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Die Gerechtigkeit Gottes - Erzählungen

Wilhelm Heinrich von Riehl: Die Gerechtigkeit Gottes - Erzählungen - Kapitel 4
Quellenangabe
typenovelette
authorWilhelm Heinrich Riehl
booktitleDie Gerechtigkeit Gottes
titleDie Gerechtigkeit Gottes - Erzählungen
publisherBücherborn, Deutsches Buchhaus G.m.b.H.
correctorreuters@abc.de
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created20070110
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Der Dachs auf Lichtmeß

In einer kleinen schwäbischen Reichsstadt zeigte man vordem zwei Wahrzeichen: ein mächtiges, zweihändiges Ritterschwert, welches im Rathause aufbewahrt wurde – man nannte es »des Dachsburgers Schwert« – und einen sieben Fuß langen Sandsteinblock vor der Schmiede am Marktplatz – man nannte ihn »des Dachsburgers Bett«. Wer der Spur dieses Namens weiter nachging, der fand die Trümmer der Dachsburg mehrere Stunden nordwärts im Gebirge und zwischen der Burg und der Stadt eine Waldschlucht, »die Dachsfalle« genannt.

Das ehemalige Reichsstädtlein ist inzwischen fast zu einem Dorfe heruntergekommen, das Schwert vom Rathause ward an den Juden verkauft, der es dann weiter in das Raritätenkabinett eines Engländers verhandelte, und der Stein vor der Schmiede, auf welchem seit undenklicher Zeit die Schulkinder gespielt, wurde zerschlagen und in den Sockel des neuen Spritzenhauses vermauert. Nur die »Dachsfalle« hat sich noch als Namen eines Waldbezirkes auf den Flurkarten der Gemeinde erhalten und von der Dachsburg blieb ein mäßiger Trümmerrest. Eine Sage dagegen, welche Burg, Falle, Bett und Schwert miteinander verknüpft, lebt in voller Frische fort trotz allen Wandels der Geschlechter bis auf diesen Tag.

In den alten Ritterzeiten, so erzählt sie, wurden die Bürger arg gequält von dem Ritter von Dachsburg, welchen man meistens kurzweg »den Dachs« hieß. Wo er ihnen auflauern und Hab' und Gut wegschnappen konnte, da tat er's. Am liebsten hätte er gleich das ganze Städtlein eingesteckt, allein es war doch etwas zu groß für seine Taschen. Auch deuchte es ihm kurzweiliger, auf scharfem Roß ins Weite zu schweifen, als Mauern und Türme zu berennen. So lange daher die Bürger hinter ihrem Stadtgraben blieben, hatten sie Ruhe; zog aber einer auch nur ein paar Stunden über Feld, so standen Geld und Freiheit auf dem Spiel.

Ein solcher Stadtarrest kann auf die Dauer auch dem geduldigsten Deutschen zu arg werden. Da sich die Bürger aber zu schwach fühlten, für sich allein dem Dachs zu Leibe zu rücken, so schlossen sie heimlich ein Schutz- und Trutzbündnis mit mehreren Nachbarstädten; allein der Ritter kam ihnen auf die Schliche und verbündete sich nun seinerseits auch mit mehreren benachbarten Rittern. So ward aus der Wegelagerei ein kleiner Krieg.

Da webte und wimmelte es nun auf einmal in dem Städtchen wie in einem Ameisenhaufen, wenn ein Knabe mit dem Stock hineinstößt; denn die sonst so friedsamen Bürger fühlten wohl, was es heiße, als kriegführende Macht auf die Bühne zu treten. In den Kramläden und Werkstätten war allgemeiner Feiertag, auf den Gassen dagegen, in den Schenken, im Zeughaus, im Rathaus wie nicht minder im Ratskeller wogte jung und alt geschäftig durcheinander. Ein jeglicher hatte Pläne, Warnungen und Prophezeiungen in der Tasche, jeder wollte reden, einige sogar hören, was andere redeten, und vom Schusterjungen bis zum Bürgermeister erschienen alle als geborene Heerführer und Staatsmänner, deren Gaben bisher nur verborgen geruht. Vorab aber galt es als das Zeichen eines wahren Patrioten, völlig zu vergessen, daß es noch irgend ein ander Ding in der Welt gebe als die drohende Fehde mit dem Dachs und seinen Spießgesellen.

