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Die geheimnisvollen Zimmer

Sven Elvestad: Die geheimnisvollen Zimmer - Kapitel 5
Quellenangabe
pfad/elvestad/gehzimme/gehzimme.xml
typefiction
authorSven Elvestad
titleDie geheimnisvollen Zimmer
publisherEDEN-VERLAG / BERLIN W 62
yearca. 1933
firstpub1919
senderbruce.welch@gmx.de
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
created20120309
modified20180124
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IV
In der Winternacht draußen gestorben.

Alle warteten gespannt auf die Rückkehr des alten Herrn. Bengt stand verwirrt und betrachtete die Pik drei, deren Augen Asbjörn Krag mit seinen Revolverkugeln durchlöchert hatte. Diese Schießfertigkeit erschien ihm fabelhaft.

Krag hatte, von den anderen unbemerkt, seinen Stuhl in die Nähe von Aakerholms Platz geschoben.

Endlich kam dieser zurück, eifrig und leise schimpfend.

»Sehen Sie her, meine Herren«, rief er schon in der Tür, »das nenne ich eine Schießwaffe.«

Und er zeigte ihnen eine doppelläufige Pistole von altem System.

Im Scherz zielte er auf alle drei Herren nacheinander. Asbjörn Krag, der ihm zunächst saß, hielt er die schwarze Pistolenmündung fast direkt unter die Nase.

»Sie ist geladen«, schrie der alte Herr und lachte, »hüten Sie sich. Wenn Sie nicht stille sitzen, rasiere ich Ihnen mit der Kugel die Augenbrauen herunter. Denn das hier ist anderes Handwerkzeug als Ihre Uhrgehänge, lieber Doktor.«

Damit stieß er einen von Krags Revolvern, der zu Boden gefallen war, verächtlich beiseite. Dann ging er an die Tür, um eine neue Karte daran zu befestigen. Und zwar Coeur-As. Er schoß wiederum von dem Nebenzimmer aus und traf mitten in das As.

Das Zimmer war nun völlig angefüllt von Pulverdampf. Aber dem alten Herrn schien der herbe Geruch zu behagen. Erhobenen Hauptes trat er zu Asbjörn Krag heran, um sich dessen Anerkennung für seinen großartigen Schuß zu holen.

Krag jedoch saß völlig unberührt und ruhig in seinem Sessel. Er bat Aakerholm, ihm die Waffe zu zeigen. Dieser reichte sie ihm.

Nachdenklich wog der Detektiv sie in der Hand, las scheinbar ohne Interesse die Inschrift auf dem Griff, sagte dann aber plötzlich, indem er Aakerholm ansah:

»Nun, und das ist also die Pistole?«

Diese Worte wirkten, als hätte er dem alten Herrn einen Dolchstoß verletzt. Mit weit offenen, entsetzten Augen starrte er den Detektiv an und rief aus:

»Was … was … was wollen Sie damit sagen?«

Krag antwortete gleichgültig:

»Was ich damit sagen will? Nichts Besonderes. Das ist also Ihre Pistole, meine ich. Sie schießt gut.«

Der alte Herr schwieg. Etwa eine halbe Minute lang sah er Krag prüfend und durchdringend an. Und als er sich schließlich wieder in seinen großen Stuhl setzte, hatte das verheerte alte Gesicht einen merkwürdigen, erstaunten Ausdruck.

Fenster und Türen wurden nun durch hereinkommende Diener geöffnet und der Rauch mit großen Wedeln förmlich hinausgefegt.

Die Mägde und Knechte des Gutshofes waren bei den Schüssen entsetzt herbeigeeilt. Asbjörn Krag sah es ihren Mienen an, daß sie alle überzeugt gewesen waren, es sei ein Unglück geschehen. Bengt aber winkte ihnen, daß sie hinausgehen sollten. Doch in den Korridoren gab es ein Flüstern und Wispern über die sieben Schüsse und den verrückten Patron. Jetzt waren sie sich alle darüber einig, daß ihr Herr vollkommen verrückt sei.

»Der Doktor und Herr Bengt waren furchtbar verängstigt«, sagte der Koch, der als erster das Zimmer erreicht hatte. »Aber habt ihr den fremden Herrn gesehen? Das muß ein drolliger Bruder sein. Er saß ganz ruhig und rauchte seine Zigarre, obgleich die Kugeln um ihn herum sausten.«

»Und als wir herbeigelaufen kamen, lachte er uns aus«, sagte ein anderer.

