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Die Geheimnisse eines Wundermannes. Erster Theil

Ludwig Bechstein: Die Geheimnisse eines Wundermannes. Erster Theil - Kapitel 9
Quellenangabe
authorLudwig Bechstein
titleDie Geheimnisse eines Wundermannes. Erster Theil
publisherW. Einhorn's Verlag/C. A. Hartleben
year1856
correctorreuters@abc.de
senderHerbert Niephaus
created20180917
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8.
Der Herr Pathe.

Leonhard erhob sich frühzeitig vom Lager, der helle Herbstmorgen verscheuchte seine am gestrigen Abende und in der Nacht gedrückt gewesene Stimmung, wie es häufig geschieht, daß nach Nächten, deren Gedankenbilder uns mit Sorgen quälten, der Morgen neuen Muth, neue Hoffnung bringt. Der Morgen ist der Frühling des Tages und im Frühling hofft das Menschenherz so gerne.

Der Jüngling hatte schon alles besorgt, was ihm oblag; in kurzer Zeit begann das erste Collegium, und zwar über Chirurgie, welches Leonhard nicht mit hörte, daher blieb ihm Zeit, jetzt an die Vollendung seines Bildes für die geliebte Sophie zu gehen, welches in der That recht gelungen und auch getroffen war, so daß es nur noch weniger Pinselstriche zur völligen Vollendung bedurfte.

Mit einem male ging die Thüre zur Dachstube, welche Leonhard inne hatte, auf, und herein trat in vollem Putz, frisirt, gepudert, mit den feinen Busenstreifen von Brabanter Spitzen, den breiten Manschetten, der brocatnen Weste, Stahl-Degen an der Seite, blitzende Ringe an den Fingern, den Schuhen mit blitzenden Diamanten, und in seiner Haltung straff und stramm, wie nicht hochgewachsene Leute sich häufig zu halten lieben – der Professor.

Leonhard konnte ein leises Erschrecken nicht bergen, denn das war noch nie geschehen: es war etwas ganz außerordentliches und außergewöhnliches, daß der Herr Pathe des Jünglings Zimmer betrat.

» Bon jour, Monsieur!« war die kurze, trockne, von einem satyrischen Lächeln begleitete Anrede, während Leonhard sich in äußerster Verlegenheit vom Stuhle erhob, und demüthig grüßte.

»Ei! Wir sind ja schon recht fleißig – laß doch sehen!« fuhr der Professor fort, und betrachtete neugierig das Bild – ja er empfand über dasselbe eine herzinnigliche Freude, die er aber kund zu geben sich wohl hüthete, vielmehr flogen seine scharfen Blicke prüfend bald vom Bilde zum Urbilde, bald von letzterem zurück auf das Bild, und es entstand dadurch eine lange Pause, die für Leonhard, in welchem tausend einander widerstreitende Empfindungen kämpften, äußerst peinlich wurde, und ihn bald blaß, bald roth machte. Daß er kein Wort zu sagen vermochte, war in dieser Lage natürlich. Endlich brach der Professor das Schweigen und sprach mit vernichtendem Spott: »Ah! Ah! Sehr schön! Mosje Gottfried-Narcissus, oder Narcissus Gottfried Leonhard – die Ohren nur ein wenig höher gezogen, so wäre ein neumodischer Faunus fertig, von der Art, die des Müllers Säcke trägt. Immer Allotria! Immer allerlei, aber nicht das nützliche Allerlei, was die gute alte Perrücke, der Pastor Ephraim Goeze in Quedlinburg schreibt.« –

Leonhard blickte tief beschämt zu Boden, er sah das Gewitter im vollen Anzuge.

