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Die Geheimnisse eines Wundermannes. Erster Theil

Ludwig Bechstein: Die Geheimnisse eines Wundermannes. Erster Theil - Kapitel 7
Quellenangabe
authorLudwig Bechstein
titleDie Geheimnisse eines Wundermannes. Erster Theil
publisherW. Einhorn's Verlag/C. A. Hartleben
year1856
correctorreuters@abc.de
senderHerbert Niephaus
created20180917
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6.
Die Automaten.

Der Eindruck, den die vorgetragene Erzählung des gelehrten Professors bei seinen Gästen gemacht hatte, war zwar ein verschiedener, aber im Ganzen doch ein sehr angenehmer und anregender. Aufs neue hatte man Anlaß gehabt, über die Mittel zu erstaunen, die ihm zu Gebote standen. Manche dachten im Stillen, und namentlich war dieß bei Leonhard und bei Sophien der Fall, wie vielleicht weniger als ein Zwölftheil jener Summe, die für den kostbaren Rubin verausgabt worden, hinreichend sein würde, ihnen ein dauerndes Lebensglück zu begründen, während der Stein so jahraus jahrein als todter Schatz bei anderen todten Schätzen ruhe, niemand nütze, niemand erfreue, als nur den Eigenthümer durch die Besitzesfreude. Die Männer der Wissenschaft begannen ein Gespräch über die Edelsteine, deren Natur und Wesen und über die Möglichkeit, sie künstlich nachzuahmen, eine Möglichkeit, welche man mehr bestritt als zugab, denn man war in der Technik der Behandlung und Verfertigung farbiger Glasflüsse noch nicht weit über Kunkels Bestrebungen und Lehren gekommen. Bald genug ergriff der Professor das Wort mit gewohnter Derbheit, die er nie zu offenbaren unterließ, wo es galt, irrige Behauptungen zurecht und zurückzuweisen.

»Der Mensch kann alles, was er will!« tönte der Lieblingsspruch ohne dessen Nachsatz von den Lippen des Professors. »Er kann auch Edelsteine hervorbringen, wenn er will, aber keine solchen, wie die Affenschwänze von Chemikern, die sich einbilden, wenn sie eine Purpurfritte mit Glas zusammengeschmolzen, sie hätten einen Rubin gemacht. Gefärbte Glasflüsse können nur Hasenfüße künstliche Edelsteine nennen. Es sind kaum Steine, geschweige Edelsteine. Ein solches Produkt darf in nichts von dem durch die Natur hervorgebrachten unterschieden sein; es muß an Härte dem natürlichen gleichen, es muß unschmelzbar sein im gewöhnlichen Feuer, es muß Topas ritzen, muß in Stahl einschneiden, und auch an Farbe dem Urbilde vollkommen gleichen.«

»»So weit sind wir freilich noch nicht,«« warf Crell hin: »das kann niemand.«

»»Niemand? Lorenz Florenz?«« fragte mit seinem heiteren und gleichsam triumphirenden Blicke der Gastgeber. »Und wenn ich es dennoch könnte? Wenn ich es Dir sogar sagte und lehrte? Gäbe einen trefflichen Artikel für Dein chemisches Archiv! Aber was hilft es, wenn ich Dir sage: Nimm Sal Ammoniakum, salzsauren Kalk, Alaun und Goldpurpur, und schmilz es durcheinander – mit allen Deinen Feuern kochst Du keinen Edelstein zusammen. Du mußt vom Teufel etwas höllisches Feuer leihen, oder es Dir, ein zweiter Prometheus, unmittelbar von der Sonne herunterholen.«

»»Sie erwähnten, verehrtester Herr Professor,«« nahm jetzt Frau Henke das Wort: »vor Kurzem, als wir die Ehre hatten, Sie bei uns zu sehen, gegen meine Freundin Schlözer, des chemischen Goldes, und versprachen uns, Proben desselben zu zeigen. Sie wissen, Frauen sind neugierig! Dürften wir bitten?«

»»Die geehrten Damen haben zu befehlen!«« entgegnete der Professor, und zog seine Börse, entnahm dieser mehrere Goldstücke und legte sie neben einander auf einen reinen Dessertteller, den er der Generalsuperintendentin reichte.