»Wer mag nur geschossen haben?«

»Sicher der Alte.«

»Oder vielleicht Herr Bengt?«

So gingen die Fragen und Antworten bis tief in die Nacht hinein in der Küche und den Gesindestuben hin und her. Und sie stimmten alle darin überein, daß es nun auf dem Gutshof geradezu lebensgefährlich sei.

Mittlerweile war das Gespräch zwischen den vier Herren wieder in Gang gekommen. Da es noch immer nach Pulver roch, machte Asbjörn Krag den Vorschlag, daß man in ein anderes Zimmer gehen sollte. Bengt aber widersprach dieser Absicht lebhaft. Krag bemerkte es zu seinem großen Erstaunen.

»Warum denn das Zimmer wechseln?« fragte Bengt. »Ist es hier nicht sehr behaglich? Überdies liebt Vater ja den Pulvergeruch. Er ist nicht so verfeinert wie wir Stadtkinder.«

Krag lächelte leise über diese letzte Bemerkung. Aakerholm aber stimmte Bengt zu.

»Bleiben wir, wo wir sind«, sagte er. »Ich finde, wir sitzen hier gut.«

Und dabei blieb es.

Krag saß fast begraben in seinem Sessel. Er rauchte unablässig und sponn sich in einen dichten Zigarrendampf ein, der wie eine Wolke zur Decke emporstieg. Doktor Rasch betrachtete ihn aufmerksam. Der Detektiv hielt die Augen halb geschlossen, als könne er seine Müdigkeit nicht beherrschen und sei im Begriff, einzuschlafen. Der Arzt aber begriff, daß Krag gerade jetzt alles, was um ihn her vorging, besonders scharf beobachtete und in sich aufnahm.

Bengt plauderte von diesem und jenem und suchte das Gespräch im Fluß zu erhalten. Er redete mit dem alten Herrn und dem Arzt von Schiffs- und Frachtangelegenheiten, er beklagte sich lebhaft über die schlechten Kohlenschiffe nach England. Asbjörn Krag warf ab und zu ein Wort ein und bewies dadurch, daß er auch in diesem Erwerbszweig Bescheid wußte. Doktor Rasch langweilte sich bei dem ihm fernliegenden Thema.

Während seiner Promenade durch das Zimmer blieb Bengt plötzlich vor dem Detektiv stehen.

»Sie scheinen müde zu sein«, sagte er. »Wäre es nicht am gescheitesten, wenn Sie in Ihr Zimmer gingen und sich ausruhten?«

»Nein, danke«, erwiderte Krag matt, »es ist nur eine vorübergehende Mattigkeit.«

»Die kommt daher«, warf Bengt ein, »daß Sie die Nächte nicht zum Schlafen benutzen.«

»Möglich.«

Während dieses scheinbar so gleichgültigen Wortwechsels befand sich der Arzt in einer fast unerträglichen Spannung. Er begriff, daß seines Freundes Müdigkeit Komödie war. Aber warum spielte er diese Komödie? Was hatte er im Sinne? Und was bedeutete die Szene mit den Pistolen? sann er weiter. Warum war der alte Aakerholm so erstaunt und erschrocken gewesen, als Krag jene eigentlich doch so nichtssagende Bemerkung über seine Waffe gemacht hatte? Warum wollte Bengt nicht dieses verräucherte Zimmer verlassen?

Doktor Rasch grübelte und sann, doch je mehr er überlegte, desto geheimnisvoller erschien ihm die ganze Sache. Aber nun sollte er keine Zeit haben, weiter nachzusinnen, denn plötzlich geschah etwas völlig Unfaßliches.

Asbjörn Krag, der wohl zehn Minuten ununterbrochen geschwiegen hatte, fragte unvermittelt:

»Hören Sie, Herr Aakerholm, sind Sie dessen wirklich ganz gewiß, daß gestern abend ein Mann im Pavillon stand und auf Sie zielte?«

Der Arzt sah, wie unerwartet die Frage für den alten Herrn kam, und wie sehr es ihn erregte, sie beantworten zu müssen.

»Ganz sicher«, sagte er.

