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Die Geheimnisse eines Wundermannes. Zweiter Theil

Ludwig Bechstein: Die Geheimnisse eines Wundermannes. Zweiter Theil - Kapitel 3
Quellenangabe
authorLudwig Bechstein
titleDie Geheimnisse eines Wundermannes. Zweiter Theil
publisherW. Einhorn's Verlag/C. A. Hartleben
year1856
correctorreuters@abc.de
senderHerbert Niephaus
created20180917
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2.
Eine Prophezeihung.

Gottfried Leonhard wanderte am Morgen des folgenden Tages betrübten Herzens aus Halberstadt; es war noch früh, Nebel dampften über den Wiesen, durch welche die Holzemme sich schlängelte, die sanft von Derenberg herabschlich. Zur Linken des frühen Wanderers hob sich das Harzgebirge in seiner ganzen Pracht; anmuthig wechselten buntgefärbte Laubwälder mit dem tiefen Grün der Tannenforste, und mächtige Sehnsucht zog dort hinüber, wo oft im Schoose der stillen und erhabenen Natur des Gebirges der Jüngling in Einsamkeit große Gedanken gedacht, und das Wehen des Weltgeistes empfunden hatte. Mit schmerzlicher Wehmuth gedachte heute Gottfried jener Tage; er war noch so jung und schon lag die beste Zeit – so glaubte er, und so redet sich's gar mancher Jüngling ein, dem es nicht gleich nach seinem Sinne geht – hinter ihm – und heute, dünkte ihn, sei ihm ein Stück Lebensfaden gekürzt und abgeschnitten. Dort lag auf seiner Höhe über dem friedsamen Städtchen Schloß Blankenburg, und glühte im Frühstrahl, weithin leuchtend, wie eine Purpurrose über dem feinen Dunst, der über den Flächen lag; dort starrte schwarz, vom Sonnenkuß noch nicht berührt, die Teufelsmauer. Dort ragten die Thürme von Heimburg, dort hob sich riesig über alle Höhen und Berggipfel des Brocken kahler Riesenscheitel, auch rosig angestrahlt von der Herbstsonne. Jeder Schritt des Wanderers, der in sinnenden Gedanken, doch rüstig fürbaß ging, stets das Flüßchen Holzemme und meist dicht zur Rechten, brachte ihm dem Gebirge näher, bis nach einer Wanderung von vier guten Stunden des Harzwaldes unmittelbarer Fuß und das Städtchen Wernigerode erreicht war, dessen altes Stolbergisches Grafenschloß schon lange entgegengeleuchtet hatte. Dort wurde dem Körper Rast geboten und überlegt, ob das Harzgebiet zum Zwecke einiger naturwissenschaftlicher Ausbeute betreten werden sollte, oder lieber auf geradem Wege geblieben? Wernigerode lag so recht da wie eine Pforte zum Labyrinthe zahlloser, waldiger Thalschluchten, die sich zumeist nach dem Gebirgshaupte empor zogen, so konnte Leonhard den Hochgipfel in wenigen Stunden erreichen; er brauchte nur der Thalrinne der Holzemme immer aufwärts über Friedrichsthal und Hasserode unmittelbar zu folgen, und die Hölle zu durchwandern, die Hohne-Klippen zur Rechten zu lassen, die Zeter-Klippen zur Linken, und von da zur hochgelegenen Glashütte Heinrichshöhe emporzusteigen, deren Flammenlohe das Fegefeuer versinnbilden konnte, und dann von da nach kurzer Zeit den Himmel zu gewinnen, den Himmel des Brockengipfels mit seiner unendlichen Fernsicht und seinem Bergesodem, der das Herz mit Lust schwellt und das Gefühl der Freiheit in die Seelen der Wanderer gießt.

