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Die Geheimnisse eines Wundermannes. Zweiter Theil

Ludwig Bechstein: Die Geheimnisse eines Wundermannes. Zweiter Theil - Kapitel 12
Quellenangabe
authorLudwig Bechstein
titleDie Geheimnisse eines Wundermannes. Zweiter Theil
publisherW. Einhorn's Verlag/C. A. Hartleben
year1856
correctorreuters@abc.de
senderHerbert Niephaus
created20180917
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11.
Der Zögling des Adepten.

Zu Helmstädt fand sich bald wieder ein Anlaß, der die Mehrzahl jener Freunde und Freundinnen um den Professor reihte, die sich die Fortsetzung seiner begonnenen Mittheilung über Benjamin Jesse und seinen Zögling nicht entgehen lassen wollten. Das zarte Gemüth der Frauen hatte schon begonnen, Antheil zu nehmen am Schicksale eines verwaisten Knaben, dessen Abkunft im Dunkel lag und der aus dem Garten einer wenn auch armen und mittellosen, doch nicht ganz freudlosen Kindheit in den verhüllten Raum einer dunklen Zukunft eintrat. Man fühlte sich mehr zum Schicksale dieses Knaben, als zu dem seltsamen und etwas unheimlich erscheinenden Alten hingezogen, der ihn in Pflege genommen, und hoffte nebenbei doch noch im Stillen auf die Offenbarung manches spagyrischen oder alchymistischen Geheimnisses.

Der Professor ließ sich nicht lange bitten. Gern mittheilend, wie er einmal war, und mit ungemein großem psychologischem Scharfblick begabt, las er aus den Augen der Zuhörerschaft deren Gedanken, und wußte so ziemlich genau, was jede einzelne Persönlichkeit hoffte und wünschte.

»Wir begleiteten« – fuhr der Professor in seiner ohnlängst unterbrochenen Erzählung fort: »den alten Herrn Jesse und seinen jungen, dem Waisenhause in Hamburg entführten Pflegling, bis in die kühle Flur eines altergrauen Steinhauses in entlegener, enger Straße, die einer im Judenviertel zu Prag, oder im Ghetto zu Rom aufs Haar glich. Aus dem Flur führte der alte Jesse den kleinen Benjamin Teelsu in eine Zelle, die äußerst einfach ausgestattet war, doch enthielt sie das nothdürftigste Geräth, ein sehr reinliches Bette; aus dem Fenster dieser Zelle aber bot sich eine Aussicht, wie sie sich nicht aus jedem Fenster der Hamburger Twieten bietet; man blickte in einen kleinen grünen Garten, dessen nicht beträchtliche Länge ein alterthümliches Gemäuer abschnitt, in dem Gemäuer aber war eine thürlose Pfortenöffnung, und dahinter lag Sonnenschein auf dem Grün, der das Gesträuch licht übergoldete, während auf dem Vorgrund die düstere Mauer tiefe Schatten warf.«

»Es erschien eine alte Magd; diese schloß vor Benjamin eine leere Lade auf, entnahm dieser ein einfaches dunkles Linnengewand, und wieß ihn an, damit sich zu bekleiden, seine mitgebrachten Habseligkeiten aber in die Lade zu legen und sorgfältig aufzubewahren. Herr Jesse war weggegangen, kam aber bald wieder. Er hatte seine Staatskleidung abgelegt, und erschien in einem umgürteten aschenfarbigen Talar, der seinen Leib bis auf die Füße einhüllte. Sein kurzes weißes Haupthaar, jetzt ohne Perrücke, deckte ein einfaches schwarzes Sammtkäppchen. Herr Jesse hieß Benjamin folgen, und zeigte diesem nun das Laboratorium, das gerade so und nicht anders aussah, wie die Laboratorien aus alter Zeit. Denken Sie sich das meine, das Sie, meine Hochverehrtesten, wol zumeist schon Ihrer Betrachtung werth hielten, und Sie haben die richtigste geistige Anschauung von jenem des alten Herrn Jesse. Das sollte nun der hauptsächlichste Schauplatz der Thätigkeit des jungen Knaben werden, und jener Hülfeleistungen, die der alte Herr von ersterem als von einem frommen, treuen, eifrigen und geschickten Diener erwartete. Außer dem altmodischen, wunderlichen Destillirgeräth, den Büchsen, Specereigläsern, Tiegeln, Glas- und Kupferröhren, mit denen neben Kapellen, Reverberiröfen, eisernen Retorten, Tenakeln, Agitakeln, Kesseln und Pfannen, Kühlfässern und dergleichen Nöthigkeiten, deuteten auf einem Nebentischchen bereitstehende, gefüllte, zugebundene und bezeichnete Arzneigläser und Salbenbüchsen an, daß Jesse nicht blos ein chemischer Laborant, sondern auch ein praktischer Arzt sei, und zwar von denen, welche die Arzeneien selbst bereiten, sie dann den Kunden theuer aufdringen, indem sie dieselben ihnen in das Haus schleppen, und die Apotheker um ihren Verdienst bringen. Ich sage nicht, daß es solcher Hundeschwänze nicht noch heute gäbe.«

