Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Ludwig Bechstein >

Die Geheimnisse eines Wundermannes. Zweiter Theil

Ludwig Bechstein: Die Geheimnisse eines Wundermannes. Zweiter Theil - Kapitel 11
Quellenangabe
authorLudwig Bechstein
titleDie Geheimnisse eines Wundermannes. Zweiter Theil
publisherW. Einhorn's Verlag/C. A. Hartleben
year1856
correctorreuters@abc.de
senderHerbert Niephaus
created20180917
Schließen

Navigation:

10.
Verlobung.

Die Reisenden verließen Erfurt, wo sich der Betrachtung so vieles anziehende darbot, erst gegen Mittag und fuhren über Dietendorf nach Arnstadt. Am Wege unter der befestigten Citadelle Cyriacsburg wurde nicht versäumt, das gothische Sibyllenthürmchen zu beschauen, ein Denkmal um welches die Sage des Volkes ihr graues Schleiergewebe gesponnen. Die Reise setzte sich durch das anmuthige Thal der Gera fort, durch blühende Orte, wie Kornhochheim und Dietendorf, durch idyllisch liebliche Fluren, über das reizende Molsdorf, mit dem herrlichen Schlosse des Grafen Gotter und einem umfangreichen Lustgarten im holländischen Geschmack, mit steifen Alleen von Taxusbäumen und rauschenden Wasserkünften, wo viele tausend Herzen schon sich gefreut, und belebt vom Pulse der Liebe höher geschlagen; von da über den alten Kloster- und späteren Herzogresidenz-Ort Ichtershausen, und immer der munter plaudernden Gera entgegen nach dem freundlichen Arnstadt, das am Fuße seines Auen-Berges und an dem Hochrücken seiner Altenburg friedlich hingebreitet liegt, mit stattlichen Thürmen, ein seit grauen Zeiten gepriesener Fürstensitz.

Dort bekam das Pferd Gottfrieds wieder behagliche Ruhestunden, denn es mußte die alte Liebfrauenkirche mit ihren sagenumklungenen Thürmepaar, einer romanisch, der andere gothisch neben einander aufgegipfelt, und innen schöne Denkmäler schwarzburgischer Grafen, darunter jenes Günther des Streitbaren und seiner Gemahlin besehen werden. Das curiose Montplaisir, eine Sammlung von allerhand Künsteleien und Naturproducten, und das große Christophbild an der Wand eines stattlichen Hauses auf dem Rieth, endlich auch die weitberühmte Günthersmühle, außen mit dem an einer Kette baumelnden steinernen Kopfe eines Mehldiebes, innen mit einem dreizehnten Mahlgange, auf welchem der Teufel in der Mitternachtsstunde mahlt, und zuletzt der fürstliche Lustgarten und die schöne Grotte, das alles durfte nicht unbesehen bleiben, wenn man mit Nutzen und Vergnügen reisen wollte. Die heutigen Dampfwagenflugreisen gewähren beides bei weitem nicht in dem Maßstabe der gemüthlichen alten Zeit, sie führen blos schnell von Ort zu Ort, und sind nur für den Eilreisenden von unschätzbarem Werth.

Von Arnstadt aus wurde ein liebliches Thal erreicht, welches schon die Muse des heimischen Quellensängers Valerius Neubeck, eines geborenen Arnstädters, verherrlichte.

                   

»Südwärts über der Stadt, die vom edlen Aare den Namen
Führet, da krönt Steineichengehölz die Gebirge des Stromthals,
Hier fließt, kühler im Schatten, die silberblinkende Gera
Ueber gelblichen Kies. – –
                                          Allein mit gehaltener Eile
Wallet der Strom in Plauens arkadischen Hirtengefilden.«

Nur müßte es Plaue's heißen. Dort wurde die alte Ruine der Ehrenburg erstiegen, und in ihrer Thorhalle ein Strauß herrlich rosenroth erblühender Lavatera thuringica gepflückt, deren Blüthenpracht hier in der Trümmereinsamkeit wild wachsend zu entdecken, den im Schoose der Blumengöttin gleichsam aufgewachsenen Jüngling erfreute, da er diese Pflanze noch gar nicht kannte. Hätte er vollends gewußt daß beim nächsten Dorfe, dem einzigen zwischen Arnstadt und Plaue jener herrliche Goldenzian ebenfalls wild wächst, den Matthisson den Scepter der Blumenkönigin nannte, so würde sein botanisches Entzücken noch größer gewesen sein.

