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Die Geheimnisse eines Wundermannes. Zweiter Theil

Ludwig Bechstein: Die Geheimnisse eines Wundermannes. Zweiter Theil - Kapitel 10
Quellenangabe
authorLudwig Bechstein
titleDie Geheimnisse eines Wundermannes. Zweiter Theil
publisherW. Einhorn's Verlag/C. A. Hartleben
year1856
correctorreuters@abc.de
senderHerbert Niephaus
created20180917
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9.
Gefahr und Rettung.

Der erzählende Professor schien so recht mit heimlicher Freude den Faden seiner Erzählung endlos, wie einen Telegraphendraht, ins Weite fortzuspinnen, gerade weil er wußte, daß seine Zuhörer gespannt waren, nicht auf den Draht, sondern auf die wichtigen geheimen Depeschen, die mittelst desselben zu ihnen gelangen sollten, denn der Mensch ist von Natur neugierig. Und nun wollte immer noch nichts vom Golde kommen. Es war aber gleichwol nichts zu thun, als in Geduld zuzuhören, und der Erzähler fuhr fort: »Als der Waisenvater das Blatt aufmerksam gelesen, überflog sein Blick die Gestalt des Alten, wie prüfend, und es glitt ein Lächeln über seine Züge. Mit einer kaum merklichen Verneigung gab er das Blatt dem Eigenthümer zurück, und sprach: Des Herrn Taufzeugniß ist sehr jung, in der That, sehr jung, doch verzeiht meinen vorhinnigen Zweifel, ich sehe nun, daß Ihr ein getaufter Jude seid!«

»Und warum nicht Christ? Warum sagt Ihr nicht: ein Christ? Warum nur getaufter Jude? fragte Jesse scharf und fast zornig. Wol ist dieser Schein jung, er ist alt erst zwölf Jahre und ich bin alt neunundsechzig Jahre, doch bin ich ein Christ, bin theuer erkauft und niemand soll sagen, daß ich ein Jude sei.«

»Schon gut, Ehren Jesse, schon gut – und vergebt mir – es war nur so eine übliche Redensart, die mir unbedacht entfuhr, versetzte der Waisenvater. Die Leute halten Euch nun einmal noch für einen Hebräer, in ihrer Einfalt, ja, in ihrer Einfalt, und nun, um wieder auf Euer Anliegen zu kommen, ist also Euer Begehr, einen jungen Knaben von uns in Euer Haus aufzunehmen, denselben in Ehren als einen Diener zu gebrauchen, dagegen für ihn zu sorgen in Kleidung und Unterhalt, ihn christlich wol zu halten, dem öffentlichen Gottesdienst, auch seiner Confirmation zu ihrer Zeit und dem Genuß der heiligen Sakramente nicht zu entziehen, ihm vom fünfzehnten Jahre an verhältnißmäßigen, angemessenen Lohn zu verabreichen, und Euch für dieses alles schriftlich zu verbriefen und zu verbürgen? – Herr Benjamin Jesse wurde bei dieser pflichtgebotenen Weitschweifigkeit so ungeduldig, wie einige meiner höchstverehrten Zuhörer – ich wage nicht auch Zuhörerinnen zu sagen, und antwortete hastig: So will ich, so will ich, alles nach Recht, Gesetz und Vorschrift! – denn sein Herz verlangte mit Ungestüm nach dem Knaben Benjamin.«

»Wolan denn, erwiederte nun der Waisenvater: so werde ich Euch, Ehren Jesse, einen frommen und gutgearteten Knaben vorstellen, dessen Ihr in Zucht und Ehren Euch als eines Dieners bedienen möget, nachdem Ihr in einem bündigen Revers die Bedingungen unseres Hauses unterzeichnet habt, welches Euch eine älternlose Waise, bedenkt und behaltet das wol im Gedächtniß, Ehren Jesse, was ich sage: eine älternlose Waise anvertraut. Dieser Knabe heißt Heinrich –«