»Das alte unregelmäßig gebaute Steinhaus des Herrn Jesse hatte mancherlei Stuben, Kammern, Gaden und Gänge, Keller und Bodenräume. Aber außer diesen letzteren, der Stube des Prinzipales, einem an diese stoßenden Speisezimmer und dem eigenen Gemach blieben die meisten Räume Benjamin stets verschlossen. Aus dem Speisezimmer führten einige Stufen durch eine dicke Mauerwand empor zu einem kleinen Bogenthürlein, allein diesem sich nur zu nähern, geschweige denn daran zu klopfen, hatte Herr Jesse streng verboten, er möge nun in dem Gemache, zu dem dieß Thürlein führe, sein oder nicht, und die Nothwendigkeit, ihn zu rufen, auch noch so dringend scheinen.«

»Der kleine Benjamin unterzog sich allen Vorschriften seines Gebieters auf das treulichste und fleißigste, und erwarb sich dessen Gunst. Er sah sich stets liebevoll behandelt; Jesse gab ihm Unterricht in der lateinischen Sprache, ohne die niemand die höheren Arbeiten eines Alchymisten und Apothekers verrichten kann, unterwieß ihn zugleich in allen Manipulationen eines Laboranten, die der Knabe bald begriff und mit Vergnügen übte. Dann begann Jesse mit ihm den Unterricht im hebräischen, chaldäischen und arabischen, um magisch-kabbalistische Werke in ihren Ursprachen lesen und verstehen zu lernen, ja ohne diese Hülfe wäre nicht einmal möglich gewesen, Leonhard Thurneissers, genannt Zum Thurm bedeutendes Werk Magna Alchymia, zu verstehen.«

»Benjamin lernte um so leichter den mechanischen Theil seiner Geschäfte, da deren geistiger Theil so sehr geeignet ist, lebhaftes Interesse einzuflößen. Dem Laboranten, dem Adepten, meine verehrtesten Zuhörer, thut in seinem stillen, verschlossenen Laboratorium eine neue Welt sich auf, eine Welt des Zaubers und der Wunder. Todter Stoff gewinnt Leben! rohes gewinnt Formen, der Mensch wird zum Schöpfer. Die himmlischen Sphären steigen nieder und zeigen sich dem gläubigen und kunstgeweihten Adepten in vollendeter Schönheit. Irdisches verklärt sich; aus dem Samen, den die Elemente geboren, treten siderische Wesen, deren höchstes der weltbeglückende Azoth ist, entstanden aus der Verschmelzung des weißen Adlers und des rothen Löwen.«

Die Blicke des Professors leuchteten, als er dieß mit all seiner Lebhaftigkeit sprach; offenbar hatte Erinnerung ihn mächtig ergriffen und riß ihn hin auf ein Gebiet, auf welches der Verstand seiner Zuhörer ihm nicht folgen konnte. Er fühlte dieß selbst, bezwang sich, und lenkte ein: »Doch glaube deshalb niemand, die Alchymie sei eine übernatürliche Kunst; oh nein, sie hat in der Natur und nur in dieser, ihre ganze Begründung. Aber sie legt ihren Jüngern Schweigen auf. Und niemand soll ihre Pfade wandeln wollen um Geldbesitzes und irdischen Reichthumes Willen; die Natur soll er ergründen, in ihr den ewigen Schöpfer finden, bewundern und anbeten lernen, dann ist er der wahre Philosophus, und außerdem nur der Schwanz eines Esels.«

