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Die Geheimnisse eines Wundermannes. Zweiter Theil

Ludwig Bechstein: Die Geheimnisse eines Wundermannes. Zweiter Theil - Kapitel 6
Quellenangabe
authorLudwig Bechstein
titleDie Geheimnisse eines Wundermannes. Zweiter Theil
publisherW. Einhorn's Verlag/C. A. Hartleben
year1856
correctorreuters@abc.de
senderHerbert Niephaus
created20180917
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5.
Rückkehr.

Das angeregte Thema wurde unter der größten Heiterkeit von dem immer munterer und aufgeräumter werdenden Kreise der befreundeten Männer weiter geführt, die Witze folgten einander wie Blitze, und Schlag auf Schlag schallte jedem donnerndes Gelächter nach. Man erörterte des breiteren, wie das Heil der Staaten erzeugt, und die überall wünschenswerthe Verbesserung der fürstlichen und Landeseinkünfte herbeigeführt werden könne. Der Professor bemerkte, daß er in China unübertreffliche Rechnenmaschienen gesehen, und einige sogar mitgebracht habe, die er in seiner Sammlung vorzeigen könne; Lichtenberg, der England besucht hatte, sagte darauf, daß solche Maschienen auch dort zu finden seien, wahrscheinlich den chinesischen nachgemacht, wenn auch dieses letztere nimmermehr eingestanden werde. Kästner äußerte, der Mechaniker möge doch einen Generalcalculator oder Oberrechnungsdirectionsrath zusammensetzen, der von etwas dürrer und länglicher Gestalt und hohlwangig sein müsse, der Teint ins gelbliche fallend.

»Er darf was weniges klappern, wie der Tod von Ypern, denn klappern gehört zum Handwerk!« fügte Schirach hinzu.

»Ich würde solches Automaton doch noch lieber klingeln hören,« warf Bode hin. »Und ich würde,« nahm Carpzow das Wort: »wenn man einmal die Kosten für eine solche Staats-Rechnungsmaschiene aufwendet, gleich einen Finanzminister zu drechseln anrathen, der alles in allem wäre, und es gern sehen würde, so viele Stellen als immer möglich, in seiner Person zu vereinigen, um deren Gehalte zu ersparen, da doch Sparsamkeit die hauptsächlichste Eigenschaft einer solchen Maschiene sein muß.«

»Wer wird denn so gottlos über die Sparsamkeit spotten!« strafte mit angenommenem Ernst Abt Henke: »Wisset Ihr Gottlosen nicht, daß schon ein Befehl unseres Herrn zur Sparsamkeit die Jünger ermahnte, indem er nach der Speisung der fünftaufend Mann sprach: Sammlet die übrigen Brocken, damit nichts umkomme?«

»O erhabenes Kirchenlicht!« rief Häberlin in etwas sehr lustiger Stimmung: »Euer Hochwürden Gnaden wissen eben so gut und besser als andere fündigere und minder erleuchtete Menschenkinder, daß die Schrift die schäbige Kargheit, wie sie sich so häufig kund giebt, mit sehr beissenden Worten straft. Jesus Sirach hinterließ ein Sprüchlein, daß jeder knickerige Staatshaushalter sich an alle Orte seines Hauses anmalen lassen sollte, wie der fromme Bischof Willigis zu Mainz das Rad, um an seines Vaters Handwerk sich täglich und stündlich zu erinnern.«

»»Und welche Sprüchlein wäre das?«« fragten mehrere der Anwesenden zugleich, worauf Häberlin trocken hersagte: »Einem Lauser stehet nichts wohl an, und was soll Geld und Gut einem kargen Hunde?«

»»Was thaten Sie denn, werthester Herr und Freund«« richtete Schirach an den Professor die Frage: »nach Empfang dieses humoristischen Sendschreibens?«

Der Professor, den neckenden Sinn dieser Frage sogleich erfassend, entgegnete: »Ich fragte bei dem Künstler an, wie hoch er den Preis eines Professors der Philosophie anschlage, der dreimal die Woche ein bestimmtes Pensum aus einem bereits gedruckten Handbuche den Studenten vorspreche, und wie viel auf die Summe gelegt werden müsse, wenn diese philosophische Maschiene bei bestimmten Stellen einen Witz mache und diesen alsbald selbst schallend belache?«

»»Und was antwortete der Künstler?«« warf Bode gespannt die Frage auf.

