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Die Geheimnisse eines Wundermannes. Erster Theil

Ludwig Bechstein: Die Geheimnisse eines Wundermannes. Erster Theil - Kapitel 4
Quellenangabe
authorLudwig Bechstein
titleDie Geheimnisse eines Wundermannes. Erster Theil
publisherW. Einhorn's Verlag/C. A. Hartleben
year1856
correctorreuters@abc.de
senderHerbert Niephaus
created20180917
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3.
Eine Abendgesellschaft.

Im Hause des Generalsuperintendenten Abt Henke, Vicepräsidenten des Konsistoriums zu Wolfenbüttel und ersten Professor der Theologie zu Helmstädt war Abendzirkel angesagt, und die Frau dieses Hauses überblickte mit dem Auge eines Feldherrn, der den Schlachtplan prüfend überschaut, das Feld ihrer Thätigkeit in Haus und Küche. Im Spiel- und Rauchzimmer der Männer die Kartentische, die bunten Teller mit aufgehäuften feingeschnittenen goldgelben Kanaster, die langen weißen holländischen Pfeifen, die Fidibusse, die silbernen Leuchter mit Kerzen in ausgefranzten Papiermanschetten, alles in zierlicher Ordnung. Große Steinkrüge voll starken Gerstennektars standen in einem mächtig gebauchten Kühlzuber von blankgescheuertem Kupfer, und ein Credenztisch enthielt nicht minder große Deckelhumpen von Glas mit mancher eingeschliffenen Bilder- und Laubwerkzier.

Zwei andere Zimmer waren für Herren und Frauen zur Unterhaltung bestimmt; Tische geordnet, Sessel und Sopha's passend gestellt, nirgend ein Stäubchen, die Vorhänge blüthenfrisch und blendendweiß und kunstvoll aufgesteckt. Die lange Tafel eines Nebenzimmers trug die Theetassen, volle Zuckerschaalen, Zangen, Löffel, die Bretzeln, Kuchen, Konfecte, die Torten, die Weine. Besonders auf einer dieser Torten weilte der Blick der Frau Henke mit einem gewissen schalkhaften Wohlgefallen.

Das häusliche Abendfest war eigentlich zu Ehren eines sehr lieben Besuches veranstaltet. Ein berühmter Freund der Familie, der Professor der Geschichte: August Ludwig Schlözer (damals noch nicht geadelt) war mit seiner talentreichen trefflichen Frau, und mit seiner blühend schönen, zwanzigjährigen Tochter Dorothea nach Helmstädt gekommen, um eine Zeitlang im Hause des jüngern Freundes auszuruhen von seiner unermüdlichen literarischen Thätigkeit und seinen gehaltvollen Vorträgen, in denen er für Auffassung und Behandlung der Geschichte neue Bahn brach.

Da hatten der Profanhistoriker Schlözer und der nicht minder berühmte Kirchenhistoriker Henke gar manche Idee auszutauschen, und mochten wol sich gegenseitig an einander freuen, da auch Henke nicht auf altgewohntem Wege stehen blieb, sondern mit Freiheit und Frische des Geistes vorwärts strebte, die alte Orthodoxie überflügelte, und den Kampf nicht scheute, welcher damals die Geister aus religiösem, wie nicht minder auf politischem Gebiete bewegte.

Zur Frau des Hauses trat bereits im modischsten Putz, die Freundin, der liebe Gast, Frau Schlözer. Sie trug, wie es schien, ein Bild, von einem feinen Battisttuche überhüllt, und sprach: »Hier bringe ich das Bewußte, wo stellen wir es hin? Wie übergebe ich es ihm?« – »Wir hängen es unter diesen Spiegel, lassen es aber verdeckt!« erwiederte die Henke. »Er wird schon fragen; er kann kein Bild ohne das Verlangen, es anzusehen, erblicken, und wie wird er sich freuen, wenn er erfährt, daß es für ihn bestimmt ist!«

»Wer weiß?« warf Frau Schlözer die Frage auf. »Der alte Hagestolz ist kein Frauenfreund.«

»»Und gegen uns Frauen doch viel artiger, als gegen die Männer. Nie hörte ich ihn über eine Frau ein abfälliges Urtheil aussprechen, und noch vielweniger einer von ihnen hinterm Rücken einen seiner unfeinen Ehrentitel geben, wie Hundeschwanz, Kalbsnase, Nashorn, Katzenmaul und dergleichen, mit denen er gegen die Männer, und am meisten gegen seine Collegen, die Professoren, so äußerst freigebig ist, wenn er von ihnen in Gesellschaft spricht, oder ihrer auf dem Catheder erwähnt!««

»»Das ist ja fürchterlich unsittlich! Ich bitte Dich!«« rief auf diese Entgegnung die Schlözer mit edlem Zorne aus. »Ein so geist- und kenntnißreicher Mann! Wie kann er sich so vergessen?«

»O die gelehrten, die geistreichen, die kenntnißreichen Männer können sich sehr, sehr vergessen, und noch viel weiter, wie der alte Hofrath; so weit, daß sie ihre Frauen prügeln und die Frauen Anderer lieben, das thut er wenigstens nicht, denn er hat keine Frau, und in sittlicher Beziehung ist ihm auch nicht das mindeste Ueble nachzusagen!« erwiederte Frau Henke.

