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Die Geheimnisse eines Wundermannes. Erster Theil

Ludwig Bechstein: Die Geheimnisse eines Wundermannes. Erster Theil - Kapitel 12
Quellenangabe
authorLudwig Bechstein
titleDie Geheimnisse eines Wundermannes. Erster Theil
publisherW. Einhorn's Verlag/C. A. Hartleben
year1856
correctorreuters@abc.de
senderHerbert Niephaus
created20180917
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11.
Die Rettung.

Stärker schattete das Abenddunkel; Sophie, welche tief und fest geschlafen hatte, erwachte aus einem schönen Traume, besann sich mühsam, daß sie in des Vetters Rollwägelein sitze, und wunderte sich, daß dieses Wägelein stille stand, so wie darüber, daß es schon so dunkel war, und rief mit klarer Stimme: »Jacob! Jacob! Wo sind wir denn jetzt?«

Jacob antwortete nicht, nur die Pferde schnaubten. »Jacob! Jacob! Wo ist Er denn?« – Keine Antwort – und zum Tode erschrak Sophie. »Was ist das?« Sie blickte aus dem Umhange des Wagens – sie fühlte den feuchtkalten Nebel – sie sah sich in der nebeldüstern Oede, auf einem Wagen, dessen Pferde ohne Lenker standen – allein – verlassen – ein wehrloses Mädchen. Was war geschehen? Warum war Jacob von den Pferden gegangen? Was sollte mit ihr werden? –

Das erste, was Sophie that, war, daß sie nach den Zügeln faßte, die Jacob an den Kutschersitz eingehängt hatte, das zweite war, daß sie ihre Stimme rufend erhob, und »Jacob! Jacob!« laut in die starre Nebelnacht hinausschrie – klopfenden Herzens, mit unsäglichem Bangen, mit Thränen der Angst in den schönen Augen. Keine Antwort – kein Wiederhall – Jacob war weit vom Wagen weg, er hörte nicht, er brannte darauf, seine verlorene nagelneue Peitsche, die einen ganz weißen Stiel hatte, bald wieder zu finden – wol aber traf der angstvolle Ruf ein anderes Ohr, nämlich das jenes verdächtig genug aussehenden Wandergesellen, der seine Schritte beflügelte, so gut dieß im schlammigen Kothe des sogenannten Dammes möglich war, und in dessen Seele schlimme Gedanken rege wurden.

»Hei, das könnte ja einen guten Fang geben! Der Tölpel, der vorhin an mir vorbei schoß, war am Ende der Kutscher jener Jungfer, der in Jerxheim hielt, und der die Peitsche sucht, die ich gefunden und aufgehoben habe. Du Narr, Du kannst lange laufen! Die Jungfer ist allein – sie schien guter Leute Kind – sie hat sicher Geld und schöne Kleider bei sich – sie schreit – frisch auf, Stöffelchen, mache Deinen Schnitt. Der liebe Herrgott bescheert Dir unverhofft ein leckres Abendbrod.«

Sophie rief, bis die steigende Angst ihr die Stimme erstickte und sie in eine fieberhafte Bewegung gerieth, plötzlich aber verstummte sie im jähen Schreck, als eine fremde Mannesstimme dicht neben ihr laut ward, und zu ihr hinauf rief:

»Was schreit denn die Jungfer, wie wenn sie am Spieße stäke? Gleich schweige sie still! Gebe Sie, Jungfer, einem armen Wanderburschen einen Zehrpfennig – gebe Sie, was Sie bei sich, hat! Geschwind! Allons! Gleich gebe Sie Ihr Bündel her, oder ich jage die Pferde sammt Ihr und Ihrer schlechten Karrete vom Damme in den Bruch hinein, da kann sie dann ein paar hundert Jahre als Irrwisch brennen, ehe Sie erlöst wird! Geschwind, tut'ßwit!« – Zermalmender Gedanke, der wie ein Blitz auf das arme Mädchen fiel – sie war in der Hand eines Räubers. Noch einmal kreischte sie lauten Hülferuf zum verschleierten Himmel auf, dann raubten ihr Schreck und Angst die Besinnung – sie war in der Hand Gottes. –

