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Die geheimnisvollen Zimmer

Sven Elvestad: Die geheimnisvollen Zimmer - Kapitel 7
Quellenangabe
pfad/elvestad/gehzimme/gehzimme.xml
typefiction
authorSven Elvestad
titleDie geheimnisvollen Zimmer
publisherEDEN-VERLAG / BERLIN W 62
yearca. 1933
firstpub1919
senderbruce.welch@gmx.de
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
created20120309
modified20180124
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VI
Die drei Zimmer.

Die Herren betraten das erste Zimmer. Es wies keinerlei Merkwürdigkeiten auf, doch war es nach dem sehr originellen Geschmack des Bewohners eingerichtet. An den Wänden hingen eine Menge Waffen verschiedenster Art, besonders Gewehre und Pistolen.

Das zweite Zimmer war in dem gleichen Stil möbliert.

»Hier ist doch nichts zu verbergen«, sagte der Arzt.

»In diesen Zimmern sind auch schon andere Menschen gewesen«, meinte Bengt. »Mein Pflegevater hatte lange einen taubstummen Diener, der nachts in dem ersten Zimmer schlief.«

Asbjörn Krag war gerade im Begriff, die letzte Tür zu öffnen, hielt aber jäh inne und horchte auf Bengts Worte.

»Was sagen Sie? Einen taubstummen Diener? Das ist doch seltsam.«

»Ja. Er kannte ihn von Amerika her. Der Taubstumme hatte wohl Indianerblut in den Adern und war seinem Herrn sehr treu. Nun ist er schon eine Weile tot.«

Krag öffnete die Tür zu dem innersten Zimmer.

Es war ein großer, reich dekorierter Raum.

In einer Ecke hinter einem japanischen Schirm stand Aakerholms Bett, das er stets selbst zurecht machte. An der Wand hingen Photographien und Gemälde. Im übrigen waren die Wände völlig mit Teppichen behangen, und der Fußboden war mit einem großen, dicken, weichen Perser belegt.

Die drei Herren standen eine Weile und betrachteten mit interessierten Blicken die Möbel, die Bilder und die Fenster. Der Arzt brach als erster das Schweigen.

»Hier findet sich ja absolut nichts Merkwürdiges«, sagte er.

»Nein, das habe ich auch gar nicht erwartet«, warf Bengt rasch ein. »Ich dachte mir stets, daß all die Geheimtuerei mit den drei Zimmern tatsächlich nur eine Marotte des alten Herrn war. Was sollte er denn auch zu verbergen haben, der gute alte Schelm?«

Der Arzt sah Krag fragend an.

»Sollten wir nicht aber doch das Zimmer genauer untersuchen?« fragte er.

»Das ist ganz unnötig«, antwortete Krag.

»Ja, das meine ich auch«, stimmte Bengt zu. »Es wäre wohl das Gescheiteste, die Lampen zu löschen und zu Bett zu gehen. Wir bedürfen wirklich der Ruhe nach diesem schrecklichen Abend.«

Ohne seinen Bemerkungen auch nur die geringste Aufmerksamkeit zu schenken, trat Asbjörn Krag an die Wand und betastete und drückte die sie bedeckenden Teppiche und Tapeten.

Dann murmelte er:

»Und als käme ihm erst jetzt Bengts Wunsch zum Bewußtsein, die Lampen zu löschen und zu gehen, sagte er:

»Nein, wir werden nicht zu Bett gehen. Oh, ich versichere Ihnen, meine Herren, das ist ein sehr geheimnisvolles Zimmer. Wie war er klug, der alte Mann.«

»Aber worin besteht denn das Geheimnis?« fragten Bengt und der Arzt zugleich.

»Das werden Sie später schon erfahren. Doch zunächst mußt du, lieber Doktor, mir bei einer kleinen Probe behilflich sein.«

»Bei einer Probe?«

»Frage nicht, tue nur, was ich sage. Also wiederhole mir doch, bitte, mal die folgenden Worte: »Da hast du's … du Teufel!«

»Da hast du's … du Teufel!« wiederholte der Arzt erstaunt.

Bengt aber stand stumm. Er war plötzlich totenbleich geworden bei den Worten des Detektivs und bohrte ihm einen drohenden Blick in die Augen. Krag tat, als merke er es nicht.

»Lauter«, fuhr er, an den Arzt gewandt, fort, »viel lauter. Du mußt es hinausschreien. Stelle dir vor, daß ein Mann im Begriff ist, einen anderen zu töten. Als er in wilder Wut gerade dabei ist, ihm eine Kugel durch den Schädel zu jagen, schreit er: ›Da hast du's … du Teufel!‹ »

Der Arzt wiederholte den Ruf nun lauter und Krag erklärte sich befriedigt.