»Doch ich sehe mit Wohlgefallen,« fuhr mit plötzlich mild werdender Stimme der Professor fort: »daß Du gleichwohl nicht ganz ohne Pietät bist, mein lieber Pathe, Du hast es gut gemeint, Du wolltest mir mit dem Bilde eine heimliche Freude machen, und um Dir nicht Deine Freude zu verderben, nehme ich diese Anfängerarbeit als einen Beweis Deines kindlich dankbaren Gemüthes an, auch habe ich in diesem Augenblicke für dieses Dein Brustbild schon ein Distichon entworfen. Höre zu:

                   

Peniculo tenero pictor Helmstadius ipsam
Expressit effigiem juvenis, tiro, gratus.
Siehe, mit zartem Pinsel hat unser Helmstädter Maler,
Jüngling und Anfänger noch, dankbar sein Bildnis vollbracht.

Leonhard fühlte all' sein Blut erstarren – der Pathe nahm ihm das für sein angebetetes Mädchen bestimmte Bild ohne weiteres, denn was ersterem gefiel, das war dieser gewohnt sich anzueignen, wobei er alle Schwierigkeiten überwand und niederwarf, und wenn erst auf ein Bild das unvermeidliche Distichon gedichtet war, so war nicht daran zu denken, es dem neuen Besitzer wieder zu entreißen.

Dennoch faßte Leonhard den Muth zu solchem Beginnen, obschon mit geringer Hoffnung auf glücklichen Erfolg.

»Dieses Bild – verehrtester Herr Pathe – ist – ist –« begann der verlegene Jüngling zu stammeln.

»Ist kein Meisterwerk, weiß das, sehe das – thut nichts,« entgegnete lächelnd der Professor. »Keiner kommt als Meister zur Welt; müssen alle lernen – müssen alle einmal Anfänger sein. Du weißt, daß ich besonderen Werth darauf lege, in meiner Gemäldesammlung von allen hervorragenden Künstlern mindestens ein Bild aus ihrem Beginn, ihrer Erstlingepoche zu besitzen, dann eines aus der Zeit ihrer höchsten Kunstblüthe, und endlich wo möglich noch eines aus ihrer letzten Zeit. Noch bist Du kein Maler, aber Anlagen hast Du; Du kannst noch ein Maler werden.«

»»Aber dieß Bild – ist – ist nicht –««

»Ist nicht vollendet –« ergänzte unerbittlich der Professor: »sehe das, sehe das ganz ohne Brille, die ich, wie Dir sehr wohl bekannt ist, niemals trage und niemals brauche. Es fehlen hier, und hier – und – hier noch einige Lichter – hier unterm Kinne dieser leichte Schatten muß etwas tiefer werden. Das ist sogleich geschehen!« Mit diesen Worten nahm der Professor Leonhard den Pinsel aus der Hand, fuhr damit in die Farben auf der Palette, und sprach, indem er einige flüchtige Striche that, selbstgefällig vor sich hin: » Anch' io sono pittore!« während Leonhards Herz erzitterte, einmal über den in Aussicht stehenden Verlust des Bildes, dann durch die Sorge, sein Pathe werde dasselbe absichtlich oder unabsichtlich gründlich verderben, denn dessen Bewegung und Pinselführung in Kreuz- und Querstrichen über das Gemälde hin, ließen dieser Befürchtung wirklich Raum geben.

Diese letztere Besorgniß rechtfertigte sich indessen nicht. Wie der Professor den Pinsel hinlegte und sich erhob, war das Bild täuschend ähnlich, hatte vollen Ausdruck und konnte, wenn sich auch die Anfängerarbeit in der etwas steifen Anlage und Zeichnung nicht verkennen ließ, doch als Versuch eines jungen Dilettanten selbst einen Kennerblick aushalten, und der Professor rief: » Dignus, dignus eris Lenardo da Vinci, Gottfréde!« Würdig, Gottfried, wirst einst Leonhard's da Vinci Du werden!