»Das sind gangbare Goldstücke, das ist ächtes Gold!« nahm diese betrachtend das Wort.

»Allerdings,« bestätigte mit etwas scoptischem Ausdrucke der Professor. »Unächtes Gold ist ein Unding, es giebt kein unächtes, auch das chemisch bereitete Gold ist ächtes, denn Gold kann nur Gold sein. Aber ich versichere Sie auf mein Wort, daß diese Pistole mit der Jahrzahl siebenzehnhundert und sechzig aus chemischem Golde geprägt ist, und die übrigen sind aus natürlichem in der Erde gewachsenen Golde.«

Frau Henke reichte den Teller mit den Goldstücken ihrer jungen Freundin, der Demoiselle Schlözer, mit den Worten: »Mein Auge vermag keinen Unterschied zu entdecken, vielleicht findet Ihr numismatischer Scharfblick denselben heraus. Doch ich glaube, was ich sehe, da unser gütiger Wirth es uns versichert.«

»»Selig sind, die glauben und nicht sehen!«« rief der Gemahl der Sprecherin von seinem Platze zur Hausfrau hinüber, ebenfalls nicht ohne einen Anflug gutmüthiger Satyre.

»Was soll aus der Welt werden,« spöttelte dagegen der Professor: »wenn selbst die hohe Geistlichkeit sich dem Unglauben hingiebt, die von uns Naturhistorikern doch unbedingten Glauben fordert? Die Naturwissenschaft hält sich nicht an den Glauben, sie ist ihrer Sache gewiß. Dieß wird mit jedem Jahrzehent der Folgezeit einleuchtender zu Tage treten. Glauben Sie mir, verehrteste Anwesende, daß ich gründlicher als irgend ein Lebender die Geschichte der Alchymie studirt habe, und daß ich, als wahrer und ächter Scheidekünstler, das Wahre in ihr vom Falschen, die Aufrichtigkeit vom Betrug, die Kunst von der Charlatanerie zu scheiden weiß. Es würde mir ein leichtes sein, Ihnen in einer Kaffeetasse ein adeptisches Experiment vorzumachen, und vor Ihren Augen Blei in Gold sich scheinbar verwandeln zu lassen, aber ich bin kein Constantini, der vergoldete, statt in Gold zu verwandeln, kein Meyer, der jenem nur nachahmte, kein Schröder, der das Naturgeheimniß unter mystische Schleier, Rosenkreuzereien und maurerische Symbolik hüllte; von den zahlreichen Adepten Englands will ich gar nicht reden, es ist bei all' ihren Versuchen doch wenig mehr herausgekommen als Rauch und Geld durch die Schornsteine ihrer Laboratorien, und der bedeutendste und wohlhabendste derselben, Doctor Price, endete, von seinen treulosen Freunden aufgegeben, durch Selbstmord. Ich kenne Semler in Halle, und seinen Goldsamen, sein philosophisches Luftgold, ja wohl Luftgold, denn alles lief auf elende Betrügereien hinaus. Ich kenne die ganze Literatur der Alchymie, von den Griechen und den Arabern an bis auf Wieglebs alchymistische Schriften, aber ich kenne nur wenige wirklich ächte Adepten, darunter meine ich Benjamin Jesse und Sehfeld nebst einem Dritten, dessen Namen ich – verschweige. Die Geschichte Jesse's und seines Zöglings ist völlig entstellt in das Publikum getragen worden, ich kenne sie genauer als irgend ein Sterblicher, und könnte sie mittheilen. Aber für heute dürfte diese Erzählung, welche einem kleinen Romane gleicht, zu lang sein, wie sie auch zu ernst ist, und ich halte für besser, daß wir des Tages letzte Stunde heiter beschließen. Darum wollen wir statt des Klanges chemischen Goldes lieber die mit lieblichen Weinen gefüllten Becher und mit denselben vermählt, die edlen und reinen Klänge der Musik vernehmen. Ich bitte, meine Verehrtesten, nach jener Uhr Ihre Blicke zu richten, welche ebenfalls, wie so vieles andere, was Sie in meiner Umgebung erblicken, ein Werk meiner Erfindung ist; ich war es, der ihre Einrichtung deren Verfertiger, Herrn Droz, angab.«

