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Die Geheimnisse eines Wundermannes. Erster Theil

Ludwig Bechstein: Die Geheimnisse eines Wundermannes. Erster Theil - Kapitel 8
Quellenangabe
authorLudwig Bechstein
titleDie Geheimnisse eines Wundermannes. Erster Theil
publisherW. Einhorn's Verlag/C. A. Hartleben
year1856
correctorreuters@abc.de
senderHerbert Niephaus
created20180917
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7.
Eine Ueberraschung.

Ein reiner Herbstabend sank über die Fluren Helmstädts; in seinen Strahlen schimmerten die vergoldeten Doppelkreuze auf den Thürmen der zahlreichen nachbarlichen Klöster und Abteien, deren ungewöhnliche Anhäufung innerhalb eines so kleinen Landstrichs bezeugte, welch einen fruchtbaren Boden jene gesegnete Flur in jeder Beziehung enthalte. Diese Klöster standen wie Wächtercitadellen rings um die protestantische Universitätsstadt. Nordwestlich lag das Kloster des heiligen Ludger, über welches der nächste Weg unmittelbar nach der eine kleine Strecke weiter nordostwärts gelegenen Cistercienser-Abtei Marienthal führte, von wo aus in nicht langer Zeit das Stift Walpke zu erreichen war. Nordostwärts erhob die Deutschordenscomthurei Sublingenburg ihre stattlichen Gebäude, von welcher das Kloster Königslutter gar nicht fern lag, unmittelbar aber in Helmstädts Nähe prangte das Münster Unser Lieben Frauen-Berg malerisch am Fuße des Corneliusberges, der schier einzigen Anhöhe weit und breit, von welcher der Anblick auf die Stadt und die mit zahlreichen Ortschaften übersäete Landschaft ein wahrhaft reizender war. Wenn der Blick von diesen Höhen weiter westwärts flog, so gewahrte man hinter einer ausgedehnten kräuterreichen Waldstrecke, die der Elm heißt, am Horizonte die Thürme von Salzdahlum und dahinter die Bastionen und Kirchen Braunschweigs und Wolfenbüttels, und etwas südwestlicher als Wolfenbüttel gelegen, vordem hügeligen Walde die Asse, die Trümmer der alten Asseburg. Helmstädt etwas ferner als die erstgenannten, im Süden, ragte wieder ein Kloster, St. Lorenz, von reichen ihm zinsenden Amtsdörfern umgeben, und wenn auch gegen Osten hin kein Klosterbau weiter sich zeigte, so erinnerte doch das Dörfchen Mariaborn am flachen, stillen Gestade der Aller auch mit daran, daß hier im Dienste der Jungfrau Maria und der alten Kirche der Krummstab, in ein paradiesisches Fruchtgefilde eingestoßen, zum lebenvollen grünenden Wunderbaume geworden sei, unter dessen Schatten sich's gut wohnte oder doch gewohnt hatte.

Inmitten so zahlreicher klösterlicher Umgebung, wenn auch nicht mehr in allen diesen Klöstern die Glocken zur Hora oder Mette oder zum feierlichen Hochamt riefen, hatte sich die deutsche Wissenschaft ihren blühenden Thron erbaut, pflegte den Fortschritt, beförderte die Aufklärung; und die protestantische Theologie unter dem Vorsitze eines Henke vor allen lehrte das Wort Gottes lauter und rein, während neben jener die ernste Themis nicht minder würdige Pflege fand, aber auch jede andere Wissenschaft je nach dem Standpunkte, den sie in jener Zeit einnahm, zur Geltung gelangte.

Eine zahlreiche Studentenschaft, die sich frei, behaglich und gemüthlich fühlte, und gleich jeder anderen deutschen Hochschule das academische Leben in vollen Lichtern und tiefen Schatten, besonders vielen Schlagschatten abspiegelte, belebte die kleine Stadt und half den Wohlstand derselben in erfreulicher Weise vermehren.

