er seinen Schritt regelte, blickte nach den Sternen, deren Geglitzer den Himmel lebendig machte und prophezeite sich gutes Wetter. Einen der Sterne, er glaubte, daß es Jupiter sei, ernannte er mit einer Art Feldherrngefühl zum Stern seines Schicksals. Grünfunkelnd wie ein Smaragd lohte der zwischen den zwei Türmen der Ludwigskirche, als sei er das Führerlicht über einem Himmelsthor.

Also gutgelaunt kam Wanderer, – ein Mensch, der seiner Angelegenheiten sicher ist, – in die kleine Malerkneipe, die ihm Stieve als Stelldichein bestimmt hatte. Uebeldunstig schwälte der Tabaksrauch gleich Nebelfäden oder dünnem Sammt umher, und ein paar junge Akademiker verübten mit Kartenspielen einen Lärm, der sie als Herren dieser etwas verschmierten Oertlichkeit kennzeichnete. Stieve saß in eine Ecke gedrückt, die langen Beine schläfrig ausgestreckt, vergraben in den Rauch seiner Cigarre, aus dem er alsbald seinen dünnen, eiförmigen Kopf herausstreckte, daß im Qualm etwas wie ein Fenster entstand. Mit seiner verschüchterten Höflichkeit und dem resignierten und ängstlichen Lächeln reichte er Wanderer die dürren Finger, die dieser nur vorsichtig drückte, als könnten sie zerbrechen.

Stieve sprach zuerst ziemlich einleuchtend über die Notwendigkeit eines Witterungswechsels, über die schlechte Luft im Lokal, schwieg aber bald und begab sich wieder in sein Rauchzelt. Wanderer überreichte ihm sein Manuskript, denn Stieve wollte die populäre Abhandlung in einer Zeitschrift unterbringen, mit der er in Beziehung stand. Stieve nahm es an sich, nickte mehrmals dankend mit dem Kopf und fragte Wanderer scheinbar gleichgiltig, ob er Piquet spiele.

Sie spielten und Stieve verlor. Verlor immerzu, wurde nervös, mischte die Karten mit zitternden Fingern, lächelte bisweilen grundlos liebenswürdig, was seinem Gesicht etwas Gramvolles gab. Endlich entschuldigte sich Wanderer, er müsse der vorgerückten Stunde halber aufhören. Stieve nahm die Tafel, rechnete mit vertieftem Eifer an den Ziffern herum, addierte, zog Striche, und ließ schließlich mit einem bestätigenden Hm den Griffel fallen. Dann grub er eine kleine Lederbörse aus der Tasche, die zerrissen war und aussah, wie die schmutzigen Lappen auf einem Harlekinskleid. Er wühlte mit den Fingern in den Fächern, in denen ein paar Nickelmünzen klimperten, blickte sinnend in sein Glas, tastete an seine Rockbrust und entschuldigte sich dann mit bedauerndem Ernst, daß er ›sein‹ Geld vergessen habe. Wanderer beruhigte ihn und fragte, ob er ihm dienen könne. Stieve schlug es nicht aus: er drückte zwei Finger an die Stirn und bejahte. Doch bat er, Wanderer möge ihn morgen erinnern, sonst könne man das leicht vergessen. Er schüttelte in unbestimmten Zweifeln den Kopf und drehte mit den Händen die Schnurrbartspitzen auseinander. In seinen Bewegungen war etwas Verzweifeltes, wie bei einem eingekerkerten Vogel.

Sie traten zusammen auf die Straße; es hatte wieder in dünnen Flöckchen zu schneien begonnen. Durch das Siegesthor fuhr ein Milchwagen, und die kleine Laterne unter der Deichsel glühte rot auf dem Schnee. »Also Sie haben sich entschlossen mit journalistischer Thätigkeit Ihr Brod zu verdienen?« fragte Stieve etwas hochtrabend, indem er fröstelnd seinen nicht allzu dichten Mantel schloß. Und ironisch fügte er hinzu: »Papier genug giebt es ja dazu.« Er stelzte mit seinen langen, wankenden Schritten unhörbar über den Schnee, seinem Schatten nach, den Kopf gesenkt, die Hände tief in die Manteltaschen vergraben.

»Haben Sie denn so schlechte Erfahrungen dabei gemacht?« fragte Wanderer, der mit seinen Gedanken schon zu Hause war.

»Erfahrungen! Mein Leben hab ich verpfuscht damit. Ich kann es ruhig aussprechen: verpfuscht, verpfuscht, die ganze Geschichte. Geist haben, ist ja eine ganz schöne Sache. Aber man soll Geist haben, wie man etwa ein hübsches Gesicht hat. Es thut nichts dazu im Leben. Es fehlt vielleicht, wenn es nicht da ist, aber es thut nichts dazu. Wenn man Geist haben soll, um damit sein Brod zu verdienen, das ist bitter. Wenn man sich jeden Morgen hinsetzen soll um Geist zu fabrizieren, seitenweise, bogenweise, das ist bitter. Ja, ich habe wohl Erfahrungen darin und kann sie Ihnen aus ganzer Seele empfehlen.«

»Sie sehen doch vielleicht zu schwarz«, meinte Wanderer befangen.