Die Gäste des Professors folgten seinem Winke, und gewahrten das erwähnte Kunstwerk auf einem gegen die Fensterwand gerückten, aber gänzlich frei stehenden und unbehangenen Tische in Form einer einfachen Stutzuhr, von der Höhe einer Elle, welche ein Glassturz verdeckte, der sie von allen Seiten sichtbar erblicken ließ. Diese Uhr zeigte eine unrichtige Stunde, und man gewahrte an ihrem ruhenden Perpendikel, daß sie stand.

Wie die Blicke aller Gäste nun auf diese Uhr gerichtet waren, hob der Professor von seinem Sitze aus den Arm, und streckte den Zeigefinger in gerader Linie gegen die Uhr aus, dann zog er eine Linie durch die Luft, ähnlich dem Circumflex über manchen griechischen Sylben, und in diesem Augenblicke begann der Perpendikel sich zu bewegen, sich von selbst in Schwung zu setzen, und die Uhr begann wohllautend zu vierteln und dann auszuschlagen. Deutlich sah man, wie der Minutenzeiger vorwärts eilte, wie der Stundenzeiger gemachsam über die ihm gebotene Strecke weiter rückte, und so oft der Professor jenes Luftzeichen wiederholte, so oft schlug die Uhr und die Zeiger rückten von Stunde zu Stunde vorwärts, bis die Uhr mit der wirklichen Zeit im richtigen Gleichklange war, und jener seine Zeichengebung unterbrach.

Staunen ergriff alle Gäste, ja manche Frauen überlief ein leiser Schauer, denn was sie sahen, grenzte an dämonische Einwirkung.

»So, nun wäre die Uhr in Gang gebracht,« nahm der Professor das Wort, der die bisherige Fingerbewegung schweigend und mit ernster Miene gemacht hatte: »nun wollen wir auch hören, ob sie nicht ein wenig musikalisch ist? Ich hielt bisher meinen Zeigefinger in gerader Richtung nach dem Mittelpunkt, von dem die Bewegung der Uhrzeiger ausgeht. Das musikalische Organ aber hat diese Uhr zur rechten Seite außerhalb des Mittelpunktes, man könnte von ihr sagen, sie habe das Herz auf der rechten Stelle. Geben Sie Acht, jetzt deute ich nach jener Richtung, ein wenig abwärts, auf das Zifferblatt, mache das Zeichen einer ganzen Note in die Luft – und –«

»»Sie spielt!«« rief es leise, als in dem Augenblicke, in welchem der Professor ausführte, was er sprach, eine reizende melodienvolle Musik im Innern der Uhr erklang, welcher die Gäste mit Entzücken und stiller Verwunderung lauschten.

Als das Musikstück, eines der beliebtesten jener Zeit, beendet war, wurden Ausrufe laut: »Wie ist das möglich? Wie geht das zu? Das ist Zauberei!«

»Es geht alles natürlich zu, meine Hochverehrtesten,« antwortete der Professor. »Die Uhr ist mein folgsames, mein gehorsames Kind – und stünde ich einige hundert Schritte von ihr, sie würde und sie müßte schlagen, oder spielen, je nach meinem Willen. – Sie nennen das Wort Zauber! Streng genommen giebt es keinen Zauber, oder jede sichtbar oder unsichtbar wirkende Naturkraft müßte so heißen. Sympathie und Antipathie, Anziehung und Abstoßung vermögen wir unserem Willen dienstbar zu machen. Elektriecität und Magnetismus sind die großen Gewalten, in denen noch eine Fülle zur Zeit unbenutzter Kräfte schlummern. Nehmen Sie an, daß bei diesem Spielwerke magnetische Kraft im Spiele sei, so haben Sie das richtige gefunden, und werden nicht so grausam sein, mich für einen Zauberer auszuschreien, der ich nicht bin und nicht heißen möchte, so sehr ich Freude daran habe, allem nur erdenklichen sogenannten Zauber auf den Grund zu kommen. Daher ist mir auch alles bekannt, was irgend durch physikalische Kräfte hervorgebracht und geleistet werden kann, und nicht minder das, was die Mechanik, diese geheimnißvolle Arachne, in unnachahmlichen Meisterwerken schuf, an denen schon in früher Jugend meine Seele Gefallen fand und nach denen meine glühendsten Wünsche sich richteten.«