»Bester Herr Pathe! Ich bitte Sie um des Himmelswillen, enden Sie Ihren unbarmherzigen grenzenlosen Spott!« rief Leonhard gemartert aus. »Dieß schlechte Bild taugt nicht für Ihre Sammlung, auch fällt mir nicht ein, ein Maler werden zu wollen, damit hätte ich früher anfangen, hätte gründlichen Unterricht im Zeichnen erhalten müssen! – Meine in Ihrem Laboratorium erfrorenen Finger und Hände, die mir in jedem Winter von neuem aufspringen, eignen sich schlecht für feine Pinselführung. Auch sehe ich nur noch gut in die Ferne; für die Nähe hat der Blick in Ihre Feuer mir die Sehkraft geschwächt und abgestumpft. Treiben mußte ich stets alles mögliche, lernen habe ich wunderwenig gekonnt. Doch Gott sei Dank, ich bin gesund, bin frisch und kräftig, hoffe mit Gottes Hülfe noch durch die Welt zu kommen, mein gestrenger Herr Pathe, wenn ich auch durch diese Welt meinen ehrlichen obschon abgeschmackten Namen Gottfried Leonhard und nicht den eines Leonhard da Vinci trage.«

Des Jünglings erwachende Heftigkeit steigerte sich zum Zorn, zum Selbstvergessen, der Stachel des grausamen Wortspieles hatte ihn in innerster Seele verwundet.

Der Professor veränderte bei diesem wilden Ausbruch verletzten Gefühles seines Pathen, in dem jedes Wort einen Vorwurf gegen ihn enthielt, keine Miene; er sprach ohne Zorn, aber ernst, gehalten: »Wer gab Dir diesen Vornamen? Wer anders als ich, als ich Dich christlich aus der Taufe hob, und für Dich dem Herrn Gelübde opferte? Wohl Dir, wenn Du diesen Namen ehrlich und stets mit Ehren führst, wenn er Dich Bescheidenheit lehrt, wie er selbst bescheiden klingt, und Dich warnt, nicht stets oben hinaus und nirgend an zu wollen. Deine Vorwürfe, die Du mir machst, will ich nicht gehört haben, denn wenn ich sie gehört hätte, könnte ich sie Dir nicht verzeihen Was Du von Deiner Sehkraft sagst, ist dumm. Ich war Dir gestern Abend nahe genug, und Du hast mich doch erkannt und bist vor meinem unverhofften Anblick erschrocken, und warum erschrocken? Das wirst Du am besten wissen. Du sagst, Du habest nur wenig gelernt, und darin sagst Du die Wahrheit, aber Du hast nichts lernen wollen und so werden Deine alten Aeltern die alte Wahrheit inne werden, welche lautet: Wer seinem Vater und seiner Mutter nicht folgen will, der muß dem Kalbfelle folgen!«

»»Das eben will ich! Herr Pathe!«« entgegnete Leonhard, der all' seinen Muth jetzt zusammennahm. »Ich gehe nach Braunschweig und lasse mich bei den Schützen des Herzogs anwerben.«

Dieser Trotz überraschte ein wenig den alten Mann, aber er ließ sich nicht aufbringen. »Ziehe hin!« – sprach er: »jeder Mensch ist seines Glückes Schmied, manche stoßen auch ihr Glück von sich, oder treten es mit Füßen! Bethörter Jüngling! Ich hatte es wahrlich gut und wohlmeinend mit Dir im Sinne, ich wollte Dein Glück begründen – nun kreuzt meine Pläne Dein Eigensinn total, gehe bald – gehe morgen, gehe heute noch, ich halte Dich nicht – im Gegentheil – hier hier hast Du Reisegeld, nimm es für Dein Bild, das ich zum Andenken behalten will, aber nicht geschenkt, weil ich sehe, daß auch dazu Dir der rechte gute und dankbare Wille fehlt.«

Leonhard berührte die starke Geldrolle nicht, daher sie der Professor auf den Tisch legte, er sprach bebend:

»Herr Pathe – das Bild – ist nicht mein, ich kann es unmöglich –«

»Gewiß, es ist nicht Dein – es ist mein! – Du kannst es unmöglich – zweimal verwerthen. Horch! Die Stunde schlägt, mein Privatissimum, das ich einer Anzahl hier zurückgebliebener Mediciner auf deren Bitten lese, beginnt – mit Gott, Monsieur – Rekrut! Lasse Er Gutes von sich hören!«

Der Professor behielt das Bild in der Hand und trug es alsbald aus dem Zimmer. Leonhard war wie vernichtet, alle seine Empfindungen wogten im furchtbaren Kampfe. Als ein Sklave erschien er sich, der blindlings gehorchen mußte; sein Bild, das Werk seiner fleißigen Hand, mit Liebe empfangen, mit Liebe vollendet, seiner Liebe geweiht und bestimmt – eine fremde, kalte Hand trug es von dannen – ein Mann, der ihn von Jugend auf beherrscht, setzte seiner Macht, welche lange Gewöhnung und die Abhängigkeit des alten Dienerpaares von ihm jenem eingeräumt, die Krone herzlosester Willkür auf, und entführte ihm das für Sophie bestimmte Andenken. Wie sollte Leonhard nun bei dieser sich rechtfertigen? Welches andere Gegengeschenk sollte er der Scheidenden bieten? Und warum, warum nahm der Pathe ihm das unbedeutende Brustbild, das nicht den mindesten künstlerischen Werth hatte, für ihn ja unmöglich Werth haben konnte, der seine Sammlung mit Werken wo nicht von doch nach den größten Meistern geschmückt hatte, die je gelebt. – Oder hätte das Bild am Ende doch einigen Werth? flüsterte die künstlerische Eitelkeit. Fand nicht der für unfehlbar geltende, mindestens dafür in Umlauf gesetzte Kennerblick und das Urtheil des alten Herrn als Orakel im Gebiete der Kunst doch etwas ganz besonderes an dem Bilde? Wie viele hundert Kleinigkeiten besaß nicht der Professor, die der Unkundige recht wol für nichts achten, und für unbedeutend ansehen mochte, und wie hoben sich alle diese Dinge zu einem fabelhaften Werthe, wenn der Professor sie zur Hand nahm, wenn er sie zeigte, wenn er sie erklärte! Wie – wenn nun dem Anfänger gelungen wäre, vielleicht in einzelnen Zügen, was der alte Herr zu würdigen verstand? –

Immer nachdenkender wurde Leonhard – er begann jetzt, das Distichon zu zergliedern, dessen Inhalt er sich wol eingeprägt hatte.

»Hm, hm! Peniculo tenero« begann Leonhard sein Selbstgespräch: »mit zartem Pinsel. Zwar wandte der Herr Pathe diesen Ausdruck mehr als einmal an, so unter anderen auf dem kleinen Gustav-Adolph-Bildchen von Fischer, das bei der Sammlung hängt, welche dem Schwedenkönige allein gilt, bei dem herrlichen Christuskopfe von Albrecht Dürer auf Holz, und bei dem Rundbildchen aus Japan, das die ganze Holdseligkeit japanischer Physiognomien erblicken läßt, doch sehr fein gemalt ist. Außerdem aber, bei den übrigen Bilder-Distichen, bediente er sich dieses Ausdruckes nicht, folglich muß in meiner Pinselführung doch etwas liegen, das ihn anzieht, nie würde er sonst meinem geringen Pinsel dasselbe schmückende Beiwort geben, mit dem er das Bild eines Albrecht Dürer ehrte!« –