Nach kurzer Fahrt in ein grünes Thal einbiegend, auf das die Herbstflora noch ein reiches Blumenfüllhorn ergossen hatte, und über dem auf kahlen Höhen einsame Birnbäume voll grünender Mistelbüsche standen, zeigte sich schon wieder eine zerstörte Ritterburg dicht über dem Dorfe Liebenstein, worauf der bedeutende Wald-Ort Gräfinau, und hinter diesem ein einsames fels- und wasserreiches Gebirgsthal erreicht wurde, das die Sieglitz heißt. Oft zog der beschwerliche Weg so steil empor, daß beide Reisenden ausstiegen, und zu beiderseitiger großer Freude wollte auch Tiro sich nicht mehr in dem Wägelein halten lassen, sondern den gewohnten Waldgang wieder in Uebung bringen. Gute Gespräche und muntere Scherze würzten die Reise; begegnende Waldleute wurden freundlich begrüßt, und so traten nach ziemlich lange andauerndem Steigen vorbei an jungen Fichtenschonungen, in denen Schnee und Windbruch manchen Schaden verübt, endlich die Häuser des hochgelegenen Ortes Oberhof in Sicht – dessen Wirthshaus eine sehr lebhaft besuchte Fuhrmanns-Herberge war, die aber längst verschwunden und durch ein neues stattliches Haus ersetzt worden ist. Dort mit dem sinkenden Abende anlangend, wurde zur Nachtrast eingekehrt, um dann am darauf folgenden Morgen bei guter Zeit das Reiseziel zu erreichen. Ein beschwerlicher, jetzt längst nicht mehr befahrener Zickzackweg führte tief und immer tiefer vom steilen Abhange des Gebirgskammes, über den die alte Riesenschlange des Rennsteigs sich Tagereisen lang hingeringelt, tief hinab in den Thalkessel von Suhl, wo ein einzeln gelegenes Gasthausgehöft: »Zum fröhlichen Mann«, die Reisenden einlud. Und wer mit Schiff und Geschirr auf diesem Wege nicht gestürzt war und Hals und Beine gebrochen hatte, konnte allerdings auch ein fröhlicher Mann sein. Der heutige Thüringerwaldreisende hat gar keine Ahnung mehr von den Gebirgswegen, wie dieselben früher waren. Jetzt fährt man auf herrlichster Hochstraße von Oberhof nach Zella nieder – über den fröhlichen Mann führten kaum noch Waldwege, und die reisende Welt berührt ihn selten.

Bald war Zella, bald auch Mehlis mit seinem dampfenden und pochenden Eisenhammer und der sprühenden Schmelze durchrollt; die Lichtenau kam rasch abwärts geflossen, das muntere silberblitzende Bergflüßchen, als wollte sie sich zur Geleiterin und Wegweiserin anbieten. Durch ein duftfrisches wundervoll grünendes, zu beiden Seiten mit dichtem Laubwald bewachsenes Thal zog der Weg, und endlich zeigte sich das ersehnte Benshausen, das Reiseziel den Augen, und höher klopften die Herzen.

Am Gasthaus ward angehalten, das Pferd in Obhut gegeben, das Wägelein eingestellt. Völlig waren die Reisenden noch immer nicht am Ziele. Man mußte noch durch den ziemlich langen häuserreichen Ort wandern, durch den mitten hindurch das Thalflüßchen einen seiner Arme ganz traulich rinnen ließ, welcher sich ein Bette, das zugleich an vielen Stellen Weg war, nicht gar zu bescheiden schmal, sondern möglichst breit, aber flach, selbst geschaffen hatte. Tiro freute sich ausnehmend des gastlichen Flüßchens und badete sich in ihm nach Herzenslust, trieb mit den Stammgästen desselben, schnatternden Enten und Gänsen neckisches Spiel, und brachte sie zu wilder Flucht, hatte aber auch dagegen Kämpfe mit ihn feindlich bedrohenden Dorfhunden tapfer zu bestehen, und mehr als ein Pfiff und Ruf seines Herrn war nöthig, den vierfüßigen Begleiter daran zu erinnern, daß sogar für einen solchen Ruhe, will sagen: Ruhe halten, die erste Bürgerpflicht sei.