Jacob stand unschlüssig und erschöpft, ausschnaufend, er gab sein fruchtloses Suchen endlich auf, und wollte umkehren – da trabte es durch den Nebel, klatschte und patschte Rosseshuf im Schmutze des Dammwegs; da saußte eine hohe Reitergestalt, die Gestalt eines Jägers – prasselnd an ihm vorüber auf schnaubendem Rosse, dessen Haut hell durch die Finsterniß schimmerte – und Jacob schlug ein Kreuz – der Schimmelreiter erschien ihn als der Spuk des wilden Jägers, als der im Volksmund lebende gespenstige Wode, – und hoch über ihn in Lüften ertönte gleichzeitig der Heerschnepfen Trompetenstimme, und bullernd antworteten Rohrdommeln im Schilf und Geröhrig des weiten Bruches. »Gott sei bei uns, der Hackelberg und seine gräuliche Tut-Osel – und dort reitet er hin – allmächtiger Gott! Meine Pferde werden scheuen, sie werden vom Damm in das Moor springen – und Jungfrau Sophie! – Hilf heiliger Gott! Was habe ich gethan?!«

Der alte Mann rannte jetzt keuchend zurück – zitternd vor Angst, Furcht und Erregung. –

Sophiens Angstschrei war kaum verhallt, so war der Reiter, der wie der schnelle Reiter Tod in der norddeutschen Volkssage ritt, und mit scharfem geübten Auge vorwärts durch das Dämmerlicht des nebelgrauenden Abends blickte, hart an Jacobs Geschirr, und gewahrte, wie eine dunkle Gestalt am Rollwägelein in die Höhe kletterte, mit der einen Hand sich oben am vordersten Reifen hielt, mit der andern den Knotenstock hoch hob, und sich anschickte, in das innere des Wägeleins aufs gerathewohl hineinzuschlagen und die hülferufende Stimme verstummen zu machen.

Wie ein Blitz war Leonhard hart am Wägelein, drückte sein schnaubendes Pferd dicht an das rechte Vorderrad, auf dem des Raubgesellen Fuß noch haftete, führte mit der Peitsche einen äußerst nachdrücklichen Hieb auf dessen Kopf, der ihn die Seeotterfellmütze alsbald abschlag, und einen zweiten, der ihn empfindlich genug traf, und packte dann mit der kräftigen Linken den Gauner am Rockkragen, riß ihn mit erschütterndem Ruck zurück, hielt ihn einen Augenblick in zappelnder Schwebe und warf ihn dann mit aller Heftigkeit in den Koth des Dammes nieder, daß dem Männlein alle Rippen krachten, und hören und sehen ihm verging, das sehen schon deshalb, weil sein Angesicht sich unmittelbar mit einer Pfütze vermählte, deren Schmutzwellen ihm hoch über dem Kopfe zusammenschlugen.

Das alles war das Werk einiger Augenblicke – und jetzt rief Leonhard, nachdem ein rascher Umblick ihn belehrt, daß der Straßenräuber keine weiteren Spießgesellen habe: »Sophie! Theuerste Sophie!«

Die Gerufene antwortete nicht – ihr raubte noch die Ohnmacht Besinnung und Sprache, sie war starr und bleich und kalt auf ihrem Sitze zurückgesunken, und es trat nach dem Akt heftigster Erregung eine wahrhafte Todtenstille ein, denn auch der Niedergeworfene regte kein Glied mehr, auch ihm stockten die Sinne, und die Pferde zitterten nur und hielten sich ebenfalls still. Leonhard gewahrte jetzt, daß der Kutscher fehlte, denn in jenem Manne, an dem er in der tiefen Dämmerung vorübergeritten war, hatte er nimmermehr Jacob vermuthen oder erkennen können, ja er hatte ihn kaum wahrgenommen, daher rief auch er jetzt mit lauter Stimme in die Dunkelheit: »Jacob! Jacob!«