»Erlauben Sie, das ist eine Phrase, ich sehe gar nicht, ich ziehe eine Bilanz, ganz kaufmännisch. Ja, mit der neuen Freude an Dingen und am Leben sich hingeben und sie schildern ist ja ganz nett. Ist schön, wenn man den Drang dazu hat. Aber bei dem Gewerbe vergeht Ihnen das. Ihr innerstes Wesen in einem Feuilleton über den Palmsonntag oder über den Weihnachts-Abend auszuschütten, darum ist Ihnen doch leid. So greift man zu Redensarten, von denen Sie angeekelt werden. Hundertfach angeekelt, wenn dann Ihre guten Bekannten kommen und das »herrliche Stimmungsbild« loben. Zuerst finden Sie es merkwürdig, daß die guten Leute auf den Leim gegangen sind. Dann wird Ihnen klar, daß es allen höchst gleichgiltig ist, oder daß man Sie belogen hat. So werden auch Sie gleichgiltig und verlogen. Die Wahrheit in der Welt ist nur für die, die sie selber fühlen. Sagen läßt sich da nichts. Und vergessen Sie nicht, der Palmsonntag und der Weihnachtsabend kehren wieder, kommen unerbittlich wieder, jedes Jahr. Und jedes Jahr gehts weiter bergab. Sie sitzen im Theater, stumpf und skeptisch, denn Sie sehen alle Rückseiten. Kein Schauspieler kann Sie mehr ergreifen, denn Sie kennen ja diesen intriguanten Liebhaber, der so ehrlich feurig thut, kennen den dummen Raisonneur und den eitlen Laffen von Heldenvater; kennen die Mätzchen der Heroine und die Gefühlstöne der Naiven so genau wie Ihren Kleiderschrank. Und spielt man noch so schändlich, noch so elende Stücke, Sie müssen schweigen; schweigen müssen Sie, wenn Sie auch vor Zorn krepieren, denn der Chefredakteur hat ein Verhältnis mit der Dingsda, oder der Direktor hat ein Stück von ihrem Freund angenommen, oder der Tenor ist der Bräutigam des Fräulein Soundso, deren Vater den Herausgeber des Blattes mit Geldmitteln unterstützt. Die Unbekannten und Mißliebigen darf Ihre Feder zerkratzen, und Mancher ist dabei verblutet. O, ich kenne das. Von Patriotismus und den andern schönen Sachen gar nicht zu reden. Sie kommen in eine Versammlung und der schreiende Schafskopf am Rednerpult muß gepriesen werden. Alle Idioten, die sich dort um Hekuba erhitzen, müssen gepriesen werden. Jeder Commerzienrat muß gepriesen werden. Und der kleine Beamte mit dem Jubiläum und der treue Dienstbote und das Invalidenheim und der Männergesangverein und der Kretinismus in litterarischen Vereinen, alles muß gepriesen werden, oder doch »ernsthaft gewürdigt«. Dabei werden Sie entlohnt wie ein Holzhacker und haben das Vergnügen, durch das ganze Netz von Intriguen, Bosheiten, Eitelkeiten, Impotenz, Brutalität, Willkür und Dummheit zu schauen. Anfangs erstarrt Ihnen das Herz dabei; denn sonst haben Sie keins. Dann aber werden Sie blöde. Sehen zu, wie die Schwindler sich hinaufschwindeln und die Ehrlichen untenbleiben, sich schinden, zehn Pfennig per Zeile und abends mit schmierigen Karten spielen, wie ich. Die ganze Welt erscheint Ihnen nur noch wie ein großes Papierlager, und der Himmel ist Schwarz von Druckerschwärze. Jeden Morgen finden Sie denselben Stoß Zeitungen auf Ihrem Bureautisch, angefüllt mit den hunderttausend Nichtigkeiten, die von allen Philistern mit derselben gierigen Gleichgiltigkeit verschlungen werden wie einen Morgen zuvor. Da sehen Sie auch alles Elend und alle berechnete Gaukelei aufgestapelt wie hinter einem durchsichtigen Schleier. Unmöglich zu begreifen, daß es immer so weiter gehen soll, die eintönige Begeisterung um nichts, die Anpreisungen und wahnsinnigen Reklamen. O anfangs! Anfangs hab' ich auch meine Ideale gehabt, und vielleicht auch meine Talente. Jetzt ist es aus. Der Karren ist im allgemeinen Dreck stecken geblieben. Ekel, Ekel, das allein bleibt übrig, Ekel und Gleichgiltigkeit, glauben Sie mir. Sie waren einmal so gütig mit jener Banknote, darum sag ich's Ihnen. Das Geld damals war wie Wasser auf glühendes Eisen. Mir kann keiner helfen, außer er nimmt mir die fünfzehn Jahre wieder weg, die ich bei dem Mörderberuf zugebracht habe. Nichts bedeutet mir noch was, Kunst, Poesie, Liebe, Freundschaft, nichts. Mir ekelt blos. Und auch das nicht immer.

Stieve schwieg. Wanderer antwortete nicht, wußte nichts zu antworten. Kein Mensch war den beiden begegnet, trotzdem es eben erst zwölf Uhr schlug, – von allen Türmen aller Kirchen, fern und nah, in dumpfen und hellen Schlägen, in verweilenden und hastigen, leichtsinnigen. Jeder konnte da wählen, wie er gemahnt werden wollte, der Gedankenvolle wie der Eilfertige. Dazu bellten ein paar Hunde in den Höfen der Veterinärschule, und von jenseits des Parkes war der stumpfsinnige Chorgesang betrunkener Zecher durch die klare Winterluft zu hören.

»Eine gemütliche Stadt,« sagte Stieve. »Hier kann einer unter strengster Diskretion zu Grund gehn.«

»Ja ja,« machte Wanderer seufzend, der sich diesem verzweifelten Sarkasmus gegenüber wortlos fühlte. Sein Schweigen sollte zartsinnig und teilnahmsvoll erscheinen, doch im Innern waren ihm diese Eröffnungen ein wenig peinlich. Der Unverwundete kann nicht Wunden bluten sehen. Eine fremde Seele, die sich in Krämpfen wand, wie fern! Stieve schüttelte Wanderer freundschaftlich die Hand und verschwand im Dunkel. Er mochte glauben, seine Geständnisse hätten ihm Wanderer nahe gerückt. Und doch, wußte auch er, daß man nur seinen sorglosen Freunden ein wahrer Freund ist.

Leise schloß Wanderer die Thüren der Wohnung auf, machte Licht und schlich an Renates Bett. Er beugte sich nieder und hauchte einen Kuß auf ihre Stirn, fast ohne die Haut zu berühren. Er bemerkte nicht, daß sie sich nur Schlafend stellte.

4.

