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Die Geheimnisse eines Wundermannes. Erster Theil

Ludwig Bechstein: Die Geheimnisse eines Wundermannes. Erster Theil - Kapitel 10
Quellenangabe
authorLudwig Bechstein
titleDie Geheimnisse eines Wundermannes. Erster Theil
publisherW. Einhorn's Verlag/C. A. Hartleben
year1856
correctorreuters@abc.de
senderHerbert Niephaus
created20180917
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9.
Das Naturaliencabinet.

Leonhard enteilte dem Hause, und nahm seinen Weg stracks nach dem botanischen Garten: Er wollte dem Knaben des Gärtners heute dessen so lange gehegten Wunsch erfüllen und ihm dieß sagen, dabei sich womöglich bei Sophie entschuldigen, und ihr erzählen, wie es ihm ergangen, zugleich auch noch um eine Abschiedsstunde bitten, denn ihre Abreise war auf den morgenden Tag festgesetzt. Traf er Sophiens Oheim, so wollte er diesem mittheilen, daß der Pathe nach Braunschweig gefahren sei.

Es ging ihm auch alles nach Wunsch, schon auf dem Wege begegnete ihm Christian, der mit vielen Büchern beladen, in die lateinische Schule ging, und Sophie lustwandelte im Garten, da der Morgen hell und schön war, um noch einmal für ihre Erinnerungen bleibende Eindrücke zu empfangen, und sich die in Helmstädt verlebten heitern und frohen Tage und Stunden noch einmal lebendig in das Gedächtniß zurückzurufen. Den Knaben bestellte Leonhard in das Haus des Herrn Pathen, gleich nach Beendigung der Lehrstunden, wo seinem Wunsche Erfüllung werden sollte, und seinem Mädchen nahte sich der Liebende mit schmerzlichen Gefühlen und bot ihr den Morgengruß mehr befangen als freudig. Auch in ihr blitzte die Freude, den Geliebten zu solch ungewohnter Morgenstunde zu erblicken, durch die Wolkenschatten der Wehmuth.

»Ach meine theure Sophie,« begann Leonhard: »mir ist unerhörtes begegnet; das für Dich bestimmte Andenken hat mir mein Herr Pathe genommen – ich kann nicht anders sagen, als geradezu genommen. Alle mein Widerstand und meine Einreden waren vergeblich, und daß ich Dir es bestimmt, es für Dich gemalt habe, das konnte ich ihm doch nicht sagen. Verzeihe mir, beste Sophie – ich male noch einmal das Bild und sende oder bringe Dir es, darauf darfst Du Dich verlassen.«

»Es thut mir weh, das Andenken mir entzogen zu sehen, auf das ich mich gefreut hatte« – nahm Sophie das Wort. »Es ergeht auch uns, wie es gewöhnlich geht, Trübes kommt zu Trübem.«

»»Die eigenmächtige, herrische Behandlung, die mir bisher mein Herr Pathe widerfahren ließ, hat ihren Endpunkt erreicht«« – sprach Leonhard weiter. »Du scheidest, Sophie, und auch ich werde scheiden. Doch Du sollst bald von mir hören. – Und der heutige Tag ist ganz mein, mein Peiniger ist nach Braunschweig an den Hof abgeholt worden. – Wann treffe ich Dich noch einmal, zu welcher Stunde hier im Garten, an unserm trauten Plätzchen? Und wie reisest Du? Begleitet Dich jemand?« drängte in liebender und unruhevoller Hast Leonhard Frage an Frage zusammen.

