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Die Geheimnisse eines Wundermannes. Zweiter Theil

Ludwig Bechstein: Die Geheimnisse eines Wundermannes. Zweiter Theil - Kapitel 7
Quellenangabe
authorLudwig Bechstein
titleDie Geheimnisse eines Wundermannes. Zweiter Theil
publisherW. Einhorn's Verlag/C. A. Hartleben
year1856
correctorreuters@abc.de
senderHerbert Niephaus
created20180917
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6.
Eröffnungen.

Die beiden Frauen, welche auf dem Pfade, den Leonhard ritt, durch die klare Mondnacht dahin wanderten, führten einen äußerst kräftigen Schritt, und es dauerte eine Zeitlang, bevor Leonhard ihnen näher kam. Er hatte eigene Gedanken über dieselben, die keine günstigen und guten waren. Sicher ein Paar Landstreicherinnen, dachte er. Sie sehen ganz danach aus – das ist keine hieländische Tracht. Willst sie ein wenig schrecken, sollen Dich für einen Landdragoner oder Strickreiter ansehen, und sagen, was sie treiben.

Als Leonhard den nächtlichen Wanderern näher kam, hörte er, daß sie lebhaft mit einander sprachen, so laut, daß sie selbst den Hufschlag seines Rosses nicht vernahmen, der freilich auch nur ein leiser war, denn der Pfad war beraset, der sich durch das Gehölz des Elm hart an dessen südlichem Ende und längs des Flüßchens Altenau oder Aldena nach dem Dorfe Kublingen hinzog. Angestrengt lauschte Leonhard nach dem Gespräche jener Weiber, ja er hielt sogar einige Secunden lang sein Pferd an, und vernahm, zumal ein sanfter Westhauch ihm den Schall der Worte entgegenführte, doch nur eben diesen Schall, der für ihn ohne allen Sinn und völlig unverständlich blieb. Daß es nicht die französische Sprache war, in welcher diese Wanderinnen sich so lebhaft unterhielten, das nahm Leonhard wahr, und flüsterte zu sich selbst: »Richtig – es ist verdammtes Zigeuner-Rothwälsch. Jetzt drauf los!« –

Ein Paar rasche Sätze des Pferdes brachten den Reiter dicht hinter die Frauen, denen plötzlich der Kopf des Rosses trennend über die Schultern sah, und dazu schnaubend nickte – daß sie mit einem Schrei, den jede ausstieß, erschreckt zur Seite stoben.

Leonhard donnerte einen soldatischen Fluch, und zog seinen Säbel mit klirrendem Geräusch aus der rasselnden Scheide, entnahm der Halfter eine seiner Pistolen, und ließ den Hahn knacken.

»Holla! Weibsgesindel! Wer seid ihr? Woher kommt ihr? Wohin wollt ihr?« fuhr Leonhard die Frauen mit verstellter Wildheit an.

Rasch wandte sich nach dem Frager die eine der dunkeln Gestalten, und ein weißes, ernstes, regelmäßiges Antlitz richtete sich mit glänzenden Augen zu Leonhard empor und rief, wie spottend, seine eigene Stimme nachahmend: »Was willst Du? Wer bist Du? Woher kommst Du? Wer heißt Dich reden, Frager von der Harzburg? Oder schon Förster von Neustadt unter der Harzburg?« –

Leonhard erstarb die Gegenrede auf der Zunge. Diese Fragen, die aus einem Frauenmunde ihm fast höhnend entgegentönten, waren sie nicht der späte Wiederhall seiner eigenen, welche er in den Trümmern der Harzburg an jene räthselhafte Fremde gethan, die ihm dort erschien? War das nicht wieder jene weiche, liebliche und doch füllreiche Stimme, jene kräftige, stattliche Gestalt, die ihn so wunderbar bewegt hatte, und ihm so schnell und völlig räthselhaft entschwunden war? Er antwortete, von diesen seinen eigenen Gedankenfragen erfüllt, daher nicht sogleich auf die spöttischen Worte, sondern sann erst nach, was er antworten solle, um der angenommenen Rolle treu zu bleiben und sich keine Blöße zu geben. Diese Pause benutzte Blanka, denn sie war es in der That, ihrer Mutter zuzurufen; Questo è Lenardo nostro, di battesimo nominato Gofredo.