Von all diesem war nur ein einziger Mann ausgenommen: der Schmied Michael am Marktplatz. Er schmiedete in seiner Wertstatt weiter, als ob gar kein Dachsburger im Lande sei, ging nur dann zur Schenke, wann er Durst hatte, trank seine Kanne und redete wenig, pfiff und sang sogar noch seine alten Liedlein, während die ganze übrige Bürgerschaft bloß Kriegsmärsche pfiff, und verließ sein Haus nur, wenn es draußen wirklich etwas zu tun gab.

Ja noch mehr. Er hatte stadtkundigerweise eine Liebschaft mit einer Bauerndirne, gut eine Stunde vor dem Tor, und blieb verliebt vor wie nach und besuchte sogar seinen Schatz dreimal in der Woche, wie er schon lange zu tun pflegte, als noch kein Mensch von einem Krieg träumte.

Die anderen schalten ihn darum einen lässigen Bürger, einen schlechten Christen ohne Gemeingeist und faßten dies nach landesüblicher Weise bündig in ein Wort, indem sie ihn »Michael Leimsieder« nannten. Doch hätte man ihm seine politische Leimsiederei vielleicht noch verziehen, wäre er wenigstens in ein eingeborenes Stadtkind verliebt gewesen; allein seine Trude war ein Bauernkind, und nicht einmal eines Vollbauern, sondern eines eingewanderten Söldnerbauern Tochter, zählte also selbst unter dem Bauernvolk zum hergelaufenen Pack. Und um einer solchen Dirne willen vergaß der reichsstädtische Zunftmann fürs Heil der Stadt zu zechen, zu raten und zu reden! Die Liebschaft konnten sie dem unpatriotischen Schmied nicht wehren, aber das Heiraten wenigstens wollten sie ihm versalzen; so gelobten sich's die Ratsleute und die Zunftgenossen.

Die Stadt, vom Hügel zum Flüßchen niedersteigend, hatte oben einen trockenen Graben und unten einen nassen und dementsprechend zwei Tore, das Bergtor und das Bachtor. Nach dem alten Brauch war der Verteidigungsplan auf die Zunftordnung gegründet, so daß jede Zunft ihr besonderes Stück Stadtmauer zu besetzen hatte. Die trockene Bergseite war von Natur minder fest als die Bachseite; es fügte sich darum ganz bequem, daß man die zahlreichen Zünfte, welche im Trockenen arbeiten, die Schmiede, Schuster, Schneider, Bauleute, Bäcker und Metzger an die trockene Seite postierte, dagegen die kleine Schar der Gerber, Fischer, Brauer, Schenkwirte und ähnliche feuchte Berufe an die Bachseite. Die wichtigsten Punkte waren jedenfalls die beiden Tore; am Bachtor hielten darum die fauststarken Gerber Wacht, am Bergtor die noch nervigeren Schmiede.

Nun galt freilich vordem Michael der Schmied für den stärksten und kühnsten Mann in der ganzen Stadt, und man hätte ihm gerne den Befehl am Bergtor übertragen, wäre er nicht neuerdings Michel der Leimsieder geworden. So aber hielt der Rat dafür, daß ein so gleichgültiger, stummer und selbstgenügsamer Mann für den gefährlichen Posten nichts tauge, und stellte ihn in die Reserve zu den alten Leuten und unbärtigen Jungen. Der Schmied nahm das ganz ruhig hin, als ob sich's von selbst verstünde, und schmiedete ruhig fort an seiner Esse.