»Unser Knabe, Benjamin Teelsu, sah in stiller Thätigkeit Jahr um Jahr seines Jugendlebens schwinden. Freiheit genoß er wenig; was man so Jugendfreude nennt, Umgang mit Freunden, geselliges Vergnügen, es blieb ihm fremd und versagt, aber die Kirche wurde regelmäßig besucht, vollständiger Religionsunterricht wurde ihm ertheilt, seine Confirmation, seine höhere Weihe zum Christen erfolgte. Dann begann Jesse, Benjamin auch einzuweihen in die Geheimnisse der Arzneikunst und mit sichtlichem Wohlgefallen freute sich der alte Herr seines gelehrigen Zöglings. In dem kleinen Gärtchen am Hause wurden mehrere Heilkräuter angebaut, in geringen Mengen zwar, aber doch die wichtigsten, die als Hausmittel dienen. Ein Fliederbaum und eine Lindenlaube lieferten in ihren Blüthen auch ihren Beitrag zu diesem einfachen Arzneischatze. Eine Melissenstaude gab hinlängliche Blätterfülle, Pfeffermünze und Krausemünze, Salbei und Thymian blüheten und dufteten da bisweilen, an Sonntag Nachmittagen saß Benjamin einsam in dem grünen Gärtchen und las, oder sah zu, wie Insekten in den Sonnenstrahlen tanzten, die hinter dem zerbröckelten Mauerpförtchen schräg in einen engbegrenzten Zwinger fielen. Einst nahte er jener Oeffnung, bückte sich, sah hinüber – da sah er ein liebliches Kind im Kleide der Armuth, ein Mädchen, das im Grünen saß und strickte. Er sah es öfter, er redete mit ihm, und bald hatte es sein Herz umstrickt. Es entspann sich eine geheime, zärtliche, stillselige, aber reine Liebe. Eine neue Welt ging für Benjamin auf, noch einmal so freudig verrichtete er seine Tagewerke, er wurde noch frömmer, noch sinniger, als er ohnehin schon war.

Dem alten Herrn blieb nichts verborgen, um so weniger seines Pfleglings stille Herzensneigung. Da diese gegen Jesse's Wünsche war, so forderte derselbe mit einiger Strenge von dem Jünglinge Entsagung. Auch darin leistete der Folgsame willig Folge, er gelobte, ohne Jesse's Vorwissen und Beirath niemals eine Verbindung einzugehen – und so verzichtete er auf das sichere Glück der Gegenwart in Hoffnung auf ein unsicheres der Zukunft. Er mied den grünen Garten – sehnsüchtig nach ihm blickend stand Anfangs oft ein schönes bleiches Mädchen wie eine Erscheinung in dem alten Mauerpförtchen, licht vom Sonnengold umflossen, so leidend und so schön – aber der Erwartete kam nicht, wol aber kamen Herbst und Winter mit ihren Stürmen, und der Garten verschneite, und das schöne Kind zeigte sich nicht mehr.«

