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Die Geheimnisse eines Wundermannes. Erster Theil

Ludwig Bechstein: Die Geheimnisse eines Wundermannes. Erster Theil - Kapitel 5
Quellenangabe
authorLudwig Bechstein
titleDie Geheimnisse eines Wundermannes. Erster Theil
publisherW. Einhorn's Verlag/C. A. Hartleben
year1856
correctorreuters@abc.de
senderHerbert Niephaus
created20180917
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4.
Gäste im eigenen Hause.

Es war eine Woche später, als der größte Theil der in jener Gesellschaft versammelt gewesenen Gäste, wie die Gastgeber selbst sich mit anderen Geladenen in dem alten Hause einfanden, das der Professor, mit Ausnahme der Familie seines Dieners, ganz allein bewohnte. Vater und Mutter Leonhard prangten im Feststaate, auch der erwachsene Sohn hatte die Aufgabe, hülfreich und gefällig die ankommenden Gäste zu empfangen und zur Treppe nach den oberen, wunderschön erleuchteten Räumen zu geleiten, wo auf dem Vorsaale der Herr des Hauses sie in Empfang nahm. Wie freudig klopfte Gottfrieds Herz, als auch der wackere botanische Gärtner, welcher dem alten Herrn gar lieb und werth war, mit seiner Hausfrau und dem lieben Besuche der Verwandtin vom Thüringerwalde eintrat, und er Sophie freundlich entgegentreten, den Mantel ihr abnehmen, den stillen verstohlenen Gruß der Liebe mit dem holden Mädchen tauschen konnte. Sophie hatte heute die ländliche Tracht ihres heimathlichen Waldortes abgelegt; sie erschien als städtische Schönheit, voll lieblicher Blüthenfrische eines Naturkindes, etwas befangen zwar durch die ungewohnte vornehme Tracht, in der sie nur eine Verkleidung erblickte, aber sich doch ganz gut in dieselbe findend und in ihr sich ohne steifen Zwang bewegend.

Eigenthümlich, seltsam, fast zauberhaft, wirkte das Betreten der oberen Räume des Hauses, in welchen sich die Gesellschaft versammelte. Ein süßer Wohlgeruch von Harzen und Balsamen des Orients in der glücklichsten Mischung, nichts Hervorstechendes, vielleicht dem einen oder dem anderen Besucher Widerwärtiges – wie etwa Moschus – füllte das ganze Haus. Wer sich aber von der Gesellschaft auf dergleichen angenehme Sinnenreizung, wie sie gewählte Gerüche hervorrufen, verstand, der fühlte doch heraus, daß das Hauptelement dieses Wohlgeruches der kostbare Ambra sei.

Zahlreiche ächt chinesische Lampen und Laternen in verschiedenen Formen verbreiteten eine magische Helle, indem sie die blendenden Flammen der Lichter in durchsichtige, buntbemalte Schirme verhüllten. Kandelaber von ganz fremdländischer Form waren auf allen Tischen aufgestellt, und Schaalen von Milchglas wie von Alabaster umschlossen auch hier des Lichtes volle Strömung. So war es hell in diesen Zimmern und Sälen und doch auch nicht hell, nicht so hell, daß das Auge mit Deutlichkeit die ganze Fülle der Gegenstände hätte überblicken können, die sich in ununterbrochener Aneinanderreihung längs der Wände auf Gestellen, Gesimsen, Consolen und in Glasschränken zusammengesellt fanden.

Für Frauen konnten schon manche dieser Gegenstände etwas Unheimliches und Schauerliches haben, Thierscelette, mumienhafte Gebilde, Misgeburten, Schlangen, Eidechsen und junge Krokodile in Spiritus, ein angeblicher Basilisk, Alraune, riesenhafte Korallen, phantastische Seegewächse, Seespinnen, Tintenfische, große Jerichorosen, ebenfalls eher wie Polypen und Medusen, als wie Kinder der Flora gestaltet, alles das und noch weit mehr, war da aufgestellt – und so war das milde Licht, das grelle Beleuchtung aller dieser Gegenstände verhinderte, auch manchen Schaden nicht sichtbar werden ließ, geeignet, allem Sichtbaren den Eindruck der Fülle und des überraschenden Reichthumes an Hervorbringungen der Natur und Kunst zu verleihen.