Inzwischen war dem Rat die geheime Kunde geworden, daß der Dachsburger nächste Woche auf Lichtmeß mit seinen Freunden zusammenstoßen und in also vereinter Macht einen Hauptstreich wider das Städchen führen werde. Es galt, dieser Vereinigung der Gegner zuvorzukommen, und zwar stand die Sache derart auf Spitz und Knopf, daß man den Dachs entweder in dem Augenblick überfallen mußte, wo er seine Burg verlassen, den Sammelplatz der Gefährten aber noch nicht erreicht hatte, oder, wenn diese einzige Stunde versäumt würde, Verzicht leistete auf jeden Angriff und hinter den schwachen Mauern alle Plage einer sehr bedenklichen Belagerung auf sich nahm.

Um dem Ritter den Weg zu verlegen, mußten aber die Bürger wenigstens den Sammelplatz wissen, gegen welchen er auf Lichtmeß von seiner Burg ziehen wolle.

Sie schickten zu dem Ende drei Kundschafter aus: einen Metzgerknecht, einen Schustergesellen und einen Schneiderjungen.

Allein die Späher kamen nicht wieder, sondern statt ihrer ein Bote des Ritters, vermeldend, sein Herr habe jene drei auf verdächtigen Wegen ertappt und festgenommen, sei aber bereit, sie gegen sehr billiges Lösegeld auszuliefern. Wolle ihm der Rat statt des Metzgers ein paar fette Mastochsen, statt des Schusters ein paar fette Schweine und statt des Schneiders, der gar leicht und mager sei, ein paar junge Zicklein senden, nebst sechs Maltersäcken Korn als Brot zum Fleische, dann könnte er die drei Burschen im Stadtwald gegen Quittung wieder in Empfang nehmen.

Die Bürger waren außer sich über diesen neuen Schaden samt dem Spott; dazu drängte die Zeit, denn morgen bereits stand Lichtmeß im Kalender. Schon früh am Tage hielt man Kriegsrat auf dem Rathause. Im engeren Ringe standen die Hauptleute der Zünfte wie auch die Führer einiger fremden Mannschaft, die von den befreundeten Nachbarstädten herübergeschickt worden war, im weiteren Ring die anderen bewaffneten Bürger als Zuhörer.

Es drohte aber eine bedenkliche Spaltung; denn einem Teile war die Nachricht, der Dachsburger wolle auf Lichtmeß ausziehen, nachgerade so verdächtig worden, daß sie behaupteten, der Ritter selber habe sie ausgesprengt, um die Stadt irre zu führen, und die Gefangennahme der Späher sei bereits die erste Frucht seiner gelungenen List. Die anderen dagegen hielten die Kunde für echt und begehrten den Ausmarsch auf morgen, nur konnte keiner genau sagen, wohin man eigentlich marschieren solle.

Um den Streit zu schlichten, forschte man nun – freilich etwas spät – genauer nach, woher denn eigentlich jene geheime Kunde gekommen.

Der Bürgermeister sagte, er habe sie vom Zunft-Meister der Gerber, der Zunftmeister, er habe sie von seinem Wachtposten am Bachtor, der Wachtposten, er habe sie von einem fremden Bauern, der in voriger Woche frühmorgens zwischen Licht und Dunkel ans Tor gekommen sei, woher sie aber der Bauer habe, das wisse er nicht.

Nun hatten die Zweifler gewonnen Spiel. »Auf solche Gewähr,« riefen sie entrüstet, »ängstet man die ganze Stadt und will uns gar vors Tor führen, daß wir dem Dachs desto sicherer in den Rachen laufen!«

Da schallte aus den hintersten Reihen der Zuhörer eine dröhnende Baßstimme: »Die Nachricht ist dennoch echt; morgen zieht der Dachs aus seiner Höhle!«

»Wollt Ihr etwa bürgen für den fremden Bauersmann?« fragte strafend der Bürgermeister den unberufenen Redner.

»Ja! denn der Bauer war ich selber!« antwortete die Stimme, und zugleich sah man die hohe Gestalt Michaels des Schmieds aus der Menge sich emporrichten.

