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Die geheimnisvollen Zimmer

Sven Elvestad: Die geheimnisvollen Zimmer - Kapitel 6
Quellenangabe
pfad/elvestad/gehzimme/gehzimme.xml
typefiction
authorSven Elvestad
titleDie geheimnisvollen Zimmer
publisherEDEN-VERLAG / BERLIN W 62
yearca. 1933
firstpub1919
senderbruce.welch@gmx.de
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
created20120309
modified20180124
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V
Der Tote.

Als Krag und Bengt nach einer fliegenden Schlittenfahrt auf Kvamberg ankamen, fanden sie das Haus hell erleuchtet wie zu einem Fest.

Die beiden Männer hatten während der rasenden Fahrt nicht viel Worte miteinander gewechselt. Aber eine Bemerkung hatte Bengt gemacht, die Krag sich ins Gedächtnis einprägte. Er hatte gesagt:

»Man fand die Leiche im Park? Das ist merkwürdig.«

Der Schlitten fuhr zur Freitreppe hinauf. Bleich und barhäuptig trat der Arzt aus der Tür. Er war so erregt, daß er kaum sprechen konnte. Aber Krag fragte auch nichts.

Ein Diener kam herbei, um den Herren beim Aussteigen zu helfen. In der Nähe standen ein paar Frauen, die Hände vor dem Gesicht, und schluchzten. Der dicke rote Koch trat herzu und wies sie fort.

»Wo ist die Leiche?« fragte Bengt, indem er sich den Weg durch die Reihe der versammelten Dienstboten bahnte.

»Im Wohnzimmer«, antwortete einer von ihnen.

Bengt ging voran. Unmittelbar hinter ihm folgten Krag und der Arzt. Krag fing eine Bemerkung von einem der Mädchen auf:

»Ach, der Patron hat sich ja selbst …«

Erstaunt und fragend sah Krag seinen Freund an.

»Er hat sich erschossen«, flüsterte dieser, »mitten ins Herz geschossen.«

Der Detektiv beschleunigte seine Schritte und erreichte das Wohnzimmer von Bengt. Die Leiche lag auf einem Sofa, mit einem weißen Laken zugedeckt.

Bengt wollte herbeieilen und das Bettuch fortziehen, aber Krag hielt ihn zurück.

»Werden Sie es ertragen, die Leiche zu sehen?« fragte er ihn.

Bengt maß ihn mit einem verächtlichen Blick und antwortete:

»Finden Sie den Zeitpunkt für Scherze geeignet?«

»Scherz oder Ernst, es ist jedenfalls Sache des Arztes, in dieser Angelegenheit Bestimmungen zu treffen. Der Tote hat sich erschossen.«

»Sich erschossen?« rief Bengt aus. »Nicht möglich! Ich dachte, er sei vom Schlage getroffen worden.«

»Das dachte ich auch«, sagte Asbjörn Krag leise und enthüllte die Leiche.

Nun trat auch Doktor Rasch zu ihnen. Der Detektiv lüftete das Bettuch nur so weit, daß des Toten Antlitz bedeckt blieb.

Aakerholm trug seinen Alltagsanzug und einen Winterüberzieher. Er lag auf dem Rücken. In der linken Hand hielt er krampfhaft umschlossen die Pistole, mit der er noch vor wenigen Stunden so meisterhaft geschossen hatte. An der Kleidung des Toten sah man das Merkmal der tödlichen Kugel.

»Direkt ins Herz«, flüsterte der Arzt. »Er wußte, wo er zu schießen hatte, der alte Herr.«

Bengt stand, minutenlang stumm. Dann sagte er plötzlich, indem er sich über den Toten beugte:

»Armer alter Vater. Auf diese Weise solltest du also deine Ruhe suchen.«

Von der offenen Tür aus, die sich mit der Dienerschaft angefüllt hatte, vernahm man lautes Schluchzen.

In diesem Augenblick zog Asbjörn Krag das Tuch von dem Gesicht des Toten. Bengt fuhr zurück und preßte die Hände vor die Augen, als wolle er sich vor einem fürchterlichen Anblick schützen.

Aber das Antlitz des alten Aakerholm bot auch einen Anblick dar, der den stärksten Mann erzittern machen konnte.

