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Die Geheimnisse eines Wundermannes. Erster Theil

Ludwig Bechstein: Die Geheimnisse eines Wundermannes. Erster Theil - Kapitel 13
Quellenangabe
authorLudwig Bechstein
titleDie Geheimnisse eines Wundermannes. Erster Theil
publisherW. Einhorn's Verlag/C. A. Hartleben
year1856
correctorreuters@abc.de
senderHerbert Niephaus
created20180917
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12.
Am Hofe.

Es war tiefstill im Walde, kein Lufthauch bewegte die Wipfel; Leonhards Blick sah aber dennoch sich die obersten Zwiesel des Gebüsches regen, die jenen Felsen deckten und gegen den Horizont sich scharf abschnitten, ein Zeichen, daß ein Wesen dahinter sich barg, dessen Berührung die schlanken und zarten Sommerlatten beben machte, und wandte sein Auge nicht von jenem Punkte, je näher er demselben kam.

Jacob hatte auf Sophiens Wunsch die Laterne brennen lassen und trug dieselbe in der Hand; mit einem male bewegten sich jene Wipfel heftiger, es rauschte droben, ein gut gezielter Steinwurf zerschmetterte die Laterne und verlöschte das Licht. Jacob schrie auf, ein zweiter Stein kam von jener Stelle gesaust, nahm die Richtung nach dem Sitz im Wagen, prallte aber an einem der Reifen ab, über welche das Plantuch gespannt war.

»Hoho, Geselle!« knirschte Leonhard, flüsterte: »Erschrick nicht, liebe Sophie!« und schlug an. Wieder flog ein Stein, der Leonhards Mütze streifte, indem knallte der Schuß, Sophie schrie laut auf, die Rehposten, mit denen Leonhards Jagdflinte geladen war, hagelten rauschend in jenes Gebüsch, aus dem ein seltsamer Aufschrei wie von einem Rehbock erscholl und eine dunkle Gestalt kollerte von der Höhe einen jenseitigen Abhang hinab in das tiefe Waldesdickigt, nachdem sie einen mächtigen Satz gethan und dadurch noch einmal auf einen Augenblick sichtbar geworden war.

»Um Gottes Willen, Leonhard! Was thatest Du? Du hast nach einem Menschen geschossen!« rief Sophie an allen Gliedern bebend aus.

»Nothwehr, liebe Sophie,« entgegnete Leonhard sehr ruhig. »Freut mich nur, wenn er eins abbekommen hat; oder sollte ich warten, bis seine Steine Dich trafen? Dieser nichtswürdige Kerl wollte es ja gar nicht anders haben. Es wird ihm wol ein Posten in die Lunge gefahren sein, ich hörte es an der Art seines Schreies, tod ist er aber nicht, darum beruhige Dein Gemüth, theures Mädchen.«

»Setze Er sich auf, Jacob!« rief Leonhard dem Wagenlenker zu, der ebenfalls vor Schreck und Furcht zitterte und bebte. »Wir sind gleich auf der Höhe, und dann rollen wir rasch nach Halberstadt hinab. Am Thore, wenn das Weg- und Geleitgeld gezahlt wird, hängt Er mein Reitpferd wieder ab, ich gehe in den Gasthof neben der Post – morgen früh ist Er so gut, das Pferd mit hinüber nach Helmstädt zu nehmen.«

Bald konnten von der Höhe einzelne Lichter aus den Häusern Halberstadts erblickt werden; eine riesige Schattengestalt stieg der mächtige Dom empor, die Thürme der lutherischen Collegiatstiftskirche und der fünf katholischen Klöster streckten sich wie dunkle Nadeln aufwärts zum Sternenhimmel, und der Silberfaden des Flüßchens Holzemme schlängelte sich blitzend durch die Gründe, über denen ein leichter Duftschleier gebreitet lag.