»Nicht Heinrich, nicht Heinrich! fiel Jesse rasch und hastig jenem in die Rede. Benjamin heißt mein Knabe!« –

»Ei und woher wißt Ihr, Ehren Jesse, daß wir einen Knaben dieses Namens haben? Und ist dem so, wißt Ihr, ob wir ihn entlassen wollen? Ob die Reihenfolge erlaubt, ihn schon jetzt aus dem Hause zu geben? fragte der Waisenvater verwundert.«

»Da wurde Herr Benjamin Jesse noch ungeduldiger, als er ohnedieß war, und erwiederte mit einer gewissen plappernden Hast, die den vormaligen Juden zu Tage treten ließ auch in der mit Mühe abgewöhnten Redeweise: »Und was kann hindern die Reihenfolge, wenn ich haben will einen Knaben, den ich werth halte meines Vertrauens? Benjamin, der Ehrenknabe von gestern, soll es doch sein, und kein anderer! Die Reihenfolge mögt Ihr anwenden, wenn Ihr Töchter zu verheirathen habt, wie Lea und Rahel, oder wenn Ihr im Rathe sitzt, mögt Ihr abwarten den Tod eines Vormannes, um zu rücken auf dessen Stuhl – hier aber ist freie Wahl, muß freie Wahl sein! Den Knaben, den ich meine, oder keinen. Ich mache sein Glück, darauf verlaßt Euch, mein Sohn soll er sein, nicht mein Diener. Ich denke dem Waisenhaus noch andere fünfhundert Mark zu, und werde mich auch gegen Euer Wohlehren sonderlich erkenntlich zeigen.«

»Letzteres waren gewichtige Gründe, Gewichte gleichsam in die eine Waagschaale der Ueberlegung. Die frömmsten Menschen und die edelsten Anstalten bedürfen der Mittel für ihre Zwecke, deshalb nennt die tiefsinnige deutsche Sprache Geld, Vermögen, Wohlhabenheit mit demselben Worte: Mittel. Ich werde über den Gedankenreichthum in der deutschen Sprache im nächsten Semester ein Collegium lesen. Es ist dieß ein unversiegbarer Reichthum und unerschöpflicher Schatz, der uns bleibt, wenn wir auch außerdem bettelarm gemacht werden, und es ist nur Schade, daß sich dieser Schatz, den wir besitzen, nicht in Mittelmehl verwandeln und Brod daraus backen läßt, doch von dieser hausbackenen Abschweifung wieder zur Sache. Der Waisenvater schellte dem Diener, und gebot diesem, als er eintrat, Benjamin zu rufen, der in der Anstalt keinen andern Namen hatte, und des Knaben Kleider und sonstiges kleines Besitzthum in ein Bündelein zu packen. Das baare Geld blieb bis nach erfolgter Confirmation der Sparkasse der Anstalt. – Darauf trat er zu einem großen Buche, schlug darin nach, und las dem alten Herrn vor: Benjamin, ein Findling. Wurde in das Haus der Wohlthaten gebracht als ein zarter Säugling und barmherziglich verpflegt. Kein Merkmal oder Zeichen deutete auf eine Kunde von seiner Herkunft oder Abstammung, und da man nicht wissen können, ob er das Bad der heiligen Taufe empfangen oder nicht, so wurde derselbige getauft, und der Name Benjamin ihm beigelegt; Gott der Allmächtige nehme auch dieses Kind in seinen väterlichen Schutz. Amen.«