So viel italienisch verstand natürlich auch Leonhard, der des Französischen mächtig war, und fuhr zürnend heraus: »Der Teufel ist Euer Gottfried Leonhard, ihr Satanshexen!« während die Mutter einen Ruf der Verwunderung über die Mittheilung ihrer Tochter hören ließ.

»Beleidige nicht Leute, die zu beleidigen Du nicht das mindeste Recht hast!« sprach Blanka unerschrocken weiter. »Wir ziehen harmlos unseres Weges und fügen Niemand Uebles zu. Du bist kein Landknecht, der ausreitet, auf Vagabunden zu fahnden, und wir sind keine Vagabunden, Du bist des Herzogs Leibjäger, nicht der Häscher seiner Polizei. Oder ist es anders? Oder gedenkt der Herr Gottfried Leonhard in dunkler Nacht am Walde wehrlose Frauen feindselig mit Waffen anzufallen? Das wäre traun, ein schöner Ruhm für den tapfern Krieger, der gegen Frankreich focht, und seines Kriegsherrn ehrendes Feldzeichen auf der Brust trägt!«

Diese mit ruhigem Ernst gesprochenen Worte reichten völlig hin, Leonhard die Weiterführung des unzarten Scherzes, den er sich vorgenommen hatte, völlig zu verleiden. Er ließ stillschweigend seinen Säbel wieder in die metallene blanke Scheide niedergleiten, setzte den Hahn der Pistole in Ruhe, schob diese wieder in ihre Halfter, und erwiederte dann: »Ich merke wol, daß Du mich kennst, so laß aber auch endlich Dich mich kennen lernen. Was gehe ich Dich an? Was kümmerst Du Dich so um mich, daß Du von mir alles weißt? Woher kommt Dir all' diese Kunde? Und soll ich nie erfahren, wer Du bist? Und wer ist hier diese Deine verhüllte Begleiterin?«

»Der vielen, allzuvielen Fragen aus Deinem Munde bin ich nun schon gewohnt« – gegenredete die Sprecherin. »Schade, daß euer Doctor Luther zu seinem Katechismus die vielen Fragstücke schon geschrieben hat, sonst könntest Du am Ende deren schreiben – doch achtest Du nicht auf euer deutsches Sprichwort: Wer viel fragt, geht weit um. Was Du mich angehst, fragtest Du? Sehr viel, sehr viel – denn wir sind nah verwandt. Du wirst, und ziehst Du noch so sauer Dein Gesicht, Dich meiner Muhmenschaft doch nicht entziehen. – Was ich um Dich mich kümmere? Nicht allzuviel bekümmere ich mich um Dich, nur eins bekümmert mich, das ist Dein Leben. Ich sähe Dich recht gerne froh gebettet, und völlig glücklich, und zufrieden mit – Dir selbst. Woher mir über Dich die Kunde kommt? Ich könnte sagen: hier, aus meinem kleinen Finger, der sagt mir alles, doch das würdest Du mir gleichwol nicht glauben. Nun denn, ich hab's von dieser alten Frau, mit der ich gehe, und die meine Mutter ist. Sie kann Dir sagen, wer ich bin, wenn's ihr gefällig ist.«