Die Beete des botanischen Gartens waren mit blühenden Herbstblumen überfüllt, freilich war die Flora damals keine so reich, wie in der Jetztzeit; das Ausland spendete den deutschen Gärten noch nicht alljährlich neue Prachtblumen, noch gab es auch keine verwirrenden Systeme; das vollkommen ausreichende und befriedigende Alpha und Omega der botanischen Wissenschaften war der Ritter Karl von Linné, und alles was da blühte und grünte in dem weiten Bereiche des treulich vom akademischen Gärtner gepflegten botanischen Gartens, das war in Linnés Pflanzensystem nach seinen Classen, Ordnungen, Gattungen und Arten enthalten und auffindbar. Höchstens hatten spätere Herausgeber, wie unter anderen Johann Andreas Murray, die Entdeckungen neuerer Reisenden benutzt, und die von Thunberg bekannt gemachten japanischen Pflanzennamen beigefügt.

An diesem Abende fand kein botanisches Collegium statt, es war Ferienzeit, doch war der Garten nicht unbesucht. Des Gärtners Knabe sprang freudevoll durch die Gänge; der junge Leonhard, in dem ersterer einen Gönner verehrte, der hinwiederum, ohne dieß gerade merken zu lassen, die Gunst des Knaben suchte, hatte ihm nicht nur ein schönes Bildchen gemalt, sondern ihn auch mit einem sauber ausgestopften Seidenschwanze erfreut, dessen er in einem Vorholze des Harzes habhaft geworden war.

Leonhard selbst wandelte ernst und sinnend in der Nähe des Buschwäldchens, in welchem das laubenartige Rund von anmuthigen Ziersträuchergebüschen gebildet, sich befand, das so oft ein Zeuge zärtlicher Gefühlsergüsse und Liebesbetheuerungen gewesen war. Jetzt sanken im Abendwehen schon gelbgefärbte Philadelphus- und Spiräenblätter leise auf Tisch und Bank, und der Sumachbaum streckte seine gefingerten und gefiederten Blätter brennend roth aus; die Natur bereitete sich zum Abschied vom heitern Grün vor, zum Abschied von der milden Sonnenwärme, und manches Leben in ihr sank bereits ersterbend hin, wie jene Blätter, oder zeigte in seiner Verfärbung das Bild jener Verwandlung, die allem Leben bevorsteht. Zu dieser stillen Vorbereitung stimmten die feierlichen Klänge ferner Glocken, die über die weiten sonnenbeglänzten Ebenen sich hinschwangen, und zu diesem Ernst stimmte des Jünglings Inneres so ganz, so ganz, denn auch in ihm kämpfte der Schmerz naher Trennung von der Seele, an die sich die eigene Seele liebend schmiegte.

»Sie scheidet, Sophie geht« begann der Jüngling ein schmerzliches Selbstgespräch: »sie geht und nimmt all' mein Gefühl, all' mein Leben mit sich fort. Und ich darf ihr nicht folgen, darf ihr nicht nachziehen in – ihre Heimath, drüben, jenseits der Berge meines lieben Harzes. Und ich – was soll ich noch hier, wenn Sophie nicht mehr hier verweilt? Welchen Zweck hat hier mein Leben? Sie zu erringen, ist mein fester Wille, und wenn des Pathen Sprüchwort sich bewährt: der Mensch kann was er will, so wird Sophie mein, muß sie mein werden.«

»Der Herr Pathe freilich wird mich nicht ziehen lassen wollen. Er mißbilligt meine Liebe – er gönnt mir kein Glück, und ich soll nie etwas anderes sein als sein Reitknecht, sein Jäger, sein Blumist, sein Mineraloge, stets nur der Vogelsänger, der Blumenpflücker, der Steinausleser und Zuschlepper – was frommt mir das? Er hat mir Wohlthaten erzeigt – ich kann es nicht leugnen, er hat meinen Eltern möglich gemacht, mich den höheren Schulecursus durchlaufen zu lassen, mich für den Besuch der Hochschule vorzubilden, sed cui bono? Ich bin doch nicht akademischer Bürger, bin nicht Student, bin nicht immatriculirt, bin nicht für voll angesehen von den Commilitonen, bin kaum Famulus, bin Handlanger, Packesel, Farbenreiber, und so an meines Vaters Stelle geschoben, weil dieser alt und zitterig geworden. Als Bedienter stehe ich, wenn Gäste im Hause sind, hinter den Stühlen und warte auf, wie ein Pudel. Mich wundert nur, daß ich nicht, wenn der Vaucanson'sche Flötenspieler seine langweiligen veralteten Stückchen pfeift, als Automat dazu tanzen muß.«

