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Die Geheimnisse eines Wundermannes. Zweiter Theil

Ludwig Bechstein: Die Geheimnisse eines Wundermannes. Zweiter Theil - Kapitel 5
Quellenangabe
authorLudwig Bechstein
titleDie Geheimnisse eines Wundermannes. Zweiter Theil
publisherW. Einhorn's Verlag/C. A. Hartleben
year1856
correctorreuters@abc.de
senderHerbert Niephaus
created20180917
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4.
Der Flötenbläser.

Die heitere Stimmung, in welche die befreundeten Professoren sich versetzt hatten, theilte sich endlich allen Anwesenden mit, auch den ernsthaftesten, die aus den gefahrdrohenden Gestirnständen am politischen Himmel so gern den Weltuntergang prophezeihten, jenen permanenten Schwarzsehern, deren Art nie ausstirbt, und die stets, wenn eine von ihnen als höchstunheilbringend vorausgesagte Staatsaction statt zu einer Schicksalstragödie zu werden, zur Larifariposse geworden ist, ein neues Thema mit Eulengeschreibegleitung abzuspielen beginnen, das wiederum ein verkehrtes und unvorhergesehenes Ende nimmt.

»Bleibt uns nur mit der politischen Windmühlenflügelei vom Leibe!« rief einer aus der Gesellschaft. »Hört ihr nicht, wie sanft unseres Hospes Aeolusharfe tönt!«

»Ungleich reinere Klänge, als alle die vom Winde hergeblasenen Dissonanzen!« bestätigte Lichtenberg.

In der That entströmte der Tuffsteingrotte, in welcher versteckt in einer Spalte eine Windharfe angebracht war, der reinste Klang in einer reichen Harmonienfülle.

»Ihr müßt das Ding gut kennen, Ihr habt ja darüber im Zweiundneunziger Göttinger Taschenkalender etwas drucken lassen!« rief einer der Anwesenden Lichtenberg zu, und dieser entgegnete: »Allerdings, es ist für Physiker ein sehr beachtungswerthes Instrument. Ich versuchte in Kürze nachzuweisen, daß wir die Erneuung und Wiedereinführung der Aeolusharfe, deren vorgeblicher Erfinder der berühmte Jesuit Athanasius Kircher gewesen sein soll, dem englischen Dichter Pope verdanken, der das Instrument gleichsam für sich erfand, gestützt auf eine Wahrnehmung des berühmten Auslegers Homers, Eustathius, Bischof von Thessalonich, der einige Jahre vor Kircher gelebt hat.«

»»Wenigstens ist er«« – warf der Kirchenhistoriker Henke mit trockenem Humor ein: »fünfhundertundsechsundachtzig Jahre vor Athenasius Kircher verstorben.«

»»Ein schottischer Cellovirtuose, Oswald, hörte von Pope des Eustathius Aeußerung, der an irgend einer Stelle sagt, daß der Wind, wenn er auf bespannte Saiten stieße, harmonische Töne erzeuge, machte mit Pope verschiedene Versuche, die lange mißglückten, endlich aber doch glückten, und so war die Aeolusharfe aufs neue erfunden.««

»Sollte nicht diese Theorie den Mechaniker Vaucanson auf die Idee zur Anfertigung seines Flötenbläsers gebracht haben?« warf Häberlin die Frage auf: »Unser musikalischer Freund Lichtenberg wird uns das gewiß sagen können!«

»Spötter!« entgegnete Lichtenberg: »Ich verstehe von Musik wenig, es geht mir, wie dem Flötenbläser, ich kann zwar kein Instrument spielen, aber gut pfeifen, und davon habe ich schon beträchtlichen Nutzen gezogen.«

Die Erwähnung des Flötenspielers, dieses bewunderungswürdigen Automaten, weckte bei einer Anzahl der versammelten Freunde die Erinnerung an jene vor einigen Jahren im Abendkreise des Professors zugesicherte, aber in dem ganzen mittlerweile verflossenen Zeitraume nicht zur Erfüllung gekommenen Verheissung, das Kunstwerk zu zeigen, und der Eigenthümer sah sich sofort angegangen, jetzt das so lange gegebene Versprechen zu erfüllen, wozu er denn auch mit Freuden bereit war, und die Freunde aus der Grotte wieder nach dem Gartensaale zurückführte. Eine Thüre vor einer Nische im Gartensaale schob sich auf den Wink des Professors von verborgener Federkraft getrieben in die Wand, und der Flötenbläser stand vor den Augen der überraschten Freunde fast lebensgroß, mit dem würfelförmigen Fußgestelle fünf und einen halben Schuh hoch.

