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Die geheimnisvollen Zimmer

Sven Elvestad: Die geheimnisvollen Zimmer - Kapitel 9
Quellenangabe
pfad/elvestad/gehzimme/gehzimme.xml
typefiction
authorSven Elvestad
titleDie geheimnisvollen Zimmer
publisherEDEN-VERLAG / BERLIN W 62
yearca. 1933
firstpub1919
senderbruce.welch@gmx.de
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
created20120309
modified20180124
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VIII
Wie Aakerholm erschossen wurde.

Als Asbjörn Krag durch die kleine Allee zurückging, wirbelten ihm die verschiedensten Gedanken durch den Kopf. Während seines Gespräches mit Frau Hjelm hatte sein Argwohn sich außerordentlich verstärkt; aber ganz unerwartet waren außerdem noch etliche neue Dinge an den Tag gekommen.

Was hatte Bengt bei der »Modedame« zu suchen? Offenbar war sie ebenso erstaunt gewesen über seinen plötzlichen Eintritt wie er selbst.

Während Krag in tiefes Sinnen versunken seines Weges ging, hörte er plötzlich jemanden hinter sich her laufen. Er wandte sich rasch um und gewahrte einen jungen Mann, der sich ihm in höchster Eile näherte. Krag blieb stehen.

»Wollen Sie mich sprechen?« fragte er, als der andere ihm nahe genug war, um ihn zu hören.

»Ja, ich habe eine Botschaft für Sie.«

»Von wem?«

»Von Frau Hjelm. Ich bin ihr Knecht.«

Der Mann sah sich vorsichtig um, als fürchte er, daß jemand sie belauschen könne.

»Ich bringe einen Brief«, flüsterte er. »Ich soll Sie bitten, ihn zu lesen und dann nur ja oder nein zu sagen.«

Krag nahm schnell das weiße Kuvert, das in der Hand des Mannes leuchtete. Er riß es auf und nahm einen kleinen Briefbogen heraus. In größter Eile hatte eine zierliche Damenhand darauf geschrieben:

›Ich muß Sie unbedingt sprechen, ehe Sie abreisen.‹

Eine Unterschrift fand sich nicht darunter.

»Nun?« fragte der Mann gespannt.

»Sie kennen vielleicht auch den Inhalt des Briefes?« fragte Krag.

»Nein, den kenne ich nicht.«

»Sagten Sie, Frau Hjelm habe ihn geschrieben?«

»Ja, sie schrieb ihn in der Halle, wo ich darauf warten mußte.«

»War sie allein?«

»Ja, aber der junge Aakerholm befand sich im Zimmer nebenan.«

»Gut. Sie können Frau Hjelm von mir grüßen, und ich werde heute abend tun, was sie wünscht.«

Der Mann zog die Mütze und wollte in die Villa zurückeilen, aber Krag hielt ihn fest. »Hören Sie«, sagte er, »wo wohnt der Herr, der gestern abend bei Frau Hjelm zu Besuch war und ihr Haus einige Minuten vor elf verließ?«

»Das weiß ich nicht.«

Krag mußte darüber lächeln, daß seine kleine List so leicht gelungen war.

»Nun«, sagte er, »es ist ja schließlich auch ganz gleichgültig. Grüßen Sie Frau Hjelm.«

Damit setzte er seinen Weg fort.

Als er in Kvamberg ankam, traf er den Arzt auf dem Hof. Er sah sehr erregt aus.

»Ich muß dich sofort sprechen«, sagte er.

Die beiden Herren gingen in ihre Zimmer hinauf.

Doktor Rasch schloß die Tür und nahm eine Haltung an, die andeutete, daß er eine wichtige Mitteilung zu machen hatte.

»Während deiner Abwesenheit hat sich hier etwas ereignet«, sagte er, »etwas ganz Unerwartetes.«

»Hat man vielleicht den Mann aus dem Pavillon gesehen?« fragte Krag in vollkommen gleichgültigem Ton.

»Nein.«

»Was hat sich denn sonst ereignet?«

»Die Polizei ist hier.«

»Wirklich?«

»Ein Vorgesetzter mit zwei Schutzleuten. Sie fordern eine gerichtliche Untersuchung betreffs Aakerholms Tod.«

»Schön«, sagte Krag und setzte sich ruhig an seinen gewohnten Platz am Kamin.