Welche nicht sichtbaren Schätze diese Räume außerdem bargen, das ließen zahlreiche verschlossene Schränke, Truhen, Kästchen und Kistchen ahnen; die Münzen, die Mineralien, die Edelsteine, die Gemmen und Cameen und viele andere kleinere Sammlungen.

Der Herr des Hauses war heute wieder ein ganz Anderer, wie ohnlängst. Heute gehörte er nicht einem besonderen Kreise der Gesellschaft, heute gehörte er allen, hatte für jeden freundliche Worte, wußte allen Geladenen Plätze anzuweisen, mit denen sie zufrieden waren, und Denen, die heute ihrer Gewohnheit ein Opfer brachten – denn in diesem Hause zu rauchen, Karten zu spielen, und zu diesen beiden Hochgenüssen Bier zu trinken, daran war gar nicht zu denken – Entschädigungen zu bieten, welche die Größe des Opfers weit überwogen.

Der Professor kannte die Neigungen eines jeden einzelnen seiner Gäste so durch und durch, und wußte sie so anziehend zu beschäftigen, daß er ihnen die Zeit, bis alle Geladenen voll versammelt waren, auf die angenehmste Weise kürzte. Da hatte, ehe man sich's versahe, Schlözer ein Paar unzweifelhaft ächte, durch eine beigelegte Urkunde beglaubigte Handschuhe Gustav Adolfs, von braunem, gesticktem Leder, nicht minder auch ein Bild des tapferen Schwedenkönigs, auf Kupfer gemalt, in Händen, dessen Rückseite das eigenhändig vom Besitzer geschriebene Distichon erblicken ließ:

Regum en atque ducum summus Gustavus Adolphus
Fischero pictus peniculo tenero.

Generalsuperintendent Henke hatte gleichzeitig eine der ältesten, wenigst gekannten Erstlingsschriften Doktor Luthers in der Hand, die ihm, dem gelehrten Kirchenhistoriker, überraschend neu war. Es war: Eyn geistlich edles büchlein von rechter vnterscheyd vnd vorstand. Was Adams vn was gottes kind sei. Wittenberg 1516. bey den Augustinern.

Der Philolog Carpzov sah sich nicht minder, wie Henke, gefesselt durch eine der größten Druckseltenheiten, die ihm je vor Augen gekommen; es war eine Incunabelausgabe der Reden des Cicero an Herennius, ohne Jahr, ohne Druckort, und mit Lettern gesetzt, die keiner der bekannten Officinen des fünfzehnten Jahrhunderts angehörten, und doch war es offenbar ein Druck dieses Jahrhunderts.

Justizrath Häberlin empfing ein Document zu lesen; es war das Statut eines Ordens, welchen Kaiser Matthias begründen wollte, der aber niemals in das Leben trat und dessen noch kein Historiker der deutschen Kaiser- und Reichsgeschichte Erwähnung gethan. Für den Publicisten war dieses Document anziehender, als für irgend Jemand in und außer Helmstädt.

Professor Bode sah man in der Nähe einer Alabasterlampe stehen, und angelegentlich die Blicke auf eine der kostbarsten orientalischen Handschriften richten. Es war eine etwa handbreite lange Pergamentrolle, reich mit Gold und Arabeskenmalerei verziert, am Anfange eine Anrufung Gottes und des Propheten enthaltend, und dann endlose Zahlenreihen – ein türkisch-persischer Kalender, ein Meisterstück der orientalischen Schönschreibekunst.

Der Mathematiker und Optiker Klügel betrachtete ein neues Mikroscop von einer besonderen Zusammensetzung und bisher noch nicht angewendeter Vergrößerungskraft, und der Professor, der einige Augenblicke bei ihm verweilend stand, sagte ihm: »Dieses Mikroscopium, mein hochverehrter Freund und Gönner, ist nach Lieberkühn's neuester Erfindung zwar gebaut, aber von mir verbessert. Lieberkühn's ursprüngliches, bestes Mikroscop vergrößert sechsunddreißigtausend Millionenmal, das meinige aber vergrößert vierundsechszigtausend Millionenmal.« Dem gelehrten und erfahrenen Physiker Klügel blieb der Mund vor Erstaunen offen stehen über diese kolossale Behauptung. Er sagte lächelnd: »Lieberkühn? Ueberkühn! Ich wäre schon mit der sechsunddreißigtausendfachen Vergrößerung ohne die Millionen zufrieden, geehrtester Herr Professor!«