» Helmstadius pictor« – grübelte Leonhard weiter: »wieder ein ehrendes Zugeständniß – es ist hier in Helmstädt dermalen kein Maler vom Fach, der akademische Zeichnenlehrer – nun den nennt der Herr Pathe stets einen Schweineborst-Pinsel und er darf ihm nicht wieder über die Schwelle, seit er gleich über das beste Stück unserer Sammlung, die Weiber von Weinsberg, von Giacomo Robusti genannt Tintoretto – eine helle Lache aufgeschlagen und ausgerufen: »Wie in aller Welt soll der wälsche Maler Tintoretto dazu gekommen sein, eine deutsche Sage zu malen, und wie sollte ein solches Bild, wäre es wirklich von diesem großen Meister, nach Helmstädt kommen? –«

» Expressit« – auch diese Redeform giebt zu denken. Er sagte nicht einfach pinxit – malte, sondern expressit – drückte aus – das Wort soll zu verstehen geben, daß Ausdruck in dem Bilde ist – und nun endlich der Schluß – dieser kann mich nicht beleidigen. Tiro: Anfänger – das ist ja hier ein Lob, er hätte auch auctor, Urheber sagen können – aber er sagte tiro, das ist ein junger Mann, der im Begriff ist, in die Welt zu treten – ha – aber« – unterbrach plötzlich Leonhard, sein Selbstgespräch erschreckend: »kannte er denn schon meinen stillen, ganz geheim gehaltenen Entschluß? Sagte er deshalb tiro? – Tiro hieß ja Cicero's Freigelassener – und tiro heißt – o verruchte Teufelstücke, in ein Wort gebannt, wie ein Galgenmännlein in die Phiole – tiro heißt auch – ein Rekrut! Schändlich! Schändlich! – Und das juvenis gratus – ein dankbarer Jüngling, dazu! Welch ein schneidender empörender Hohn!«

Leonhard unterbrach die Reihe seiner grübelnden Gedanken mit einem Ausruf, der einem grimmigen Aufschrei sehr ähnlich war, und eilte aus dem Zimmer. Es wühlte wie Dolche in seinem Innern; er war kaum noch seiner Sinne mächtig, wußte kaum was er that. Der Aufgeregte stürmte hinunter in die Wohnstube seiner Aeltern – und erschreckte das alte Paar und die jüngeren Geschwister durch sein verstörtes Aussehen, seine Heftigkeit – er kündigte ihnen an, daß er sie verlassen wolle, verlassen müsse, und lachte der alten Mutter in's Gesicht, als diese zitternd und händeringend ausrief: »Aber Leonhard, um Gottes Willen, was wird denn der Herr Pathe dazu sagen?«

»»Was wird er sagen, Mutter? Nichts wird er sagen, er hat schon gesprochen, hat gesagt, ich solle gehen, lieber heute als morgen – hat mir Reisegeld gegeben – da, schau her! Verflucht sei sein Reisegeld!««

Grimmig brach Leonhard die Geldrolle mitten entzwei und warf beide Hälften in die Stube, daß ringsum die blanken Speciesthalerdrittel zum Theil mit dem Gepräge des wilden Mannes, zum Theil mit dem des springenden Rosses über die Dielen rollten.