»Heute nicht« – grollte Leonhard; »heute mag ich nicht hinauf, obgleich der Tag so schön ist. Was soll ich mich müde laufen? Wenn ich heute noch bis Goslar kommen will, habe ich ohnehin noch ein gutes Stück Weges vor mir. War es mir doch ohnehin kein rechter Ernst, als ich der guten Sophie sagte, ich wolle Naturalien im Harze sammeln; was brauche ich Stufen und Steine, Vögel oder seltene Pflanzen-Exemplare? – Ich bin selbst ein rares, hochstengliches Exemplar, und werde bald genug im Herbarium des Jägerregimentes einrangirt sein. – Tiro! Tiro! – Vielleicht Flügelmann!«

Leonhard zahlte seine Frühstückszeche im Gasthause zu Wernigerode und erhob sich zum Weitergange. Dicht am Fuße des Gebirges hin, bisweilen durch kleine Waldstrecken sogar führte der Weg über die Dörfer Altenrode und Drübbeck, nach dem romantischen Ilsenburg. Dort hielt Leonhard Mittagsrast, und von dort aus setzte sich sein Weg fast immer im Walde fort. Der rasch weiter strebende Wanderer verschmähte heute sogar die früher selten unterlassene Einkehr im Ecker-Kruge, der dicht am Stege lag, welcher das Gebirgsflüßchen Ecker überbrückte, und betrat nun den ausgedehnten Schimmer-Wald und mit ihm wieder Herzoglich Braunschweigisches Gebiet. Am Ecker-Kruge stand der kurfürstlich sächsische Grenzpfahl. In diesem Gebiete sich gleichsam heimischer fühlend, und noch gute Zeit vor sich habend – entschloß sich Leonhard doch zu einem kleinen Abschweif – zumal auch seine Stimmung lichter geworden war, und an die Stelle schmerzlicher und trüber Gedankenbilder allmählich hellere und hoffnungreichere traten. Am Wolfsstein, einer Felsbildung, die zur Rechten hart überm Fußwege sich erhob, stand Leonhard und lud sein Jagdgewehr, und betrat dann auf schmalen nur Jägern und Köhlern bekannten Pfaden ein kleines Gebirgsgebiet, das aus grauen Zeiten theils durch die Sage geheiligt, theils aber auch als höchst unheimlich verrufen war; auf beides deuteten die Namen der nachbarlichen Höhen entschieden hin. Schon am Fels des Wolfssteins haftete der Sage immergrünes Moos; dort erhoben sich die Eulenköpfe, Uhlenköpfe in dem Idiom genannt, das dort zwischen obersächsischem und niedersächsischem Dialekt seine Sprachgrenze hat, und schroff senken sich die Bergwände der Eulenköpfe in das Spökethal (Spukthal). Der Eichenberg deutet mit seinem Namen in die Zeiten der Frühe, in denen vielleicht da Eichen rauschten, wo jetzt nur düsteren Fichten und Tannen jener Stoff entträufelt, von dem das ganze, große, weitausgedehnte Waldgebirge seinen Namen trägt. Mächtig ragt der Sachsenberg empor, dessen Gipfel der junge Jäger erklomm und von dem er bald jene altberühmte Höhe gewann, auf der nur noch sparsame und unerhebliche Mauerreste die Stelle anzeigen, wo sich der Harzburg stolzer Prachtbau als Kaiserwohnsitz erhob, und weit und breit, beherrschend gleichsam, das Land überschaute. Leonhard kannte den Ort, er kannte die Fernsicht, aber immer und immer weilte er gern auf diesem Punkte, gedrängt und gezogen von einer Neigung, die er sich nicht erklären konnte, und diese war es gewesen, die auch heute ihn bewogen hatte, an der Harzburg nicht vorüberzugehen, sondern Umweg und Mühe nicht scheuend, zu ihr emporzuklimmen. Da stand er nun auf dem in das Flachland vorspringenden Burgberge, an dessen Fuße die unruhigen Wellen der Radau hinbraußten, und der Flecken Harzburg, auch Neustadt unter der Harzburg genannt, sich im Thale dehnte. Weit ließ des Bergflüßchens geschlängelter Lauf durch die Ebene sich von dieser Höhe verfolgen, und selbst den Punkt konnte man gewahren, wo es mit der nachbarlichen Ocker sich gleich hinter Vemenburg vereinte; dort zur Linken lag der langgestreckte Hüttenort Ocker mit seiner Silberschmelze, seiner Messinghütte, seinem Kupferhammer und zahlreichen anderen Werken, Drathhütten, Galmeimühlen, Bleiöfen. Zwischen Ocker und Harzburg blickten Felsen herüber, deren Name: der Elfenstein, nach mythischer Frühzeit deutet. Noch weiter westwärts in einer Stundenferne von Ocker zeigte sich die alte, vielthürmige, einst freie deutsche Reichs- und Kaiserstadt Goslar in ihrem, sie eng umfangenden Mauerringe, mit einem großen Theile neuerbauter Häuser, da ein 1780 erfolgter Brand ganze Straßen in Asche gelegt hatte. Dort ragt noch der Rest des alten Kaiserpalastes mit seinen romanischen Rundbogenfenstern und gekoppelten Säulen, daneben die kaiserliche Hauskapelle, in welcher der sagenhaft sogenannte Krodoaltar aufgewahrt wird, der einst als ein Kunstwerk aus grauer Vorzeit eine Kapelle der Harzburg zierte – und mahnt an die versunkene Herrlichkeit der deutschen Mythengeschichte. Weiter nach Norden hin die Blicke entsendend, vermochte Leonhard schon das Ziel seiner Wanderung zu erblicken, dort lag Wolfenbüttel, und dahinter ragten fern am Saume des Horizontes die Thürme von Braunschweig empor.