Die Alte richtete sich jetzt stattlich empor und nahm das Wort. Sie sprach geläufig das Idiom jener Gegend, in der die niederdeutsche Mundart sich schon ausbreitet. »Du sollst, Leonhard, alles noch dereinst erfahren – sprach sie: »Zur rechten Stunde und zur rechten Zeit – heute aber nicht, denn unsere Wege trennen sich jetzt gleich. Bedarfst Du aber irgend einmal eines Rathes, einer Hülfe, drängt es Dich ernst nach Auskunft über Deine Abkunft, wie über Deine Zukunft, so gehe oder reite von Wolfenbüttel südwärts bis zum Dörfchen Klein-Linden. Dort nahezu, wo die Aldena in die Ocker einfließt, führt ein Fußpfad nach der Asse. Groß-Denkte bleibt Dir eines Büchsenschusses Weite zur Linken liegen; Du bleibst auf Deinem Pfad, der in den Wald hinein führt. Durch den Wald, der, wie Du weißt, die Asse heißt, kommst Du gerade wegs zur alten Asseburg, die ganz in Schutt und Trümmer liegt, doch sind noch große Kellergewölbe droben, in welche hie und da ein Gewölbebogen den Einblick vergönnt. Kommst Du zu Pferde, so binde es in der Nähe des verfallenen Thores an einem Baume fest, dann wende Dich rechts und umgehe die Außenmauer, da steht ein Stein, fünfzig Mannesschritte vom Burgthore an gerechnet, auf dem findest Du das Zeichen des Mondes eingehauen. Hinter diesem Steine zeigt sich eine handbreite Spalte im Fels, auf dem die alte Mauer ruht, in diesen Spalt wirf diesen Pfennig hinab, verwahre ihn aber gut, denn nur dieser und kein anderer darf es sein, dann gehe wieder an das Thor zurück und harre dort, und wäre es eine Stunde lang. Damit Du aber in keinem fehlest, so richte es wol ein, daß Du, wenn Du thun willst, was ich Dir gesagt, nicht früher kommst, als um die siebente Abendstunde, es sei nun Sommers- oder Winterszeit. Dann wird ein Führer nahen, oder eine Führerin, und wird Dich fragen: Kann der Herr mir sagen, wie viel es an der Zeit ist? Darauf mußt Du nun antworten: Die Glock' ist sieben, in Vahlberg hat's geschlagen.«

Leonhard hatte aufmerksam zugehört – und suchte seinem Gedächtniß tief einzuprägen, was er gehört hatte. Jetzt sah er, der sich, so lange die Alte sprach, dieser zugewendet hatte, nach der jüngeren Begleiterin um –; es war eine düstere, waldumfangene Wegstelle – er sah die nicht, die sein Auge suchte – er spähete angestrengt durch den Zwielichtdämmerschein – nur oben an der Bäume Wipfeln erglänzte das Laub vom Mondenstrahl erhellt – Johanniskäferlarven glühten mit starkem grünlichen Lichtschimmer im Waldesmoose und im Grase.

»Wo ist denn Deine Tochter, alte Mutter?« rief Leonhard der Frau zu, die im Augenblick mit ihm gesprochen hatte, und rief in leere Luft, denn wie er sich wieder nach der Alten wendete, war auch diese verschwunden, wie in die Erde versunken – einige Schritte von ihm rauschten die Büsche, wie wenn ein Wild aufgescheucht hindurchbricht, aber in das Dickicht hinein zu reiten, war keine Möglichkeit – und Leonhard kam sich vor, wie einer, den Zauber bethört und den Kobolde der Haine und Haiden necken.

Wie das Pferd aus dem Dickicht trat, lag nahe vor des Reiters Blick, friedlich vom Mondstrahl umsponnen, das Pfarrdorf Kublingen. War dieses durchritten, so führte ein gerader, breit befahrener Feldweg unmittelbar nach dem nahen Städtchen Schöppenstädt, Leonhards heutigem Ziele. Mit mancherlei sich durchkreuzenden Gedanken ritt Gottfried diesem Ziele zu. Wie viel Seltsames hatte er wieder erlebt; wer waren doch nur diese räthselhaften Frauen? Jene Alte, warum nahm sie Antheil an ihm? Waren sie und die Tochter vielleicht mit dem alten Leonhard in Helmstädt oder mit dessen Frau verwandt? Nichts berechtigte zu einer solchen Vermuthung. Dort auf der Harzburg schon hatte die jüngere Fremde in sonderbarer Weise ihrer Mutter gedacht, daß diese die Tochter an ihn gesendet, an ihn. Wie kam sie zu ihm? Was hatte sie mit ihm? Woher kannte sie ihn? Und heute, und jetzt vor wenigen Minuten! Woher kamen, wohin gingen diese Frauen? Nannte sich nicht die jüngere seine Muhme? Folglich Mutter- oder Vaters-Schwester? Folglich war so oder so ihre Mutter seine Großmutter. Und doch hatten seine, Leonhards Mutter, wie sein Vater, der alte Leonhard beiderseits ihrer Aeltern nur als längst verstorbener erwähnt. Welche tiefe Räthsel, deren das eigene Nachdenken nur immer mehr ergrübelte, umspann die Gedanken des jungen Mannes! Wenn es kein Trug war, was die Andeutungen, die ihm geworden, ausgesprochen hatten, wie jene, die ihm auf der Harzburg geworden, daß er seinen Vater nicht kenne und keine Mutter mehr habe – so war das alte Leonhard'sche Ehepaar nicht sein Aelternpaar, aber was weiter? Wo sollte er den Vater finden, – an welchem Grabeskreuze eine Mutter beweinen, die er nie gekannt?