Jacob war indeß durch den beschleunigten Lauf wieder in den Bereich gelangt, innerhalb dessen er eine rufende Stimme wol vernehmen konnte; er vernahm Leonhards Stimme, und wäre beinahe vor Schreck in die Knie gesunken, denn da einmal durch die Fasern seines Gehirns das Gespenst des wilden Jägers jagte, und der Aberglaube mit allen seinen Schrecknissen ihn überwältigte, so erinnerte sich Jacob, der vor Zeiten im flandrischen Lande sich umgetrieben, der Sagen, die das Volk sich dort von einem zum ewigen jagen verwünschten Manne erzählte, der, nachdem seines Vaters Fluch und Verwünschung ihn getroffen, nie mehr nach Hause kam, und mit dem Rufe Jakko, Jakko – zur Herbstzeit durch die Nebelnächte und durch öde Büsche und Brüche brauste. Denn wo sonst hätte eines Mannes Stimme herkommen sollen an diesem Abende, und auf diesem Wege, welche Jacob rief? – Dennoch lief Jacob angstgepeinigt des Weges fort, so schnell er konnte, die Sorge um Sophie, um seine Pferde trieb ihn vorwärts.

Und in dem Augenblicke, in welchem Jacob sich hastig dem Wagen näherte und sein Geschirr als dunkle Gestalt vor sich stehen sah, gewahrte er einen bleichen Schimmer, der ihm den Wagen, die Pferde, den Reiter und einen an der Erde liegenden Mann erkennen ließ, und hörte noch einmal den lauten Ruf Jacob, auf den er alsbald mit »Holla! Hier!« antwortete – worauf Leonhard ihn anrief: »Aber zum Henker, Jacob! Warum bleibt er nicht bei Seinen Pferden? Warum läßt Er Schiff und Geschirr hier im Dunkel, und die arme Jungfer Sophie in Noth und Verzweiflung?«

Rasch war Leonhard vom Pferde gesprungen, und herrschte Jacob zu, eine Laterne anzuzünden, wenn er eine bei sich habe, denn der Lichtschimmer von vorhin war nur eine meteorische Erscheinung gewesen, und bald vorüber geflackert, während Leonhard sich nach dem niedergestürzten Räuber bückte, welcher allerdings den Hals gebrochen zu haben schien, und ihn aufzurütteln versuchte.

Die Stimme des Geliebten rief Sophie wieder in das Leben, und als sie aus der Betäubung ihrer Sinne sich losrang, und sie auch Jacob wieder sprechen hörte, fühlte sie ihr Herz schnell erleichtert, die bange Furcht verschwand – ihr Entsetzen von vorhin kam ihr wie ein schreckhafter Traum vor.

Jacob hatte in der That vorsorglicher Weise eine Wagenlaterne mitgenommen, langte diese von ihrer Stelle und begann Feuer zu schlagen, und bereit gehaltenen Schwefelfaden zu entzünden, während Sophie jetzt laut wurde, und abermals rief: »Jacob! Ist Er denn da?«

»Jawol bin ich da, liebe Jungfer!« erwiederte Jacob, »und da ist auch noch jemand, der – der –«

»Theure Sophie!« unterbrach Leonhard: – »wundere Dich nicht, mich hier zu sehen! Dein guter Engel sandte Dir mich nach, zu rechter Zeit kam ich Dir als Helfer, ein Schurke wollte Dir Gewalt anthun und Dich berauben! Hierher leuchten, Jacob! Hierher! – Wollen doch sehen, ob der Bursche noch Odem hat, oder nicht?«