»Ich mache hernach einige Besuche zum Abschied bei den Familien, die ich hier näher kennen lernte,« entgegnete Sophie: »und will mich für den Abend ein halbes Stündchen frei machen, gegen sechs Uhr will ich im Rondel sein. Wie ich reise? Sehr einfach; zur Begleitung ist Niemand da. Der Vetter hat jetzt im Herbst vollauf zu thun. Christian darf die Schule nicht versäumen, der gute Junge begleitete mich sonst von Herzen gern. Der Vetter läßt mich mit dem Gartengeschirr bis Halberstadt fahren; der alte Jacob macht den Kutscher, da bin ich in guter Huth. In Halberstadt kehre ich bei Postmeister Meier ein, mit dessen Frau wir verwandt sind, und fahre dann mit der Postkutsche den langen Weg über Quedlinburg und Eisleben nach Erfurt, und von da über Arnstadt nach Hause. Ja, guter Leonhard – Du kannst Dir recht was einbilden auf Dein Mädchen, daß es so weit her ist.«

Sophie lächelte wehmuthvoll zu ihrem Scherz, während ihr die Augen voll Thränen standen.

Die Liebenden wandelten während ihres Gespräches durch die blühenden Gartengänge, die im vollen Schmucke der Herbstflora standen, und fanden den günstigen Moment, an geeigneter Stelle zu einem flüchtigen, doch liebezärtlichen Kuß, worauf Leonhard zurückging. Wie dieser sich dem Gartenausgange nahete, flatterte eine kleine Mädchengestalt aus der Gärtnerwohnung, die vor ihm den Ausgang gewann, und in der er sein jüngstes Schwesterchen, ein Kind von zwölf Jahren erkannte. Daher rief er ihr nach: »Lottchen! Lottchen!«

Das Kind hörte ihn und stand. »Was hast Du hier außen zu thun, Lottchen? Suchtest Du vielleicht mich?«

»Nein Gottfried!« entgegnete das Kind. »Ich trug nur ein Briefchen vom Herrn Professor an den Herrn Gärtner.«

»»Ein Briefchen? Hierher?«« – Es fiel ihm auf, und war ihm nicht lieb; das hätte er ja auch besorgen können, wenn der Vater ihm das Briefchen gegeben. Der Vater konnte aber freilich nicht wissen und nicht ahnen, daß der Herr Sohn, der sich am Morgen in den Augen des alten Paares keinesweges liebenswürdig gezeigt, schon so zeitig einen botanischen Ausflug machen werde. Der Herr Pathe wird dem Herrn Gärtner schriftlich angezeigt haben, was ich demselben mündlich sagen wollte, dachte Leonhard und beruhigte sich bei diesem Gedanken, auch hatte er wichtigeres zu thun und zu denken, denn sein Entschluß stand fest – er wollte von dannen, den Pathen vorerst nicht wiedersehen, die Heimath meiden, in die Welt gehen auf gutes Glück, im Kriege sich etwas versuchen, denn Krieg war entbrannt, Frankreich forderte ihn heraus durch seine heillose Revolutionswirthschaft, die bereits drohend genug sich gestaltete, und rasch allen ihren Gräueln und Schrecknissen entgegenreifte.

Zu Hause angekommen, begann Leonhard sofort sich so zu rüsten, wie er gewohnt war, seine Naturaliensammelgänge auf das Harzgebirge anzutreten. Da auch der Harzwald, wie der Thüringerwald, ein Conglomerat von vielerlei Landestheilen größerer und kleinerer Staaten war, und herzoglich Braunschweigische, kurfürstlich Sächsische, gräflich Stolbergische, fürstlich Anhaltische und Schwarzburgische Grenzen sich mannigfach berührten, so hatte Leonhard für das Bereisen dieser Gegenden einen guten Paß in Händen, einiges Geld hatte er sich ebenfalls gespart, und die am Morgen so verächtlich behandelte Rolle von seinem Herrn Pathen gedachte Leonhard auch wieder zu Gnaden anzunehmen, und sich mit derselben auszusöhnen. Da er bei diesen Gängen am besten als Jäger reiste, so war sein Anzug einfach, aber gut und dauerbar. Eine Jagdtasche war geräumig genug, einige Wäsche, Pulver und Schroten nebst sonstigem Bedarf zum ausbalgen von Thieren, zum zeichnen und dergleichen zu umfassen, dazu eine erprobte Flinte, ein Weidmesser mit Genickfang, eine wasserdichte Kopfbedeckung, und der junge Weidmann war fertig.