Wieder floh ihn, als er seinen heutigen Rastort erreicht hatte, lange der Schlummer, bis wunderliche Träume ihn durch phantastische Irrgärten erst geleiteten, dann förmlich hetzten, und in denen ihm besonders der Pfennig viel zu schaffen machte, den die Alte ihm gegeben, und den er vor Schlafengehen lange und aufmerksam betrachtet hatte. Es war eine schwärzliche altvenetianische Kupfer-Münze, auf der einen Seite war ihr das Bild des heiligen Markus aufgeprägt, auf der andern das der Madonna mit dem Kinde. Bald hatte der Träumende diese Münze verloren, bald verwandelte sich das Markusbild in jenes eines geflügelten Löwen, und das der Madonna in jenes des Heilandes mit der Umschrift Salvator noster; und um den Löwen herum stand der Name eines Dogen, den Leonhard zu lesen sich vergebens abmühte. Bald war er an der Trümmerstätte der Asseburg, von der ihm manche Sage bekannt geworden war, und fand die bezeichnete Oeffnung hinter dem Steine mit dem Lunabilde, und warf den Pfennig in die Tiefe, da stieg eine bleiche Frauengestalt empor mit verklärten Zügen, das war das in die Bergestiefen des uralten Schlosses, (das seinen Namen von den Asen der germanischen Götterfrühzeit, und seine ersten Besitzer von den Abkömmlingen Hagens von Tronje, dem Nibelungenliedhelden ableitete, die sich dann später nach dem Burgsitze nannten) – gebannte Fräulein Rosamunde Juliane von der Asseburg, die mystische Engelseherin, die schon in ihrem achten Jahre den Heiland leibhaftig in jungfräulicher Gestaltung erblickte. Diese Erscheinung aber winkte Leonhard hinweg von jenem gähnenden Spalt zur Tiefe, und gab ihm statt des hinabgeworfenen Dogenpfennigs ein gelbes Amulet voll durcheinander wimmelnder Buchstaben und geheimnißvoller Zeichen, die durchaus nicht zu entziffern gelang. –

 


 

Einige Wochen nach der kurzen Anwesenheit des jüngeren Gottfried Leonhard in Helmstädt wandelte der junge Christian – in der alten Universitätsstadt von Haus zu Haus seiner ehemaligen Lehrer, nach ehrenwerther Sitte ihnen zum Abschiede Dank zu sagen für ihre Unterweisungen, und ihren Segen zu erbitten für die neue Laufbahn des Studiums auf einer anderen Hochschule. Christian versprach vom Körper nicht groß zu werden, aber er war von sehr einnehmender Gestalt, hatte ein frisches rundes Gesicht, lebhafte Augen und war nächstdem auch geistesfrisch und lebendig, so daß sich bei dem ohnehin von ihm an Tag gelegten Fleiße gute Hoffnungen an seine Zukunft knüpfen ließen.

