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Die Geheimnisse eines Wundermannes. Zweiter Theil

Ludwig Bechstein: Die Geheimnisse eines Wundermannes. Zweiter Theil - Kapitel 9
Quellenangabe
authorLudwig Bechstein
titleDie Geheimnisse eines Wundermannes. Zweiter Theil
publisherW. Einhorn's Verlag/C. A. Hartleben
year1856
correctorreuters@abc.de
senderHerbert Niephaus
created20180917
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8.
Benjamin Jesse.

Der Professor erfreute sich in dieser und noch in einer langen Folgezeit stets der Achtung seiner Mitbürger, wie sehr er auch durch zahlreiche Eigenthümlichkeiten sich von ihnen unterschied. Zu letzterem schien schon die Abgeschlossenheit des academischen Lehrers gegen die nichtgelehrten bürgerlichen Kreise zu berechtigen, die nur da nicht in Anwendung kam, wo der berühmte Mann als Arzt und Helfer zum Volke trat. Hier erwarb er sich, indem er segensreich, uneigennützig, freigebig sogar, mit unermüdlicher Sorgfalt, mit unerschütterlicher Berufstreue zu allen Stunden des Tages wie der Nacht, wenn seine Hülfe nöthig war, wirkte, das, was man mit einem fremden Worte Popularität nennt, im höchsten Grade und in würdigster Weise. Dieser Begriff der Popularität, der Volksbeliebtheit, hat später manche Umwandlung erfahren müssen, das Wort wurde zum Schiboleth politischer Gaukler herabgezogen, die für Erreichung eigensüchtiger Zwecke Volksgunst anstrebten, indem sie das Volk bethörten und ihm ihren Geist der Lüge, ihre Gesetzlosigkeit, ihre Aufruhrgelüste vorschwindelten und aufzudringen suchten, aber der Geist des Volkes rächte sich dafür, denn während der wohlwollende und wohlthätige Mann, der uneigennützige Arzt, der treue Seelsorger, der redliche und gerechte Beamte, der um das Wohl seiner Untergebenen bemühte Gutsherr stets von der Liebe des Volkes getragen wird, sind die Gaukler verhöhnt und weggezischt worden, sind wie Schemen dahin geschwunden, und der Unsegen hat sich sichtbarlich an ihre Sohlen geheftet, ja oft noch mehr, oft der Fluch der durch ihre Redekünste verlockten und in Blut und Tod, in Jammer und Verzweiflung gestürzten Familien geringerer Volksklassen.

Besuche kamen und gingen im Hause des Professors fortwährend, und wie er nicht müde wurde, seine Sammlungen Fremden bereitwillig zu zeigen und zu erklären, obschon es fast nicht mehr möglich war, einen großen Theil derselben gegen das allmähliche Verderben zu schirmen, eben so wurde er nicht müde, stets aufs neue ihm angetragene Seltenheiten anzukaufen und aufzuhäufen, mochten sie nun in Körpern der Thierwelt, oder in Producten der Meerestiefe, oder in seltenen Gesteinen bestehen, oder in die Gebiete der Münzkunde, der zeichnenden Künste, ja selbst in das der Künstelei fallen, wenn sie nur als einzig ihm angepriesen wurden. Dadurch geschahe es, daß selbst das geräumige Haus nicht mehr Raum genug bot, da nichts altes oder veraltetes von der Stelle hinweggerückt werden durfte, und nun gar manches neu gewonnene zwar einmal ausgepackt und besehen, dann aber wieder in die Kiste gelegt und diese zugenagelt wurde, um neben anderen Kisten, deren Inhalte gleiches widerfuhr, auf Böden und in Kammern aufgeschichtet zu werden.

Die Zeit war weiter geschritten in Wissenschaft und Aufklärung, manches alte Vorurtheil war abgelegt, mancher Nimbus verschwunden. Der Nimbus aber, mit dem des Volkes Glaube das verehrte würdige Haupt des alternden Professors schmückte, strahlte noch im vollen Glanze, und wenn es von ihm eine Schwäche war, diesen Nimbus gern beibehalten zu wollen, so war dieselbe verzeihlich, denn sie schadete niemanden, sie war nicht dünkelvoll und anmaßend, sie war liebenswürdig. Der Professor war einst der erste gewesen, der in der Zeit, wo noch jedes anständige und zumal gelehrte Haupt sich mit der Perücke schmückte, dieser als Kopfschmuck ohne Nothwendigkeit lächerlichen Zierde entsagte, aber die alte Tracht legte er deshalb nicht ab, immer noch trug er die bewunderungswürdig feinen Manschetten, immer noch ließ er sich zierlich frisiren oder frisirte sich selbst, und legte sich mit tuchumwundenem Haupte wohl frisirt zur Ruhe nieder, um nicht, falls er in der Nacht zu einem Kranken gerufen werden sollte, durch Ordnen des Haares aufgehalten zu sein. So trug er noch den Galadegen, die Schuhe mit den blitzenden Steinen, das feine dreieckige Hütchen.

