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Die Geheimnisse eines Wundermannes. Erster Theil

Ludwig Bechstein: Die Geheimnisse eines Wundermannes. Erster Theil - Kapitel 3
Quellenangabe
authorLudwig Bechstein
titleDie Geheimnisse eines Wundermannes. Erster Theil
publisherW. Einhorn's Verlag/C. A. Hartleben
year1856
correctorreuters@abc.de
senderHerbert Niephaus
created20180917
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2.
Geheime Liebe.

In einem kühl überschatteten Rund, von blühenden Spiräen und Pfeiffenstrauch umgeben, einem einsamen Plätzchen ganz am Ende des botanischen Gartens, stand ein Arbeittischchen, und an diesem saß mit einer Näherei beschäftigt, ein blühendes Mädchen mit großen blauen Augen, goldblondem Haar und einer lieblichen ebenmäßigen Fülle des Körperbaues. Das erwähnte Haar umwallte aber keineswegs das jugendfrische Antlitz dieses siebenzehnjährigen Naturkindes in Lockenströmen, sondern es war gefesselt von einer ländlichen Haube, zu welcher auch der ganze, sehr reinliche, ja vielleicht reiche Anzug stimmte. Eine Städterin war das nicht, kein Gedanke irgend einer »Frisur« an ihr zu entdecken, weder am Kopf, noch am Kleid, und eine Einheimische war sie ebenfalls nicht, auch nicht vom Lande um Helmstädt, ganz anders, ganz fremdländisch erschien ihre Tracht.

Es war dieselbe Abendstunde von sechs bis sieben Uhr, in welcher im vorderen Theile des botanischen Gartens der gelehrte Professor sein Collegium las, darin seine Zuhörer wenn auch nicht eben viele Botanik, doch gar manches andere Wissenswerthe lernten, denn stets wußte jener Mann Belehrendes, stets Neues und oft Ueberraschendes zu sagen, stets hatte er für das was er sagte, Beweiße vor Augen zu legen, wenn irgend in der Brust eines Hörers sich ein leiser Zweifel an der Wahrheit des Gesagten regen wollte, darunter die kostbarsten Apparate und Instrumente, die merkwürdigsten Naturproducte, und hätte ein Zuhörer der heutigen Vorlesung, wenn ein völlig freier Vortrag ohne Zugrundelegung eines Collegienheftes so genannt werden kann – Wunsch und Verlangen ausgesprochen, die Schlange mit dem Menschenantlitz zu sehen, so würde das den alten Professor nicht im Geringsten in Verlegenheit gesetzt haben.

Je mehr von der bezeichneten Abendstunde dahinfloß, je mehr gab sich im Wesen der einsamen Schönen eine süße Unruhe kund, die liebliche Röthe ihrer blühenden Wangen wuchs wie die Abendröthe wächst, je weiter die Sonne hinabsinkt, fast bis zur Gluth. Sie versuchte, diesen Geist der Unruhe mit dem Zauber des Gesanges zu bannen, und sang die Strophe eines thüringischen Volksliedes mit zärtlicher Melodie und mit vollem frischen Wohlklang ihrer jugendlichen Stimme.

                   

»Du – Du – liegst mir im Herzen –
Du – Du – liegst mir im Sinn;
Du – Du – machst mir viel Schmerzen,
Weißt nicht, wie gut ich Dir bin!«

Die Sängerin stockte – hatte das Lied vielleicht keine zweite Strophe, da die erste so viel, da sie alles sagte, oder ließ die Unruhe der Erwartung sie nicht weiter singen? Die Uhr war Schuld, die Thurmuhr, welche eben zu vierteln begann, und ausschlug – die siebente Stunde. Ein freudiger Schreck, das süße jungfräuliche Bangen, den Geliebten nahen zu wissen.

Und noch hatten nicht alle Uhren der Thürme Helmstädts ihre Schuldigkeit gethan, so schallten Tritte auf einem Seitengange durchs Bosket, so rief, aus dem Spiräengebüsch tretend, ein junger Mann: »Guten Abend, Jungfrau Sophie!« und erbebend, mädchenhaft verlegen, flüsterte die junge Schöne: »Guten Abend, Herr Leonhard.«

»Ach, laß den Herrn hinweg, Liebe!« bat der Jüngling, der nach der Hand des Mädchens faßte, die sie ihm schüchtern ließ. »Ich würde sagen, nenne mich bei meinem Vornamen, wenn mein Vatername nicht schöner klänge als jener.«

»Und wie heißen Sie mit dem Vornamen?« fragte Sophie, indem sie den freundlichen Blick fest auf ihren Verehrer richtete.