»»Ich hoffe nicht, daß Sie an dem, was ich sage, zweifeln, mein hochverehrter Freund!«« gegenredete mit ruhigster, freundlichster Miene der Hausherr, und zog ein Schubfach, aus dem er eine dünne Druckschrift nahm. »Hier, Verehrtester, lesen Sie diese meine Dissertation von der Gebrechlichkeit des menschlichen Körpers; in ihr finden Sie den mathematischen Beweiß, daß ich die Wahrheit behaupte – einen besseren wird der Mathematiker, nicht fordern, sondern sich vom Schauen zum Glauben bekehren.«

Mit besonderer Gunst sah sich Professor von Crell beehrt. Der Professor liebte ihn, den Enkel seines dankbar verehrten Lehrers Heister. »Mein lieber Lorenz Florenz!« wurde dieser angeredet: »Wie steht es um das chemische Archiv? Ich hätte etwas für dasselbe, allein Tonnen Goldes wiegen das neue Geheimniß nicht auf. Endlich habe ich es – endlich – endlich – nach langen fruchtlosen Versuchen – ich hab's – ich hab's! Verkünde es der Welt, wenn Du willst, oder – verkünde es ihr lieber nicht, denn die Bereitung erfährt sie doch nicht.«

»»Und was, wenn ich fragen darf?«« fragte von Crell in der That gespannt, denn daß es sich hier nicht um etwas Alltägliches handle, das sah jener an den leuchtenden Augen, der begeisterungvollen Lebendigkeit des ganzen Wesens des Professors. Dieser lächelte geheimnißvoll, zog ein kleines Döschen von Dendrachat aus der Westentasche, gab es in Crell's Hand und flüsterte ihm in's Ohr: »Der lange gesuchte, endlich von mir glücklich zu Stande gebrachte grüne Carmin!« und überließ Crell seinem Erstaunen.

Dieser öffnete das Döschen, welches einen zarten grünen Farbenstaub enthielt, den die Lichtflamme nicht, wie manches andere Grün, blau erscheinen ließ, der in leuchtender Schönheit ganz das war, was der rothe Carmin ist, eine unübertreffliche Farbe, eine neue Farbe, welche die Welt der Chemiker, wie der farbebedürftigen Techniker noch nicht kannte.

Aber nicht allein den Männern wußte der mit großer Beweglichkeit durch Saal und Zimmer schreitende, bald da, bald dort erblickt werdende Gastgeber Anziehendes und Fesselndes zu geben, zu zeigen, auch die Frauen gingen nicht leer aus. Jungfrau Dorothea Schlözer, Doctorin der Philosophie, war schon in ein Kästchen herrlicher Römermünzen, in Gold und Silber ausgeprägt, ganz vertieft. Die übrigen Damen bekamen seltene Kolibris, Arbeiten der Südseeinsulaner, Künstlichkeiten aus China und Japan zu betrachten, bis die Stunde schlug, die zum Einnehmen der Mahlzeit bestimmt war.

Eine große, im schwarz gebeizten modischen Gehäuse stehende, mit Figuren verzierte Uhr verkündete diese Stunde, und kaum hatte sie ausgeschlagen, so begann in ihrem Innern ein vollklingendes harmonisches Tonstück, dessen laute und starke Klänge durch alle Zimmer vernommen wurden, so daß die verstreute Gesellschaft sich von selbst nach dem Speisezimmer, darin diese Uhr aufgestellt war, zusammenzog.

Sophie stand mit ihrer Verwandtin, deren Mann, der botanische Gärtner, – eifrig in einem der größten Folianten blätternd, welche jemals gedruckt wurden, im Hortus Eistädtensis, von allem Uebrigen abgezogen war, – an einem kleinen Bergwerk, darin niedliche Bergleute Stufen trugen, andere vor Ort saßen, noch andere karrten, wieder andere ein- und ausfuhren, bewundernd und ganz hingerissen von der Künstlichkeit dieses Kunstwerkes. Alles befand sich unter einer Glasglocke, und wurde von unsichtbaren Kräften und Triebfedern in Bewegung gesetzt, zum höchsten Erstaunen die Beschauer anregend, die so etwas noch niemals gesehen hatten. Jetzt schritt Gottfried an Sophie vorüber, flüsterte den Damen zu: »In den Speisesaal, wenn es Ihnen gefällig,« und zu Sophie gewendet: »Ich werde heute die Ehre und die Freude haben, Sie zu bedienen, welch nie gehofftes Glück für mich!«

Ein süßes Lächeln antwortete ihm. »Säßen Sie doch lieber an meiner Seite!« flüsterte Sophie nur ihm hörbar und wandte sich nur zögernden Ganges nach dem Speisesaale, wo sie einen der letzten, bescheidensten Plätze einnahm.

