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Die Geheimnisse eines Wundermannes. Zweiter Theil

Ludwig Bechstein: Die Geheimnisse eines Wundermannes. Zweiter Theil - Kapitel 4
Quellenangabe
authorLudwig Bechstein
titleDie Geheimnisse eines Wundermannes. Zweiter Theil
publisherW. Einhorn's Verlag/C. A. Hartleben
year1856
correctorreuters@abc.de
senderHerbert Niephaus
created20180917
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3.
Die Professoren.

Nachdem im Hause, wie im Herzen des Professors die unangenehmen und die schmerzlichen Empfindungen, welche des jüngeren Leonhard schneller und völlig undankbar, auch unbesonnen erscheinender Weggang erregt hatte, gestillt und allmählich in den Hintergrund getreten waren, ging im erwähnten Hause alles eine Zeit lang den gewohnten Gang. Der Professor las seine zahlreichen und zahlreich besuchten Collegia, besuchte seine Kranken, wurde von Hülfebegehrenden, die vom Lande zur Stadt kamen, oft förmlich umlagert, und widmete einen Theil der ihm übrig bleibenden Zeit mit Hülfe des alten Leonhard der Bereitung von Farben, aus der ihm, da er die Art und Weise dieser Bereitung geheim hielt, und die Farben allzumal als chemische Präparate sich auf das preiswürdigste darboten, auch alle anderen ähnlichen Fabrikate weit hinter sich zurückließen – eine Quelle großen Reichthumes floß. Da aber in Helmstädt selbst niemand von dieser Farbenbereitung sonderlich etwas erfuhr, und alle Absatzwege derselben nach auswärts, vornehmlich nach Holland gingen, so blieb die einmal verbreitete Volksmeinung, daß der Professor Gold machen könne und dessen auch zur Genüge mache, im Volke lebendig, denn das Volk glaubt alles, was es sich selbst einredet, oder was ihm eingeredet wird. Wo richtige Kenntniß fehlt, fehlt auch das richtige Urtheil. Daher glaubt es noch immer an geheime wunderbare Kräfte der Natur in einem ganz anderen Sinne, als in welchem die Wissenschaft an solche Kräfte auch glaubt; es geht über die Natur hinaus mit seinem Glauben, und hält das übernatürliche für wahr und möglich. Daher der Glaube an Sympathie, an Segensprechung, an Wunderkuren, an Traumdeutung, an magische Kraft von Pflanzen, Thieren, Steinen und Metallen, ja selbst an Gestirne, absonderlich an des Mondes Heilkraft und eigenthümliche Wechselwirkung günstiger und ungünstiger Phasenzeiten und Stunden auf Aussaat und Aernte, auf Heil und Unheil.

Auch die geselligen Beziehungen wurden von Seiten des Professors unterhalten und fleißig fortgepflegt, und ob derselbe sich zwar in der Rolle eines geheimnißvollen Sonderlings einigermaßen zu gefallen schien, gehörte er doch, und dieß fanden die Frauen noch mehr heraus, als die Männer, zu jener ziemlich seltenen Species des Geschlechtes der Sonderlinge, zu den liebenswürdigen. Am Krankenbette voll theilnehmendster Sorgfalt, Diagnostiker wie wenige, Freund einfacher Benutzung des Arzneischatzes, nie zwecklos an Kranken herum probirend, und über dem Bestreben, die Krankheit kennen zu lernen, den Kranken hinopfernd, sicher, ja fast unfehlbar in der getroffenen Wahl seiner Heilmittel, schwer Leidende mit milder Tröstung der christlichen Religion und dem Hinweis auf ein besseres Leben ausrichtend – war der Professor allbeliebt und nur von wenigen nicht anerkannt. Damit soll nicht gesagt sein, daß die Helmstädter Collegenschaft anders beschaffen oder geartet gewesen sei, wie andere Collegenschaften an anderen deutschen Hochschulen. Man kennt die zärtliche Liebe, die Aerzte gegen einander hegen, man kennt die christlich brüderliche Eintracht der Theologen, die gegenseitige Nachgiebigkeit der Philosophen und die freudige Anerkennung, die einer dem Systeme des anderen zollt – nur die zum Streit berufenen, die Juristen, die Anwalte, sind wirklich einig, weil – zu einem Streite mindestens zwei gehören, und bei Processen auch der Verlierende dennoch gewinnt.

