Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Sven Elvestad >

Die geheimnisvollen Zimmer

Sven Elvestad: Die geheimnisvollen Zimmer - Kapitel 13
Quellenangabe
pfad/elvestad/gehzimme/gehzimme.xml
typefiction
authorSven Elvestad
titleDie geheimnisvollen Zimmer
publisherEDEN-VERLAG / BERLIN W 62
yearca. 1933
firstpub1919
senderbruce.welch@gmx.de
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
created20120309
modified20180124
Schließen

Navigation:

Zweiter Teil des elften Kapitels.

»Der Gang der Ereignisse hat dir also nicht die Augen geöffnet für das mit den drei Zimmern verknüpfte ›Geheimnis‹? Nun, das ist ja schließlich auch ganz erklärlich. Denn der Laie hat eine so unwiderstehliche Gewohnheit, stets etwas Unergründliches und Geheimnisvolles in den alltäglichsten Erscheinungen zu sehen. Es stimmt, daß das sogenannte Geheimnis mit den drei Zimmern die Ursache zu diesem Drama war. Aber das Geheimnis an und für sich ist tatsächlich recht alltäglich. Es ist eine Bagatelle, die so beunruhigend geheimnisvoll wurde, weil es unsere Art ist, an Kleinigkeiten vorbeizugehen. Und gerade in dieser Beziehung, mein lieber Doktor, muß der kluge und kaltblütige Detektiv auf seiner Hut sein – unangefochten von Trugbildern und äußeren Umständen.

Als ich von der merkwürdigen Eigentümlichkeit des alten Aakerholm hörte, daß er sich zur Nacht in das innerste der drei isolierten Zimmer einschloß und jedem Unbefugten den Eintritt dort verwehrte, war ich mir sofort darüber klar, weshalb er das tat.«

»Und weshalb tat er es?«

»Warte einen Augenblick, mein lieber Doktor. Willst du das ganze verstehen, so muß ich dir die Sache in einem gewissen Zusammenhang darstellen. Ich tue es auch, damit dein Scharfsinn Gelegenheit finde, sich zu betätigen und mir vielleicht bei meinem Bericht in manchen Fällen zuvorzukommen.

Nun also weiter, mein Freund. Ist es nicht merkwürdig, daß der alte Aakerholm, der seinem Pflegesohn mit Antipathie, ja, sagen wir sogar, mit Widerwillen gegenüberstand, ihn dennoch im Hause behielt?«

»Daran habe ich allerdings noch nicht gedacht.«

»Das hättest du aber tun sollen. Aakerholm adoptierte Bengt, als er siebzehn Jahre alt war. Es liegt kein Grund vor zu der Annahme, daß er ihm damals sympathischer gewesen wäre als später. Aber warum hat er ihn denn adoptiert? Bengt ist elternlos, doch mit Aakerholm absolut nicht verwandt, also mußte dieser irgendeinen anderen besonderen Grund gehabt haben. Ich sagte mir sofort, daß diese Adoption sicher weder eine Tat der Barmherzigkeit war noch eine übertriebene Äußerung von Pflichtgefühl. Ich hatte also nur eine Erklärung dafür: Aakerholm war reich und wollte, indem er diesen jungen Menschen adoptierte, irgend etwas sühnen, zum Beispiel vielleicht ein gegen Bengts Vater begangenes Unrecht.«

»Ja«, meinte der Arzt, »wenn du es so erklärst, halte auch ich diesen Sachverhalt für sehr wahrscheinlich.«

»Es war meine erste Vermutung«, sagte Krag, »und bald sollte ich mannigfache Beweise für die Richtigkeit dieser meiner Annahme erhalten. Heute abend endlich verdichteten sie sich zur vollkommenen Gewißheit. Wenn ich auch Bengt als Mörder bezeichne, und das kann ich, ohne ihm unrecht zu tun, denn er war ja Jim Charters Mithelfer, so haben wir es in dieser traurigen Angelegenheit mit nicht weniger als drei Mördern zu tun.«