Mitten in diese Scene maßloser Leidenschaftlichkeit schnitt das gellende Geräusch der Hausglocke, die stark und heftig angezogen wurde. Eines der Kinder sprang hinaus, zu sehen, wer da sei, während ein Druck auf eine Feder von der Stube des alten Leonhard aus bereits die Thüre geöffnet hatte, und in die kühle Hausflur trat ein Lakei in goldstrotzender Livrée, ein Billet mit fürstlichem Siegel in der Hand, draußen aber stand ein Staatscarosse mit dem Wappen des regierenden Herzogs von Braunschweig, Karl Wilhelm Ferdinand, bespannt mit vier dampfenden und stampfenden Rappen, denen der Hof-Kutscher wärmende Decken überwarf und Brot gab. Der herzogliche Lakei fragte mit Hast nach dem Professor, der alte Leonhard theilte ihm mit, daß dieser jetzt ein Collegium lese, ohne ihm merken zu lassen, daß sich das Auditorium im eigenen Hause des gelehrten Mannes und gesuchten Arztes befinde, und jener bestand darauf, augenblicklich seine Botschaft zu vollziehen, den Brief von Serenissimi höchsteigenen Händen ohne den mindesten Verzug abzugeben, »denn,« so berichtete er: »Ihre Durchlaucht, die gnädigst regierende Frau Herzogin Auguste sind plötzlich erkrankt, Höchstdero Leidmedicus liegt selbst an der Gicht darnieder, und die übrigen Herren Doctorens der Residenzstadt – nun ich sage weiter nichts, kurzum, Serenissimus verlangen für Höchstdero durchlauchtigste Gemahlin den ärztlichen Beistand Höchstihres Hofrathes, des Herrn Professors; die Kutsche ist da, wir haben auf Tod und Leben fahren müssen, sind die fünf starken Meilen richtig in fünf Stunden gefahren, denn die Wege sind gut, und haben in Gemlingen, wie in Königslutter andere Pferde vorlegen lassen. Also rasch, Alter, rasch und citissime! Es ist Gefahr im Verzuge, und Serenissimus erwarten uns mit dem Herrn Hofrath Glock Ein Uhr im grauen Hofe.« (Name des vormaligen Residenzschlosses).

»Sogleich, sogleich!« entgegnete der alte Leonhard, nahm das Handbillet des gnädigsten Herrn und entzog sich den Blicken durch ein Pförtchen, das in den Garten führte.

So gern der Professor und mit der größten Bereitwilligkeit zu jeder Stunde Kranken und Hülfe Begehrenden willfährig war, eben so ungern unterbrach er seine Vorlesungen, und nur der dringendste Nothfall konnte ihn zu Ausnahmen bewegen. Für einen solchen war Leonhard unterwiesen, außerhalb des Auditoriums, dessen Fenster nach dem Garten gingen, ein Zeichen zu geben, welches der Professor von seinem Catheder aus leicht gewahren konnte.

Dieser hatte die Zuhörer seiner Vorlesung über Chirurgie um sich versammelt, und war gerade bei der Lehre von den Amputationen menschlicher Gliedmaßen, jedoch längst von dem Hauptthema abgesprungen; er befand sich mit der Fülle seiner Erinnerungen auf Madras, wo er ein chirurgisches Abenteuer erlebt haben wollte.