Frau Corvinus, die Vermieterin, war zu Renate gekommen, als sie allein war, – eine junge Frau mit einem bereitwillig lächelnden Gesicht, das kokottenhaft hübsch war. Sie hatte einen vorsichtigen Gang, und ihre Art zu reden, war nicht minder vorsichtig. Sie suchte sich stets möglichst liebreich auszudrücken, und Renate faßte daher Mißtrauen gegen sie. Doch hatte sie die Manieren einer Dame und die Klugheit jener Frauen, die mehr listig als leidenschaftlich gekämpft haben. Sie erzählte Renate mit freundlicher Unermüdlichkeit Ehegeschichten und Jungemänner-Geschichten, war sehr boshaft, und verstand es geschickt, sich selbst außerhalb des Erzählten zu setzen. Sie lobte Wanderer mit überschwänglichen Worten, und Renates Mißtrauen wuchs. Ungebeten erzählte Frau Corvinus von seiner früheren Lebensweise, – so viel sie eben davon wußte. Lachend gestand sie, daß ihr manche seiner Briefe kein Geheimnis geblieben waren, denn er sei rührend vertrauensselig. Renate stellte sich heiter und amüsiert. Dann erzählte die gut gelaunte Dame von einem Mädchen, das ihr ausnehmend gefallen habe, und das eine Nacht hier gewesen sei, zwei Tage vor seiner Abreise. »Zwei Tage?« murmelte Renate, die ein Gefühl hatte, als sei die Luft um sie her unsäglich dünn geworden. – »Es können auch drei sein, sogar vier. Sie werden sich doch nichts daraus machen? Dann schweig ich lieber. Sehen Sie, ich habe längst aufgehört, Männer und Männerart ernst zu nehmen. Also, es war eine Blasse, ich sehe sie noch deutlich vor mir. Ich brachte das Frühstück und sie versteckte sich hinter dem Vorhang. Herr Wanderer lachte und führte sie wieder an den Tisch, und ich sah, wie verweinte Augen sie hatte, und er nannte sie immer Elwine und neckte sie und machte sich lustig.«

So schwatzte Frau Corvinus weiter mit ihrem norddeutschen Accent, – man soll nur keinem Manne trauen, das Seil straff ziehen, die Zügel nicht aus der Hand geben. Renate dachte nur über den Namen nach, den sie gehört hatte, heftete die Laute einzeln zusammen, sah die Buchstaben an der Decke stehen, über dem Lampenschirm, in der Finsternis vor den Fenstern als leuchtende Würmer, und jeder zeigte ein fratzenhaftes Gesicht und Frauenhaare hingen wie Flammen herab.

Auf dem Korridor rief eine gezierte Stimme: »Clotilde!« und Frau Corvinus erhob sich und sagte mit spöttischem Augenzwinkern: »Das ist mein Gatte.« Angelus, der sich sein Lager neben der Thür eingerichtet, knurrte, denn es machte ihm wenig Vergnügen, Pförtner für solch zweifelhafte Persönlichkeiten zu sein. Mit ihm war ein seltener Menschenkenner geboren worden.

Renate ging zu Bett, löschte das Licht, und die sechs Lettern begannen einen Fackeltanz zu vollführen. Und doch, Renate freute sich, morgen früh, in der frischen Winterkälte ausgehen zu können, die neue, pelzverbrämte Jacke angezogen, an die sie auf einmal mit einer gewissen Zärtlichkeit dachte. Als Wanderer kam und ihr ins Gesicht leuchtete, flatterten ihre Gedanken wie aufgeschreckte kleine Vögel umher. Aber die Augen wollte sie nicht öffnen. War er es denn? Konnte es nicht ebensowohl ein Fremder sein? Anselm, ein fremder Name; Wanderer, ein fremder Klang. Sie wußte, daß er dastand und lächelte, als ob er sagen wollte: Arme Renate! aber ich muß Dich lieben. Nun würde er sie küssen. Sein Atem, der nach Cigarren roch, würde sie streifen. Dann kleidete er sich aus mit der zufriedenen Gemächlichkeit, die sie kannte, als ob nun die Angelegenheiten der ganzen Erde für jene Stunden schlafen müßten, wo Anselm Wanderer schlief. Er löschte das Licht, klopfte behaglich die Bettdecke, – das erbitterte sie, – seufzte ein wenig, und bald war es wieder still wie zuvor. Der Wind blies leise in dürren Aesten, Schnee flockte an die Scheiben wie das Pochen eines Fingers, irgend etwas kratzte an der Mauer und ein Droschkenpferd trabte faul vorbei, wie auf Filzsohlen im Schnee.

Am Morgen bat Herr Corvinus Wanderer um eine »Audienz«. Es gab Meldeschwierigkeiten, Renates wegen. Anselm wußte Peinliches zu umgehen und fand den außerordentlich ergebenen Corvinus, dessen Augen vor Hilfsbereitschaft ganz gläsern wurden, discret und verständnisvoll. Ottmar Corvinus war ein zierlicher und feiner Mann. Er war fähig, mehr als hundertzwanzig Worte in der Minute zu sprechen und that es auch stets. Sein Wesen hielt die goldene Mitte zwischen ängstlicher Zudringlichkeit und impertinenter Freundlichkeit. Er war ein geübter Jasager, spielte immer ein wenig den Winkeladvokat, erspähte das kleinste Profitchen in der größten Entfernung, wo man noch ein Teleskop brauchte, redete beständig mit der Erregtheit eines unschuldig Verurteilten und war immerwährend voll geheimer Missionen, Aufträge, Unternehmungen. Er war ein Ehrenmann. Seine linke Hand wußte genau, was die Rechte that. Angelus hatte jedoch eine ungerechte Meinung von Herrn Corvinus und wurde deshalb von Wanderer mit einem Fußtritt bezahlt. Verdientermaßen.