Gottfried und seine Aeltern versahen mit Hülfe einer ihrer älteren Töchter den Tafeldienst und thaten dieß mit so viel Aufmerksamkeit, Pünktlichkeit und Sorgfalt, daß auch nicht der geringste Fehler vorfiel. Keine Brühe wurde auf irgend ein neues Damenkleid vom maaßlosen Ungeschick gegossen, kein Löffel, kein Messer und keine Gabel fiel klirrend zur Erde, es störte kein Geräusch klappernder Teller das durch des Wirthes und der Gäste sittige Heiterkeit fröhlich belebte Mahl, denn nichts fehlte, um allseitiges Wohlgefallen zu erwecken und zu erhalten. Die männlichen Gäste überboten einander im Ausbringen geistvoller Trinksprüche, die weiblichen an Liebenswürdigkeit, Schalkhaftigkeit und Grazie, und der fröhliche Gastgeber überbot sich selbst an Aufmerksamkeiten für und gegen Alle. Das junge Liebespaar, Sophie und Leonhard, sprach durch Blicke zärtlich mit einander; Leonhard wußte der Geliebten mit Taschenspielergewandtheit manches Kostbare aufzunöthigen, als die Reihe an die Zuckerbäckereien und Näschereien des Nachtisches kam, nebenbei war er mit Aufmerksamkeit bemüht, fleißig die Gläser zu füllen, dieselben auch nicht selten zu wechseln, und so kam auch ein Damenwein an die Reihe, der in hohen Stengelgläsern gereicht wurde. Der Kelch dieser Gläser war glockenförmig, wie jener einer blauen Campanulablüthe, und ruhte auf einem Stengel, der innen von weißen und rothen Spiralen durchzogen war, die um eine feine weiße Säule liefen, welche durchsichtigem Spitzengewebe glich. Die Farbe des Weines glühte im hohen Purpurroth, sein Arom war wie von einer lieblichen Frucht, und sein Geschmack süß und feurig.

»Was ist das für ein Wein, werthester Herr Professor?« fragte, nachdem sie genippt hatte und vom Duft und Wohlgeschmack überrascht worden war, Frau Schlözer.

»Welche herrliche Farbe! Wie Rubin!« rief Frau Henke und hielt ihr Glas gegen das Licht der nächsten Ampel.

»Rubin! Rubin! Ganz richtig, meine Verehrteste!« rief beifällig nickend der Gastgeber. »Was der Rubin ist unter den edeln Steinen, das ist dieser flüssige Ichor unter den Getränken! Wein aus Weinbeeren ist es aber nicht.«

»Er mundet, wie ein äußerst feiner Aquavit,« bemerkte Frau Schlözer: »und ist doch wol kein solcher, es scheint kein Spiritus in ihm enthalten.«

»Doch, hochwürdigste Frau Aebtissin!« so nannte der Professor die Generalsuperintendentin und Gattin des würdigen Abt Henke stets, wenn er in der besten Laune war: »Spiritus, oder besser gesagt Alkohol, ist in jedem geistigen Getränke, sei es Wein, sei es Branntwein, sei es Bier, enthalten, nur die Mengen und die Mischungsverhältnisse sind verschieden, wie ein und derselbe Grundstoff die edeln Steine bildet, denen aber noch dieses Urstoffes größere oder mindere überwiegende und herrschende Härte, Gewicht, Glanz und Farbe die verschiedenen Abstufungen und den verschiedenen Werth geben.«

»Solches begreift sich und ist ein Bild, das sich weiter ausführen ließe!« nahm Henke das Wort. »So geht ein sicheres Grundelement durch allen Glauben, durch alle Wissenschaft, durch alles Leben und Sein!«

»»Möchte solches die Quinta Essentia nennen, wie diesen Götternektar eine Quintessenz edler Säfte, welchem Stoffe der Natur er auch entnommen sei, wenn er nicht aus Trauben träufte!«« sprach Professor von Crell.

» Recte, carissime Laurente Flaurente!« scherzte der Professor.