»Wer doch hier auf immer weilen, wer doch da drunten in dem friedlichen Orte oder in dessen Nähe wohnen könnte!« wünschte Leonhard. »Es wohnt sich gut unter den Männern, wie die Einwohner sich vorzugsweise nennen – da möchte ich sein, und –«

»»Und Förster von Harzburg!«« ward plötzlich eine Stimme dicht neben Leonhard laut, die ihm den innersten Gedanken aus der Seele zog, ihn wie eine Geisterstimme tönte, ihn erschreckte. Und diese Stimme war die eines Weibes. –

Rasch blickte Leonhard nach der Sprecherin um – und aus einem Gebüsche, hinter dem sich ein niederes Stück Mauertrümmer hinzog, trat eine überraschende Erscheinung. Es war eine Fremde von schönen, doch gereiften Zügen, ob Frau, ob Jungfrau, war ihr nicht anzusehen; ihre Tracht war rein und ganz, obwol höchst einfach. Sie heftete ihre dunkeln Augensterne fest auf Leonhard, und hielt ruhig Stand, als dieser fast heftig und mit unverhehltem Unwillen fragte: »Was willst Du? Wer bist Du? Woher kommst Du? Wer heißt Dich reden?«

»»Du fragst sehr viel in einem Odem, schlanker, blanker Herr!«« gegenredete das fremde Weib, und richtete sich höher. Sie war von ungewöhnlichem Wuchs und reichte fast an Leonhards Leibeslänge hinan. Ihre Sprache war rasch, fremdländisch, aber ausdruckvoll und gemessen. »Was ich will?« warf sie die Gegenfrage auf: »Dir Glück verkünden! Willst Du mich darum schelten? – Wer ich bin? Siehst Du es mir nicht an? Soll ich Dir es sagen? – Woher ich komme? Woher alle Menschen kommen – sie kommen von ihren Müttern. Wer mich reden heißt? Das thue ich; ich heiße mich reden. Hast Du etwas dagegen? Willst mir vielleicht verbieten zu reden? Hast Du hier mehr zu sagen als ich, so sei so gütig und sage es.«

Im Gesicht Leonhards stieg flammende Gluth auf. Es lag etwas machtvolles in den Blicken dieses Weibes, etwas gebietendes, und doch sprach sie, was sie sprach, mit einer wohltönenden Stimme. Er wußte nicht, was er entgegnen sollte auf diese Fluth von Antworten und Gegenfragen. Was war es denn am Ende? Sie hatte seinen letzten, unbewußt laut vor sich hin gesprochenen Wunsch vernommen, mußte ihn, seinem Anzuge nach, für einen Jägerburschen halten, und was war leichter und natürlicher, als daß sie demgemäß seinen Wunsch deutetete, und mit der angeborenen Keckheit ihres Volkes, denn Leonhard glaubte in ihr eine Zigeunerin zu erkennen – gegen ihn laut wurde? Leonhard unterdrückte daher seinen Unmuth, und gab der Unterredung eine scherzhafte Wendung.