Während Jacob mit der brennenden Laterne sich näherte, riß Leonhard mit kräftiger Faust den Strolch in die Höhe, der jetzt auf seinen Füßen stand, aber vom Schmutz über und über entstellt, einen gräulichen Anblick bot. Er zitterte heftig, und vermochte kein Wort hervorzubringen. Jetzt erblickte Jacob über des Gauners Rücken hängend nach Art, wie die Metzgergesellen ihre Peitschen tragen, die von jenem aufgehobene neue Peitsche, seine, Jacobs Peitsche, und über ihn kam der Berserkergrimm eines Kutschers, dem nicht leicht sein Sterblicher widersteht. – Auf den Strolch stürzen, ihm die Peitsche entreißen, und mit ihr auf das unbarmherzigste auf jenen losschlagen, unbekümmert, wohin er immer treffe, war das Werk weniger Augenblicke, und dieses schlagen begleitete eine Fluth schaudererregender Schimpfworte. Leonhard fühlte nichts weniger als zartes Mitleid mit dem Gaudieb, der gegen Sophie Hand und Stock erhoben, vielmehr riß er den Knotenstock des Gesellen an sich, und bearbeitete mit Jacob im Bunde jenes Rücken aus das allerfühlbarste, während das Männlein Cetermordio schrie, und sich seiner Angst und seiner Schmerzen keinen Rath wußte.

»Um Gottes Willen, hört auf, den Menschen zu schlagen!« rief Sophie zwischen diesen Lärm, sie mußte aber ihren flehenden Ruf einigemale wiederholen, ehe ihr endlich Folge geleistet wurde, und der so hart und heftig, wenn schon nicht unverdient Mißhandelte war nahe daran, umzusinken.

Endlich erfolgte rasche Verständigung, Sophie erzählte, welche entsetzliche Angst sie ausgestanden, welche Reden jener freche Dieb an sie gerichtet, und es regnete ein gutes Theil Scheltworte gegen Jacob ob seiner Dummheit, vom Geschirr wegzulaufen, wie gegen den Räuber ob seiner Keckheit aus Leonhards Munde, wobei manches Wort unterlief, was Leonhard als ein unfreiwillig dargebotenes Pathengeschenk von dem Herrn Professor aufgeschnappt hatte.

»Wir wollen Dich lehren, Wagen und Leute auf offener Straße anfallen – Gauner! Warte nur, es soll Dir schon noch besser kommen!« zürnte Leonhard und fesselte die Hände des armseligen Männleins mit einem Riemen an den Schweif seines Pferdes, dann erst, als er dieß in aller Schnelle vollbracht, eilte er zu Sophie, diese zu beruhigen, dann saß er auf, Jacob bestieg ebenfalls seinen Sitz, und die Reise ging weiter. Es war über den Aufenthalt fast acht Uhr geworden, und eine geraume Wegstrecke lag noch zwischen dem Damme, an dessen Ende man sich jetzt befand, und Halberstadt. Bald traten aus dem Nebel, der sie einhüllte, einige Bauernhütten, die das unscheinbare Oertchen Klein-Dedeleben bildeten, an welchem vorüber der Morast des Weges seine furchtbarste Tiefe erreichte, und nur Schritt vor Schritt gefahren und geritten werden konnte. Bald indeß ward auch Groß-Dedeleben erreicht, wo der Weg schon wieder besser wurde, und je weiter man sich aus dem Bereiche des großen Bruchs entfernte, um so mehr schwand die Nebelatmosphäre, man konnte freier athmen, mehr erkennen, endlich blitzten Sterne am nächtlichen Herbstabendhimmel, der rein und wolkenlos über dem kleinen dompropsteilichen Städtchen Dardesheim hing, dessen Lichter durch das Dunkel grüßten. Dort war ein gutes Gasthaus und ein Amt, und Leonhard wollte diesem Amte den gefangenen Straßenräuber übergeben, der erbärmlich schnaufend hinter dem Pferde hertrabte, und sprach diesen Vorsatz gegen Jacob laut aus. Jacob schüttelte den Kopf und widerrieth das. »Solches macht uns nur langen Aufenthalt und Weitläuftigkeiten. Wollen wir in Dardesheim bleiben, und wollen Sie morgen die Jungfer Elster nach Halberstadt geleiten, so habe ich nichts dagegen, soll ich aber heute noch Halberstadt erreichen, so dürfen wir hier uns kaum eine Viertelstunde verweilen, denn obschon der Weg gut ist, so geht es doch bis Athenstedt zum Huy hinauf immer bergan. Auf dem Amt, wo jetzt niemand mehr sitzt und auf uns wartet, kämen wir ohne langweiliges Verhör, Protocolle unterschreiben, zuletzt gar Eidschwüre, nicht los, und zuletzt lassen sie den Galgenstrick doch laufen, denn er hat ja noch nichts gestohlen. Ich thät' ihn noch einmal gehörig durchledern, den Cujon, und mit einem Tritt absolviren, von Rechtswegen – laufe hin, Gaudieb, und laß Dich hängen, wo Du selbst willst!«