Aber wie in der äußeren körperlichen Erscheinung noch gern am Alten haftend, so auch hing der Professor, ohngeachtet der eigenen Fortbildung und dem eigenen Weiterschritte in Sachen der Wissenschaft, geistig am Alten mit der Macht der Erinnerung fest, und erfreute nicht selten willige Hörer mit Erzählungen, denen freilich meist das Gepräge des Geheimnißvollen und Wunderbaren ausgedrückt war, das bisweilen selbst an das Unglaubliche streifte, dennoch aber gern vernommen wurde, denn der Professor kannte sein Publikum und die vorwaltende Neigung im Menschen, sich an das Unerklärliche, Dunkle, Räthselhafte hinzugeben, an die volle Zaubermacht, die im Geheimniß ruht. Dadurch, daß der Erzähler immer von seinen eigenen Erlebnissen Anlaß nahm, an das Wunderbare anzuknüpfen, und wie aus tiefen Schachten längstvergangener Zeiten das Zaubergold seiner Erinnerungen herausholte, gewannen seine Mittheilungen einen ganz besonderen Reiz, und es bedurfte bei ihm, da ein ungeschwächtes Gedächtniß und eine reiche Phantasie ihn unterstützten, nur leiser Anregung, um sich gleich mit voller Lust und Liebe auf irgend ein ihm willkommenes Thema zu werfen.

So geschah es, daß in einer Abend-Gesellschaft, welche der gewohnte Kreis einheimischer Freunde mit deren Frauen und Töchtern bildete, und in welchem Henke und Crell, und andere früher genannte Freunde nicht fehlten, abermals, wie so häufig geschah, sich das Gespräch auf adeptische Künste lenkte, denn jemehr sich in jener Zeit das, was man damals Aufklärung nannte, Bahn brach, um so mehr ging noch die Vernunft, selbst vieler Gebildeten, in den Banden der Finsterniß und befangenen Wahnglaubens. Und leider ist es in den unterdeß verflossenen sechzig Jahren nicht anders und nicht besser geworden, denn während einerseits die Naturwissenschaft, d. h. viele Träger derselben, aus innerer Ueberzeugung auch Andere auf die Wege des Atheismus, die sie wandeln, zu verlocken suchen, weil ihnen das Wesen der Gottheit als ein ganz anderes erscheint, als der Offenbarungsglaube es lehrt, will die mystische Unvernunft die Menschheit ganz und gar umnachten, und sucht einer Tyrannei in Glaubenssachen Wege zu bahnen, gegen die, wenn sie so viel Macht zu gewinnen im Stande wäre, als sie gern erstreben möchte, Inquisition, Hexenfoltern und Brände nur Kleinigkeiten wären. Zu allem Glücke läßt aber Gott die Bäume, aus denen man Scheiterhaufen gewinnt, nicht in den Himmel wachsen, und die Finsterlinge müssen sich am Ende doch, Molchen gleich, in ihre düstern Erdhöhlen verkriechen vor dem hellen Tage und dem ewigen Lichte, vor dem auch die von Jahrhundert zu Jahrhundert immer aufs neue auftauchende schillernde Nautilusblase des Unglaubens und der Gottesläugnung nicht Bestand hat, sondern sammt ihren Trägern in die Meeresfluth des vergessenwerdens wieder versinkt.