»Denken Sie, meine Herren, welche Amputation des Daumengelenkknochens mir damals gelang, und wie überraschend die göttliche Vorsehung es fügte, daß gerade ich ausersehen ward, das Leben eines jungen Nabobsohnes zu retten. Unser nach China bestimmtes Schiff lag im Meerbusen von Bengalen; ich hatte lange Weile, ich ritt über die lange Brücke, die den Meleapur mit neunundzwanzig Bogen überspannt, spazieren; bald hatte ich die sogenannte schwarze Stadt, Pettah, mit ihrer Palastpracht und ihrem Hüttenschmutz und ihrem Gewimmel von nahe an einer Million Einwohner aller Farben, aller Glaubensbekenntnisse und mit aller ihrer Entsittlichung hinter mir, und athmete reinere Luft auf meinem Ritte längs der prächtigen Landhäuser, von prangenden Ziergärten umgeben, wogegen die herrlichsten Villen englischer Lords und italienischer Marchesi und Grafen nur Hundelöcher sind. Ich gedachte, mir solch ein hindostanisches Paradies einmal recht in der Nähe anzusehen, und reite in den offenen Thorweg der ersten besten Besitzung hinein – springen auf einmal zwei Tiger, jeder so groß wie ein Pferdefüllen mir entgegen, mein Roß scheut und bäumt sich kerzengerade, und obschon ich fest im Sattel saß, so konnte die Sache doch übel auffallen, da erscholl aber mit einemmale, als ich so eben meinen Jatagan gezogen hatte, um dem ersten der Tiger, der auf mich los springen würde, den Kopf vom Rumpfe zu schlagen, eine männliche Stimme, welche den beiden Tigern zurief: Zemire! Azor! Wollt ihr gleich kuschen, ihr Sakramentsbestien! Auf diesen Zuruf erschrak das Tigerpaar und schlich geduckt nach dem Hause zurück. In einer von Palmen umschatteten und von Senninsro- und Magusa-Reben dicht umsponnenen Laube, welche nicht minder prachtvolle Nemuri- und Riotsjosträucher mit ihren herrlich duftenden Mirabolanen- und Trompetenblumen umblüheten – saß der Herr dieses Paradieses und dieser Tiger, welche dort gezähmt werden, und als Hofhunde – eigentlich sollte ich Hofkatzen sagen, herumlaufen, wobei ihnen immer so viele natürliche Wildheit gelassen wird, daß sie, wenn sie von ihrem Gebieter an jemand gehetzt werden, diesen auf der Stelle zerreißen und zerfleischen. Ein solches Verfahren kommt uns, meine Herren, allerdings sehr grausam und unmenschlich vor, allein dort ist es nöthig, und hat seinen großen Nutzen, da es außerordentlich viel schlechtes Gesindel in jenem Lande giebt, und die Justiz mit den Mitteln civilisirter Staaten dort in keiner Weise durchdringen kann, vielmehr immer einer schrecklichen indischen Gottheit gleichen muß, deren Anblick schon sofort vernichtet. – Ich stieg vom Pferde und ging auf die Laube zu, in der ich nun einen äußerst dicken Mann sitzen sah, welcher aus einem kostbaren Nargileh dampfte und sich von zwei braunen gazellenäugigen Sklavinnen Kühlung zufächeln ließ. Plötzlich ruft mich der Nabob an, indem er das lange Rohr seiner Pfeife fallen läßt: Ja um Gottes Willen, Gottfried, wo in aller Welt kommst denn Du her, und zu uns nach Indien?« –

»Ich falle vor Erstaunen aus den Wolken, mich hier in Ostindien erkannt und freundlich begrüßt zu sehen, denn der Nabob breitete mir beide Arme entgegen, aufstehen konnte er aber nicht ohne Hülfe anderer, dazu war er zu fett; schon vorhin hatte ich mich verwundert, daß er mit seinen Tigerkatzen ein so verständliches Deutsch sprach, und daß die Bestien das auch so gut verstanden. Jetzt erkannte ich meinen Mann, es war ein Universitätsfreund von mir, aus Langensalza, war ein ganz fideler Bruder Studio gewesen, und hatte ganz fabelhafte Schicksale erlebt, war nach Indien gesegelt, hatte das Glück gehabt, einer Nabobstochter zu gefallen, und hatte, indem er diese Huldin heirathete, selbst den angenehmen und höchst vorzüglichen Stand eines Nabobs erwählt. Mein Freund Nabob fragte mich erst nach meinen Wünschen in Bezug auf leibliche Erquickung und dann nach meinem Ergehen und Plänen, und ließ alle Leckereien Indiens auftragen, doch auch nicht minder Producte des geliebten deutschen Vaterlandes, Braunschweiger Mumme, Würzburger Steinwein, westphäl'schen Schinken und Pumpernickel. Als er vernahm, daß ich ausübender Arzt und Chirurg sei, hatte er eine ausnehmende Freude, denn sein junger Schwager hatte an demselben Morgen das Unglück gehabt, von einem Panther, mit dem er sich im Scherze herumbalgte, und den er zum Zorne reizte, furchtbar in die Hand gebissen zu werden, und lag im Wundfieber im Innern des Hauses. Sogleich verfügte ich mich zu diesem jungen Herrn, sah die Gefahr in der er schwebte, denn ohne eine sichere und schnelle Operation würde in ganz kurzer Zeit der Brand zu der Wunde getreten sein, und dann hätte die ganze Hand, wo nicht gar der Arm amputirt werden müssen, und dergleichen ist in jenem heißen Klima stets lebensgefährlich, zumal auch die ostindischen Chirurgen völlig unwissende und ungeschickte Elephantenschwänze sind.«