»Warte nun hier zwei Minuten«, sagte er, »nach genau zwei Minuten stößt du den Schrei aus.«

Damit verließ der Detektiv das Zimmer.

Dem Arzt blieb sein Tun ein völlig unerklärliches Rätsel, aber er wollte unter allen Umständen den Anordnungen seines Freundes folgen. Er konnte innerlich nicht leugnen, daß ein Gefühl des Unbehagens ihn überkam, als Krag gegangen war, und er sich mit Bengt allein in diesem geheimnisvollen Zimmer befand, das seine Phantasie in schrankenlose Bewegung setzte.

Asbjörn Krag war durch all die Zimmer und Korridore zurückgegangen, auch durch das Wohnzimmer, in dem er im matten Schein des Mondlichts den Toten unter dem weißen Bettuch liegen sah. Schließlich kam er auf den Hof hinaus und nahm den gleichen Weg, wie in der vorigen Nacht, als er den alten Herrn ausspionieren wollte und den schaurigen Ruf vernommen hatte.

Er blieb unter den Fenstern der drei Zimmer stehen und lauschte. Nun waren die zwei Minuten vergangen. Er lauschte intensiv.

Endlich! Da kam der Ruf! Der Detektiv hörte ihn ganz deutlich, aber wie aus unendlicher Ferne, als trüge ihn eine Luftwelle aus einer anderen Welt herbei.

Rasch ging er zurück. In Aakerholms Zimmer erwarteten ihn Bengt und der Arzt.

»Ist diese geheimnisvolle lächerliche Geschichte nun erledigt?« fragte der erstere.

»Ja, danke, meine Untersuchung der Zimmer hier ist beendet. Aber jetzt gehen wir in den Park hinunter.«

»In den Park? Was sollen wir da?«

»Die Stelle untersuchen, an der der Koch die Leiche fand.«

»Ist das notwendig?«

»Absolut. Für uns Ärzte ist es durchaus erforderlich, in einem so zweifelhaften Falle wie diesem hier, alles in Erfahrung zu bringen, was sich irgendwie erforschen läßt, um zur Klarheit zu gelangen.«

Krag verschloß die Türen. Er verließ die drei Zimmer als letzter.

»Rufen Sie den Koch und ein paar andere Männer herbei«, bestimmte er. »Wir müssen Licht mitnehmen.«

Asbjörn Krag war fest entschlossen, alles nach seinem Gutbefinden zu leiten. Er nahm von Bengt keine Notiz und überhörte seine Bemerkungen völlig. Ohne weiteres steckte er die Schlüssel des Toten in seine eigene Tasche, obwohl Bengt ja das nächste Anrecht auf sie hatte.

Der Arzt beobachtete erfreut, wie das Interesse des Detektivs sich mit jeder Minute erhöhte. Der Begriff Müdigkeit schien ihm fremd zu sein. Offenbar verfolgte er eine Spur. Aber wohin diese führte, das ahnte Doktor Rasch nicht.

Inzwischen waren der Koch, der Stallknecht und noch ein paar Leute gerufen worden. Sie kamen alle mit Fackeln in der Hand.

Krag verschwand einen Augenblick in seinem Zimmer und kehrte dann mit seiner Polizeilaterne zurück. Das war ein richtiges kleines Wunder von einer elektrischen Blendlaterne, ihr Licht war weiß und stark wie das hellste Tageslicht.

Bengts Staunen wuchs, als er Krag im Besitz einer solchen Laterne sah.

»Revolver und Blendlaterne«, sagte er höhnisch, »nun fehlt nur noch die Polizeimarke, und die Ausrüstung ist vollständig.«

Vor der Tür stand der Schlitten mit zwei prustenden Pferden. Der Kutscher ging unablässig daneben auf und ab, bemüht, sich zu erwärmen.

Asbjörn Krag trat zu ihm, gab ihm eine Anweisung und überreichte ihm ein Blatt Papier.

»Zum Telegraphenamt, so rasch wie möglich. Wecken Sie den Assistenten, er soll diese Eiltelegramme sofort befördern. Und warten Sie auf die Antworten.«

Gleich darauf glitt der Schlitten der Stadt zu.

Krag, der Arzt und Bengt gingen nun in Begleitung der Fackelträger nach dem Park. Es war bitter kalt, der Schnee knirschte unter ihren Schritten. Das Licht der schwankenden Fackeln warf gespenstische Streifen zwischen die Baumstämme.