»»Ich bin überzeugt,«« gab die Freundin lächelnd zurück: »daß Du im erstern Punkte nur im Allgemeinen, und nicht aus Erfahrung sprichst. Was den zweiten, besondern Punkt betrifft, so freut mich aus Deinem Munde eine Widerlegung dessen zu hören, was die böse Welt dennoch sagt.«

»»Was wäre das?«« fragte die Generalsuperintendentin gespannt, und schon bereit, den Mann, dem sie wirkliche Verehrung zollte, zu vertheidigen.

»Nun!« lachte die Schlözer: »Die böse Welt sagt eben, daß der Alte in jüngeren Jahren – vielleicht durch besondere chemische Mittel seiner Zubereitung – zur Vermehrung des reichlichen Kindersegens seines Dienerpaares nicht ohne thätige Mitwirkung geblieben sei. Er liebt nun einmal Sammlungen in Fülle.«

»»Du bist gottlos!«« strafte Frau Henke, konnte sich aber dennoch nicht enthalten, den im Geist der Zeit liegenden etwas frivolen Scherz verstohlen zu belächeln.

Das verhüllte Bild wurde an seine Stelle gebracht, während in das vordere Zimmer der Hausherr mit seinem gefeierten Gaste eintrat, und diesen nöthigte, einstweilen Platz zu nehmen. Beide wackere Männer hatten große Toilette gemacht, sie erschienen in alle dem deutschpedantischen Putz, der dem akademischen Lehrer jener Zeit an Gallatagen ziemte: die unvermeidliche Perrücke deckte ihr Haupt, die schwarzseidenen Strümpfe waren stramm gezogen, Schuh- und Knieschnallen funkelten, und die Facetten der blankpolirten Stahldegengriffe blitzten wie Diamanten. Auf dem nächsten Tische lagen neben den neuesten Nummern von Nicolai's allgemeiner deutscher Bibliothek auch jene des Moniteur, an diesem Tage mit der Post direkt von Paris angekommen, und diese letztere Zeitung war es, die sofort die ganze Aufmerksamkeit der beiden gelehrten Freunde auf sich zog, und sie zu lebhaftem Wechselgespräch veranlaßte, das nur erst der Eintritt des ersten Gastes und der bald darauf nach einander folgenden zeitweilig unterbrach. Frau Schlözer hatte die Hausfrau nur verlassen, um mit ihrer lieblichen Tochter gleich darauf wieder in die Gesellschaftszimmer zu kommen, in welche nach einander, theils allein, theils in Begleitung von ihren Frauen, erwachsenen Töchtern und Söhnen nun eintraten: der Professor Johann Benedict Carpzov, als Philolog und Kritiker berühmt, Justizrath Professor Karl Friedrich Häberlin, bekannter Publicist, damals Herausgeber des deutschen Staats-Archivs; Christoph August Bode, als Orientalist ausgezeichnet, und als Uebersetzer mehrerer biblischer Schriften genannt; dann ein auch auf einer Ferienreise in dem ihm lieben Helmstädt zum Besuch weilender akademischer Lehrer, Georg Simon Klügel, Professor der Mathematik und Physik zu Halle, Herausgeber eines Lehrbuchs über Optik und eines anderen über sphärische Trigonometrie, der, vor zwei Jahren noch Professor in Helmstädt, einem ehrenvollen Rufe nach Halle Folge geleistet hatte, und jetzt gekommen war, alte werthe Freunde und Collegen wieder zu begrüßen.

Die Ceremonie des Grüßens und Wiederbegrüßens, gegenseitigen Vorstellens, Verneigens und des Wechselns herkömmlicher Höflichkeiten und Redensarten spielte ziemlich lange, während auch noch der tüchtige Chemiker Lorenz Florenz Friedrich von Crell, Enkel des berühmten Chirurgen und Mediciners Heister, ein noch junger geistesreger Professor eintrat, welcher damals ein chemisches Archiv herausgab, das sich allseitiger Anerkennung und Theilnahme erfreute.

Einige durch Kenntniß und Sitte sich auszeichnende Studirende, als Schüler und Zuhörer Henke's künftige Lichter in der protestantischen Kirche, waren ebenfalls eingeladen, und leuchteten an den Wänden mit aller jugendlichen Schüchternheit und aller theologischen Bescheidenheit, die dem künftigen Candidaten rev. Ministerii so äußerst wohl ansteht. Die Frauen und Jungfrauen gaben Anfangs der Steifheit und Förmlichkeit des Männerkreises nicht nur nichts nach, sondern sie übertrafen ihn noch.

Eine Stunde später sah es schon ungleich gemüthlicher aus in diesem erlesenen Kreise. Die Männer saßen, stark rauchend und Bier dazu trinkend, um die Spieltische und karteten mit Eifer. Die Frauen und Jungfrauen waren um die Theetische gruppirt und die jungen Studirenden weilten in deren Nähe, ebenfalls, vielleicht um dieser Nähe Willen, Thee trinkend, und auf das Verzicht leistend, was doch zu den akademischen Lebensfreuden jener Zeit zählte: Bier, Tabak und Karten.

»Wo er nur bleibt?« flüsterte Frau Schlözer ihrer gastlichen Freundin und Wirthin zu, nachdem sich oft genug und immer vergebens bei jedem hörbaren Aufgehen der Hauptthüre ihr Blick nach dieser hingelenkt hatte.

