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Die Geheimnisse eines Wundermannes. Dritter Theil

Ludwig Bechstein: Die Geheimnisse eines Wundermannes. Dritter Theil - Kapitel 9
Quellenangabe
authorLudwig Bechstein
titleDie Geheimnisse eines Wundermannes. Dritter Theil
publisherW. Einhorn's Verlag/C. A. Hartleben
year1856
correctorreuters@abc.de
senderHerbert Niephaus
created20180917
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8.
Der große Diamant.

Da die Anwesenheit Goethes und Wolfs zu Helmstädt um mancher freundschaftlicher Beziehungen willen noch mehr als einen Tag verlängert ward, so erfolgte an dieselben auch erneuete Einladung von Seiten des Professors zu fernerer Besichtigung seiner Sammlungen, wie zu gastlicher Bewirthung, und wurde beides dankbar angenommen.

Die bedeutende Münzsammlung, in welcher der Eigenthümer Stücke zu besitzen sich rühmen konnte, die in Paris, in Gotha und in dem berühmten Cabinete der alten Reichsgräfin von Bentinck fehlten, bot vielfachen Stoff zu anziehendem Meinungsaustausche, und hier war nun auch der feine Kenner des Alterthumes, Geheimrath Wolf, völlig in seiner Sphäre, und bewieß jene Geduld im beschauen, die ihn bei Betrachtung der Gemälde so völlig verlassen hatte. Auch mußte anerkannt werden, daß der Eigenthümer dieser Sammlung sich eine namhafte Kenntniß der antiken Münzen erworben hatte, so wie sich leicht begreifen ließ, daß derselbe auch in Angaben bedeutender Preishöhen nicht übertrieb, denn die Lust an Münzsammlungen stand zu jener Zeit in hoher Blüthe, und Kenner, Sammler und Händler suchten einander gegenseitig seltene Stücke zu höchsten Preisen abzugewinnen.

Auf Ausflügen, deren einige in die nahe Umgegend Helmstädts unternommen wurden, gab der Professor einen angenehm unterhaltenden Begleiter ab, und verkürzte durch Mittheilungen von seinen Reisen und merkwürdigen Erlebnissen die Stunden mehr als einer Fahrt. Er deutete, als man eines Tages nach dem gräflich Veltheimischen Rittersitz Harbke fuhr, in welcher edelen Familie der Professor Hausarzt war, und die Fremden dort einführte, nach den säcularisirten Klöstern, aus denen seine byzantinischen Bilder und manches andere hochalterthümliche Geräthe, mancher werthvolle Incunabelschatz seiner Bibliothek herrührte, und erzählte Geschichten von Erwerbung der letzteren.

»Wenn ich mir ein richtiges Bild Ihres Lebens mache, verehrtester Herr Hofrath,« – nahm auf diesem Ausfluge, dem er nähere Beschreibung hat angedeihen lassen, Goethe das Wort: »so erblicke ich dieses Leben nach allem, was Sie uns mitzutheilen bisher die Güte gehabt, vollkommen harmonisch entwickelt, was ich als ein seltenes Glück an mir selbst zu preisen habe. Ein munterer, lernbegieriger Knabe, im Entschlusse beharrlich, wie die Geschichte Ihrer Erwerbung der Vauconsonschen Automaten darthut, als junger Mensch mit Neigung ritterlichen Uebungen obliegend, vollständige Körperkraft entwickelnd, angestrengt fleißig, vor keiner Gefahr und keiner Schwierigkeit zurückschreckend, haben Sie später auf Reisen thatlustig und mit feiner Beobachtung und mit nach allen Seiten hin offenem Sinne Ihre Ziele ausdauernd verfolgt, und dieselben auch sammt und sonders, vom höchsten Glücke gekrönt, erreicht. Mehr kann der strebende Mensch hienieden kaum zu hoffen wagen, und wir dürfen uns Glück wünschen, in Ihnen ein Vorbild und Muster durchdachter Lebenskunst zu erblicken.«

Der Professor verneigte sich dankend und hörte mit Wohlgefallen das ihm gespendete, in der That verdiente Lob.

»Wer mit ungetrübtem Auge, wie Eure Excellenz –« entgegnete er: »in Verhältnisse und Zeiten blickt, der scheidet leicht das wahre vom falschen, die Fabel von der Geschichte. Gegen meinen Willen hat man über mich und meinen allerdings mannichfachen Besitz vielerlei Märlein ersonnen und ausgestreut. Was frommte es, beständig dagegen anzukämpfen? – Ich lasse über mich ergehen, was ich nicht widerlegen kann, ohne Offenbarungen zu machen, die doch nicht für die Menge sind und von derselben keinesweges verstanden werden würden.«

»»Die Menge hat auch gar nicht den Trieb, durch Wahrheit aufgeklärt zu werden,«« fügte Wolf hinzu. »»Ihr ist offenbar der Irrthum lieber, diesen hegt und pflegt sie, und zürnt wol noch dem Aufklärer, der ihre phantasievollen Träume zerstört und ihre Einbildungen zu nichte macht.««