Während Leonhard in seiner Stube packte, ordnete, manches verschloß, manches vernichtete, auf oder in manches zurückzulassende seinen Namen schrieb, berathschlagte das alte Ehepaar drunten über des Jünglings raschen und wie es schien tollkühnen Entschluß – und war in Sorgen um ihn, obschon nicht so sehr, wie manches andere Vater- und Mutterherz unter ähnlichen Umständen gewesen sein würde. Das hatte freilich seine gewichtigen Gründe, die aber der Welt verborgen bleiben mußten.

»Er wird schon wiederkommen, wenn er auch fortstürmt,« bemerkte der alte Leonhard: »Er ist an's Brod gewöhnt.«

»»Und wenn er nicht von selbst kommt, wird der Herr Professor ihn schon zu rufen wissen!«« setzte Frau Leonhard hinzu. »Aber man kann zuletzt doch nicht wissen – gieb Acht, Alter, das wird sehr übles Wetter werden, wenn der Herr Professor zurückkommt, und der Gottfried fort ist!«

»»Da mag er denn selbst zusehen,«« tröstete der Alte: »Wir sind es nicht, die ihn gehen heißen, noch weniger können wir ihn halten. Vielleicht ist seine Drohung, davon zu laufen, auch nur ein Schreckschuß. Und zuletzt – was können wir machen?«

So spricht nicht Aelternliebe, so spricht die Gleichgültigkeit der Miethlinge. –

Christian kam, läutete an, fragte nach Gottfried und eilte auf dessen Zimmer.

»Nun?« fragte der Knabe, als er die Reiseanstalten erblickte. »Was soll denn das bedeuten?«

»Eine Excursion – auf den Harz,« antwortete Gottfried und fragte seinerseits zurück: »Dein Vater hat heute durch meine kleine Schwester Lottchen ein Briefchen vom Herrn Professor empfangen. Hat er nichts darüber gesagt?«

»»Ich weiß es nicht, Herr Leonhard!«« antwortete Christian.

»»Ich komme aus der Schule, meine Bücher liegen unten, ich mochte nicht erst nach Hause, da Sie so gütig waren –««

»Nun gut, so wollen mir einen Gang mit einander in das Kabinet machen – vielleicht das letztemal, daß ich diese Räume betrete« – fügte er nur für sich hinzu, und begab sich, von Christian gefolgt, in die Zimmer des mittleren Stockwerkes, darin die zahlreichen Naturaliensammlungen, Kunstwerke, Seltenheiten und Wunderlichkeiten aller Art in mannichfaltiger Gruppirung, und nichts weniger als nach irgend einem Systeme aufgestellt, ja oft aufgehäuft und aufgeschichtet waren. Es war daher keinesweges leicht, hier den Cicerone zu machen, nur der Professor selbst vermochte dies mit seiner überwältigenden Weise zu dociren, zu überzeugen und seinen Anführungen eine Glaubwürdigkeit beizulegen, die alle Zweifel unbedingt ausschloß.