»Was sagst du? Mit drei Mördern?«

»Ja: Bengt, Jim Charter und der alte Aakerholm. Das ist nämlich das Geheimnis in dem Leben dieses Ehrenmannes. Er hat, als er in Kalifornien Gold grub, in einem Streit Bengts und Jims Vater erschossen. Und dieses Verbrechen wollte er sühnen, indem er dessen Sohn Bengt adoptierte. Weder Bengt noch Jim hatten in all diesen Jahren eine Ahnung von der Tat des Alten, bis Bengt plötzlich vor etwa einem Vierteljahr durch einen Zufall die ganze Wahrheit erfuhr. Und damit war der alte Herr verloren, denn er verfiel dadurch der Grausamkeit zweier Verbrecher von der verschlagensten Art, die mir je während meiner ganzen Tätigkeit begegnet ist.

Als Bengt das Geheimnis erfuhr, schrieb er an seinen Bruder, der sich wohl zur Zeit wie gewöhnlich in irgendeiner Spielhölle aufhielt. Und nun klügelten sie einen Plan aus, um den alten Herrn zu Tode zu peinigen und sich dann in den Besitz seiner Reichtümer zu setzen. Aber sie mußten sich beeilen, denn die Heirat mit Frau Hjelm stand ja vor der Tür. Und sie ersannen ein teuflisches Verfahren.

Aakerholm selbst hatte keine Ahnung davon, daß sie sein Geheimnis kannten. Als er eines Tages im Park spazieren ging, sah er plötzlich zu seinem Entsetzen seinen alten Gefährten Charter leibhaftig vor sich, den er doch vor vielen Jahren in Kalifornien erschossen hatte. Du erinnerst dich wohl, wie er damals totenbleich, von Grauen gepackt, bis ins Innerste aufgewühlt, krank und elend nach Hause kam und murmelte: »Ist es der Teufel selbst oder ein Mensch?«

Der Arzt nickte.

»Ich erinnere mich«, sagte er. »Weiter.«

»Jim Charter sah seinem Vater zum Verwechseln ähnlich«, fuhr der Detektiv fort. »Die gleiche muskulöse Kraft, der gleiche rote Bart und Haarwuchs. ›Mein Äußeres ist viel Geld wert‹, sagte er einst zu Frau Hjelm. Es ist ja vollkommen klar, was er damit meinte. Um die Täuschung voll zu machen, hat er sich als Goldgräber verkleidet.«

»Dazu also das Arsenal im Lusthause«, sagte der Arzt.

»Ganz recht, Der alte Herr wurde nun von einem Schrecken in den anderen gehetzt.

Auf der Rückseite des großen Spiegels im Wohnzimmer kratzten sie ein Viereck aus, und darin gewahrte Aakerholm eines Abends eine drohende Inschrift. Ich vermute, daß da etwas stand wie ›Mörder‹ oder dergleichen. In seinem Schrecken und Grauen zerschmetterte er den Spiegel.

An dem Abend unserer Ankunft hatte er den Goldgräber wieder gesehen, eine Pistole in der Hand, scheinbar auf ihn zielend. In Wahrheit schoß er in die Luft und verbarg sich dann rasch in dem Pavillon, aus dem ihm Bengt dann heraushalf, indem er ihn über den Schnee trug.

Als wir abends gemütlich beisammen saßen, erhielt Aakerholm einen geheimen Wink, die und die Seite in dem auf dem Schreibtisch liegenden Buch zu lesen. Er blätterte darin, bis er auf Seite 248 die folgenden Worte fand:

»Da hast du's … du Teufel!«

Als Bengt und ich eine halbe Stunde später zum Klub fuhren, ging er aus, um Frau Hjelm zu besuchen. Da sollte er wieder jenen unheimlichen Menschen sehen, dieses Mal in der Allee. Und was weiter geschah, das weißt du.«

»Ja«, sagte der Arzt, »das alles ist ja völlig klar, aber ich weiß noch immer nicht, was das Geheimnis mit den drei Zimmern bedeutet.«

Der Detektiv lachte.