Jacob's Rathschlag war durchaus nicht formell juristisch, noch weniger im Sinne der ultrahumanen Gegner der Prügelstrafe, aber er war einleuchtend praktisch, und wurde unterstützt durch das Flehen des Gefangenen, der zu Leonhard emporrief: »Ich bitte Sie um Gottes Willen, gnädiger Herr – machen Sie mich los! Ich halte den Marsch nicht länger aus! Seien Sie barmherzig! Ich bin kein Dieb, ich habe ja gar nicht rauben wollen, ich wollte ja nur hören, warum die Jungfer in dem Wagen so schrie! Lassen Sie mich frei, übergeben Sie mich nicht dem Amt! Sie haben mich hart genug gestraft! Ich glaube, es ist mein letztes!«

Der erbärmliche ächzende und jammervolle Ton, in welchem der Gauner redete, forderte zum Mitleid auf, Leonhard war unschlüssig, was er thun sollte, Sophie's Bitte gab den Ausschlag. »Lieber Leonhard!« rief sie aus dem Wägelein. »Laß den schlechten Menschen laufen! Hier in Dardesheim bleibe ich auf keinen Fall, ich muß heute Abend noch in Halberstadt eintreffen. Thue mir es zu Liebe!«

Innerlich widerstrebend, fügte sich Leonhard Sophiens Bitte, stieg vor dem Städtchen vom Pferde, bat Jacob zu leuchten, und knüpfte die Fessel los. Der Mensch sah allerdings zum Erbarmen und sehr übel zugerichtet aus. »Du magst hinlaufen, und zwar ohne die nochmalige wohlverdiente Tracht Prügel!« sprach Leonhard: »aber Dein Gesicht will ich mir merken! Hüte Dich, mir jemals wieder zu begegnen. Dein Gesicht merkt sich gut, Du vermaledeiter langfingeriger Eselsschwanz, der Du bist!«

Der schon fast Befreite richtete einen halb zagenden, halb trotzigen Blick auf Leonhard; er erwiederte nichts, aber in seinem Inneren flammte tödtlicher Haß auf, und er prägte sich Leonhard's Züge tief und fest in seine Seele. Mit verstellter Demuth sprach er endlich: »Bitte, gnädiger Herr, geben Sie mir auch meinen Stock zurück – er ist ein Andenken von einem guten Kameraden!«

»»Der Teufel ist Dein guter Kamerad, suche Deinen Diebsknittel im Bruch, in den ich ihn geworfen habe!«« gab ihm Leonhard zur Antwort: »und hüte Dich, ich warne Dich nochmals, mir wieder in den Weg zu laufen, sonst schieße ich Dich Knall und Fall todt!«

Schreck zuckte über des Strolchs Gesicht – er eilte, sich den Blicken seines Ueberwinders zu entziehen – er sprang hinter eine Hütte am Wege.

»Wer weiß, ob ich wohlthat, den Vagabunden frei zu lassen« – murrte Leonhard zweifelnd vor sich hin.

»»Es wäre ihm doch nichts geschehen«« – beruhigte Jacob: »und ich dächte, wir hätten ihm Denkzettel und Wegzehrung reichlich genug gegeben, auch ihm das Diebsgelüst so gehörig eingetränkt, daß er lange genug an den heutigen Abend denken wird.«

Vor dem Gasthause zu Dardesheim hielt Jacob an, eine Erquickung nach so viel schreckhafter Erlebniß that Sophien dringend Noth. Liebevoll half ihr Leonhard vom Tritt, und hob sie in seinen Armen herab, sie zärtlich küssend, sorgte auch alsbald für alles erwünschte, und gab Jacob Auftrag, vom Wirth eine Wage und Stränge zu leihen, und sein Pferd mit anzuhängen, damit man um so schneller das Ziel erreiche, er selbst wolle mit Sophie den Sitz im Wagen theilen.