»Ich merke, daß ich dem heiligen Berge nahe bin,« sprach er mit Beziehung auf eine Sage: »denn ich sehe schon eine Sibylle erscheinen. War vielleicht der Krodo Deiner Väter Gott, und suchst Du hier noch nach Reliquien von ihm im öden Trümmerwerke dieser Burgstätte?«

Leonhard sprach dieß Scherzwort etwas höhnisch lächelnd – die braune Schöne aber blieb ernst und blickte traurig auf ihn. »So wenig Du, obschon ein Vogelsteller, Heinrich der Finkler bist,« antwortete sie nach einer kleinen Pause: »so wenig war der Krodo meiner Väter Gott! Gleichwol will ich Dir eine prophetische Sibylle sein, wenn Du Deine Hand mir reichen willst, daß ich aus ihren Linien lese. Gieb, gieb – wer weiß, ob wir uns jemals wiedersehen! Dein Gesicht stößt mir Antheil ein, vielleicht kann ich recht Gutes Dir verkünden.«

Die Fremde wartete keine Antwort ab, fast zudringlich ergriff sie Leonhards Hand und hielt sie fest in der ihren, und sein Widerstreben war nur ein schwaches. Das seltsame Abenteuer dieser Stunde bethörte ihn; was hatte er denn am Ende zu befahren, wenn er dem seltsamen Geschöpfe seinen Willen ließ? Ihr war es, das sahe er ja an ihrer aufdringlichen Hast, um ein Geschenk zu thun, das Ganze lief, so wähnte er, auf eine Bettelei hinaus, die ihre Form in eine Dienstleistung zu kleiden wußte.

Die Fremde blickte ernst und fest in Leonhards linke Hand und sprach dann halblaut: »Du hast sehr einfache Lineamente, und doch kreuzt manches Wirrsal Deine Lebenslinie, mein blanker Vetter!«

»»Auf dem Blocksberg mag Dein Vetter sein, Hexe!«« rief Leonhard mit komischem Zorne, und machte nochmals einen Versuch, seine Hand den forschend in deren Inneres gerichteten Blicken der Fremden zu entziehen, allein wieder vergeblich, vielleicht war es ihm auch kein rechter Ernst – jene ließ sich nicht irren, und sprach weiter: »Du bist ein Sohn, der keine Mutter mehr hat und seinen Vater nicht kennt.«

»»Albern! Fehlgeschossen!«« lachte Leonhard. »Ich sehe nun schon, daß Deine Wahrsager-Kunst in die Brüche gegangen ist – Du sagst nicht wahr – Du sagst Lügen. Mein Vater und meine Mutter leben beide noch. Wenn Du Dich nicht besser auf die Handlinien verstehst, Zigeunerin, so lasse Dir von dem, der diese brodlose Kunst Dir lehrte, das Lehrgeld wiedergeben!«

»»Eines von uns beiden wird sich wol im Irrthume befinden«« – entgegnete die Wahrsagerin – »aber ich denke, Du wirst mir noch Glauben schenken, wenn ich Dir von Deinem Liebchen etwas verkünde.«

»»Von Sophie?«« fuhr es Leonhard unbewußt heraus.

»Ja, von Sophie!« sprach jene nun, da sie auf diese Art den Namen wußte, mit um so größerer Zuversicht. »Sophie wird die Deine werden, und Du wirst glücklich. Das Glück winkt Dir, aber Du folgst ihm nicht – Du wirst weit aus Deiner Heimath reisen, ich sehe einen Wegweiser in Deinen Handlinien, der in die weite Ferne deutet. Dennoch wird Dein liebster Wunsch sich erfüllen, ehe das Haar Dir ergraut.«

»»Und welches wäre denn mein liebster Wunsch?«« fragte neugierig Leonhard.

