Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Ludwig Bechstein >

Die Geheimnisse eines Wundermannes. Erster Theil

Ludwig Bechstein: Die Geheimnisse eines Wundermannes. Erster Theil - Kapitel 6
Quellenangabe
authorLudwig Bechstein
titleDie Geheimnisse eines Wundermannes. Erster Theil
publisherW. Einhorn's Verlag/C. A. Hartleben
year1856
correctorreuters@abc.de
senderHerbert Niephaus
created20180917
Schließen

Navigation:

5.
Der Rubin des Weltumseglers.

Als allmählich die Ausrufe der Verwunderung sich stillten, und die Lobpreisungen des köstlichen Trankes verrauschten, rief Crell: »Aber carissime Theofriede, den Rubin! den Rubin!«

Der freundliche und zur Unterhaltung seiner Gäste auf das angelegentlichste bemühte Wirth entnahm jetzt aus der Reihe seiner größeren und kleineren Kästchen, deren jedes entweder eine Natur- oder Kunstseltenheit in sich schloß, eine Dose von Heliotrop, deren tiefgrüne Färbung mit zarten blutrothen Punkten und feinem Geäder von gleicher Farbe gleichsam besprengt schien, und deren Einzeltheile, Boden, Seitenwände und Deckel in Gold gefaßt waren.

»Ich werde die Ehre haben, Ihnen, meine Hochverehrtesten, jetzt ein Juwel zu zeigen, welches neben seinem eigenthümlichen auch einen geschichtlichen Werth hat, indem dasselbe das Besitzthum eines Mannes war, dessen Andenken hoch verehrt und werth gehalten wird, und diese Werthhaltung auch verdient, obschon ich für meine Person diesen Mann aus ganz anderen Gründen bewundere, als aus welchem Grunde ihn die Welt verehrt.«

»Indem ich Sie im Geiste fragen höre, welchen Grund ich meine? so wird es genügen, Ihnen mitzutheilen, daß dieser Mann es war, der zuerst nach Europa aus Amerika jene beliebte Knolle brachte, welche man fälschlicher Weise eine Frucht zu nennen sich gewöhnt hat, die jedoch mit einer wirklichen Frucht höchstens nur das gemein hat, daß sie eine Schaale besitzt, anderer schaalen Eigenschaften nicht zu gedenken. Mit einem Worte, ich meine den Admiral und Ritter Sir Francis Drake.«

Indem der Sprecher jetzt den Deckel der Heliotropdose aufklappte, zeigte sich in derselben auf Baumwollenwatte liegend ein glattgeschliffener Stein von der Form und Größe eines Taubeneies, der, von der höchsten Reinheit, den Glanz der ihn bestrahlenden Kerzen in glühender Karfunkelpracht nach allen Seiten zurückwarf. Dieser Stein war am oberen dünneren Ende von einem gravirten Goldplättchen überdeckt, durch das ein Oehr in den hochwerthvollen Rubin eingebohrt und befestigt war, damit derselbe, an silberner Schnur hängend, zur freien Zierde eines schönen Halses, einer Brust, oder wenn man wollte, einer reinen Stirne, ja selbst einer Krone dienen konnte.

»Sie erblicken, meine Hochverehrtesten,« fuhr der Besitzer dieses Juwels fort, indem er sein Kleinod den Augen seiner Zuhörer und Zuhörerinnen der Reihe nach möglichst nahe brachte und es auch wendete, damit es nach allen Seiten betrachtet werdet »einen Edelstein ersten Ranges, und erlauben mir, nachdem Sie denselben genügend betrachtet haben, Ihnen dessen Geschichte zu erzählen.«

Der Stein fand allseitige Bewunderung und nachdem er von allen Anwesenden beschaut worden war, stellte sein Eigenthümer die fein geschliffene und polirte Heliotropdose mit aufgeschlagenem Deckel so, daß der Rubin allen Gästen sichtbar blieb, vor sich hin, wandte sein feines, stets ein wenig satyrisch lächelndes, und dennoch so äußerst wohlwollend ausgeprägtes Antlitz seinen Gästen zu, und sprach:

»Sie erblicken auf der Goldplatte, welche das spitze Ende dieses Karfunkeleies bedeckt, die Namen und die Jahrzahl Francis Drackh, York, 1590. eingegraben und diesem gegenüber eine Weltkugel und ein Schiff, beides die Wappen jenes berühmten Mannes, aus dessen vielbewegtem Leben Ihnen einiges nähere mitzutheilen ich die Ehre haben werde. Nicht leicht bewährte der Sinnspruch: Audaces oder Audentes Fortuna juvat: das Glück begünstigt die Kühnen, sich so glänzend an irgend einem in der Weltgeschichte berühmten Namen.«