Bald vergaßen die jungen Liebenden auch das jüngste Abenteuer; die Minuten waren jetzt kostbar, es gab noch so manches zu besprechen, manchen Hoffnungstraum zu wecken und zu nähren, der bittere Augenblick des Scheidens trat mit jedem Schritte der Rosse näher. Noch einmal Schwüre der Treue, und das Angelöbniß von Seiten Leonhards, alles aufzubieten, was ihm möglich sei, um den Lebenswunsch zu erlangen, den er sich zum Ziele gesetzt, und der so sehr bescheiden war, der nicht höher sich erstreckte, als ein Förster zu werden. Er verstand mit beredter Zunge Sophien das Lebensglück eines Försters mit allen Farben der Idylle zu malen, und Sophie verstand ihn vollkommen, theilte so ganz seine Neigung, denn das im Schooße einer waldigen Gebirgsgegend aufgeblühte Mädchen kannte ja das Jägerleben, wie zu ihrer Zeit dasselbe war; kein Theil ihrer Heimath war ohne eine Försterei, im eigenen Heimathorte wohnte sogar ein Oberförster, der in den Augen aller Bewohner eine beneidenswerthe und auch in der That beneidete Stellung einnahm.

Und so mußte denn endlich herzlich und schmerzlich geschieden sein, unter tausend guten Wünschen und Segnungen, vielleicht für eine lange, lange Zeit – vielleicht, wenn das Verhängniß es so grausam fügen sollte, auf immer: »Noch einen Kuß! Lebewohl! Vergiß, vergiß mein nicht!« –

 


 

Der Professor war zur rechten Zeit im herzoglichen Residenzschlosse zu Braunschweig angekommen, der regierende Herzog empfing ihn leutselig und verbindlich; die hohe Kranke, zu welcher der berühmte Arzt alsbald beschieden ward, Auguste, geborene Prinzessin von Wales, war allerdings einem scheinbar bedenklichen Zustande verfallen, einem sie öfters heimsuchenden, gefahrdrohenden Halsübel, doch erkannte des Hofrathes Blick sogleich, daß dieser Zustand kein lebensgefährlicher sei, und nachdem von ihm ein höchst einfaches Mittel verordnet worden, denn die Herzogin hatte gegen das Einnehmen von Arzeneien einen unüberwindlichen Widerwillen – besserte es sich so augenscheinlich, daß der ganze Hof hoch erfreut war, und die Tafel ungleich heiterer abgehalten werden konnte, als Tages zuvor. Daß der Helfer aus beängstigender Sorge zur herzoglichen Tafel gezogen wurde, war eine selbstverständliche Sache.

Der Hofkreis war ein ziemlich zahlreicher und belebter. Der regierende Herzog Carl II. zu Braunschweig, mit seinem ganzen Namen Carl Wilhelm Ferdinand, stand in der Glorie des Kriegers, in der Reife der Jahre, in der Würde des Vaters und im Rufe eines treulichst für das Wohl seines Landes bemühten Fürsten als eine kraftvolle männliche Erscheinung in Mitten seines Hofes. Noch lebte die ehrwürdige Herzogin Mutter, Philippine Charlotte, Tochter König Friedrich Wilhelm's I. von Preußen, der appanagirte Oheim, Prinz Ferdinand, der von seinem Lustschlosse Vechelde in die Residenz gekommen war, um dem fürstlichen Neffen bei dem erschreckenden Krankheitsfall tröstend nahe zu sein. Herzog Ferdinand war ein mittelgroßer, ziemlich wohlbeleibter Mann von schlichtem, mehr bürgerlichem als fürstlichem Aeußeren, aber ein Mann, in dessen wohlwollenden Zügen das reinste Menschenthum, ein seelenvolles Gemüth und alles das sich klar abspiegelte, was die Sprache mit dem leider nicht deutschen Worte Humanität auf das erschöpfendste bezeichnet. Des Herzogs Bruder, Prinz Friedrich August, war nicht anwesend, sondern weilte auf einer Herbstreise mit seiner Gemahlin Friederike, der Erbtochter des Herzogs Carl Christian Erdmann von Würtemberg auf den schlesischen Besitzungen zu Oels. Der Erbprinz Carl, im glücklichen Brautstande lebend, befand sich am Hofe Wilhelm's V. von Holland, mit dessen Tochter Friederike er sich noch im October desselben Jahres vermählte. Prinzessin Caroline, voll Jugend und Lebenslust, die spätere Gemahlin des Königes Georg IV. von Großbritannien, und durch ihre Schicksale mehr als zu bekannt geworden, that was sie konnte, sich den Fesseln der Hofetikette zu entziehen, und machte ihren alternden Damen viele trübe Stunden. Ihr ganzes Wesen athmete Natur, zumal wenn es ihr gelang, sich zwanglos gehen lassen zu dürfen. Sie zählte bereits zwei und zwanzig Jahre, und konnte sich noch wie ein ächter jugendlicher Wildfang gebehrden; wenige Jahre später wurde sie in das englische Ehejoch gespannt, das zur bittersten Quelle ihres Unglückes wurde. Prinz Georg, 21 Jahre, Prinz August, 20 Jahre, und Prinz Friedrich Wilhelm, 19 Jahre alt, welcher letztere, obschon der jüngste, doch von der Vorsehung ausschließlich berufen war, den tausendjährigen Welfenstamm fortzupflanzen, waren anwesend. Prinzessin Caroline, welche von ihrer erlauchten Frau Mutter die Neigung geerbt hatte, eine Unterhaltung mit Fremden nur durch Fragen zu führen, eine höfische Sitte, die nur zu leicht zur Neugier einestheils, zur Klatschsucht anderntheils die ihr nachahmenden in niederen Kreisen verleitet, richtete manche Frage an den Helmstädter Hofrath, deren große Natürlichkeit diesen bisweilen wirklich in Verlegenheit setzte, und es schien sie wenig zu berühren, wenn ihr Vater ein wenig kriegerisch rauh ihr solches Benehmen mit soldatischer Derbheit verwieß.