Die Reisenden hatten geglaubt, der Hammer, der zu Sophiens Aelternhaus gehörte, werde thalauswärts liegen, allein sie waren eines solchen Gebäudes nicht ansichtig geworden, und waren auf Befragen beschieden worden, daß sie noch eine kleine Strecke thalabwärts, links am Berge, das bezeichnete Haus finden würden, worauf sie denn, aus dem Orte endlich tretend, sogleich jenes von Kohlendampf geschwärzte Gebäude erblickten, und den pochenden Pulsschlag des schönen Wiesenthales der Lichtenau näher und näher vernahmen, bis sie das Wasserrauschen des gewaltigen Schaufelrades hörten, das den gewichtigen Hammer in Bewegung setzte.

Auf einer nahen Wiese rechte ein ländlich hübsch gekleidetes Mädchen in Gesellschaft anderer sehr fleißig Grummet, und bald erkannten die klaren Augen beider Reisenden die Jungfrau Sophie. Der junge Vetter schlich sich leise hinter sein Bäschen und hielt ihr plötzlich die Augen zu; Sophie kreischte, die anderen Mädchen kreischten, Tiro schlug an, es war eine lustige ländliche Scene. Sophie sollte rathen, wer sie umfangen und zugleich geblendet halte, und rieth nun eine Menge Namen ihrer Bekannten des Ortes und der Nachbarschaft, bei deren Anhören es Gottfried fast überlief, weil ihm dieser Bekannten viel zu viele dünkten, bis endlich Christian, auf den sie doch nicht rieth, sie losließ und in die Arme preßte, darüber sie noch mehr erschrak, denn in den unterdeß verflossenen Jahren war Christian entwickelt, voll und männlich geworden, doch waren seine in die Verwandtschaft fallenden Züge zu kenntlich, um lange in Zweifel darüber zu bleiben, daß er zu seinem Thun eine freundvetterliche Berechtigung habe. Jetzt erst, nachdem sich Christian die ihm gebührenden Willkommenküsse von den süßen Lippen gepflückt, sah Sophie noch einen Mann, einen schmucken beschnurrbarteten Jäger vor sich stehen, erkannte ihn nicht alsbald, dann wurde sie von hoher Gluth überlodert, blickte verwirrt zur Erde, und duldete es sittig verschämt, daß auch Leonhard einen herzhaften Kuß auf ihre Lippen preßte. Mächtig bewegte ein bräutliches Gefühl das gute Mädchen. So war er denn da, der so lange treu und still Geliebte, war treu, und hatte gewiß nicht ohne ernste Absicht die weite Reise zu ihr gemacht.

Der Sophien entfallene Grasrechen blieb ruhig liegen, sie führte die Geliebten dem Aelternhause zu, und verkündete zugleich mit lieblichem Erröthen, daß die Mutter nicht zu sprechen sei, weil – weil – sie vor wenigen Tagen ihr noch ein munteres und kräftiges Brüderchen geschenkt habe. Der Vater aber werde sich herzlich freuen, sie wolle ihn gleich rufen. Damit enteilte Sophie in das Haus.

»Gieb Acht! da wirst Du Gevatter, mein Herzens Christian!« lachte Gottfried. »Ich aber komme ungelegen, werde darüber verlegen, und –«

»Wo denkst Du hin, Gottfried?« widerlegte Christian. »Wir kommen ja gerade recht zur Kindtaufe. Es wird Freude sein im Israel, und es kann, obschon wir keine verlorenen Söhne sind, immerhin ein Kalb geschlachtet werden, ja es sollte mich wundern, wäre dieß nicht schon geschehen, denn was mir bei uns das Bäschen erzählt hat von den Gebräuchen ihrer thüringischen Heimath, läßt auf große Kindtauffeierlichkeiten auch hier schließen, wenn Gott giebt, daß alles nach Wunsche geht.«

Jetzt trat Sophie mit ihrem Vater und einer Anzahl jüngerer Geschwister aus dem Hause, und die Ankömmlinge wurden mit Herzlichkeit willkommen geheißen. Der Vater Sophiens war ein kernhafter Mann, stattlichen Ansehens, und hatte den Typus des Harz- und des Thüringer-Wäldler Volksschlages glücklich in sich vereinigt, doch war derselbe von ziemlich ernstem Wesen, und mehr trocken, als zu Scherz- und Neckelust geneigt.