»Als im Jahre eintausendfünfhundertundsechsundsiebenzig Sir Francis Drake mit drei von ihm auf eigene Kosten bemannten Fregatten den irischen Rebellenführer Mac-Filoney bekämpfen half, aber der Führer der gegen Irland und die aufwieglerischen Grafen von Northumberland und Westmoreland gesendeten Armee, Walter Devereux, Graf von Essex, in Folge der fahrlässigen und nachlässigen Unterstützung des Heeres und der Flotte, deren Schuld sein Nebenbuhler, Graf Leicester, trug, vor Kummer – Andere sagen an Gift – gestorben war, kehrte auch Drake nach England zurück. Der Sohn des verstorbenen Grafen, Robert Devereux, Vicomt von Herfort und Graf Essex, der berühmte und später erklärte Günstling der Königin Elisabeth, wandte Drake innige Neigung zu, und war nicht ohne Antheil an der Wißbegierde, welche die Königin zeigte, Drake persönlich kennen zu lernen, denn auf den Muth und die Mittel eines so kriegerisch gesinnten und unternehmenden Mannes ließen sich mancherlei Pläne bauen.«

»Die wichtige Stunde schlug, in welcher Francis Drake, eingeführt durch den Geheimerath und Vicekämmerer Sir Christoph Hatton, vor seiner Königin das Knie beugte. Elisabeth empfing den Helden mit herablassender Huld und Gnade, und gebot ihm, ihr das wichtigste aus seiner Lebensgeschichte vorzutragen. Drake gehorchte und sprach ohngefähr folgendes: Ich bin im Jahre fünfzehnhundertundfünfundvierzig zu Tavistock in der Grafschaft Devonshire als Sohn eines Predigers geboren, welcher Protestant wurde, und nach Kent flüchtete, wohin er mich mit sich nahm. Später wurde mein Vater Lector und dann Schiffsprediger bei der königlichen Flotte. Ich empfand frühzeitig Neigung für den Seedienst, und mein Vater gab mich bei einem Schiffsherrn in die Lehre, welcher Kaufmannsgüter nach Irland, Frankreich und Seeland führte. Ich lernte den Dienst zur Zufriedenheit meines Herrn, und da dieser allein, ohne Familienbande stand, vererbte er mir, als er starb, sein Schiff. Ich setzte eine Zeitlang das Geschäft eines Kauffahrers fort, allein als ich mein achtzehntes Jahr zurückgelegt hatte, sehnte mein Geist sich nach größerer Thätigkeit und ins Weite; ich war der Kanalfahrten zwischen Großbritannien und Irland, zwischen England, Frankreich und Holland müde, daher verkaufte ich mein Schiff und begab mich in den Dienst eines Verwandten, Kapitain Hawkins, der nach Biscaya handelte, und mir das Amt des Schiffszahlmeisters anvertraute. Wir machten einige Jahre lang glückliche Fahrten, und im Jahre fünfzehnhundertundsiebenundsechzig betheiligte sich Kapitain Hawkins bei der Flotte, die zu Plymouth ausgerüstet und deren Lauf nach Amerika bestimmt wurde, bei welcher ich dann selbst ein Schiff zu führen bekam! Leider war dieses Unternehmen nicht vom Glücke gekrönt; im Hafen von Vera Cruz wurden wir von den Spaniern heftig angegriffen, und ich namentlich verlor mein ganzes Besitzthum und mußte dem Himmel danken, mit dem Leben davon zu kommen. Ich schwur dafür den Spaniern ewige Rache, und fand mich bald an der Spitze von siebenzig gleichgesinnten und entschlossenen Männern und Jünglingen, die als kühne Piraten mir folgten. Nach manchen Kreuzungen an den westindischen Küsten, mit deren Einzelnheiten ich die Geduld Ihrer königlichen Majestät nicht ermüden will, sah ich mich als Führer zweier Schiffe, mit denen ich zuerst Nombre de Dios angriff, welches sich jedoch nicht behaupten ließ; besser gelang ein Zug gegen spanische Kaufleute zu Lande im Gebirge bei Vera Cruz, wo wir so reiche Beute machten, daß wir nur das Gold mit uns nehmen konnten, das Silber aber verscharren mußten. Hierauf wandt' ich meinen Rachezug gegen die Stadt Vera Cruz selbst, in deren Bai mir so übel mitgespielt worden war. Ich vernichtete der dortigen Kaufmannschaft für zweimalhunderttausend Pfund Sterling Waaren durch Feuer, und belud unsere Schiffe mit so vieler Beute, als sie nur immer zu tragen vermochten. Einestheils war nun mein Racheschwur erfüllt, ich kehrte nach England zurück und weihete meinen Muth dem Dienst Ihrer königlichen Majestät gegen Allerhöchst-Ihre Feinde.«

»»Ihr seid ein kühner und tapferer Mann, Sir Francis Drake!«« sprach die Königin: »und Wir werden nicht vergessen, was Wir Euch schulden. Ihr sagt, Sir Drake, Euer Racheschwur gegen die Spanier sei theilweise erfüllt worden; ist Euer Gefühl der Rache nicht gänzlich gestillt?«

»»Nein, Majestät!«« erwiederte der kühne Freibeuter. »So lange ich athme, werde ich die Spanier hassen und bekämpfen und ich wünschte nur, ich könnte das mit den ausreichendsten Mitteln!«