»So waren fast zwanzig Jahre dahin gegangen, und Herr Jesse war nun achtundachtzig Jahre alt, und hatte an Benjamin Teelsu den treuesten Schüler, Jünger und Sohn gehabt. Diesem winkte eines Tages der alte Herr in das Speisezimmer und sprach zu ihm: Mein lieber Sohn! Du hast mir gedient bisher in Treue und in der Furcht des Herrn unsers Gottes. Er sei gepriesen, der mich Dich hat finden lassen. Und so erfahre nun, daß Du bist mein Enkel. Deine Mutter, Sara geheißen, verlobte sich, als ich noch wohnte zu Amsterdam, gegen meinen Willen mit dem Sohne seines Freundes von mir, Namens Teelsu. Sie hatte schweres Leid zu tragen, meine arme Tochter. Ich war hart, Gott vergebe mir, und mein Freund war ein gewissenloser Mann, Gott vergebe ihm. Er schien reich und war es nicht. Der Sohn, Dein Vater, baute auf des Vaters Reichthum und täuschte sich bitter, und dadurch auch mein Kind, Deine Mutter. Der alte Teelsu machte Bankerott und starb im Schuldgefängniß. Der Sohn und Sara entflohen vor meinem Zorne – wohin, blieb mir lange verborgen, bis ich endlich Spur erhielt, sie seien nach Hamburg. Mich reute bitter die Härte, die ich bewiesen gegen mein einziges Kind. Ich nahm all' mein Vermögen zusammen, verließ meine zahlreiche Kundschaft, die mich als Arzt hoch verehrte, und zog auch nach Hamburg – das werden sein dreißig Jahre oder drüber. Ich stellte eifrig Nachforschungen an nach meinem, mir geraubten – o nein, nach dem von mir verstoßenen Kinde. Lange war vergebens all' mein suchen, forschen und fragen. Endlich leitete mich ein alter Jude auf eine Spur – aber wehe mir – die Spur führte mich nur zu Schrecken, Kummer und Verzweiflung. Der Gott meiner Väter hatte mich verlassen. Salomon Teelsu, Dein Vater, mein Enkel Benjamin, hatte in Hamburg nicht vermocht, sich und seinem Weibe den nöthigen Unterhalt zu verschaffen, wie sehr er auch danach strebte. Ich hätte so leicht helfen und retten können, ich hätte es auch gethan, geschworen sei es bei dem Allmächtigen, denn mein Herz fühlte Reue, und deshalb folgte ich den Flüchtigen nach, aber es war zu spät. Meine Sara, die Tochter des reichen Benjamin Jesse, gebar Dich in einer Höhle der Armuth, in der Hütte jenes alten Juden – den ein Zufall mich finden ließ, und ihre Seele ging hinüber in das Paradies. Dein Vater war nicht bei ihr, er war wieder gereist nach Amsterdam, er wollte Hülfe suchen; er hatte versprochen, wieder zu kommen an einem bestimmten Tage, an diesem Tage gebar Dich meine Sara. Salomon kam nicht – es hatte ihn zurückgehalten ein schrecklicher Sturm auf der See. Die armen Menschen, die sich hatten angenommen der Sara, hatten nicht gewußt wo aus noch ein, sie hatten gelegt mein Kind zur Nacht auf die Straße, daß es wurde gefunden tod, und begraben auf einen Christenkirchhof hinten hin in eine Ecke an der Mauer. Und Dich hatten sie gewickelt in Lumpen, und hatten Dich gelegt vor das Waisenhaus und gezogen an der Schelle, daß jemand herauskam und Dich aufhob. Die Leute aber waren gegangen von dannen. Dein Vater war gewesen außer sich und untröstlich, und hatte geschüttelt den Staub Hamburgs von seinen Schuhen, und hatte gegriffen nach dem Bettelstab.«

»Als ich erfuhr alle diese trostlosen Nachrichten, hab' ich zerrissen mein Kleid, und hab' gestreut Asche auf mein Haupt, und habe mich gedemüthigt vor dem Herrn, meinem Gott. Nachher habe ich mir sagen lassen genau Tage und Stunde, wann sich alles hat begeben, und habe gefunden meiner Sara Grab, und habe Geld gegeben, und auf das Grab setzen lassen einen Stein, und auf den Stein schreiben lassen Sara Teelsu aus Amsterdam, und den Spruch aus dem Buche der Richter: Ach meine Tochter, wie beugest Du mich, und betrübest mich! – Und weil ich nun war ganz allein, so habe ich nicht aufziehen können ein kleines Kind, ich verschaffte mir aber Nachricht von Dir, und betete Tag um Tag, Gott wolle Dich am Leben erhalten, und Dich einst mir schenken. Da ich aber wußte, daß sie Dich mir nicht geben würden, weil ich ein Jude war, so bin ich geworden ein Christ, und hab' angenommen die Taufe, und angenommen willig den Glauben, der die Versöhnung lehrt, mir zur Strafe, weil ich gewesen war so hart und unversöhnlich gegen mein eigenes einziges Kind. Und der Herr hat mich leben lassen, und als es Zeit war, daß ich Dich konnte zu mir nehmen, bin ich gegangen in das Waisenhaus, und habe Dich begehrt, und habe gegeben Geld und gute Worte für Dich, und war gut, daß ich war geworden ein Christ, sonst hätten sie Dich mir nicht gegeben. Gepriesen sei der Herr unser Gott! Nun bist du geworden ein erwachsener Mensch und bist mir gewesen getreu und gehorsam; ich aber fühle, daß meines Lebens Balsam vertrocknet, denn ich bin alt achtundachtzig Jahr – da sagen die Leute, es ist ein schönes Alter. Wehe mir! Das Alter ist schön mit nichten. Bald wird kommen der Tod und mich führen zu meinem in Elend gestorbenen Kinde. Nun hör' zu, Benjamin, mein lieber Enkel! Wenn ich habe zugethan meine Augen, und Du sie mir hast zugedrückt, so sollst Du Dich bedacht finden in meinem Testamente. Du siehst hier einen Schlüssel, der schließt diese Thüre zu meiner Betkammer, in welche weder Du gekommen bist, noch sonst ist gekommen außer mir ein Mensch, so lange ich besitze dieses Haus. Den Schlüssel werde ich legen in dieses Kästchen, und des Kästchens Schlüssel übergehe ich Dir.«