»Nun – mit Sophie vereinigt, da drunten zu wohnen,« war die Antwort. »Darüber fließt aber noch vieles Wasser aus der Radau in die Ocker. Dein Leben bis dahin wird unruhevoll sein – und« –

Plötzlich lief ein Zucken, wie ein leichter Schreck über die Gesichtsnerven der Sprecherin. Sie schüttelte mit dem Kopfe, und murmelte: »Hüthe Dich vor rother Farbe – rothe Farbe bedeutet Blut – auch hast Du einen Feind – ich sehe nicht mehr klar, es fließen hier in einer Gruppe die Linien wirr in einander.« – »Und hier – hier hüthe Dich vor Wasser, vor dem Teiche!«

»Hier vor einem Teiche?« fragte Leonhard, abermals lachend. »Du faselst, Unke! Weit und breit ist hier herum kein Teich; droben im Walde, unterm Auerhahn, und bei Clausthal und Zellerfeld, ja, da sind kleine Seen. Man hat vier Stunden bis dort hinaus. Ein Paar liegen unterm Riesenberg, und heißen die Schalke. Und dort hinwärts bei Wernigerode, eben so weit von hier, liegen die Köhlerteiche – bei denen ich auch nichts zu schaffen habe. Es ist nichts mit allem Deinem Geschwätz! Hebe Dich von hinnen!« Leonhard zog seinen Geldbeutel, er wollte sich loskaufen von der Person, die ihm lästig zu werden begann. Die romantische Begegnung fesselte ihn nicht – zu jener Zeit stand überhaupt die Romantik nicht im Vordergrund allgemeiner Bildung – höchstens schwärmten Poeten und Romanschreiber von Burgen, Fehmgerichten, Klöstern, Rittern, Mönchen, Nonnen und was sonst zu jener großen Gaukeltasche gehören mochte, aus welcher die damaligen Poeten spielten.

»Ungläubiger!« rief die seltsame Fremde. »Blicke dort hinab!« und ihr Finger zeigte in das Thal auf eine Stelle, wo zwischen Harzburg-Neustadt und dem ganz nahen Pfarrdorfe Bündheim ein silberner Wasserspiegel die reine Helle des beginnenden Herbstabends zurückblitzte.

»Den Floßweiher in der Radau also meinst Du?« fragte aufs neue lachend, Leonhard. »Der geht mir freilich, wenn er gestemmt ist, recht hoch; er geht dann gerade bis an die Kniee meiner langen Storchbeine. In dem ertrinke ich ganz sicher nicht. Genug – hier hast Du was, und nun guten Weg und auf Nimmerwiedersehen!«

Das Weib warf einen tiefschmerzlichen Blick auf Leonhard, der ihr jetzt ernstlich seine Hand entriß, und sprach fast tonlos: »Habe ich meine Sache schlecht gemacht, so verdiene ich keine Belohnung, und ich will überhaupt keine. Ich sage es aber noch einmal: vor dem Teiche hüte Dich – ich warne, ich warne, ich warne Dich!« –

Die Sibylle wandte sich rasch um, und wollte sich im Gebüsche Leonhards Blicken entziehen. Jetzt aber war er es, der hastig ihre Hand ergriff, und zugleich rief er aus: »Halt! So entschlüpfst Du mir nicht! Du sagst mir, weshalb Du Dich an mich drängtest, was Du überhaupt hier zu suchen hast! Wer Du bist! Wer Dich hierher schickte!« –

»»Du, schlanker, blanker Jäger«« – hohnlachte die vermeinte Zigeunerin, indem sie mit einer ganz leichten und doch überaus kräftigen Bewegung sich von Leonhards haltender Hand losmachte: »Du wirst meiner Mutter Tochter nicht halten. Meine Mutter sendet mich; auf Ihr Geheiß drängte ich mich an Dich, Dich, nur Dich hatte ich hier zu suchen; ich fand Dich, und somit ist alles abgethan. Frage mich nicht weiter, und folge mir nicht – es wäre doch vergebens!«