Der Flötenspieler machte eine ehrerbietige Verbeugung, erhob seine hölzernen Arme und setzte mit Anmuth seine in den Händen haltende Flöte an seine hölzernen Lippen. Alles wurde still, alles lauschte, das Spiel begann, rein, volltönig, wohllautend, zum Erstaunen hinreissend.

»Ein Tausendsassa, Euer Flötenbläser!« rief Kästner, als das erste Stück zu Ende gespielt war, dem niemand mit mehr Entzücken lauschte, als der glückliche Besitzer des werthvollen Kunstwerkes. »Wie er sich, ganz wie die lebendigen Flötenspieler, mit selbstzufriedenem nicken begleitet, auf jeden besonders schönen Ton durch einen Nicker Accent legt, und mit dem Leibe wackelt, trotz der Mara, wenn sie ihre berühmte Arie: mi paventi singt – die er uns so eben vorgeblasen.«

»»Und kein Orgelwerk im Kopfe, wie so viele unserer Katheder-Virtuosen,«« spöttelte Lichtenberg. »Alles wirklicher Wind, Einblasen in die Flöte, Bewegung der Zunge, kunstgerechte Löcherbedeckung mit den Fingern – es fehlt nichts, als daß er sein Instrument nicht auch mit einem seidenen Facinettlein abwischt, und ein selbstgefällig entzücktes Gesicht schneidet.«

»»Es ist ein kapitaler Bursche, dieser Kammervirtuose!«« belobte Carpzow.

»Ich bleibe bei meiner, schon früher ausgesprochenen Ansicht,« äußerte Häberlin; »nichts schöneres, als eine solche Hof-Kapelle! Kein Künstlerdünkel, kein Neid, keine Faulheit, die höchste Mäßigkeit, die größte Bescheidenheit bei unabläugbarem Verdienst; bleiben bei der Stange, bei ihrem Instrumente, sitzen nicht in Wein- und Bierhäusern, politisiren, kannegiesern und raisonniren nicht, trinken nicht, rauchen nicht, schnupfen nicht, karten nicht, leben außerordentlich gesittet, sind wahre Zierden der menschlichen Gesellschaft!«

»»Da fällt mir wieder ein,«« – nahm von Crell das Wort: »daß einmal von einer Satyre die Rede war, die uns unser gütiger Freund mitzutheilen versprochen, aber bis dato noch nicht Wort gehalten hat. Heute wären Ort, Zeit und Stimmung wol die passenden, uns alle neben diesen trefflichen Rhein- und anderen Weinen damit geistig zu erquicken.« –

»»Was kann uns eine veraltete Satyre frommen, zumal, wenn man deren Urheber nicht kennt?«« – versetzte der Professor, indem er listig lauernde Blicke auf Kästner und Lichtenberg warf. »Sollte sich der Herr Verfasser etwa unter uns befinden, denn nimmermehr glaube ich an die Autorschaft des Unterschriebenen Degodet, Professor der Mechanik in Geneve, so dürfte ihm vielleicht die Mittheilung seiner Arbeit nicht ganz erfreulich sein? Wie?« –

Die beiden anwesenden Humoristen verzogen keine Miene bei dieser Frage, ebenso wenig Häberlin, aber Schirach nahm das Wort und sprach: »Eine gute Satyre darf nie schimmeln Der Hammer, der einmal den Nagel auf den Kopf getroffen, kann ihn zu jeder Zeit wieder treffen; habt Ihr etwas anziehendes von dieser Art, so theilt es mit, wir werden aufmerksame Hörer des Wortes sein.« Andere Anwesende stimmten dem Sprecher bei, und man nahm hörbegierig Platz auf den Stühlen des Gartensaales.