»Hierauf öffnete Jesse die Thüre der Betkammer, und Benjamin gewahrte, daß hinter derselben noch eine zweite Thüre sich befand. Diese eröffnete Jesse nicht, sondern er legte daran ein hermetisches Siegel, welches aus einer krystallinischen Masse bestand, die schnell erhärtete und aussahe, wie Glas. Dann legte er die Schlüssel beider Thüren in ein Kästchen, das er ebenfalls hermetisch versiegelte und Benjamin zur Aufbewahrung übergab. Dann warf er das goldene Petschaft, mit dem er Schloß und Kästchen versiegelt hatte, in ein Glas, darin sich eine helle Flüssigkeit befand, und es verging darin, wie Eis in warmem Wasser und die Materie färbte sich bleichroth von dem Golde. Und jetzt strich Jesse das Glas ebenfalls mit dem Krystallstoff zu.«

»Wenn ich nun todt bin, fuhr Benjamin Jesse fort zu Benjamin Teelsu zu reden, so werden kommen aus der Schweiz zwei Männer, meine Erben, denen giebst Du diese Flasche und dieses Kästchen, und erwartest das Weitere.« –

Der Erzähler machte jetzt eine Pause. Immer noch fand er seine Zuhörer in Spannung – er hatte so lebendig gesprochen, so rasch und mit so viel dramatischer Begabung, daß jene den alten Jesse in seiner Eigenthümlichkeit des Ausdrucks leibhaftig vor sich zu sehen, seine eigene Stimme zu hören glaubten. Daher die tiefe Stille allgemeiner Antheilnahme, und eines Eindrucks, den der Professor nicht vorüber gehen lassen mochte, er fuhr daher lebhaft fort.

»Auf meinen Reisen durch die Schweiz lernte ich einen Mann kennen, den man als äußerst reich, äußerst wohlwollend, und dabei höchst begabt mit tieferen Kenntnissen nannte und rühmte. Ich suchte diesen Mann auf, und da ein gleiches Streben nach ernster Erforschung der Natur uns bald einander befreundete, so gewann ich des Mannes Vertrauen in einem hohen Grade. – Der Mann hatte eine zarte Frau, welche leider heftig an den Augen litt; ich war so glücklich sie herzustellen, denn ich hatte bereits meinen wunderbaren Augenstein erfunden. Beide Gatten waren so froh und so dankbar – ich werde sie nie vergessen. Und wer war dieser Mann? – Er nannte sich Benjamin Teelsu. Von ihm erfuhr ich Wort für Wort, was ich Ihnen erzählte, seine ganze Lebensgeschichte.«