Mit rascher Wendung verschwand diese seltsame und eigenthümliche Erscheinung in den Büschen – Leonhard sprang ihr nach – die Büsche bewegten sich und rauschten heftig – das Weib war flüchtig wie ein Reh, elastisch hoben sich ihre Fußspitzen vom weichen Moose des Burgberges. Sie floh aus dem Bereiche der Ruine abwärts – Leonhard sah sie vor sich hereilen – er ereilte sie nicht – sein Gepäck, sein Gewehr blieben am Gezweig hängen, hemmten auf Augenblicke seinen verfolgenden Lauf – jetzt sah er die Fliehende noch einmal – jetzt – stand sie an der Oeffnung der Harzburg-Höhle – jetzt schwand sie, so schien es, in diese hinein. Zwei Augenblicke später stand auch Leonhard vor dem gähnenden Grottenschlunde. Sollte er folgen? – Er folgte, rasch, unverweilt, Dämmer umgab ihn eine Strecke lang, dann tiefe Nacht, tiefe Stille. Nur das fallende Wasser, das den Tropfsteinzacken der Höhle abrieselnd in gemessenen Pausen auf den Boden schlug, war hörbar – sonst nichts außer Leonhards heftiges Athmen. Ohne Licht war nicht weiter zu dringen – die Höhle war verrufen seit grauer Zeit; schon vor mehr als achtzig Jahren hatte Georg Henning Behrens in seinem »Curiösem Harz-Wald« dieser Höhle gedacht, als tief und lang, mit vielen Irrgängen versehen. Offenbar hatte heidnischer Cult diese Gänge in dem Berge gewählt, der ein Fanum trägt; daher die spätere Sage aus alter Ueberlieferung die unerwiesene Krodo-Verehrung mit jenem Berg- und Hain-Heiligthume in Verbindung brachte. Ohne Licht war nicht weiter vorzudringen, und selbst mit Licht wäre ein solches Vordringen einem einzelnen Manne zu widerrathen gewesen.

Nach einem völlig fruchtlosen Betasten der naßkalten Steinwände, nach nochmaligem Lauschen in die nachtüberhüllte Tiefe des Höhlenganges murmelte Leonhard ein »Verdammt!« durch die Zähne, und tappte sich wieder nach dem Eingange, der ihm wie ein kleiner Stern entgegenschien. Draußen stand er nun – wie aus einem Traume erwachend, und fragte sich: »Was war das alles? Was befing mich? Ich habe doch wohl geträumt. War das die Harzburg-Jungfrau? Nein, sie war wahrhaftig nicht diese, sie trug kein Schlüsselbund, sie schien auch nicht auf eine Erlösung durch mich zu hoffen. – War es eine Elfe aus dem Elfensteine da drüben? Dazu war die Erscheinung viel zu massenhaft, zu körperlich – es war ein Weib von Fleisch und Blut. Ihre Hände waren warm, ihr Busen war voll, ihr Auge blitzte Feuer. Aber was hatte sie mit mir, wenn es ihr nicht, wie einer gewöhnlichen Zigeunerin, um Lohn, um Geld zu thun war? Und, endlich – wie kann sie in der Höhle sich lange bergen? Ist eine Menschen-Wohnung in diesem Bergesschoose?« »Wenn ich nun«, sagte Leonhard zu sich: »heute nicht nach Goslar ginge, wenn ich hier in Harzburg übernachtete, wenn ich dem Geheimniß, dem seltsamen Räthsel nachspürte?«.

Es war noch nicht spät, zwischen fünf und sechs Uhr, eine Stunde und darüber blieb es noch hell. Leonhard beschleunigte seine Schritte, trat in ein Gasthaus des Ortes ein, that als komme er geraden Weges von Ilsenburg herüber, fragte dieß und das und auch ob man in der Gegend Zigeuner verspüre? Diese Frage ward ihm verneinend beantwortet. Ob es weit sei hinaus zur Harzburger Höhle? Ob er wol zwei »Männer« als Führer mit Licht und sonstigem Zubehör gegen gute Vergütung erhalten könne? Dieß ward bejaht, aber die sehr nahe liegende Frage daran geknüpft, was denn der Herr in der Höhle zu schaffen habe? – Denn damals waren die zum Vergnügen oder zu Zwecken wissenschaftlicher Forschung Reisenden in deutschen Binnengebirgen noch ziemlich seltene Erscheinungen. Höchstens wurde der Brockengipfel aus »Curiosität« erklettert, ein Herr von Seckendorf besang den Inselsberg. Nur die Schweiz war so glücklich, häufiger bereist zu werden.