»Du bist also nicht im geringsten überrascht?« fragte der Arzt erstaunt.

»Nein«, antwortete der Detektiv, »nur unerwartete Dinge überraschen mich, lieber Doktor, und das hier kann ich wirklich nicht unerwartet nennen. Ich habe es nämlich selbst veranlaßt.«

»Du?!«

»Ja. Ich mußte bei der jetzigen Sachlage die Polizei zuziehen, damit eine Berührung der Leiche verhindert werde. Eine solche ist nun natürlich verboten worden?«

»Ja, ich hörte den Koch davon reden.«

»So ist es in Ordnung.«

»Was beabsichtigst du selbst zu tun?« fragte Doktor Rasch ungeduldig.

»Ich reise ab.«

»Was sagst du!?«

»Ich reise heute vormittag ab. Meine Tasche ist bereits gepackt.«

»Wann kommst du wieder?«

»Heute nacht. Aber das darf niemand wissen.«

»Oh, ich verstehe. Du willst Bengts Argwohn einlullen. Während er dich weit fort wähnt, bist du in Wirklichkeit in seiner unmittelbaren Nähe und beobachtest ihn.«

»Stimmt. Ich komme heute abend um elf Uhr hierher zurück. Du mußt dafür sorgen, daß ich ungesehen hereinkomme. Das Fenster deines Zimmers geht ja nach dem Park hinaus. Es muß um elf Uhr dunkel sein, aber du mußt wach bleiben und beobachten, was sich ereignet. Habe auch ein Seil bei der Hand. Alles andere überlasse mir.«

»Ich will alles nach deinen Angaben erledigen«, erwiderte der Arzt. »Aber nun bin ich sehr neugierig, zu erfahren, welches Resultat dein Gespräch mit Frau Hjelm hatte.«

»Es ergab nichts Besonderes.«

»Hat sie etwas mit dem Drama zu schaffen?«

»Das werden wir sehen. Jedenfalls ist es mir gelungen, festzustellen, wie der Mord vor sich ging.«

Der Arzt nahm Krag gegenüber Platz. Er sah den Detektiv forschend an und sagte:

»Ich ertrage es nicht länger, daß du mich so außerhalb der Sache hältst. Erzähle also. Wie hat sich der Mord zugetragen?«

Krag lachte.

»Ich will dir gern Bericht darüber erteilen«, sagte er. »Die Sache liegt ganz klar und einfach. Unmittelbar nach Bengts und meiner Abfahrt nach der Stadt verließ der alte Herr das Haus, um seine zukünftige Frau zu besuchen. Sie hatten verabredet, daß er um elf Uhr bei ihr sein wolle. Aakerholm hatte ihr versprochen, ihr dann das dunkelste Geheimnis seines Lebens erzählen zu wollen.«

»Das dunkelste Geheimnis seines Lebens?« fragte der Arzt.

»Ja, jenes Geheimnis, das ohne Zweifel untrennbar mit den drei Zimmern in Verbindung steht. Als er weggehen wollte, fand er ganz zufällig seine alte Pistole auf dem Tisch des Wohnzimmers, wo er sie nach seinem Meisterschuß gestern abend hatte liegen lassen. Er steckte sie ein, ohne auch nur im geringsten daran zu denken, daß er sie vielleicht nötig brauchen könnte oder überhaupt irgendwelche Verwendung dafür haben würde. Er ging also fort und nahm den Weg durch die kleine Allee. Alles das weißt du, nicht wahr?«

Der Arzt nickte.