»So pünktlich er ist in seiner ganzen amtlichen Thätigkeit,« erwiederte ebenfalls leise die Henke: »so wenig ist in Gesellschaft auf seine Pünktlichkeit zu rechnen. Er würde aus der Beichte wegbleiben, so fromm er ist, wenn ein armer Kranker gerade zur Zeit derselben seiner Hülfe dringend bedürfte. Er ist als Arzt vielfach beschäftigt – doch horch! Sieh – wenn man vom Wolf spricht, so kommt er.«

Die vordere Thüre, die in das Herrenzimmer zunächst führte, ging auf, und der Professor, von dem die Rede gewesen, trat rasch ein, grüßte gegen die Dasitzenden, die zum Theil Anstandshalber Miene machten, als wollten sie aufstehen, dieß aber auf einen Handwink von ihm unterließen, und nur der Hausherr erhob sich schnell und vertrat mit Begrüßungsformeln dem durch jenes Zimmer schreitenden Gast den Eingang in das zweite, auf welches jener mit einer gewissen Eile zuschritt, und in dessen Thüre auch schon die Frau vom Hause stand, ihn zu empfangen. Alle Damen erhoben sich grazienhaft so gut sie dieß vermochten, und ehrfurchtvoll von ihren Stühlen.

»Guten Abend! Schönen guten Abend, Herr Generalsuperintendent, Abt und College!« redete der Gekommene den Hausherrn an, ohne auf dessen förmliche Anrede zu hören, und fuhr gleich fort: »Um Gottes Willen, halten Sie mich hier nicht auf! So sehr Sie vom Geiste des Göttlichen erfüllt sein mögen, so spielen wir doch bei Ihnen keine göttliche Komödie und ich brenne nicht, im Purgatorium zu verweilen! Ein schönes Fegefeuer das, Ihre Rauchspelunke!«

Mit diesen Worten ließ der, obschon etwas altmodisch, doch höchst vornehm und gewählt gekleidete feingebaute Mann den Hauswirth zur Seite treten und schritt mit der zierlichsten und doch nicht gezierten Verneigung in das Damenzimmer, wo er sogleich zur Frau vom Hause sich wendend, das Wort nahm: »Ihre Güte möge den säumigen Gast entschuldigen! Ein dringender Fall – eine Lebensrettung – Gott sei gepriesen! Wichtig, höchst anziehend, Schade, recht Schade, daß ich ihn den verehrten Frauen nicht mittheilen kann, aber ich bitte, allseits gütigst Platz zu behalten, ich will keine Störung machen; Sie sehen, ich sitze schon selbst, nun – und Wen habe ich denn hier die Freude zu sehen? Ah, ein Gast des Hauses, Frau Professor Schlözer aus Göttingen! Meine liebwerthe Freundin und Gönnerin!« –

Bald ging der beredte Mann von dem Alltäglichen der Reden, welche insgemein Gesellschaftsgespräche einleiten, zu besonderen und anziehenden Gegenständen über. Er saß, eine Tasse Thee nach der anderen mit größtem Wohlbehagen trinkend, und das appetitliche Backwerk, welches ihm dargeboten ward, keinesweges verschmähend, lebhaft sprechend, in etwas vorgebeugter Haltung am Tische, und seine hellen Augen leuchteten und blitzten unter der hohen und breiten Stirne, von starken Brauen überschattet, nach allen Seiten hin, bald prüfend, bald schlau, bald gutmüthig. Er sprach sanft und leise, aber dennoch äußerst vernehmlich, und es herrschte eine tiefe Stille im Zimmer, wenn er sprach. Diesesmal richtete er zunächst an Dorothea Schlözer das Wort, welche von ihm und seiner reichhaltigen Münzsammlung gehört und derselben Erwähnung gethan hatte. »Sie sind also Münzfreundin, werthe Demoiselle? Das freut mich sehr! Ich vermeide gern von meiner Münzsammlung zu reden, sie bedarf nicht des Lobes, aber wenn Sie mich mit Ihren verehrten Aeltern besuchen, so will ich Ihnen die Sammlung zeigen. Sie werden erstaunen. Man findet selten bei Ihrem Geschlechte Vorliebe für die Numismatik, verbunden mit Kenntniß derselben. Die gelehrteste Münzkennerin unserer Zeit ist die alte Reichsgräfin von Bentink, das heißt, so gelehrt, als einer Frau zu werden möglich ist, sie ist eine reiche Dilettantin. Sie hat einen großartigen prunkenden Katalog ihrer Sammlung mit Nachtrag in drei Bänden drucken und sich von ihrem Lieferanten, dem Niederländer Van Damm schauderhaft anführen lassen, was mir freilich nicht begegnen kann. Abbe Eckhel in Wien hat der Dame vorm Jahre in Briefen ein Licht aufgesteckt, die sie schwerlich an den Spiegel stecken wird. Ich kann neben mir nur noch Eckhel als Münzkenner gelten lassen. Heyne, Rasche, Christ, Richter, Lengnich, alle nichts. Gute Philologen, unpraktische Münzkenner! Golz – auch nichts. Golz und Harduin, dieß sagt auch Eckhel, waren große Gelehrte, mißhandelten aber Fräulein Numismatik arg, sehr arg. Van Damm hat einen mirakulosen Folianten drucken lassen, mit dem er die Sammler bethört, Münzen darin abgebildet, die in der Welt nicht vorhanden sind! Doch ich will die verehrten Damen nicht ermüden, ich glaube die neue Münzkunde zieht Sie Alle mehr an, als die alte.«