»Er antwortete« – versetzte der Professor: »obschon es ihm ein leichtes sei, eine solche Maschiene herzustellen, so wolle er mir von einem so nutzlosen Möbel doch aus Freundschaft abrathen, denn theuer komme es immer, besonders erfordere der Witzkasten im hohlen Kopfe eines solchen Automats erstaunliche Mühe, und könne kaum drei Semester lang gewährleistet werden, während ich ja hier einen Herrn Collegen besäße, der nun bereits fünfzehn Jahre und darüber meiner Anforderung entspreche, sehr billig, und höchst dauerbar sei, wie jedenfalls noch lange gangbar bleiben werde.«

»»Zu toll, zu toll!«« brach Henke los. »Freunde, ich dächte, wir sagten uns los von den Automaten auf Lehrstühlen, wie in hohen Collegien, und führen allesammt in Gottes freie Natur spatzieren; der Abend wird herrlich. Ich schlage zum Ziele, damit unsere werthen Gäste auch etwas von der Helmstädter Gegend und diese in ihrem Glanze sehen, den Corneliusberg vor; wir können dann auch erfahren, was unsere gelehrten Freunde aus Göttingen von den Germanen- oder Hünensteinen droben auf der Höhe nach Königslutter zu halten.«

»»Habt Ihr auch etwas germanisches Getränke bei euren alten Steinen, und sollte es selbst den Namen vom Stein führen, so bin ich von der Partie – außerdem laßt mich daheim!«« scherzte Lichtenberg. »Ich liebe nicht die trockene Forschung und will euch im voraus sagen, was ich von euern Hünen- oder Runensteinen halte.«

»»Nun? Und was?«« riefen wißbegierig mehrere der Helmstädter Professoren.

»Gar nichts!« erwiederte mit scurriler Miene der stets muntere Lichtenberg, und erhielt die Lacher auf seine Seite. –

Die vorgeschlagene Lustfahrt wurde ins Werk gesetzt, und bot mannichfaches Vergnügen. Die Aussicht vom Corneliusberge war reizend; alles Land lag im Golde der Abendsonne. Man nahte in sich gleich bleibender fröhlicher Stimmung jenen Denkmälern grauer Vorzeit, welche das Volk die Lübbensteine nennt, und die Scherze verstummten, denn der überwältigende Ernst der germanischen Frühzeit thronte auf diesen Steinaltären.

 


 

Die Freunde mochten ohngefähr seit einer Stunde das Haus des Professors verlassen haben, als Hufschlag auf dem Grauwackepflaster der alten Straße schallte, die zu diesem führte. Ein Reiter, halb soldatisch, halb jägermäßig angethan und bewaffnet, hielt vor dem Hause, saß ab, band seines Pferdes Halfter an den Eisenring eines Prallsteines, und gab das Zeichen des Einlaßbegehrens in solcher Weise, wie nur die Vertrauten und der Professor selbst es zu geben pflegten. Der alte Leonhard und dessen Frau waren beschäftigt, im Gartensaale alles aufzuräumen und die alte Ordnung in demselben auf das pünktlichste wiederherzustellen – eins der Kinder, jenes Lottchen, das nun in das jungfräuliche Alter getreten war, öffnete, und erschrak nicht wenig, als ihr ein unbekanntes und doch bekanntes Soldatengesicht, wetterbraun, eine breite rothe Hiebwundennarbe über die Stirne, entgegen grüßte.