Anselm kam in das Zimmer zurück, wo Renate, die anfing überall Gefahren zu wittern, ängstlich gewartet hatte. Er erklärte ihr, was Corvinus gewollt, fing aber so rasch von anderen Dingen zu sprechen an, daß Renate wußte, hier drohe eine Ungelegenheit. Er versuchte sich wieder als Plauderer, diesmal mit Zukunftsplänen. Dann stand er auf, nahm Renates Hand, die sie ihm verwundert überließ und sagte ernst: »Liebste, Süße, es ist jetzt endlich Zeit, daß ich ganz offen mit Dir bin. Ich weiß ja, wie Du darüber denkst, und Du weißt es bei mir. Im Innern bleiben wir doch, was wir waren, aber äußerlich dürfen wir das Herkommen und die Gesetze der Gesellschaft nicht umstoßen wollen. Ich werde nicht aufhören, Dich auf Händen zu tragen, glaube mir, keine Sorge lass' ich an Dich herankommen. Schließlich brauchen wir nicht den Pastor dazu. Nur vor der Welt will ich, daß wir aufrecht gehen können ...Renate, so bleib doch, was hast Du, ich verstehe Dich nicht.«

Renate hatte sich erhoben. Sie blickte die Wand an, und ein festes Nein antwortete ihm. Wer weiß, gestern noch wären ihr seine Worte willkommen gewesen. Gestern noch wäre sie bereit gewesen, die lustigen Träume von ehemals preiszugeben, denn sie war stärker durch sein Vertrauen, als durch ihre Träume, deren Kraft erlahmte.

Stutzig gemacht durch ihre herbe Weigerung, drängte Wanderer nur um so mehr in sie. Jener Schritt erschien ihm plötzlich wichtiger als alles andre, (durch ihren bloßen Widerstand) und er führte Gründe an, die er vordem aus Zartgefühl wohl nie berührt hätte. Renate erbat sich Bedenkzeit. Sie war müde durch seinen Ansturm mit Worten. Aber das konnte nicht sein Schweigen erzielen. Er setzte sich neben sie, gefangen genommen durch ihr blasses, ergebenes Gesicht, sagte ihr, wie unaufhörlich er arbeiten wolle, wie er Reichtümer aufzuhäufen beabsichtige, wie das verflossene Unglück nur dienlich war, ihn zu stählen, ihn seine Talente und Kräfte fühlen zu lassen.

Renate senkte den Kopf und glaubte ihm. Nicht ohne Zweifel, denn sie hatte keine Vorliebe für Versprechungen, von deren Erfüllung sie ihr Glück gar nicht einmal abhängig machte. Als Anselm sie fragte, ob sie ihn denn noch liebe, war sie nicht mehr bestürzt darüber, sondern lehnte sich seufzend an seinen Arm und bejahte. Sie wollte ihm irgend etwas anvertrauen, vielleicht nur, um sich gegen Gedanken zu wehren, die an ihm zweifelten, und sie erzählte ihm, was mit Peter Graumann in der Villa sich ereignet hatte. Die Art ihres Berichtes hatte etwas Entschuldigendes, als ob sie für Graumann um Verzeihung bäte. Als sie fertig war, ging Anselm lange schweigend im Zimmer auf und ab. Offenbar hatte es tiefen Eindruck auf ihn gemacht, wenigstens im ersten Augenblick. Doch da ja alles gut gegangen war, dachte er darüber nach, welches Gesicht er Renate zeigen solle, die sichtlich eine ganz bestimmte Wirkung von ihrem Geständnis erwartete. So vertauschten seine Züge ihren nachdenklich düsteren Ausdruck mit einem zornigen, verhalten und machtlos zornigen. Renate beobachtete ihn furchtsam, und als er beim Vorübergehen ihr Kleid streifte, ergriff sie bittend seine Hand. Er lächelte, gewissermaßen mitten in der Schlacht seiner Gefühle und küßte sie. Das aber hatte Renate nicht erwartet. Flüchtig sah sie in seine Augen, während sein Gesicht so nahe war, und erblickte Elwines Bild darin.

Wanderer, der jede verborgenste Aenderung ihrer Stimmung empfand, besann sich, ob er ihr nichts Erfreuliches sagen könne. Nichts fiel ihm ein. Und er berichtete, der Redakteur jenes Journals, mit dem er in Verbindung stehe, sei gleich mit Stieve gekommen und habe seinen Essay angenommen. Renate zeigte wenig Teilnahme, und er bereute, gelogen zu haben. Wie ein Brennen spürte er Bangnis vor kommenden Lügen. Und während er dies dachte, zwang ihn etwas Teuflisches zu den obenhin gesprochenen Worten: »Ja, Stieve meint selbst, daß im Journalismus ein Mensch von Talent noch am besten seinen Weg machen kann.«

5.

Nun begann die Stadt drückend auf Renate zu wirken. Sie hatte eine Empfindlichkeit gegen Lärm, welche ihr bisher fremd geblieben war. Die starrenden Blicke der Männer verletzten sie; wenn Jemand längere Zeit hinter ihr herging, erfüllte sie eine beklemmende Furcht. Bisweilen kam sie nach Hause, schnellatmend, die Hände vor die Brust gepreßt, blaß von Erregung. Nicht wenig hatte dazu ein Vorfall beigetragen, der ihr nicht aus dem Sinn kam.

Sie ging beim Hofgartenthor, nachmittags gegen die Dämmerung, und wollte in die Briennerstraße hinüber. Sie war stets allein, wenn sie ausging, das hatte sie mit Anselm verabredet. Es war Tauwetter und der breite Platz voller Kot. Vorsichtig hob sie die Kleider und achtete mehr auf den Weg als auf die vielen Fuhrwerke. Da schoß vom Siegesthor her eine elegante Karosse, und weil einige Wagen, die quer gegen die Residenz fuhren, die Bahn versperrten, ließ der Kutscher die Pferde langsam traben. Mechanisch blickte Renate in das Gesicht des Kutschers und stutzte ...Doch schon konnte sie in daß Innere des Wagens sehen, wo der Herzog saß, unbeweglich in eine Ecke gelehnt. Er sah Renate an wie vorbereitet, und kein Zug veränderte sich in seinem Gesicht. Aber erschreckend war für sie der Blick demütigender und messender Verachtung, den er auf sie heftete. Seine Augen waren in dem unbestimmten Licht wie zwei grünleuchtende Seen; etwas Lachendes, Kaltes, Giftiges lag darin.