»Und wer hat Euch jene Mär aufgebunden?«

»Ich erlauschte sie von des Ritters Leuten, da ich vorige Woche, wie gewöhnlich, des Abends als Bauer verkleidet den Söldnerbauer und seine Tochter besuchte.«

»Das ist kein zuverlässiger Bote, der auf Liebesabenteuer zieht, indes wir hier, wie auch ihm ziemte, den Schlaf uns abbrechen, um die Stadt zu bewachen!« rief der Gerberzunftmeister, der Befehlshaber am Bachtor.

Ruhig erwiderte Michel Leimsieder: »Hättet Ihr wirklich die Stadt bewacht, so hätte ich nicht auf Liebesabenteuer ausziehen können. Denn seht, ich bin in den letzten vierzehn Tagen sechsmal bei Nacht über die Mauer gestiegen und durch den Graben gewatet, hart neben eurem Bachtor, und keiner hat mich erblickt.«

Diese kurze Zwiesprache begann die Stimmung der Menge bereits zu wenden. Man drängte und schob den Schmied in den engeren Ring; vielen dämmerte es schon, daß der Leimsieder allein schweigend gehandelt habe, während die anderen bloß redeten, wie man handeln solle, und daß der einzige Politikus in der Stadt ein Verliebter sei. Alle lauschten atemlos den weiteren Antworten Michaels, die so kurz und schwer fielen, wie Hammerschläge auf den Amboß.

»Warum,« fragte der Bürgermeister, »habt Ihr mir nicht sofort pflichtmäßig Anzeige gemacht von dem erlauschten Geheimnis?«

»Weil ich gern meine eigenen Pfade im stillen gehe, und den nächtlichen Weg zum Söldnerbauer hättet Ihr mir doch gar zu gerne verlegt. Übrigens glaubtet Ihr ja alle, was ich dem Wachtposten entdeckte, ungeprüft. Also konnte ich schweigen. Heute, wo man laut zu zweifeln beginnt, rede ich.«

»Da Michel alles weiß, so kann er uns vielleicht auch sagen, welchen Weges morgen der Dachsburger ziehen wird?« sagte der Gerbermeister in zornigem Spott.

»Allerdings«, erwiderte der Leimsieder trocken.

»Und habt Ihr das auch von den Knechten des Ritters?«

»Nein, sondern vom Ritter selber.« Und wiederum schwieg er, als harre er weiterer Fragen.

»Himmel und Welt!« rief der Bürgermeister, »lauf' doch einer in die Werkstätte des Schmieds und hole die große Zange, daß wir ihm die Worte etwas leichter aus dem Munde ziehen können!«

»Die Zange brauchen wir jetzt nicht,« sagte Michel, »aber den Hammer werden wir brauchen, morgen früh vorab, wenn es wider den Dachsburger geht. Und jetzt höret das Übrige. Ich selber habe dem Ritter unsere drei Kundschafter fangen helfen. Das kam nämlich so: es ließ mir keine Ruhe, ich mußte Näheres erforschen über den Plan unseres Feindes. Ich schlich mich daher in einem Bauernkittel zum Müller in der Lohe, wo der Dachs mit seinen Knechten und einer Schar Bauern hielt, die er dorthin entboten, um mit ihrer Hilfe ein weidgerechtes Treibenjagen auf die drei städtischen Kundschafter anzustellen. Die Bauern kennen mich alle, aber keiner wird mich verraten, denn wegen des Söldnerbauern Gertrud halten sie mich für ihresgleichen. So wurde ich also mit ihnen im Treiben aufgestellt. Natürlich hatte ich die Absicht, unsere drei Leute auf meiner Linie auskommen zu lassen, und das wäre auch geschehen, wenn sie nicht gar zu selbstgewiß all meine Winke verachtet hätten. Mögen sie's also haben. Nach vollführtem Fang bewirtete uns der Ritter auf der Mühle, und als er nach manchem tiefen Trunk etwas stark redselig wieder zu Pferde stieg, blickte er nach dem Mond und sagte zu mir, der ich das Roß am Zügel hielt: »Wachsend Licht und Ostwind – das gute Wetter wird standhalten. Sonnenschein auf Lichtmeß! Der Dachs wird seinen Schatten sehen, wenn er aus der Höhle tritt. Bäuerlein! Wie heißt der Spruch vom Dachs auf Lichtmeß?« Da erwiderte ich: »Sieht der Dachs auf Lichtmeß seinen Schatten, so kriecht er auf vier Wochen wieder in den Bau zurück.« Der Ritter lachte und rief zu seinen Leuten, indem er dem Pferd die Sporen gab: Heuer wird der Dachs den Spruch zu Schanden machen. Ich verstand wohl, was er meinte, und schlich in meiner Angst dem Reiterzuge nach, der im Schritt den steilen Berg hinanklomm. Indem ich nun so im Schatten des Waldsaumes nebenher huschte, vernahm ich, wie der Ritter von der Klosterwiese als dem Sammelplatz sprach, wo er auf Lichtmeß am Vormittag mit seinen Freunden zusammentreffen wolle. Von der Burg zur Wiese gibt es aber nur einen Weg für berittene Mannen, nämlich durch die Schlucht im Rauchholz. Dort müssen wir morgen zur rechten Stunde lauern oder nirgends; und nun wisset Ihr alles, was ich selber weiß.«