Es war erstarrt in dem erschütterndsten Ausdruck des Schreckens; die Augen waren aus den Höhlen getreten, der Mund verzerrt.

Was hatte der Unglückliche unmittelbar vor seinem Tode gesehen?

»Ziehen Sie das Tuch darüber«, bat Bengt, »das ist ja entsetzlich!«

Krag ließ sofort wieder das Tuch über die verzerrten Züge fallen.

»Ich verbiete jedem, die Leiche zu berühren«, befahl er strenge. »Sie muß in unveränderter Stellung hier liegenbleiben, bis ich eine andere Anweisung gebe.«

Bengt schien anfangs erstaunt und verstimmt über seinen befehlenden Ton. Doch er faßte sich rasch und sagte zu den Leuten:

»Richtet euch nach des Herrn Doktors Befehlen.«

Zu Krag gewandt, fuhr er fort:

»Ich bevollmächtige Sie, alles zu tun, was in dieser Sache erforderlich ist.«

Krag nickte gleichgültig.

»Ich bitte Sie, mir einen leichten Schlitten mit einem raschen Pferde zur Verfügung zu stellen«, sagte er. »Ich muß ein paar Telegramme absenden.«

Er wies auf die Tür.

»Schicken Sie die Neugierigen fort, sie haben hier nichts zu schaffen. Und dann lassen Sie den oder die hereinkommen, die die Leiche fanden.«

»Ich sah die Leiche zuerst«, sagte der Koch und trat ernst und schwer ins Zimmer.

»Und ich hörte die Schüsse«, rief ein Knecht und folgte ihm.

»Schüsse?« fragten Bengt und Krag zugleich. »Waren es denn mehrere?«

»Ja«, erwiderte der Arzt, der sich nun allmählich wieder zu sammeln begann, »man hat zwei Schüsse gehört.«

»Gut«, erklärte Krag. »Schließen Sie die Tür.«

Die Mägde und Knechte entfernten sich, und die Tür wurde geschlossen.

Asbjörn Krag befragte zunächst den Knecht.

»Sie hörten also die zwei Schüsse?« wandte er sich an ihn.

»Ja.«

»Wo befanden Sie sich in dem Augenblick, da sie fielen?«

»Ich hatte eben die Pferde versorgt und die Stalltür geschlossen.«

»Wie spät war es?«

»Die Turmuhr schlug gerade elf. Ich blieb stehen und zählte die Schläge.«

»Waren Sie allein?«

»Ja.«

»Sind Sie auch ganz sicher, daß kein Mensch in der Nähe war?«

»Ganz sicher nicht. Aber es ist ja heller Mondschein, wäre also jemand draußen gewesen, so hätte ich ihn doch wohl gesehen.«

»Und Sie hörten deutlich zwei Schüsse?«

»Ja, erst hörte ich nur einen Schuß.«

»Konnten Sie gleich die Richtung bestimmen, aus der er kam?«

»Ich erkannte sofort, daß im Park geschossen wurde.«

»Was taten Sie da?«

»Ich bekam es erst mit der Angst, aber dann lief ich über den Hof und rief Andresen, den Koch. Gleich nachdem ich ihn gerufen hatte, hörte ich den zweiten Schuß.«

»Wieviel Zeit lag zwischen den beiden Schüssen?«

»Nur ein paar Sekunden. Ich glaube, kaum eine halbe Minute.«

»Merkten Sie einen Unterschied zwischen den beiden Schüssen? Ich meine, war der eine Schuß stärker als der andere?«

Der Knecht überlegte einen Augenblick.

»Das kann ich nicht so bestimmt sagen«, antwortete er dann. »Aber wo Sie mich nun danach fragen, scheint es mir, als wenn der erste Schuß stärker war als der zweite. Dieser klang vielleicht, als wäre er weiter entfernt.«

Nun mischte sich der Arzt in das Gespräch.

»Aber was können denn nur diese beiden Schüsse zu bedeuten haben?« fragte er. »An der Leiche ist ja nur das Merkmal eines Schusses wahrzunehmen.«

Bengt, der während der ganzen Zeit am Fenster gestanden und den Mond betrachtet hatte, wandte sich nun bei der Bemerkung des Arztes plötzlich um.