»»Sie meinen Ihre bewunderungswürdigen Automaten,«« nahm Klügel das Wort, der Mathematiker und Physiker: »jene Automaten, von denen alle Welt spricht, an deren Anblick wir gern uns auf's neue erfreuten, da zumal vielleicht einige Anwesende dieselben noch gar nicht zu schauen Gelegenheit hatten!«

»»Ja, diese meine ich,«« bestätigte der Professor, und zum Zeichen seiner Willfährigkeit, den Kreis seiner Gäste noch eine Weile zu erfreuen, obschon es bereits spät in die Nacht geworden war, winkte er seiner Bedienung, durch Beseitigung überflüssiger Tischgeräthschaften Raum auf der Tafel zu verschaffen, nur die Gläser für die feineren Weine und die Flaschen, welche dieselben enthielten, nebst allerlei Zuckergebackenem zum Naschwerk für die Frauen, mußten auf der Tafel bleiben, und der gastliche Wirth ging seinen Besuchern im Genusse der ersteren mit einem übervortrefflichen Beispiele voran, nebenbei neckte er seine Tischnachbarin, die Frau Generalsuperintendentin Henke, indem er zu ihr sich wandte: »Es thut mir nur leid, daß ich Sie, hochwürdige Frau Aebtissin, nicht mit so delikater Torte bewirthen kann, wie Sie mich bewirthet, aber ich habe meine Weingläser zu lieb, als daß ich mich selbst zum Toffel machen möchte, der sie zerbricht, wie mir mit einem Ihrigen bei Ihnen geschah.«

Frau Henke, gewohnt, nie auf einen Scherz die Antwort schuldig zu bleiben, erwiederte sogleich: »Sie haben sich bereits trefflich für meine Torte durch Ihren Wein gerächt, denn dieser macht mir, wie ich spüre, einen solchen Sturm im Kopfe, daß ich nicht dafür stehe, bei Ihnen mich desgleichen Versehens des Zerbrechens eines Glases noch schuldig zu machen.«

Der Professor lächelte heiter, spöttelte: »Das geschieht Ihnen recht!« und winkte Leonhard zu sich, der sich bemühte, Sophien manche Artigkeit leise zuzuflüstern, indem er jenem heimlich Aufträge ertheilte, worauf derselbe sich sogleich aus dem Zimmer entfernte und in ein anstoßendes schritt. Der Professor aber konnte nicht unterlassen, mitzutheilen, was freilich der Mehrzahl seiner Gäste nichts neues mehr war, wie er nämlich in den Besitz der berühmten Automaten gelangt sei.