»Hier war es«, erklang plötzlich die tiefe Baßstimme des Kochs.

Sie blieben alle stehen, und Andresen beleuchtete mit seiner Fackel einen der nächsten Bäume. Von dem Baum bis zum Wege war etwa eine Entfernung von vier bis fünf Metern.

Krag bat die anderen, auf dem Wege zu bleiben. Er selbst leuchtete den Boden von dort bis zum Baum ab und entdeckte deutliche Spuren im Schnee, die bewiesen, daß hier kürzlich ein männlicher Körper gelegen haben mußte.

Krag las in den Merkmalen, wie man in einem Buch liest.

»Er lag mit dem Gesicht im Schnee«, sagte er.

»Ganz richtig«, erklärte der Koch. »Die rechte Hand mit dem Revolver hielt er unten an sich gedrückt; er war darauf gefallen. Die linke Hand dagegen hatte er über den Kopf geworfen; ich sehe im Schnee klar die Abdrücke aller fünf Finger.«

»Ganz richtig.«

»Hier ist auch ein Blutfleck. Aber viel Blut kann er nicht vergossen haben, er muß sofort gestorben sein. Wie spät war es, als Sie ihn fanden?«

»Ungefähr zehn Minuten nach elf.«

»Also bei klarstem Mondschein …«

Plötzlich fuhr Krag zusammen. Er hatte eine neue Spur im Schnee entdeckt.

»Trug Aakerholm nicht Hirschlederstiefel?«

»Ja.«

»So sehe ich dort seine Fußtritte. Sie beginnen am Wege. Er ist vom Wege abgewichen, wie man vor einem heraneilenden Auto ausweicht, plötzlich und eilig. Und dann – ah, jetzt sehe ich es: er ist die sieben bis acht Schritte bis zum Baum rückwärts gegangen.«

Bengt hatte Krags Untersuchungen mit wachsendem Interesse beobachtet. Nun sagte er:

»Es ist absolut nicht merkwürdig, daß mein armer Vater vom Wege bis zum Baum rückwärts ging. Er fürchtete natürlich, daß ihm jemand folgen und ihn daran hindern könnte, die Tat auszuführen.«

»Ich sagte ja auch gar nicht, daß es merkwürdig sei«, erwiderte Krag. »Für mich ist es das wichtigste, die Tatsache festzustellen.«

Wie ein Spürhund schnüffelte er noch eine Viertelstunde im Schnee umher. Dann löschte er seine Laterne und erklärte, daß er fertig sei.

Die Gesellschaft begab sich zurück in das Haus.

Krag ließ sich von dem Koch zeigen, wo die kleine Allee lief.

»Sie führt also direkt zu dem Hause von Aakerholms Braut?« fragte er.

»Ja, sie führt zu Frau Hjelms Villa«, antwortete Bengt.

»Hm«, machte Krag. »Um halb elf sah man den alten Herrn in der Allee; zehn Minuten nach elf fand man seine Leiche im Park, das heißt also in der entgegengesetzten Richtung. Kann man im Zeitraum von vierzig Minuten von hier zu Frau Hjelms Villa und wieder zurück an die Stelle im Park gelangen, an der man den Toten fand?

Der Koch überlegte.

»Das ist vielleicht möglich«, sagte er. »Aber so genau kann ich es nicht sagen. Jedenfalls müßte man dann sehr rasch gehen.«

»Nun, das werden wir morgen untersuchen. Jetzt ist es bereits halb vier, und der Mond ist gerade im Begriff, sich hinter einer Wolke zu verstecken. In wenigen Minuten wird die Dunkelheit uns am Weiterarbeiten hindern, die Fackeln genügen nicht. So ist es also am besten, daß wir uns jetzt zur Ruhe begeben.«

Krag nahm des Doktors Arm, grüßte Bengt kurz aber freundlich und eilte die Treppen hinauf.

Es war still und warm in den Fremdenzimmern, ein munteres Feuer prasselte im Kamin. Bald hatten die beiden Herren ihre Zigarren in Brand gesteckt und sich's gemütlich gemacht. Krag war anfangs schweigsam und nachdenklich. Doktor Rasch schien vollkommen überwältigt von den Erlebnissen der letzten Stunden. Er saß eine Weile mit den Händen vor dem Gesicht. Dann murmelte er:

»Ich ahnte es, ich ahnte es. Der prächtige alte Mann. Und welch ein furchtbarer Tod!« fügte er schaudernd hinzu.

Plötzlich wandte er sich an Krag, der bereits in seine Lieblingsstellung gesunken war: zur Hälfte im Sessel begraben, die Beine nach dem Kamin hin ausgestreckt, die Zigarre im Munde, von dichten Rauchwolken eingehüllt.