Es konnte nicht fehlen, daß der Jüngling den Mann ebenfalls besuchte, dem er schon als Knabe willig gedient und ihn verehrt hatte, wie er auch nicht versäumt gehabt, bei ihm einige Collegia zu belegen, wenn auch die medizinischen ihm keinen Vortheil verhießen, da er sich der Philologie und Alterthumskunde ausschließlich zu widmen gedachte. Indeß war ja bekannt genug, daß die academischen Zuhörer des Hofraths und Professors in jedem Collegium, welches dieser berühmte Mann ihnen las, bloß ein Viertheil über den eigentlichen Lehrgegenstand, und drei Viertheile aus ganz anderen und verschiedenen Wissenschaften hörten und lernten.

Der Professor empfing den jungen Abiturienten, dem er, wie dessen wackern Vater, dauerndes Wohlwollen schenkte, mit gewohnter Leutseligkeit und Güte. Er ermahnte Christian zu fortgesetzter Frömmigkeit und Gottesfurcht, die einen Grundzug im Gemüthe des Professors bildeten, warnte ihn vor schlechter Gesellschaft, legte ihm gute Anwendung und Nutzung der Zeit an das Herz, und endlich sprach er: »Mein lieber Studiosus Christian –, den ich heute als alten mir bekannten und lieben Sohn meines redlichen Freundes, wie ich bisher gewohnt gewesen, jedoch zum letzten male, mit dem väterlichen Du anrede, ich bin noch für unzähliche kleine Dienste, die Du mir in den botanischen Collegien stets unverdrossen und oft übereifrig geleistet hast, sehr in Deiner Schuld. Mit Absicht habe ich Dir nie etwas gegeben, um den Werth Deiner Freundlichkeit vollkommen zu würdigen, sonst hätte es ausgesehen, als betrachte ich Deine Dienste gleich ablohnbaren. Jetzt aber nimm zum Abschiede und zu guten Zwecken in Deiner Studienzeit verwendbar, diese Gabe von mir mit auf den Weg, um nöthige Bücher Dir anzuschaffen und dann, da Geld kein Andenken ist, noch ein wirkliches Andenken.«

Dabei schlug der Professor den Deckel eines niedrigen Kästchens vor den Augen des ganz erstaunten und ohnehin gerührten Jünglings auf, aus welchem Kästchen eine große Anzahl ächtantiker Gemmen, Cameen und Intaglio's in allen Farben edler Gesteine blitzten und glühten, griff mit seinen feinen und reinen Fingern mitten in den Inhalt, und brachte einen Siegelringstein hervor, in welchen des griechischen Steinschneiders kunstgeübte Hand in überraschend schöner Darstellung die Mythe von Eros und Psyche eingetieft hatte. Christian wurde blutroth vor Freude, als er dieses Kleinod empfing, dessen Werth, vielleicht sogar ein wenig überschätzend, der gütige Geber auf eine feine Weise andeutete.

»Es wird nicht leicht möglich sein, diesen Mythos zarter, schöner und zugleich würdiger dargestellt zu erblicken,« sprach bei der Ueberreichung der Professor. »In diesem Steine wirst Du einen ganzen archäologisch so unendlich wichtigen Kunstzweig der Alten vertreten besitzen, der Dir alles geringere überflüssig macht.«

Als nun Christian innigen und lebhaften Dank für alles ihm zu Theil gewordene ausgesprochen, und um ferneres gütiges Wohlwollen geziemend gebeten hatte, und sich empfehlen wollte, hielt ihn der Professor noch immer mit Fragen fest. »Du gehst nach Jena, wie ich hörte, und willst zuvor eine Reise auf den Thüringerwald machen. Was willst Du denn dort thun?«