Krag tat ein paar Züge aus seiner zwölften Zigarre, dann fragte er wieder:

»Wie war er gekleidet?«

Der alte Herr zuckte zusammen. Er schwieg eine lange Weile, endlich aber antwortete er verwirrt:

»Darauf besinne ich mich nicht mehr, das kann ich Ihnen nicht sagen. Im übrigen ist es mir unangenehm, an diese Sache zu denken, und es ist wohl auch nicht durchaus notwendig, darüber zu sprechen.«

»Nein«, sagte Krag gleichgültig wie zuvor, »außerdem weiß ich nun auch genug.«

Aakerholm wandte sich zu seinem Schreibtisch um. Da stieß er plötzlich einen Schreckensruf aus und begrub das Gesicht in die Hände, um es aber im nächsten Augenblick ebenso rasch wieder zu erheben. Er wollte offenbar seine Aufregung verbergen. Der Arzt war im Begriff, zu ihm zu eilen, ein Blick des Detektivs hielt ihn jedoch zurück. Bengt war soeben in das Nebenzimmer gegangen.

Der alte Herr nahm ein Papier vom Schreibtisch und zerknüllte es krampfhaft in der Hand. Dann blätterte er mit fieberhafter Hast in einem Buch. Der Arzt konnte sein Gesicht nicht sehen, aus den Zuckungen seines Rückens aber erkannte er, daß er sich in höchster Erregung befand.

Asbjörn Krag übersah von seinem Platz aus den Schreibtisch, und hinter den halb geschlossenen Lidern verfolgte er mit den Blicken jede Bewegung des alten Herrn. Dieser schlug suchend die Seiten um, rasch und nervös. Schließlich schien er das Gesuchte gefunden zu haben, denn er las murmelnd einen einzigen Satz. Darauf schloß er hastig das Buch, warf es heftig auf den Schreibtisch zurück und erhob sich. Totenbleich und stolpernd verließ er das Zimmer.

Der Arzt folgte ihm, sah aber noch im Hinausgehen, daß Krag das Buch mit der Geschicklichkeit eines Taschendiebes einsteckte. Doktor Rasch nahm Aakerholms Arm. Auf der Türschwelle begegneten sie Bengt in Pelz und Hut.

Der ganze merkwürdige Auftritt hatte kaum zwei Minuten gedauert.

Als der Arzt nach einer Weile zurückkam, standen Asbjörn Krag und Bengt in ruhigem Gespräch.

Lächelnd sagte der Detektiv zu seinem Freunde:

»Nun, folgtest du ihm durch die drei Zimmer?«

»Nein«, antwortete der Arzt, »er warf mir ohne weiteres die Tür vor der Nase zu.«

Krag lachte laut. Dann wandte er sich an Bengt:

»Ihr Vater war müde geworden«, sagte er. »Haben Sie übrigens die Absicht, auszugehen, da Sie im Pelz sind?«

»Ich will in den Klub«, antwortete Bengt.

Krag streckte die Arme und gähnte, als sei er sehr müde.

»Ich wünschte, ich könnte Sie begleiten, um mich ein wenig zu erfrischen«, sagte er.

»Bitte sehr, nichts hindert Sie daran. Doch da höre ich bereits Schlittengeläut vor dem Hause. Und Sie, Doktor Rasch?«

»Nein«, fiel der Detektiv schnell ein, »der Doktor bleibt heute abend lieber hier.«

»Ja, ich bleibe allerdings lieber hier«, sagte der Arzt ein wenig verlegen.

Als der Detektiv einige Minuten später mit Bengt zum Schlitten hinausging, begriff Doktor Rasch, daß Krag nun das Spiel durchschaut habe, und eine wohltuende Ruhe überkam ihn.

Im Klub der kleinen Stadt war eine gemischte Gesellschaft versammelt. Krag und Bengt kamen so spät, daß man hier und da bereits deutlich die Folgen des Alkoholgenusses bemerkte. Als Bengt sich zeigte, wurde er mit Jubel empfangen, und der eitle junge Mann nahm diese Begrüßung lächelnd entgegen.

Krag saß nach wenigen Minuten mitten bei den Honoratioren des Städtchens. Da war ein dicker Bürgermeister, der unerhört viel trank. Er hatte blaue Flecken hinter den Ohren, und sein kugelrundes, aufgedunsenes Gesicht leuchtete feuerrot – der gute Mann war unbedingt für Schlaganfälle prädisponiert.

Ferner der Polizeidirektor, ein stiller, schlaffer, schwerfälliger Trinker. Er saß ruhig auf seinem Stuhl, führte in kurzen Zwischenpausen das Glas an den Mund und sagte zu allem, was man ihn fragte: »Ohne Zweifel! Ohne Zweifel!«

Dann ein vorwärtsstrebender Advokat. Er gestikulierte wild und hielt eine Menge Reden.