Der Professor füllte mit eigener Hand die Gläser seiner lieben Gäste aufs neue, winkte dem in ehrerbietiger Entfernung der Befehle harrenden alten Leonhard, eine frische Flaschenbatterie aufzufahren, und entnahm dem Büchergestell ein Heft, was schon einige Spuren der Veraltung zeigte.

»Ich füge mich dem Wunsche meiner hochverehrten Gäste,« nahm der Professor das Wort: »nur möge mir erlaubt sein, manches die Bescheidenheit des Empfängers dieser geistreichen Zuschrift zu sehr anrührende Wort zu unterdrücken, und manchen allzubreit ausgesponnenen Satz zu überspringen. Es sind ganz die Gedanken, die Freund Häberlin aussprach, nur auf andere Kreise der Gesellschaft ausgedehnt. Ich empfing diese Zuschrift bald nachdem ich mich in den Besitz der Vaucansonschen Automaten und mehrerer von Droz gesetzt hatte – dieß erläutert manches vom Inhalte, der in der That die Eigenschaft hat, noch heute, nach siebenundzwanzig Jahren, zu passen, und nach dreimal siebenundzwanzig Jahren zuversichtlich auch noch passen wird, denn wie auch die Zeit mannichfaltig umgestaltend über den Erdkreis schreite, die Menschen bleiben sich gleich unter allen Verhältnissen und zu allen Zeiten. Als Ouvertüre aber soll unser Flötenbläser uns noch ein zweites seiner schönen Stücklein zum Besten geben.«

Die automatische Figur verneigte sich, durch einen verborgenen Federdruck angelassen, aufs neue vor der Gesellschaft, erhob die Hände mit der Flöte, und blies die Melodie einer Opernarie mit Geschmack und Rundung.

»Das war ja ein altfranzösisches Tonstück!« rief, als der Flötenbläser geendigt hatte, Schirach aus »Bläst er keine neuen?«

»»Der Wind im neuen Frankreich weht zu stürmisch für ein so gebrechliches Instrument, wie eine friedliche Flöte ist,«« versetzte der Professor sarkastisch.

»Wenn Frankreich diesen Wind behält« – fügte Kästner ernst hinzu: »so wird es dort noch viel Blut regnen.«

Der Professor nahm in seinem gewohnten Sessel Platz, entfaltete das Heft, welches er in Händen hielt, und las: »Mein Herr! Sie sind ein Kenner und Beschützer der Wissenschaften, vielleicht in unserer Gegend bekannter als in der ihrigen, wo das Auge gewohnt ist, an den langen Degen und kurzen Röcken hangen zu bleiben. Sie haben meinen Freund De L'Olme jüngst Ihres Schutzes gewürdigt – als einige Ihrer Orthodoxen seinen Flötenspieler heimlich der Zauberei beschuldigten, und Sie haben seinem Canarienvogel das unschätzbare Glück verschafft, von einer hohen Hand verdorben zu werden. So viele Gewogenheit verdient alle mögliche Erkenntlichkeit, und ich weiß diese nicht besser an den Tag zu geben, als wenn ich Ihnen, mein Herr, das Geheimniß einer Erfindung eröffne, welches vielleicht noch nicht seines Gleichen gehabt, so lange die Welt steht.«

»Es ist aber solches ein mechanisches Kunststück, welches nicht nur das Cameral-Interesse großer Herren auf erstaunliche Weise fördern, sondern auch selbst auf die Ruhe und die Glückseligkeit ganzer Staaten den größten Einfluß ausüben würde.«

»Sie mein Herr, sollen den Vorzug genießen, meine Erfindung zuerst in Ihrem Vaterlande bekannt zu machen, und dadurch die große Zunft der Allerwelts-Projectenmacher beschämen, die sich so viel darauf einbilden, wenn sie für alte Plusmachereien neue Namen erfinden, und ganze Länder arm machen, ohne dadurch deren Fürsten zu bereichern.«

»Den Grund meiner mathematischen und mechanischen Kenntnisse legte ich bei dem berühmten englischen Künstler Master Graham.«

»»Ah! Der himmlische Bettmacher!«« rief unterbrechend Kästner aus.