Das Auge des Hofrathes und Professors weilte während der Tafel, wenn er nicht gerade in die Unterhaltung mit der Tischnachbarschaft gezogen war, oft auf einem Schlachtgemälde, das ihm gegenüber an der Wand des Saales hing, der Herzog nahm dieß wahr und fragte leutselig: »Er möchte gewiß gern wissen, lieber Hofrath, was dieses Bild darstellt? Er soll ja selbst ein großer Freund und Sammler von Gemälden sein. Was meint Er von dem Bilde da?«

»»Euer Durchlaucht halten zu Gnaden,«« entgegnete der bilderkundige Mann: »ich meine, daß der Maler seine Sache so gut gemacht hat, daß das Bild sich jedem treuen Unterthan, der die Ehre und das Glück gehabt hat, Euer Durchlaucht zu sehen, von selbst erklärt. Euer Durchlaucht sind ja selbst der kommandirende Reiter in Mitten des Bildes, der das Regiment von Behr ermuthigt, Höchst-Ihnen gegen eine Batterie der Franzosen zu folgen und diese zu nehmen. Es ist die Schlacht bei Hastenbeck, in welcher Euer Durchlaucht heldenmüthig den Feind zurückwarfen und dem Herzoge von Cumberland die Ehre des Tages retteten!«

»»Wahrhaftig Doctor!«« rief der Herzog mit einem Gefühle freudiger Erinnerung: »Er hat ein scharfes Auge und ist in allen Stücken gut bewandert. Es war damals ein heißer Tag und die verdammten Franzosen machten uns viel zu schaffen.«

»»Die Franzosen, durchlauchtigster Herzog,«« entgegnete der Hofrath: »werden, wie es sehr deutlichen Anschein hat, Deutschland und Europa auch künftig noch sehr viel zu schaffen machen.«

»»Das weiß Gott, das ist ein trübes Kapitel!«« bestätigte der Herzog. »Ich schlüge gern drein in die gottverfluchte Wirthschaft da drüben, und ich schlage auch noch einmal drein, ich sehe es kommen! Schade um das schöne Land, schade um seine guten Köpfe, sie werden sich aneinander aufreiben. Doch zu etwas anderem! Er ist ja ein berühmter Alchymist, Hofrath. Unseres in Gott ruhenden Herrn Vaters Liebden haben auch einiges verlaborirt, ich glaube sogar, Er hat dabei geholfen, und unseres Herrn Oheims Liebden, Herr Herzog Ferdinand, sahen bisweilen den grünen Löwen der spagyrischen Weisheitküche lieber, als unseren Wappenwelfen.«

Herzog Ferdinand lächelte gutmüthig zu dieser Bemerkung des regierenden Neffen und sprach: »Was thut man nicht, um schlechten Finanzen aufzuhelfen? Ich habe nicht nach Goldmacherei gestrebt, ich habe nur den Stein der Weisen gesucht.«

»»Und ihn gefunden, Durchlaucht!«« fügte der Helmstädter Hofrath schmeichelnd hinzu.