»»Ich will die Verwandten besuchen, Herr Hofrath«« erwiederte Christian. »Sie wissen, daß mein Vater mehrere Brüder hat, und daß wir aus Wernigerode stammen, wo auch noch die Großältern und der älteste meiner Onkel lebt; der zweitälteste hat ganz nahe bei Benshausen im chursächsischen ein Eisenhammerwerk, dessen Tochter ist mein Bäschen Sophie, die Sie ja kennen, und die vor einigen Jahren hier eine Zeitlang bei uns war – die der junge Herr Leonhard so gern sah« – fügte Christian lächelnd hinzu, wie zufällig, aber keineswegs absichtlos, er wollte die Rede auf seinen älteren Freund bringen, selbst auf die Gefahr hin, sich bei dem alten Herrn etwas misliebig zu machen. Dieser hielt auch mit seiner Meinung nicht eine Minute lang hinterm Berge. »Der Windbeutel, der Hasenschwanz!« fuhr er los: »läßt nichts von sich sehen noch hören. Schnurrt hier durch, wenn ich nicht zu Hause bin, und hat so schreckliches Eilgut, daß er nicht einmal meine Rückkehr abwartet. Ach lieber Christian – an diesem jungen Menschen erlebe ich weder Freude, noch Dank für alles das, was ich für ihn gethan; er ist so entartet, daß ich im voraus sehe, er würde es mir nicht einmal danken, wenn er wüßte, wie gut ich es mit ihm im Sinne gehabt, was ich ihm alles zugedacht hatte, und welches Glück ich ihm bereiten könnte, wenn er solches Glück nicht in unseliger Verblendung von sich stieße!«

Christian ließ den Professor seiner Misstimmung über den Sohn des Dieners erst völlig Luft machen, und unterbrach ihn nicht, dann aber nahm er sehr bescheiden das Wort und sprach: »Vielleicht sehen Sie, hochverehrtester Herr Hofrath, im Bezug auf Herrn Leonhard den jüngeren, doch zu schwarz. Innerlich, das weiß ich ganz zuverlässig, ist Gottfried Ihnen von Herzen dankbar, aber die Gabe fehlt ihm, dieß Gefühl auch äußerlich zu offenbaren. Wenn sie mir erlauben wollen, ihm zu sagen, daß Sie gutes mit ihm im Sinne haben, und was Sie wünschen, daß er vor allem thun soll, so denke ich ihn Ihnen reuevoll und gehorsam wieder zuzuführen.«

»»Was Du sagst, Christian!«« rief der Professor verwundert aus. »Wann, wie und wo willst denn Du ihm etwas von mir sagen? Weißt Du denn wo er ist? Siehst Du ihn denn?«

»»Letzteres, ihn zu sehen, hoffe ich demnächst!«« erwiederte Christian. »Ich habe mit Herrn Leonhard brieflich verabredet, daß wir die Reise nach dem Thüringerwalde gemeinschaftlich machen wollen, vorausgesetzt, daß er von seinem gnädigsten Herzog und Herrn vierzehn Tage Urlaub bekommt. Ich reite auf Schustersrappen von hier nach Wernigerode zum alten Oheim, und Herr Leonhard reitet zu Pferde von Braunschweig über Wolfenbüttel und Ilsenburg eben dorthin, wir treffen uns, ruhen aus, und dann reiten und gehen wir wechselsweise durch den Harz über Elbingerode nach Hasselfelde, Stolberg, Kelbra über den Kiffhäuser, miethen wohl in Frankenhausen noch ein Pferd, reiten über Weissensee nach Erfurt, von da nach Arnstadt, und von da über die Dörfer Gossel und Crawinkel zur Schmücke, dann hinunter nach Zella-Mehlis und Benshausen. Das ist der nächste Weg, wie mein Vater meint.« –

»»Ei ei, das ist ja ein ganz herrlich ausgedachter Streifzug!«« ließ sich der Professor mit äußerst scoptischem Lächeln vernehmen. »Und da will Herr Gottfried Leonhard junior in Benshausen sich einlegen bei Leuten, die er gar nicht kennt, ein ungebetener, vielleicht, wie kommen kann, sehr unlieber Gast? Ich finde das bedenklich, und würde nein dazu sagen, wenn ich noch gefragt werden könnte. Aber der junge Mann steht in einem höheren Dienst, ist mündig und muß wissen, was ihm frommt. Immerhin aber darfst Du, lieber Christian, ihm einen Wink geben, daß er sehr unklug, merke wol, unklug handle, wenn er so sans façon dahin lebt, durch Welt und Wälder trottet, und sich gar nichts mehr um einen alten Mann bekümmert, der Willen und Mittel besitzt, ihn sehr glücklich zu machen. Und nun gehe mit Gott. Sein Segen sei und bleibe ruhen auf Dir alle Zeit!« –

