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Die Geheimnisse eines Wundermannes. Zweiter Theil

Ludwig Bechstein: Die Geheimnisse eines Wundermannes. Zweiter Theil - Kapitel 13
Quellenangabe
authorLudwig Bechstein
titleDie Geheimnisse eines Wundermannes. Zweiter Theil
publisherW. Einhorn's Verlag/C. A. Hartleben
year1856
correctorreuters@abc.de
senderHerbert Niephaus
created20180917
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12.
Eine Unterredung.

Gottfried's Empfang im älterlichen Hause und bei seinem Herrn Pathen war zwar ein herzlicher und aufrichtig froher von Seiten der alten Leute, die er bis jetzt seine Aeltern nannte, und deren Kinder – der Herr Pathe aber war sehr ernst und kühl, obschon er sich innerlich freute über die große vortheilhafte Veränderung, welche mit dem zum Mann gereiften Gottfried während der Jahre vorgegangen war, in denen der Professor seinen Pathen nicht gesehen. Nun aber setzte das freie, offene, selbstständige und männliche Wesen des hochgewachsenen und stattlichen Mannes den kleinen feinen Professor, der sich jenem sehr oft als strenger Mentor gezeigt, in einige Verlegenheit, und er fand nicht gleich den richtigen Takt jenem gegenüber, da er eine Autorität, die ihm dieser Verlegenheit gleich hätte überheben können, nicht zur Geltung bringen wollte. Indessen ließ er Speisen und Wein auftragen, und als dieses geschehen war, und Gottfried sich gesetzt hatte, schloß er das Zimmer ab, nachdem er den alten Leonhard gebeten, ihm jetzt jede Störung abzuhalten. Dann schenkte er dem Gaste und sich ein und nöthigte freundlich zum Zulangen, hob sogar sein Glas zum anklingen, und sagte:

»Willkommen denn im Vaterhause! – Hoffentlich wird dem Pathen erlaubt sein, noch Du zu sagen, obschon das Pathchen nunmehr, und Gott sei Dank, ein ganz stattlicher Mann geworden. So erzähle denn, was Du erlebt, wie es jetzt um Dich steht, was Du treibst und bist, denn ich weiß nichts Neues zu erzählen; mein Leben fließt in gewohnten, nützlichen Thätigkeiten, im Ganzen aber doch still und einförmig hin, und meine bewegte Zeit liegt weit hinter mir; ich erblicke sie, wie der Bewohner einer öden Ebene ein fernes sonnebestrahltes Alpenland. Dessen glühende Hochgipfel sind meine Erinnerungen.«

Gottfried Leonhard neigte sich, indem er sein Glas sanft, dem seines Pathen näherte, mit sittigem Gruß, und erwiederte: »Unser Gott, an den Sie, mein hochverehrtester Herr Pathe und Wohlthäter, mich von Jugend an glauben und dem Sie mich vertrauen lehrten, führt seine Menschen nach seinem unerforschlichen Willen, nicht wie wir selbst, oder wie bisweilen in bester Absicht Andere für uns wollen. Ihr edles Gemüth, Herr Pathe, hat mir gewiß längst die Fehler meiner Jugend und meines Unverstandes verziehen; ich habe Sie wenigstens in Gedanken sehr oft und herzlich um Verzeihung gebeten und ich darf hoffen, daß Sie mir Ihr Wohlwollen wieder schenken, wie ich den ernsten Willen habe, mich dessen stets werth und würdig zu beweisen.«

Ein Strahl hoher Freude blitzte aus des Professors Augen, als er Gottfried so sprechen hörte – sichtlich schwand der strenge Ernst aus seinem Angesichte, und die Miene einer geistvollen Heiterkeit, die fast stets dieses Antlitz belebte, kehrte auf dasselbe zurück. Er wiegte ganz leise das Haupt, bestätigend nickend, und ließ Gottfried weiter sprechen. Seine Gedanken flogen in eine ferne Vergangenheit.