»Na Lottchen, erschrickst gar vor mir? Kennst mich nicht mehr? Sehe wol abscheulich aus? Komm und gieb Deinem Bruder Gottfried einen Kuß!«

»»Gottfried!«« schrie das Mädchen auf, und eilte auf den Krieger zu, halb freudig, halb verschämt, der sie herzhaft umfing und derb soldatisch herzte – indem trat die alte Mutter Lore in die Flur, schlug ein Kreuz und die Hände über den Kopf zusammen, als sie ihre älteste Tochter in den Armen eines Soldaten sah, der jetzt das Kind losließ und der Alten treuherzig die Hand bot, während Lottchen rief: »Mutter! Mutter! Der Gottfried ist's!«

»»Ja wol, der alte Gottfried, Euer Schlingel und Schlankel, Mutter!«« bestätigte Gottfried Leonhard der Schwester Ausruf, und die Freude des Wiedersehens war groß und herzlich, leider aber nur äußerst kurz.

Der alte Leonhard war herbeigekommen, die jüngeren Kinder umringten den heimgekehrten ältesten Bruder, der so stattlich unter ihnen stand, und jedes einzelne freundlichst begrüßte; es gab noch manchen guten Rest der heutigen Gasterei an Essen und Trinken dem Wiedergekehrten anzubieten, und in Ruhe genießend, sollte Gottfried nun erzählen. Zunächst empfing er zärtliche Vorwürfe, daß er gar niemals etwas von sich habe hören lassen, und nie nach Hause geschrieben habe.

»»Er hatte nicht geschrieben, ob er gesund geblieben!«« rezitirte Gottfried spöttelnd aus Bürgers Lenore, indem er hinzufügte: »Hat sich was zu schreiben, dazu hat ein Soldat gerade Zeit« – und nach dem dargebotenen Glase Wein langte, das er auf einen Zug leerte, und dann fragte: »Ist der Herr Pathe zu sprechen?«

»»Er ist weggefahren mit den anderen Herren Professoren, die heute bei uns waren, spatzieren – es sind ein Paar aus Göttingen zum Besuche da und der Herr Etatsrath von Schirach, der früher hier Professor war. Die Herren sind sehr lustig gewesen und haben gelacht, daß man es weithin hat schallen hören,«« berichtete mittheilsam der alte Leonhard. s

»Nun so sagt dem Herrn Pathen meinen höflichen Empfehl, und es sei mir leid gewesen, ihn nicht angetroffen zu haben.«

»»Willst Du denn nicht hier bleiben? Heute wenigstens? Wo willst Du denn noch hin? Es geht ja schon auf den Abend los?«« ergingen mannichfache Fragen.

»Ich kann nicht, mich ruft der Dienst, ich muß heute noch bis Schöppenstädt reiten!« war Gottfried's Antwort. »Wie geht es bei Gärtners? wie befindet sich mein kleiner Christian?«

»Oh ganz gut!« antwortete Mutter Lore. »Der Herr Gärtner hat es gut, der ärntet alle Jahre die liebe Menge Aepfel und Birnen, und baut das viele Gemüse, und hat das mächtig viele Gras – und das Laub kostet ihm alles nichts, der kann lachen, und hat gut Kühe halten!«

Gottfried lächelte. »Das ist's nicht, wonach ich frage, Mutter,« sprach er: »Ob Christian wohlauf ist, möchte ich wissen? Den spräche ich gar zu gerne.«

»»Der Christian ist immer noch ein lieber Junge, wenn man noch so sagen darf,«« antwortete nun der alte Leonhard: »Er wird jetzt so ein siebzehn, achtzehn Jahre alt sein, und soll nächstens nach Halle oder nach Göttingen – er hat hier schon Collegia gehört und ist ein fixer Lateiner. An dem erlebt einmal der Vater viele Freude. Wenn Du es wünschest, so will ich hinschicken und ihn herrufen lassen, da Du ihn doch gern sprechen willst.«

»»Die Zeit ist zu kurz, ich muß aufbrechen,«« antwortete der Sohn.