»Ich glaubte, du ahntest es jetzt«, sagte er. »Nun wohl, so will ich dir wieder auf den Weg helfen. Du kannst dir wohl denken, daß auch Bengt, als er noch nichts Böses ahnte, darüber nachgedacht hat, warum der alte Herr sich so merkwürdig benahm und sich ängstlich in seine Zimmer verschloß, sobald er sich zu Bett legte. Endlich fand er ein Mittel, der Ursache hierfür nachzugehen. In aller Stille erbrach er den Fußboden – es war ein Doppelboden – in dem leeren Zimmer über Aakerholms Schlafzimmer und legte das Ohr daran, so daß er durch einen Spalt in den Brettern alles sehen und hören konnte, was unter ihm vorging. Und so geschah es, daß er das ganze Geheimnis entdeckte.

Du schweigst, Doktor? Du kannst es dir noch immer nicht erklären? So muß ich dir wohl alles sagen. Der redliche Aakerholm hat seine Missetat nie verwinden können, sein ganzes Denken kreiste beständig um das in Kalifornien begangene Verbrechen, was nicht zum mindesten die Folge davon war, daß er tagtäglich den Sohn des Ermordeten vor sich sah. Schließlich hatte sich dieses Ereignis vollkommen in seine Phantasie eingefressen, es trieb ihn in die Einsamkeit, beherrschte ihn bei Tag und Nacht, ließ ihn nicht einmal ruhig schlafen. Besonders ein Moment konnte er nicht vergessen: als er dem alten Charter die Kugel durch den Kopf gejagt, hatte er ihm zugerufen:

›Da hast du's … du Teufel!‹

Wir Kriminalisten kennen viele Fälle, in denen Verbrecher sich auf die gleiche Weise verraten haben wie Aakerholm. Mein lieber Doktor, von der ersten Stunde an wußte ich, worin das Geheimnis der drei Zimmer bestand: der alte Aakerholm sprach aus dem Schlaf.«

Der Arzt sprang auf und starrte seinen Freund mit offenem Munde an.

»Was war ich für ein Idiot!« rief er aus und setzte sich verdrossen wieder in seinen Sessel.

Der Detektiv lachte herzlich.

»Aber all right, nun sind alle Rätsel gelöst, und ich habe hier ein paar spannende, interessante Tage erlebt«, meinte Doktor Rasch.

»Es ist die Geschichte eines alten Ehrenmannes«, sagte Krag, »der ein in jugendlicher Hitze begangenes Verbrechen nicht in Frieden sühnen durfte, sondern von der Hand der Rache getroffen wurde, plötzlich und unerwartet, wie die Rache stets zu kommen pflegt.«

»Aber es ist auch die Geschichte eines tüchtigen, findigen Detektivs«, rief der Arzt strahlend aus, »des hervorragendsten Polizeibeamten Norwegens!«

»Ach nein«, erwiderte Krag so ernst, wie der Arzt ihn noch nie gesehen hatte, »es ist nur die Geschichte eines kleinen Menschen, der nicht einmal das Leben eines Mitmenschen zu retten vermochte.«

Zwei Tage später waren Jim und Bengt aus dem Gefängnis des dicken Polizeidirektors entflohen.

Ehe ein zweites Jahr vergangen, war Jim in einen grausigen Eisenbahnüberfall in Amerika verwickelt. Er wurde festgenommen, abgeurteilt und endete im elektrischen Stuhl.

Von Bengt hat Krag nie wieder etwas gehört noch gesehen.

Aber er hat das ganz bestimmte Gefühl, daß er ihm noch einmal im Leben begegnen wird, vielleicht auf einem dunklen Treppenaufgang oder auf einem einsamen Wege.

 << Kapitel 12 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.