»»Wol sind die Spanier Englands geschworene Feinde und werth, daß wir sie bekämpfen. Aber England ist gegenwärtig mit Spanien nicht in Krieg verwickelt. – Auf welche Weise wolltet Ihr den Kampf beginnen, Sir Drake, wenn Wir uns entschlössen, Euch die gewünschten Mittel zu gewähren, ohne daß Wir dabei genannt würden?««

»Ich würde die Spanier da angreifen, Majestät, wo sie sich eines Angriffes gar nicht versehen, wo sie keine oder doch nur sehr wenige Schiffe zur Vertheidigung haben; ich würde durch die von Magellan entdeckte Meerenge in die Südsee einfahren, und von jener Seite die spanischen Besitzungen in Westindien beunruhigen. Auf diesem Zuge bin ich gewiß, Ihrer königlichen Majestät neue Inseln zu entdecken, neue Länder zu erobern, und die Flagge Englands auf Gebiete zu pflanzen, die noch kein Fuß eines Europäers betreten hat. Eine Entdeckungsreise würden Ihro Majestät durch allerhöchstdero gnädigste Unterstützung fördern, und die Kriegsangelegenheiten würden meine, mir nicht gebotene Privatunternehmung sein.«

»»Euer Muth ist groß, Eure Pläne sind kühn und weit ausgreifend; Wir wollen unsern Staatsrath versammeln,«« erwiederte Königin Elisabeth: »und vernehmen, was sich Unsererseits zur Ausführung Eurer Pläne und vorhabenden Entdeckungsreisen thun läßt«.

»Mit einem reichen Gnadengeschenke wurde der tapfere Seemann von seiner Königin entlassen. Was er an hohen und ruhmreichen Thaten in Folge dieser Unterredung vollbrachte, ich darf voraussetzen, daß es meinen hochverehrten Gästen bekannt sei, und will es daher nur im Fluge berühren, um nach so weitem Abschweif wieder auf den eigentlichen Gegenstand meiner Mittheilung, diesen Rubin zu kommen.«

»Im Herbste des Jahres fünfzehnhundertsiebenundsiebenzig segelte Drake mit fünf von der Königin ausgerüsteten Schiffen, die mit sechzehnhundert Soldaten und Matrosen bemannt waren, aus dem Hafen von Plymouth.«

»Es bedurfte einer Fahrt von neun Monaten, bevor Drake die Straße Magellans erreichte, durch welche er fuhr, allein nicht ohne großen Kampf mit widrigen Stürmen, und nicht ohne den Verlust mehrerer Schiffe. Die Eroberungen, welche Drake auf diesen Fahrten für sich zu machen im Sinne gehabt, machte er nicht, aber der Erdkunde eroberte er neue, vor ihm noch unbekannte Länderstrecken und Inseln; er entdeckte das Cap Horn, bis er nach mancher Irrfahrt, und der größeren Zahl der ihn begleitet habenden Schiffe beraubt, den Küsten von Chile und Peru entlang segelte, wo er nach Lima zu, vom Glücke mit reichen Erfolgen gekrönte Streifzüge auf dem Festlande unternahm, auch manches spanische Schiff gewann und eine unermeßliche Beute von Gold, Silber und Juwelen sich aneignete.«

»Immer nordwärts steuernd, nahm er von einem ausgedehnten Landstriche für England Besitz und nannte denselben Neu-Albion, auch wurde er der Entdecker einer Gruppe von sechszehn bisher noch unbekannten Inseln, die er nach dem Namen seiner Königin nannte. – Da Francis Drake die Durchfahrt nach dem atlantischen Ocean, welche er zu finden hoffte, nicht fand, so segelte er, nachdem er das Schiff ausgebessert und zu langer Fahrt geschickt gemacht hatte, südwestwärts nach Ostindien, erreichte im September fünfzehnhundertneunundsiebenzig die Molukken, und erst am dritten November des darauf folgenden Jahres den Hafen von Plymouth, warf aber bald darauf im Hafen Deptfort Anker, und ruhte aus von den unbeschreiblichen Mühen seiner Weltumsegelung.«

»Im April des Jahres fünfzehnhundertundeinundachtzig wurde dem Weltumsegler die große Auszeichnung zu Theil, daß die Königin Elisabeth sein Schiff mit ihrem Besuche beehrte, und seine Bewirthung annahm. Elisabeth schlug Francis Drake höchst eigenhändig zum Ritter, und verlieh ihm zum Wappenzeichen Schiff und Erdglobus, wie wir beides auf diesem Goldplättchen zierlichst eingegraben finden.«

Der Erzähler machte eine Pause und gab nochmals die Heliotropdose mit ihrem kostbaren Inhalte im Kreise seiner Gäste herum, während er von seinem Sessel sich erhob, und aus einer, auf einer Tafel nebenan liegenden, mit lauter Brustbildern berühmter Personen angefüllten Mappe eines dieser Bilder, das bereits absichtlich obenauf lag, nahm, um seinen Gästen dasselbe ebenfalls vorzuzeigen. Es war das Bild des Weltumseglers im Harnisch mit herausgelegtem Kragen, ein Oval zwischen kriegerischen und nautischen Emblemen, zur Linken des Dargestellten das Ritterschild mit dem symbolischen Schiffe, vor ihm beide Hemisphären als Planigloben dargestellt; im Rande Namen und Titel mit der Jahrzahl 1598, darunter das Audentes fortuna juvat und das Zeichen des Stechers, Crispin von Passe, endlich unter dem Rande sechs lobpreisende lateinische Hexameter.