Michael wollte bescheiden wieder auf seinen Platz zurückgehen, aber die anderen duldeten das nicht; jeder wollte ihn ausfragen, beloben, seinen Rat hören: der Leimsieder war mit einemmal der Mann der Volksgunst geworden, obgleich sich doch alle vor ihm hätten schämen sollen, als vor ihrem leibhaften bösen Gewissen, welches ihnen wie ein Spiegel, nur im verkehrten Bild, die eigenen Mängel vorhielt. Keiner zwar zupfte sich an der eigenen Nase, sondern ein jeder seinen Nebenmann, und es gab ein babylonisches Gewirr, in welchem das Lob des Schmieds mit den gegenseitigen Vorwürfen der einzelnen zusammenfloß.

Nun fand sich's auch urplötzlich, daß es in der Rüstkammer fehle und im Proviantgewölbe; denn alle hatten geredet, keiner gerüstet, alle gezecht, keiner gehandelt, den Leimsieder ausgenommen, der sein Haus bestellt hatte für jeden Fall, während er ganz still seinem Tagewerk und seiner Liebschaft nachging.

So endete er auch jetzt den greulichen Tumult, indem er seinen Harnisch zeigte, der gefestet und blank geputzt, und sein Schwert, das scharf geschliffen war, und erbot sich, dem Dachsburger selber in der Waldschlucht zu Leibe zu gehen, wofern ihn nur zwölf tüchtige Burschen begleiten wollten. Die fanden sich bald, und die Befehlshaber redeten auch kein Wort wider das Wagnis, denn sie fürchteten schon, der Leimsieder mögs ihnen allen über den Kopf wachsen; werde er etwa vom Ritter geduckt, so sei es gerade kein Unglück.

Am anderen Morgen zog Michael zum Tor aus, nicht mit zwölf, sondern mit dreißig Genossen, denn Tatkraft lockt zur Tat. Ein größerer Haufe marschierte in der Richtung der Klosterwiese, um, mit Vermeidung eines Gefechts, die dort sich versammelnden anderen Ritter zur Seite zu locken, daß sie nicht etwa dem Dachsburger entgegenritten. So hatte es der Leimsieder schon längst im stillen ausgedacht.

Lautlos strich er mit seiner Schar in der frühen Dämmerung durch den Wald und stellte in der Schlucht die Zünftler ins Versteck hinter die Bäume und Felsstücke. In der Rechten hielt er den wuchtigen Schmiede-Hammer, das Schwert ruhte in der Scheide, über der Rüstung trug er den Bauernkittel, in welchen er sich so oft zu ganz anderen Abenteuern verhüllt hatte. »Sonnenschein auf Lichtmeß!« war der Feldruf der Städter an diesem Tage.