»Im Tempel Salomonis!« spöttelte, nur der nächsten Umgebung vernehmlich, der regierende Herr.

»Andere könnten diesen Stein auch finden, wenn sie nur ernstlich suchen wollten!« – äußerte der fürstliche Oheim.

Der Oberhofmarschall, Freiherr von Münchhausen, der nicht Maurer war, wie Herzog Ferdinand von Braunschweig, wollte diesem auch etwas angenehmes sagen, und sprach: »Nicht wahr, Euer Durchlaucht: der Wunderstein, von dem Höchstdieselben sprechen, heißt Weisheit, Stärke, Schönheit?«

»»Nein, mein lieber Oberhofmarschall,«« versetzte mit ungemeiner Bonhommie, in die sich aber doch eine reichliche Zuthat von Satyre mischte, Herzog Ferdinand: »er heißt Sparsamkeit, und deshalb ist er so schwer zu finden, besonders an den Höfen.«

Dieser Stich des gutmüthigen alten Herr gab allen etwas zu schmecken, was minder mundete, als die Leckereien des Nachtisches, denn die Finanzverhältnisse des Herzogthums befanden sich zum Theil noch immer in einer großen Spannung, an welcher aber keineswegs der regierende Herzog die Schuld allein trug.

»Ja ja, Hofrath, wenn wir Gold machen könnten, schön wäre es!« rief lachend der Herzog. »Wenn wir es nur mindestens bis zum Rufe brächten, diese Kunst zu können!«

»»Bis vor nicht langer Zeit kannten wir nur die Kunst, das Gold aufzulösen – und ließen wir es nicht in Rauch aufgehen, wie die Adepten, so verdestillirten wir es in allen möglichen anderen Experimenten«« erläuterte Herzog Ferdinand mit großem Freimuth: »Wir bauten Seide, ohne dabei welche zu spinnen, wir bauten Kanäle, denen hernach nichts fehlte, als das Wasser; wir wollten die Ocker von Wolfenbüttel bis Braunschweig schiffbar machen, um Dielen darauf zu flößen, wir hielten auf ein Ländchen von siebenzig Quadratmeilen sechzehntausend fünfhundert Mann Truppen, von denen fünftausend stets im Lande und unter Waffen standen; wir unterstützten das Theater jährlich mit siebenzigtausend Thalern; unser Land war krank, sehr krank.« –

»»Da wurden unser durchlauchtigster regierender Herr und Herzog des Landes Arzt«« – nahm der Hofrath die Rede auf. »In höchsten Händen wurden Muth und Vertrauen zur Goldtinctur! – Ja, Euer Durchlaucht! HöchstSie kamen in der That in den Ruf, Gold machen zu können. Mit einem Fonds von fünfmalhunderttausend Thalern kündigten Höchstdieselben eine Million Thaler Staatsschulden, und befestigten das tief gesunkene Vertrauen aufs neue und dauernd.«

»»Lassen wir das!«« gebot der Herzog, der es nicht liebte, seine Verdienste um das Land und die durch ihn eingeführten Verbesserungen durch weise Sparsamkeit sich lobend in das Gesicht sagen zu lassen. »Es hat manches geschehen müssen, was Vielen nicht lieb war, was Vielen Anstoß erregte, was uns harten Tadel zugezogen hat, besonders von Seiten der Herren Gelehrten, wie Er einer ist, Hofrath. Die Herren Gelehrten schreiben zu viel, verwirren den Unterthanen nur die Köpfe, wie der Lessing gethan hat mit seinen Wolfenbüttler Fragmenten.«

»»Mich trifft der Vorwurf des Vielschreibens nicht, gnädigster durchlauchtigster Herr!«« erwiederte mit feinem Lächeln der Professor. »Ich lasse nichts drucken, habe auch in der That keine Zeit zur Schriftstellerei, meine Collegien, meine Kranken, meine Sammlungen« –