Der Professor blieb in eigenthümlicher Seelenstimmung in seinem Arbeitzimmer zurück. Wider seine sonstige Gewohnheit: unermüdlich thätig zu sein, überfiel ihn eine Erschlaffung, gegen die er vergebens ankämpfte. Es war nicht Schläfrigkeit, es war Schmerz, war Gram, die auch im Stande sind, gleichgültig zu machen selbst gegen die liebste Beschäftigung. Des Mannes Gedanken flogen in eine Zeit zurück, die weit hinter ihm lag. Er legte die bereits zur Fortsetzung einer Arbeit ergriffene Feder wieder nieder und nahm von der Wand seine Regina, seine voll besaitete Laute; er entlockte ihr Accorde.

Diese Accorde umschmeichelten seinen Schmerz und lullten ihn ein, wie die singende Mutterstimme ein schlummerloses Kind, und es ward wieder Friede in seinem Innern. –

Christian nahm seinen Abschiedgang zu dem Professor Bergrath von Crell, der ihm ebenfalls besonderes Wohlwollen stets erzeigt hatte, und auch jetzt den Jüngling mit Freundlichkeit willkommen hieß. Als Crell auf seine Frage, ob Christian bereits bei seinem alten Freunde, dem Professor, gewesen sei, bejahende Antwort erhielt, sprach Crell gegen den jungen Mann die Ansicht in vollem Ernste aus, welche immer noch die herrschende war, und die selbst er, der helldenkende, erfahrene Chemiker, keineswegs unbedingt verwarf. »Man mag von unserm lieben alten Herrn«, sagte er: »denken, wie man will, man mag ihn, wie selten geschieht, richtig oder, wie häufigst der Fall ist, falsch beurtheilen, so viel steht fest, daß der Professor ein großes und bisher von niemand ergründetes Geheimniß in der That und wirklich besitzt, so sehr er sich Mühe giebt, allen das Gegentheil glauben zu machen, obschon er auch dieses nicht immer thut, sondern häufig wieder seine Freude daran hat, wenn die Leute den Glauben an seine Wunderthaten bis in das Gebiet des übernatürlichen erstrecken.«