»Gewiß, Herr Hofrath! Gewiß, Herr Professor!« riefen mehrere Zuhörerinnen – die Einzige, die gern noch mehr gehört hätte, Fräulein Schlözer, trat zurück, und die Hausfrau rief neckend: »Am anziehendsten wird die Münzkunde immer für Solche sein, welche, wie gewisse Leute, Gold machen können!«

»Aha! Gold machen! Meinen Sie mich, Werthgeschätzte? Wer sagt, daß ich Gold machen kann? Wer sagt, daß ich es nicht kann? Der Mensch kann alles, der Mensch kann was er will. Die Meisten denken, wenn sie vom Goldmachen reden, man mache es nur so aus Blei, es komme nicht hoch zu stehen. Weit gefehlt, meine Damen, das Goldmachen ist eine Arbeit, bei welcher man das Leben einsetzt. Pluto blendete den Plutos. Ich habe in Jugendtagen, als ich Chemie lernte, einmal sieben Tage und sieben Nächte vor dem glühenden Schmelzofen zugebracht, da habe ich gelernt, was der Mensch kann, wenn er will, was er kann. Die Operation erforderte, wenn sie gelingen sollte, ein stets waches Auge. Ich durfte nicht schlafen, und ich habe nicht geschlafen. Ich stellte oder setzte mich so, daß wenn ich einschlief, ich in die Gluth fiel, und der Trieb zum Leben überwand die Forderung der Natur. Nachdem jene schreckliche Feuerwache und Feuerwoche vorüber war, glaubte ich, das Augenlicht zu verlieren, so verletzt waren meine Sehnerven, so furchtbar angegriffen von dem steten Blicken in Kohlengluth und schmelzende Metalle. Aber ich erfand einen Augenstein, der die gestörte Sehkraft schnell wieder kräftigte, und der in alle Pharmakopöen aufgenommen werden würde, wenn ich ihn veröffentlichen wollte.«

»Und so wäre wirklich die Möglichkeit, durch Kunst ächtes Gold hervorzubringen, vorhanden, Herr Professor?« fragte Frau Schlözer wißbegierig.

»Sie werfen eine Frage auf, Frau Professorin!« antwortete der alte Herr, indem er seinen durchdringenden klugen Blick auf sie heftete: »welche bereits einige Jahrhunderte lang gescheidte Köpfe angelegentlich beschäftigt. Die Möglichkeit gestehe ich unbedingt zu, der Gewißheit des Gelingens aber dürften wohl nur wenige Sterbliche sich rühmen. Ich kann Ihnen Proben chemischen Goldes zeigen, ich, und Niemand weiter. Daß ich es selbst gemacht, will ich damit keineswegs sagen. Beehren Sie mich mit Ihrer liebenswürdigen Fräulein Tochter, mit dem Herrn Gemahl.«

»»Da kommt so eben mein Mann, mit dem Generalsuperintendenten, der ihn Ihnen vorstellen will!««

Der Professor erhob sich, die Vorstellung erfolgte, Schlözer sprach scherzend: »Sie scheinen ein großer Weiberfreund zu sein, Herr Hofrath, daß Sie an uns vorüber gleich in das Gynäzeum eilten, und doch sind Sie unvermält geblieben!«

»»Letzteres betreffend,«« war die rasch gegebene Antwort: »so halte ich's mit dem Apostel, der da sagte: Wer freit thut wohl, wer nicht freit, thut noch besser. Sie, Herr Professor, haben wohlgethan, Sie haben eine brave Frau, ein liebenswürdiges, ernstes, der Wissenschaft holdes Kind – was aber ersteres betrifft, so war mein schnelles Wandeln in dieses Zimmer nur eine Flucht aus jenem, denn es leidet mich nicht da, wo ich mir sagen muß: Simson, Philister über Dir!«

»»Sie schmeicheln uns aber auch gar nicht, Sie nennen uns Philister!«« rief Henke lachend aus.

»Ja mit Verlaub, Ihr seid es, Ihr Herren. Euer Tabakrauchen, Euer Biertrinken, Euer Kartenspielen ist schauderhaft philiströs. Und wenn Ihr noch so gelehrt seid, und wenn Euer literarischer Ruhm an die Hörner des Mondes anstößt – Ihr seid und bleibt Philister! Kein wahrhaft genialer Mann raucht Tabak – keine geniale Frau kann es aushalten in eines Rauchers Dunstkreis. – Viele arme Frauen freilich halten aus, duldend, leidend – sie sagen, es beeinträchtige sie nicht, sie sind unwahr aus Liebe oder aber, sie rauchen am Ende selbst, nun – dann sind sie roh. Kartenspielen – pfui – wie geistlos! – bei den Karten muß ich jedesmal an die Kartoffeln denken, es ist so eine geistige Alliteration zwischen beiden, gerade wie die Assonanz des Wortlautes – diese eine dumm machende Knolle, jenes ein dumm machendes Spiel – ächt bäurisch; dort sitzen sie tabakdampfend in der Schänke, trinken Bier, speisen Kartoffeln, und die Toffel – karten.«