»Wie ein alter Studentenrock!« erwiederte Jener: »Gottfried.«

Sophie lächelte.

»Sie lachen! Ja leider ist das ein Name, bei dessen Nennung man in jedem Gesicht ein leises Zucken der Mundwinkel wahrnimmt.«

»Gott ist doch das Höchste, und Friede das Beste,« entgegnete gefühlvoll Sophie.

»Aber Gottfried nicht das Schönste!« gab der schlanke junge Mann zurück, derselbe, der als Zuhörer im Studentenkreise des botanischen Collegiums gesessen, dem des Professors forschende Blicke gegolten, dessen Gedanken zugleich bei jenes Vortrag und in diesem traulichen Winkel des Gartens geweilt hatten.

Es war wundervoll schön und still in dieser heimlichen, grünen Garteneinsamkeit. Nachdem es sieben Uhr geschlagen hatte, und die Studierenden hinweggegangen waren, verließen auch die Gehülfen und die Arbeiter die raumvolle Anlage, der Garten blieb ganz einsam. Die graue Grasmücke ließ wunderschön ihren füllereichen Gesang erklingen und in den Büschen hörte man von Zeit zu Zeit eigenthümliche Vogelstimmen, die halb wie Angstschreie, halb wie Gezänk klangen, und von jungen, im letzten Lenze erst ausgebrüteten Nachtigallen herrührten, die einander durch die Zweige jagten.

»Wer gab Ihnen den Ihnen so unlieben Vornamen?« fragte das junge Mädchen, die das Gespräch nicht stocken lassen zu wollen schien.

»Wer anders, als der alte Herr, mein Pathe, der Professor, aus dessen Collegium ich so eben komme, welchem Collegium ich beiwohnen darf, beiwohnen muß, ohne eigentlich Student zu sein; der Gebieter meines Vaters, der Erhalter unserer ganzen Familie, dem wir Alle Dank, Verehrung und Liebe schuldig sind, und sie ihm auch aufrichtig zollen, der aber doch –«

Hier stockte der junge Mann, und erröthete.

»Nun? Sie schweigen?« fragte Sophie forschend.

»Dieser wunderbare Mann weiß alles, erfährt alles, sein Blick dringt tief in das Innerste!« fuhr der Jüngling fort. »Fast möchte man sich versucht fühlen, zu glauben, die alten Märchen vom Krystallschauen und zauberischen Spiegeln, in denen der Besitzer alles erblicken kann, was er erblicken will, seien keine Märchen – hat er doch der seltsamen Instrumente so viele, deren Gebrauch nur er allein kennt. Ich will darauf wetten, liebe Sophie, er weiß bereits, daß wir uns gut sind, daß ich Dich liebe, Dich, des Gärtners Nichte, Dich, Du liebes Thüringerwaldmädchen, Dich, Du Wunderblume in diesem Garten!«

»Hören Sie auf, Herr Leonhard! Ich bitte!« rief Sophie. »Wohl bin ich ein Mädchen vom Thüringerwalde, aber nur eine einfache Wiesen- durchaus keine Wunderblume; schlicht und einfach in meinem Wesen, ein Kind der Natur, und beim guten Oheim zum Besuch. Sie sahen mich hier im Garten, näherten sich mir freundlich, flößten mir Vertrauen ein. Sie wurden mir lieb, ich Ihnen. Sie haben so schöne Talente, Leonhard, Sie zeichneten und malten mir nette Bilder, schnitten mir hübsche Sachen aus, brachten mir gute, wohlriechende Dinge in Büchschen und Fläschchen mit, die ich nie sah und roch, und wollten mir auch Schminke geben, wenn ich deren bedürfte, aber dem Himmel sei Dank, dieses Bedürfniß überlasse ich den Stadtdamen.«

»Alle diese Dinge, die Odeurs und Parfüms fertigt der alte Herr, und spendet uns gern davon,« erwiederte Leonhard. »Die Schminke, die Sie erwähnen, ist der feinste Carmin, den er erfunden hat, indem er die früher bekannte Fabrikation dieser theuern und beliebten Farbe wesentlich verbesserte. Heute zeigte er uns aber eine von ihm ebenfalls erfundene chinesische Schminke, die uns wie ein Wunder erschien, und deren Feinheit so eigenthümlich zart ist, daß sie gleichsam substanzlos erscheint, wie ein Hauch auf einem Kartenblatt, goldgrün glänzend und mit befeuchtetem Finger berührt, diesen wunderschön röthend.«