»Der Mensch kann, was er will, er kann auch erlangen, was er will,« begann jener seinen Vortrag. »Ich war ein Knabe von kaum zwölf Jahren, als der berühmte Mechaniker Jacques de Vaucanson aus Grenoble, der mit drei von ihm gefertigten größeren und mehreren kleineren Automaten vom Jahre siebenzehnhundertachtunddreißig an ganz Europa durchreiste, und bereits auch in den meisten Hauptstädten, Universitätsstädten und Residenzen Deutschlands gewesen war, auf dem Wege von Göttingen nach Erfurt meine Vaterstadt Mühlhausen berührte. Schon die Nachricht von seiner Ankunft und einer beabsichtigten Schaustellung seiner Merkwürdigkeiten war mir eine hohe Freudenkunde, und ich konnte kaum Tag und Stunde erwarten, bis mein Vater zu dem Wundermanne ging, den derselbe von allen Honoratioren der Stadt zuerst besucht und ihn eingeladen hatte, ihn mit den Seinen unentgeltlich so oft zu besuchen, als es ihm gefällig sei, denn mein Vater, der Besitzer der Rathsapotheke, war Rathsmann, und als solcher mit der Polizeidirektion der freien Reichsstadt betraut. Mit Staunen sah ich die Meisterwerke automatischer Kunst, und es mochte keck genug klingen, daß ich den Meister fragte, wie hoch er dieselben im Preise halte? Mit spöttischem Blicke fragte der Franzose zurück, ob ich vielleicht geneigt sei, ihm seine Automaten abzukaufen, worauf ich ganz ernst erwiederte: Ich muß diese Kunstwerke haben! Der Künstler lachte herzlich, aber mein Vater lachte nicht im mindesten, sondern er gab mir eine derbe Ohrfeige, für die nach seiner Ansicht höchst vorlaute Aeußerung. Ich verließ beschämt und weinend das Zimmer, konnte aber nicht unterlassen, dem Künstler mit unterdrückter Stimme und trotzig zuzurufen: Die Automaten müssen doch mein sein! Nie verlor ich wieder diese Kunstwerke aus den Gedanken, es vergingen zwanzig Jahre, und nach deren Verlauf waren die Automaten mein Eigenthum, denn, wie ich immer sage: Der Mensch kann, was er will.«

»»Oder mit andern Worten,«« rief Abt Henke aus: »Was einer in der Jugend wünscht, das hat er im Alter die Fülle.«

»»Und dieß ist leicht erklärbar, obgleich jeder der beiden Aussprüche anscheinend paradox klingt,«« bemerkte Bode: »denn was ein tüchtiger und begabter Mensch mit allem Eifer wünscht und wonach er mit allen Seelenkräften strebt, das wird er in den meisten Fällen durch Willenskraft, Beharrlichkeit und Ausdauer erreichen. Im Orient finden wir das durch den Spruch ausgedrückt: »Wer in den Acker seiner Jugend die Körner des Eifers säet, wird im Alter die Frucht der Ehre, des Reichthums und der Freude ernten.« –