Gottfried Leonhard wurde nun von dem jungen Neffen, nach dem alle verwandtschaftlichen Grüße ausgerichtet und alle Berichte über das Befinden werther Personen zu Helmstädt wie zu Wernigerode mitgetheilt waren, als ein langjähriger Freund Christians vorgestellt, der sich schon dem Knaben Christian freundlich und gütig erzeigt, jetzt aber auf der Reise sich ganz besondere Verdienste um den angehenden Studiosus erworben habe, und daß Herr Leonhard auch Sophiechens Bekanntschaft bereits zu Helmstädt gemacht, war leicht abzusehen. Der Besuch wurde nun in das Haus geführt, durch Sophiens wirthlichen Eifer ein Imbis herbeigeschasst, und die Unterhaltung kam durch Fragen und Berichte bald in besten Gang.

Gottfried Leonhard war nun während seines mehrtägigen Aufenthaltes in Benshausen der tägliche Gast im Aelternhause seines jungen Freundes. Sophie war mit dem sprechend ähnlichen Bilde des Geliebten von ihm selbst gemalt, auf das höchste überrascht und erfreut worden, und barg es vor den Augen aller Welt heimlich im stillen Kämmerlein. Kein kritelnder Hohn traf dieses zweite Gemälde.

Ein öffentliches und ein Familienfest fielen in diesem Herbst zusammen. Es war die stets hochgehaltene Kirchweihe des Ortes und an deren Haupttage die Taufe des jungen Weltbürgers, dem es später beschieden war, hinlänglich die Welt zu sehen, die Becher der Noth und der Sorge, die Becher der Lust und der Freude zu kosten und zu leeren, und mehr zu erfahren, als mancher kritische Dünkelmann, der mit anmaßender Einseitigkeit jenes bewegte Leben und dessen erfolgte harmlose Schilderung angeschnüffelt hat.

Am Tage dieses Doppelfestes war es nun, daß, nachdem der Zug aus der entlegenen Kirche wieder auf den heute feiernden Hammer zurückgekehrt war, welcher Zug aus dem Täufling und der diesen tragenden Hebamme, den erkorenen Pathen und Pathinnen, unter denen allerdings Christian war, dem Kindesvater, den jüngeren Geschwistern und mehreren Angehörigen des Hauses bestand – Herr Gottfried Leonhard Anlaß nahm, vor Sophiens Vater und Mutter hinzutreten, und feierlich um die Hand ihrer Tochter anzuhalten. Beide Aeltern, ohnehin in christlich frommer, feierlich bewegter Stimmung, wurden noch bewegter; es ist ja ein solcher Augenblick so folgenschwer, so überaus wichtig, Aeltern sollen nach dem Gebote der sittlichen Weltordnung ein mit Mühe und Sorgen ausgezogenes, geliebtes Kind von sich scheiden sehen; dieses Kind solle dem Manne folgen, anders wird sich nun das Leben des Hauses gestalten, enger wird der bisherige Kreis, und einer verhüllten, unbestimmten Zukunft geht die geliebte Tochter entgegen.

Besonnen erwiederte Sophiens Vater: »Ihr Antrag, Herr Leonhard, muß uns ganz ehrenwerth erscheinen, doch fühlen Sie selbst, daß derselbe zu wichtig ist, um nicht zuvor der reiflichen Ueberlegung von unserer Seite zu bedürfen, wenn wir auch voraussetzen müssen, daß Ihrerseits diese reifliche Ueberlegung dem Entschlusse, um die Hand unserer Tochter Sophie anzuhalten, vorausgegangen sein wird. Sie lernten Sophien in Helmstädt, als sie dort zum Besuche war, kennen und lieben, Ihre Liebe fand Erwiederung; Sie blieben Sophien treu, und wollen sich mit ihr verheirathen. Sind Sie aber auch des Sprüchleins eingedenk gewesen:

                   

Ach, wie viele Gaben
Will der Hausstand haben?«

»Man lebt in der Ehe nicht von Luft und Liebe, mit einem Worte, Herr Leonhard, worauf wollen Sie Ihren Hausstand begründen. Sie sind Forstmann, wie ich hörte und wie Ihre Kleidung darthut, aber in welcher Lage eines solchen? Sind Sie Jägerbursche oder etwas mehr?«