»Der Knabe trat ein; er erkannte gleich den alten Herrn von gestern, und als ihm nun eröffnet wurde, daß er aus der Anstalt scheiden solle, die bisher seine kleine Welt gewesen, in der er bisher seine ganze Jugend, wenn auch nicht glücklich, doch sorgenlos vollbracht, so brach er in lautes Weinen aus, und scheute sich, dem ernsten Manne die Hand zu geben. Gegen offenbare Weigerung aber war er schon zu sehr an blinden Gehorsam gewöhnt. Dem Greis schnitt es in das Herz, als er sahe, daß das Kind ihm mißtraute, doch gab er dem Knaben liebevolle Worte. Der Diener brachte das kleine Gepäck, Jesse unterschrieb den ihm vorgelegten Revers, empfing ein Dupplicat desselben und der Abschied wurde sehr kurz gemacht. Der kleine Benjamin küßte schluchzend und dankend des Waisenvaters Hände, der es nicht an ernsten und wohlgemeinten Ermahnungen fehlen ließ, bat alle Lehrer zu grüßen, wie auch seine Jugendgenossen, nahm dann sein Bündlein in die eine Hand, legte die andere in die des neuen Pflegers, in welche er diesem feierlich Gehorsam angelobte, und bald darauf schloß sich mit der hinter beiden zufallenden Pforte des Orphanotropiums der erste Abschnitt seines Lebens ab.«

»Herr Benjamin Jesse ging seinen gewohnten raschen Schritt im murmelnden Selbstgespräche und redete, in seinen Gedanken wandelnd, kein Wort mit dem Kleinen, was diesen natürlich nicht ermuthigte, vielmehr ängstigte, und so sah der Knabe mit kindischem Bangen seiner nächsten Zukunft entgegen. Als nun zumal in einer entlegenen Straße sein Führer vor einem uralten steinernen Hause, zu dessen Thüre hohe Stufen emporführten, stille stand, anklopfte und eine metallene Thüre wie von selbst aufsprang, als eiskalter Luftzug von der kellerartigen gewölbten Flur entgegenströmte, und die Thüre sich wie von selbst auch wieder dröhnend schloß, da übergoß ein Furchtschauer den armen Knaben Benjamin, und er grüßte mit thränenvollen Augen den Ort seiner neuen Bestimmung.«

Bei diesen letzten Worten wurde der Erzähler unterbrochen durch die Nachricht, die ein Diener des Hauses brachte, daß ein Bote drausen harre, welcher den Professor zu einem Kranken auf dem Lande eilend berufen sollte, worauf dieser alsbald sein Hütlein ergriff, und mit den freundlich gesprochenen Worten: »Also, wenn Sie gütigst erlauben, und wenn meine Erzählung nicht langweilt, die Fortsetzung ein anderes Mal!« sich gegen seine Zuhörer, dann mit kurzen Worten des Dankes gegen die Gastgeber verneigte, und das Zimmer rasch verließ.

In die Gesellschaft kam nun eine eigenthümliche Bewegung. Die durch die Erzählung so lange gefesselten Zungen freuten sich der Erlösung vom auferlegten Banne des schweigens, fast alle Anwesenden sprachen zugleich, und alle sprachen über den Professor und seine Erzählung. Die Bemerkungen fielen so dicht, daß es ganz unmöglich gewesen wäre, aufzufassen und zu behalten, wer sie machte.

»Die Erzählung unseres Wundermannes hat eine etwas längliche Anlage!« spottete ein geistreicher Herr, der ein Feind des langen Perioden-Baues war.

»Nach diesem Eingange konnten wir auf volle zwei Stunden und darüber Erzählung rechnen, was recht hübsch gewesen wäre!« warf eine Dame hin. »Der Herr Professor erzählt doch wahrlich wie ein Buch« – bestätigte eine ältliche Frau, die ebenfalls sehr gerne lange Geschichten hörte oder las; und welcher Siegwart, eine Klostergeschichte, oder auch Grandisson als Ideale bestunterhaltender Schriften galten.

»Der Professor verdient auch deshalb keinen Tadel«, nahm, ein anderer Herr den Erzähler in Schutz: »weil er schon damals, als er im Gespräche jenes Benjamin Jesse erwähnte, uns gleich sagte, die Geschichte sei ein kleiner Roman. Deshalb wählte er die romantische Färbung, den in epischer Breite sich ergehenden Erzählungston.«

»Ich dachte, es würde die Rede vom Goldmachen sein,« ließ ein Fräulein sich vernehmen.