Jener an ihn gestellten Frage im Wirthshause zu Harzburg-Neustadt antwortete Leonhard: »Ich bin Mineralog, ich suche Steine und Erze.«

»Da wird der Herr in der Harzburghöhle nichts finden – ja Steine wol, aber Erze nicht,« wurde eingewendet.

»Mein Vetter ist ein Apotheker,« versetzte Leonhard spöttisch. »Er braucht fossiles Einhorn, und das findet sich droben in der Höhle. Wenn er Zweihorn brauchen könnte, könnt' ich des Steigens Mühe freilich sparen.« –

Die »Männer« die als Führer und Träger dienen sollten, stellten sich, zur Höhlenwanderung gerüstet, ein; Leonhard bestellte für sich gutes Abendessen und Nachtlager, und trat die neue Fahrt an. Im Hinaufsteigen fragte er seine Begleiter über vieles aus; sie erwiesen sich ebenso Gegend- als Vorzeitsagenkundig. Einer wußte dieß, der andere das. Der dem Burgberge jenseits des Radauthales gegenüberliegende vorspringende Kopf heiße der Papenberg (Pfaffenberg), weil vordessen ein Heidentempel droben gestanden habe, und die Wohnung der heidnischen Pfaffen ebenfalls darauf befindlich gewesen sei. Auf dem Elfensteine sei es gar nicht geheuer. Es spuke dort mächtig. Von Elfensteine steige man auf einem schmalen Rücken noch höher zur »alten Schlewecke,« darauf habe eine Raubritterburg gestanden. Auf dem Sachsenberge hätten die Sachsen ihr Heerlager gehabt, als sie gegen den Kaiser Heinrich IV. kämpften und ihm die Harzburg nahmen, brachen und von Grund aus zerstörten.

Allmählich fragte Leonhard nach der Höhle, ob sie weit in die Tiefe sich ziehe? Ob sie Menschen zum Aufenthalte diene? Da erfolgte, was so häufig bei derartigen Unterredungen zu erfolgen pflegt – die Führer hatten von einander abweichende Absichten; was einer bejahen zu können glaubte, das stellte der andere in Abrede. Einer behauptete, die Höhle sei nur zwanzig Schritte lang, der andere, sie sei unermeßlich tief. Vor Zeiten hätten auch Leutlein darin gewohnt, die man Zwergwichteln genannt habe, wie in der Höhle bei Scharzfels ebenfalls; seit aber die Menschen so böse geworden, und seit man drüben in Ocker die vielen Poch- und Hammerwerke angelegt habe, seien sie aus der Gegend entwichen und gebe jetzt keine mehr. »Narrenspossen!« widerstritt der Andere. »Abergläubische Alfanzereien! Spitzbuben haben sich darinnen aufgehalten, so wie in der alten Burg, auf deren Platz vordem auch ein Forsthaus stand.« – Nach allerlei hin- und herreden ergab sich, daß weder der eine noch der andere »Mann« von Harzburg jemals sich in die Höhle, die dicht über seinem Geburts- und Wohnorte lag, gewagt habe.

Erreicht war nun der Eingang, die Lichter wurden angezündet, die Höhlenfahrt begann – und endete überraschend bald, um so überraschender für Leonhard, da sich die alten Nachrichten von großer Tiefe und von Irrgängen sogleich als erfabelt zeigten – einige zwanzig Schritte Tiefe, einige Stalaktiten, geringe Trümmer von Gebeinen vorsündfluthlicher Thiergeschlechter – das war alles, was sich fand. Kein Seitengang, kein Schlupfwinkel, kein Gedanke daran, daß ein Mensch tiefer dringen könne, als vor einer Stunde Leonhard bereits ohne Licht gedrungen war. Wäre die weibliche Erscheinung in der Höhle gewesen, so mußte Leonhard auf sie treffen – sie war also verschwunden, rein verschwunden, das Räthsel für ihn war größer wie zuvor, und beschäftigte lange Leonhards Gedanken, ehe der Schlummer ihn fand.

 


 

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