Da nun über Adeptenwesen wiederum viel hin und her gesprochen wurde, so nahm einer der anwesenden Freunde das Wort:

»Sie äußerten, verehrtester Herr Professor, vor längerer Zeit, als wir an einem sehr genußreichen Abende bei Ihnen versammelt waren, daß Sie nur wenige ächte Adepten kennten, und nannten dabei den Namen Benjamin Jesse, dessen und seines Zöglings Geschichte völlig entstellt in das Publikum gekommen sei, die Sie aber genauer kennten, als irgend ein anderer; die Erzählung von jenem Manne aber sei sehr ernst, und das war auch der Grund, weshalb Sie dieselbe uns damals nicht mittheilen wollten.«

»»Vielleicht hatte ich damals auch noch andere Gründe!«« erwiederte der Professor. »»Wünschen aber die verehrten Anwesenden diese Erzählung zu vernehmen, so bin ich heute zu deren Mittheilung gern bereit, und fürchte nicht, mit derselben zu langweilen, selbst wenn einigen der geehrtesten Herren bereits etwas von Jesse bekannt geworden ist. Nur das eine will ich, wenn ich erzählen soll, erbitten, daß manches anscheinend unglaubliche meines Berichtes nicht auf meine Rechnung geschrieben werde; ich folge nur meinen Quellen, die freilich durch wunderbare Schicksalsverknüpfungen mir reichlicher flossen, als manchen anderen.««

Was der Professor so eben gesprochen, war hinreichend, eine Spannung in der Gesellschaft anzuregen, die aller Blicke auf ihn lenkte, und so sah er sich bald nicht ohne ein Gefühl innerer Befriedigung, wieder, wie so oft, als den Mittelpunkt eines gebildeten Freundes- und Familienkreises, welcher letztere geneigt und bereit war, sich, wenn nicht mit vollem Glauben, doch mit bewunderndem Erstaunen an seine Erzählung hinzugeben.

»Ein Mann,« wurde diese Erzählung nun begonnen: »dessen persönliche Bekanntschaft ich in der Schweiz machte, dessen Gunst und Freundschaft ich im höchsten Grade genoß, hat mir in vertraulicher Stunde ausführlich dasjenige mitgetheilt, was ich Ihnen berichte. Jener Mann liebte es, in Einzelnes einzugehen, aber gerade die Menge bestimmter Einzelnheiten gab seiner Mittheilung das Gepräge der Wahrheit und Wahrhaftigkeit, wie unwahrscheinlich auch manches unserem Ohre klingen möge, die wir indeß an Kenntniß und in Einsicht in die Naturkräfte um ein halbes Jahrhundert weiter vorgeschritten sind.«

Diese letzteren Worte begleitete der Professor mit einem sehr spöttischen und ironischen Blicke, als wollte er sagen: nicht um einen Quark seid ihr vorgeschritten, ihr eingebildeten Affenschwänze; ihr bildet's euch nur ein, ihr wäret es, und wenn ich heute ein Collegium über die Kunst wirklich Gold zu machen, am schwarzen Brete anschlüge, so würde ich Gefahr laufen, von der Schaar meiner lieben Zuhörer zerquetscht zu werden, so leichtgläubig seid ihr, und so dumm seid ihr. Schnell verschwand indessen im Antlitz des Professors der höhnische Zug, und gab dem sinnigen Ernste Raum, der dieses würdige Antlitz in der Regel beherrschte, indem er nun fortfuhr:

»Es war der erste Donnerstag nach Mariä Heimsuchung. Der Sommerhimmel des kaum begonnenen Brachmonats lachte wolkenleer über den volkbelebten Straßen der Stadt Hamburg, durch die ein Festzug eigenthümlicher Art unter dem Gesange religiöser Lieder, dem lauten bittenden Anruf vieler Knabenstimmen an die Zuschauer, und dem klappernden Schütteln emporgehaltener Almosenbüchsen sich bewegte, in welche die Mildthätigkeit ihre Gaben einwarf. Man hielt den mit dem Namen des Waisengrüns bezeichneten, alljährlichen Umzug der Zöglinge des Waisenhauses, der für die armen Kinder ein Freudenfest, und nicht minder ein solches für die erbarmende Liebe war, denn an ihm konnte die Seligkeit des gebens ungetrübt erlangt und empfunden werden, da jeder Geber gewiß war, nicht an Unwürdige seine Spenden zu reichen.«