Die Anschau dieses Bildblattes diente der Gesellschaft zu angenehmer Augenweide, und der Berichterstatter nahm, als kaum dasselbe den Kreis der Versammelten durchwandert hatte, sogleich wieder das Wort:

»Auf's neue zog nach der Rast von einigen Jahren der kühne Seeheld aus, die Spanier ernstlicher zu bekämpfen. Er befehligte jetzt eine Flotte von dreiundzwanzig Kriegs- und Kauffahrteischiffen, an deren Bord sich zweitausend dreihundert Mann Soldaten und Matrosen befanden, und landete zunächst auf Jamaica, dessen Hauptstadt San Jago er verheerte und ausplünderte; ein gleiches Loos traf San Domingo, ebenso Cartagena, wo Drake zweihundertundvierzig Kanonen davon führte und unermeßliche Beute gewann. Dann überfiel er Sanct Augustino in Florida, zerstörte die Festungswerke dieser Stadt und raubte und plünderte, so viel als nur immer möglich war.«

»Wiederum nach England zurückgekehrt, das sich nunmehr im offenen Kriege mit Spanien befand; ernannte die Königin Elisabeth ihren Ritter Sir Francis Drake zum Befehlshaber einer Flotte von dreißig Schiffen und sandte ihn gegen den Feind. Drake suchte die spanische Flotte im Hafen von Cadiz auf, und verbrannte den dritten Theil derselben. Zum Viceadmiral erhoben und nur unter dem Befehle des Großadmirals von England, Lord Howard, stehend, zerstörte Drake mit diesem im Jahre fünfzehnhundertachtundachtzig auf der Höhe von Dünkirchen die berühmte unüberwindliche Armada fast gänzlich. Drake's Name war so gefürchtet, so zum Schrecken der Spanier geworden, daß ein spanisches Schiff alsobald die Segel strich und sich ohne Gegenwehr gefangen gab, als der Kapitain eines englischen Schiffes ihm durch das Sprachrohr den Namen Francis Drake zurief.«

»Doch genug von dem merkwürdigen und heldenmüthigen Manne, dem Plymouth eine herrliche Wasserleitung und Europa die Einführung der vortrefflichen, in der That unschätzbaren Kartoffeln verdankt« – dieß sprach der Erzähler mit einem Ausdruck unverkennbaren lächelnden Spottes – »ich komme nun auf das von ihm hinterlassene Kleinod zurück, für welches ich schon viel zu lange Ihre gütige Aufmerksamkeit in Anspruch genommen habe. Wo und wann Drake in dessen Besitz gelangte, ist unbekannt geblieben, jedenfalls dürfen wir annehmen, daß der Name York, der sich neben dem des Weltumseglers auf dem Goldplättchen befindet, nicht nach England, sondern nach Amerika deutet, wohin nach seinen großen Siegen Drake abermals mit achtundzwanzig Schiffen, die er und sein alter Lehrer, Freund und jetziger Verbündeter, John Hawkins zum Theil selbst ausgerüstet hatten, zum Kriege gegen Spanien gesegelt war.«

»Wie nach dem lateinischen Sprüchworte: habent sua fata libelli – Bücher ihre Schicksale haben, so hat am Ende alles bestehende auf Erden sein Schicksal, und vorzugsweise haben solche werthvolle Kleinode, wie das vorliegende, häufig sehr seltsame Geschichten. Bisweilen ruhen sie lange in todten Truhen, bisweilen auch wandern sie rasch von Hand zu Hand, und ihre Geschichte muß oft ganze Zeiträume überspringen.«

»Dieser gegenwärtige kostbare Rubin zierte als Breloque den Hut des Weltumseglers lange Zeit und bis zu demselben Tage, es war der zwölfte November des Jahres fünfzehnhundertundfünfundneunzig, an welchem Drake seinen Freund und Gefährten Hawkins durch den Tod verlor, den eine feindliche Kugel ihm entriß. Und kein Unglück kommt allein. Kummervoll saß der Held auf dem Verdeck und beklagte den Verlust des alten treuen Freundes, als, eben wie sein Schiff aus dem Hafen von Porto Rico zu segeln begann, eine Kanonenkugel einen sehr unzarten Besuch an Bord abstattete. Es krachte – der Held stürzte mit Gepolter zu Boden, im jähen Falle flog ihm der Hut vom Kopfe und über Bord. Die bestürzte Mannschaft umringte den Gefallenen, der aber rasch emporsprang, und zur Freude seiner Getreuen sich völlig unverletzt zeigte. Die Kanonenkugel hatte wunderbarer Weise den Befehlshaber nicht versehrt, aber der Hut war fort – er tanzte schon ziemlich weit vom Schiffe auf den bewegten Wellen.«