Das dauerte kaum Sekunden. Sie blieb stehen, unfähig, den Fuß weiter zu setzen und starrte dem Wagen mit kindischer Bestürzung nach. Eine kräftige Hand riß sie zurück, daß sie taumelte, und im selben Augenblick raste ein zweiter Wagen dicht an ihr vorbei, dem des Herzogs nach und voran. Tieferschrocken blickte sie dem Entschlossenen ins Gesicht; es war Gudstikker, der sie mit bleichen Mienen noch immer am Arm festhielt und dann die Wortlose über die Straße geleitete. Sie hatte ihn anfangs nicht erkannt. Er hatte sich ihrer sogleich entsonnen, da er ein ungewöhnliches Unterscheidungsvermögen für Physiognomien habe, wie er leicht plaudernd bemerkte. Renate reichte ihm die Hand, dankte rasch und wirr und eilte davon. Noch schmerzte der Arm vom harten Griff. Gesenkten Blickes verfolgte sie ihren Weg, weiter und weiter, bis es dunkel war, denn sie glaubte sich von gierigen Augen verfolgt, die Zeuge der Scene mit Gudstikker gewesen waren.

Wanderers populäre Abhandlung wurde mit einem höflichen Dankschreiben zurückgesandt. Renate erfuhr davon nichts. Zur selben Zeit empfing er die Nachricht, daß die Güter am Bodensee und im Salzkammergut von den Concursverwaltern verkauft seien. Der Erlös hatte kaum hingereicht, die Schuldenlast zu decken. Eine große Enttäuschung für Wanderer, der gehofft hatte, daß seine spärlichen Ueberbleibsel einen Zuschuß erfahren könnten. Auch davon erfuhr Renate zuerst nichts. Im Gegenteil, Anselm täuschte sie geflissentlich über seine Lage, eine Unklugheit, die sich rächte. Denn als Renate einige Tage später zufällig einen der Briefe fand, die darauf Bezug hatten, wurde sie von Befürchtungen erfaßt, die sie schwindeln machten. Die dürren, geschäftlichen Worte hatten etwas Unverwischbares und Folgenschweres in ihren Augen, und es kam ihr vor, als ob sie jetzt Vieles begriffe. Lange mußte sie darüber nachdenken, weshalb Anselm ihr in einer so wichtigen Angelegenheit nicht die Wahrheit gesagt hatte. Aber wie immer vermochte sie auch diesmal nicht zu reden, als er nach Haus kam. Er merkte, daß etwas vorgefallen war, denn sie schien zerstreut, ja verstört. Durch vieles, vielzuvieles Fragen entlockte er schließlich krumenweise, was sie ihm vielleicht doch eröffnet hätte, wenn er zurückhaltender gewesen wäre. Das Bewußtsein seiner Heimlichkeiten machte ihn jedoch unsicher. Als er es wußte, verschwendete er viele, vielzuviele Worte daran, ihr klar zu machen, daß er recht gehandelt, wenn er sie nicht unnütz in Sorgen gestürzt. Er sagte ihr, daß all das gar nichts bedeute bei seiner Jugend und seinen Fähigkeiten, daß es ihn mutig mache, zu sehen, wie viel er erreichen könne, und daß, was Andern gelungen sei, doch wohl ihm nicht minder gelingen dürfte. Müde lauschte sie seinen Erklärungen, und ein wenig mißtrauisch seinen Hoffnungen. Ihr wäre es lieber gewesen, wenn er sich gleichgiltig gezeigt hätte gegen ihre Skrupel. Schließlich umarmte er sie und küßte sie, als wollte er sagen: jetzt ist alles wie vorher. Er kennt mich nicht, dachte Renate bekümmert, während sie schweigend seine Küsse duldete. Doch allmählich vergaß sie dabei selbst, worüber sie hatte grübeln wollen, und nur ein dumpf bittender Blick traf ihn, sein Ungestüm zu mildern.

Er teilte ihr aus freien Stücken mit, daß sie beide nichts Schlimmes zu befürchten brauchten, daß er Hilfsquellen genug besitze. Er habe auch ein Klavier bestellt, vielmehr gemietet, damit sie nicht mehr so viel denken könne. Renate lächelte und schaute ihn, froh geworden, aufmerksam an. Angelus gesellte sich jetzt dazu und wedelte freundlich, als ob die entwichene Wolke der Verstimmung auch auf ihm gelastet habe. Er besaß eine ungewöhnliche Liebe zu Renate.

In Wahrheit lag es so mit Wanderer, daß ihm von »Hilfsquellen« durchaus nichts bekannt war. Seine Leidenschaft und die Angst, Renate vor Sorgen zu bewahren, ließ ihn Dinge als wirklich sehn, die er nur gewünscht. Vielleicht glaubte er, daß Freunde ihm aushelfen würden, vielleicht glaubte er an seine Freunde, Gott weiß, was er sich vorstellte. Seine lebhafte Fantasie ließ ihn hinter dem nahenden Dunkel noch die hinabgesunkene Sonne sehen. So trog er sich und trog Renate mit.