»Er hat große Sammlungen!« unterbrach der Herzog den Hofrath. »Ist ein kostspieliges Steckenpferd und nutzt wenig. Ich bin ganz sicher auch von Ihm laut oder doch im Stillen getadelt worden, daß ich der Wolfenbüttler Bibliothek nicht mehr als zweihundert Thaler jährlich ausgesetzt habe, aber lieber Hofrath, das ist für unsere Zeit und unsere Verhältnisse schon vieles Geld. Es giebt der Ansprüche solcher Art für Wissenschaftsanstalten allzuviele. Dem hiesigen Museum gebe ich auch alle Jahre zwanzig Thaler!«

»»Zwanzig Thaler! Durchlaucht!«« rief der Hofrath aus und es stieg eine leichte Röthe auf sein sonst blasses Gesicht. »Euer Durchlaucht belieben gnädigst zu scherzen! Mit zwanzig Thalern bestreite ich für mein kleines Museum nicht den Spiritus für die Naturalien, die in Weingeist aufbewahrt werden müssen.«

»»Das ist Seine Sache, lieber Hofrath!«« versetzte der Herzog; nicht ohne Spott: »Er ist dafür auch reicher als alle Fürsten zusammen! Seinen Diamanten kann kein Potentat der Welt bezahlen!«

»»Das ist eben mein Unglück, Durchlaucht!«« entgegnete der Professor. »So nützt mir materiell dieß ungeheuer werthvolle Besitzthum gar nichts, nur die geistige Freude fällt die Wagschaale.«

»»Es sind todte Kapitalien«« – entgegnete wieder der Herzog: »mit denen man sich nicht überhäufen muß. Ich lege auf solche Sammelsurien keinen Werth, deshalb habe ich auch die alten werthvollen Rüstungen aus unserem Zeughaus verkauft, denn unsere Soldaten brauchen und tragen dergleichen doch nicht mehr. Hab' ein schönes Stück Geld daraus gelöst, und es nützlich angelegt. Es ist freilich ein Unterschied, ob einer ein Privatmann und ohne Familie ist, oder ein Landesherr, der für sechs eigene Kinder und für das Wohl von zweihundertdreißigtausend Landeskindern zu sorgen hat. Der Privatmann mag spielen mit Sammlungen, Liebhabereien, Curiositäten, raren und kostbaren Büchern, Münzen und dergleichen, sofern er dazu Zeit und Geld hat, ein regierender Fürst soll dieß nicht; seine Sorgfalt, sein Thun und Trachten gehört nicht dem Einzelnen, sondern dem Ganzen, seiner Regierung, seinem Volke, seinem Lande!«

»»Gewiß der löblichste Grundsatz, gnädigster Herzog!«« pries der Hofrath: »aber die Wissenschaft hat doch auch ihre Ansprüche, ihre Rechte, und die Institute derselben, ich rede nicht von Naturalien- und Münzkabinetten, ich meine unter anderen unsere Julia Carolina, gehören mit zum Volke, wie zum Lande, sind dessen geistige Pulse, sind die Horte und Herde der Aufklärung.«

»»Aufklärung!«« spottete der Herzog nach. »Spielt Er denn aus dieser weiten Gaukeltasche? Ist Sein Laborantenherd in seiner lateinischen Küche denn ein Hort und Herd der Aufklärung? Ich sollte meinen, au contraire, im Gegentheil!«

»»Aha, ich merke woher diese Luft weht, Euer Durchlaucht. Stracks aus der Helmstädter Aula! Man verläumdet mich, man beschuldigt mich, weil ich Geheimnisse habe, im Besitze von Geheimnissen bin, die ich allerdings nicht an die große Glocke schlage, nicht Jedermann auftische, – ein Gegner der wahren, nicht der sogenannten Aufklärung zu sein. Ein solcher bin ich aber mit nichten, gnädigster Herr, schon als Erfinder muß ich dem Fortschritte huldigen, vom neuen, nicht vom alten, kann ich nur gewinnen, nur vom neuen muß ich lernen. Ich bereite Farben, die mir mit Golde aufgewogen werden, das ist meine Kunst, Gold zu machen; aber sie ist nicht ganz leicht, ja sie ist oft sehr schwer. Es giebt eine erstaunlich leichte Weise, zu demselben Ziele zu gelangen, und zu noch ungleich billigeren Preise Gold zu machen.««

Die Blicke des Hofkreises an der fürstlichen Tafel richteten sich jetzt allzumal auf den Sprecher, neugierdevoll, mancher Blick sogar goldgierdevoll.