Als eben die späte Februarsonne hellglänzend durch die laublosen Wipfel aufstrahlte, nahte sich der Ritter, sorglos den engen, steinigen Pfad herabreitend; die Knechte folgten ihm, einer hinter dem anderen, denn der Weg bot nicht Raum für zwei. Der Harnisch des Dachses glühte im goldenen Licht und der Schatten von Roß und Mann fiel vor ihm her.

Da trat ihm auf zwölf Schritt der Schmied aus dem Gebüsch entgegen. »Sonnenschein auf Lichtmeß!« rief er. »Herr Ritter, Ihr macht ein Sprichwort zu Schanden: Der Dachs sieht seinen Schatten, aber er kehrt nicht mehr in seinen Bau zurück!« Und bei diesen Worten warf er den Hammer im Bogen dem geharnischten Mann entgegen; – er hatte den Wurf oft daheim geübt, während die anderen auf dem Rathaus Reden übten. Der Hammer sauste dem Gegner an den Kopf; doch schlug er ihm nur den Helm herab, welcher lose und bequem aufgesetzt gewesen. Allein das Roß scheute, bäumte, und ehe der erschrockene Reiter des erschrockenen Tieres Meister ward, stürzte es im Gestein des abschüssigen Pfades. Mit dem Sturz aber kamen dem kampfgewohnten Manne die Sinne wieder; im Nu war er aus den Bügeln, auf den Beinen, zog das Schwert und sprang dem Schmied entgegen, der kaum rasch genug sein eigen Schwert aus der Scheide reißen konnte. Sie prallten beide gleichzeitig aneinander.

»Sonnenschein auf Lichtmeß!« schrie der Leimsieder und hämmerte in fürchterlichen Naturhieben auf des Gegners Harnisch, als hätte er glühendes Eisen auf dem Amboß.

»Ich will dir den Sonnenschein auf ewig verdunkeln l« erwiderte der Ritter und gab ihm zugleich die Hiebe kunstgerechter, doch nicht minder kräftig heim.

»Sonnenschein und Sturm zugleich!« rief der Michel. »Wenn's auf Lichtmeß stürmt und tobt, der Bauer sich das Wetter lobt!« und schlug dem Ritter einen Querhieb ins Gesicht, daß das Blut die Backen herunterrann.

Nun kam auch dem Dachs der Humor: »Lichtmeß hell, gerbt dem Bauer das Fell!« entgegnete er und zog dem Michel einen Hieb über die linke Schulter, daß er dachte, er habe den Bauer durch und durch gespalten. Aber der Harnisch, an welchem der Leimsieder gehämmert, während seine Mitbürger Stroh gedroschen, fing den Streich auf und nur der Bauernkittel, in Fetzen geschlagen, fiel von der Schulter, daß der Schmied plötzlich in blanker Rüstung wie ein Junker vor dem Ritter stand.

»Lichtmeß dumper, macht den Bauer zum Junker!« donnerte Michel nun, die richtige zweite Halbstrophe zu der eben gesprochenen ersten des Ritters fügend.

»Wird der Bauer zum Junker, geht die Welt unter!« rief der Dachs mit entsprechendem Streich.

»Für dich geht sie unter heut auf ewig«, antwortete der Leimsieder mit entsprechendem Gegenstreich. Und mit der Losung »Sonnenschein auf Lichtmeß!« fiel er immer wütender den Ritter an.

»Auf Lichtmeß sieht der Bauer lieber den Wolf in der Herde als die Sonne am Himmel!« brüllte der Ritter. »Ihr sollt den Wolf haben und die Sonne zugleich!« und schwang sein Schwert gewaltig über Michels Kopf.

Der Ritter behielt das letzte Wort: der Schmied wußte keinen Wetterspruch von Lichtmeß mehr, aber er behielt den letzten Hieb. Denn kaum hatte der Dachsburger jenes Wort gesprochen, so spaltete ihm der Leimsieder den Schädel und rief: »Schweigen ist auch eine Antwort!«

Der Fall des Führers entschied den Tag. Des Schmiedes Genossen hatten leichtes Spiel mit den Knechten des Ritters. Roß und Rüstung, welche diesen im offenen Felde so oft den Sieg verschafft über die Städter, wurden in der engen Felsschlucht ihr eigenes Verderben. Als sie vollends den Herrn fallen sahen, wandten sie sich zur Flucht. Doch wurden etliche niedergemacht und gefangen.