Christian staunte mit offenem Munde, als er sich in das sonst so streng verschlossene Heiligthum versetzt sah, welches so vollkommen den Forderungen an eine große Sammlung, wie man sie noch in der Mitte des vorigen Jahrhunderts liebte und pflegte, entsprach. Daß die Thiere oder die Mineralien nach irgend einer wissenschaftlichen Folge aneinander gereiht gewesen seien, daran war nicht zu denken. Bei den Schmetterlingen staken an Nadeln kleine Seepferdchen, Buschspinnen und große scheusliche Scorpione bunt durch einander. Neben der seltenen Wendeltreppe lag das Haifischei, und der fossile Zahn des Sauriers war als Glossopetra dem Belemnit gesellt, neben dem das Straußenei und die mit gravirten Verzierungen indischer Landschaften überdeckte Nautilusschnecke an Fäden schwebend hing. In ein schönes weißes Papiernautilusgehäuse hatte dessen nächster Nachbar, ein roher scharfkantiger Magnetstein, ein großes Loch gestoßen, und von der Seespinne waren, eine Folge argen Milbenfraßes, die Beine abgefallen. In einer stattlichen Kokosnuß hatte eine Mausmutter ihr Wochenbette jedenfalls schon mehr als einmal gehalten. Der große Vogel Strauß schien nebst anderem ausgestopften Geflügel förmlich in der Mauser begriffen, und die kleinen Affen, Eichhörnchen, Vampyre, und sonstige Nagethiere, die keineswegs in Glaskästen standen und durch nichts gesichert waren, härten sich stäubend, wenn nur ein Lufthauch sie berührte. Gut nachbarlich hing der Bogen und Köcher der nordamerikanischen Rothhaut mit dem Fetisch des Kaffers, der aus einer Schildkrötenschale bestand, an welcher eine Schnur schwarzer Korallen befestigt war, neben einander, gleich daneben konnte man den perlengeschmückten Schaamschurz einer Südseeinsulanerin neben der schlotternden gegerbten Haut eines kleinen Samojeden sammt Schädel an der Wand hängend erblicken. Neben dem riesigen Stoßzahn eines Narwal stand ein nicht minder riesiger Fächer aus Palmblättern künstlich verziert, und ein noch größeres Glied des Wallfisches leistete einem chinesischen Regenschirme trauliche stumme Gesellschaft. Korallen, Madreporen, Milleporen, Seegewächse, lange Zöpfe der Brunnenröhren-Rhyzomorphe, für welche man zu jener Zeit kaum einen Namen hatte, schmückten ganze Wände.

»Ich muß mich darauf beschränken, lieber Christian, Dich nur auf das wichtigste dieser Sammlung aufmerksam zu machen, damit Du einen Gesammtüberblick derselben gewinnst!« begann jetzt Gottfried seine Ciceronerolle, nachdem er den ersten Eindruck den Knaben hatte still in sich aufnehmen lassen. »Einzelnes Betrachten könnte uns tagelang beschäftigen. Am besten ist es daher, Du fragst mich nach dem, was Du vorzugsweise gern zu sehen wünschest, und ich zeige es Dir, falls es nicht bei den Gegenständen sich befindet, welche der Herr Professor unter strengem Verschluß hält, und zu denen wir nie die Schlüssel in die Hand bekommen.«

»Bitte, zuerst die Schlange mit dem Menschenkopf!« erwiederte lebhaft der Knabe, denn seit jenem botanischen Collegium hatte diese, von dem Professor gegen die Studenten erwähnte Schlange die lebhafte Phantasie Christians fast immerwährend beschäftigt, und ließ ihm keine Ruhe, zumal sein Lehrer der Naturgeschichte, den er um eine solche Schlange befragt hatte, ihn auslachte, ja ausschalt, daß er an solchen Aberwitz nur im entferntesten denken und glauben könne. Jene Schlange in der Schöpfungsgeschichte sei der Teufel gewesen, der die Urmutter Eva zum Sündenfalle gereizt, und es stehe mit Nichten in der heiligen Schrift, daß jene Schlange einen Menschenkopf gehabt, das sei nur eine Phantasie der Maler, und die Tertianer sollten sich um ihren Cornelius Nepos, um Lange's griechische Grammatik, Cellarius Wörterbücher und um vernünftige Naturgeschichten, nicht aber um Schlangen mit Menschenkopfen bekümmern.

Dieser pädagogische Verweis hatte, wie so viele tausendfache pädagogische Verweise erst recht das Gegentheil dessen bewirkt, was er bewirken sollte. Christian hielt den Professor für einen ungleich gelehrteren Mann, als seinen Lehrer in der Naturgeschichte, traf auch mit dieser Ansicht nahe genug an's Ziel, und glaubte fest an die Schlange mit dem Menschenkopf, während seine Phantasie diesen Kopf sich völlig in natürlicher Größe dachte.