Leonhard lächelte, und zog ein Papier aus der Brusttasche seines grünen Forstrockes, das er dem Sprechenden hinreichte, dieser entfaltete dasselbe, es war ein Patent, mit dem Herzoglichen Braunschweigischen Ministerialsiegel untersiegelt, und des Inhaltes, daß der von Gottes Gnaden regierende souveraine Herzog zu Braunschweig und Lüneburg etc. etc. Carl Wilhelm Ferdinand den Gottfried Leonhard, gebürtig aus Helmstädt, wegen besonders geleisteter ausgezeichneter Dienste in dem Feldzuge von 1793 und 1794, sowie wegen als gewesener Büchsenspanner und Leibjäger bei des Herzogs höchster Person an Tag gelegter besonderer Treue und Anhänglichkeit und Kraft gegenwärtigen Decretes zum Herzoglichen reitenden Förster ernenne, und demselben in höchsten Gnaden und zum Zeichen besonderer Zufriedenheit die erledigte Forstei zu Neustadt unter der Harzburg verleihe. Ein sehr anständiger Gehalt mit Inbegriff zahlreicher damals üblicher sogenannter Emolumente oder Dienstnutzungen, die bei Forsteien bezüglich des Holzes und Wildes äußerst ergiebig waren, war zugleich mit ausgesprochen, und das in aller Form ausgestellte Anstellungsdecret vom regierenden Herzoge höchsteigenhändig selbst unterzeichnet. Das war nun freilich ein Gewicht in die Wagschale von Leonhards und Sophiens Hoffnungen – die Aeltern zogen sich zur Berathung unter sich und mit der Tochter zurück, und am Abende war Sophie eine glückliche Braut, von welchem neuen freudigen Ereigniß im Hammer die Kunde bald genug durch den Ort und über alle wimmelnden Tanzplätze flog, denn da wurde getanzt von drei bis vier verschiedenen Reigen-Genossenschaften, an eben so viel verschiedenen Plätzen, ebenso viele Tage lang, und die Kirmesfreude juchheite von einem Ende des langgestreckten Waldortes bis zum andern! Da auch Sophie zu einer der vereinten Tanzgesellschaften Einladung erhalten hatte, so war ihr der Stolz und die Freude wohl zu gönnen, mit dem sie, Glück im strahlenden Auge, am Arme ihres Bräutigams in den Reigen trat, wo sie von einer ganzen Schaar glückwünschender Freundinnen alsbald sich umringt sah.

Es wurden indessen nur einige Ehrentänze des beglückten Brautpaares auf öffentlichem Platze ausgeführt, dann wieder nach dem Hammer gezogen, um dort festlich froh den Abend zu verbringen im Kreise der zahlreich geladenen Kindtaufgäste. Auch dort fehlte zum Schlusse der Tanz nicht, ein Klavier war vorhanden, freilich kein Wiener Flügel, eine Violine hing an der Wand, eine Zither nicht minder, bald fanden sich musikalische Kräfte, und an tanzenden Paaren fehlte es nicht, zumal ja auch in dem Vetter aus Helmstädt ein heiterer und bald gefeierter Mittänzer dem frohen Kreise gewonnen war.

Am andern Tage wurde eine Nachfeier des Kindtauf- und Kirchweihefestes gehalten, wobei es abermals an keinerlei angenehmer Leibesnahrung und Nothdurft fehlte, und im gemüthlichheitern Kreise theilnehmender, trinkender und rauchender oder vielen Kuchen essender Zuhörerschaft wurde dem Bräutigam willkommene Gelegenheit, über sich selbst manche Mittheilung zu machen, denn allen lag daran, etwas von den Erlebnissen des Mannes zu erfahren, der, ein Fremder, das Band naher Verwandtschaft hier anknüpfen wollte.

Gottfried konnte rasch über seine erste Jugendzeit hinweggehen, doch ließ er nicht unerwähnt, daß der berühmte Professor, dessen Famulus sein Vater sei, ungeheuere Reichthümer besitze, was Christian nach bestem Wissen bestätigte. Auch mit seinem, ihm bisher nicht sonderlich lieben Vornamen söhnte Förster Leonhard hier sich aus, denn der am Tage zuvor getaufte jüngste Sohn des Hauses hatte von einem sehr ehrenwerthen Pathen sogar den alttestamentlichen Namen Daniel empfangen, und in der Gesellschaft war mehr als ein Matthias, Tobias, Elias und Jeremias anwesend, die alle mit ihren veralteten Taufnamen ganz wohl zufrieden waren.