»Ich will Sie, theuerster Herr Pathe,« fuhr Gottfried fort: »nicht ermüden mit ausführlichen Schilderungen meiner Erlebnisse; ganz kurz nur sei alles dargelegt, großes und wichtiges ist mir schlichtem Manne ohnehin nicht begegnet. Ich trat in den Dienst unsers durchlauchtigsten Herzogs und Herrn als Soldat, ich machte den unglücklichen Feldzug gegen Frankreich mit, das Glück bot mir Gelegenheit, unserem Herrn einen persönlichen Dienst zu leisten, und deshalb nahm er mich in Höchstseinen persönlichen Dienst, und würdigte mich hoher Gnade, weit über mein Verdienst. Ich wurde Büchsenspanner, Leibjäger, ja – ich darf sagen: Vertrauter. Des Herzogs Gnade machte mein Glück, er erfüllte mir den Wunsch, den ich von Jugend auf gehegt, – ich bin ernannt zum reitenden Förster in Neustadt unter der Harzburg.«

Mehr und mehr verschwand bei dieser Mittheilung wieder der gütige, wohlwollende Zug aus des Zuhörenden Antlitz.

»Pah! Ich dachte zum Fürsten von Schöppenstädt!« spottete der Professor mit wenig verhehltem Unwillen in seinem Tone. »Das nennt nun so ein junger Mann, der mit dem Kopfe da, wo die Welt mit Brettern verschlagen ist, durchrennt, ein Glück! Ich bitte Dich um Gottes Willen, Gottfried! Das Blümlein Wunderhold mag ein allerliebstes, höchstbescheidenes Gänseblümchen sein, ein Mann sollte sich danach doch nicht bücken! Du bist reitender Förster, sagst Du. Wie kannst Du denn ein Förster sein? Wo hast Du denn die Jägerei gelernt? Wer hat Dich als Forstmann examinirt? Wo hast Du Deinen Lehrbrief? Wer hat Dich wehrhaft gemacht durch den forstlichen Ritterschlag mit dem edlen Hirschfänger? Verdienst Du nicht als ein Stümper in der Jägerei vielmehr das Weidmesser! Du verstehst wohl zu reiten, zu schießen und niederes Jagdwild auszubalgen, verstehst Du aber auch einen Forst zu bewirthschaften, verstehst Du Forst-Culturen, Forstbenutzung, hast Du Kenntnisse vom Schutze eines Forstes? – Ein Jäger magst Du schon sein, ein hirschgerechter Jäger bist Du nicht. Livréejäger warst Du! Hinten auf dem Wagentritt hast Du gestanden – wenn Du mir gefolgt hättest, konntest Du im Wagen sitzen und andere konnten hinter Dir als Lakaien stehen.«

Gottfried Leonhard saß versteinert – es wurde ihm trocken in der Kehle, dennoch bezwang er seine gerechte Aufwallung und erwiederte ruhig: »Mein Herr Pathe, Sie ereifern sich meinetwillen doch etwas zu sehr. Sie, der Sie mit Ihrem gründlichen und tiefen Wissen der Zeit vorauseilen, wissen recht gut, und besser als ich, daß die drei-, ja oft sechsjährige Lehrzeit nicht den wahren Jäger macht; daß des Lehrprinzipals Tisch zu decken und seine Stiefeln zu putzen, nicht das Element ist, welches den künftigen Forstmann bildet. Mußte ich dienen, so diente ich doch lieber dem höchsten Herrn unseres Landes, als einem Jäger gewöhnlichen Schlages, der auch nichts weiter versteht, als zu pirschen, Wild einzulappen und einen Schlag abzutreiben. Nicht ohne Prüfung verlieh unser gnädigster Herr mir meine Stelle.«