Diese drastische Grobheit war mit nichts zu erwiedern, die Art und Weise des Gastes war bekannt; Henke wandte sich mit Schlözer wieder in das Männerzimmer zurück, und sagte zu Letzterem: »Lassen wir ihn, er ist nun einmal ein bizarrer Sonderling! Es kommt ihm nicht darauf an, seine besten Freunde mit einer derben Redensart ins Gesicht zu schlagen, aber er meint es nicht böse, ist Allen hülfreich, und nichts weniger als Menschenfeind, oder ein Feind der Gesellschaft. Er will aber immer nur solche Kreise, in denen er Hauptperson ist, die er unterhält, und da er dieß geistreich thut, so lassen wir ihn überall gern gewähren. Bei den Frauen zumal findet er stets ein williges Ohr, und ungleich mehr Glauben an seine Wunderdinge und Thaten, als bei uns Männern.«

Die gelehrten Freunde gesellten sich wieder dem verlassenen Cirkel zu, und es war dieser Kreis keinesweges ein so philisterhafter, als vorhin der Professor ihn bezeichnen zu wollen schien. Waren es doch lauter Männer, bedeutend in der Wissenschaft und ausgezeichnet durch Charakter und sittlichen Ernst, die diesen Kreis bildeten, die Spitzen der berühmten Hochschule und weit mit Ruhm genannte Gäste.

Neben dem nun einmal beliebten Biere, dem angewöhnten Tabakrauchen, dem angenehm zerstreuenden Kartenspiele waren es einerseits das Wöllnersche, nicht lange zuvor erschienene Religionsedikt, und die dasselbe begleitenden, den Flug geistiger und Gewissens-Freiheit hemmenden Regierungsschritte in Preußen, welche lebhaftes Gespräch hervorriefen. Zahlreiche Schriften waren schon über, für und gegen jenes Edikt erschienen, und Henke unterwarf eine nach der andern einer haarscharfen Kritik und sprach sich mit aller Gediegenheit, die ihm eigen war, über diese wichtige Angelegenheit aus.

Andererseits gaben die Ereignisse in Frankreich, die sich drängten und die Blicke von ganz Europa auf dieses Land lenkten, genug zu reden und zu denken. Man sah hell genug, um das Düsterste kommen zu sehen: eine allgemeine Staatsumwälzung mit allen ihren blutigen Gräueln und ihrem Gefolge von Atheismus, Raubsucht, Mordsucht, Communismus und toller Unvernunft. Professor Häberlin sprach, tiefer blickend, manches prophetische Wort, das später seine Erfüllung fand.

Endlich gaben auch neue Erscheinungen in Poesie und Literatur manche Anregung zu gesprächlichem Meinungsaustausch. Nicolai's Bibliothek, Wieland's deutscher Merkur, auch dramatische Zeitschriften lieferten dazu willkommene neueste Beiträge. Carpzov ließ sein kritisches Licht über die Gesellschaft strahlen, und so schwand in mannichfaltig belebter Unterhaltung die Zeit auf raschen Flügeln dahin.

Der wunderliche Professor blieb im Frauenkreise verweilend, und ließ sich's dort gar wohl sein. Sein Ring mit dem eigenthümlichen Onyx hatte die Augen einer jungen Frau auf sich gezogen. In einer gelblichen Pupille zeigte sich an diesem Ringstein eine bläuliche Iris, und in dieser ein dunkler Stern.

»Das ist ja ein wahrhaftiges Auge!« rief jene Frau.

»Es ist ein Weltauge – daheim habe ich ein ungleich Größeres!« erwiederte der Professor, zog den Ring vom Finger und hielt ihn zum Beschauen näher.

Betroffen wandte sich die Frau zurück – und erröthete. »Das ist ja nicht dasselbe!« sagte sie. »Vorhin war es ja ganz anders!«

In der That war der Stein des Ringes, oder schien dieß mindestens, ein Anderer geworden. Ein weißer concentrischer Kreis bildete jetzt die Einfassung um eine gelbliche Pupille, in der, von einem ganz zarten braunen Kreis umschlossen, ein dunkler Kern zu schwimmen schien – und die Bewundrerin des Steines traute kaum ihren eigenen Augen ob der plötzlichen Veränderung des Weltauges.

Der Professor lächelte, gab den Ring in die Hand der Dame, und im Nu war das früher erblickte Auge wieder sichtbar mit seinem schwarzen Sterne.

Der Stein ließ sich innerhalb seiner Einfassung umdrehen, dieß erklärte jetzt das Räthsel der Doppelerscheinung.

Aber er gab sogleich Anlaß zu neuem Bewundern. In dem Augenblicke, wo der Professor ihn darreichte, wurde der dunkle Stern hell, halbdurchsichtig wie edler Opal schimmernd, und die ihn umgebende Pupille wurde dunkel. »Halten Sie das Auge gegen das Licht!« sprach der Professor. »Sehen Sie, der helle Kern, das ist die Sonne, der breite dunkle Kreis ist der Raum, in dem die Planeten kreisen, der äußerste schmale helle Kreis, der diesen Raum umgiebt, das ist der Fixsternhimmel, oder – wenn Sie, lieber wollen, der Feuerhimmel, das Empyreum, und deshalb ist dieser Stein Weltauge genannt, denn wie der Mensch das Ebenbild Gottes ist, so spiegelt sich im Menschenauge das All der Welt.«

Dieses artige Experiment fesselte die ältere, wie die jüngere Frauenwelt, der Ring des Professors ging von einer schönen Hand zur anderen.