»»Sie müssen das am besten wissen, Sie kennen den Herrn Hofrath seit lange, und standen ihm stets als Freund nah!«« antwortete der angehende Student, und jener fuhr fort: »Es ist allerdings so, mein junger Freund! Der Ruf unseres Mannes begründte sich bereits zu einer Zeit, in welcher neben andern Wissenschaften auch noch die Naturwissenschaft in ihrer Wiege lag. Diese letztere zog den Professor vorzugsweise an, obschon er zum Fachstudium eigentlich die Rechtswissenschaft erwählt hatte; sein Geist aber war viel zu lebhaft und genial, um dem trockenen Jus Geschmack abgewinnen zu können; die vielen Naturstoffe leiteten von selbst zur Arzneikunde. Man fragte in früheren Zeiten weit mehr als jetzt, wenn man zum Beispiel eine Pflanze betrachtete: Wozu nützt sie? Welches Uebel heilt sie? – Man fragte wenig nach der Klasse, in die sie das System einordnet, aber viel danach, ob Blüthe, Kraut und Wurzel einen Farbestoff, ob einen Heilstoff enthalten, ob die Blüthe Thee gäbe, ob die Blätter innerlich heilend, oder äußerlich erweichend oder zertheilend seien, ob Saamen und Saamenkapsel nutzbar, ob die Wurzel arzneikräftig? Das alles hatte unser Professor schon in der Mühlhäuser Rathsapotheke gründlich gelernt; jedenfalls hatte er in seines Vaters Laboratorium genugsam experimentirt, und daher durfte es niemand verwundern, daß er in Jena, wie man zu sagen pflegt, umsattelte, und die Jurisprudenz mit dem medicinischen Fache vertauschte. Dort, wo die Fechtmeisterfamilie Roux ein Jahrhundertlang blüht, bildete sich der Professor in allen ritterlichen Künsten bis zur athletischen Meisterschaft aus. Dann folgten seine räthselhaften Reisen, und die adeptischen Studien in der Schweiz und Gott weiß, wo sonst noch, und zurückgekehrt mit Reichthümern und Kunstseltenheiten, deren Umfang und Werth er stets nur ahnen ließ, trat er im Jahre siebenzehnhundert und siebenundfünfzig in die Dienste des Herzogs Carl des ersten von Braunschweig, und es wurde mit diesem eine Zeitlang sehr eifrig laborirt; entweder aber fand sich nicht schnell genug die Goldtinctur und der Stein der Weisen – das Gold blieb auf alle Fälle aus, sonst hätte man nicht nöthig gehabt, mit Angst und Zittern einem Staatsbankerott entgegenzublicken – oder unser Professor fand sich nicht in die Formen des Hoflebens – er spricht unter andern nur sehr schlecht und am liebsten gar nicht französisch, haßt über alle Maßen das Kartenspiel, und kann kein einziges, ist daher eigentlich als Salonfigurant gar nicht verwendbar, – und zog sich deshalb hierher in unser Helmstädt zurück, wo eine ganz andere, eine geistige Sphäre ihn umgab, in der er sich vollkommen heimisch fühlte. Mein Großvater mütterlicher Seits, der berühmte Chirurg Heister, schenkte dem jungen, emporstrebenden Manne seine ganze Gunst, nahm ihn mit zu allen bedenklichen und wichtigen Operationen, und das Schicksal waltete dabei wunderbar genug, den gelehrigsten Schüler Heisters dauernd zu fördern. Trotzdem, daß unser Professor ein Anbeter des Ritter Linné war, und mein Großvater ein entschiedener Gegner desselben, blieben der alte und der junge Mann doch Freunde, aber nur zu bald wurde dieses schöne Freundschaftband durch den Tod zerrissen. Lorenz Heister, der mich aus der Taufe hob, dessen Vornamen ich führe, war bereits im vorigen Jahrhundert, im Jahre sechszehnhundert dreiundachtzig geboren, demnach Anno siebenundfünfzig unseres Jahrhunderts ein Greis von vierundsiebenzig Jahren, dennoch aber noch leidlich rüstig, und wo es galt, Hülfe zu bringen, unermüdlich. Seit Siebenzehnhundert und neunzehn war er hier academischer Lehrer, und längst zum Hofrath und Leibarzt ernannt. An einem rauhen und stürmischen Aprilmorgen des Jahres Achtundfünfzig fuhr mein Großvater in des Professors Begleitung zum Vollzug einer dringend nöthigen Operation über Land, verkältete sich heftig, und starb bald darauf in den Armen seines Begleiters. Die Familie sah ihn lebend nicht wieder. Mich, damals einen armen Knaben, traf des Großvaters Verlust am allerschmerzlichsten, aber der Professor nahm sich meiner auf das liebevollste an, sorgte für die Leitung meiner Studien, und förderte mich, wie mein Großvater ihn gefördert hatte. Und nun zumal fiel Heisters Kundschaft ihm, dessen Schüler, zu, und er wurde Professor der Physik, der Anatomie, der Botanik; seine Collegia wurden übervoll, denn sein genialer Geist wußte die Zuhörer nicht nur anzuziehen, sondern auch dauernd an seine Vorträge sie zu fesseln. Und mir gab er noch zu besonderem Trost die heilige Versicherung, daß niemand anders als ich bei seinem Ableben ein gewisses Glasfläschchen mit rothem Pulver nebst einem dazu gehörenden goldenen Löffelchen und der Gebrauchsanweisung erhalten sollte. Früher dasselbe von sich zu geben, verböten ihm schwere und heilige Eide. Zu was dieses rothe Pulver dient, kann man sich leicht vorstellen.« –

So gläubig und vertrauensvoll sprach in jener Zeit, 1794, einer der erleuchtetsten Chemiker.

 


 

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