»Aufbrechen! Ei du lieber Gott!« schrie die Alte: »und hast uns noch kein Sterbenswort erzählt, wie Dir's ergangen ist? Herr Gott im Himmel, willst Du denn die Rückkehr Deines Herrn Pathen nicht wenigstens abwarten? Was wird der sagen. Willst Du nicht erst etwas essen? Und um alles in der Welt, wo warst Du denn die lieben langen Jahre her? Wo bist Du denn jetzt? Was bist Du denn eigentlich? Wo willst Du denn eigentlich hin?«

Von dieser stürmischen Fragenfluth umwogt, hatte Leonhard Mühe sich zu retten. »Zum erzählen, liebe Aeltern,« sprach er: »brauchte ich Tage, während mir heute die Minuten zugezählt sind. Ich habe das Glück im persönlichen Dienste unseres gnädigsten Landesherrn zu stehen, ich habe mit ihm den ganzen unglückseligen Feldzug gegen Frankreich mitgemacht, ich entging glücklich allen Gefahren des wilden Krieges, und folgte unserem greisen heldenmüthigen Herzog und Herrn in die Heimath zurück. Ich bin bei ihm in Braunschweig, ich diene ihm als Courier, als Feldjäger, als Leibjäger, zu was seine Gnade mich gerade verwendet. Das ist alles, was ich euch, zugleich auch dem Herrn Pathen zur schuldigen Nachricht im Augenblicke sagen kann, und nun gehabt euch alle wohl! Ich hoffe wir sehen uns bald wieder!«

Noch ein Glas Wein zur Stärkung, und Gottfried enteilte dem Hause, bestieg sein mit Ungeduld das Pflaster scharrendes Pferd und ritt stracks nach dem botanischen Garten. Dort hielt er, ohne abzusitzen, am Gatterthor, winkte einem der in dessen Nähe beschäftigten Arbeiter, und bat diesen, den jungen Studiosus Christian herauszurufen, wenn dieser zu Hause sei. Gleich darauf erschien Christian bei dem alten Freunde, und begrüßte ihn mit Handschlag und jubelnder Freude. Auch hier mußte Leonhard das nöthigste auf viele Fragen zur kürzesten Antwort zusammendrängen. Von Christian selbst erfuhr er, daß dieser bald nach einer andern Universitätsstadt abgehen werde – und nun fragte Leonhard nach Sophie. – Es gehe ihr wohl, so viel ihm bekannt sei, berichtete Christian; sie schreibe selten, und er hoffe, vielleicht noch bevor er die Hochschule beziehe, um Philosophie, Philologie und Kunstgeschichte zu studieren, eine Reise auf den Thüringerwald zu Sophie und den dortigen Verwandten zu machen, zumal es möglich sei, daß er ein Semester nach Jena gehen werde.

»Vielleicht ließe sich's einrichten, daß wir zusammen reisten – schreibe nur nach Braunschweig an den Herzoglichen Leibjäger und Büchsenspanner Leonhard – da kann der Brief mich nicht fehlen. Schreibe mir, wann der Tag Deiner Abreise bestimmt ist – ich möchte wol auch den Thüringer Wald ein wenig kennen lernen, dessen blaue Kette ich vom Brockengipfel wie von dem des Kiffhäusers schon mehr als einmal mit Sehnsucht betrachtet habe, und dann – bitte, lieber Christian, gieb diesen Brief hier auf die Post, hier ist auch das Porto dafür, aber thue mir diesen Gefallen sicher, er ist an Sophiechen, er sagt ihr, daß ich noch lebe und an sie denke. Deinem Herrn Vater meinen besten Gruß, und Du lebe recht wohl! Auf baldiges Wiedersehen!«

Dieß sagend, ließ Leonhard seinem Pferde die Sporen fühlen und trabte davon, um aus der sogenannten Hinterporte Helmstädts auf die Straße nach Wolfenbüttel zu gelangen. Bilder froher Hoffnung zogen durch seine Seele. »Wenn Sophie mir treu blieb, so werde ich und sie das bescheidene Glück erlangen, dem ich nachstrebte. Dank sei der Hand aus der Höhe, die mich auf gefährlichen Bahnen und im Donner der Schlachten lenkte und schirmte, sie walte ferner segnend über mir!« –

 


 

Den um die Lübbensteine gruppirten Freunden, selbst denen, welche diese kolossal gethürmten vier Felsriesenaltäre und den heiligen Steinkreis aus schwarzen Porphyrwacken nicht zum ersten male sahen, erregten dieselben die höchste Bewunderung.

»Man muß an indische Felsengebilde denken,« sprach der gelehrte Orientalist Bode.