»»O ja, ich glaube das gern,«« versetzte der Professor. »Wir sind allerdings noch zurück, trotz allen Geschreies von der Aufklärung. Es kommt ja noch alle Tage vor, daß unsere Superintendenten ihre Stiefelputzer zu Schulmeistern ernennen. Das werden dann die Aufklärer unseres Landvolkes. Und das geschieht jetzt, wo wir siebenzehnhundertundfünfundneunzig schreiben, und ich sage Dir, es wird auch noch geschehen, wenn man achtzehnhundertundzwanzig schreibt, denn wir eilen uns nicht, wir schreiten fein gemachsam vor, machen aber vom Fortschritte ganz hochtrabende und gewaltige Worte.«

»Dem sei wie ihm wolle, verehrtester Herr Pathe« – entgegnete Gottfried. »Was ich bin, das bin ich nun einmal. Ich habe nicht nur vertraute Bekanntschaft mit dem Jägergeschäft als solches, ich getraue mir auch, dem Forstwesen, dessen wissenschaftliche Pflege jetzt erst zu keimen beginnt, als redlicher Diener vorzustehen, denn was mir noch abgeht an gründlichem Wissen, das kann ich erlernen und nachholen aus neuen, fach- und sachgemäßen nützlichen Schriften. Kein Mensch wird alles wissend geboren, lernen muß ein Jeder, und je länger einer lernt, um so besser wird es um ihn stehen. Wer sich einbildet, er habe ausgelernt, er sei fertig, wenn er ein Tentamen bestanden, der schießt weit vom Ziele, der trifft die Scheibe nicht, geschweige das schwarze, und noch viel weniger den innersten weißen Punkt.«

»»Solche Grundsätze muß ich in der That loben, mein lieber Pathe!«« sprach darauf der Professor in freudigem Tone. »Diese zeigen mir, daß ich nicht irrte, wenn ich früher immer sagte: der Gottfried hat Talent, es kann etwas aus ihm werden, wenn er nur mehr Fleiß besäße. Gott hat Dir schöne Gaben verliehen, Gottfried, und ich glaube, gleich Dir, an seine Führung. Du wirst mir altem Manne, der Anderes und Besseres und ich darf sagen Höheres mit Dir im Sinne hatte, es nicht verargen, daß ich nicht sonderlich erbaut bin von dem durch Dich selbst gewählten Stande und Berufe. Hier ist aber, das sehe ich ein, nun einmal nichts mehr zu ändern. Der Jäger steckte Dir von jeher im Kopfe, das freie Umherstreifen durch Wald und Flur, die lustige grünrockige Kameradschaft, die Liebhaberei für Hunde, die ich nun einmal in meinem Hause nicht dulde, so wenig wie die nichtsnutzen Katzen. Nun sage mir doch Gottfried, hast Du denn Deinen neuen Posten bereits angetreten, oder wann gedenkst Du ihn anzutreten?« –

»»Letzteres je eher, um so lieber, und zwar jedenfalls gleich nach meiner Hochzeit, verehrtester Herr Pathe!«« versetzte Gottfried mit einigem Herzklopfen.

»Wie? Nach Deiner Hochzeit? Du hältst Hochzeit? Und mit Wem denn, wenn man fragen darf?« entgegnete mit Verwunderung im Blick und mit erneutem, innerem Unmuth der Professor.

»Der Herr Pathe kennen meine Braut, es ist dieselbe, mit der mich unterredend, Sie mich am Abende vor meinem Fortgange von hier trafen, dieselbe, für die jenes Portrait, mein eigenes Bild, bestimmt war, das Sie damals – an sich zu nehmen so gütig waren, und mich einen Tiro nannten. Ich habe diesen Namen meinem Hunde gegeben, zur Erinnerung.«

Gottfried sprach diese Worte lächelnd aus, der Professor aber fühlte alles Gewicht des Vorwurfs, der dahinter sich barg, und suchte davon abzulenken, indem er sagte:

»Man spürt das Miasma der französischen Freiheit in unserer Zeit. Sonst war es in Deutschland eine edle Sitte, daß junge Menschen, die sich mit einander verloben wollten, erst bei ihren Aeltern und Pathen anfragten, ob diese auch nichts gegen die getroffene Wahl und Verbindung einzuwenden hätten? Jetzt verlobt man sich, man heirathet, mir nichts, Dir nichts, und den Aeltern oder sonstigen Angehörigen muß eben alles recht sein, was die Herren Söhne über sich und ihre Zukunft beschließen.«