»Es ist eine bekannte Tatsache, die Sie, lieber Doktor, doch auch wissen dürften, daß Selbstmörder häufig eine Art Probeschuß in die Luft abfeuern, als wollten sie dadurch Mut sammeln zu ihrer Tat.«

»Ja, dafür gibt es allerdings mehrfache Beispiele«, murmelte Krag.

»Und außerdem könne man sich ja vorstellen, daß mein armer Vater sich erst durch die Schläfe schießen wollte, daß der Schuß ihm aber mißlungen sei.«

»Wie Sie wissen, pflegte er sein Ziel nicht zu verfehlen«, meinte Krag.

»In einem solchen Augenblick könnte die Hand doch wohl zittern und unsicher werden, sollte ich meinen. Unter allen Umständen«, Bengt nahm die Pistole, die auf dem Tische lag, »hat er beide Läufe abgeschossen, denn sie sind leer.«

»Das sah ich bereits«, sagte Krag, »und gerade das macht das Rätsel noch geheimnisvoller.«

Krag wandte sich wieder an den Knecht.

»Was taten Sie dann?« fragte er ihn.

»Als ich Andresen gerufen hatte, kam er herbeigelaufen. Ich erzählte ihm von den Schüssen, und wir gingen nun zusammen in den Park. Aber Andresen erzählte es erst noch den anderen Knechten und Mägden.«

»Fanden Sie die Leiche sofort?« fragte Krag nun den Koch.

»Nein«, antwortete dieser, »nicht sofort. Wir suchten zehn Minuten. Schließlich sah ich etwas Schwarzes unter einem Baum, wenige Schritte vom Wege, und ich ging dorthin. Es war der Patron. Ich schüttelte ihn, aber er war tot. Er hat sich wohl das Leben genommen, dachte ich gleich, als ich die Pistole in seiner Hand sah. Ich rief den Stallknecht und ein paar andere zu Hilfe, und wir trugen die Leiche hier herauf. Das ist alles, was ich weiß.«

Asbjörn Krag überlegte eine Weile, dann fragte er:

»Hat keiner von Ihnen Herrn Aakerholm gesehen, nachdem wir zur Stadt gefahren waren?«

»Ich ging sofort in mein Zimmer«, sagte der Arzt, »und sah ihn also nicht mehr. Ich glaubte, der alte Herr habe sich zu Bett gelegt.«

»Marianne hat ihn gesehen«, erklärte der Koch.

»Wer ist Marianne?« fragte Krag.

»Das Hausmädchen.«

»Holen Sie sie herein.«

Im nächsten Augenblick trat Marianne ein. Es war ein rothaariges Mädchen von etwa dreißig Jahren. Sie hatte Tränen in den Augen.

»Wie ich höre, sind Sie es, die Herrn Aakerholm zuletzt gesehen hat«, begann Krag.

»Ich sah ihn, als er aus dem Hause ging«, antwortete sie. »Ich war im Wohnzimmer, um alles in Ordnung zu stellen. Während ich damit zu tun hatte, kam er herein.«

»Sagte er etwas?«

»Er fragte, ob die Herren wirklich nach dem Klub gefahren sind. Darauf antwortete ich ihm, daß ich nicht weiß, wohin sie gefahren sind, aber ich sah sie eben mit dem Schwarzen fortfahren.«

»Nun – weiter.«

»Dann begann er zu suchen.«

»Zu suchen?«

»Ja, nach einem Buch.«

Asbjörn Krag und der Arzt wechselten einen raschen Blick.

»Fand er das Buch?« fragte der Detektiv.

»Nein, und darüber war er sehr böse. Er zankte: ›Es lag ja noch vor einem Weilchen hier. Ist denn alles hier im Hause verhext?‹ sagte er. Er suchte über eine Viertelstunde, aber er fand das Buch nicht. Dagegen …«

Da trat Bengt plötzlich auf sie zu.