»Vor dem stattlichen Gebäude des Orphanotropiums am Ende des Rödingsmarktes hatte sich der Festzug schon am frühen Morgen geordnet, geleitet von den Lehrern an der wohlthätigen Anstalt, und vom Waisenvater, wie von der Waisenmutter begleitet. Ein hübscher Knabe mit dunkelm Haar und feurigen Augen, den aus sechs der durch Fleiß und sittliches Betragen ausgezeichnetsten Zöglinge der Anstalt das Loos getroffen, der muntern Schaar der Kinder als Kapitain voran zu gehen, eröffnete den Zug mit einem hohen, reich bebänderten Stabe, ihm folgten mit ähnlichen, nur kleineren Stäben, drei der jüngsten Knaben. Hinter diesen schritten nun Paar an Paar die Mädchen, die kleinsten voran, dann folgten in gleicher Ordnung die Knaben, alle in ihrer Sonntagskleidung von blauem Tuch, und endlich beschlossen diesen Zug verwaister, aber harmlos glücklicher Kinder die Lehrer und Lehrerinnen, der Waisenvater und die Waisenmutter; zu beiden Seiten des langen Zuges aber gewahrte man dreißig Knaben, welche die an Stöcken befestigten Almosenbüchsen trugen, dieselben unaufhörlich nach den zu beiden Seiten der Straßen, welche der Zug durchwandelte, Stehenden und Gehenden ausstreckten, so wie auch nach den vollbesetzten Fenstern der Erdgeschosse, und dabei durcheinander etwas eintönig und nicht eben harmonisch fort und fort riefen: »Belevet de Herrn, belevet de Madame, belevet de Mamsell de Armen to bedenken? Belevet ook Een in de Hand to schenken?« und jedesmal, so oft ein Schilling oder mehr und minder in der Büchse klapperte, tönte der Dank: Gott's Lohn wegen de Armen! – Und es fielen nicht blos reichliche Gaben in die dargehaltenen Büchsen, sondern die Mildthätigkeit der Bewohner Hamburgs äußerte sich auch dadurch, daß sie vielen Kindern, die nicht bittend, sondern schweigend im Zuge gingen, Spenden in die kleinen Hände drückten; denn man wußte, daß dasjenige Geld, welches auf diese Art verehrt wurde, Eigenthum der Kleinen blieb, für sie gesammelt, in Sparkassen angelegt und treulich verwaltet wurde. So erregte gar manches liebe und unschuldvolle Gesicht die freigebige Theilnahme fühlender Herzen, welche das traurige Loos dieser Kinder erwogen, älternlos zu sein. Beglückte Mütter gaben am meisten, wie sie am meisten ergriffen wurden vom Anblicke so vieler Verwaisten, so vieler Pfänder einer Liebe, die der Himmel trennte, oder die Kirche nicht segnete, oder die Liebelosigkeit überantwortete, denn auch Findlinge fanden Aufnahme in jenem dem Wohle der Menschheit geweihten Hause.«

»Der Zug hatte schon einen großen Theil der Hauptstraßen Hamburgs durchwandelt, hatte am Hause des zweiten Provisors der Anstalt ein Frühstück eingenommen, bei der Börse ausgeruht, und vor dem Steinthore unter einem großen Zelte, umringt von Tausenden der Zuschauer aller Klassen, offene Tafel gehalten. Die Theilnahme der Einwohnerschaft aller Stände war stets so groß, und ist es vielleicht noch, daß man aus Straßen, die der Zug nicht berührte, die Kinder wenigstens zu den in den berührten Straßen wohnenden Freunden sandte, damit aus ihren Händen den Waisenkindern Spenden gereicht würden, und so wurde Wohlthätigkeit zur Lust, ein nie genug zu empfehlender Weg, ihre Segnungen in junge Herzen zu pflanzen und zu vererben.«