Gottfried Leonhard führte Christian zu einem Schranke, auf welchem in langen Reihen Zuckergläser aller Größen standen, die mit Spiritus gefüllt und mit Thierblase zugebunden waren, beides mindestens sein sollten, allein das Maas des Spiritus war sehr ungleich in diesen Gläsern, welche die Weingeistpräparate, Misgeburten, Monstra, Gliedmaßen, Amphibien und sonstige Merkwürdigkeiten enthielten; hie und da hatten die Milben kleine Löcher in die Blase gefressen, welche der Spiritus benutzt hatte, aus denselben treulos zu entweichen, und da hingen nun viele Präparate ganz vertrocknet und verschrumpfelt und mumienhaft, und von gräulichem Aussehen form- und gestaltlos in den Gefäßen, wie arme Sünderseelen. Gottfried zeigte nach einem Glase, hob es vom Gestelle; es war noch ziemlich mit Spiritus gefüllt, und in ihm befand sich eine etwas über zwei Fuß lange Schlange von gelblicher Farbe der Schuppen, mit von einander in Zwischenräumen abstehenden dunklen Querbändern.

»Das ist sie? So klein ist sie?« rief der Knabe mit dem bitteren Gefühle völliger Enttäuschung, worauf ihm Leonhard erwiederte: »Ja, lieber Kleiner, es ist nur eine junge. Wie groß sie wird, das kann man so eigentlich nicht wissen; die im Paradiese war jedenfalls ein ausgewachsenes Exemplar; sieh Dir aber einmal ihren Kopf recht an, ob er nicht aussieht, wie der eines Teufels?«

Der Kopf der Schlange, von der Größe einer wälschen Nuß, sah in der That erschreckend häßlich aus; über den Augen starrten zwei nach hinten ein wenig gekrümmte Hörnchen empor; im übrigen blieb der Einbildungskraft freigegeben, sich ein Menschen-, ein Teufels- oder ein Baffomethaupt unter dieser häßlichen Mißbildung zu denken, und Leonhard sprach belehrend:

»Diese Schlange heißt Kerastes, Hörnerträger, war schon den alten Griechen wohl bekannt und wohnt in Aegypten, jedenfalls wird sie auch in der schönen Gegend des Paradieses gewohnt haben. Herodot erwähnt dieselbe und die Aegyptier bildeten sie häufig ab.«

»»Ach, ich dachte ihr Kopf wäre so groß, wie ein Menschenkopf, oder doch wenigstens wie ein recht großer Apfel!«« klagte Christian mit schlechtverhehltem Unwillen, Leonhard aber setzte das Gefäß wieder an seinen Platz und sagte:

»Es thut mir leid, aber ich kann sie nun einmal nicht größer machen, als wie sie ist.«

Christian begriff das logische in dieser überzeugenden Versicherung, und gab sich gern daran, ohne fernere Fragen aufzuwerfen, anderweite Gegenstände zu betrachten, deren Fülle fast verwirrend wirkte. Dort hing ein Krokodil, dort ein Armadil; der ausgestopfte Seehund war mit rothen gezackten Lederstreifen allerliebst umgürtet, und streckte eine Zunge von rothem Tuche dem Beschauer entgegen. Das Kalb mit zwei Köpfen, die Ziege mit vier Hörnern schauten ernsthaft von ihren Gestellen herab. Verschiedene Schildkröten leisteten nachbarlich nicht minder verschiedenen Seefischen Gesellschaft, und auf Geweihen des Elchs, des Rennthiers, verschiedener Antilopen ruhte die gezahnte Waffe des Sägefisches; daneben gähnte der drohende Rachen des Hay's. Es mangelte nicht am »stachlichen Rochen und des Hammers gräulicher Ungestalt«.