»Besser der Hut fort, als der Kopf! Lebte nur Hawkins noch!« rief der unerschrockene Held und bedeckte sein Haupt mit dem Hute des ersten besten Matrosen.«

»Spanische Schiffer fischten den Hut auf, gewannen das Kleinod, verkauften es um ein Spottgeld an einen Juden in Porto Rico und aus dessen Händen wanderte zu immer höheren und höheren Preisen dieser herrliche Rubin von einer Hand in die andere, bis er nach Verlauf einiger Jahre in den Besitz des Sultans Muhammed des dritten gelangte, jenes elenden Regenten, der gleich beim Antritt seiner Regierung seine neunzehn Brüder ermorden ließ, um von ihnen unbedroht zu bleiben. Im Schatze der Sultane ruhte der Stein mehrere Jahrzehente, wenn er nicht einen oder den anderen der muselmännischen Turbane schmückte, bis die Huld des Sultan Muhammed des vierten diesen kostbaren Rubin dem neuernannten Hospodar der Moldau, Stephan dem fünfzehnten, schenkte. Dieser schmückte seinen Fürstenhut mit dem Kleinod, und trug des Sultans Gabe selbst dann noch, als er, gereizt durch die nichtswürdige Behandlung eines Pascha's, mit seinem Heere, das er gegen die Polen führte, in offener Feldschlacht zum Feinde überging, und dadurch den Türken eine blutige Niederlage bereiten half. Andere Woiwoden der Moldau traten nun an Stephan's Stelle, keiner aber vermochte sich lange zu behaupten. Demetrius Kantakuzeno, Stephans erster Nachfolger, hielt sich nur drei Jahre; Anton Rosetta, der nächstfolgende, wurde noch schneller durch den Hospodar Dukas verdrängt; als dieser letztere aber mit einem Heere zur Belagerung Wiens aus dem Lande marschirt war, brach Stephan mit einem Polen-Heere verwüstend in die Moldau ein, nahm einige Zeit darauf Dukas selbst gefangen und schleppte ihn nach Warschau. Der Sultan sandte dem abgefallenen und treulosen Woiwoden nun ein Heer entgegen, das ihn aus der Moldau drängte, und mit dessen Hülfe Demetrius Kantakuzeno wieder eingesetzt wurde. Stephan mußte flüchtig werden, und wandte sich nach Kronstadt in Siebenbürgen. Er rettete nichts außer – nebst einiger geringen Baarschaft, seinen Fürstenhut mit dem kaum bezahlbaren Rubin. Bald mangelten ihm alle Mittel zur ferneren Erhaltung; auch ward ihm, der eine Zeitlang unerkannt als Privatmann zu Kronstadt gelebt hatte, die Kunde, daß sein Aufenthalt erforscht und er seiner Freiheit und seines Lebens nicht mehr sicher sei. Da entdeckte er sich einem redlichen Manne, der ihm bei leichter Krankheit ärztlich beigestanden hatte, dem wackeren Doctor Schröter. Dieser Mann war der Sohn des aus Salzungen im Sachsen-Meiningenschen stammenden berühmten Wilhelm von Schröter, welcher Geheimrath und Kanzlar des Herzogs Ernst des Frommen zu Sachsen-Gotha war, vom Kaiser Leopold geadelt und nach Wien berufen wurde, wo er indeß, im Finanzfach thätig, sich zahlreiche Feinde durch die von ihm bewirkten, zum Theil drückenden Finanzverordnungen zuzog, die ihm endlich im Jahre sechszehnhundertunddreiundsechzig gewaltsamen Tod bereiteten. Dem Sohne, der sich dem Studium der Arzneikunde gewidmet hatte, ward durch dieses Geschick der fernere Aufenthalt in Wien verleidet, und er ließ sich in Kronstadt als ausübender Arzt nieder. Seinem Einflusse bei reichen Einwohnern der Hauptstadt Siebenbürgens gelang es, eine nicht unerhebliche Summe baaren Geldes aufzubringen, um welche der gewesene Hospodar seinen Fürstenhut verpfändete, und mit dessen Zurücklassung derselbe nach Podolien flüchtete, wo er bald darauf verstarb, ohne daran denken zu können, seine Kleinodien, deren noch viele andere, obschon weit minder werthvolle, als der Rubin, das Juwelenschild, oder die Agraffe jenes Hutes bildeten, wieder eingelöst zu haben.«

»Der reichste Mann zu Kronstadt war damals der Stadtrichter, ein Herr von Plecker, welcher, dem Doctor Schröter als seinem Hausarzte innigst zugethan, das meiste Geld auf das kostbare Pfand des gewesenen Hospodars dargeliehen hatte. Da nun dieses Pfand verfallen war, und die übrigen Theilhaber ihr Geld nebst Zinsen zurückverlangten, und sich am Pfande schadlos zu halten wünschten, so kam zwischen allen Theilhabern ein vortheilhafter Vergleich zu Stande, indem jene mit anständigen Summen in zufriedenstellender Weise abgefunden wurden, und der Stadtrichter blieb alleiniger Besitzer des Fürstenhutes Stephans des fünfzehnten, vormaligen Hospodars der Moldau.«