Neben ihm saß der Vorsitzende. Krag begriff, daß er in eine politische Gesellschaft geraten war; er hörte den Vorsitzenden flüstern:

»Wir werden unterminieren …«

Es schien ein Oppositionsklub, eine fortschrittliche Vereinigung zu sein.

Ab und zu näherte sich Bengt dem Kreise, stieß mit den Herren an, lächelte geschmeichelt und ging wieder.

»Ein vortrefflicher junger Mann«, sagte einer von der Gesellschaft, »und ein gewitzter, tüchtiger Kerl.«

»Ohne Zweifel!« kam es von dem Polizeidirektor.

Auch der Apoplektische pustete seine Zustimmung heraus.

Doch gleich darauf sagte der Vorsitzende: »Mit seinem Pflegevater lebt er sicher nicht in gutem Einvernehmen. Er ist nicht einverstanden damit, daß der Alte ›die Modedame‹ heiratet. Und darüber darf man sich ja auch nicht wundern.«

»Ohne Zweifel!« sagte der Polizeidirektor und trank.

Plötzlich steckten sie über den Tisch die Köpfe zusammen. Krag hörte, daß sie von der »Modedame« sprachen, und er schnappte eine Bemerkung des Advokaten auf:

»Ob nicht vielleicht Bengt selbst …«

In diesem Augenblick trat Bengt wieder an den Tisch, und da erhob der Advokat sich rasch und hielt ihm eine Rede:

»Die junge Hoffnung der Stadt, die Stütze der Partei, unser lieber Freund Bengt, er lebe hoch!«

Bengt dankte ihm und sagte: »Wir Gentlemen …«

Den Rest hörte Krag nicht, denn er verließ die Gesellschaft und trat an einen anderen Tisch.

Überall wurde getrunken und politisiert; man befand sich inmitten der Wahlen, es galt zusammenzuhalten.

In einem Nebenzimmer belustigten sich die Jüngeren. Es waren besonders junge Großkaufleute, Offiziere und neugebackene höhere Beamte. Man spielte Klavier.

Plötzlich brach in dem Zimmer der Jugend ein unaufhaltsames Gelächter los, und ein paar Herren kamen hereingestürzt, um zu erzählen, was vorgefallen sei.

Der alte Kapitän Evensen, betrunken wie gewöhnlich, war, angelockt durch die Klänge des Klaviers, in das Nebenzimmer gegangen und hatte, im Takt mit der Musik sich wiegend, aus der Flasche getrunken. Dabei war ihm die Flasche aus der Hand geglitten und ins Klavier gefallen. Zwei Saiten waren dadurch gesprungen und lagen nun so tief unten, daß sie sich nicht fassen ließen. Minutenlanger allgemeiner Jubel über diesen Zwischenfall erfüllte den Klub.

Aber nun ergriff der Advokat das Wort und hielt eine Rede auf das Vaterland. Man stehe vor den Wahlen, es gelte die höchsten Interessen des Landes! Gerührt von der schönen Rede, kam man überein, die Volkshymne zu singen. Der Pianist begann zu spielen, aber ganz merkwürdige Töne kamen aus dem Klavier. Denn Evensens Bier sickerte zwischen den Tasten, daß sie zusammenklebten und die Töne sich nicht getrennt voneinander spielen ließen. Inzwischen bildeten der Polizeidirektor, der Advokat, der Bürgermeister und der Vorsitzende einen brüllenden unisonen Chor.

Da wurde plötzlich die Tür aufgerissen, und herein stürzte ein junger Großkaufmann und gebot Stille. Er war kreidebleich, in höchster Erregung und atemlos. Aller Blicke waren auf ihn gerichtet. Krag erkannte sofort, daß er eine ernste Nachricht brachte, und eine fürchterliche Ahnung machte ihn erzittern.

»Meine Herren«, rief der Fremde, als Ruhe eingetreten war, »unsere Stadt und unsere Gesellschaft hat einen schweren Verlust erlitten. Ich habe soeben ein Telephongespräch mit Kvamberg. Herr Aakerholm ist vor wenigen Minuten gestorben. Man fand seine Leiche im Park.«

Das tiefe Schweigen, das auf diese Mitteilung folgte, wurde unterbrochen durch ein zu Boden fallendes, zerschmetterndes Glas. Es war Bengts Glas gewesen. Krag sah ihn an. Totenbleich stand er an den Türpfosten gelehnt.

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