Auf diesen Vorwurf versetzte Gottfried: »Ich bin kein Mann der französischen Freiheit, Herr Pathe, aber allerdings bin ich meinem Gefühle nach, außerhalb der Schranken meiner Dienstpflicht, ein freier Mann. Die Lage meines Aelternpaares und dessen Bildungsstand sind nicht geeignet, maaßgebende Einwirkung auf meine Wahl zu üben, zudem rechtfertigt sich diese Wahl dadurch, daß meine Sophie ein liebevolles, treues, ehrenhaftes Geschöpf ist, deren mir zusagende Eigenschaften das Glück meiner Zukunft verbürgen. Eine Dame aus höheren Ständen kann der Sohn Ihres Dieners, Herr Pathe, nicht ansprechen, und der reitende Förster von Neustadt könnte eine solche nicht einmal gebrauchen. Und von Ihnen, Herr Pathe, glaubte ich um so weniger mißbilligenden Einspruch zu befürchten zu haben, da Sophie die Verwandte eines Ihnen seit langen Jahren befreundeten wackern Mannes und Bürgers ist – der bereits brieflich von der erfolgten Verlobung seiner Nichte in Kenntniß gesetzt wurde und sie gut hieß – es wäre denn der einzige Fall, Sie mißachteten mich so sehr, daß Sie Sophiechen zu gut dazu hielten, meine Frau zu werden.«

Der Professor fühlte alles, was in diesen Worten lag, Gottfried war in seinem Innern fest, er widerlegte mit Würde und Selbstgefühl – es war ihm nichts anzuhaben – daher sprang der Professor plötzlich von dem Hauptthema ab, und klammerte sich an ein zufällig gebrauchtes Wort, indem er sagte: »Ein wackerer Mann, das ist in der That mein Freund der Inspektor des botanischen Gartens unserer Juliana Carolina. Aber weshalb sagst Du: Bürger? Weil dieß Wort in Mode kommt, weil die windigen Franzosen es jeden Augenblick im Munde führen, und jeder Hans Narr dem andern einen Citoyen an den Kopf wirft? Weil die Narren wollen, daß niemand mehr Herr sagen soll? Wol sind auch wir Bürger, sind Cives academici – das ist ein ganz anderes ehrenhafteres, als die völlig abgeschmackte, widerliche französische Citoyennerie, die mit der Donquichoterie aus einem Ei gekrochen ist, und nimmermehr Stand halten wird.«

Gottfried lächelte. Er fand keinen Grund, diese von der Hauptsache ablenkende Ereiferung des alten Mannes widerlegen zu wollen, vielmehr sprach er ganz ruhig: »Ich denke darüber ganz wie der Herr Pathe, und brauchte das Wort Bürger nur im deutschen Sinne. Ich war lange genug in Frankreich, um mich nicht in dessen Volk und dessen tolle Revolution zu verlieben, hatte ich doch ohnehin mein ganzes Herz in Deutschland gelassen.«