Der liebste Freund des Professors war und blieb immer sein »Lorenz Florenz«, wie er ihn stets scherzend nannte, der noch jugendlich strebende Enkel des berühmten Heister, der Chemiker L. F. Friedrich von Crell. Was der Großvater dem Professor Gutes erzeigt, vergalt dieser am Enkel redlich und dankbar; er weihte letzteren ein in die Geheimnisse der Chemie, deren Morgen damals leuchtend anbrach und dieser Wissenschaft eine glänzende Zukunft verkündete. Gar manches Experiment vermochte Crell in seinem »chemischen Archive« mitzutheilen, das er dem älteren, treu berathenden Freunde und dessen selbstgemachten Erfahrungen im Laboratorium dankte.

Nach Lorenz von Crell waren es Henke, Carpzow und Karl Friedrich Häberlin, mit denen der Professor gern verkehrte, diese berühmten Männer der Wissenschaft und Zierden der Hochschule von Helmstädt. Aber auch die übrigen Professoren waren ihm mehr oder minder befreundet, wenn sie auch nicht gerade von den Spott- und Schimpfnamen erbaut waren, deren ihr College sich bisweilen gegen diejenige Klasse von Gelehrten bediente, deren Signatur die Anmaßung und der hochtrabende Dünkel war. Auf solche loszuhämmern und sie mit der Lauge des unbarmherzigsten Spottes zu übergießen, gehörte zu den Schwächen des Professors, aber auch zu seinen Lebensfreuden, zumal seine Erfahrung und seine Wissenschaft ihm Waffen in die Hände gaben, denen die neue und jugendliche Weisheit der dünkelvollen Anmaßlinge nicht gewachsen war. Die Collegenschaft des Professors zählte außer den bereits genannten und dem Orientalisten Christian August Bode, auch einem Freunde, noch folgende mehr oder minder im Reiche der Wissenschaften hervorglänzende Namen auf: Professor Alexander von der Hardt, Sohn oder Enkel des berühmten Propstes Hermann von der Hardt, der als Orientalist zu Helmstädt gelehrt und mehrere Werke herausgegeben hatte; Professor J. C. Velthusen, Professor Eisenhart, Professor Frick, Professor G. F. Capell, der Professor der Beredsamkeit, Johann Christian Wernsdorf, Professor Ferber, Professor Gottlieb Benedict von Schirach, welcher letztere jedoch zur Zeit nicht mehr in Helmstädt, sondern als dänischer Etatsrath zu Altona lebte. Er hatte sich aber durch die Herausgabe zahlreicher gelehrter Schriften einen ehrenvollen Namen gemacht, und war der Julio-Carolina unvergessen, besuchte bisweilen auf Reisen seine lieben alten Heimathorte, sein Halle, wo er des theologischen Seminars Inspektor gewesen war, sein Helmstädt, wo er Philosophie gelehrt und sein Leben Kaiser Karl VI. geschrieben hatte, ein Werk, das ihm das Adelsdiplom verschaffte.

Es war ein heiterer Sommernachmittag und ein festlicher Anlaß, der in des Professors Hause wieder einmal eine Anzahl von Gästen versammelte. Drei Freunde, die von auswärts zum Besuche nach Helmstädt gekommen waren, gaben diesen Anlaß; es waren der so eben erwähnte Etatsrath von Schirach aus Altona, der Professor der Naturlehre, Mathemathik und Geometrie, Hofrath und Geheimer Justizrath Abraham Gotthelf Kästner, und der Professor der Mathematik und Experimentalphysik Georg Christoph Lichtenberg, königlich großbritannischer Hofrath, beide aus Göttingen gekommen, und beide berühmt genug, als daß es ihres besonderen Lobes bedürfte.