»Herr von Plecker starb nach mehreren Jahren, und hinterließ nur eine einzige Tochter als Erbin seines gesammten nicht unbeträchtlichen Vermögens, welche alsbald der Angelpunkt zahlreicher Anbeter wurde, denn der triviale Volkswitz: Geld, Mädel, ich hab' dich lieb! behauptet zu allen Zeiten seine Geltung. Fräulein von Plecker war so klug, lediglich bei der Wahl eines Gatten der Neigung ihres Herzens zu folgen, und so wählte dieselbe statt siebenbürgischer Gespane, edler Szekler, sächsischer oder walachischer Grafen, die sich ihr huldigend zu Füßen legten, einen einfachen kaiserlich-königlichen Lieutenant, der ihr Herz gewonnen hatte, des Namens von der Heyden, welcher ein Bruder oder naher Verwandter jenes berühmten Heinrich Sigismund von der Heyden aus Schacksdorf in der Niederlausitz war, der sich durch die heldenmüthige dreimalige Vertheidigung Kolbergs gegen die Russen während des siebenjährigen Krieges auszeichnete. Leider aber war diese Wahl der liebenswürdigen Besitzerin des Rubins des Weltumseglers für sie selbst insofern dennoch eine unglückliche, als der Ruf Bellona's kurz nach der Vermählung des jungen Paares den Lieutenant von der Heyden nach Schlesien rief, wohin seine Gemahlin ihm folgte. Nur zu bald wurde sie Wittwe; in der für Oesterreich so unglücklichen Schlacht bei Leuthen raffte eine preußische Kugel den jungen Krieger Oesterreichs hin. Die Wittwe erlitt zu diesem herbsten aller Verluste noch manchen anderen durch den Krieg; unbesonnen hatte sie ihr ganzes Vermögen flüssig gemacht, und alle Bande gelöst, die sie an Kronstadt und an Siebenbürgen fesselten; sie blieb in Breslau wohnen, wohin sie sich, um ihrem Gemahl möglichst nahe zu sein, gleich Anfangs gewendet hatte, lebte nun in einer vom Lärme der Waffen fast ohne Unterlaß durchtobten Stadt, und kam fast um ihr ganzes reiches Besitzthum. Dieß führte den Entschluß herbei, sich des todten Schatzes zu entschlagen. Frau von der Heyden zertrennte den Hut des Hospodars, und veräußerte zunächst die kleineren Steine, wobei ihr den verrufene Münzjude Ephraim willig und auf seinen Vortheil bedacht, die Hand bot, derselbe, der die deutschen Länder mit sieben Millionen Thalern schlechten Geldes überschwemmte. Es war in der That die ungünstigste Zeit, Kleinodien hohen Werthes zu verkaufen, allein Frau von der Heyden wollte und brauchte nun einmal statt derselben baares Geld, selbst mit Verlust, um dann in Wien ein ruhigeres Unterkommen zu suchen, und vom Ueberrest ihres wenn der Rubin leidlich gut verkauft wurde, noch immer namhaften Vermögens zu leben. So gedieh es dahin, daß die junge Wittwe, welcher ihr Vater den Rubin als sein werthvollstes Besitzthum noch auf dem Todbette genannt, und sie vor Verschleuderung gewarnt hatte, in jenes verzeihliche Schwanken fiel, dem rathlose Frauen so leicht verfallen, indem sie nun den Stein, so gern sie denselben verwerthet gesehen hätte, überschätzte, und von fabelhaften Summen träumte, die sie dafür zu erlangen hoffte, und dieß noch dazu zu einer Zeit, in welcher jedermann mit Aengstlichkeit das baare Geld zu Rathe hielt, und die stets wache Sorge, wie es in kriegerischbewegten Zeiten zu geschehen pflegt, jede nicht nothwendige Ausgabe zu scheuen gebot. Indessen wurden briefliche Verhandlungen da und dort angeknüpft und es erfolgten auch von einer und der anderen Seite her Gebote, die aber alle nicht annehmlich befunden wurden. Der gewinnsüchtige Agent Ephraim that zuerst ein Angebot von eintausend Species Dukaten, welches natürlich viel zu geringfügig befunden wurde, denn das wäre eine Summe von etwa fünftaufendfünfhundert rheinischen Gulden gewesen; auch wollte er diesen Kaufpreis in Raten zahlen, und es war sehr gut, daß Frau von der Heyden auf dieses niedrige Gebot nicht einging, denn mit einem zu Breslau auffliegenden, von den in die Stadt vom Feinde geworfenen Granaten entzündeten Pulverthurme flog auch Ephraim mit in die Lüfte. Ein besseres Gebot that bald darauf der reichste Juwelier zu Frankfurt am Main; er bot in runder Summe zehntausend Gulden rheinisch, doch auch dieses Anerbieten fand Ablehnung, und mit Recht, denn es war viel zu gering. Noch höher verstieg sich der überaus reiche Fürst Radzivil, Karl Stanislaus, obschon sein Gebot seinem Reichthume einestheils, und dem Werthe des Steines anderntheils ganz unangemessen war; er bot fünfzehntausend Kaisergulden. Endlich langte ein Gebot aus Sankt Petersburg an; Kaiser Peter der dritte wollte den Stein in die Kleinodienzahl seiner Czaarenkrone einreihen; er ließ zehntausend Silberrubel, etwa siebenzehntausendfünfhundert rheinische Gulden bieten. Schon war die Eigenthümerin entschlossen, um diesen Preis sich von dem werthen Kleinod zu trennen, da nicht wahrscheinlich schien, daß von irgend einer Seite her ein höheres Gebot erfolgen werde, und es war nur ein Glück für sie, daß sie sich nicht übereilte, sonst wäre sie um den Stein und höchstwahrscheinlich auch um das Geld gekommen, denn es erfolgte die Ihnen allen bekannte tragische Katastrophe, die der ohnehin so kurzen Regierung jenes jungen Czaaren sein schnelles Ende machte.«