Leonhard war mittlerweile in die Thüre getreten und hörte die letzten Reden mit Aufmerksamkeit an, bis es ihm ziemend erschien, hervorzutreten und das zu zeigen, was ihm herbeizuholen geboten war. Es war eine große buntgefiederte Ente, welche alsbald auf die Tafel gesetzt ward, wo sie ein Weilchen in ruhiger Haltung sitzen blieb. Mittlerweile hatte Leonhards Schwester zwei Gefäße hereingebracht, in deren einem sich Wasser und Flußsand befand, im anderen ein Gemengsel von Hafer, Roggen- und Gerstenkörnern, und näherte sich damit der Tafel. Der Vogel war so schön und kunstvoll gemacht, daß man ihn in der That für einen natürlichen halten konnte, und Sophie widerfuhr auch wirklich dieser kleine Irrthum, als die Ente jetzt beim Erblicken der Gefäße begann, den Kopf und den Hals zu bewegen, und aufstand. Die Ente hob den Kopf, streckte den Hals, begann mit den Flügeln zu schlagen, und wackelte, äußerst natürlich schnatternd, einige Schritte auf der Tafel vorwärts, den Gefäßen entgegen. Man konnte dieses wahrhafte Kunstwerk nicht ohne Staunen sehen, welches Staunen noch mehr gehoben wurde, als man wahrnahm, wie der Vogel begierig mit seinem Schnabel in das Gefäß mit den Körnern fuhr, diese zum Theil heftig aus einander warf und sich dabei mit Lust an ihnen zu sättigen schien. Dann aber zog die Ente ihren Kopf und Hals aus dem ersten Gefäße zurück, um alsbald mit beiden mit nicht minderer Hast in das Wassergefäß zu tauchen und mit dem Schnabel auf das natürlichste dermaßen im Sande zu putteln, daß das Wasser davon getrübt wurde, worauf dieselbe, getrunken habend, wieder mit den Flügeln schlug und schnatterte. Kurze Zeit darauf entfiel ihr etwas weiches grünliches, das chemischer Untersuchung nicht bedurfte, und nach noch einer Weile war die Ente sogar so gütig, ein Ei zu legen, welches zur Prüfung seiner Frische der Professor sogleich den Händen der Frauen übergab, die an demselben eine natürliche Wärme fühlten, und indem sie es gegen das Licht hielten, bestätigen mußten, daß das Ei ein frisches Entenei sei. Um aber noch besseren Beweiß zu führen, zerbrach der Professor das Ei in eine Tasse, welche die Bedienung ihm darreichen mußte. Die Gäste sahen, wie der Professor den Dotter vom Weißen des Eies in die Obertasse that, und letzteres in die Untertasse ablaufen ließ, die beiden Hälften der Schaale aber auf einen Teller legte, und dann an seiner Serviette seine feinen Finger reinigte. Sodann gab er an Frau Schlözer die Obertasse, damit sie auch nunmehr den Dotter prüfe, doch als dieselbe sich anschickte, dieß zu thun, entfuhr ihr ein leiser Schrei und sie hätte fast die Tasse fallen lassen, denn in derselben befand sich nichts weniger als der Dotter eines Enteneies, sondern ein ganz goldgelber Kanarienvogel, welcher sich erhob, auf den Rand der Tasse hüpfte, einigemale piepte, und dann zu allgemeiner höchster Verwunderung auf das herrlichste zu schlagen begann, gleich wol war auch dieser Vogel kein natürlicher, sondern ein automatisches Kunstwerk; er bewegte aber sein Köpfchen mit den dunkeln Augen gar anmuthig, sträubte die Federn am Halse während des Gesanges täuschend wie ein lebender Sänger der Canaren und machte nach Beendigung seines Liedchens drei artige Verbeugungen, worauf Leonhard ohne Verweilen nach dem Vogel griff und ihn aufbewahrte. Die Ente hatte sich wieder in ihre bequem ruhende Stellung begeben, in welcher sie anzufassen und an den Flügeln zu streicheln, der Professor Jedem vergönnte, und da fühlte man denn, daß der Leib des Vogels aus Messing- und Kupferblech bestand. Sein höchst kunstvoller und bewunderungswürdiger innerer Bau wurde nicht enthüllt. Vorsichtig mußte Leonhard das Kunstwerk vom Tische heben, das seine Schuldigkeit so accurat und zufriedenstellend a priori und a posteriori gethan hatte, und es sorgsam wieder von dannen tragen.

»Sehen wir nicht auch Deinen Flötenspieler, Verehrtester?« fragte Professor Crell seinen älteren Freund, dieser schüttelte aber leise das Haupt und sprach: » Ne quid nimis. Diesen ein anderesmal. Er ist so einzig, daß man ihn allein sehen muß, ohne vor- und nachher noch Eindrücke von anderen Gegenständen zu empfangen. Der Flötenspieler, welchen Vaucanson, sein Verfertiger, auf das erschöpfendste beschrieben hat, befindet sich im Gartenhause, und kann heute Abend uns füglich nicht mehr Gesellschaft leisten.«

»»Es ist spät, es wird gleich Zwölfe schlagen!«« sprach Frau Henke, blickte die Freundinnen an und erhob sich zum Aufbruch. Diesem gegebenen Zeichen leisteten alle Anwesenden Folge, während der Gastgeber immer noch zum Bleiben nöthigte, und trotz seiner sechzig Jahre zugleich auch noch von allen der munterste schien, auch ziemliche Lust zeigte, noch ferner seinem trefflichen Weine gemüthlich zuzusprechen, wenn nur irgend einer seiner Gäste oder einige sich entschlossen hätten, zu bleiben.