»Sie erzählen kaum Glaubliches!« sprach das junge Mädchen staunend. »Aber was Sie vorhin erwähnten, könnte mich beunruhigen – er wird Ihnen zürnen um meinetwillen – und dann auch mir, er wird meinen Oheim bewegen, mich bald wieder nach Hause zu senden – und ich werde gehen müssen und –«

Sophiens Augen wurden feucht, ihre Stimme erbebte. »Und Dein Herz wird hier zurückbleiben!« rief Leonhard ergänzend und freudig aus. »Und mein Herz, meine Liebe, werden Dir folgen über alle Fernen! Ich schwöre es Dir, Sophie, daß ich redlich streben werde, Dich zu erringen, Dich einst die Meine zu nennen. Der alte Mann liebt mich, vielleicht mehr als ich verdiene, er hat mich im Auge, mehr als ich ihm danke. Er beweißt mir das väterlichste Wohlwollen, aber er paart es mit väterlicher Strenge. Gar oft weilt sein Blick auf mir mit eigenthümlichem Ausdruck. Keines von meinen jüngeren Geschwistern darf sein Zimmer betreten, nur der Vater, die Mutter und ich dürfen darin säubern. Vater und Mutter sind treue, schlichte Menschen, sie haben keine Kenntniß von den hohen und kostbaren Dingen, mit denen der alte Herr sich umgeben hat, mit den mannichfaltigen Sammlungen, die so reichen Stoff zur Belehrung bieten. Mir aber lehrt er täglich Neues; es freut ihn, daß mein Sinn sich dem Naturstudium zulenkt. Dennoch scheint er zu mißbilligen, daß ich Jäger, Forstmann werden will. In diesem Fach, meint der alte Herr, sei zwar dereinst noch viel zu leisten, die Forstwissenschaft liege noch in der Wiege, aber es sei kein Fach für mich. Und doch muß ich jeden Sommermorgen hinaus und botanisiren, und von Zeit zu Zeit hinüber auf den Harz, um dessen Pflanzen zu sammeln und kennen zu lernen und für das Herbarium einzulegen, auch Vögel und kleine Thiere muß ich schießen und ausstopfen. Du solltest unser Naturalienkabinet sehen, liebe Sophie! Mehr als zweihundert Stücke habe ich schon mit eigener Hand ausgebalgt und ausgestopft.«

»Da wird Sie der alte Herr nicht sobald von sich lassen, und Sie werden nicht bald selbstständig zu werden vermögen!« warf Sophie offen hin, ein sehr natürliches Bedenken ohne Scheu aussprechend.

»Theures Mädchen!« entgegnete der Jüngling mit liebevollstem Blick und Ausdruck: »Geduld heißt in tausend Fällen der jungen Liebe Losungswort. Geduld und Hoffnung! In Hoffnung liegt ein hohes Glück. Die stillgenährte, geheime Liebe regt zum edelsten Streben an, sie lehrt dem Jüngling Fleiß, Ausdauer, Beständigkeit, ihr verheißungreiches Grün sei unsere Farbe. Laß uns auf einander hoffen, theure Sophie! Gieb mir das Wort der Treue, gieb mir den Kuß der Verlobung, ich schwöre Dir, daß ich alle Kräfte meines Lebens aufbieten werde, Dir nächst dem Herzen, das ich jetzt Dir biete, das Du ganz erfüllst und erfüllen wirst, auch die Hand bieten zu können. An mein treues Herz, Sophie!«

Von dem wonnevollen Zauber reiner Jugendliebe durchglüht und entflammt, sank Sophie in des liebenden Jünglings zärtliche keusche Umarmung und duldete den ersten Kuß und erwiederte ihn.

Die Sommersonne sank und ihre letzten Strahlen übergoldeten die Wipfel. Von den vollblühenden aber im Abblühen begriffenen Viburnumsträuchen fiel reichlicher Blüthenschnee auf den Rasenteppich, und die in nicht minder reicher voller Frische prangenden Blumentraubenbüschel der Akazienbäume erfüllten den Garten mit herrlichem Arom.