»Aber nun, meine Hochverehrtesten, was ist's? Trinken Sie und rathen Sie!«

Man nippte, man schlürfte, man schwatzte wol auch ein wenig, zarte Zünglein überfuhren, blitzschnellen Schlänglein gleich, purpurne Lippen.

Die gelehrten Herren, welche des Professors liebe Gäste waren, hatten manche nicht eben wohlfeile Erfahrung gesammelt in Erprobung edler Weine, und es wurden daher verschiedene Beurtheilungen laut. Einer nannte jungen Madeira, ein zweiter Xeres, ein dritter verfiel auf Alicante, endlich rief Crell, der Chemiker, der nicht blos ungenießbare Stoffe zu prüfen verstand: »Ich hab's, ich hab's! Es ist Rivesaltes!«

Der Professor lächelte fein und warf einen sehr vertraulich verschmitzten Blick zum wackern Gaste, dem botanischen Gärtner, hinüber, der schon während des ganzen Gespräches still lächelnd vor sich hin oder von Zeit zu Zeit auf den lebendig angeregten Wirth blickte, während Leonhard d. J. bemüht war, die Vacua in den reizenden Stengelkelchgläsern wieder zu ergänzen.

»Rivesaltes!« wiederholte der Professor. »So, so! Mein wackerer Lorenz Florenz traf die Scheibe, leider aber nur das Weiße – außen herum, nicht den Punkt, nicht einmal das Schwarze. Nein, dieser Trank wächst nicht in Perpignan, und ich hatte ja schon die Ehre zu bemerken, daß dieser flüssige Rubin nicht aus Trauben gekeltert ist, so wie ich hoch und theuer versichere, daß auch nicht ein Tropfen Wein oder Alkohol oder Weingeist ihm zugesetzt worden ist. Auch ist Rivesaltes ein blanker, nicht ein rother Wein. Oder meintest Du, verehrtester Lorenz Florenz, vielleicht Ribes, den catalonischen Rothwein?«

»Ja, richtig, den meinte ich!« rief Crell aus, den die weinkenntnißreiche Ueberlegenheit des Gastgebers einigermaßen in Verlegenheit brachte, jener aber fuhr scherzend fort:

»Auch damit geschähe ein Fehlschuß! Fast möchte ich um meinen Rubin des Weltumseglers wetten, wenn – einen einzigen wackern Mann dieser verehrten Tischgenossenschaft ausgenommen – irgend einer von Ihnen, meine Herren, zu sagen weiß, wo dieser Rubin-Nektar gewachsen ist?«

»Also doch gewachsen – also keine Tinctur – keine Conditormischung aus Syrupen und weingeistigen Essenzen?« fragten sich die Herren unter einander und sannen verwundert über das Räthsel nach, das hier aufgegeben wurde, das so lieblich mundete, so purpurperlend in die Kelche floß und eben so angenehm geistig anregend zu wirken begann, wie der Schaumwein der campanischen Kreideberge.

»Es wird doch wol am besten sein, hochverehrter Herr Professor,« nahm Dorothea Schlözer das Wort: »Sie geben uns dieses mal statt eines Münzschlüssels den Schlüssel zu diesem Weinräthsel, oder zu diesem Räthselwein, und sagen uns selbst, wo derselbe wächst!«

»»Auch beliebte der geehrte Herr College einen Gegenstand als Objectum einer Wette zu benennen, das uns allen sonder Zweifel noch gänzlich fremd ist, will sagen den Rubin eines Weltumseglers!«« sprach Abt Henke.

»Sollt ihn sehen, sollt von ihm hören! Ist ein Kronjuwel meiner Sammlungen!« rief der Professor, überblickte mit blitzenden Augen die ganze Zahl seiner Gäste und fuhr lächelnd fort: »Ich sehe schon, ich behalte meinen Rubin! Aber ich bitte, Liebste, trinken Sie, trinken Sie, wenn mein Rubin Ichor Ihnen mundet, absonderlich Sie, verehrteste Frauen und Demoiselles, auch Sie dort, schalkhafte Demoiselle Sophia aus Benshausen, vom Thüringer Walde, und lassen Sie sich, wenn Sie sich vermählen, von Ihrem gütigen Oheim, der dort an ihrer grünen Seite sitzt, als Hochzeitgeschenk von unserm Nektar ein Fäßlein spenden, nebst der Zauberformel, mittelst welcher gütige Gaben der Mutter Hertha sich durch Einsicht und richtiges Erfassen der Naturkräfte in solche liebliche Süssigkeiten leicht verwandeln lassen.«