»Nicht mit Himmelbettmacher zu verwechseln!« scherzte Lichtenberg.

»Nicht doch!« entgegnete der Professor. »Verstellt euch doch nicht so! Ihr wißt recht gut, daß nicht der schottische Charlatan Doctor Graham, sondern der berühmte Mechaniker Georg Graham gemeint ist. Also weiter: »Ich war so glücklich, im hohen Grade sein ausgezeichnetes Vertrauen zu erwerben, und er erlaubte mir, selbst bei solchen Stücken mit Hand anzulegen, deren Verfertigung er sich außerdem ganz allein vorbehielt, zum Beispiel wunderthätige Marienbilder für die ehrwürdigen Väter Jesu in Paragai, welche Bilder weinten und die Augen verdrehten. – Diese ersten Versuche weckten in mir eine unüberwindliche Neigung zur Mechanik, und gaben mir Licht daüber, wie diese Wissenschaft zum Heile der Länder und Staaten angewendet werden könne.«

»Es ist Ihnen bekannt, daß Georg Graham schon im Jahre siebenzehnhunderteinundfünfzig starb, und nach dem tödlichen Abgange dieses meines verehrten Meisters begab ich mich zu dem bekannten Vaucanson, um dessen Unterricht zu genießen. Ich half ihm an seinem Flötenbläser und an seinem Trommelschläger arbeiten, so wie auch an der vortrefflichen Ente, welche ihm die Bewunderung der ganzen Welt zugezogen hat.«

»»Welche rara avis wir persönlich zu kennen die Ehre haben!«« warf Henke ein, der Vorleser ließ sich aber bei diesem für ihn so anziehenden Gegenstande nicht stören, sondern fuhr mit erhobener Stimme zu lesen fort: »Sie wissen mein Herr, daß noch nie eine Maschiene der Natur so nahe gekommen, wie diese. Die Ente ißt, sie trinkt, sie verdaut, sie gackert wie eine wirkliche Ente, und es ist fast unmöglich, sie von einer natürlichen zu unterscheiden.«

»Ich begann nun, den Organismus, respective den Mechanismus des Thierreichs, insonderheit der höheren Thiere, zu studiren, stieß auf überraschende Aehnlichkeiten mit dem der Menschen, und dachte, so gut man Enten, Schwäne, Kanarienvögel, Colibris und Papageien machen, sie essen und verdauen, und wo nöthig auch sprechen und singen zu lehren vermag, ebenso gut kann man ja auch menschliche Figuren herstellen, und der Mechanismus war sehr bald von allen Schwierigkeiten, die ich dennoch zu überwinden hatte, die allergeringste. Die größte Schwierigkeit war die, meine künstlichen Menschen den natürlichen äußerlich ganz ähnlich zu machen, da die Menschen einander stets nur nach der Aeußerlichkeit beurtheilen. Da kam mir zunächst ein amerikanischer Einfall: Cheveluren; hatte doch mein Meister Vaucanson ebenfalls seine Ente mit einer wirklichen Entenhaut überzogen. Freilich in Europa? Woher da Cheveluren nehmen? Allenfalls ließen sich heimliche Verträge mit Beamten schließen, die den Unterthanen ihrer Fürsten das Fell über die Ohren ziehen – da aber gewisse große Herren den Assientohandel zum Monopol gemacht haben, und lieber ihre Unterthanen mit Haut und Haar lebendig verkaufen, so werde ich mich wohl in der Folge an die Irokesen in Betreff von Skalpen und Häuten wenden müssen.«

»»Ich sollte meinen, der Künstler könnte dieß bei den Engländern, die sich das Monopol der Sclavenausfuhr von den Spaniern ertrotzt haben, näher haben«« – unterbrach Carpzow. »Schwarzhäute werden billig abgegeben.«

»»Neger oder Mohren würden bei der Parademusik, die ich im Sinne habe, kaum fehlen dürfen,«« scherzte Häberlin. »Einer mindestens müßte dabei sein, die Becken zu schlagen, oder die große Trommel, oder den Schellenbaum zu schütteln.«