»Als der alte Jesse seinem Enkel jenes Schlüsselkästchen und jenes Gefäß übergeben hatte, war er niedergekniet und hatte nach altgewohnter Weise in hebräischer Sprache den einhundert und dritten Psalm, der ein feuriges Loblied und ein Danklied für die unaussprechliche Güte und ewige Gnade Gottes ist, murmelnd gebetet, dann hatte er sich in seinen breiten Stuhl gesetzt und etwas Malvasier getrunken. Benjamin hatte sich neben ihn setzen müssen; Jesse hatte sein Haupt sanft auf die Schulter des Enkels gelegt, und war eingeschlummert. Nach einer halben Stunde seufzte er, und mit diesem Aushauch war seine Seele zu Gott gegangen. Benjamin war sehr erschrocken, doch ordnete er alles Nöthige an, meldete auch das Ableben an den einen der Erben, Herrn Abraham Jesse in der Schweiz, aber ehe noch der Brief an sein Ziel gelangt sein konnte, erschien schon Herr Abraham Jesse und noch ein Mann, und dieser zweite Mann schloß Benjamin mit unaussprechlicher Rührung an sein Herz, und war kein anderer, als Salomon Teelsu, Benjamins Vater. Höchst wunderbar war nun, was sich weiter begab, und was Herr Benjamin Teelsu mir erzählte. Abraham Jesse empfing das Glas und das Schlüsselkästchen; er zerbrach das Glas, und bestrich mit der in demselben enthaltenen Flüssigkeit das Siegel des Kästchens, und jenes an der inneren Thüre der Gebetkammer, da flossen die Siegel ab, wie schmelzendes Wachs. Hierauf öffneten die Fremden die zweite Thüre, und als sie in das Betgemach Jesse's traten, fielen sie auf ihre Kniee nieder und beteten. Das einzige Fenster des Gemaches war verdunkelt, aber auf einer Tafel, die mitten im Zimmer sich befand, stand ein Gefäß, ähnlich einer kostbaren Monstranz oder einem Reliquienschrein, dessen goldenes Fußgestell einen Krystall trug, in welchem ein ewigstrahlendes Licht wunderbaren Schimmer im Gemache verbreitete. Dieses Licht fand seinen Wiederschein in einem eiförmigen Krystall. Mancherlei Geräth war da zu sehen, eine goldene Dose mit goldenem Löffelchen dabei, darinnen ein karmoisinrothes Pulver. Auf einem kleinen Betpulte von Golde lag ein Buch, dessen biegsame Blätter auch Gold waren, und auf diese waren Gebete und magische Zeichen mit Purpur geschrieben. Unter diesem Pulte lag Benjamin Jesse's Testament. Dieses erbrach und las nun Abraham Jesse. Er war als Benjamin Jesse's Bruderssohn zum Erben aller Instrumente und Bücher eingesetzt. In das übrige sollten er und Salomon Teelsu sich gleichmäßig theilen; Benjamin Teelsu empfing ein Legat von sechstausend Dukaten in Gold, das ihm die Haupterben sogleich verdoppelten. Viele seltsame Instrumente und magische Geräthschaften fanden sich noch in anstoßenden Kammern, darunter eines, welches Abraham Jesse den Spiegel Salomonis nannte, und ein anderes, gestaltet wie eine Uhr, aber statt der Stunden-Zahlen mit den Buchstaben des Alphabets bezeichnet, und zu einer uns unerklärbaren Fernschreibekunst dienend. Eine ganz gleiche besaß auch Abraham Jesse, und durch geheime magnetische Kräfte konnten die Verwandten einander trotz der weitesten leiblichen Entfernung ihre Gedanken mittheilen. Groß war der Vorrath an Goldbarren. Die Erben statteten mehrere arme Mädchen aus, und Benjamin Teelsu dachte seiner einzigen Jugendliebe und gab seine Hand jenem armen Kinde, das nun seine Frau war. Alle verließen Hamburg, Herr Abraham Jesse ging nach Ostindien, Benjamin aber folgte mit seiner jungen Frau dem Vater in die Schweiz. Als Herr Teelsu mir alle seine Lebensschicksale mittheilte, war es ein Jahr, daß er seinen Vater begraben hatte. Jetzt nun war er im vollen Besitz unermeßlichen Reichthums; seinen ältesten Sohn hatte er zu Abraham Jesse nach Ostindien gesendet, der ihn an Kindesstatt annahm, und ich habe mich später in Person überzeugt, daß dieser Sohn nicht nur jenes Mannes einziger Erbe geworden war, sondern im Besitze höchst wichtiger Geheimnisse sich befand. Ich besuchte ihn zu Madras, wo er in der Fülle des Reichthums und mit dem Glanze eines Nabobs umgeben, lebte und vielleicht noch lebt. Auch er war im Besitze eines Purpurpulvers, wie sein Vater, das aus Benjamin Jesse's Nachlaß stammte, und Benjamin Teelsu war gütig und freundlich genug, aus Dankbarkeit auch mir ein Gläschen voll davon zu verehren. Sie alle können es bei mir sehen – wozu es dient, darf ich nicht verrathen; ich selbst habe zwar Versuche damit gemacht, welche seine geheimnißvolle Transmutationskraft außer allen Zweifel stellten, allein ich habe mich dessen nicht weiter bedient, da ich seiner nicht bedurfte, sondern andere Wege kenne, die zu demselben Ziele führen.«