»Lorenz Florenz, was läufst Du denn wie ein Springhase? Herr Professor Klügel – Herr Professor Schlözer, Herr Collega Bode, Herr Collega Carpzov – so verweilen Sie doch noch – ich erzähle Ihnen die Geschichte meines Flötenspielers.«

Crell lachte laut und rief sehr heiter: »Herr Bruder, ich muß Dir offen gestehen, ich höre lieber Deinen Flötenspieler Flöte blasen, als Dich seine Geschichte erzählen, das heißt die ausführliche Beschreibung seiner Triebwerke, seiner Räder, Axen, Spindeln, Ketten –«

»»Seiner Fäden, seiner Blasebälge, Rollen, Blätter, Ventile!«« unterbrach Carpzov eben so spottlustig und munter gelaunt.

»Seiner Hebel, seiner Gelenke, seiner Windröhren, seiner Lippen, die dem Wind einen größeren oder kleineren Ausgang gestatten, seiner Walzen« – mischte sich Bode spottend ein, und Henke vollendete mit Gelächter: »seiner Klaviatur, seiner Stahlschnäbel, seiner Schrauben ohne Ende, wie die Geschichte von ihm!«

»»Die Geschichte,«« begann Crell nochmals mit unbarmherzigem Spotte: »die so klassisch ist, ganz homerisch, zum Beispiel die unsterbliche Stelle: durch den Hebel, welcher den Wind aus den unbeschwerten Blasebälgen hinleitet, mache ich den schwachen Wind nach, den der Mensch in solchem Falle giebt.«

»»Bei alledem«« lenkte Klügel ein: »ist und bleibt der Flötenspieler doch ein unübertroffenes, vielleicht sogar unübertreffbares Kunstwerk, das dem menschlichen Erfindungsgeiste alle Ehre macht.«

»»Wär' ich ein regierender Herr,«« scherzte jetzt Justizrath Häberlin, der bisher geschwiegen hatte: »so bestellte ich mir bei Vaucanson eine ganze Hof-Kapelle solcher Virtuosen – sie bleiben Cölibatäre, sie haben nicht eine hungernde und darbende Familie zu ernähren und zu versorgen, sie trinken nicht Bier, nicht Wein, rauchen nicht Tabak, sie begnügen sich damit, von Zeit zu Zeit mit ein wenig Oel eingeschmiert zu werden.«

»»Halt!«« rief jetzt der Wirth: »Jetzt bestätigt sich mir, wer der Verfasser der Satyre ist, die ich vor mehreren Jahren erhielt; sie machte damals einiges Aufsehen, und ist jetzt vergessen. Man hielt allgemein Lichtenberg oder Kästner für deren Verfasser, und sie ist geistvoll genug, um einem dieser beiden unserer witzigen Zeitgenossen zugeschrieben werden zu können. Die Satyre kann den Ursprung aus der Feder eines Publicisten nicht verläugnen.«

»»Ich kenne sie nicht, und bin folglich nicht deren Verfasser«« – entgegnete Häberlin: – »möchte sie aber wol vernehmen.«

»Wenn die Herren geblieben wären, oder bleiben wollten – würde ich sie mittheilen!« bat und verhieß der Wirth, doch Henke und Schlözer wollten die Frauen nicht allein gehen lassen, und so wurde dem Professor das Versprechen abgenommen, demnächst den Flötenspieler zu zeigen, und die Satyre dabei mitzutheilen.

Während sich nun alle Gäste auf eben so höfliche als feierliche Weise von dem gütigen Wirthe, der sie so angenehm und mannigfaltig unterhalten, verabschiedeten, fand Gottfried Leonhard Zeit, mit seiner angebeteten Sophie noch einige vertrauliche Worte zu wechseln, und besonders wiederholte er ihr die vorhin aus dem Munde würdiger Männer vernommenen: »Was man in der Jugend wünscht, und wonach ein tüchtiger Mensch mit allem Eifer strebt, das erringt er in den meisten Fällen zuversichtlich. So werde auch ich mit aller Fülle meiner Liebe, und mit allem Eifer treuer Zärtlichkeit danach streben, deine Hand, meine angebetete Sophie, zu erringen.« Sophie drückte die Hand des Geliebten mit Wärme und Innigkeit, und schloß sich dann dem Vater zum Heimgange an. Von den Thürmen Helmstädts hallten die Schläge der Mitternachtstunde.

 


 

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