»Das kommt noch nach, Verehrteste!« erwiederte auf diese Aeußerung der mit anwesende Bergrath von Crell. »Ich kenne aus älteren alchymistischen Schriften schon längst diesen Jesse, allein in keiner Weise mit solchen Einzelnheiten und so sicher dargestellt, und daher erschien selbst mir alles uns erzählte neu, überraschend und auf den Weiterverlauf spannend.«

»»Nun fragt sich««, begann ein anderer Herr: »ob unser verehrter Freund seine Phantasie dabei walten läßt, wie wir nicht selten bei seinen Mittheilungen gewahren, oder ob er persönlich den betreffenden Personen auf seinem Lebenswege näher getreten ist?«

»»Darauf können wir uns sicherlich verlassen!«« versetzte wieder ein anderer Sprecher: »daß er selbst in dieser Geschichte noch eine Rolle spielen wird, sonst würde er auf keinen Fall die Anlage so sehr in die Breite gezogen haben.«

»»Ist es doch«« – bemerkte eine scharfsinnige Frau: »als ob er in dem alten Herrn Jesse das Bild eines Wundermannes vor Augen zu stellen sich mühte, wie er selbst einer zu sein sich rühmen kann. Er führt uns in die Sphäre des geheimnißvollen, düstern, er überrieselt uns mit leisen angenehmen Schauern, und es ist Schade, daß er gerade da abbrechen mußte, wo nun das eigentliche Interesse beginnt, denn ich denke mir doch, daß erst der Knabe Benjamin der Mittelpunkt dieser Erzählung werden wird. Wer weiß wann wir wieder so wie heute beisammen sind, daß wir Fortsetzung und Schluß mit demselben Antheile hören!« –

Einige der Zuhörer waren aufrichtig genug, zu verstehen zu geben, daß sie auf den Schluß nicht neugierig seien, da die Erzählung sie von vorn herein ermüdet habe, und hatten allerlei daran auszusetzen, wie sich denn nur zu gern der kritische Geist vorzugsweise verneinend äußert, so daß selbst allmählich im sprachlichen Begriffe das Wort Kritik mehr das zersetzende und tadelnde Urtheil, als das lobende und anerkennende ausdrückt.

 


 

Jene Reisenden, Gottfried Leonhard und Christian erreichten Frankenhausen mit dem Pferde und dem übel zugerichteten Tiro, in keineswegs heiterer Stimmung, vielmehr in besorglicher und unangenehmer. Das arme Thier vermochte sich kaum fortzuschleppen, und Leonhard legte den Hund auf den Rücken des Pferdes, wobei er denselben, der fort und fort winselte, und seinen Herrn aus den treuen Augen wehmüthig, ja fast herzbrechend anblickte, beständig halten mußte, und so war der mißmuthige Ernst gerechtfertigt, mit dem die Reisenden in Frankenhausen eintrafen, während der Anblick des seltsamen Zuges, den es gewährte, einen großen Hund auf einem Pferde, und dieses von dem besporntem Reiter geführt zu sehen, höchst komisch und Lachen erregend wirkte, und einen Schweif der Straßenjugend ansammelte, der immer größer wurde, Leute an die Fenster lockte, und überall die größte Heiterkeit hervorrief, wodurch Leonhards üble Stimmung immer mehr gesteigert wurde. Der jugendliche Begleiter legte zwar jede Theilnahme an den Tag, sah sich aber doch mitgetroffen von dem augenblicklichen Fluche der Lächerlichkeit und fluchte daher in jungstudentischer Weise etwas von gottverdammten Philistern und vom vermaledeiten Rattennest, was indessen an der Hauptsache nicht das mindeste änderte. Zum Glück ist Frankenhausen nicht groß, seine Straßen sind nicht lang, bald war der Markt und mit ihm ein wohlversehenes Gasthaus, das die seltsam erscheinende kleine Caravane in seinen Schutz und Schirm nahm, erreicht.