»»Unser Verfasser ist der Ansicht,«« nahm der Professor wieder das Wort: »daß sich davon erst werde reden lassen, wenn er einmal Hoffnung habe, das Werk ins Große zu treiben, wozu sich allerdings hier und da schon einige Aussicht zeigt. Er schreibt ferner: Erlauben Sie mir mein Herr, daß ich Ihnen inzwischen erzähle, wie meine ersten Versuche abgelaufen sind. Nachdem ich fest entschlossen war, meine Idee auszuführen, kam es nur noch auf die Art von Menschen an, die sich für einen Anfänger am leichtesten geeignet zeigte, durch eine Maschiene vertreten zu werden. Mein erster Gedanke verfiel auf die Bauern; ich glaubte bei ihnen die oben erwähnte überraschende Aehnlichkeit zu finden, wie der tägliche Umgang mit dem Vieh die viehische Lebensweise so vieler unter denselben diese voraussetzen ließ. Auch behauptete schon Cartesius von ihnen, daß sie nichts als Maschienen seien. Rasch ging ich also an die Anfertigung eines deutschen Bauers, allein denken Sie sich, mein Herr, mein gerechtes Erstaunen, als mein Kunststück fertig war, und dieses sich wie ein junger Stadtherr gebehrdete. Es kleidete sich städtisch, ging und sprach, wie ein junger Stadtherr, konnte keine Furche ziehen, keinen Saamen ausstreuen, konnte nur mit der Zunge dreschen, verstand keine einzige bäuerische Verrichtung, außer der, Karten zu spielen, vielen Tabak zu rauchen und große Mengen von Bier zu vertilgen. An dieser Waare mußte ich natürlich verlieren, da sie sich als nutzlos zeigte, und ich voraussah, daß ich niemals meine Kopien so billig würde geben können, wie der kleinste polnische Starost seine Originale. Es war mithin nichts mit den Bauern, und ich verfiel auf die Soldaten, aufgemuntert durch das Zeugniß des größesten Kenners der Kriegskunst, daß eine ganze Armee vernunftbegabter Geschöpfe nur eine Maschiene sei, in welcher die Officiere die federnden Kräfte bildeten. Gleichwol scheiderte auch daran meine Kunst, denn meine Maschienen sind zerbrechlich; die Federn rosten und die Räderwerke versagen bald ihren Dienst, wenn sie Wind und Wetter ausgesetzt werden; ich könnte mich also nur dann entschließen, in diesem Fache weiter und ins Große zu arbeiten, wenn ich einen großen Herrn wüßte, der einige Compagnien blos zum spielen verlangte, oder wenn irgend ein Generalintendant kaiserlicher oder königlicher großer Opern einige Reihen solcher Statisten wünschte, die stets in Ordnung bleiben, nie Unfertigkeiten und Tölpeleien treiben, nie Verwirrung anrichten, dem Chorführer auf jeden Augenwink folgen, und die Garderobe schonen, was wichtige Ersparnisse im Hofopern-Bühnenetat zur Folge haben würde. Auch könnten sie recht passend zu Chören eingerichtet werden. Sind aber kostspielig.«

Dieser Gedanke erregte den ungetheilten Beifall der Zuhörerschaft, man lachte ausgelassen, vergaß nicht, eine kleine Pause, die der Vorleser machte, mit trinken auszufüllen, und hörte gespannt zu, als der Professor weiter las.