»Wolan denn, lassen wir Deutschland und deutsche Herzen leben!« erwiederte darauf der Professor, füllte aufs neue die Becher und klang an mit seinem Pathen. Dann aber begann er wieder. »Ich will Dich ob Deiner geschlossenen Verbindung nicht tadeln, noch weniger hofmeistern, Gottfried, denn zu beidem habe ich kein Recht; Du bist allerdings ein selbstständiger Mann und stehst im Dienste unseres Herzogs; zu befehlen habe ich Dir also nichts, und zum rathen ist es nun zu spät. Ich hatte früher andere Hoffnungen auf Deine Zukunft gebaut, und warum sollte ich Dir es nicht vertrauen, daß diese Hoffnungen glänzende waren? Dein Vater ist alt und wird stumpf, er wird nicht allzulange mehr leben. Meine Rüstigkeit und glückliche körperliche Organisation giebt mir Hoffnung, ihn zu überdauern. Ich hatte gehofft, Du würdest, zu Jahren der Reife, der Einsicht und des Verstandes gekommen, als mein Gehülfe, nicht mein Diener, sondern mein Freund, mein mich unterstützender Genosse werden. Auf Dich wollte ich die großen Geheimnisse hochwerthvoller Farbenbereitung vererben, deren ich mich rühmen kann, sie würden Dein Lebensglück begründet haben, Du konntest in Reichthum und Fülle leben, wenn auch unvermählt, wie ich. Hattest Du mir die Augen zugedrückt, so konntest Du Dich auch verheirathen. Die Ehe ist von mir nicht verachtet, sie ist ein Ausfluß heiliger Weltordnung, aber sie ist nicht für große Denker, nicht für Erfinder. Viele der berühmtesten Gelehrten lebten im ehelosen Stande; ich könnte, wenn es frommte, Dir lange Reihen von Namen nennen – ich nenne aber nur einen – welcher der Familie meiner Ahnherren angehörte, und mit dem ich eigenthümlicher Weise unter einem Sterne geboren bin. Es war der Parlamentsrath Nicolaus Claudius Fabri Peirescius zu Aix in der Provence, welcher im Jahre fünfzehnhundertundachtzig geboren wurde. Er machte große Reisen, und es war zu Folge alter Nachrichten über ihn, nichts Wunderbares, was ihm nicht bekannt gewesen wäre, ganz so, wie dieses auch bei mir der Fall ist. Er hatte Verbindungen nach allen Seiten hin, und war hochverehrt. Als er unvermählt starb, wurde sein Tod durch Trauergedichte in vierzig Sprachen beklagt, die einen ganzen Band bilden. Alle Gelehrten Roms, wo er starb, unter ihnen mehrere der berühmtesten Cardinäle, folgten seinem Leichenbegängniß. Wie und wann seine Verwandten nach Deutschland eingewandert, theilweise ihren ursprünglichen Namen in deutsche Zunge und Schreibweise umgewandelt, theilweise sich aber auch blos Fabri genannt, und diesen Namen in Deutschland verbreitet haben, darüber besitze ich ausführliche und genaueste Nachrichten, deren Mittheilung jetzt zu weit führen würde: Genug, daß Nachkommen des einen Zweiges der Familie im siebenzehnten Jahrhunderte nach Mühlhausen in Thüringen kamen, wo sie sich ansässig machten, und bald zu öffentlichen Aemtern und Ehren gelangten. So war im Jahre sechzehnhundertundneunundsechzig mein Urgroßvater, des Namens Sebastian, Bürgermeister des zweiten Rathes meiner Vaterstadt, mein Vater des gleichen Vornamens stand siebenzehnhundertundzwanzig dem dritten Rathe vor.«

 

Dieser genealogische Abschweif begann Leonhard zu ermüden, obschon er die Eigenthümlichkeit seines Pathen kannte, von irgend einem Gegenstande des Gespräches plötzlich abzuspringen, und sich auf ganz entgegengesetztem, fernliegendem Gebiete anhaltend zu ergehen, und er wünschte im Stillen diese Unterredung beendet. Das sah ihm denn der Professor gleich an, und sprach: »Dich zieht es nicht an, was ich sage. – Wüßtest Du, was ich weiß, oder dürfte ich Dir es jetzt schon sagen, so würde unstreitig Dein Antheil ein lebendigerer sein. Nun, brechen wir davon ab. Ich wünsche Dir alles Glück zu Deinem neuen Stande. Mein hochzeitliches Pathengeschenk soll Dir nicht entgehen. Du wirst ja Deine junge Frau hierher bringen, und sie als solche Deinen Aeltern und ihrem Onkel vorstellen. Ich trinke auf Dein bescheidenes Zukunftglück! Thue mir Bescheid!« –

 