»Nein, was Sie nicht alles Schönes und Seltenes haben!« rief die Hausfrau anerkennend aus.

»Ich habe siebenzehn verschiedene Sammlungen, und in jeder Bestes, Seltenstes, Auserlesenstes,« gab der Professor zur Antwort und begann diese Sammlungen einzeln herzuzählen, während mehrere der Herren, angelockt von den Ausrufen der Verwunderung über den Ringstein, in das Zimmer traten, darin diese lebhaft gewordene Gesellschaft sich befand. Aufmerksam hörten Frau Henke, Frau Schlözer und deren Tochter zu, als ein Sammelzweig nach dem andern: Thiere, Münzen, Bilder, Kupferstiche, Bücher, Automaten, physikalische, optische, astronomische Instrumente, Kleidungsstücke und Geräthschaften berühmter Menschen, antike Steine, Ethnographika und so vieles genannt waren, und als der Professor mit seiner Aufzählung zu Ende war, rief Frau Henke triumphirend:

»Und Etwas haben Sie doch nicht, Herr Professor!«

»»Keine Sammlung von Frauen, nicht Eine!«« erwiederte sarkastisch der witzige Mann, und die Männer lachten.

»Wer möchte Ihnen das zumuthen!« versetzte die Henke. »Die meine ich nicht. Sie haben keine Broderien.«

»»Prüderieen habe ich nicht, eben weil ich keine Frauen habe,«« wortspielte der Professor: »aber Broderien kann ich aufzeigen, diese gehören zu den Bildern, und zwar zu meinen liebsten Bildern, von zarten Frauenhänden mit der Nadel gemalt.«

»»Siehst Du, liebe Freundin! Wie fein unser Herr Professor weibliche Kunstfertigkeit schätzt und beurtheilt?«« richtete Frau Henke an Frau Schlözer das fragende Wort »Mit der Nadel gemalt – kann man den Ausdruck sticken geistreicher umschreiben?«

»Schon der römische Dichter Ovid gebrauchte dieselbe Metapher,« lehnte der Professor dieses Schmeichelwort von sich ab.

»Ich besitze drei herrliche Stickereien einer Prinzessin von Braunschweig. Christi Taufe im Jordan, und noch zwei andere Stücke.«

»»Das ist Schade, da komme ich nun zu spät; mit Prinzessinnen kann ich mich nicht in die Schranken wagen.«« warf Frau Schlözer hin.

Der Professor hatte schon einigemale nach dem Spiegel und nach dem unter diesem hängenden verhüllten Bilde geblickt, und da jetzt der Blick der Sprechenden auch dorthin fiel, so nahm er mit sicherer Voraussetzung das Wort und sagte: »Den Ausdruck zu spät liebe ich nicht, erkenne ihn nicht an. Man kann zu allen Zeiten Gutes und Schönes thun und Gutes und Schönes empfangen.«

»»Ja wohl, besonders empfangen!«« unterbrach neckend Frau Henke. »Sammler lassen sich gern Schönes schenken!«

Der Professor ließ sich nicht irre machen durch die Neckerei. »Ich möchte fast wetten,« sprach er: »daß dort unterm Spiegel eine schöne Stickerei hängt, und daß Frauengüte mir dieselbe zum lieben Andenken zugedacht hat! Ich bitte, jenes Bild zu enthüllen und unserer Bewunderung Preis zu geben!«

»»Salomo der zweite mit dem Zauberring, der ihm alles sagt!«« rief Frau Henke aus, während ihre Freundin aus der Tochter Hand, die das Bild schon von seiner Stelle genommen und enthüllt hatte, dasselbe empfing.

»Nehmen Sie diese kleine Arbeit meiner Hand und Nadel, Herr Hofrath!« sprach Frau Schlözer, indem sie das Bild dem Professor darbot: »als ein Zeichen dankbaren Andenkens. Sie haben mir meinen lieben Mann durch Ihre Verordnung, die Sie, ohne ihn leidend zu sehen, mir auf meinen Brief und die Schilderung seiner Krankheit sendeten, nachdem alle Aerzte Göttingens ihn aufgaben, erhalten, gerettet. Ihre Mittel thaten ein Wunder an ihm. Sie sind selbst, was ich bildlich darzustellen, mit schwacher Kraft versucht habe.«

»»Ein Aesculap!«« wurde bewundernder Ausruf rings im Kreise der Gesellschaft laut.

Die Stickerei stellte den Gott der Heilkunde in halber Figur dar, und bildete ein 5 Zoll im Durchmesser haltendes Rund unter Glas und goldenem Rahmen. Die Arbeit war wunderbar fein und trefflich, über die linke Schulter hing ein Stück rothes Gewand, die rechte war entblößt. Die Zeichnung war vollendet schön und die Farben der Fleischtöne, des Haares und Bartes höchst natürlich ausgedrückt. Das Bild schien zu leben.

»Wie soll ich für diese große Güte und Aufmerksamkeit danken, meine vortreffliche Gönnerin und Freundin!« rief überrascht der Professor aus, indem er sich erhoben hatte, in einer Hand das Bild haltend, und mit der anderen die der lächelnden, aber innerlich von einem edlen und reinen Gefühle der Dankbarkeit bewegten Geberin küssend zum Munde führte. »Diese Kunst übertrifft, was ich bisher sah und besaß!« rief der Empfänger bewundernd aus: »dieses Bild nimmt den ersten Rang ein unter den Arbeiten ähnlicher Art! Es soll mich so lange ich noch lebe, täglich an seine treffliche Spenderin erinnern.«

»»Und gewiß auch ein Distichon erhalten?«« fragte aus dem herzudrängenden Männerkreise die Stimme Henke's.