»Welches mag der Zweck gewesen sein, diese Steinmassen aufzuthürmen?« warf Schirach die Frage auf.

»Doch jedenfalls Gottheit verehrender Cultus,« gab Henke auf diese Frage zur Antwort.

»Dem Odin und Thor, der alten Germanen Frühgöttern, ohne Zweifel geweiht,« fügte Häberlin hinzu.

»Ohne Zweifel?« spöttelte Lichtenberg. »Es giebt kein Ding, das ohne Zweifel wäre.«

»Zweifeln Sie an Gott?« fragte Henke ernst.

»Ich nicht« – gegenredete Lichtenberg: – »aber Andere; ich bin von Jugend auf ein frommer Mensch gewesen, und unterlasse nie, meines Schöpfers dankbar eingedenk zu sein für alle seine guten Gaben, auch für den heutigen schönen Nachmittag und Abend.«

»»Das lobe ich!«« rief erregt der Professor: »obschon ich dieß nicht laut sagen sollte, da ein Theil des Lobes unseres Lichtenberg mich mit berührt. Aber Atheisten, Religionszweifler, Glaubensspötter und solches französische Gelichter, sind mir ein Gräuel. Jeder Gottesläugner erscheint mir sehr bemitleidenswerth.«

»»Darf man denn,«« – fragte Kästner mit verstellter Schüchternheit und listiglächelnden Blicken: »»auch nicht an eueren urgermanischen Göttern ein ganz klein wenig zweifeln? Ganz wenig nur, meine ich. Ihr habt doch wol noch einige im Hinterhalte, da ihr nur Odin und Thor nanntet? Hier aber sind der Altäre viere, und der arme Teufel auf dem Blocksberg hat doch nur einen. Wem weiht ihr denn die beiden anderen? Vielleicht der Frau Freia und der Frau Thorheit?«« –

»»Bah! stellt er sich wieder einmal unklug!«« lachte Schirach: »als ob er nicht wüßte, daß Thors Frau Sif hieß, und nicht Stultitia. Jedenfalls gehörten diese vier Altäre dem Wodan, dem Thor, dem Fro und der Allherrscherin Freia.«

»Oder auch anderen, denn Gewisses weiß man so eigentlich nicht darüber!« scherzte der Professor.

»Und zuletzt gar keinem!« rief Kästner. »Mit Frauenzimmern müßt ihr mir nicht kommen. Wie unachtsam ich auf das schöne Geschlecht – und wenn es selbst durch Göttinger Göttinnen vertreten würde, bin, soll euch eine kleine Anekdote beweisen. Ein Doctor der Arzneikunst, Dieboldt aus Strasburg, der auch in der Mathematik nicht ganz unwissend ist, besuchte mich. Er klagte mir, daß er in Göttingen keinen Menschen aus seiner Vaterstadt fände, und ich bedauerte ihn wirklich ob dieses Mangels an Landsleuten. Erst als er mich verlassen hatte, fiel mir ein, daß er zwei Landsmänninnen in Göttingen habe, an die ich in der That nicht gedacht hatte. War das nicht schrecklich?« –

Die Freunde lachten; Kästners muntere Laune brachte sie ab von den urgermanischen Vermuthungen, die mit keiner urkundlichen Nachricht zu beweisen waren. Der Gast erzählte witzgewürzte Anekdoten, die nie die beabsichtigte Wirkung verfehlten. Er versicherte, daß er heiligen Respekt vor den Frauenzimmern habe. »In einer Gesellschaft, zu der ich geladen war,« erzählte Kästner: »traf ich eine lange, nicht hübsche Frau, auf die ich mich nicht besinnen konnte, aber ich mußte immer an eine hochnordische Göttin denken, so oft ich sie ansah, daher ich sie nicht oft ansah, denn ich bin kein Götzinnendiener. Sie und die Frau Pastorin, bei der ich eingeladen war, küßten einander, und ich war froh, daß ich nicht die Frau Pastorin war. Die lange Frau hatte einen Mann, der mein College war, aber in Stockholm, daher die Ideen-Association zwischen der Frau und einer scandinavischen Gottheit. Der Mann hatte von den vielen Titeln des Ritter Linné zwei, ob er eben so viele Bruchtheile von Linné's Kenntnissen hat, weiß ich nicht. Die Auswahl seiner Frau ließ mindestens nicht viel Botanik voraussetzen. Ich hatte das Schicksal, zwischen den beiden Damen zu sitzen, und war froh, daß der Mann mit zwei Titeln Linné's viel sprach, denn ich sprach um so weniger, und dachte, oder empfand mindestens gar nichts. Was er aber gesprochen hat, das wieder zu erzählen, werden Sie dem alten Kästner nicht zumuthen, es wäre denn Jemanden zur Erweiterung der medicinischen Kenntniß und Wissenschaft nöthig.«