Alles erfolgte rasch, und in möglichst kurzer Frist ging die Reise weiter. Die Liebenden koseten traulich über das erlebte Abenteuer, und Leonhard sprach mit tiefem Gefühl: »Wie immer mein Herr Pathe manches gegen mich verschuldet haben mag, eines danke ich ihm doch, und werd' es ihm lebenslänglich danken, er lehrte mich fest an Gott und dessen allwaltende Vorsehung glauben. Daher drängte es mich Dir nach, geliebte Sophie, eine höhere Eingebung war es, die mich erfaßte, die mich trieb, Dir nachzueilen, zu Deinem Schutze, zu Deiner Rettung! Ich hätte mich ja sonst damit begnügen können, daß wir am Morgen schon halb und halb Abschied genommen, hätte mit meinem Schmerz, Dich nicht noch einmal zu sehen, ringen und ihn überwältigen können. Alles mußte so kommen, wie es kam, an diesem heutigen, so verhängnißvollen Tage. Der Herr Pathe mußte mir das Bild nehmen, ich mußte durch ihn zu dem Entschlusse gereizt werden, mich reisefertig zu machen, und sein Haus zu verlassen; er mußte nach Braunschweig an den herzoglichen Hof befohlen werden, damit mir freie Zeit blieb, vollends alles zu ordnen – ja – es mußte so kommen, wir sollten beide durch Schmerz und Angst gehen, um uns noch einmal einander innig anzugehören, den letzten Kuß ungestört uns küssen, und uns ewige Liebe zu schwören unter diesen ewigen Sternen, deren Klarheit so golden über dem Bergwalde, über dem Flachlande und der ganzen schlummernden Erde ruht. Gott war mit uns, er wird es auch ferner sein!«

Sophie war tief bewegt; sie schmiegte sich liebevoll und zärtlich an den Geliebten, und flüsterte: »Wie freue ich mich Geliebter, daß Du so gut und so fromm bist. Ja, – im schrecklichsten Augenblicke, den ich je erlebt, sandte er Dich mir als Retter zu – und wem lieber als Dir, möcht' ich meine Rettung danken? Gott und Dir! Welches Opfer aber bringt mir Deine treue anhängliche Liebe, die sich mir am heutigen Abende so hochherzig offenbart. Was gedenkst Du zu thun? Wohin gedenkst Du?«

»»Das will ich Dir sagen, mein theures Mädchen!«« erwiederte Leonhard. »Ich nehme heute vor Halberstadt Abschied von Dir, und übernachte dort im ersten besten Gasthofe. Gern begleitete ich Dich weiter, und mindestens bis Quedlinburg, allein Deine Verwandten in Halberstadt dürften dieß mit Argwohn wahrnehmen.« –

»»Gewiß, das geht nicht an!«« seufzte Sophie.

»Jacob hängt mein Pferd morgen, wenn er nach Helmstädt zurückfährt, an seinen Wagen und übergiebt es dem Vermiether, und ich schlage mich in den Harz, sammle Naturalien und wende mich dann nach Braunschweig, wo ich sie verkaufe. Das fernere wird Gott fügen, Du sollst von mir Nachricht empfangen.« –

Der Huy-Wald breitete seinen grünen Mantel zur Linken um den Berg, den die Straße emporzog, und einzelne Bäume waren auch auf die rechte Seite des Weges getreten. Jacob hatte seinen Sitz verlassen, um die Strecke, so lange es bergan ging, gehend zurückzulegen, damit es den Pferden leichter werde; sein Auge sah fleißig voraus, und es war leicht, beim Schimmer des sternenhellen Abends schon in einiger Entfernung irgend welche Gestalten zu unterscheiden.