Diese angesehenen und angenehmen Besuchenden vereinte der Professor bei sich mit seinen liebsten Freunden Häberlin, Crell, Carpzow, Bode, Henke und andern, aber diesesmal befand sich die Gesellschaft, die blos aus Männern bestand, nicht in den Zimmern, sondern in dem Gartensaal, an welchem unmittelbar eine schöne, geräumige Grotte von Tuffstein mit einem kleinen Springquell sich befand, deren Wölbung und Wände mit mancherlei großen und kleinen Muschelgehäusen, mit Madreporen und Milleporen, Stalaktiten, Ammonshörnern und zahlreichen Verkleinerungsspiegeln ausgeschmückt war, auch bewachsen und umrankt von allerlei Sedumarten, Saxifragen, Cactus und der gern die Steine mit zartem Blätterwerk und lilafarbigen Blümchen überspinnenden Linaria Cymbalaria.

Die Herren hatten Kaffee getrunken, ja manche setzten dieß Geschäft immer noch fort; jene, denen es unmöglich war, ohne Rauchqualm zu leben, fanden im Garten ein Seitenwinkelchen, wo sie als gehorsame Sclaven der Göttin Nicotiana ihre von stinkenden Negern zubereiteten und mit Höllenbrühen gebeizten Blätter zum Brandopfer darbrachten – aber dieß nicht thun konnten, ohne bis in dieses Winkelchen vom schonungslosen Spotte des Gastgebers verfolgt zu werden. Die bejahrteren Freunde gesellten sich um den Professor und sprachen, mit Ausnahme Kästners, den Flaschen zu. Der kleine verwachsene Lichtenberg, ein heiterer Fünfziger, ließ die Feuergarben seines unerschöpflichen Humors fort und fort sprühen, und der hochbetagte Kästner, schon in den siebenziger Jahren, durchblitzte sie mit dem Brillantfeuer schlagender, in epigrammatischer Kürze hingeworfener Gedanken.