Die Liebenden hatten sich neben einander gesetzt, stillselig, wenige Worte auf dem Munde, um so mehr Wonne im Herzen. Sie bauten den Prachtpalast der Hoffnung herrlich auf, reizend und schön, sie lauschten dem Gesang der Grasmücke, der noch immer lieblich und melodisch aus dem Dickicht schallte, bis der Abend tiefer schattete, und sie sich zögernd trennten. – »Ach noch einen Kuß! – Und noch einen! – Und nun den letzten!« – »»Gute Nacht, mein Lieb, mein Leben!«« – »Gute Nacht Du holder Engel! Träume von mir!« –»»Schlummere süß und träume auch Du von mir! – Gute Nacht!«« – »»Gute Nacht! Und wann sehe ich Dich wieder? – Morgen?«« »»Morgen nicht! Uebermorgen!«« – »Ach – wie lange! – Nun gute Nacht!« – »»Süße gute Nacht!«« –

Der liebende Jüngling schlüpfte durch ein Pförtchen, das sich in der Nähe des traulichen Plätzchens gegen das Feld öffnete, und welches Sophiens Hand entriegelte, aus dem Garten, und Sophie ging mit ihrer Arbeit, das Herz voll alle der Seligkeit, mit welcher eine unentweihte Liebe die Menschenseele füllt, nach der Gärtnerwohnung zu.

 


 

Die Abenddämmerung war eingebrochen; der Westhimmel sandte noch einen Abglanz von schimmernden Purpurwölkchen nieder auf die Häuser Helmstädts.

Unter diesen Häusern zeichnete sich eines durch besonders alterthümliches Ansehen aus, im Aeußern sowohl, als im Innern. Mächtiger Giebel, graues Gestein, breite Steinsimse vor schmalen Fenstern, von denen die im untern Geschoß durch weit ausgebauchte, mit kunstreichem Laubwerk verzierte Eisengitter zur Abhaltung von Dieben versehen waren. Die große Bogenthüre war ebenfalls mit kunstvoller Schlosserarbeit verziert, und Griff und Klopfer waren von schwerem Bronzeguß, und zeigten einen Löwenkopf mit Ring im Rachen und ein drachenähnliches Monstrum.

War man durch diese Thüre in das Innere getreten, so fand man sich auf einem feuchtkühlen, leeren, hallenden Vorplatz, mit Steinen geplattet, durch einen Pfeiler gestützt, aus dem eine ganz kleine Thüre nach dem Hofe zu führen schien, von dem zwei runde Fenster, die mit Kreuzgitterung verschlossen waren, einiges Licht einfallen ließen. Die grauen, lange nicht geweißten, mit phantastischem grünlichem Gewölk der Schimmelbildung überzogenen Mauern wurden von mehreren Thüren unterbrochen, deren ganze Gestaltung eben auch den Charakter des Alterthümlichen aussprach. Eine dieser Thüren, zur Linken des Eintretenden, öffnete den Eintritt in den Hörsaal des alten Professors, eine gegenüber befindliche zur Rechten ließ in eine Art Empfangzimmer eintreten, welches mit reichem aber höchst altväterischem Hausrath ausgeschmückt war. Eine dritte Thüre führte zur Wohnung des Dienerpaares Leonhard; er ein alter Mann und sie eine bejahrte Frau, beide von schlichtem Aeußeren, einfachem, aber etwas welt- und leutescheuen Wesen, mit ihren Gedanken und Erinnerungen mehr in der Vergangenheit, als in der Gegenwart wurzelnd und lebend. Die Fenster dieser Wohnung, die ziemlich beschränkt war, und nicht ausreichend für den Kindersegen, mit welchem der Himmel dieses alternde Paar bedacht, und der sich in Dachkammern behelfen mußte, gingen nach dem Hofe hinaus, der mit einem kleinen Hausgarten verbunden war – und standen offen, um die letzten Abendstrahlen und den erfrischenden Hauch der Abendkühle einzulassen in die etwas dumpfigen, sonst aber außerordentlich sauber gehaltenen Gemächer.

Auch die nach dem Garten hinausgehenden Fenster der Wohnstube des Professors mußten offen stehen, denn es zogen und zitterten aus ihnen melodische Klänge über den kleinen Hof, die sich mit den letzten Strahlen vermählten, welche ihn verklärten. Es waren Saiten-Klänge, so voll und tief, wie von einer Pedal-Harfe, wunderbar rein, bald stark und machtvoll, bald sanft rauschend, wie das Gemurmel eines Waldbaches, bald ersterbend, wie der Aeolsharfe Tönesäuseln.