Leonhard sandte sogleich nach einem Thierarzte; dieser kam, untersuchte Tiro, fand keine wichtige Verletzung, nur Luxation einiger Gelenkbänder, verordnete ein kühlendes Mittel, eine Salbe zum einreiben, und erklärte, daß der Hund einige Tage lang ruhen müsse. Wenn er laufe, so werde er stets lahm bleiben. Fahren werde ihm nicht schaden, wenn er in einem Wagen recht weich gebettet liege.

Da nun Leonhard der Hund überaus werth war, wie jedem rechten Jäger der seine, wenn er etwas taugt, so faßte er einen raschen und praktischen Entschluß, praktisch deshalb, weil es auf die Länge ungemein mißlich ist, zu Zweit mit einem Pferde zu reisen, denn mit einem Pferde, und wenn es noch so sanften gemächlichen Schritt geht, Stundenlang Schritt zu halten, gleicht dem, was die Sprache der Turner einen Dauerlauf nennt, und ein Dauerlauf mag noch so angenehm sein, er wird deshalb doch nicht jedermanns Liebhaberei werden. Leonhard erkundigte sich bei dem Wirthe, ob er nicht vielleicht ein einspänniges Wägelein zum Verkaufe wisse, und der Wirth wußte nicht nur eins, sondern hatte selbst eins, und da man zu Abend ein schmackhaftes Gericht Frankenhäuser Krebse in Salzsoole gekocht, speiste, und einige Flaschen Wein dazu leerte, so machte sich der kleine Handel in einer Weise ab, die jeden Theil zufrieden stellte. Leonhards Pferd war bereits gewohnt, nicht nur als Reit- sondern auch als Zugpferd zu dienen, und so wurde die Abfahrt auf den andern Morgen festgesetzt.

Christoph Wurzer war wie besessen vom Dämon der Rache, die er Leonhard geschworen, von jenem Abende an, wo er die obschon im hohen Grade verdiente Mißhandlung durch jenen im großen Bruch erlitten, wo er gleich darauf für feindlichen Angriff einen Schuß in die Brust bekommen, von dem er nur wie durch ein Wunder geheilt, erstand. Es war ihm gelungen, nachdem er sich in jener Gegend und dann auf dem Harze noch ziemliche Zeit streunend umhergetrieben hatte, die geringe Stellung eines fürstlich Schwarzburg-Rudolstädtischen Forstläufers zu erlangen, und sein Wohnort war Rottleben, in der Nähe von Frankenhausen.

Jahre waren vergangen, jeden Fremden, dessen Stoffel irgend ansichtig wurde, hatte er lauernd betrachtet, immer und immer hoffend, einmal werde der Verhaßte ihm vor die Augen treten. Und nun, auf dem Rathsfelde, sah er den Mann geritten kommen, den sein Auge jahrelang gesucht, ein Schreck fuhr ihm durch die niederträchtige Seele – er prüfte scharf, ob er sich nicht irre – er näherte sich der Laube, in welcher die Reisenden zu dem Jäger sich gesellten, er hörte Leonhard sprechen, und war nun seiner Sache völlig gewiß, denn selbst die vom Herrn Pathen angelernten eigenthümlichen Schimpfwörter, die auf allerlei Thierschwänze sich bezogen, und von denen er damals im Bruch eine ziemliche Anzahl zu vernehmen bekommen, kehrten jetzt, auf die Franzosen in Anwendung gebracht, im Munde des bereitwilligen Erzählers wieder.