Der nicht große Kreis der unbedingt rauchen zu müssen Glaubenden vertiefte sich kannegießernd in die Tagespolitik, deren Besprechung ohne Dampf und Nebel nicht gedacht werden kann, denn sie benebelte Hirn und Gedanken und was heute in ihrem Bereiche als dringend nothwendig, unvermeidlich, unausbleiblich, zuversichtlich und unzweifelhaft von Meer- und andern Schaumköpfen ausgedampft und verkündigt wurde, das war andern Tages keinesweges nothwendig, sondern vielmehr überflüssig, war völlig vermieden worden, war gänzlich ausgeblieben und nicht eingetroffen, hatte als Lüge sich erwiesen oder erschien doch mindestens außerordentlich zweifelhaft. Gleichwohl war es nicht an der Zeit, gleichgültig gegen die großen Bewegungen der Gegenwart zu bleiben, die alle politischen Kreise mit einer Fülle von Besprechungsstoffen versorgte. Die Blitze der Revolution Frankreichs leuchteten grell über den Rhein herüber; ihre Donner weckten langnachhallendes Echo an Deutschlands schwülem Himmel. Die Fluth der Emigranten hatte sich vor einigen Jahren schon über Deutschland ergossen, sie hatte an den deutschen Höfen mächtig gewühlt, sich gegen die maßlose Umwälzung in Frankreich zu erklären, und dieser Erklärung mit den Waffen in der Hand eine gewichtige Folge zu geben. Frankreich vernichtete das monarchische Princip, stellte das Volk als Herrn an die Spitze, und nöthigte seinem schwachen Könige ein nachgiebiges Zugeständniß nach dem andern ab. Das jenseits des Rheins gegebene Beispiel drohte verderbliche Nachahmung in Deutschland zu finden und die Machthaber konnten nicht anders, wollten sie nicht gleicher Schwäche sich theilhaft zeigen, als das Königthum zu schützen und zu stützen. Mehr als in irgend einem andern deutschen Lande mußte es die Bewohner des Herzogthums Braunschweig erregen, daß ihr Landesherr zum Oberfeldherrn der vereinigten Mächte Oesterreich, Preußen und Hessen ernannt, deren vereinigte Heere gegen Frankreich geführt, und in die Revolution Frankreichs mit kühnem Muthe den Blitz seines drohenden Manifestes geschleudert hatte. Welchen mannigfaltigen, widerstreitendsten Urtheilen unterlag damals nicht jenes berühmte, gewaltige Manifest, dem nichts fehlte als ein besserer Erfolg! Die Freunde des Aufruhrs und der Empörung, die nur allzugern auch über Deutschland die Blut- und Feuertaufe der Revolution herbeigeführt hätten, traten es mit Füßen, denn nach ihrem Sinne war der Inhalt nicht, der den schmachvoll behandelten König von Frankreich und seine Familie in volle Freiheit der Ausübung seiner Königsmacht wieder einzusetzen verlangte, Rückkehr zur Ordnung, zur Treue, zum Gehorsam forderte, die Rebellen mit harter Ahnung und die tollgewordene alte Babel Paris mit Vernichtung bedrohte. Das war zu viel und zu stark für jene, die in ihrer wahnsinnigen Verblendung Menschenrechte mit Henkerrechten und die Freiheit mit strafloser Mordsucht verwechselten. Und doch war die Sprache des Herzogs von Braunschweig das Deutsch, das zu allen Zeiten, aber nur mit mehr Nachdruck mit Frankreich hätte gesprochen werden sollen; mindestens war es verständlich genug, um nicht mißverstanden werden zu können.

Jeder Tag brachte neue Nachrichten von den Kriegsschauplätzen; gegen ein fanatisirtes Volk, das zu eitel Tigern und Hyänen geworden war, das in fünf Septembertagen viertausend der Seinen mit Kannibalenwuth hinschlachtete, hatten die deutschen Krieger nicht Stand halten können, denn keine Begeisterung führte sie gegen den Feind, während ihnen der entflammteste Patriotismus entgegenstürmte.

Schon ging die Rede davon, daß der Herzog von Braunschweig den Oberbefehl niederlegen und sich vom Kriegsschauplatze, auf dem er nicht, wie 1788 in Holland, als Sieger stand, zurückziehen werde. Manches Herz, das nicht theuern im erfolglosen Kampfe gegen Frankreich gebliebenen Landeskindern nachblutete, schlug hoffend und sehnsuchtsvoll den heimkehrenden einheimischen Kriegern entgegen. –

Gottfried Leonhard war vom Glück begünstigt worden, er hatte sich rühmlich ausgezeichnet und sein Name wurde unter denen genannt, die unversehrt zurückkommen würden. Seine Brust schmückte ein ehrendes Feldzeichen.

Jener engere Kreis, der sich um die gefeierten und ausgezeichneten Gäste zog, gab sich, ohne des Weh's der Zeit zu gedenken und ohne dem Gespräche eine politische Färbung zu verleihen, in rosigster Laune der jovialsten Heiterkeit hin, die sich keineswegs in den Schranken feiner Scherze allein hielt, vielmehr häufig derb und drastisch ausblühend, oft erschütternd homerisches Gelächter weckte. Man neckte und ließ sich necken, zog auf und wurde ausgezogen, und jener Ernst der Zierden ihrer Katheder ward ganz und gar abgelegt, wie mancher seine Haarbeuteltour ablegte, dem sie nicht angewachsen vom schelmischen Nacken baumelte, um das jocose Haupt freier bewegen zu können.