Leonhard redete sich mehr und mehr in jene verbitterte Stimmung hinein, die alles düsterer und schwärzer sieht, als es wirklich ist, und diese Stimmung in ihm glich so in der That einer Walze im Innern eines automatischen Spielwerkes, die unaufhaltbar fortrollt und sich umschwingt, bis die Kette ihres treibenden Mechanismus abgelaufen ist. Ob der Professor nicht doch einen Zweck mit ihm, und eine bestimmte Zukunft für ihn im Auge hatte, das wußte er nicht; ob jener ihm nicht mit einer Liebe umfaßte, die verborgen bleiben mußte, das ahnete er nicht, nur daß der alte Herr sich seiner als eines willenlosen Geschöpfes zu mechanischen Handreichungen bediente, das wollte er nicht länger ertragen.

»Was frommt es mir, daß ich freien Zutritt zu den dreizehn bis vierzehn Collegien habe, die allwöchentlich zu lesen, der Herr Pathe beim Beginn jedes neuen Semesters am schwarzen Bret anschlägt?« setzte Leonhard den heftigen Erguß seiner drängenden Gedanken für sich fort. »Dabei lerne ich erst recht nichts, will sagen: nichts rechtes. Zu den Privatissimis hab' ich keinen Zutritt, zu den Collegien der übrigen Herren Professoren, über die sich der Herr Pathe nur stets lustig macht, ebenfalls nicht. Seine überzahlreich angekündigten Vorlesungen über fast alles erdenkbare kommen nie sämmtlich zu Stande. Am meisten könnte ich beim Herrn Pathen als Mediciner gewinnen, aber Mediciner mag ich nun einmal nicht werden; für die Naturwissenschaft habe ich wol regen Sinn, aber mehr für deren praktische Ausübung, als für ihre Theorien. Jäger, Forstmann, möcht' ich werden und davon will der Herr Pathe nichts wissen, und spricht in seiner derben Weise, alle Jäger wären Hirschnasen oder Sauschwänze, und ich taugte zu keinem. Er möchte aus mir einen Chemiker machen, obgleich er schon hundertfach Ursache hatte, über mein Ungeschick zu verzweifeln, wenn ich Phiolen zerstieß, Retorten zerbrach, und die Schmelztiegel umschmiß, daß ihr Inhalt ins Feuer sich ergoß – wenn ich die Kolben-Vorlagen an die Retorten schlecht lutirte, oder die Hitze unterm Sandbad so wenig mäßigte, daß das Destillat überstieg, die Vorlagen zerschmetterte und das ganze Laboratium mit Dampf und Qualm, Gestank und Feuer und braunem Residuum erfüllte. Ich will die schönen Thiernamen oder Namen schöner Thier mir nicht vorsagen, die mir bei solchen Gelegenheiten als Ehrentitel an den Kopf geworfen wurden – item – ich habe zum Chemiker weder Geduld, noch Geschick, nicht einmal zum Farbenlaboranten, denn auch darin hab' ich's bereits ganz verschüttet, als ich ohnlängst auf ein Pfund der übertheuern Cochenille, nachdem ich sie mit eifrigster Mühe zum feinsten Pulver zerrieben, oder sie, wie wir zu sagen pflegen, alkoholisirt hatte, statt des vorschriftmäßigen Zusatzes von Natrum, einen Zusatz von Nitrum goß, und nach langem Kochen, Hoffen und Harren aus der Mischung, anstatt Carmin zu werden, ein Quark und der Teufel los wurde. Sehr wenig fehlte, so hätte der Herr Pathe mich geprügelt, und verdient hätte ich's eigentlich auch gehabt, aber die große Gewalt, die er über sich selbst hat, hielt ihn von einer solchen handgreiflichen That zurück. Er zankte nicht einmal, er warf mir nur das ganze Präparat auf den Rock, und sagte: »Laufe blau an, Du Animal brutum, du Schwanz eines ungeschickten Esels, der es nicht einmal zur simpeln Schamröthe, geschweige zum animalischen Kermespurpur bringt! –«