»Ein Distichon, das versteht sich, und auf der Stelle!« rief freudig der Professor aus, zog rasch ein Schreibtäfelchen, und schrieb mit jagendem Bleistift. Im Nu war er fertig – Stille lagerte sich über den ganzen Kreis und mit seiner wohltönenden, angenehmen Stimme las er sogleich laut vor, was er geschrieben:

»Quarta Charis tabulam hanc acu Schloezeria pincit,
Docta sororum qua concitat invidiam.«

»Ach das ist ja lateinisch, das verstehen wir Frauen nicht!« riefen mehrere Damen.

»Es bleibt auch besser unübersetzt und erspart meiner Frau die Schamröthe über allzugroßes Lob!« wurde Schlözers Stimme laut.

»Siehst Du den Neid der Männer! Nicht einmal loben soll uns Jemand!« lachte Frau Henke.

»Nun meine jungen Herren!« rief Professor Carpzov: »Wer von Ihnen übersetzt den werthen Damen dieses lateinische Distichon gleich aus dem Stegreif in ein deutsches?«

Die jungen Herren, meist angehende Theologen, standen verlegen; auf des Bildempfängers Gesicht strahlte eine siegreiche Heiterkeit, und er lispelte vor sich hin: »Werden's wohl bleiben lassen.«

Aber da rief Professor Bode, der geübte Uebersetzer aus ungleich schwereren Sprachen heiter und laut:

                   

»Seht, der Grazien vierte, die Schlözerin, stickte dieß Bildniß,
Welche Kund'ge den Neid ihrer drei Schwestern erregt.«

»Bravo! Bravo! Schön! Schön! Herrlich gesagt!« jubelten Männer und Frauen durch einander, während hohe Gluth die noch blühenden Wangen der kunstbegabten Gattin Schlözers überpurpurten.

Man schritt zur Abendtafel, die von Scherz und Heiterkeit belebt war; der Professor erhielt seinen Platz zwischen Frau Schlözer und deren Tochter und war außerordentlich vergnügt und unterhaltend. Er leerte seinen Becher mit auserlesenem Weine ungleich häufiger als jeder andere der anwesenden Männer, blieb sich aber in froher Laune völlig gleich, ohne aufgeregter zu werden, oder in freierer Rede Gedanken zu offenbaren, welche die Sitte in Schweigen zu fesseln gebietet.

Seine verehrte Nachbarin, eine große Freundin der Mäßigkeit, und dieselbe auch an ihrem Manne gewohnt, sah mit steigender Angst, wie der Professor ein Glas nach dem andern, ja eine Flasche nach der andern in behaglicher Ruhe leerte, ja sie wagte endlich die schüchterne Frage: »Lieber Herr Professor! Wird es Ihnen nicht zu viel?«

»Ihr Wohl, meine wahrhafte Gönnerin!« rief der Professor, hob vor ihr sich freundlich verneigend das gefüllte Glas mit 1783r Rheinwein, und leerte es dann auf einen Zug.

»Fürchten Sie ja nichts, ich werde nie betrunken, war es in meinem Leben nicht. Ich habe auch darin eine bevorzugte Natur, um die mich meine Studiengenossen in Jena nicht wenig beneideten; ich trank alles unter die Tische, was sich mit mir in den Trinkkampf wagte. Man muß nur keinen schlechten Wein trinken, und unser wackerer Gastfreund Henke hat, wie bekannt, einen trefflichen Keller. Er soll leben, der Edle, Er und seine brave Hausfrau!«

Dieß sagend, hatte sich der Professor den grünen Römer schon wieder voll geschänkt, klang an auf das Wohl des Freundes, und leerte wieder den Becher bis zur Nagelprobe.

»Es giebt eine Reihe schöne Künste,« fuhr der Professor zu dem ihm gern lauschenden Kreise seiner Tischnachbarn fort, »die ich stets geliebt und wohl geübt, obschon sie als solche nicht in den Handbüchern der Aesthetik stehen. Fechten, Reiten, Tanzen und Trinken. In allen habe ich anerkannte Proben gegeben, und in allen traue ich mir, noch jetzt zu leisten, was ein Jüngling leistet. Wollen Sie, wenn Sie sich nicht scheuen, gefälligst meinen Arm befühlen?« wandte der Sprecher sich an seine Tischnachbarin, indem er den zarten Arm vor sie hinstreckte. Sie that es mit einiger Schüchternheit und sprach erstaunt und überrascht: »Fest, wie Eisen!« – »»Richtig gesagt! Fest wie Eisen!–«« wiederholte der Sechziger. »Der stärkste Mann biegt mir diesen Arm nicht, wenn ich ihn nicht biegen lassen will. Ich ziehe noch den Stiefel der Luftpumpe, wenn keiner der jungen kräftigen Zuhörer in meinem physikalischen Collegium ihn mehr zu ziehen im Stande ist. Ich hebe die schweren Guerickischen Halbkugeln mit einer Hand vom Tische, was keiner der jungkräftigen Herren Studenten mir nachzuthun vermag.«