Das Klavier, das am nächsten Tage kam, vermochte Renates Achtung nicht zu erringen. »Ein alter Klapperkasten«, scherzte sie und suchte es zu beweisen, indem sie einen Gassenhauer klimperte. In der That klang es blechern, verletzt. Mit Wehmut gedachte sie ihres Steinways im Elternhause und ließ das Instrument meist unberührt. Auch sonst brachte Wanderer Kleinigkeiten, – Geschenke für Renate. Dieser nervöse Hang, Geschenke machen, war neu an ihm. Meist waren es wertlose Dinge, eine Decke, ein Shawl, feines Briefpapier, – für welches sie gar keine Verwendung hatte – oder Näschereien. Das alles war für Renate peinlich; sie fühlte eine stille Forderung zum Dank dabei heraus, und die Erwartung, daß Geschenke ihre gute Laune erhalten könnten. Wie sehr wäre ihre Abneigung gegen diesen seltsamen Tribut seiner Gefühle gewachsen, wenn sie gewußt hätte, daß er anfing, gewisse Wertgegenstände zu verkaufen, die meist alte Familienerbstücke waren. Einige Trödler waren schon abgerichtet auf seine Art und beuteten ihn herzhaft aus. So kam es, daß er für einige Zeit mit ausreichenden Geldmitteln versehen war, und daß er für den Tisch der Herz, Uibeleisen, Xylander, wo er Nachmittag für Nachmittag Karten spielte, eine willkommene Errungenschaft bedeutete. Er fühlte sich wohl in der Atmosphäre der Scheinfreiheit, der gewaltsamen Ungebundenheit, des rauschartigen Leichtsinns, der witzigen Melancholie. Es betäubte ihn, machte, daß ihm die Ansprüche des Tags geringfügiger erschienen, ließ die Besonnenheit verblassen, die nötig ist, um dem Schicksal gegenüber wenigstens scheinbar Herr zu bleiben. In der Mitte der Leute, die mit ihren ausgetrockneten Hoffnungen Ball spielten, fühlte er sich gefahrlos und unabhängig, ja geradezu gefestigt. Er lernte Gudstikker kennen, war entzückt von dem Wesen des Schriftstellers und pries Renate die Bekanntschaft in überschwänglichen Worten. So geriet er immer mehr in den Strudel jener gewissen Gewohnheiten, die anspruchsvoller und aufreibender sind als wirkliche Arbeit. Daneben lief seine täglich wachsende Liebe zu Renate, die ihn rastlos machte, weil er ahnte, daß sie nicht mit gleicher Glut erwidert werde, die ihn je mehr in die wirren Geselligkeiten drängte, je mehr er sich von Renate still und scheu beobachtet wußte. Wenn sie einige Stunden beisammen waren, fing Renate an, aus irgend einem geheimnisvollen Grund verstimmt zu werden. Sie konnte sich darüber nicht Rechenschaft geben. Manchmal reizte sie eine gewisse Gespreiztheit seiner Anschauungen und Urteile, sodann sein bedrücktes Wesen, hinter dem sie Heimlichkeiten ahnte; kleine Eigentümlichkeiten, die sie früher nie bemerkt; Gewohnheiten, die ihr komisch erschienen, und die sie verspottete. Statt darüber hinwegzugehen wurde er bleich, starrte sie traurig an und war beleidigt. Da lachte sie gutmütig und schüttelte den Kopf über ihn. Und ihr war zu Mut, als erwache sie aus einem Schlaf, der sich nur langsam von ihren Gliedern lösen wollte.

6.

Das Leben des Ehepaars Corvinus war ein wenig tragische Posse. Da die Wohnung der Beiden dicht anstieß, hörte Renate, auch mitten in der Nacht, zänkische Reden, wobei Frau Clotildes Stimme leicht den Vorrang behauptete. Sie besaß eine artige Vollendung in der Kunst, einen Mann zu reizen. Gewöhnlich endete das Wortgefecht mit einer Prügelei, worauf Frau Clotilde jämmerlich heulte und die Polizei zu rufen drohte. Bald wurde es aber still, und man war einigermaßen überrascht, mehrere Stunden darauf das Ehepaar zärtlich schnäbelnd am Fenster zu sehen. Herr Corvinus, wenn er Renate begegnete, grüßte und verbeugte sich in wahrhaft zerfließender Ehrfurcht, und sein glührotes Gesicht wurde feierlich vor Andacht. Wenn sie vorbei war, blieb er stehen, kniff die großen leeren Augen zusammen und sah ihr nach wie ein pfiffiger Händler, der den Preis prüft. Einmal bemerkte es Renate, und ein Schauer lief ihr vom Nacken bis zu den Zehen. Das elegante Herrchen war wohl in einige krummlinige Geschäfte verwickelt, das entnahm Renate den freimütigen Erzählungen Frau Clotildes, die zu allem Ueberfluß ihre gesamten Liebesabenteuer beichtete, die ehelichen Conflikte und jede Lächerlichkeit, auch die intimste, die sich Ottmar zu Schulden kommen ließ. Sie schwärmte sogar von Idealen, verschwundenen Idealen, wie ein Kleinbürger, der vom Planetensystem spricht. Ihre einzige Erhebung bilde das Lesen schöner Bücher. Sie brachte Renate einiges ihrer Litteratur, und Renate las mit Langeweile und Ekel süßliche, moralische und schmierige Schriften vom großen Jahrmarkt. Aber einmal bekam sie auf solche Weise Gudstikkers neues Buch in die Hand, »Veronikas Ende«. Veronika, schuldig und doch ohne Schuld, gleitet aus sicheren Verhältnissen in die Tiefe, verliert den Mann ihrer ersten Wahl, greift nach der Hand des zweiten, voll Müdigkeit und Scham nach der des dritten, giebt sich voll Ekel aller Welt preis. Ein wenig weit und breit war das geschildert, doch mit Eindringlichkeit und geriebener Kunst. Davon verstand Renate nicht viel, aber das Stoffliche ging ihr nahe, und Veronikas Schatten verfolgte sie. Nichts wünschte sie inniger, als mit Gudstikker selbst darüber reden zu können, obgleich sie nicht wußte, wozu es führen könne. Anselm begriff dergleichen nicht, begriff nicht das Tiefe ihrer Seele. Sie sah es, wußte es jetzt. Zweifel bestürmten sie, deren sie sich nicht erwehren konnte. Frau Corvinus ihrerseits fand keinen Geschmack an der Geschichte Veronikas. Ich bitte Sie, wie lang, wie poesielos. Es ist ja keine Handlung da, keine spannende Verwicklung, und ich habe das Romantische gern, bin selbst eine romantische Natur. Nein, schade für das Leihgeld.