»Du behauptetest«, sagte er, »daß du das Geheimnis der drei Zimmer kenntest, aber es gab ja gar kein Geheimnis in ihnen.«

Krag lachte laut auf.

»Wie blind ihr Menschen doch seid«, sagte er. »Gewiß ist ein Geheimnis mit den drei Zimmern verknüpft. Das vermutete ich sofort, als du mir in Kristiania von den seltsamen Anordnungen des alten Herrn erzähltest. Gestern gingen mir dann plötzlich die Augen auf, und ich wurde meiner Sache noch sicherer, als ich von dem taubstummen Diener hörte. Nun aber habe ich unwiderlegliche Beweise für die Richtigkeit meiner Annahme an der Hand.«

»Aber von dem taubstummen Diener weißt du ja gar nichts«, wandte der Arzt ein.

»Gewiß weiß ich etwas von ihm«, behauptete Krag, »ich weiß, daß er taubstumm war … das genügt mir.«

Eine kurze Pause entstand, während der neue dicke Rauchwolken aus Krags Sessel emporstiegen. Darauf fragte der Arzt unsicher und in fast flüsterndem Ton:

»Glaubst du, daß mit Aakerholms Selbstmord etwas Geheimnisvolles verknüpft ist?«

Krag wurde ernst.

»Selbstmord?« fragte er. »Es war kein Selbstmord. Aakerholm wurde ermordet.«

»Ermordet?«

»Ja. Ins Herz geschossen. Niedergeschossen, wie man einen räudigen Hund erschießt.«

Der Arzt sprang entsetzt auf.

»Und das sagst du so ruhig!« rief er aus. »Aber wer, um des Himmels willen, ist denn der Mörder?«

»Das weiß ich nicht, ich ahne es noch nicht. Der einzige, der es mir hätte sagen können, der alte Herr selbst nämlich, wollte es nicht, als ich ihn gestern danach fragte.«

»Was meinst du damit?«

»Ich meine den Mann, den Aakerholm im Pavillon gesehen hatte. Das ist der Mörder.«

»Und warum, glaubst du, wollte Aakerholm ihn dir nicht beschreiben?«

»Tja, das ist wieder ein Geheimnis, das mit den drei Zimmern zusammenhängt.«

Der Arzt ging wie gehetzt im Zimmer auf und ab.

»Ermordet!« murmelte er. »Was für eine entsetzliche Vorstellung.«

Plötzlich blieb er stehen und sagte:

»Aber die zwei Schüsse, Krag, es fielen ja nur zwei Schüsse, und beide Läufe von Aakerholms Pistole waren abgefeuert.«

»Eben diese beiden Schüsse beweisen, daß hier ein Mord vorliegt«, sagte der Detektiv.

»Das verstehe ich nicht.«

»Nun, das ist doch aber ganz einfach: Der erste Schuß wurde von Aakerholm abgegeben. Der zweite – und tödliche – von dem Mörder. Du darfst nicht vergessen, daß Aakerholm uns abends, kurz zuvor, seine Schießgeschicklichkeit bewies, indem er das As aus der Karte schoß. Also befand sich nur noch ein Schuß in seiner Pistole.«

Der Arzt blieb stehen.

»Ganz recht«, sagte er. »Nun fange ich an zu begreifen.«

»Und außerdem«, sagte Krag, »zeigen Spuren im Walde, daß Aakerholm den Mörder auf dem Wege vor sich auftauchen gesehen haben muß. Er fuhr zurück in den Schnee, vielleicht hat er in demselben Augenblick geschossen, aber sein Ziel verfehlt, was ich trotz seiner sonstigen Sicherheit, durchaus nicht unwahrscheinlich finde, da er aufs höchste erschrocken war. Erinnere dich doch des schaurigen Ausdrucks im Gesicht des Toten.« Der Arzt nickte.

»Nun wohl. Nachdem er geschossen hatte, war er ein paar Schritte rückwärts gegangen, bis zu dem Baum. Da hat ihn dann die tödliche Kugel getroffen.«

Der Arzt saß eine lange Weile still und sann.

»Ich verstehe nicht«, sagte er schließlich, »warum Aakerholm so spät abends in den Park hinausging.«

»Das verstehe ich auch nicht«, antwortete Krag und zündete sich die dritte Zigarre an. »Aber das wird uns wohl die ›Modedame‹ sagen können. Vergiß nicht, Doktor, daß wir eine der Hauptpersonen dieses Dramas noch gar nicht gesprochen haben, nämlich die schöne Witwe Hjelm.«

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