»Ich gab also vorläufig den Gedanken auf, und sah mich in einer andern Sphäre um, in der ich zu meiner großen Freude eine Menge von Figuranten und Figurinen von ungleich weniger Geschicklichkeit, als auf dem Theater erforderlich ist, entdeckte; wandelnde Tapeten, phantastische Decorationen, alle bereits abgerichtet, sich beständig um einen Mittelpunkt zu bewegen, oder genau die Spirallinien und Curven einzuhalten, auf die sie angewiesen sind. Hier, dachte ich, werden auch Deine Puppen volle Anerkennung finden, welche vor jenen so vieles voraus haben, denn sie werden sich noch abgezirkelter, noch vorschriftmäßiger bewegen, sie werden nie aus dem Gleise schreiten, nie einen Teller fallen lassen, nie ein Glas umstoßen, nie auf die Schleppe einer Robe, oder einem alten Herrn mit gesticktem Kragen aufs Hühnerauge treten, auch werden sie keine Liebesintriguen anspinnen – kurz, als wirkliche Maschienen alles besser verrichten, wie der Webstuhl regelrechter arbeitet, als der Weber, und die Mühle geschickter mahlt als der Müller. In der Hoffnung nun, endlich das Feld einer nützlichen Thätigkeit gefunden zu haben, ersann ich drei Probe-Modelle, welche Ihnen zu beschreiben ich die Ehre habe.«

»Die erste Scizze ist ein angenehmer Herr von mittleren Jahren in denen er stets bleibt. Er ist schlank, elastisch biegsam; sechs Schuhe hoch, trägt blondes Haar, blaue Augen, und stets rothblühende runde Backen. Seine Physionomie ist hübsch, doch würde selbst ein Lavater sich vergebens bemühen, irgend eine Spur von Geist, Leidenschaft, Gemüth, Herz oder Seele aus demselben herauszustudieren, er ist ein lebendiges Paroli, das ich der Physignomik biege.«

»Aha! Jetzt erkenne ich den Vogel an den Federn!« rief Schirach lachend, und drohte mit dem Finger: »Lichtenberg! Lichtenberg!«

»»Nun soll ich wol der Verfasser sein?«« gab dieser spöttisch zurück. »Als wenn nicht ein Anderer so gut als ich über eine junge Katze lachen könnte!« –

»»Er spielt alle Hazard- und Kartenspiele, erstere aber am liebsten«« – fuhr der Professor fort zu lesen. »Er sitzt manierlich bei Tafel, und sagt jede Viertelstunde seiner Nachbarin zur Rechten eine Artigkeit, welche er belächelt, und auf Verlangen auch gegen die Nachbarin zur Linken repetirt. Auf ebenen Boden geht er mit und ohne Stock so gewandt, wie ein Kammerfourir; über die Straße aber muß er im Wagen gefahren, oder in einer Portechaise getragen werden. Die Maschienerie dieses Produkts habe ich in den Unterleib verlegt, und den Kopf gänzlich leergelassen, doch aber über eine Vorrichtung nachgedacht, daß mein Mann mittelst eines in den Kopf zu setzenden Uhrwerkes und Wetterglases, nebst einem Hygroscop aus wildem Hafer, in Stand gesetzt wird, auch zu sagen, was wir für Wetter haben, oder morgen haben werden, und woher der Wind weht. Noch einige Federn mehr, und ich könnte ihn auch zum schreiben bringen, allein ich wüßte nicht, wozu? Es würde diese überflüssige Kunst nur die Unkosten steigern. Das Stück berechnet sich ohnehin auf Eintausend Louisd'or, mit Barometer und Hygroscop auf fünfzehnhundert, und wird von mir auf zwei Jahre garantirt, worauf ihm von seinem Besitzer ein längerer Urlaub zur Wiederherstellung seiner durch die beschwerlichen Dienstleistungen angegriffenen und geschwächten Gesundheit ertheilt, und die Börse mit Gold zu den Kur- und Reisekosten gespickt werden muß.«