»Als ich in Neapel war« – fuhr der Professor fort, erfreut, zu gewahren, wie man allgemein auf ihn sah, auf seine Mittheilungen lauschte: »besuchte ich die königliche Reitbahn, denn das Pferd ist das edelste aller Thiere, wie es das Schönste ist, dem Menschen am nächsten, daher auch die Mythe der klugen Alten mit tiefem Sinne im Kentaur Mensch und Pferd zusammenschmolz. Da führte der Stallmeister einen wilden Neapolitaner-Hengst aus dem Stalle, der sich furchtbar bäumte und ungebehrdig stellte. Der Mann, der geschicktesten Reiter einer, vermochte gar nicht, aufzusitzen, das Pferd stieg kerzengerade in die Höhe, schlug aus, biß, war wüthend. Ich trat hinzu, und sagte: Erlauben Sie, daß ich das Pferd reite! Der Stallmeister, ein großer athletischer Mann, sah etwas verächtlich auf meine nicht hohe Gestalt, auf meinen etwas schmächtigen Körperbau, und ich sah es ihm an den Augen an, daß er dachte: Du deutscher Knirps wirst schön in den Sand fliegen. Wahrscheinlich um sich und die zahlreich um die Brüstung der Bahn gereihten Zuschauer dieses vergnüglichen Anblickes froh werden zu lassen, gab er mir die Zügel. Ich wendete das Pferd und führte es – und siehe – Staunen lagerte sich über die Menge, es folgte mir, wie ein Lamm. Jetzt ließ ich es stehen, klopfte ihm an den Hals, flüsterte ihm ein Wort zu, saß auf, gab ihm die Sporen, und hussa, da flogen wir dahin, wie zusammengewachsen die lange Arena hinauf, schnell gewendet, wieder herunter, wieder hinauf! Jubel, Beifallsturm, Händeklatschen ohne Ende. Jetzt stieg ich ab, umtost vom Jauchzen der Zuschauer: Eviva il divino Tedesco! Eviva! Eviva! – Dankend gab ich dem Stallmeister die Zügel wieder in seine Hand – der Mann stand ganz verwirrt, und ich schritt von dannen.« –

»Schon am Abende war ganz Neapel voll von der Kunde dieses Ereignisses, man zeigte mit Fingern auf mich. Il cavaliére ardito tedesco, der verwegenkühne deutsche Reiter.«

»Ja, staunen Sie nur, meine Damen und Herren; es ist, wie ich Ihnen sage, aber ich sage Ihnen auch das Geheimniß, damit Sie mich nicht für einen Zauberer oder Aufschneider halten. Das Pferd war gut, und der Stallmeister war ein Eselsschwanz. Das Pferd scheute vor seinem eigenen Schatten, und jener nahm das nicht wahr. Ich stellte es mit dem Kopfe gegen die Sonne, und wendete es so rasch und kurz, daß es gar nicht Zeit hatte seinen Schatten zu sehen; gut reiten konnte ich, und wahrlich, nie ritt ich stolzer und besser, als auf diesem Roß.«

»Am andern Morgen brachte mir ein königlicher Reitknecht das herrliche Pferd zum Geschenke, und ich übersandte der Königin eine Toilette mit Parfüms, die den Geldwerth des Pferdes dreimal aufwogen.«

Ob sich in der Gesellschaft der Zuhörer keinerlei Zweifel gegen die Wahrheit dieser Geschichte erhob, ist nicht zu sagen, laut aber wurde keiner.

Jetzt bot Fräulein Schlözer, welche die Hausfrau im Herumreichen unterstützte, dem Erzähler zu neu aufgesetztem Nachtischwein von einer kostbaren Torte an; er nahm sich gleich zwei Stücke auf seinen Teller, trank, und aß Torte mit großem, sich stets gleichbleibendem Appetit. Gleich darauf geschah ihm ein kleiner Unfall, er zerbrach aus Versehen ein Glas, und wurde darüber sehr bestürzt, denn die Furcht, es könne Jemand glauben, er sei nicht mehr taktfest, trieb ihm das Blut in das sonst so heitere, aber blasse Gesicht.

»Ich weiß nicht – ich weiß nicht –« sprach er verlegen.

»O bitte, lassen Sie den kleinen Schaden, liebster Professor! langen Sie zu; meine Torte, die ich selbst gebacken, scheint Ihnen zu munden!« ermunterte Frau Henke mit heimlichem Lächeln.

»Diese Torte!« entgegnete er. »Sie schmeckt zwar gut, aber was ist das für eine Torte?«

»Wenn Sie es nicht ungütig nehmen wollen – Kartoffeltorte.« – »»Sehen Sie, Frau Generalsuperintendentin, daß dieses Zeug dumm macht! Daß ich Recht habe! Das haben Sie mir zum Tort gethan! Warten Sie! – Hätte ich diese Torte nicht gegessen, so wäre ich nicht so ungeschickt gewesen. Ich irre mich nie! Es ging mir im Geiste vor. Ich wünsche, daß Ihnen Ihre Kartoffeltorte recht gut bekomme!«« – Man lachte sehr, der Professor lachte mit – aber ehe man sich's versah, war er verschwunden; Niemand hatte bemerkt, daß er aufstand und die Gesellschaft in aller Stille verließ. Als man es wahrnahm, schlug eben vom Thurme der nahen Kirche die Stunde der Mitternacht.

 


 

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