Da prangten altgermanische oder keltische Streitbeile noch als Donnersteine; aus Asbest konnten ewige Lampendochte und unverbrennliche Handschuhe vorgezeigt werden; Dentriten und geschliffene Landschaft- und Ruinenmarmorstücke waren neben gelbglitzernden Fischabdrücken in schwarzgrauen Schiefern zahlreich zur Schau gestellt; Adlersteine, Stalaktiten und Ammonshörner galten als sogenannte »Naturspiele«, denen eine reiche Anzahl der Behringerischen Pseudoversteinerungen zugesellt war. Bei Prachtexemplaren der Jericho-Rose lag Sturmius Tractat über dieselbe; ein Kasten mit zahlreichen Abtheilungen enthielt die wunderlichstgeformten Samen und kleinen Früchte ost- und westindischer Gewächse, darunter auch Krähenaugen und Elephantenläuse, Mirabolanen und Coloquinten. Vom Bilsenkraut, Schwarzkümmel und anderen Pflanzen zeigten sich in Glaskästen sauber gearbeitete Skelette; die Mandragorawurzel war zur Alraungestalt geformt, und stellte Männlein und Weiblein dar.

Leonhard machte seinen jungen Freund auf ausgezeichnete Exemplare des Rhinoceroshornes aufmerksam, deren einige zu Bechern ausgedreht waren, auf Elennklauen, von welchen man Schnupftabaksdosen verfertigt, auf Bezoarsteine, die man vergoldet hatte. Indianische Vogelnester, Ambra, Bernstein, Spermaceti und große Krebssteine wurden in bunter Reihe gezeigt und ihre verschiedenen nützlichen Eigenschaften genügend erklärt. Ein Basilisk fehlte dieser weit berühmten Sammlung eben so wenig, wie die Tarantel, bei welcher ein Notenblatt mit der »Melodie« der Tarantella lag, nach deren Takte die von der giftigen Spinne Gebissenen tanzen mußten, um sich zu heilen.

Der ganzen großen und überreichen Sammlung war anzusehen, daß sie zusammengebracht war, nicht um Naturgeschichte in ihr und durch sie zu studiren, sondern das Wunderbare in den Gebilden der Natur zu zeigen und anstaunen zu lassen, wenn auch die Kunst gar manchen heimlichen Antheil an diesen sonderbaren Gestaltungen hatte. Denn die Kunst blies eine Eidechse zum Basilisken auf, die Kunst setzte der gehörnten Schlange Hahnensporen in die Kopfhaut, die Kunst bildete aus Mandragora und Allermannsharnisch-Wurzeln die beliebten Alraune. Als das Kabinet anzulegen begonnen wurde, stand es noch gar mißlich um die wissenschaftliche Naturkunde; man war noch nicht allzufern von der Zeit, in welcher deutsche Gelehrte die Gräber-Urnen unserer heidnischen Vorfahren für Naturspiele oder für Gebilde der Erdzwerge hielten; man glaubte noch, daß auf einer Pflanze in Ostindien ein Lamm wüchse, und daß der Alb-Schoß, Hexenpfeil oder Belemnit, (versteinerter Seeigel-Stachel) von den Sternen niederfahre.

»Es sind hier allerlei artige Sachen,« erklärte Leonhard, und zog von den Schiebefächern eines Mineralienschrankes ein Fach nach dem andern zur Besichtigung aus. »Hier sind alle Arten von gesiegelten Erden, denen die verschiedensten Bilder und Zeichen aufgedrückt sind; diese sind indische, von den Braminen gesiegelt, diese arabisch, diese türkisch, diese altgriechisch. Besonders war die Lemnische Siegelerde, von der Insel Lemnos, sehr beliebt; hier sind altchristliche aus den Katakomben Neapels, mit dem Christusbilde, dem Vera Ikon, daraus das Veronika-Bild geworden; diese hier gehören Böhmen, diese Schlesien, diese jüngsten dem sächsischen Erzgebirge an, man braucht diese Erden als Heilmittel.«