»Das zweite meiner Kunstwerke ist ein Herr von anderem Schlage. Er ist stattlich, brünett, sitzt gravitätisch, obschon etwas marionettenmäßig, was nicht ganz bei einer solchen Maschiene zu vermeiden ist, zu Pferde; das Carillon ist unvergleichlich; er spielt stundenlang und repetirt nach Belieben. Am liebsten hält er sich im Marstall und in der Reitbahn auf. Jede Viertelstunde nimmt er Tabak, wobei er jedesmal die Manschetten zurückstreift, und zwar mit einer Würde, daß man schwören sollte, er sei keine Maschiene. Er unterschreibt auch seinen Namen, doch darf ihm dieses schwere Kunststück nur äußerst selten zugemuthet werden, weil nur zu leicht dadurch etwas am Mechanismus verdirbt, worauf er confus wird, und äußerst fehlerhaft schreibt. Und dann kann man ihn in Jahr und Tagen nicht wieder zum Schreiben bewegen. Dieß ist ein kleiner nicht zu reparirender Mangel. Er ist vortrefflich beim Kartenspiel zu gebrauchen, füllt den Platz in einer Opernloge höchst anständig aus, kann vorreiten, und kostet, wegen des erwähnten Fehlers in der rechten Hand auch nur eintausend Louisdor. Seinen Kopf habe ich massiv gelassen, und keinerlei Mechanik darin angebracht, damit er nicht in Verwirrung gerathe; denn als ich die ersten Versuche mit einem anderen Kopf mit ihm machte, zeigte er die wunderliche Neigung, Dinge zu thun, die ich ihm gar nicht zutraute, unter anderen die, sich mit Büchern zu beschäftigen, was doch durchaus gegen seine Bestallung lief.«

»Mein dritter Mann ist eine Figur aus Buchsbaum, doch kann ich mich leider nicht rühmen, daß diese mir sonderlich gerathen sei. Ich hatte ihn zu einem Gesandten bestimmt, daher spricht er französisch, aber leider, obschon er wie ein Papagei plaudert, eben auch wie ein solcher mit schwerfälliger Zunge und so unverständlich, daß kein Franzose versteht, was er spricht. Er blinzt aber hübsch mit den Augen und kann auch küssen; schreiben kann er nicht; dabei zeigt er viel Launen – das verdammte Holz muß sich gezogen haben. Ohne einen Sekretarius ist er (im Vertrauen) nicht zu brauchen. Ich denke ihn aber demnächst noch einmal vorzunehmen und umzuarbeiten, daß er wenigstens noch brauchbar werde, an befreundete Höfe zu Geburtstagsgratulationen und sonstigen wichtigen Anzeigen gesandt zu werden, wobei ich eine Vorrichtung anbringen werde, die für solche wichtige Dienstleistungen zu empfangenden zahlreichen hohen Orden in verschiedenen Reihen auf der linken Brust zu tragen.«

»Noch eine Skizze, gleichsam ein Appendix zum Schlusse. Ich verfertigte ein Kerlchen, welches ich als ein Musterbild der Mode aufstellen möchte. Es trägt sich elegant, Nankingbeinkleider, Stulpstiefeln, und Sporen daran, bloßen Hals, hechtgrauen Frack, blaue Weste. Es trägt eine Reitpeitsche, schnupft regelmäßig, aber blos Spaniol, und raucht täglich einige Dutzend Holländische Pfeifen Tabak. In der Kirche läßt es unter der Predigt seine Sackuhr repetiren, im Conzert schwatzt es mit der ersten besten jungen Schönen ganz laut allerlei Unsinn, während der eine oder andere Virtuose etwas rührendes vorträgt. Es macht auch Verse an den Mond und dichtet Hautschauder erregende Balladen, mittelst deren Vorlesung man Kröpfe vertreiben kann, weil diese vor Schrecken in sich selbst zusammenschrumpfen und sich nicht mehr an das Tageslicht trauen. Keine seiner Balladen ist kürzer, als die berühmte Büßende des Grafen Stolberg, denn ein Kropf kann nicht so schnell verschwinden, und das Sprüchwort sagt: Gut Ding will Weile haben. Dieses Kerlchen kann sehr fingerfertig schreiben, daher ist es gut zum recensiren zu gebrauchen; das Geheimniß dieser seiner Kunst beruht auf mehreren bereits zugeschnittenen Schablonen, die durch ein kleines Walzwerk verschoben werden, und je nachdem dieß geschieht, fallen die Recensionen gut oder schlecht aus, das heißt, günstig oder ungünstig, ein Werk gut oder schlecht machend. Eine der Schablonen heißt Nummer Null Null, diese läßt an einem Werke kein gutes Haar. Dieses Mode-Maschienchen muß von seinem Eigenthümer, welcher Nutzen von demselben ziehen will, gut eingeschmiert werden. Eins ist bereits für Nicolai's allgemeine deutsche Bibliothek bestellt, und eins für Vater Wieland's deutschen Merkur. Für den Weiterverkauf im halben Dutzend kommen sie billiger, und auf das Dutzend wird ein Stück umsonst zugegeben. Man kann sie auch zu Vorlesern abrichten.«