Der Knabe kam wieder auf Leonhard zugesprungen, und rief ihm zu: »Das Bäschen kommt sogleich, Herr Leonhard – ich traf Sophiechen weinend an, es thut ihr so weh, wieder von uns fort und nach Hause zu müssen, und wahrlich, auch uns allen thut es leid, und Ihnen gewiß auch, Herr Leonhard!«

»»Ja wohl, ja wohl, sehr leid, mein kleiner Christian, ja leid, o recht leid!«« versetzte Leonhard dem unschuldigen, gemüthlichen Knaben, dieser aber sprang schnell von dem schmerzlich berührenden nahen Abschiede auf einen selbstsüchtigen Wunsch über, und warf die Frage auf: »Aber mein guter Herr Leonhard, wann erfüllen Sie mir denn einmal Ihr gütiges Versprechen, mir, wenn der Herr Professor gerade nicht zu Hause, Ihr Naturaliencabinet zu zeigen? Ich sähe es doch gar zu gern, es muß wunderschön, es muß prächtig sein!« Diese Frage und die Erinnerung an ein allerdings in guter Stunde etwas unbedacht gegebenes Versprechen brachte Leonhard in einige Verlegenheit, und er antwortete: »Eigentlich, lieber Christian, hat der Herr Professor das strengste Gebot erlassen, Niemandem ohne seinen Willen und ohne sein Beisein die Sammlung zu zeigen – indeß, weil ich es Dir versprochen habe, und Du gewiß nichts anfassen, auch verschweigen wirst, was Du gesehen, will ich Dir nächstens die Freude machen, und die Naturaliensammlung Dir zeigen, mindestens die ausgestopften Thiere, die Vögel, die Seespinnen, Krebse, Fische und Conchylien Die kostbaren Mineralien freilich sind eingeschlossen.« – »»Die Schlange mit dem Menschenkopf, die möcht' ich vor allem sehen. Ist sie sehr groß?«« drängte der Knabe weiter.

»Was weißt Du von solcher Schlange?« fragte Leonhard verwundert.

»»Ei!«« versetzte Christian, wichtig thuend: »war ich doch dabei, als der Herr Professor im Sommer den Studenten im botanischen Collegium von dieser Schlange sprach, und anführte, daß er sie besitze, und sie bei ihm zu sehen sei. Man hat doch auch Ohren! Oh – ich habe ein sehr gutes Gedächtniß. Sie waren ja damals mit im Collegium, Herr Leonhard. Wissen Sie denn nicht mehr, wie ich die Rose hergeben mußte, und wie der Herr Professor sagte:

                   

Sunt quinque sati,
Una nocte nati
Duo sunt barbati

et caetera? Ich habe mir das ganz wohl gemerkt, und das Räthsel allen meinen Schulkameraden mitgetheilt. Es ist sehr hübsch, und keiner hat es errathen und zu lösen vermocht.«

»»Ei, in der That, welch ein vortreffliches Gedächtniß der kleine Botaniker hat!«« schmeichelte Leonhard dem Knaben. »Was gedenkst Du denn einmal zu werden, Christian?«

»»Nun?... ein Professor, auf alle Fälle!«« erwiederte, mit der Zuversicht jugendlicher Hoffnung und Strebelust der wackere Knabe, und Leonhard war dadurch unwillkürlich wieder an den Spruch erinnert: Der Mensch kann, was er will, er kann werden, er kann schaffen, er kann leisten, er kann aufbauen, er kann zu Grunde richten, was er will. Ja selbst der unbewußte Wille des Menschen vollbringt nicht selten solche That, leider aber mehr im zerstörenden, als im gestaltenden Sinne. »Nehmen Sie mich nur recht bald einmal mit in die Sammlung, werther Herr Leonhard« – bat wiederholt der Knabe. »Es ist mir dabei nicht blos um die Gegenstände aus den Reichen der Natur, es ist mir auch um die aus dem Reiche der Kunst zu thun, und die Bilder und Oelgemälde, auf denen jedes, wie ich vernommen habe, der Herr Professor ein von ihm selbst gedichtetes lateinisches Distichon mit eigener Hand geschrieben haben soll.«