Mit diesen Worten endete der Professor seine Erzählung, welche die Zuhörer mehr gespannt als befriedigt hatte. Vom eigentlichen Machen des Goldes war kein einziges Wort gefallen, und doch deutete alles darauf hin, daß Jesse ein Goldmacher gewesen, daß dessen Bruderssohn Abraham, so wie Salomon Teelsu, das gleiche Geheimniß gekannt, daß beide ihren Söhnen es vererbten, und daß der Erzähler, dessen wunderbare und verhüllte Lebenswege ihn jenen Erben persönlich nahe geführt, vielleicht durch sie eingeweiht worden sei in alle Geheimnisse der spagyrischen Kunst und Weisheit, die man ihm beimaß, ja deren er sich wol zu Zeiten auch selbst rühmte. Mehr aber aus ihm heraus zu bringen, als er gerade geneigt war, freiwillig mitzutheilen, wäre ein ganz vergebliches mühen gewesen. –

 


 

Die Reisenden auf dem Thüringerwalde nahmen Abschied aus dem gastlichen Orte, wo sie frohe Stunden und Tage verlebt. Der Tag der Hochzeit wurde anberaumt, und neue Freuden Gottfrieds und Sophiens standen durch ihn in Aussicht, daher war diese Trennung mehr eine herzliche als eine schmerzliche; die Verlobten schieden guten Muthes, das Herz voll Hoffnung von einander.

Leonhard nahm jetzt einen andern Weg, er fuhr über Suhl nach Ilmenau, und war nicht wenig überrascht, auf der Höhe des Gebirgskammes, dessen Waldnatur ihn lebhaft an den Harz erinnerte, ein einsam gelegenes Gasthaus zu erreichen, bei dem ein wenig angehalten werden mußte, am Schilde dieses Hauses war zu lesen: Zum Auerhahn.

»Träume ich denn?« fragte er seinen jungen Begleiter. »Bin ich denn auf dem Harz oder, bin ich auf dem Thüringerwalde? Das ist doch merkwürdig! Wenn man von Goßlar oder von Clausthal und Zellerfeld aus, die so nachbarlich beisammen liegen wie Mehlis und Zella – zum Rücken des Kahlenbergs und des Bocksbergs hinan steigt, liegt auch ein einsames Gehöft vom Walde umgeben da und heißt auch der Auerhahn – gerade so, wie dieses Haus.« –

Auf der Weiterfahrt von Ilmenau besuchten und besahen die Reisenden das schöne Schwarzburg und die merkwürdige Klostertrümmer Paulinzelle, erkletterten die Burgruine Greifenstein über der Stadt Blankenburg, und fuhren dann durch das reizende Saalthal noch bis Rudolstadt, um am folgenden Tage das beliebte Saalathen, Christians nächsten Bestimmungsort zu erreichen. Der treue Begleiter verließ diesen nicht eher, bis ihm eine Wohnung gemiethet und eingerichtet war, und versprach, ihn zu seiner Hochzeitfeier abzuholen, wenn er seinem Studium einige Tage abgewinnen, und ihm schenken wolle. Das Wägelein wurde an einen Pferdephilister, selbst mit einigem Vortheil, verkauft, und nun ritt Leonhard von dannen, gefolgt von dem wieder völlig muntern und gesunden treuen Begleiter Tiro.

Der Reiter folgte dem Laufe der Saale bis Naumburg, ritt der Unstrut entgegen bis Artern, setzte dann durch minder schöne Wegstrecken seinen Ritt über Sangerhausen und Harzgerode bis Quedlinburg fort, erreichte Halberstadt, verfolgte sehr nachdenklich von dort aus den wohlbekannten, erinnerungreichen Weg zum Huy empor, durch den großen Bruch, und nahete nun mit eigenthümlichem Bangen dem heimathlichen Helmstädt, um schuldigerweise die Aeltern, den Herren Pathen und den Inspektor des botanischen Gartens davon in Kenntniß zu setzen, daß er sein Florilegium diesesmal über die Grenzen des Harzes erstreckt, und seine Glücksblume in einem Thüringerwaldthale gefunden habe.

 


 

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