»Nun?« fragte der Herzog gespannt.

»Schade, daß Privatpersonen diese Kunst nie oder doch nur in sehr beschränkter Weise ausüben können und dürfen, sie ist ein Prärogativ der Kronen, ein Regal – ich meine Papiergeld« erwiederte der Hofrath nicht ohne Spott.

»Ah! Er zielt auf die französischen Assignaten, Hofrath!« versetzte der Herzog: »welche die sogenannte französische Nationalversammlung heiter decretirt und der schwache König genehmigt hat, gleich dreihundert Millionen Francs! Unsinn! Offenbarer Betrug – und sie werden schon sehen, wie weit dieser Schwindel reicht. Ich gebe keinen Quark dafür. Nein, vor solcher Spitzbubengeldmacherei, die das ganze Volk betrügt, Tausende an den Bettelstab bringt, behüte uns unser Herrgott in Gnaden! – Doch auf etwas anderes zu kommen, wieder auf Seinen Diamanten, hat Er diesen wirklich, wie man hört, vom Kaiser von China erhalten?«

»»Wirklich und in der That, Euer Durchlaucht,«« antwortete der Professor mit fester Zuversicht. »Ich weiß recht wol, daß diese Angabe bezweifelt wird, daß Unerfahrene von einem Kiesel reden, allein ich kann den Leuten so wenig aufzwingen, an die Wahrheit zu glauben, als vor ein Paar Jahren die Holländer, welche sich Patrioten nannten, sich daran zu glauben gewöhnen konnten, daß Euer Durchlaucht sie an der Spitze von fünfundzwanzigtausend Mann gehörig klopfen und zu Paaren treiben würden. Der Glaube muß den Menschen handgreiflich kommen, und vom Schauen, sonst glauben sie nicht. Mir glaubt man nicht, weil es zur Zeit etwas so ungewöhnliches ist, daß ein Deutscher nach China gelangt, und weil vor den Kaiser von China zu gelangen, allerdings seine besonderen Schwierigkeiten hat. Ersteres wird später sicher ganz anders werden, letzteres vielleicht auch. Wenn ich nicht fürchten müßte, Euer Durchlaucht zu langweilen, so würde ich in der Kürze berichten, wie es gekommen, daß ich so außergewöhnliches im Reiche der Mitte zu erreichen vermochte.«

»»Ich glaube es wird allen Anwesenden anziehend sein, einen solchen Bericht zu vernehmen,«« sprach der Herzog, und somit war der Befehl gegeben, das erzählende Wort zu nehmen.

»Mit Uebergehung aller zeitraubenden Präliminarien« begann der Hofrath seine Erzählung: »habe ich die Ehre, unterthänigst zu bemerken, daß meine Reisen mich im Jahre siebenzehnhundertzweiundfünfzig nach Portugal geführt hatten, wohin ich durch den königlichen Hof von Neapel empfohlen war. Ich lernte zu Lissabon den höchst unterrichteten Pacheco e Sampayo kennen, welcher sich damals eben vorbereitete, als portugiesischer Gesandter nach China zu reisen, und mir den schmeichelhaften Antrag machte, ihn auf seinem Schiffe zu begleiten. Eine solche Gelegenheit hätte sich mir wol nicht leicht zum zweitenmale geboten. Die Absicht der Gesandtschaft galt der Hauptsache nach allerdings Handelsinteressen, doch sollte nebenbei versucht werden, den Christenverfolgungen, welche einige Jahrzehntelang in China wütheten, steuern zu helfen, und auch den über alle Maaßen eiteln Chinesen eine andere Meinung von den Europäern beizubringen. Alle Nationen, die bisher mit China Handelsverbindungen angeknüpft hatten, oder dieß doch versuchten, Russen, Holländer, Engländer, Franzosen und andere, hatten den Weg der Darbringung großer Geschenke in Form eines Tributes gleichsam, eingeschlagen, um sich dadurch günstige Wege zu bahnen. Portugal sandte zwar auch Geschenke, denn ohne solche wäre gar nichts ausgerichtet worden, allein der Gesandte erhielt den besonderen Befehl, sie nur als Gaben freundlicher und achtungsvoller Aufmerksamkeit zu überreichen, und keineswegs als Tribut. Auch ich versah mich auf den wohlgemeinten Rath des Gesandten reichlich mit verschiedenen Gegenständen europäischer Kunst, hauptsächlich nahm ich eine ganze Kiste voll einfacher und zusammengesetzter Mikroskope mit, die ich unter meiner Leitung und nach eigener Angabe fertigen ließ, dann Hohl- und Brennspiegel, polimorphische Apparate, Cartesianische Teufelchen und dergleichen. Auf der Reise, die lange genug dauerte, benutzte ich die Zeit, mich in der chinesischen, wie in der portugiesischen Sprache so gründlich zu befestigen, daß ich an Ort und Stelle als Dolmetscher die wichtigsten Dienste zu leisten, mich befähigte. Ueber diese Reise, die Ankunft zu Macao, die Freude der Einwohner der dort bereits befindlichen portugiesischen Niederlassung, welche durch die Mandarinen in aller Art bedrückt wurde, so wie diese auch streng verboten hatten, einen Chinesen im Christenthume zu unterweisen – davon ließe sich ein großes Buch schreiben. Pacheco e Sampayo sprach mit den Mandarinen gleich aus einem ganz anderen Tone, als sonstige Europäer mit diesen langzopfigen Dünkelmännern gesprochen haben mochten, auch war er ein hoher stattlicher Mann, von vornehmster Haltung und mit einem Sprach-Organe begabt, daß es immer war, wenn er sprach, als murre ein Löwe, oder rolle ein mäßiger Donner.«