»Die Georgenvorstadt wimmelte von Menschen, denen der heutige Tag ein frohes Fest war; in den heitern Lauben und Arkaden vor den Häusern, welche Schatten vor dem Brand der Julisonne gewährten, waren vielfach gruppirt frohe Gesellschaften zu erblicken; dort war nun, auf einer heitern und grünen Aue mit Zelten und Erfrischungsbuden, den Kindern ein Fest bereitet, das Tausende von Zuschauern anlockte, welche trinken, um fröhlich mit den fröhlichen zu sein. Dort waren auch diejenigen Personen in einem besondern Zelte vereinigt, welche, zum Theil aus den Vätern der Stadt gewählt, die höchsten Vorsteher der menschenfreundlichen Anstalt bildeten, der Bürgermeister, zwei Senatoren, zwei Alte und die acht Provisoren der Anstalt mit ihren Frauen, welche alle, neben der Hingabe an eine erlaubte Fröhlichkeit manches zum Besten des schönen Ganzen, wie zum Lobe des Einzelnen, namentlich der ausgezeichnetsten Zöglinge des Waisenhauses besprachen, wobei oft und viel des Knaben Benjamin gedacht wurde, welcher heute den Kinderzug angeführt, und so reichliche Gaben für sich empfangen hatte, daß man deren Betrag gegen fünfzig Mark anschlug, während die öfters geleerten Büchsen der Anstalt einen Ertrag von zweitausend Mark als Ergebniß der Einsammlung jenes Tages gewährt hatten. Auch die übrigen Kinder waren verhältnismäßig reichlich beschenkt worden, und aus ihrer aller Augen lachte Frohsinn, Freude, Dank und kindliche Unbefangenheit.«

»Aus den dichtgedrängten Reihen der Zuschauer und Mitfeiernden, welche den grünen Wiesenplan erfüllten, auf dem die Kinder mit Tanz, Wettlauf, Vogelschießen, Topfschlagen, Blindekuh und andern Jugendspielen sich ergötzten, tauchte mit einemmale die Gestalt eines alten Mannes mit starkem eisgrauem Barte aus, dessen Haupt von einem breitkrämpigen Hute bedeckt war. Ein schneeweißes, mit brabanter Spitzen besetztes Halstuch fiel in breiten Endzipfeln über den Rock von schwarzer Seide, an dessen überbreiten Aermelaufschlägen große silberne Knöpfe prangten. Auch Beinkleider, Strümpfe und Schuhe dieses Mannes, der eine schwarzlockige Perücke trug, waren schwarz, auf den Schuhen aber blitzten massive Goldschnallen. Der Mann stützte sich auf einen hohen starken Rohrstab mit großem, fein emaillirtem Knopf, und nachdem sein Auge, unruhig suchend, den Platz und die auf demselben in frohen Spielen sich tummelnden Kinderschaaren überflogen, heftete sein Blick sich fest auf jenen kleinen Kapitain, welcher soeben dem Waisenvater die Hand reichte, der ihn gegen die hohen Patrone des Hauses belobt hatte.«

»Der alte Mann murmelte Worte in seinen Bart, welche etwa lauten mochten: Er ist es, es ist Benjamin Teelsu! Der Herr der Heerschaaren hat seine Hand über dem Knaben gehalten, daß meine Augen noch ihre Lust an ihm sehen. O sähest statt meiner du ihn doch, arme Sara, arme Taube, deinen blühenden Sohn! Doch mit deinem Gedächtniß sei der Friede!«

»Niemand vernahm, was der alte Mann mit sich selbst sprach. Er näherte sich jetzt dem auserwählten Knaben, während er aus einer Tasche seiner breitschößigen Weste von schwarzem Sammetplüsch ein Papier nahm, und mit diesem in der Hand mitten in den Kreis der spielenden Kinder trat, die theils ehrfurchtsvoll, theils scheu, theils furchtsam, ihm willig Raum gaben.«

»Mit kurzen, aber festen Schritten, zu deren jedem er einmal mit dem Rohrstocke auf den Boden stampfte, näherte sich der alte Herr jener Stelle, wo der so antheilvoll von ihm betrachtete Knabe stand, grüßte die Patrone des Waisenhauses fast demüthig und legte seine Hand auf die Schulter des kleinen Kapitains, der sich, erschreckend vor der imponirenden Gestalt des Mannes mit greisem Bart, scharf zugekniffenen Lippen und hervorstehender Adlernase, jetzt nach ihm umkehrte. Der alte Herr gab das Papier in des Knaben Hand und sprach: Von Deines Vaters Gott ist Dir geholfen, und gesegnet bist Du von dem Allmächtigen. – Hierauf schritt er eben so rasch und fest und ehrenhaft, wiederum tief grüßend, an den Herren des Rathes, an den Zelten, an den spielenden Kindern vorüber, ohne weder nach links oder nach rechts zu blicken, und verlor sich bald unter dem drängenden Menschengewühl.«

»Der Knabe stand starr und staunend, und hielt das Papier in seiner Hand, nicht wissend, was er damit anfangen solle, und der Bürgermeister, welcher mit den übrigen Herren der so räthselhaften Erscheinung des greisen Mannes nachsah, fragte den Waisenvater: War das nicht Benjamin Jesse, der wunderliche Alte, der aus Amsterdam hierher gezogen?«