Das alles sprach der Professor zuletzt mit einer leisen, schmerzlich bewegten, bebenden Stimme, und Gottfried nahm mit Ueberraschung wahr, daß der alte Herr tief erschüttert war, daß etwas unaussprechbares in seinem Inneren kämpfte, denn was er nie gesehen, dem Professor perlten Thränen im Auge, und nachdem er angeklungen und den Becher mit zitternder Hand auf den Tisch gesetzt, schritt er leise zur verschlossenen Thüre, öffnete sie, gab Gottfried die Hand, und sprach tonlos: »So lebe denn wohl, bis zum Wiedersehen!«

Gottfried fand keine Worte – wußte jene Bewegung nicht zu deuten, fühlte sich aber selbst mit einem Male von einem mächtigen Gefühle übermannt, das ihm sagte: Dein Pathe leidet um Deinetwillen, durch Dich – und er vermochte nichts zu thun, als des ehrwürdigen Greises Hand zu küssen und sich still, ohne ein weiteres Wort zu entfernen.

Der Professor verschloß hinter Gottfried abermals die Thüre, warf sich auf einen Sessel, deckte sein Gesicht mit beiden Händen, und seufzte: »O Regina! Regina!« –

 


 

Gottfried machte seinen Besuch im botanischen Garten. Der Garten-Inspektor begrüßte ihn mit einiger Förmlichkeit, er konnte sich noch nicht recht in das Verhältniß finden. Früherhin hatte er sich aus dem jungen Leonhard nicht viel machen können, er kannte ihn nur als eine Art heranwachsenden Amanuensis des berühmten Professors, in welchem letzteren er einen Freund und Gönner verehrte. Dann hatte Leonhard der jüngere den Unmuth des Professors und in dessen Folge auch den des botanischen Gärtners erregt, durch das zärtliche Verhältniß mit der besuchenden Nichte, und dadurch eine Verstimmung hervorgerufen, die mit der Erinnerung an deren Urheber eng verwuchs. Andererseits löste sich nun jenes unliebe in der Erinnerung durch des Herrn Förster Leonhard stattliche, männlichschöne Erscheinung, durch sein Verdienst im Felde, durch die fürstliche Gnade, die ihn erhebend umfloß, so wie durch die gute Versorgung, welche der Nichte sich bot, obschon es dieser in ihrer Heimath auch nicht an Freiern gefehlt hatte; endlich kam dazu, daß aus des geliebten Sohnes Briefen hervorging, wie treulich der Herr Leonhard diesen geleitet, und das Opfer großen Umweges nicht scheuend, ihn nach den genossenen Freuden seines frohen Verwandten-Besuches an den Bestimmungsort der ferneren akademischen Studien gebracht habe. Dafür war man dem Förster doch auch einigen Dank und einige Freundlichkeit schuldig geworden. So glich sich denn in Gedanken bald alles aus, und nur der eine billige Wunsch blieb in des Gärtners Seele, obschon unausgesprochen, Leonhard möge nicht der Sohn eines Dieners sein, überhaupt am liebsten gar nicht aus Helmstädt gebürtig. Dieser selbst kümmerte sich in seinem ruhigen Selbstbewußtsein und im Gefühle, gegen seine Sophie recht und mit redlicher Treue und als ein Mann von Ehre gehandelt zu haben, wenig oder gar nichts um Urtheile und Meinungen der Verwandten über ihn, sondern schlug unmittelbar den Weg nach Neustadt ein, um alle Vorbereitungen zum baldigen Antritte seines Amtes und seiner Einführung der jungen Frau in das freundlich gelegene Forsthaus zu treffen.

Mannichfaltige Gedanken bewegten Leonhard auf dem Wege, den er vor einiger Zeit zur Nachtzeit geritten, den er jetzt am Tage ritt, und lebhaft erwachte die Erinnerung an jene räthselhaften Frauen, und deren Verheißung. Ebenso kam ihm auch die Rührung und wunderbare Gemüthsbewegung des Professors nicht aus dem Gedanken. Es lag im einen wie im andern etwas Geheimes, das sich auf seine, Gottfrieds Person zu beziehen schien. Er sann mehr und mehr darüber nach, und gewann endlich einen Entschluß.