»Obwohl wir eine mondhelle Nacht hatten, lag die Allee im Dunkel. Gestützt auf die mittlerweile gesammelten Aufklärungen, kann ich dir nun alles weitere schildern, was sich dann zugetragen hat. Ich nehme an, daß Aakerholm bereits zwei Drittel des Weges zurückgelegt hatte. Er war etwa bis zu jener Stelle gekommen, von der aus man Frau Hjelms Villa sehen kann. Da macht der Weg einen Bogen um einen aufragenden kleinen Hügel. Plötzlich blieb er stehen, weil er sah, daß sich die Verandatür öffnete und ein Herr heraustrat.«

»Aus Frau Hjelms Villa?«

»Ja. Natürlich war Aakerholm sehr erstaunt und fragte sich, wer dieser Herr wohl sein könnte. Das wollte er feststellen und verbarg sich daher rasch hinter dem Hügel, um nicht gesehen zu werden. Nun folgten die Geschehnisse Schlag auf Schlag, und im Verlauf von wenigen Minuten spielte sich das ganze traurige Drama ab. Der Fremde ging an Aakerholm vorüber, aber dieser erkannte ihn in der Dunkelheit nicht. Er wartete also, bis er ein wenig weiter gegangen war und folgte ihm dann. Der andere ging durch die ganze kleine Allee, und nun nahm Aakerholm natürlich an, daß er abschwenken und in die große Allee einbiegen werde. Aber was geschah? Er lenkte seine Schritte statt dessen nach links und bog in Aakerholms Park ein. Den breiten Parkweg nahm er, der an dem niedergerissenen Pavillon vorüberführt und auf der anderen Seite in den Wald mündet. Aakerholm sagte sich also, daß er, um zu erfahren, wer der Fremde sei, vor ihm dort anlangen müsse. Er nahm natürlich einen Querweg, um auf diese Weise dem anderen direkt begegnen zu können. Das alles ist doch klar wie der Tag, nicht wahr?«

»Vollkommen«, sagte der Arzt. »Weiter.«

»So sah Aakerholm endlich des Fremden Gesicht, und als er erkannte, wer es war, zog er sofort seine Pistole und schoß auf ihn. Aber ein so furchtbares Entsetzen hatte den alten Herrn gepackt, daß er sein Ziel nicht traf oder den anderen doch nur höchstens verwundete.«

Der Arzt unterbrach ihn:

»Nein, nun kann ich dir nicht folgen«, sagte er, »ich sehe nicht ein, daß es notwendig war, auf den anderen zu schießen.«

»Doch, doch, als er sah, wer der Fremde war, wie ich bereits sagte.«

»Nun, wer, um des Himmels willen, war es denn?«

»Selbstverständlich kein anderer als der Mann aus dem Pavillon.«

»Aha, nun verstehe ich.« Krag fuhr fort:

»Nachdem er geschossen hatte, ging Aakerholm schwankend, wehr- und schutzlos einige Schritte zurück, und da schoß der andere ihn kaltblütig nieder.«

Der Arzt erhob sich tief bewegt.

»Ja, so muß es sich wohl zugetragen haben«, sagte er. »Nun ist mir alles klar. Aber nun gilt es auch, den Unbekannten zu fassen, den geheimnisvollen Mörder, der ja in unserer Nähe weilen muß.«

»Ganz recht«, antwortete Krag. »Wir müssen seiner habhaft werden. Vielleicht verrät er sich heute nacht, da er mich fern von hier wähnt.«

»Ja, aber wie willst du es einrichten, unbemerkt wieder zurückzukommen?«

»Ich steige an einer benachbarten Zwischenstation aus und nehme mir dann ein rasches Gespann. Ich habe Frau Hjelm versprochen, sie heute abend zu besuchen, und sie wird mir sicher manche wertvolle Aufklärung geben können. Und dann werden wir sehen, ob es uns nicht gelingen wird, in den nächsten vierundzwanzig Stunden den mystischen Fremden zu fassen, der sicher das Geheimnis mit den drei Zimmern kannte, daraufhin Aakerholm mit so namenlosem Schrecken erfüllte und schließlich dem alten Ehrenmanne eine Kugel ins Herz jagte.«

Asbjörn Krag hatte kaum zu Ende gesprochen, als es an die Tür klopfte.

Bengt trat ein.

Krag bemerkte, daß er sehr erregt war. Er hatte rote Flecken auf den Wangen und sah den Detektiv mit haßerfüllten Blicken an.

»Sie wollen also abreisen?« fragte er.