Nun wollte Wurzer wissen, wer der von ihm bis auf den Tod gehaßte Fremde sei, woher er komme, wohin er gehe? Dieß zu erfahren, schien der junge Begleiter zweckdienlich, daher das bereitwillige entgegenkommen, das dreiste sich andrängen, und dann, da er nichts vollständiges erfuhr, obschon, was er erfahren, genug war, ein wüthender Groll, eine tolle Wuth, die zum Entschlusse trieb, das eigene Leben auf das Spiel zu setzen, um ein fremdes der Jahre lang gehegten Rache zu opfern.

So begab sich Wurzer in Hast nach seinem Lauerort, so faßte er seinen Mann fest aufs Korn, so traf und schreckte ihn, im Begriffe loszudrücken, der Hund, der ihn gewittert – nach einer Weile da er sich unverfolgt sah, stand Wurzer wuthzitternd hoch am bewaldeten Bergesabhang, an einer Stelle, die freie Aussicht auf das mit seiner Saline friedlich im Thale der kleinen Wipper hingebreitete Städtchen und die Nachbarorte bot.

Da sah er Leonhard und Christian nebst ihren Thieren aus dem Walde treten, sah, wie Christian das Pferd am Zügel führte, und wie Leonhard den Hund mühsam auf den Armen trug; und er knirrschte, daß seine Kugel ihres so sicher im Visir gehaltenen Zieles verfehlt, und zwar durch den Hund, den schwer genug getroffen zu haben, der wilde Mordgeselle sich grausam freute.

»Also nach Weissensee – morgen? – Gut! Unter der Sachsenburg wächst viel dickes Gebüsch hart am Weg. Zur Unterburg bin ich in ein Paar Sprüngen – das Gemäuer deckt mich, dann zur Oberburg hinan – dann tief in den Grund, und in die öde menschenleere Hainleite hinein – und zur Nacht erst ganz gemächlich nach Hause!«

Dieß war Stoffel Wurzers Selbstgespräch und neuer verderbenschwangerer Mordplan.

Es dämmerte kaum, als der Forstläufer mit seinem Gewehre durch herbstlichen Nebel über den nordöstlichen Kamm der Hainleite hinrannte, und den alten ehrwürdigen Mauern der Sachsenburg nahe kam, doch verfolgte er zunächst einen Pfad, der sich nach Oldisleben zu zog. Dort stand er spähend auf einem Vorsprunge über dem Thale, und konnte bis an das alte Thor von Frankenhausen sehen, ja, da es heller wurde, jeden Wanderer gewahren, der aus dem Thore den Weg nach dem Dorfe Seehausen einschlug, und von diesem Dorfe auf Oldisleben zuschritt. Sah er – so war sein Gedanke: den Reiter und den Fußwanderer, wie er gestern beide auf dem Rathsfelde ankommen gesehen, des Weges ziehen, dann wollte er die rechte Zeit ersehen, und sich zwischen Oldisleben und der Sachsenburg an den linken umbuschten Bergabhang in den Hinterhalt legen, und diesesmal seinen Mann sicher treffen, dem Sinkenden zuschreien: Denke an den großen Bruch und deine Heldenthaten dort! – und dann eilend verschwinden. Die Wege der Thäler belebten sich bald. Es war zufällig an diesem Tage Jahrmarkt in dem Städtchen Heldrungen, und es zogen dorthin die Schaaren von Verkäufern und Käufern aus der nahen Umgegend, der goldenen Aue, von ersteren namentlich viele aus Frankenhausen. Da folgte ein einspännig bespanntes Wägelein nach dem andern mit Schuhmachern, Kammachern, Nagelschmieden, Kurzwaarenhändlern und dergleichen, auf welche alle nicht zu achten war, und immer noch strengte Stoffel Wurzer von seiner Höhe die Augen an, die bewußten Reisenden aus dem Thore kommen zu sehen, die schon längst indem am vorhergehenden Abend erhandelten Wägelchen, in welchem Tiro weich gebettet lag, mit andern des gleichen Weges fuhren, aber in Oldisleben von der Straße nach Heldrungen ab, und in das romantische Thal einlenkten, in welchem nahe bei dem genannten merkwürdigen Klosterort die Straßen sich scheiden, eine nach Schloß-Heldrungen, die andere in die Thalpforte einlenkt, welche die Ausläufer der Hainleite links, die des Schmückegebirges rechts bilden, und innerhalb welcher die größere Wipper sich mit der Unstrut vereinigt.