»»Allerdings, es ist so, wie Du sagst!«« entgegnete Leonhard; »doch weiß ich nicht zu beurtheilen, inwieweit die Latinität unseres gelehrten Herrn Professors jener eines Virgilius, Horaz, Ovid oder sonstigen römischen Dichters nahe kommt, oder fern steht. Dichter ist er auf jeden Fall, denn er beschäftigt sich auch mit deutscher Poesie und hat in verschiedenen Almanachen Proben der Eingebungen seiner Muse einrücken lassen, welche nicht ungenießbar sind.«

Der Knabe lächelte, und erwiederte: »Herr Leonhard, was Sie mir da eben sagten, ist ein grausames Lob. Es kommt mir eben vor, wie der Schnitt mittelst der Schere des Obergartengehülfen, wenn dieser den Taxus stutzt, daß er hübsch die Form eines Pilzes beibehält, und sich nicht einfallen läßt, Baum sein zu wollen.«

Sophie nahte den Sprechenden mit verweinten Augen. Ihr Nahen unterbrach alsbald das Gespräch der Beiden, doch säumte Christian nicht, noch ein mal zu wiederholen: »Also, Herr Leonhard! Ich halte Sie beim Wort! Recht bald, möglichst bald führen Sie mich ein in das Heiligthum und zeigen mir die Herrlichkeiten, je mehr, je lieber!«

Leonhard nickte freundlich die gewährende Zusage, und eilte seiner Sophie entgegen, welche langsam und ernst den Gang zwischen Astern, und vielen gelbblühenden Kindern der Herbstflora entlang und in Leonhards Nähe schritt. Christian aber, fühlend, daß er bei dem Pärchen überflüssig sei, verlor sich im Buschwerk, um nach reifen Haselnüssen herumzuspähen, oder die großen luftvollen Blasenschoten des Fasanenstrauchs durch leisen Fingerdruck lautschallend platzen zu machen.

Das Ach und Oh schmerzlicher Scheidestunden fühlte wol schon die Mehrzahl der Leser; dasselbe auszumalen, ist nicht wohlgethan. Noch einmal nahmen die Liebenden Platz in jenem Raume, der so oft im Laufe des nun verflossenen glücklichen Sommers den Austausch ihrer Empfindungen vernommen und die Versicherungen treu ausdauernder Liebe gehört hatte.

Die wehmuthvolle Stimmung in beider Gemüthern ließ weder Sophie noch Leonhard zu vielen Worten kommen; sie hatten sich auch bereits ausgesprochen über ihre nächste Zukunft und über die Hoffnungen der späteren, nur das eine drückte noch schwer auf den Herzen beider, was denn eigentlich Leonhard beginnen wolle, solle und müsse, um auf möglichst kürzestem Wege zu dem Ziele selbstständiger Stellung zu gelangen, die sich so einträglich zeigen müsse, daß sie eine Familie mit bescheidenen Ansprüchen ernährte? In Leonhards Innerem war schon ein Plan gereift, allein er hatte bisher gezögert, denselben Sophie mitzutheilen, da er sich ihrerseits keiner Billigung dieses Planes vertröstete, obschon derselbe, gutes Glück und Gelingen vorausgesetzt, recht wohl zum erwünschten Ziele führen konnte.

»Mein lieber theurer Freund!« sprach Sophie, nachdem sich die Liebenden traulich, wie sie gewohnt waren, neben einander gesetzt hatten: »es ist nun einmal das alte Lied, das wir singen müssen: Scheiden und meiden thut weh! Die Vergißmeinnicht im Garten, wie die auf den Wiesen verblühen und welken dahin. Ich habe diese Blumen dauernder in diese Perlenbörse eingestickt, nimm sie zum Andenken – und – Leonhard – vergiß mein nicht!« – Unaufhaltsam brachen Thränen aus des gefühlvollen Mädchens Augen, und bethauten das zarte Geschenk eines liebenden Herzens. Leonhard nahm die Börse an sich, küßte von ihr Sophiens Thränen auf, und sprach: »Nimm meinen Herzensdank, geliebtes Mädchen! Auch ich war bedacht, Dir ein Andenken von meiner Hand zu geben, noch ist es nicht ganz vollendet – es ist auch – ein Vergißmeinnicht.«