»Wie sprach damals hier, auf dieser selben Stelle, nahe bei Kublingen, die alte Sibylle?« fragte sich Leonhard. »Ich solle, sprach sie, alles Dunkle in meinem Leben noch erfahren. Drängt es Dich ernst nach Auskunft über Deine Abkunft, wie über Deine Zukunft, so reite in die Asse und zur alten Asseburg empor. – Trage ich doch noch immer in einem Beutelchen verwahrt, den alten seltsamen Pfennig an einer Schnur um den Hals und auf meiner Brust. Soll ich versuchen, ob jene Worte ein gemeiner Gaunertrug waren, oder ob sie Wahrheit enthielten? Kann mir wirklich eine Offenbarung kommen in jener alten Burgtrümmer? Den Versuch könnte ich ja wagen; von Schöppenstädt aus trägt mein Pferd mich in wenigen Stunden zur Stelle, Mondschein ist auch, und ich bin nicht ohne Waffen. Von der Asseburg reite ich dann nach Niendorf – oder am besten ich lasse mein Pferd im Kruge von Groß-Denke und reite am andern Morgen an die Ocker und dieser entgegen, so habe ich den allergeradesten Weg nach Neustadt eingeschlagen.«

Leonhard ruhte und rastete in Schöppenstädt bis zum späten Nachmittage, dann folgte er dem Laufe der Altena, erreichte dann von ihr ablenkend, das genannte Dorf, wo er sein Pferd einstellte und in schöner Abendstunde bald den Fußpfad fand, der durch die Asse zu ihrer alten Trümmerburg leitete.

Der Wald stand im Prachtschmuck bunter herbstlicher Färbung – die Flora der Schwämme herrschte auf dem feuchten Grün des Bodens – die Sonne ließ ihre letzten Strahlen durch die Wipfel der Bäume blitzen, dann sank sie rasch in die Niederungen, und bald überhauchte Abendluft die Gefilde, die Ufer der Ocker, die Wälder Asse und Im, und die letzten Sonnenstrahlen vergoldeten nur noch die zwischen beiden stehende hervorragende Bungenstädter Warte.

Leonhard beschleunigte jetzt seine Schritte, denn es fiel ihm bei, daß er noch vor Einbruch der Dunkelheit sein Ziel erreichen müsse, da es ihm außerdem, wenn er auch der Ruine nahe, schwer werden dürfte, den Stein mit den Mondzeichen und die Kluft zu finden, durch welche er den Pfennig hinab werfen sollte.

Schneller, als er selbst geglaubt, stand der rüstige Waldgänger an der verfallenen Burgstätte. Es war noch nicht einmal sechs Uhr, und noch hell genug. Tiefstill war es rings in dem alten Asenwalde, still und ernst und schaurig. Uralte Eichen und Buchen standen da, graubemooste mächtige Stämme, eine Wonne für das Auge des Forstmannes. Die Besitzer des Waldes und Gebietes wohnten fern, sie hatten nicht nöthig, aus Mangel oder aus erbärmlicher Finanzsucht und um sich nur Geld zu machen, das heilige kostbare Vätererbe anzutasten und durch die fällende Axt zu zerstören.

Leonhard wandte sich zunächst vom Burgthore rechts und zählte, an der Außenmauer hinschreitend, fünfzig Gänge. Und wie er den fünfzigsten Schritt gethan, stand er an einem großen von Flechten überzogenen alten Marksteine, der dicht vor einem Felsen stand, auf welchem die Burgmauer ruhte.

Das war der Stein, das Zeichen der Mondgöttin war ihm eingegraben.

Dicht hinter dem Steine war der Fels durch eine noch darin ersichtliche, jetzt verdorrte Baumwurzel gespalten, und es zeigte sich eine schmale Oeffnung in der Tiefe.