Das alte Paar hatte die Abendmahlzeit vollendet, die Kinder zur Ruhe gesandt, und saß im vollen Feierabendfrieden neben einander. Leonhard hatte sein grünes Sammetkäppchen abgezogen und hielt es zwischen den gefaltenen Fingern, wie beim Gebet in der Kirche, den sinnenden Blick nach außen gewendet. Lenore, die Hausfrau, in ehrbarer, steifer, altväterischer Tracht, in ihrem großgeblümten Kattunkleid so ganz in die Umgebung passend, neigte sich lauschend aus dem Fenster und flüsterte: »Horch! Der Herr spielen wieder die Laute – ach wie schön!«

Es war so. In seinem Wohnzimmer, das angefüllt und überfüllt war mit einer unübersehbaren Menge von Büchern, Geräthschaften, Instrumenten, Flaschen, Phiolen, Präparaten, Papieren, alles im buntesten Durcheinander, so daß auch auf Tischen und Stühlen alles voll stand und lag, und das Auge eines Ruhebedürftigen vergebens nach einem Raume zum Sitzen gespäht haben würde – saß auf dem einzigen noch leergebliebenen, an das Fenster gerückten Sessel, im bequemen Hauskleid, der bejahrte Mann mit den grauen Locken – und griff Accorde auf einer Laute oder Theorbe, an welcher alles ausgezeichnet und ungewöhnlich war. Das Instrument war außerordentlich groß, hatte einen zweifachen Wirbelkasten, war mit sechsundzwanzig Saiten bespannt, deren obere Chöre über die unteren frei hinweg liefen; die Wirbelkästen waren künstlich ausgeschnitzt und von Ebenholz, der Hals war mosaikähnlich mit Elfenbein und Mahagoniholz in kleinen schrägen Feldern geschacht, und am Bauche wechselten breite Mahagoni- und Elfenbeinstreifen mit einander ab. Dieses ziemlich alte Instrument besaß eine wunderschöne Resonanz, wie kaum ein ähnliches.

Der alte Herr schien sich Erinnerungen hinzugeben. Er heftete den sichern festen Blick auf die Theorbe, und während er auf ihr fortwährend keineswegs Stückchen oder Melodieen spielte, sondern nur wechselnde Accorde griff, bald volle und starke, bald zarte und schmelzende, sprach er leise vor sich hin, fast rezitirend, fast rythmisch, und der Gegenwart völlig entrückt:

»Bleibe bei mir, liebe Seele! Entfliehe nicht mit den Klängen, süße Seele meiner unsterblichen, ewig lieben Regina!«

»Stimme im Abendroth, elegischer Wiederhall aus seligen Zeiten, als Aurora den Liebenden die Purpurthore holder Lebenshoffnungen, froher Träume klingend aufthat, säusle mir Labung zu!«

»Du geliebte Laute! Du einziges und doch nicht einziges Andenken an sie, an die Unvergeßliche! Ach, sie spielte Dich mit entzückender Meisterschaft – sie sang zu Dir mit himmlischer Stimme. Dich hielt sie im Arme, als ich, ein feuriger Jüngling, zu ihren Füßen lag, und ihr glühende Liebe schwur!«

»Dich legte sie in meine Hände, ehe sie an mein Herz sank. Dich sandte sie mir, daß ich Dich stimme, da nur ich, nächst ihr, dieß konnte, denn alle die Stümper von Musikanten vermochten's nicht – und Du trugst in Deinem verschwiegenen Schoose die schriftlichen Ergüsse unserer Herzen. Die Liebe lehrte mich, Dich zu stimmen, denn in Kirchers Phonurgia und Musurgia war Deine Stimmung nicht zu finden, in unseren Herzen aber war reine Stimmung, vollste Seelenharmonie.«

»In Dich legte sie ihre schöne Seele nieder, in Deine Saiten ihre Klage; Du hast ihre Thränen getrunken! Lange ahnete niemand – niemand unsere geheime, götterselige Liebe – sie war zu hoch, zu göttlich, als daß sie irdische Dauer hätte haben können. Und als Regina mir in tiefer Verborgenheit das theure Pfand gegeben – entschwebte sie, eine Verklärte zu den Verklärten!«

»Du nur, meine Laute, die ich nach ihr Regina nenne, Du kanntest unser Geheimniß in ganzer Fülle, und Du und ich, wir weinen beide ihr nach! Du mit Klängen, ich mit Thränen.«

Tiefer dunkelte der Abend, die Klänge erstarben. Im Gemache des Professors wurde es mondhell – aber von keiner Lampe. Ein zauberhafter Schein und Schimmer durchleuchtete es seltsam und wunderbar. Er ging von einem großen Krystall aus, der ihn verstärkte. Dieser Krystall war ausgehöhlt, und seine Höhlung umschloß hermetisch einen Phosphor von der stärksten, entschiedendsten Leuchtkraft, welche durch eine geheime, keinem Chemiker der Welt bekannte Zubereitung auf das höchste und für lange Dauer gesteigert war.

 


 

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