»Wie viel Sammlungen habt Ihr eigentlich, werther Herr Hospes?« fragte Kästner mit spöttisch lauerndem Blicke den Wirth. Dieser entgegnete rasch: »Eigentlich siebenzehn.«

»Nein, es sind achtzehn,« versetzte Lichtenberg: »aber die achtzehnte wird niemals in toto gezeigt, nur vereinzelt bekommt ihr von derselben zu hören – es sind unsers lieben Herrn Collegen zahlreiche und beliebte – Schwänze.«

Alle lachten, sie wußten gleich, wohin der witzige Lichtenberg zielte.

»Selbst-Schwanz!« entgegnete derb trumpfend der Professor. »Wer könnte die Sammlung aller hier lebenden Fuchs-, Hunde-, Ratten- und Eselsschwänze besser würdigen, als Er, der kleine große Lichtenberg, der einen so vortrefflichen Tractatum von den Sauschwänzen elaboriret und der Presse übergeben hat, und noch dazu mit sauschwanzphysiognomischen Schattenrissen?«

Diese Hindeutung auf die ärgste Verhöhnung, die der Physiognomik Lavater's je zu Theil geworden war, rief neue Belustigung hervor, während der Professor nach einem im Gartensaale stehenden Büchergestelle schritt, ein Buch demselben entnahm, es aufschlug und seinen Freunden ein Paar Blätter vor die Augen hielt, auf denen allerdings einige der geringelten Anhängsel des beliebtesten Rüsselthieres im schwarzen Holzschnitte prangten.

»Sehet, welch ein Mensch!« rief der Professor spottend aus. »Hier ist der fünfte Band von Baldingers neuem Magazin für Aerzte, hier steht das unsterbliche Fragment von Schwänzen. Hier ringelt sich ein heroisch-kraftvoller Sauschwanz, mit hohem Schweinsdrang bei a, mit dem Schrecken Israels bei c!«

»Recht betrachtet sehen wir eine stumpfe Alltagsnase in dieser schwungvoll gezogenen Wellenlinie sauschwänzlicher Schönheit, und einen Mund darunter, der über seine nächste Nachbarin, diese Nase, spottet!« bemerkte Kästner.

»Und hier, gleich hinter dem physiognomischen Fragment a posteriori eines Urgenies,« fuhr der Professor fort: »zeigt sich das Bild eines englischen Doggenschwanzes, dessen einstiger Träger, nach unserm Lichtenberg, Cäsar war und hieß, und aut Caesar aut nihil sein wollte. –«

»»Ich sehe hinwiederum«« warf Kästner ein, »»nur den erhabenen Contur einer alten, mit Haaren bewachsenen zelotischen Schnupftabaksnase, von der Stirnwurzel bis zum Nasenflügel!«« scherzte Kästner – und die lachenden Zuhörer fanden in der That, wenn sie von der Idee eines Hundeschwanzes absahen, den Contur der Nase eines bekannten Hamburger Zeloten.

Nicht müde werdend dieses Scherzes, den die lebenden Zeitgenossen im ganzen Umfange verstanden und würdigten, deutete der Professor auf ein drittes Bild von anderem Bau und Schwung der Linie, und las vor: »Silhouette vom Schwanze eines leider zur Mettwurst bereits bestimmten Schweinsjünglings in G.....«

»»Soll Guinea heißen!«« unterbrach Lichtenberg mit boshaft schlauem Augenblinzeln erläuternd.

»Ach so!« spöttelte Kästner: »ich dachte Göttingen! – Kommt mir so erstaunlich bekannt vor!«

»»Und piquant!«« warf von Schirach ein.