Aufmerksam lauschten Hörer und Hörerinnen den Mittheilungen ihres gütigen Wirthes; dieser machte jetzt abermals eine Pause, und ließ auf's neue Erfrischungen des Nachtisches darbieten, und die Krystallbecher mit den feinsten Desertweinen wieder füllen. Er selbst betrachtete mit sichtbarem Wohlgefallen den Stein, und da er wahrnahm, daß alle Gäste mit der gespanntesten Aufmerksamkeit der Fortsetzung seiner Mittheilungen entgegen hofften, die nun das überraschende Ende finden mußten, nahm er von neuem das Wort:

»In dieser Zeit, meine Hochverehrtesten, war es just, daß ich von meiner Reise nach Indien und China wieder nach Europa zurückkehrte. Ich hatte den Weg vom schwarzen Meere längs der Donau durch Ungarn und Oesterreich genommen, und wandte mich durch Schlesien meiner geliebten nördlicher gelegenen Heimath allmählich wieder zu. Meine aus dem Morgenlande mitgebrachten Schätze ließ ich durch sichere Beförderung bedeutender Handelshäuser gehen, und führte zu mehrerer Sicherheit nur weniges Gepäck und einiges wenige an Diamanten und Perlen bei mir. In Breslau hörte ich von dem Wundersteine reden, den die junge Wittwe eines gebliebenen österreichischen Officiers besitzen sollte, und der bereits im Munde des Volkes gleichsam mythisch geworden war. Ich ließ bei Frau von der Heyden anfragen, ob sie die Geneigtheit haben wolle, meinen Besuch anzunehmen, und erhielt gern die gewünschte Erlaubniß und Einladung. Die junge Wittwe war sehr liebenswürdig, und ich gewann ihr Vertrauen durch Mittheilungen über meine Reisen, so wie durch Vorzeigung mancher in Europa seltenen Kleinigkeiten, die ich zu mir gesteckt hatte. Ich brachte die Rede endlich auch auf ihren Rubin, sie schien dieß jedoch nicht gern zu hören, wurde verlegen, und statt die Bitte, mir denselben zu zeigen, zu erfüllen, zeigte sie sich mißtrauisch, gab vor, sie habe den Karfunkel zu größerer Sicherheit einem Kassebeamten der Regierung als ein Depositum übergeben, legte mir aber gegenwärtiges Bildchen des Juwels vor, das, wie sie sagte, den Rubin ganz treu darstelle.«

Bei diesen Worten zog der Erzähler eine farbige Handzeichnung hervor, und zeigte dieselbe seinen Gästen, und diese mußten sich selbst gestehen, daß die Zeichnung bezüglich der Größe des Steines und aller Zubehör äußerst treu sei, freilich konnte sie das Feuer und die durchsichtige Purpurgluht des Rubins nicht wiedergeben.

»Mir genügte dieses einfache Bildchen einstweilen völlig,« – fuhr der Erzähler fort, als seine Gäste die kleine Zeichnung genügend beschaut hatten: »ich hatte solcher Steine wohl schon einige gesehen, wenn auch nicht von so außergewöhnlicher Größe, und noch weniger von einer geschichtlichen Merkwürdigkeit, wie dieser Rubin. Daß ich den Werth des Steines schon nach dem Abbilde anerkannte und ihn nicht unterschätzte, erheiterte sichtlich die Besitzerin. Ich erzählte ihr, daß ich die größten und reinsten Rubinen, auch von der Größe eines Taubeneies und doch nicht völlig so groß, wie der ihrige, in der russischen Czaarenkrone mit eigenen Augen gesehen habe, und nannte eine Werthsumme, die eine hohe Gluht der Freude auf den Wangen der Eigenthümerin hervorrief, denn jedenfalls übertraf dieselbe die Gebote, welche bisher erfolgt waren, und die ich nicht kannte – voraussetzend, daß ihr Stein völlig rein, durchsichtig, hochkarmoisinroth, nicht etwa amethystfarbig, und ohne Chalzedonstreifen oder diesem Stein ähnelnden Flecken sei. Frau von der Heyden fragte befangen: Wer wird diesen Preis in den jetzigen Zeiten zahlen? worauf ich desto unbefangener erwiederte: Ich, meine Gnädige, Ihr unterthäniger Diener.«