Die Wägelein alle hatten ihre Verdecke in die Höhe geschlagen oder waren mit Tüchern überzogen, denn der Morgennebel schlug sich als ein feiner Regen nieder, der immer dichter wurde und zuletzt die Aussicht völlig einschleierte. So wurde durch eine höhere Fügung selbst durch sein Leiden der treue Tiro noch einmal der Lebensretter seines Herrn, denn daran dachte Stoffel Wurzer in seiner Mordsucht und seiner Wuth nicht, daß heute einer durch ein Thor einer Stadt einreiten, und am andern Morgen durch ein anderes herausfahren kann. Lange stand er, lange harrte er, vielen Schnapps trank er, es kam kein Reiter, folglich war, so glaubte er richtig zu schließen, der Reisende noch in der Stadt zurück geblieben, und nun stieg Wurzer nach Oldisleben hinab, und wanderte nach der Stadt zu, wo er zunächst in den ersten Gasthof trat, sich ein Glas Branntwein reichen ließ, und beim Hausknecht, den er kannte, Erkundigungen einzog, welche Fremde da seien, oder über Nacht da gewesen? Da erfuhr Wurzer denn sogleich die Sachlage, die ihn mit wüthendem innern Grimm erfüllte. Er that als wolle er sich auf den Namen des Fremden besinnen, den er kenne und auf dem Rathsfelde gesprochen habe, und veranlaßte dadurch den Hausknecht, daß dieser den Kellner bat, im Fremdenbuche nachzusehen, wie die beiden Reisenden geheißen haben? Durch diese List hoffte Wurzer, Namen und Wohnort des auf den Tod gehaßten Mannes zu erfahren. Allein auch dieß sollte ihm nicht glücken, denn mochte Leonhard selbst nicht deutlich genug geschrieben haben, oder hatte der Kellner falsch verstanden, es war nichts anderes zu lesen, als Bonhard, Forstbeamter und Studiosus Aster aus Helmstädt. Christoph Wurzer schrieb sich indeß beide Namen auf, und schwur sich zu, seinem Feinde ferner nachzuforschen, und sollte er selbst die weite Reise nach Helmstädt machen müssen. Vorläufig stand er von der Weiterverfolgung ab, denn wenn er auch der Spur des Verhaßten folgte, so mußte er gewärtigen, auf kurfürstlichem Gebiete, wenn er dasselbe als auswärtiger Forstbedienter mit einem Gewehre betrat, vom ersten besten Landreiter angehalten und in Unannehmlichkeiten verwickelt zu werden.