Gern hätte Renate den Verkehr mit der Frau beendet. Aber sie wagte es nicht. Sie hatte Furcht. Auf allen Gassen lief der Klatsch. Alles konnte sie jetzt eher ertragen, als feindselige Blicke und scheele Mienen. So blieb sie liebenswürdig und zuvorkommend, mehr als es nötig war, selbst um den Preis der Aufrichtigkeit und der Ruhe. Ihr Herz war voll Sehnsucht, schwellend wie die Flut.

Wenn sie ausging, war sie tief verschleiert, als könne sie so vor dem schillernden Schmutz des Geredes sich auf ihre Weise schützen. Einige Zeit war es recht kalt gewesen, jetzt hatte man wieder milderes Wetter. Der Himmel war dunstig blau, von langgespannten Wolken wie weißen Muskeln durchzogen. Renate liebte es, in der Dämmerstunde spazieren zu gehen. Zuerst wandelte sie die Königinstraße hinunter bis zur Prinzregentenstraße. Dort wohnten Tekes, und instinktiv trieb es sie hin, da Wanderer ihr gesagt hatte, er wolle den Nachmittag bei Terkes verbringen. Die Baronin war ihm begegnet und hatte ihn dringend zum Thee gebeten. Renate wußte bitter, daß Neugierde das Motiv bilde, aber dennoch hatte sie gierig gelauscht, als Wanderer ihr davon erzählt hatte, dennoch hatte sie ihn, der Unlust zeigte und sogar von Taktlosigkeit sprach, gedrängt, die Einladung anzunehmen. Es schien, als sehe sie hoch oben das Thor einer Welt, der auch sie einst angehört und der sie entflohen war. Stolz suchte sie ihr Nachdenken davon zurückzuhalten, aber daß sie sich darum bemühen mußte, machte sie von Neuem nachdenklich. Früher hatte sie das Thor in der Tiefe gesehen, in der Nacht, unbegehrt, gleichgiltig. Nun war Wanderer bei Terke, – glich es nicht einem Brückenbau? Nicht das Eigen-Erlebte war es, das ihr Herz verwirrte, sondern vielmehr das Bild fremder Schicksale, das geschäftig ihren Pfad mit den Pfaden vieler Anderer verband. Sie erinnerte sich, daß sie vor einigen Tagen Elwine mit einem jungen Mann, dem bleichen Dawill, in den Gasteig-Anlagen gesehen. Das Mädchen war auf sie zugeeilt, lächelnd und heiter, in frischer Blüte, schön und verliebt. Renate blickte sie kalt an, wandte sich ab und ging weiter. Sie sah nicht die Thränen in Elwines Augen, nicht, daß jene stehen blieb, bis Renate verschwunden war. Sie hatte nicht mit Ueberlegung gehandelt, nicht aus Feindseligkeit. Daß Anselm die Lippen geküßt, die nun ihr zulächelten, war ihr gleichgiltiger, als sie geahnt hatte; sie hätte es tragen und verhehlen können. Aber ein andres Gefühl war es, herrisch wie der Selbsterhaltungstrieb. Sie wußte sich Elwine näher, als sie wünschte, wollte gewaltsam alles Gemeinschaftliche abstreifen, das durch Worte oder durch Lächeln entstehen konnte. Sie fühlte es, daß ein Unglück erst dann besiegelt ist, wenn man die Gefährten kennt, mit denen man es teilt.

Während sie so in Gedanken versunken war, sah sie Gudstikker in geringer Entfernung daherkommen. Er grüßte schon von weitem, und sie dankte freundlich. Er blieb stehen, und sie beantwortete offen und warm die förmlichen Fragen, die er stellte. Seine Miene war wohlwollend, sein Blick forschend, so unablässig forschend, daß Renate errötete.

»Ich habe Ihr letztes Buch gelesen«, sagte sie mit fast dankbarem Blick.

Er zuckte die Achseln, als lege er wenig Gewicht darauf, daß man seine Bücher lese.

»Es ist schön,« fügte Renate verlegen hinzu.

Gudstikker sah sie wieder mit dem durchdringenden Blick an und erwiderte: »Es ist typisch. Uebrigens der Schluß ist überhastet. Verfrüht vielleicht. Darüber hätte man nicht das letzte Wort sprechen sollen. Ich bekomme täglich Briefe von Frauen, die wissen wollen, wie ich mir das oder das gedacht. Wie langweilig. Mein Buch ist gar nicht für die Frauen. Es ist für Männer. Wenn eine Frau sich um derlei Dinge zu kümmern anfängt, ist es schon schlimm mit ihr bestellt. Eine Frau an sich ist nichts. So wenig wie ein Musikinstrument an sich. Es giebt natürlich populäre Instrumente, Drehorgeln, Spieldosen, die kann jeder spielen. Aber die persönlichen, da muß sich der rechte Mann dazu finden. Frauenfrage? Unsinn. Man läßt sie fragen, giebt keine Antwort.« Nach solch einsichtsvoller Rede starrte Gudstikker mit zusammengezogenen Brauen auf die gelben, kahlen Wiesen des Parks, dann sagte er noch: »Wir haben eben bei Tekes über dasselbe Thema gesprochen. Das sind müßige Discurse, unheizbare Oefen. Schauen und Schaffen, voila tout.«

»Sie waren bei Terkes?«

»Ja, Herrn Wanderer traf ich auch dort. Ein stiller, angenehmer junger Mensch. Ein bißchen verdöst kommt er mir vor, aber sehr sympathisch. Er renommiert übrigens gern mit Ihnen.«

»Mit mir – ?«

»Na, na, das braucht Sie nicht zu erschrecken. Es ist ganz harmlos. Er ist ja schweigsam. Ich liebe die Vielredner nicht und bin immer lieber im Winkel gesessen als auf dem Präsentierstuhl. Freilich, Duckmäuserei hab ich nie betrieben; ich habe manche Kette im Stillen zerrissen. Mein Beruf schließlich.«