Das Schubfach fuhr zu, ein anderes wurde aufgezogen. »Hier siehest Du Roggensteine, hier Kümmelsteine vom Pilatusberge, hier Erbsensteine, und zwar sind dieß deutsche, dieß arabische, Pica bethlehemitica genannt. Mancherlei alte, zum Theil wunderliche Sagen knüpfen sich an diese Steingebilde. Hartherzige Menschen säeten Erbsen auf Aecker, welche von Unterdrückten verwünscht wurden, und dann steinerne Erbsen trugen, statt der natürlichen. Selbst die Jungfrau Maria soll bei Bethlehem einem groben Bauernlümmel die Ehre solcher Verwünschung angethan haben. Man zeigt den Erbsenacker bei Bethlehem noch heute. Hier ist Ingwer-Stein, welcher der getrockneten Zingiber-Wurzel täuschend ähnlich ist, daneben liegen Gebilde, zuckerkandirten Mandeln und Pistaziennüssen ähnlich, welche man Confect von Tivoli, ihrem Fundort, nennt. Diese kleinen strahlenförmigen Sternsteinchen heißen Bonifaciuspfennige, man findet sie an der Sachsenburg bei Oldisleben, und trägt sich mit der Sage, es sei heidnisches Geld gewesen, das Bonifacius verwünscht, weil das Volk, welches er habe bekehren wollen, mit Steinen nach ihm geworfen habe. Dieses hier sind Spangensteine, von denen die alte Schloßfeste und Stadt und Amt Spangenberg im Hessenlande ihre Namen tragen, weil sie dort sich vorzugsweise finden. Dieses hier sind Würfel-Steine, welche die Natur aus einer Wiese bei Baden in der Schweiz, im Aargau hervor- und zu Tage bringt, die deshalb auch die Würfelwiese heißt. Die Edelsteine hält der Herr Professor unter Verschluß, sonst solltest Du herrliche Sachen sehen, geschnittene Gemmen und Intaglio's, wie der Herr Pathe sie nennt, und alle Sorten geschliffener prächtiger Edelsteine.«

»»Auch den großen Diamanten?«« fragte Christian mit merklicher Wißbegierde.

Leonhard mußte diese Frage belächeln. »Den Diamanten, mein Knabe, habe ich selbst noch niemals gesehen, mein Vater sah ihn auch noch nicht, und ich zweifle fast, daß irgend jemand in Helmstädt denselben sah. Auch haben der Herr Professor des Diamanten gegen uns noch niemals eine Erwähnung gethan, und man hört nur bisweilen in der Stadt fabelhafte Erfindungen von selbem Steine erzählen, wie man es denn hier überhaupt sehr liebt, sich mit allerlei müßigem Schnickschnack über meinen Herrn Pathen zu unterhalten.«

»»Ja«« bestätigte der Knabe ernsthaft und wichtig: »die Leute sagen, Ihr Herr Pathe mache Gold und habe die Goldtinctur, nach welcher die alten Adepten immer gesucht haben, glücklich gefunden, mittelst deren er jedes unedle Metall in edles zu verwandeln im Stande sei.«

»»Dummes Gerede von den Leuten«« – murrte Leonhard:– »das dumme Volk wird nie gescheidt. Binde ihm auf, der Teufel sei ein Eichhörnchen, so glaubt es, und mache ihm weiß, es brauche keinen König oder Herrn, und könne sich selbst regieren, so glaubt es erst recht, und regiert, wie jetzt in Frankreich der Anfang gemacht ist, auf Teufelsmanier darauf los. Doch was gehen uns diese Possen an? Sieh, hier stehen die Vögel, die ich meistens selbst ausgestopft habe, ja auch selbst gefangen oder geschossen, die siehe Dir recht an, Du findest weit und breit nicht eine so zahlreiche Sammlung. Den merkwürdigsten Vogel freilich kann ich Dir nicht zeigen, der wird vom Herrn Pathen im strengsten Verschluß gehalten.«

»Und welcher ist das?« fragte der Knabe gespannt.

»Die Ente ist's, das wundersame Automat von Vaucanson, welche wie lebend erscheint.«

»»Schade, daß ich sie nicht sehe, ich habe vieles von ihr erzählen gehört; es mag wol auch manches übertrieben sein«« – entgegnete Christian; aber Leonhard belehrte ihn: »»Nichts ist übertrieben, alles, was man von der Ente sagt, ist wahr; sie übertrifft jede Erwartung.««

 


 

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