Mit Vorliebe verweilte um so länger Leonhard bei der Schilderung seiner soldatischen Erlebnisse.

»Ja, unter unserm »Alten, wie wir alle unsern herrlichen Herzog Carl nennen,« erzählte Leonhard: »da war gut Soldat zu sein; Schade, daß ich nicht früher unter ihm gestanden habe und stehen konnte, wie er an der Spitze der tapfern Preußen und Braunschweiger die Holländer klopfte, und dem Hause Nassau-Oranien den Thron festete. Unser gnädigster Herr war der glänzende Mittelpunkt der damaligen Politik, um sein verehrtes Haupt strahlte der Glanz des Kriegerruhmes, und alles, vorzüglich aber der aus Frankreich geflüchtete Adel erblickte in ihm den Retter und Helfer, der ihn wieder nach seinem geliebten Kanaan zurückführen sollte, aus dem der Sturm der französischen Revolution ihn weggeweht hatte, wie welke Blätter. Unser Herr erließ sein gewaltiges Kriegsmanifest, das vielen so übel gefiel, die da sagten, ein Franzose habe es entworfen; unser Herzog habe es mißbilligt, zerrissen, verworfen, ein elendes einfältiges Machwerk genannt, und hinterdrein sei er doch gezwungen worden, dasselbe zu unterzeichnen. Das sind ein halbes Dutzend Lügen in einem Athem, denn unser Alter ist nicht der Mann, der etwas unterzeichnet, was er aus innerster Ueberzeugung für schlecht hält, und kein ehrlicher Fürst wird sich soweit erniedrigen – und wieder ist er nicht der Mann, der sich zwingen läßt, etwas zu unterschreiben, was er verwirft, folglich für nicht vereinbar mit seiner Fürstenehre hält. Das Manifest war gut und kräftig, und daß es den Herren Franzosen und ihrem revolutionären Anhang in Deutschland, den politischen Affen Frankreichs, nicht gefiel, war ja ganz natürlich und völlig in der Ordnung, es war ja gar nicht dazu gemacht, diesen zu gefallen. Hätte ein besserer Erfolg dasselbe gekrönt, so würde man es als ein unsterbliches Werk deutschen Heroismus preisen, denn nicht nach dem Wollen, sondern nach dem Erfolg werden die Handlungen geschichtlicher Helden bemessen und beurtheilt.«

»Viele tausende eilten zu den Waffen, ließen sich freudig anwerben, oder nahmen freiwillig Dienste, und es war keine verächtliche Armee, die jetzt gegen das aufwieglerische Frankreich zog, es war ein Heer von Einhundertundfünfunddreißigtausend Mann, das sich siegreich den Weg nach dem Herzen Frankreichs bahnte. Ich stand unter einer Compagnie braunschweigischer Scharfschützen. Wir hatten schon Longvy hinter uns, hatten Verdun genommen, und gingen in drei Colonnen über die Maas. Unser Alter befehligte das Centrum, General Clairfait befehligte den rechten Flügel unseres Heeres, Prinz Hohenlohe den linken. Wir hatten im General Dumouriez einen eben so tapfern als umsichtigen Gegner, der uns eine Zeit lang auswich, endlich aber am zwanzigsten September zweiundneunzig Stand hielt, und leider – uns schlug. Unser Alter hätte zwar dem französischen Heere wol noch die Spitze bieten können, allein er wollte nicht ohne Noth Mannschaften opfern, und gestattete den Rückzug, auf dem es uns erbärmlich genug ergangen ist. Im nächsten Feldzuge ging es gegen Carnot, und zwar Anfangs, wie das vorigemal, wieder mit Glück, zuletzt mit Unglück. Die Franzosen hatten eine neue Taktik ausgedacht, welche gegen die frühere, die noch im siebenjährige Kriege als das höchste galt, nicht aufkam. Indessen soll niemand sagen, daß unser Herr unrühmlich gekämpft habe.«