»Waren viele Leute bei Terkes?«

»Ziemlich. Eine ko–mische Tante ist diese Baronin. Oft weiß man nicht, wer die Baronin ist, sie oder der Hund.«

»Sagen Sie, Herr Gudstikker –«

»Was mein Fräulein –?«

»Ich möchte so gern Ihre andern Bücher lesen. Sagen Sie mir die Titel.«

»Na, wenn Ihnen daran gelegen ist, ich schicke sie Ihnen. Bitte, keine Umstände, nicht einem Jeden würbe ich's thun. Vielleicht schreiben Sie mir dann ein paar Zeilen über die Eindrücke, die Sie gehabt haben.«

»Gern.«

»Also adieu, liebes Fräulein, auf Wiedersehn.«

»Adieu, Herr Gudstikker.«

Da lag schon die dunkelnde Straße zur Universität. Renate verließ schnellen Schrittes den englischen Garten. Zu Hause wartete Anselm mit Ungeduld.

7.

Anselm erzählte ohne daß es einer Aufforderung bedurft hätte, von der Gesellschaft bei Terkes. Die Baronin sei sichtlich älter geworden, die Gräfin sichtlich prüder. Aber Adele sei melancholisch und habe ihn oft mit fragendem Ausdruck angesehen. Gudstikker sei dagewesen, ferner ein paar litterarisch angehauchte Damen. Man habe die Rede auf die moderne Frau gebracht, und er, Anselm, habe gesagt, es gebe keine moderne Frau, so wenig wie es eine moderne Wiese gebe. Man könne die Frauen mit den Instrumenten vergleichen. Manche spielten sich von selbst: Drehorgeln, Automaten, manche forderten aber den rechten Mann. Dem hätte man auf das Entschiedenste widersprochen.

Renate war erstaunt. Sie lächelte, wollte aber damit nur ihre Verwunderung und eine jäh aufkeimende Verachtung bemänteln. Dieser Hjalmarsche an ihm erregte ihr tiefen Verdruß. Als Anselm sie küssen wollte, entzog sie sich ihm hastig und sagte, daß sie Kopfschmerzen habe.

»Weißt Du was, Renate,« meinte Anselm. »Wir müssen verreisen. Wir müssen fort. Du bist auffallend verändert seit einiger Zeit.«

»Geh, wie willst Du denn fort,« erwiderte Renate unwillig.

»Ich werde es schon erreichen,« sagte Wanderer düster. »Es muß eben sein. Du leidest ja geradezu. Mir ist, als könnt ich Dich irgendwo wieder ganz gewinnen, nur hier nicht. Du sehnst Dich doch selbst fort, nicht wahr?«

Renate schwieg.

Am nächsten Tage schickte Gudstikker die Bücher, und als Anselm den Hergang erfuhr, war es, als wage er nicht, Vorwürfe zu machen, als wollte er es nicht riskieren, gekränkt zu sein. Er schien überdies mit andren Dingen beschäftigt. Verstört kam er am Abend nach Hause, ging gleich wieder fort, kam nach einer Stunde wieder, war gekünstelt aufgeräumt, dann schweigsam, zerstreut und nervös. Renate war so sehr mit Lektüre beschäftigt, daß sie ihn nur nebenbei beobachtete. Wahrscheinlich hat er beim Kartenspiel verloren, dachte sie und verweigerte sich trutzig jede Frage. Bis spät in die Nacht las sie, und als sie endlich einschlief, hörte sie ihn draußen auf- und abgehen, ruhelos, unermüdlich. Als sie am Morgen aufwachte, war er schon fort.

Nachmittags ging Renate ein wenig aus. Zusehends sanken graugelbe Nebel. Die Sonne war am Untergehen; die Luft, der Erdboden, der Himmel, alle Gegenstände trugen eine schmutzig-violette Färbung. Als sie an der Residenz angekommen war, verschwammen schon die Giebel der Häuser im dicken Nebel. Durch die grünen Reflexdächer der Laternen war das feuchte Pflaster die Straße hinunter von einem langen, grasgrünen Lichtstreifen durchzogen, der sich zerflossen abhob von den Nebeldünsten.

Als sie um die Ecke gegen das Hoftheater bog, sah sie zehn Schritte vor sich die Terkes auf sich zukommen, die Gräfin, die Baronin und Adele. Sie war so beklommen, daß sie im Weitergehen glaubte, sie könne nicht von der Stelle. Sie sah jede Falte, jedes Zucken, jeden Gedanken auf jedem der drei Gesichter, die sich gleichgiltig von ihr wegwandten, um dem Militärposten am Portal ihre Aufmerksamkeit zu widmen.

Traurig ging Renate nach Hause. Ihre Schritte waren von außerordentlicher Langsamkeit, als wisse sie nicht, wohin, als fürchte sie ihr Ziel. Anselm saß am Fenster und starrte auf die Straße. Er regte sich nicht, als Renate die Lampe anzündete und sie auf den zierlichen Tisch beim Ofen stellte. Erst als sie unschlüssig stehen blieb und in das Licht sah, kam er zu ihr her.

»Ich bin so schrecklich verstimmt, Anselm,« sagte sie aus freiem Antrieb zu ihm und reichte ihm die Hand.

Er fragte nicht nach dem Grund, sondern tröstete sie, so gut er konnte. Obwohl die Stunden vorrückten, dachten sie an kein Abendessen. Renate legte sich ermattet auf die Ottomane, und Anselm saß bei ihr, ihre Hand an seine Lippen gepreßt. Später ging sie zum Clavier und versuchte, die alte Freudigkeit zur Musik wieder zu finden. Nur einem Gedanken, einem einzigen hing Renate nach, und den wollte sie sich auch aus dem Sinn musizieren. Sie war so hingenommen von ihrer Stimmung, daß sie Anselms Verstörtheit, die viel größer war als gestern, kaum bemerkte.

Sich mit ein paar Küssen betäuben, darin lag noch etwas, wie flüchtiges Entrinnen.

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