»Dieß, mein Herr, sind meine ersten Modelle, aber es arbeitet in mir bei Tag und Nacht, noch ungleich trefflicheres und praktischeres zu leisten, als durch die genannten Spielwerke, die nur zum Vergnügen, nicht zum Nutzen gemacht sind. Durch die Tugenden der Mäßigkeit, Enthaltsamkeit, Keuschheit, Verträglichkeit und so weiter, welche meine Puppen an Tag legen, werden moralische Beispiele gegeben, und die in unseren Tagen so sehr gesunkene Tugend wird gehoben. Sie spinnen keine Cabalen und Intriguen an, verklatschen und verläumden niemand, hecheln niemand durch, stehlen Niemand Ehre und Ansehen, und ersparen einem regierenden Herrn tausendfachen Verdruß, den ihm seine Dienerschaft fast täglich verursacht. Meine Docken sind die besten Geschöpfe von der Welt, sind mit allem zufrieden, nehmen höchstens Fußtritte etwas übel, sind verschwiegen wie das Grab, stehen stundenlang im Vorzimmer und warten, ohne zu murren; sie ärgern sich nicht über die Ungezogenheiten der Heiducken, Pagen und Kammermohren, und sollten sie selbst Mohren sein, so haben sie den Vorzug, daß sie nicht stinken. Sie halten sich viele Jahre ohne Wein oder Branntwein, sind leicht zu verpacken und mit auf Reisen zu nehmen, und läßt ja die Maschienerie mit den Jahren etwas nach, so geben sie noch gute Spielwerke in den fürstlichen Kinderstuben ab, oder man kann mit ihnen, wie mit alten Ritterrüstungen, die Kunst- und Antiquitätenkabinette zieren.«

»Der Verfasser ergeht sich nun« – unterbrach der Professor seine Vorlesung: »bis zum Schlusse in minder witzigen Betrachtungen und Anspielungen, und hat über denselben, die er allzu politisirend gestaltet, vergessen, was er im Eingange sagt, nämlich darzulegen, wie durch die Erfindungen seines mechanischen Genies Ruhe und Wohlfahrt der Staaten gefördert, und die Kammereinkünfte der Regenten vermehrt werden können.« –

»»Gute Frucht hat diese Erfindung jedenfalls längst getragen,«« bemerkte Kästner: »denn wäre sie nicht glänzend in das Leben getreten, wie dürfte man wagen, öffentlich und ungestraft von einer Staatsmaschiene und deren Thätigkeit zu reden?«

»»Sehr richtig!«« belobte Schirach Kästners Aeußerung. »Früher sprach man von einem Ruder des Staatsschiffes, in der Hand eines Lenkers. Seit die Staaten Maschienen geworden sind, und seit man angefangen hat, Maschienen mit Dampf zu treiben – ist das Staatsruder auch in die Antiquitätenkammer zu den alten Harnischen der Feudalzeit verwiesen worden«.

»» Eheu! Dampfmaschiene!«« rief Lichtenberg mit einem komischen Seufzer. »Sie ist eine englische Erfindung, aber keine himmlische. Die erste in Deutschland wurde zu Kassel erbaut, sie entwickelte eine solche Triebkraft, daß sie bis nach Amerika reichte – sie ersparte erstaunlich viele Menschenhände.« –

»Riecht Ihr den Braten?,« fragte Kästner scoptisch. »Hessen nennt er, und Braunschweig meint er. Die Braunschweiger Staatsdampfmaschiene trieb viertausenddreihundert Mann, meist Landeskinder, nach Amerika, und eine noch größere Zahl später nach Holland; sie machte ein äußerst einträgliches Geschäft, und brachte viel Geld ins Land.«

 


 

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