Die Gefahr, die wie ein drohendes Damokles-Schwert über seinem Haupte hing, nicht im entferntesten ahnend, froh über des guten Hundes Besserung, der so gemächlich wie nur möglich gebettet war, saß Gottfried im Wägelein rechts neben Christian und fuhr von innen, unter dem übergeschlagenen Verdeck. Er unterließ nicht, den jungen Begleiter auf manche Merkwürdigkeit jener Gegend aufmerksam zu machen, die er aus Chroniken und andern Büchern kannte. Daß Seehausen den Namen von einem vormaligen großen See trage; Oldisleben ein berühmtes Kloster gewesen sei, aus Reue gegründet von der Pfalzgräfin Adelheid, die dem Thüringer Landgrafen, der ihren ersten Mann meuchlings ermordet, sich vermählte. Die Thalenge, in welche der Weg einlenkte, die sich aber bald zum Blicke über eine fruchtreiche Ebene erweiterte, sei von Riesen gegraben worden, damit die Wasserfälle, die in der Vorzeit noch die ganze thüringische Platte bedeckt, habe hindurchfließen können. Von der Schmücke und Finne bis nach Erfurt, sei alles ein großer schiffbarer See gewesen, daher trügen eine Menge Orte auch noch, gleich wie Seehausen, verwandte und an Gewässer erinnernde Namen, wie Weissensee, Gebesee, Schwanensee, Seega, Schilfa, Rohrfora und andere, der große und kleine Weissensee und Schwanensee Jetzt auch nicht mehr vorhanden. seien die letzten Ueberreste jenes gewaltigen Binnenmeeres der deutschen Urzeit. Im Dörfchen am Fuße der Sachsenburg gab Leonhard seinem Pferde ein kleines Futter, damit Christian Zeit gewinne, die Trümmer der alten Doppelschirmhuth dieses Gaues zu ersteigen, deren Aufbau die Sage hoch hinauf in jene Zeiten reichen läßt, die vom Untergange des thüringischen Königreiches singen und sagen. Noch immer führe die Oberburg im Volke den Namen Hakenburg von jenem mannhaften Sachsenführer Hak, oder Haugk, der bei Scheidungens Fall sich hervorthat, und kleine Versteinerungen, die man droben finde, erhielten durch ihren Namen: Bonifaciuspfennige, fortwährend noch das Andenken an den thüringischen Heidenbekehrer im Volke lebendig.

So wurde diese gemeinsame Reise für den angehenden Studenten lehrreich und angenehm zugleich. Gottfried Leonhard hatte offenbar Sinn für alles Merkwürdige der Orte und Gegenden, mochte es von der Geschichte oder von der Natur oder vom gewerblichen Leben dargeboten werden. Daher wurden die Papiermühlen zu Kindelbrück, wohin man nun gelangte, ebenso wenig unbesehen gelassen, als in Weissensee, dem Orte der Mittagsrast das alte, dem Ruin entgegen reifende Schloß, und in Tennstedt, über welches damals noch die Straße führte, die Fabrikation eiserner Waaren auf kaltem Wege. Obschon die Fahrstraßen zu jener Zeit nicht so gut waren, wie in der jetzigen, so hatte der kurze Regen des heutigen Morgens diese offene Gegend überhaupt nicht berührt, und es fuhr sich leicht und schnell durch die wohlangebauten meist schon abgeärnteten Fluren dieses Flachlandes hin, das der Höhenzug der Thüringer Waldberge in blauer Ferne begrenzte, zumal der Wagen außer dem geringen Gepäcke der Reisenden nur noch mit Sattel und Zeug vom Pferde Leonhards belastet war. Zur linken blitzten die Fluthen des Schwanensee's und endlich sahen die Reisenden im Abendgolde hohe Thürme ragen; weithin an den Fuß waldiger Höhenzüge gelagert, dehnte eine mit Citadellen gekrönte Stadt sich aus, bald konnten die Schläge feierlich lautender Thurmglocken vernommen werden, und erreicht war Erfurt, die uralte thüringische Metropole.

Da gab es denn noch am Abende, wie auch am andern Morgen gar vieles zu schauen und zu bewundern; Dom und große Glocke, Severistift und Waisenhaussammlung, Luthers Zelle und ein Todtentanz in lebensgroßen Oel-Bildern, die vielbesuchte Milchinsel und der Dreienbrunnen mit seinen berühmten Brunnenkreßklingern. Gern gönnte Gottfried dem jungen Freunde das Anschauen dieser Merkwürdigkeiten und seinem Pferde die längere Ruhe, und war freudeerregt, daß, als er in das Gasthaus mit Christian zurückkehrte, Tiro jetzt von seinem Lager sich erhob, und mit schweifwedelndem Schmunzeln an beiden aufzuspringen versuchte, was dem treuen Thiere auch schon wieder recht leidlich gelang.

 


 

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