»Jünglings in Göttingen von der größten Hoffnung« fuhr der Professor fort vorzulesen: »den ich allen warmen, elastischen, beschnittenen und unbeschnittenen, Genie ausbrütenden Stutzern von Mensch- und Sauheit bitterweinend empfehle. Fühlt's, hört's und Donner werde dem Fleischer, der Dich anpackt!« –

Diese verspottende Nachahmung des Lavaterschen oft hochtrabenden Phrasenstyls in dessen Physiognomischen Fragmenten verfehlte ihre Wirkung keineswegs; sie belustigte ungemein, wie sehr auch mancher der in diesem Kreise Anwesenden Lavaters treffliche Gemüthseigenschaften verehrte und willig anerkannte. Helle Köpfe erkannten damals in Lavaters physiognomischen Bestrebungen ebenso ein geistreiches Spiel des Verstandes mit Empfindung gepaart, als später helle Köpfe in der Schädellehre und aus der ihr abgeleiteten Phrenologie ein geistreiches Spiel des Verstandes mit Scharfsinn und Phantasie gepaart, erkannten. Alles Dinge für Leute, die viele Zeit übrig haben, sich mit dergleichen zu befassen und abzugeben. Daß das physiognomische System witzigen Gegnern zur Zielscheibe für die Pfeile ihrer Spottsucht diente, war ganz natürlich.

»Hier kommt nun eine Gruppe unserer Landsleute!« rief der Professor vergnügt aus, indem er ein viertes Bild vorwies. »Einige Silhouetten von unbekannten, meist thatlosen Schweinen.«

»Unserer?« rief Kästner sarkastisch. »Ihr wollt sie doch nicht ausschließlich für Euch in Anspruch nehmen? Ich meinestheils meine, Freund Lichtenberg habe unsere, Göttinger nempe – gezeichnet. Es ist eine Gruppe Kritiker, allerdings unbekannter, weil sie verkappt wedeln, und meist thatloser, weil sie zu jeglicher Hervorbringung eigener Geisteswerke zu impotent, immer nur die Werke Anderer berüsseln und in den Schlamm ihrer Sauheit eintunken.«

»»Hört die Erläuterung!«« bat der Professor, und las dann: »a) schwach arbeitende Thatkraft, b) physischer und moralischer Speck, e) unverständlich, entweder monströs oder Himmelsfunken lodernder Keim, vom Wanderer zertreten.« – Allgemeines schallendes Gelächter folgte dieser überschwänglichen und dabei mit Absicht sinnlosen Phrase. »d) vermuthlich verzeichnet, sonst blendender, auffahrender Eberblitz.«

Neues Gelächter – in diesen wenigen Worten war Lavaters Manier, die Mängel der Zeichnungen und Kupferstiche zu seinen Physiognomischen Fragmenten selbst zu kritisiren, treffend angedeutet.

»e) verstümmelt – k) Kraft mit Speck verthatloset.«

»»Ihr müßt das Sauschwänzel c einmal umgekehrt betrachten!«« rief Kästner: »so wird Euch das physiognomische Fragment eines höchst tiefsinnigen Antlitzes mit über den Augen weit gewölbt vorspringenden Stirnknochen erkennbar, und darunter die spitze Nase eines eingebildeten Tiefdenkers Euch entgegenfunkeln, die, in Burgund weit mehr zu Hause, als in Deutschland –«

»»Dennoch –«« unterbrach Lichtenberg: »«jedem deutschen Buche Inhalt und Gehalt scharf beurtheilend anwittert – ohne es je zu lesen.««

Der Professor lächelte und sprach mit heiterer Miene:

»Euch geschieht ganz recht, warum schreibt Ihr Bücher! Ich lasse das bleiben und befinde mich wohl dabei. – Jetzt noch ein Bild« – fuhr er fort, und indem er es aufschlug und vorwieß, recitirte er aus Goethes Faust:

                   

»Das sind die Kleinen
Von den Meinen.«

»»Acht Silhouetten von Burschenschwänzen,«« erläuterte Lichtenberg.

»Haarbeutel und Zöpfe!« rief von Crell: »stets der Burschen Freude, nota bene inwendig.«

»Erklärungen. D. 1. Ist fast Schwanzideal. Germanischer eiserner Elater im Schaft; Adel in der Fahne, offensiv liebende Zärtlichkeit in der Rose; aus der Richtung fletscht Philistertod und unbezahltes Conto.«

So ging es weiter, oft von Gelächter, oft von witzigen Zwischenreden unterbrochen. Jedes Wort dieser Abhandlung Lichtenbergs war ein versteckter Geiselhieb auf irgend eine bekannte Persönlichkeit; völlig klar den Mitlebenden, den Nachkommenden ohne Erläuterung kaum verständlich.