»Joseph Emanuel, mein König und Herr, und Pombal, dessen großer Minister, so sprach der Gesandte zu den chinesischen Mandarinen: sendet mich in Euer Land, dem unser Land noch niemals irgend einen Tribut entrichtet hat, um seine Huldigung dem Kaiser von China als ein freier, von keinem Herrn der Welt, außer vom höchsten Herrn des Himmels und der Erde, abhängiger Monarch Europa's freiwillig darzubringen, begleitet von einigen sehr werthvollen Geschenken, um deren Annahme mein König bittet.«

»Die chinesische Förmlichkeit bebte nun freilich vor Schreck, als der Gesandte erklärte, daß sein Auftrag ausdrücklich dahin laute, nur Seiner chinesischen Majestät selbst, dem glorreichen Kien-Long diese Gaben und die ehrfurchtsvollen Begrüßungen seines Monarchen zu Füßen legen zu wollen, zu dürfen und zu müssen. Tausend Einwendungen wurden gemacht, tausend Einwürfe – allein sie kümmerten den Gesandten nicht, er brachte die Mandarinen zur Verzweiflung. Es gedieh endlich dahin, daß der Magistrat der Stadt Macao sich ins Mittel schlug, und an den Senat der Stadt Canton schrieb, und dieser vermittelnd eintrat, auch alle nöthigen Erlaubnißertheilungen auswirkte.«

»Unsere Reise von Macao nach Peking, abgesehen von der etwas sehr lang dauernden Küstenfahrt von Macao bis in den Meerbusen von Petscheli und durch die Fluthen des Hoang-Hay oder gelben Meeres, auf dem Strome Pei und dann zu Lande bis zur großen Reichshauptstadt und Kaiserresidenz glich nicht nur, wie man zu sagen pflegt, einem Triumphzuge, sondern sie war ein solcher. China hatte dergleichen noch nie gesehen; ein zahlreiches Gefolge von Malaien und Negern, das unsere Geschenkekisten trug oder fuhr, die ehrenvolle Begleitung zahlreicher Mandarinen, entgegenkommende Magistratspersonen, chinesische Soldaten, und dazu der unaufhörliche Schall von riesigen Gongs und Tamtams, welcher ringsum die Luft erzittern machte, das fremde Land, das sich millionenfach herbei drängende wimmelnde Volk – es war betäubend. Wir saßen in den kostbarsten Tragsesseln, und durchzogen so stundenlang die unermeßliche Stadt, ehe der ungeheuere Kaiserpalast mit seinen wundersamen Bildwerken, seinen Porzellanthürmen, seinen riesigen, goldenen Drachenzierden unserem staunenden Auge sichtbar wurde.«

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