»Ja, hochweiser Herr Bürgermeister! entgegnete der Waisenvater, indem er aus des Knaben Hand das Papier nahm: selbiger Mann ist Herr Jesse; der Spagyrikus und Wunderdoctor, von dem sich das Volk so mancherlei Mären in die Ohren raunt. Er soll absonderlich geizig sein, ein Hagestolz, ein Weiberfeind, und in seinem alten steinernen Hause viele Heimlichkeit treiben und hegen.«

»Als der Waisenvater ausgesprochen hatte, und das Papier entfaltete, fiel es in zwei Hälften auseinander, die sich als Banknoten erwiesen, und auf deren einer, im Werthe von einhundert Mark, mit Bleistift geschrieben stand: Dem Ehrenknaben; auf der andern im Werthe von fünfhundert Mark, stand: Dem Waisenhause.« –

»Mit Verwunderung wurde diese reiche Gabe eines Einzelnen erblickt, und der Bürgermeister nahm das Wort gegen den Waisenvater: Gar so absonderlich geizig scheint denn doch dieser Mann nicht zu sein, gleichwol muß es mit dieser fast beispiellosen Freigebigkeit eine eigene Bewandtniß haben.«

»Die Menschen glauben so selten daran, daß ein Mitmensch das Gute nur um des Guten willen thue. Ferner suchen sie den Handlungen Andrer eigennützige oder selbstsüchtige Beweggründe unterzulegen, und selbst maaßlose Freigebigkeit ärntet nicht vollen, reinen Dank, nicht krittelfreie Anerkennung.« –

Der Erzähler machte hier eine Pause und seine klugen Augen blitzten im Zuhörerkreise umher, um den Eindruck wahrzunehmen, den das Vorgetragene auf diesen Kreis machte. Noch begegnete er zu seiner Genugthuung ringsum nur Blicken der Aufmerksamkeit, obschon einigen, welche von nichts lieber als vom Goldmachen hören wollten, der Eingang etwas weit hergeholt schien, und dem Erzähler sehr gern erlassen hätten, in solche ganz besondere Einzelnheiten, wie die Gedanken eines Handelnden sind, die nur der Dichter ihm ins Gehirn, oder als ausgesprochene Worte in den Mund legt – einzugehen.

Die vergönnte Pause wurde ausgefüllt, sich durch einige Erfrischungen zu stärken, worauf, als dieß in Kürze geschehen war, der Professor sich weiter mittheilend vernehmen ließ.

»Am Tage nach dem Feste des Waisengrün sah man in einer Nachmittagsstunde den stattlichen alten Herrn, welcher am Tage zuvor das Waisenhaus und den kleinen Zugführer so reichlich begabt hatte, mit seinem kurzen, sichern Schritt, seinem Aufstoßen des Stockes bei einem jeden seiner Tritte, ganz in dem nämlichen Anzuge und ganz mit demselben Ernst, den die, welche ihn kannten, an ihm gewohnt waren, über den Rödingsmarkt und dem Gebäude des Orphanotropiums zuschreiten. Er sah gerade vor sich hin, wie gestern und immer, blickte nicht links, nicht rechts, bewegte aber, wie es nicht selten die Gewohnheit des höheren Alters ist, die Lippen des schon zahnlosen Mundes im lebhaftesten Selbstgespräche.«