»So weit über selbstgekrönte Haarbeutel als Heiligenglorie über Nachtmütze –« lautete eine Stelle, die zu denken gab. Köstlich war der Schlußsatz, der das academische Zopfthum nicht einer, sondern aller deutschen Hochschulen kennzeichnete und verspottete:

»Sechs solcher Schwänze in einer Stadt, und ich wollte barfuß deine Thore suchen, du Gesegnete, die Schwelle deines Rathhauses küssen und mich glücklich preisen, mit meinem eigenen Blut unter die Zahl deiner letzten Beisassen eingezeichnet zu werden.«

Als Anhang wieder ganz in Lavaterscher Weise und diese höhnend war noch eine Reihe von Fragen bezüglich der letzten Bildgruppe gestellt, so unter anderen –

Welcher ist der kraftvollste?

Welcher hat am meisten Thatstarrendes?

Welcher hat den Freitisch?

Welchen könnte Goethe getragen haben?

Welchen würde Homer wählen, wenn er wiederkäme?

»Hetzt aber nur euer Thema nicht zu Tode, verehrteste Herren und Freunde!« rief, fast nicht mehr lachen könnend, Henke aus.

»Ist schon geschehen!« entgegnete Kästner. »So eben sind wir am Schwanze, will sagen am Ende der unsterblichen Abhandlung angekommen.« Dabei schenkte er sich die sechste oder siebente Tasse Kaffee ein, sog mit Behagen den würzigen Dampf in sich und fragte, gegen den Professor gewendet:

»Saget, verehrtester Freund und Gönner, woher bezieht Ihr diesen trefflichen Kaffee, und wie theuer kauft Ihr denselbigen?«

»»Gewiß aus gleicher Quelle, und nicht theurer, wie Ihr, mein theuerster Herr College!«« war die schnelle Antwort. »Aus Bremen.«

»»Jaja«« – bestätigte schlürfend Kästner: »es ist ächter Martinique. Einhundert Bremer Pfund kosten mich in Golde zweiundzwanzig Thaler und dreiunddreißig Mariengroschen. Ein hannöverisches Pfund kommt mich auf sieben und einen halben Mariengroschen Kassageld, oder acht Mariengroschen Gold. Beim Centner sind für Matten und Sack gerechnet ein halber Thaler Gold.«

»»Ach, was Ihr sagt!«« spöttelte der Professor. »Der Sack allein gehört zum Kaffee, die Matten gehören zum Weinfasse.«

»»Bei Euch mag sich's also verhalten?«« – entgegnete Kästner.

»Es kommt also extra ein Pfennig mehr auf das Pfund« – hatte der Mathematiker Lichtenberg ausgeklügelt, und sprach es auch aus, und dahin wollte gerade Kästner, denn mit höchst ernsthafter Miene fügte er hinzu: »Allerdings, wenn man nicht rechnet, daß man den Sack auch in Göttingen brauchen kann.« – »»Richtig!«« fuhr Lichtenberg auf: »Um den Tag hineinzutragen!« Neues allseitiges Gelächter. »Oder zum Bußethun in Sack und Asche, wie sich's Euch ziemte!« rief Henke. »Mäuse hinein zu jagen!« scherzte Crell. »Ihn um die Lenden zu legen, wie Jacob,« gab Bode dazu. »Mit Sack und Pack davon zu gehen, wie unser Schirach that!« rief der Professor und das Gelächter wurde so laut und anhaltend, daß auch die Politiker ihre Meerschaumköpfe ausklopften, ihre Gespräche endeten und auf die Freudenquelle der Lustigkeit zuschritten.

 


 

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