»Sie scherzen mit mir, mein Herr? fragte sie fast unwillig und ich konnte ihr diese Frage nicht übel nehmen. Ich sah mit meiner kleinen, unscheinbaren Gestalt, und in meinem einfachen Anzuge – ich trug nicht einmal einen einzigen Ring am Finger, freilich nicht aus, wie ein Mann, der Juwelen kaufte, welche würdig waren, die Krone des mächtigsten aller Herrscher zu zieren. Frau von der Heyden ersuchte mich, am anderen Tage wieder zu kommen, an welchem ich den Stein sehen sollte. Ich gestehe Ihnen, meine verehrtesten Damen, daß ich diesen Tag und die bestimmte Stunde kaum erwarten konnte; mein Herz schmachtete nach dem Stein und seinem Besitz, wie das eines Liebenden nach seiner Geliebten. Ich benutzte sogleich die mir übrige Zeit, eine genügende Anzahl kleiner Diamanten in baares Geld umzusetzen, um den Handel kurz und bündig abzuschließen. Endlich schlug die ersehnte Stunde; ich eilte nach der Wohnung der glücklichen Besitzerin eines so werthvollen Schatzes, und fand sie meiner harrend. Es war ein würdiger Mann, derselbe Beamte vielleicht, von dem sie gesprochen, bei ihr, und ich konnte diese Vorsicht nur billigen, denn es wäre gewagt und unklug gewesen, wenn sie als wehrlose, allein wohnende Frau, einem ihr ganz unbekannten und fremden Manne den Stein hätte zeigen wollen. Der Rechtsbeistand der Dame fragte mich, ob ich wirklich Lust habe, den Rubin käuflich zu erwerben, und ob ich dabei bliebe, die Summe zu erlegen, die ich der Besitzerin am gestrigen Tage genannt?«

»Wenn der Stein so ist, wie ich mir ihn denke, – antwortete ich: so hoffe ich, sein glücklicher Besitzer zu werden.«

»Frau von der Heyden war bewegt; ich sahe wol, daß es ihr nahe ging, sich von dem letzten Andenken an ihren seligen Vater zu trennen; allein der Stein war und blieb ein todtes Kapital; was ich dagegen bot, war ein Vermögen, von dessen Abzins eine Wittwe ganz anständig leben konnte.«

»Ich sah den Stein, und mein Herz schlug stärker – ich zitterte vor Freude, seine Pracht und Schönheit übertraf meine kühnsten Erwartungen. Ich ersuchte den Freund der Besitzerin, ein rechtsgültiges Kaufinstrument darüber aufzusetzen oder aufsetzen und dasselbe gerichtlich beglaubigen zu lassen, daß der Stein im wohlbedachten Kaufe gegen die benannte Summe in baarem Gelde oder Banknoten mein Eigenthum geworden sei, und es wurde dieses Geschäft zu allseitiger Zufriedenheit glatt und rund abgemacht, wobei ich nicht unterließ, sowol dem Herrn, wie der Dame, als Andenken noch eine Brillantbusennadel von nicht geringem Werthe zu verehren.«

»Dieses ist« – so schloß der Erzähler seinen Bericht: »die Geschichte des vorliegenden Rubins, an dessen Anblick ich mich stets erfreut, und mein Herz erfrischt habe, wenn es matter schlug. Nie bereute ich den Ankauf, der ohngeachtet der Höhe meines Gebotes und meiner Bezahlung doch ein sehr günstiger und höchst billiger war. Ich gebe Ihnen einen Maasstab. Dieser Rubin wiegt einhundertundsiebenundzwanzig Karat. Bei dem Pascha des Sandschaks Wisapur im Ejalet Rumili sah ich zwei Rubinen, deren größter nur einundfünfzig Karat wiegt, und sechzigtausend Thaler geschätzt wird; darauf läßt sich wol ein Vers machen und mein Kauf war – nicht ungereimt.«

Der freundliche Wirth verneigte sich bei diesen seinen letzten Worten ungemein artig gegen seine Zuhörer und Zuhörerinnen, klappte den Deckel der Heliotropdose zu, legte das Bildchen nebst dem des Weltumseglers in die Mappe, und stellte die Dose wieder in die Reihe jener Kästchen, die er kurz zuvor aus einem verschlossenen Raritätenschreine hervorgeholt hatte, damit sie zur Unterhaltung seiner Abendgesellschaft beitrügen.

 


 

 << Kapitel 5  Kapitel 7 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.