Die Bundesgenossen auf der Klosterwiese harrten bis Mittag ihres Freundes, da meldete ihnen gleichzeitig das Jubelgeschrei und Glockengeläute von der Stadt herüber und ein versprengter Knecht, der aus der Schlucht entronnen war, des Dachsburgers Schicksal. Sie gingen für diesmal auseinander und kamen so bald nicht wieder.

Die Bürger aber in der Schlucht, welche von Stund an die »Dachsfalle« hieß, luden die Leiche des Ritters samt Schwert und Rüstung auf sein Pferd und führten dieses Siegeszeichen zur Stadt; Michael der Leimsieder ging mit dem Hammer an der Spitze des Zuges. Als sie an dem Hause des Söldnerbauern vorbeikamen, nahm er den Alten zur Rechten und die Gertrud zur Linken. Den zerfetzten Bauernkittel trug der jüngste Lehrjunge der Schmiedezunft ganz hinten auf einem Spieß wie ein erbeutetes Banner.

So schritt die abenteuerliche Rotte zum Tore herein. Am Marktplatz machte man Halt und legte die Leiche des Ritters auf den Stein vor der Schmiede wie auf einem Paradebett aus, daß jeder sich überzeugen konnte, es sei auch wirklich der Dachsburger und kein anderer, den Michael gefällt. Es zeigte sich, daß der Ritter aufs Haar so lang war wie der Stein, nämlich sieben Fuß, gleich als sei der Stein, der schon seit undenklicher Zeit dort lag, eigens für ihn zurecht gehauen worden. Das alte zweihändige Ritterschwert, wie es damals schon kein Mensch mehr zu führen pflegte, ward zu ewigem Gedächtnis im Rathaus aufbewahrt. Es kam von da der Brauch auf, neu eingeschworenen Bürgern dieses Schwert zu zeigen, damit sie im Andenken an Michael den Leimsieder erkennen möchten, daß wenig reden und viel handeln die erste Bürgertugend sei. Als Lösegeld für den gefangenen Metzger, Schuster und Schneider schickte man die Leiche des Dachsburgers seiner Familie zurück. Er hatte bekanntlich die Gefangenen gegen Mastochsen, Mastschweine und junge Geißböcke ausliefern wollen. Ein Mönch im Städtlein fand diese Wendung so bedeutsam, daß er am nächsten Sonntag sehr erbaulich darüber predigte.

Michael heiratete seine Gertrud ohne Einsprache, wie sich von selbst versteht. Seine Freunde behaupteten noch lange nachher, nie im Leben, nicht einmal an seinem Hochzeitstage, sei er so gesprächig gewesen wie in der Dachsfalle, als er mit Hieben gewettert und mit Wetterregeln dreingehauen habe. Und doch sei er auch dort das letzte Wort schuldig geblieben, nicht aber den letzten Hieb. Der Spitzname des Leimsieders ward, wie das damals so oft geschah, zum Familiennamen. Die Familie blieb in hohen Ehren, soll jedoch in späterer verfeinerter Zeit jenen Namen abgelegt haben, so daß mehrere große Männer deutscher Nation, die ohne Zweifel aus dem Hause Michaels stammten, den Zusammenhang mit ihrem Ahnherrn nicht mehr durch den Namen, sondern bloß durch ihre Taten nachweisen konnten, ganz im Geiste Michaels.

In unseren Tagen, wo man zu jeder alten Sage sofort eine noch viel ältere Parallelsage aufspürt, wollen sogar einige Gelehrte behaupten, nicht Michael Obertraut aus dem Dreißigjährigen Kriege, sondern dieser Michael Leimsieder sei der ursprüngliche deutsche Michel gewesen, der verspottet schweigt, wenn die weisen Politiker reden, aber zu allerletzt das Wort und den Hieb führt, wenn jenen ihr Latein ausgeht.

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