»»O bitte, sage was ist es?«« drängte Sophie, durch ihre Thränen lächelnd, mit der verzeihlichen Neugierde einer Liebenden, für die alles Werth hat, auch die kleinste Gabe, wenn sie nur aus des Geliebten Händen kommt.

Der Knabe hatte mittlerweile seine Lust am Geknall der Blasenschoten gebüßt, war an jenes nach außen in die Feldflur führende Gartenpförtchen, das von innen ein starker hölzerner Riegel verschlossen hielt, gelangt, hatte dasselbe entriegelt und war hinausgeschlüpft, um einen Hamster, der sich mit dick vollgepfropften Backentaschen aus einem Sattel Erbsenfeldes nach seinem Bau zu begeben im Sinne hatte, zu verfolgen und wo möglich, diesen zu fangen oder doch zu erlegen, was indeß nicht so leicht gelang, denn der Hamster war sehr flink auf seinen Beinen, und als er gewahrte, daß er verfolgt wurde, suchte er sich zu retten, so gut er konnte.

Leonhard sah sich von Sophien's zärtlichen Fragen so lange bedrängt, bis er endlich sprach: »Nun denn, wenn Du's denn durchaus wissen mußt, was ich Dir zum Andenken bestimmt habe, so vernimm es schon heute: es ist mein Bild, das ich selbst zu malen versucht habe, peniculo trepido – würde mein Herr Pathe dazu schreiben: mit zaghaftem Pinsel, doch hoffe ich, es soll mir ähnlich sein, soll an das Urbild Dich erinnern, soll Dir jeden Tag und zu jeder Stunde, in der Du es des Anschauens würdigst, wiederholen, wie lieb Du mir bist, wie treu ich Dir sein will.«

»»Wie gut und lieb Du bist und mir bist!«« rief Sophie gerührt aus, und neigte mit leisem Schluchzen ihr Haupt an Leonhards Brust, und Leonhard umfing sie sanft, und bedeckte ihre reine Stirne, ihren blühenden Mund mit zärtlichen Küssen.

Es klappte am jetzt entriegelten, sonst stets verschlossenen Gartenpförtchen, es nahten eilige leichte Schritte, wer hätte es sein sollen, als der Knabe Christian? denn der akademische Gärtner pflegte um diese Zeit in dem nahen Dörfchen Duckstein neben anderen Bierphilistern gesellschaftliche Unterhaltung zu finden, und die Arbeiter kamen nicht in den Bereich jenes traulichen Gebüsches, hatten wol auch bereits Feierabend gemacht – aber auch der Knabe sollte die Liebenden in solchem zärtlichen Einverständniß nicht finden, und beide endeten ihre süße schmerzliche Umarmung – doch nicht so schnell, daß der plötzlich vor ihnen Stehende nicht alles gewahrt hätte, was hier zu gewahren war.

Dieser vor Leonhard und Sophien stehende, plötzlich in das Rundel getretene, gänzlich unerwünschter Störer war keineswegs Christian – dieser haschte noch nach dem flüchtigen Hamster – es war der Professor.

Mit einem unaussprechlich kalten, keineswegs erzürnten, aber über alle Maaßen sarkastischen Blick, welcher dem höchstverlegenen Pärchen vorkam wie der fesselnde Blick einer Klapperschlange – starrte der so plötzlich Eingetretene, der von einem Krankenbesuche auf einem nahe gelegenen Dorfe kommend, den Feldpfad verfolgt, und unverhofft das Gartenpförtchen nur angelehnt gefunden hatte, wodurch sich ihm ein ungleich näher führender Richtweg bot – die Liebenden an, und sprach dann zu Beiden: »Ein schöner Abend, der heutige, schön, sehr schön! Wünsche noch viel Vergnügen!«

Mit diesen Worten glitt der Fußgänger, leichten Trittes, wie er gekommen, vorüber, und ging durch den Garten, um beim Ausgang nächst der Wohnung des Gärtners die Straße zu gewinnen.