Sophie erröthete, und Leonhard erröthete im Stillen mit, denn alle Blicke lenkten sich jetzt ihr zu; der botanische Gärtner lachte herzlich über den Scherz, und der Professor rief in der muntersten Laune:

»Soll ich es sagen, soll ich es sagen, wo dieser Purpur rubineus potabilis wächst, dieser flüssige Karfunkel, dieser Herzichor der alten Erdenmutter Eostar?«

Alle riefen: »Ja! Ja! Bitte, sagen Sie es uns! Wir errathen es doch nicht!«

»Nun denn!« rief der Wirth und hob sein Glas zum Trinken: »aber zuvor – bitte – trinken Sie erst noch einmal, Sie trinken mir hernach am Ende nicht mehr, wenn ich es gesagt habe, denn der lieben Deutschen Art und Gewohnheit ist, das Einheimische zu verachten und das Fremde, tauge es auch den Teufel nicht, hoch zu verehren und theuer zu bezahlen, und es könnte ja vielleicht dieser Ribes – ein Landsmann sein!«

Alle schwiegen, alle lauschten – jeder Blick hing an des Professors Munde.

»Nein – ich sage es nicht!« sprach dieser.

»O wie häßlich! – Das ist garstig – Herr Professor! Bitte! bitte!« klangen die Stimmen der Frauen und Jungfrauen durch einander.

»Ich sage, daß ich es nicht sage!« fuhr der Professor heiter fort. »Ein Anderer soll es sagen. Dort unser lieber Freund, der Priester Flora's und Pomona's. Liebster Gärtner, sagen Sie uns, wo dieser Ribes gewachsen ist?«

»»Im botanischen Garten der löblichen und berühmten Julia Carolina, der Universität Helmstädt!«« rief der am untern Ende der Tafel sitzende Gärtner mit sonorer Stimme, und ein endloses Staunen der Gäste folgte seinem Ausrufe.

»Und die benedeite Pflanze, der er entstammt?« fragte der Professor weiter.

»» Ribes rubrum Linnaei: die Johannisbeere!«« antwortete jener.

»Also doch Ribes! Warst auf guter Fährte, lieber Lorenz Florenz!« spöttelte sarkastisch der Professor; alles lachte und nippte mit neuem Wohlbehagen vom geistigen Safte der deutschen Beere, dem angemessener Zusatz von Wasser und Zucker durch das Mittel der weinigen Gährung ohne einen Tropfen von Farbestoff, Wein- oder Weingeistzusatz zu diesem herrlichen Getränke, namentlich für Frauen, die das Süße lieben, wenn es nicht fad ist, erhoben hatte.

Daß der Professor seinen Gästen mit dieser Eröffnung eine große Ueberraschung bereitete, darf nicht befremden. Zu jener Zeit war man noch bei weitem nicht auf dem Standpunkte angelangt, den chemische Processe und technische Fortschritte der späteren Zeit errangen. Kaum wußte man wirkliche Weine richtig zu behandeln, und die sogenannten Fruchtweine waren noch gar wenig bekannt. Es galt daher noch leicht als ein köstliches und werthes Arcanum, was jetzt jeder Gartenbesitzer übt, falls er daran Gefallen hat, sich einen Trank zu bereiten, der bei festlichen Anlässen und namentlich bei Frauen-Gesellschaften, durch Frische und Lieblichkeit und würzigen Wohlgeschmack den von Weinfabrikanten künstlich zusammengebrauten Lünel, Tavel, Malaga, (aus Rosinenbrühe, Zucker und Weinsteinsäure) oder künstlichen Xeres und Madeira und dergleichen nicht nur weit übertrifft, sondern auch ungleich wohlfeiler, und – was das wichtigste – der Gesundheit zuträglicher ist.

Der gastliche Wirth der anwesenden Gesellschaft war indeß weit davon entfernt, aus ökonomischen Rücksichten seinen Geladenen den im Verein mit dem befreundeten Kunstgärtner erzeugten Nektar als ein Surrogat aufzudringen; er sorgte vielmehr dafür, daß durch manche kostbare Sorte ausländischer Nachtischweine jeder Geschmack und jede Vorliebe befriedigt werden konnte, und wirkte nach allen Seiten dahin, daß jeder und jede nach eigenem Belieben und eigener Neigung genieße und sich der Stunde freue, die zum Genusse vergönnt war.

 


 

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