Mit einem male begann Jacob zu den Insassen des Rollwägeleins hinauf zu sprechen: »Hören Sie, Herr Leonhard, geben Sie ein wenig Obacht! Da vor uns her geht ein Kerl der gerade so aussieht, wie unser Spitzbub vom Bruch, wenn's nicht ein Kröppel ist, deren es hier um Dardesheim herum abscheulich viele giebt. Der Kerl geht bald rechts, bald links – ich glaube auch, er hinkt – bisweilen steht er still, als gucke er sich nach uns um. Mit dem Kerl ist's nicht geheuer – der Huy ist ohnehin eine vertracte Passage!«

»»Nehm' Er einmal die Laterne, Jacob,«« antwortete Leonhard: »sie blendet mich, und gehe Er damit hinter den Wagen. Wir werden gleich sehen.«

Wie Jacob die Laterne nahm, fragte Sophie: »Was ist das, Leonhard, ein Kröppel?«.

»Kröppel, meine Liebe« – antwortete Leonhard, während er ganz ruhig sein Jagdgewehr schußfertig vor sich nahm, das alte Pulver wegblies und frisches auf die Pfanne schüttete, dann mit dem Nagel des Daumens am ohnehin scharfen Steine des Schlosses leise auf- und abfuhr, ein fast untrügliches Mittel, ein Gewehr mit dem früher üblichen Feuerschloß nicht versagen zu lassen, und sein Blick in das Abenddunkel hinaus und bergempor spähete: – »Kröppel heißen hier zu Lande die Zwerge oder Erdkobolde, von denen das Landvolk sich mit allerhand abergläubischen Sagen trägt. Am Smannsborn und in den Felshöhlen des Huy-Waldes sollen diese Geisterlein zahlreich wohnen, der dort oben aber ist keiner, das ist ein Geist von Fleisch und Bein, und wenn er unser Männlein von Bruch her sein sollte und Böses gegen uns im Schilde führt, so mag er sich wol hüten, daß er nicht noch schlimmer als da drunten in die Brüche kommt.«

Das Wesen, was da immer bergempor vor dem Rollwägelein in einer Entfernung von etwa 30 bis 40 Schritten herwandelte, verführte allerdings einen seltsamen Gang, dem eines Trunkenen in etwas ähnlich, und hinkte dabei beträchtlich. Leonhards Falkenauge nahm auch wahr, daß der vermeintliche Kobold von Zeit zu Zeit sich bückte und Steine aufhob, die er dann wieder nieder- oder auch nach Stämmen und Stöcken warf, gleichsam um sich eine der Gesundheit dienliche Bewegung zu machen.

»Jacob, halte Er die Zügel fest in der Hand!« rief Leonhard nicht eben laut: »damit, wenn es etwas geben sollte, die Pferde nicht scheuen – mein Klepper ist ohnehin in Helmstädt ein wenig verschrieen, weil er schon mehr als ein Dutzend Studenten, die sich einbildeten, sie könnten reiten, derb abgeworfen hat. Und die Laterne, dächte ich, könnten wir wieder auslöschen.« –

»Nicht doch! Jacob! Nicht doch!« rief Sophie ängstlich, und zu Leonhard sich wendend, sprach sie: »Wenn es was geben sollte, sagst Du? Um des Himmels Willen! Was kann es denn geben?«

»»Sei nur ruhig, liebe Sophie,«« bat Leonhard, und wandte ihr sich liebevoll zu. »Jacob hat Furcht vor den Kröppeln, ich nicht – doch schadet nicht, auf der Hut sein; die Nacht ist keines Menschen Freund, und was einer, der so närrisch, wie jener Kerl, auf der Straße nachtwandelt, im Schilde führt, das kann man so eigentlich nicht wissen.«

Leonhard sprach dieß, sich nach Sophieen wendend; als er wieder vor sich hin auf die Straße blickte, war sie leer. Ein Felsvorsprung mit Gebüsch deckte den unheimlichen Wanderer, der mit wuthkochendem Herzen jetzt den Rollwagen erwartete.

 


 

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