Sophie war zum Tode erschrocken, Leonhard weniger. Als sie ihm ihre schmerzlichen Befürchtungen mittheilte, daß er Verdruß haben werde, sagte er: »Ich bin auf alles gefaßt, meine Liebe; ein Verdruß muß kommen, damit ich eine begründete Ursache finde, davon zu gehen, und mein Glück anderswo zu suchen, denn hier blüht es mir nimmer von dem Tage an, an welchem Du aus Helmstädt scheidest, Sophie. Morgen um diese Stunde bringe ich Dir das versprochene Bild. Nimm es gütig auf, bewahre es treu und denke meiner dabei mit Liebe. Und schlafe wohl! lebe wohl! O Gott – ich habe keine Worte mehr!«

Noch einen Scheidekuß und wieder eine schnelle Unterbrechung. Christian kam, an seiner Hand hing Blut, und auf seinen Wangen hingen einige Thränen. Er hatte den Hamster, aber nicht lebend. Das Thier hatte seine Freiheit theuer verkauft, und seinen Verfolger und Fänger furchtbar in den Finger gebissen, so heftig, daß dieser sein Taschenmesser zog und den Hamster tod stach. So mischte sich beider Blut – und als er in der Erregung, die ihm Kampf und Sieg verursacht, vor die Beiden trat, wurde ihm weder Lob noch Mitleid zu Theil, sondern die salbungvolle Rede: »Dir ist ganz recht geschehen! Wer hieß Dich denn hinaus auf das Feld laufen? – Und das Gartenpförtchen aufsperren? – daß Hasen und – alle Welt hereinlaufen konnten! Warte, wenn das Dein Vater wüßte!«

Bestürzt und kleinlaut bat Christian: »Liebe Sophie, Du wirst es doch dem Vater nicht sagen? Ich will es niemals wieder thun!«

»»Was hilft uns das? Just heute hättest Du es nicht thun sollen! – Gehe nur hin – ich werde Dir keinen Verdruß beim Vetter machen.««

Leonhard schied, und ging mit sorgenschwerem Herzen nach Hause. Er fürchtete von Seiten des Gebieters einen sehr übeln Empfang, und suchte nach Gründen der Entschuldigung, nach Worten, mit denen er etwaige ungerechte Vorwürfe abzuweisen versuchen wollte, dabei war ihm jedoch keineswegs wohl zu Muthe.

Aber der Professor war ganz heiter, wie immer, wenn er die Wege seines Berufes gegangen oder geritten war, nach Hause gekommen, hatte nach Leonhard nicht gefragt, seiner nicht begehrt, zumal er beim Aus- und Ankleiden nie eine Hülfeleistung annahm, und das drückte Leonhard um so schlimmer, auch lag ihm nun die Besorgniß die ganze Nacht über wie ein Alp auf der Seele, und bedrückte und quälte ihn im Halbschlummer und in wirren Träumen. Einmal mußten seine Angelegenheiten doch zur Sprache kommen, und da wäre ihm lieber gewesen, es wäre gleich geschehen, denn schlimmer als das schlimme Ereigniß ist vor einem solchen die Furcht in der Menschenseele. Fromm erzogen, wie die Jugend jener Zeit noch es wurde, und an dem Herrn Pathen, wie an den alten Aeltern ächte und gerechte Beispiele wahrer christlicher Frömmigkeit vor Augen habend, nahm endlich Leonhard seine Zuflucht zum Gebet, und er konnte dieß, da er sich keines Bösen bewußt war. Sein Sinn war rein und redlich, seine Liebe war ehrbar und züchtig, und hatte sich in der Sitte strenger Schranke gehalten. Daß er liebte – das konnte kein Vergehen sein. Und so goß ein frommer Trostspruch des Psalmisten Frieden in des Jünglings unruhevolle zagende Seele: »Befiel dem Herrn Deine Wege und hoffe auf ihn, er wird's wohl machen.«

 


 

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