»Wenn es nun, meine Verehrtesten, äußerst mißlich und die höchste licentia poetica ist, – daher ich auch in Gedanken jeden Dichter einen gebotenen Licentiaten nenne – Selbstgespräche anzuführen, die kein sterbliches Ohr vernahm, so könnte ich doch, weil der Mensch kann, was er will, und ich mich ebenfalls für einen solchen Licentiaten, wenn auch nur für einen ganz kleinen halten darf, Ihnen dieses Selbstgespräch ausführlich mittheilen – will dieß aber lieber nicht thun, sondern nur anführen, daß die an sich selbst gerichteten Worte des alten Mannes sich alle mit dem Knaben Benjamin beschäftigten, bis jener das hohe und alterthümliche Waisenhaus erreicht hatte, und seine Hand den schweren metallnen Thürklopfer faßte. Sie zitterte aber, diese Hand, zitterte stärker, als das Alter sie zittern machte, und es entfuhr ihr der gehobene Klöpfel zu einem dröhnenden Schlage. Der Pförtner öffnete das Lugfensterlein und fragte heraus, was des Klopfenden Begehr sei? – Einlaß, ich verlange den Waisenvater zu sprechen – erwiederte Herr Jesse und es ward ihm aufgethan. Man hieß ihn in ein Wartezimmer treten, bis er angemeldet sei, und that den Wunsch dem Waisenvater kund. Diesem war der Besuch unerfreulich, denn er hegte, obschon ohne innern Grund, Scheu und Mißtrauen gegen den sonderbaren, abgeschlossen lebenden Alten, weil dessen Thun und Treiben nicht ganz klar vor Jedermanns Augen lag, und er hätte ihn lieber abweisen lassen, wenn sich dieß mit der Liebe zu der ihm anvertrauten Anstalt hätte vereinen lassen, und nicht zu bedenken gewesen wäre, daß von dem Manne, der sich gestern als ein so großer Wohlthäter des Waisenhauses gezeigt, sich wol auch noch mehr erwarten ließe. Demnach beschloß der Waisenvater, des Mannes Anliegen zu vernehmen, welches zu errathen, er sich äußerst und doch vergebens während der Zeit anstrengte, die nöthig war, den Harrenden in das Sprechzimmer des noch ganz klösterlich eingerichteten Hauses zu geleiten – den Herrn Jesse aber sehr ernst und feierlich zu empfangen.

Jesse trat ein und verneigte sich so demüthig vor dem Waisenvater, wie gestern vor dem ersten Bürgermeister der freien Hansestadt Hamburg, auf welchen Gruß jener die erwiedernde Höflichkeit nicht schuldig blieb. Noch einmal bückte sich Jesse und noch einmal jener, der nun das Wort nahm: Was verschafft mir die Ehre; daß der Herr mich seines Besuchs würdiget, und gilt dieser meiner Person oder diesem Hause der Armuth, welches der Herr am gestrigen Tage so erklecklich begabt hat, wofür im Namen der heiligen und hochgelobten Dreifaltigkeit dem Herrn gehorsamst danke.«

»Nichts von Dank, Euer Wohlehren! Nichts von Dank! nahm ablehnend Jesse das Wort. Ich habe dem Herrn in Gottes Namen ein großes und wichtiges Anliegen zu eröffnen. Ich bin ein Greis und meine Tage sind gezählt. Mir thut ein junger Diener Noth, der mir in meinem Hause und in meinen Geschäften mancherlei Handreichung leisten könnte, und über dessen leibliches und Seelenwohl ich wachen würde, wie über das eines eigenen Sohnes. Ich habe keine Verwandtschaft und kann eines armen älternlosen Kindes Glück machen, so der Knabe still, willig, gehorsam und getreu ist; einen solchen Knaben suche ich und hoffe ihn aus Euern Händen.«

»Der Waisenvater blickte den alten Herrn Jesse äußerst mißtrauisch an, dessen Aeußeres nicht das angenehmste war. Es lag in dessen Blick etwas scharfes, stechendes und bestimmtes, das nicht zu der Demuth stimmte, die er äußerlich an den Tag legte. Daher antwortete Jener mit bedenklicher Miene: Große Ehre, Ehren Jesse, große Ehre. Es ist allerdings ein löblich Begehren an dieses Haus, darin wir die älternlosen Kindlein in der Furcht des Herrn und zu wahren Christen erziehen, auf daß sie hernach ihren christlichen Mitmenschen als ehrbare Diener nützlich werden, und sich ihren ehrlichen Unterhalt gewinnen – aber – aber, mit Verlaub, Ehren Jesse, seid Ihr nicht ein Jude?« –

»Ein Jude? Warum ein Jude? Und was schadet's, wenn ich bin ein Jude? fragte der Alte mit durchdringendem Blick.«

»Das schadet's, daß Euer Begehr dann nicht erfüllt werden kann, weil es gegen die Gesetze des Hauses läuft, war die Antwort.«

»Nun so muß ich denn ein Christ sein, erwiederte mit einem gewissen Hohne der Alte, und zog aus seiner Brusttasche ein mehrfach untersiegeltes, sorgfältig eingeschlagenes Papier, das er dem Waisenvater darreichte.«

 


 

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