»»Wie soll das gemeint sein?«« fragte der Professor.

»Der Mann sprach sehr viel von den Krämpfen der Damen. Er sagte: Für eine Dame, die Krämpfe hat, recipe drei Gläser Rheinwein. Wenn sie es nach und nach bis zur Bouteille bringt, so wird sie keine Krämpfe mehr fühlen.«

»»Dieses Recipe werden gewiß die Damen sehr übel genommen haben!«« spöttelte Lichtenberg: »obwohl es zu probiren wäre, und eine neue Heilkunde unter dem Namen Oinopathie begründen könnte.«

»»Das nenne ich einen weingeistreichen Gedanken!«« lachte Kästner. »Dabei fällt mir ein, daß einmal Leisewitz bei mir war, und mir vertraute, Zimmermann habe ihn einen schönen Geist genannt. Ein Mädchen, die das gehört, habe ihn sofort für den lieben Gott gehalten. Das Mädchen war freilich einfältig, was den Mädchen mehrmals begegnet, wenn sie aber Weiber werden, werden sie klug, woraus abzusehen, woher die Klugheit kommt. Wenn jenes gute Mädchen, nachdem es älter geworden, die schönen Geister näher kennen lernte, wird es gesehen haben, daß man nicht einmal von allen sagen kann, was Haller seiner Doris sagte:

»Die Menschheit ziert Dich allzusehr.«

Wenigstens zieren nicht alle die Menschheit.«

Unter munteren Scherzreden verließen die Freunde, als die Sonne hinter den grünen Wälderwogen des Elm glühroth niedersank, den schönen ernsten Ort, und stiegen zu der Stelle nieder, an welcher die Wagen harrten. Bald umgab die hehre Stille der Einsamkeit die erhabenen Steinaltäre, die der Vorzeit Riesengeist umwehte. Diese ernsten Zeugen und Zeugnisse bedurften nicht der kurzsichtigen Menschen Deutelei und Deutung, sie bedurften nicht der Pergamente – sie waren selbst die Lapidarurkunde des tief verhüllten Einst. Sie hatten der Urvölker tiefgeheimen Götterkult üben sehen; an ihnen tönten der Priester heilige Gesänge; an ihnen floß das Blut, das der Opferdienst erheischte, und in des geweihten Gipfels Nähe nach Norden zu, in der Richtung nach Suplingenburg, bestattete das Urvolk seine Todten im flammenden Leichenbrande, und fügte zur geliebten Asche die fromme Mitgift an Schmuck und Waffen in riesigen Urnen, die in die steinernen Hünenbetten beigesetzt wurden.

Es war ein im Volke verrufener, vom Volke gemiedener und gefürchteter Ort, und diese Furcht war nichts, als die tausendjährige Ueberlieferung einer Scheu vor der Urväter heiligem Hain- und Felsentempel, der zugleich dessen Gerichtsstätte war, wo auf den in einen Kreis zusammengewälzten schwarzen Blöcken des Steinringes die starren Schöppen saßen und dingten.