»Was sagen Sie?« schrie er. »Er fand das Buch nicht?«

Aber dann beruhigte er sich schnell wieder und fügte hinzu:

»Nun, das ist ja auch ganz gleichgültig. Ich dachte an etwas ganz anderes.«

Asbjörn Krag sah Bengt scharf an, und dieser wandte sich vor seinen Blicken ab.

Marianne fuhr fort:

»Dagegen fand er … uh …«

Sie begann wieder zu weinen und zitterte am ganzen Körper.

»Was fand er?«

Das Mädchen zeigte auf die Pistole und stammelte voll Entsetzen und Abscheu: »Die … die da.«

»Die Pistole also.«

»Ja. ›Liegt sie noch immer hier?‹ sagte er und steckte sie in die Tasche. Darauf ging er.«

»In den Park hinunter?«

Marianne begann unsicher zu werden.

»Nein … er ging den anderen Weg, durch die kleine Allee.«

»Fanden Sie es nicht merkwürdig, daß er so spät ausging?«

»Nein, das fand ich gar nicht merkwürdig.«

»Warum nicht?«

Es verging fast eine Minute, ehe Marianne antwortete. Dann sagte sie leise und verlegen:

»Weil er durch die kleine Allee ging.«

Da mischte Bengt sich wieder in das Gespräch.

»Ich sehe die Notwendigkeit dieses eingehenden Verhörs nicht ein«, sagte er, »das wirkt beunruhigend und aufregend auf die Dienerschaft und auch auf mich.«

Asbjörn Krag nahm keine Notiz von ihm, sondern stellte unbeirrt seine weiteren Fragen.

»Wohin führt denn die kleine Allee?«

»Sie führt zu … zu Hjelms.«

»Aha, nun verstehe ich – zu Aakerholms Braut also.«

»Ja«, antwortete Marianne. »Frau Hjelm wohnt mit ihrer Mutter ganz in der Nähe.«

»Schön. Ich danke Ihnen, weiter brauche ich nichts zu wissen.«

Marianne, der Koch und der Knecht verließen das Zimmer. In der Tür warfen sie noch einen scheuen Blick auf das Sofa, auf dem Aakerholms Leiche unter dem weißen Bettuch lag.

Als sie verschwunden waren, trat Krag an den Toten heran.

»Mit Ihrer Erlaubnis«, sagte er zu Bengt, »werde ich mir Herrn Aakerholms Schlüssel aus seiner Tasche nehmen.«

»Was wollen Sie damit?«

»Wir brauchen sie alle.«

»Wozu?«

»Nun, wir werden jetzt die drei Zimmer besichtigen.«

»Finden Sie das sehr pietätvoll gegen den Verstorbenen?« wandte Bengt ein. »Wir müssen es tun.«

»Nun, so tun Sie es meinetwegen«, gab der junge Mann nach.

Krag nahm die Schlüssel.

Der Arzt bewunderte im stillen die unerhörte Ruhe und Sicherheit seines Freundes. Nun war er auf seinem Gebiet, nun war er bei der Arbeit. Er berechnete und handelte ohne Schwierigkeit. Zwar war er ein wenig bleich, doch keine Miene in seinem steinernen Antlitz verriet Unruhe oder Unsicherheit. Seine Augen aber funkelten und sprühten wie Katzenaugen im Dunkeln.

»Sehen Sie«, flüsterte Bengt und wies durch das Fenster hinaus.

Die anderen beiden traten zu ihm. Alle standen plötzlich sprachlos und unbeweglich. Denn aus dem Flügel dort kam Licht aus Aakerholms Zimmer.

»Es ist, als wäre er noch da«, sagte der Arzt.

»Gehen wir«, unterbrach ihn Krag.

Und er ging voran durch die vielen Zimmer und Korridore des alten Gutshauses. Die anderen folgten ihm auf den Fersen.

Schließlich blieben sie vor Aakerholms Privatzimmern stehen, und Krag versuchte die Schlüssel.

Niemand sprach. Es war so still rings um sie, daß der Arzt sein Herz klopfen hörte.

Doch plötzlich sagte Krag, indem er Bengt scharf ansah:

»Ich glaube, wir beide, Herr Bengt, ahnen, was wir hier in diesen Zimmern finden werden.«

Der Schlüssel paßte, Krag hatte den richtigen gefaßt.

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