»Ja.«

»Jetzt gleich?«

»In einer Stunde geht ein Zug vom Kvamberger Bahnhof ab. Den dachte ich zu benutzen.«

»Ich möchte Ihnen einen guten Rat geben«, sagte Bengt. »Sie sollten mit dem Schnellzug fahren, der binnen kurzem von der Stadt aus abgeht. Der ist angenehmer, und außerdem hält er auf keiner Zwischenstation.«

Krag erkannte sofort, daß der andere Mißtrauen gegen ihn hegte und nicht an seine endgültige Abreise glaubte. Nahm er den Schnellzug, so hatte Bengt doch immerhin Gewißheit dafür, daß er sich etliche Meilen von Kvamberg entfernen mußte.

»Sehr gut«, sagte er. »Ich danke Ihnen für Ihren guten Rat. Natürlich ist mir der Schnellzug lieber.«

»Schön. Aber ehe Sie abreisen, muß ich eine Klage gegen Sie vorbringen.«

»Ich stehe zu Ihrer Verfügung.«

»Sie haben sich in einer unerhörten Weise in meine Angelegenheiten eingemischt.«

»Wirklich?«

»Ja. Sie sind es natürlich, der Veranlassung dazu gab, daß die Polizei sich für die Selbstmordangelegenheit meines Vaters interessiert. Finden Sie nicht, daß diese Angelegenheit an sich schon traurig genug ist, und daß es nicht nötig gewesen wäre, die Familie auch noch dem öffentlichen Skandal preiszugeben?«

»Die Familie?«

»Als Pflegesohn habe ich doch wohl das Recht, diese Bezeichnung anzuwenden. Außerdem haben Sie einen meiner Freunde beleidigt.«

»Wen, wenn ich fragen darf?«

»Den Polizeidirektor.«

»Aha, den dicken, überfütterten Herrn, den ich im Klub traf.«

»Sie hörten wohl nicht, daß ich ihn meinen Freund nannte. Sie haben auf eine mir unverständliche Art bewirkt, daß nicht er, sondern ein grüner, junger Beamter die Sache in die Hand nahm. Ich weiß nicht, wie es Ihnen gelungen ist, das zu arrangieren, aber es soll ein Telegramm vom Polizeipräsidium aus Kristiania gekommen sein.«

Der Arzt, der mit wachsendem Staunen diesem Gespräch gelauscht hatte, sagte sich sofort, daß er nun eine Erklärung für Krags nächtliches Telegraphieren habe.

Der Detektiv antwortete:

»Glauben Sie wirklich, daß ich das alles angeordnet habe?«

»Ja.«

»Dann wäre es ja sehr töricht von Ihnen, mit mir darüber zu sprechen.« Er sah auf die Uhr.

»Ich muß mich beeilen«, sagte er, »wenn ich den Schnellzug noch erreichen will. Sie waren wohl auch so freundlich, mir einen Schlitten zu bestellen?«

»Er wartet vor dem Hause auf Sie.«

Die drei Herren gingen hinunter.

Vor dem Haupteingang stand der junge Polizeibeamte, von dem Bengt eben so höhnisch gesprochen hatte. Es war ein beweglicher junger Mann mit offenem Gesicht und scharfen Augen. Als er Asbjörn Krag gewahrte, war er sehr erstaunt und grüßte verbindlich. Das bemerkte Bengt und zuckte zusammen.

Aber Krag trat auf den Beamten zu und drückte ihm die Hand, indem er ihn scharf und bedeutungsvoll ansah.

»Ach, Sie hier«, sagte er, »es freut mich, Sie wiederzusehen. Soweit ich mich erinnere, behandelte ich Sie einst an einer Halskrankheit. Wie geht es Ihnen jetzt?«

Der Beamte, der sofort Herr der Situation war, antwortete rasch:

»Danke, ausgezeichnet, Herr Doktor, ich bin wieder vollkommen gesund.«

»Ja«, erwiderte Krag, indem er den Worten eine ganz besondere Betonung gab, »diese Art Erkrankung geht rasch vorüber, wenn man nur vorsichtig ist

»Das bin ich, Herr Doktor.«

Während Krag den Schlitten bestieg, wandte der junge Mann sich ab, und ein wunderliches Lächeln glitt über seine Züge.

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