Eine ferne Thurmuhr schlug sechs Schläge, und die Abendglocke wurde nach alter Sitte geläutet, auffordernd zum Gebete gegen den Türken, den Erbfeind des Glaubens, den blutdürstigen Bekämpfer der Christenheit.

Feierlich hallten die dreimal drei Glockenpulse, die dem Läuten folgten, durch den dämmernden Abend. Ostwärts wurde es lichthell. Der Vollmond ging auf.

Der Schall kam vom Thurme des Dorfes Groß-Vahlberg. –

Leonhard hatte noch eine ganze Stunde Zeit. – Der unruhige Wanderer durchstreifte die öden Trümmer, nachdem er nach der Jäger Art den bestimmten Ort verbrochen, das heißt, durch grüne abgebrochene Eichenzweige ihn und den Weg zu ihm gekennzeichnet hatte. Es kamen ihm die alten Sagen in den Sinn, von der frühen Erbauung dieser Burg in mythischer Zeitenferne, dann spätere Erneuung im Beginn des zehnten Jahrhunderts, unter den Ottonen; von wilden Fehden der Herren von der Asseburg mit dem Herzoge Albert von Braunschweig im dreizehnten Jahrhundert, der die starke Feste drei Jahre lang belagerte, bevor es ihm gelang, sie einzunehmen und zu zerstören. Dann die Familiensage der Asseburge von den drei gläsernen Bechern und drei goldenen Kugeln, die vor undenklichen Zeiten die Nixe der Ocker einer Herrin von der Asseburg, die in der Nacht von dem Nix geholt und auf unterirdischen Wegen unter das Ockerbette geführt worden, um der Nixe in deren Kindesnöthen Beistand zu leisten – schenkte, und die Verheissung dauernden Glückes für die Familie an diese Gaben knüpfte. Einst zechten zwei Junker von der Asseburg und einer von Werthern mit einander, tranken aus den Bechern, stießen übermüthig an auf Glück, und der eine Becher zerklirrte in Scherben. Auf der Rückfahrt von Walhausen, der alten Kaiserpfalz, nach Brücken, beides Sitze der Familienglieder, ertranken alle drei in den Fluthen der von einem Gewitter stark angeschwollenen und übergetretenen Helme. Die beiden anderen Becher sollen noch vorhanden sein, sie sind von gelbgrünem Glas, stark und sehr alterthümlich, doch ohne alle Zier. Dieselben befinden sich im Besitze der Familie, einer auf Schloß Falkenstein im Unterharze, der zweite auf der Haineburg im Lande Westphalen. – Leonhard wandelte furchtlos im Mondschein nach dem grauen Markstein. Er hielt den alten venetianischen Pfennig fest in der Hand. Er stand zur Stelle – da schlug wieder die ferne Thurmuhr – da näherte Leonhard seine Hand jener Felsenspalte – da entglitt ihr die Münze. Leonhard athmete kaum; nicht furchtsam, aber beengt klopfte sein Herz – es rauschte, als gleite das runde Stückchen Metall durch eine metallene Röhre, dann drang ein Dröhnen herauf, wie vom Fall in ein ehernes Becken.

Alles blieb stille rings umher. Leonhard wandelte wieder nach dem Burgthore. Dort sollte er ja harren. Er harrte eine halbe Stunde, dreiviertel Stunden – es zeigte sich niemand.

Plötzlich – dennoch, ein rauschen, ein Licht – eine schwarze verhüllte Gestalt – eine fragende Stimme: »Kann der Herr mir nicht sagen, wie viel es an der Zeit ist?«

»»Die Glock' ist neun – in Vahlberg hat's geschlagen!«« gab Leonhard die ihm gebotene Antwort.

»Folge mir!« rief die verhüllte Gestalt und hob die Leuchte, und wandte sich zum gehen. Leonhard folgte. In einer niedrigen Halle tiefer im Inneren der Ruine schob sich eine Steinplatte zur Seite. Durch die schmale Oeffnung ging es in ein weites, nachtdunkles Gewölbe.

Ende des zweiten Theils.

 

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