»Ich ließ ohne Verzug den jungen Nabob so viel Opium rauchen, bis er einschlief, und nahm in aller Schnelle und ganz ohne Gehülfen die Operation vor, sechs Negersclaven mußten den Patienten halten. Es war furchtbar, wie die Zähne des Pantherthieres in den Knochen der Hand gewüthet hatten, fast kein Gelenke war ganz geblieben. Ich trennte die Weichtheile mittelst des doppelten Zirkelschnittes, denn des Lappenschnittes bediene ich mich nie, weil er nichts taugt, und nur unnütz vermehrten Blutverlust nach sich zieht, comprimirte die Arteria perforans posterior mit dem Turniket, und stillte die Blutung mittelst der Torsion.«

»Hier sehen Sie, meine Herren, diesen Daumen des jungen Hindu nebst Daumengelenkknochen, und allen anhangenden Venen, Nervensträngen und Membranen in Spiritus. Ich setzte an dessen Stelle dem von mir Geretteten einen künstlichen Daumen ein: Die Genesung erfolgte rasch, die Freude war unbegrenzt, und ich wurde mit Geschenken fast erdrückt; ich sollte in Madras bleiben, alles Glück und alle Genüsse des Lebens mit meinem Landsmanne aus Langensalza theilen, er wollte mir ein prächtiges Haus in Neu-Madras bauen lassen – doch ich schlug das alles aus, denn ich hatte noch eine höhere Sendung zu erfüllen, und« –

Jetzt gewahrte der Professor seinen alten treuen Diener außen im Garten am Fenster, eifrig Zeichen gebend, und das Handbillet mit dem großen Siegel in die Höhe haltend, ohne daß die tiefer sitzenden Studenten etwas davon gewahrten und verstand augenblicklich, um was es sich handle. Er sprach daher: »Meine Herren! Sie haben vorhin das heftige Lauten der Hausschelle gehört. Mir ahnet, daß es gilt, ein hochgestelltes Menschenleben zu retten; erlauben Sie mir, für heute – da ohnehin es in wenigen Minuten acht Uhr schlagen wird, diese paar Minuten vor dem Glockenschlage zu schließen, obschon dieß, wie sie alle wissen, ganz gegen meine Gewohnheit ist. Allein mir sagt mein Genius – Sokrates hatte vollkommen recht, daß er jedem Menschen einen Genius zusprach – daß höchste Eile dringend von Nöthen ist, und daß wol bereits die Rosse bereit stehen, die mich für heute aus Helmstädt entführen, jedenfalls westwärts. Das nächste mal werde ich die Ehre haben, mit der weiteren Erklärung der Ablösung von Händen und Füßen oder deren Einzeltheilen fortzufahren.«

Die Studenten staunten nicht wenig, als sie das Haus verließen, vor demselben die herzogliche Carosse zu finden, und bewunderten die Sicherheit, mit welcher dieses Ereigniß der Professor ihnen als eine Ahnung verkündet hatte.

Der Professor eilte in sein Zimmer, schrieb hastig ein Billet, beauftragte den alten Leonhard dasselbe sofort durch eines seiner jüngeren Kinder bestellen zu lassen, nahm seinen Mantel um, steckte eine Phiole mit Flüssigkeit zu sich, nebst einigen anderen medizinischen Präparaten, rief dem alten Leonhard noch zu: »Ich denke spät Abends wieder hier zu sein!« und bestieg die Kutsche, die gleich darauf mit ihm von dannen rollte.

Gottfried der Jüngere sah den Pathen nicht ohne ein freudiges Gefühl von dannen fahren, und dachte: Jetzt ist es Zeit!

 


 

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