An diesen gemiedenen Ort traten, als alles ringsum tiefstill war, aus den zahlreichen Geröhrigen der Niederungen drunten kaum noch ein Kibitzruf erscholl, zwei Frauengestalten, eine greise Alte und eine frischkräftige Junge. Ob sie irgend eines Weges gekommen waren, ob sie aus der Erde getreten, wie insgemein die Wandlerinnen der Sage, hätte ein Sterblicher, der sie gesehen, schwer zu entscheiden vermocht. Diese beiden Gestalten flüsterten mit einander, aber in wälscher Zunge; kein deutsches Wort ging aus ihrem Munde. Ihre Tracht war höchst einfach, dunkelfarbig, ihre Züge waren kaum noch zu erkennen, so tiefes Dunkel schattete schon. Die Alte zeigte völlig das Antlitz einer Greisin, mit den unvertilgbaren Zügen einstiger hoher Schönheit, die jüngere ein ernstes kluges Gesicht, aus welchem Reife sprach, von dem die frische Jugendblüthe abgestreift war, dessen geistiger Ausdruck aber, belebt durch feurige Augen, dieses Mädchen immer noch als eine ernste Schönheit erscheinen ließ. Sie glich so einer Seherin oder Sibylle, und auch ihre einfache Tracht, schwarz, nur ein dunkelfarbig gestreiftes Tuch um den Kopf geschlungen, vollendete das eigenthümliche und ungewöhnliche ihrer Erscheinung.

»Gute Wanderzeit, Mutter!« sprach das Mädchen. »Der Mond geht auf dort über Sanct Ludgeri Münster; der Nachtthau fällt und kühlt.«

»Wohlan denn, Blanka, laß uns fürbaß eilen, hinab zu Thale, den Weg gen Schöppenstädt entlang!«

»Um dort zu rasten, Mutter?«

»»Nein, o nein – nicht in den Städten finden wir die Ruhestätte. Die alte Asseburg ist unser Ziel.««

»Und wird der Fuß Dir nimmer müde, Mutter?«

»»Des Wanderns bin ich traun gewohnt von Jugend auf. Land ab und auf zu ziehen ward ich früh gewöhnt, und meines Lebens beste Lust war Wanderlust. Mich leidet's, duldet's nicht in engen Mauern, das weißt Du ja, die Du so treu mir folgst. O hätte Deine Schwester so gefolgt!««

Die beiden Frauen stiegen mit einander den südlichen Abhang des Corneliusberges nieder, den Fußpfad zu gewinnen, der zwischen der leise durch die Niederungen gleitenden Aldena und dem von ihr begrenzten Else-Gehölz sich einsam und geheimnißvoll hinzog.

An einer Stelle ward dieser Weg durchschnitten von der Straße, die von Helmstädt nach Schöppenstädt führt.

Den zurückkehrenden heiteren Freunden kam ein Reiter entgegen, als schon der Tag der Dämmerung wich. Dieser Reiter lenkte sein Pferd zur Seite, damit die Wagen vorbeiführen, endlich als dieselben näher kamen, hielt er es ganz an. Scharf blickte sein Auge nach den Herren, die in den offenen Wagen saßen. Bald fand er seinen Mann, den Professor, der neben Lichtenberg saß. Beide klein, schmächtig, von zartem Körperbau, mit feinen, scharfgeschnittenen, klugen Physiognomien. Der Reiter richtete sich im Sattel empor, legte die Finger soldatisch grüßend an die Kopfbedeckung und rief laut: »Guten Abend Herr Pathe!« Möglich, daß etwas Hohn sich in diesen Ruf mischte.

Der Professor hörte den Ruf, sah den Reiter. – »Was war das? Dieser Mensch – mir so bekannt! Halt Kutscher! Halt!«

Der Kutscher konnte nicht sogleich den Wagen zum stehen bringen. Als dieser endlich stand, war der Reiter längst davon gesprengt.

»Seltsam! Seltsam! Eine Erscheinung oder ein Räthsel!« murmelte der Professor vor sich hin. – Als er nach Hause kam, wurde ihm das Räthsel gelöst, aber keinesweges völlig befriedigend.

Leonhard ritt durch das mondbeglänzte Else-Gehölz auf gut gangbaren Fußwegen, im ruhigen Schritt, seinen Gedanken und Hoffnungen nachhängend, da sah er ausschauend auf einer Waldblöße zwei hohe dunkle weibliche Gestalten vor sich her wandern; –

 


 

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