»Die blutigen Tage bei Kaiserslautern vom achtundzwanzigsten bis dreißigsten November geben davon Zeugniß. Da ging es hart her, oft Mann gegen Mann, unser Alter immer im dicksten Gefecht, nur seine Leibschützen um ihn her. Mit unseren Leibern deckten wir ihn. »Da diesen Hieb,« – hier zeigte der Erzähler auf seine Narbe: – »fing ich auf für unsern Herzog Carl, ihm galt er; der ihn führte, führt keinen wieder. Der Alte rief mir noch zu, als meine Sinne sich verdunkelten, und ich einem Kameraden in die Arme sank: Schütze Leonhard! Das soll Dir vergolten werden! Und fort stürmte die Schlacht. Das war am Abende des dreißigsten. Jetzt endlich gaben die Franzosen Fersengeld – sie retirirten auf Homburg los und auf Zweibrücken. Ja wol – zwei Brücken brauchten sie, um über den Blutstrom zu kommen. Siebentausend Mann von der französischen Armee waren tod oder gefangen. Wir Deutsche zählten dreizehnhundert Mann Gebliebene. Kein General hatte so tapfer gefochten, solche Proben des Muthes gegeben, wie unser Alter. Aber es waren für ihn keine Lorbeeren mehr zu erringen. Das Reich war uneins, wie immer Oesterreich traute Preußen nicht, und Preußen traute Oesterreich nicht – die alte Geschichte. Unsere Officiere waren auch gegeneinander wie Hund und Katze, keiner gönnte dem anderen eine Auszeichnung. Der Alte bekam es satt. Alle Tage ließ er sich nach mir im Feldlazareth erkundigen; als ich wieder sehen konnte und reden, kam er selbst, und sagte: Leonhard! Du bist nicht mehr Soldat, Du bist mein Büchsenspanner. Wir gehen nach Braunschweig zurück.«

»Nachher bin ich nicht viel von des alten Herrn Seite gekommen, hab' ihm treulich gedient Tag und Nacht, war sein Kammerdiener, sein Jäger, sein Curier, was ich ihm nur an den Augen absehen konnte, das that ich. Neben seinem Schlafzimmer mußte mein Bette stehen. Mußt' ihm oft vorlesen, Geschichten von berühmten Helden und großen Schlachten. Oft kam er selbst auf meine Stube, und wenn er manchmal gegen andere grillig und grämlich war, was er auch Ursache hatte, denn sein fürstliches Leben war nicht ohne Wermuth, gegen mich war er immer freundlich und gnädig. Einmal kam er auch und sah mich an meinem Bilde malen, und wunderte sich, daß ich malen konnte, und fragte, für wen das Bild bestimmt sei? Da sagt' ich's ihm offen, daß ich seit Jahren eine Geliebte habe, mit der mich zu verbinden, der größte Wunsch meines Lebens sei. Da machte der Alte ein trübes Gesicht und sagte: Ja ja – so geht's! Auch Du verlässest mich, und ich darf Dein Glück nicht hindern. Sage mir, was ich für dich thun kann, sag' es nur gerade heraus.«

»Eure Durchlaucht, gnädigster Herzog und Herr – antwortete ich, und faßte mir ein Herz: »Wenn ich unterthänigst bitten dürfte: Eine Försterstelle!« –

»Topp! Sollst sie haben, mein Junge! sagte der Alte. Die erste, die in meinem Lande aufgeht. Sollst sehen, daß ich Verdienst zu belohnen weiß.«

»Und nicht lange, so fügte es der Himmel, daß eine Veränderung entstand, daß der bisherige Förster zu Neustadt versetzt werden mußte, und so erhielt ich seine Stelle. Noch habe ich sie nicht angetreten, noch wollte ich mich zuvor umthun nach einer Frau Försterin – jetzt aber reise ich hin, ordne alles, und komme und hole mein Sophiechen aus dem schönen Thüringerwald in den schönen Harzwald.«

s Mit Theilnahme lauschte der Zuhörerkreis der Rede Leonhards. Allen gefiel der ernste, stattlich aussehende hübsche Mann, der mit der in sich selbst sichern Haltung des Kriegers den feinen ungezwungenen Anstand des Sohnes der fernhin treffenden Artemis verband.

 


 

 << Kapitel 10  Kapitel 12 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.