»»Gewiß,«« nahm Goethe wieder das Wort: »und zumal dann zeigt die Menge sich geneigt, an das wunderbare zu glauben und es zu verbreiten, wo sie reichen Besitz wahrnimmt, über dessen Quellen sie nicht selbst Buch führen kann. Die Menschen thun nichts lieber, als das Einkommen und die Habe im Besitze glücklicher Mitmenschen zu registriren: sie taxiren ohne Beruf und Aufforderung des Edelmannes Güter und deren Erträgnisse, sie berechnen die Besoldungen und Deputate der Angestellten, sie calculiren über des Kaufmannes Geschäfte. Wo nun aber nichts halt- und tastbares vorliegt – versteigt man sich im Urtheile gern in das übersinnliche, und giebt chimärischen Vermuthungen Raum. Daß die Wissenschaft, und namentlich die Chemie, zu nützlichsten und einträglichsten Entdeckungen führen könne, und Sie jedenfalls führte, leuchtet dem blöden Sinne der Menge nicht ein, weil sie noch nicht einsehen lernte und einsehen lernen will, daß die Chemie und die Alchemie sehr verschiedene Wissenschaften sind. Wer selbst in anderer Weise über die Natur der Farben tiefer nachsann, weiß auch die Bereitung kostbarer Pigmente für technische Zwecke wol zu würdigen, der Sie sich hingeben.«

»»Eure Excellenz durchschauen alles mit dem höheren verklärenden Sinne des Dichters und mit dem des praktischen Weisen zugleich –«« versetzte der Professor. »Es ist ganz so, wie Dieselben sagen. Ja – ich bereite Farben, die sehr werthvoll sind, Carmine von der äußersten Feinheit, rothe und grüne; Ultramarin, wie in ganz Deutschland keine Fabrik zu liefern im Stande ist – nicht etwa nachgekünstelten aus Smalte – nein ächten, unvergleichlichen Ultramarin.«

»»Gewiß dachten Sie, werthester Herr Hofrath, auch an die Veredelung des Krapps?«« fragte Goethe, und diese Frage überraschte den Professor dergestalt, daß eine leichte Röthe auf seine blaßen Wangen flog. Die Frage traf sein bestes Geheimniß, wie die Sonde des Chirurgen einen blosliegenden Nerven. Doch nicht geneigt, weder den größten Mann noch den liebsten Freund in sein Innerstes blicken zu lassen, faßte der Professor sich schnell, und antwortete der für ihn äußerst verfänglichen Frage:

»Den Krapp, Excellenz, und dessen Anwendung in der Färberei rother und brauner Stoffe, lernte ich erst recht vollständig in der Türkei kennen. Es ist ungemein schwer, gute Krappfarben zu erzeugen; wenn ich sage gute, meine ich das ausgezeichnetste, was in dieser Waare zu liefern ist. Hauptsache ist die Erzielung der Gleichförmigkeit in den Farbentönen des Krapps, welche von den Sorten, den Jahreszeiten und der Umsicht des Fabrikanten zugleich abhängt. Unser Krappbau hier zu Lande will wenig heißen. Der beste Waid wurde früher in Thüringen erzeugt, um Erfurt, Langensalza und bei meiner Vaterstadt Mühlhausen. Dieser Bau kam zum erliegen und mit ihm ein bedeutender Zweig des Nationalreichthums. Der thüringer Waid übertraf den holländischen. Charakteristisch war es, höchst charakteristisch, daß im Mittelalter bei der Gelegenheit, daß die Erfurter einige ihnen schädliche Raubburgen in ihrer Nachbarschaft zerstörten und der Erde gleich machten, sie Waid auf die Trümmerstätten säeten, gleichsam als Symbol des Sieges merkantilstrebsamen Bürgerthumes über diebischstrebsames Junkerthum.«

Diesen historischen Sprung benutzte der Professor alsbald, auf die Geschichte zerstörter Burgen der nächsten Nähe einzugehen, und so hatte er mit äußerster Geschicklichkeit die Weiterfrage, ob er selbst Krappfarben bereite, die zu bejahen ihm nicht gelegen war, klüglich abgeschnitten. –

In Harbke hatte es Goethe ausnehmend wohl gefallen; er, der Naturfreund, der schon damals mit dem kundigen Blicke land- und forstwirthschaftliche Betriebsamkeit überschaute, den später im zweiten Theile seines Faust poetisch die schaffende Gestaltung menschlicher Thätigkeit charakterisirte, fand sich behaglich wohl in Gesprächen mit dem Grafen von Veltheim über dessen forstliche Anlagen und die Einführung amerikanischer Bäume in deutsche Waldungen; der Hausarzt weilte längere Zeit bei der nicht sichtbaren Frau Gräfin, welche seines Rathes und ärztlichen Beistandes bedurfte; Goethes Sohn ergötzte sich an vielem neuen, was auf dessen jugendliches und poetisch warm empfindendes Gemüth erfreuenden Eindruck machte, Geheimrath Wolf aber, der niemand fand, welcher hier mit ihm philosophirte oder kritisirte, weil Goethe den allerdings klassisch gebildeten Hausherrn, als einen vormaligen Freund seines Vaters fast ausschließlich für sich in Anspruch nahm, und auf einem großen deutschen Oekonomiegute so durchaus nichts antikes, auch nicht die leiseste Erinnerung daran, daß es ein Hellas und Latium je gegeben, und doch Leben und Lebensthätigkeit in Fülle und volle Culturentwickelung anzutreffen war, verfiel wieder in seine alte Ungeduld und drängte so sehr als möglich, die Rückfahrt nach Helmstädt je eher um so lieber anzutreten, von einem gastlichen Orte hinweg, wo es den Begleitern sehr wohl ward. Es offenbarte sich auch hier wieder das ungesellige, ungenießbare und selbstsüchtige solcher Geister, deren wenn noch so hohe Begabung sie zur Kritik hinlenkt, die nur zersetzen, nie freudig mit andern genießen will und mag.

Im Hause des Professors erwartete die Rückkehrenden ein wohlbestelltes Gastmahl, als dessen Schluß eine hochangefüllte Schüssel voll Krebse einladend genug erschien, um so mehr die Gegend um Helmstädt, ziemlich wasserarm, solche Fluß- und Bachbewohner insgemein nicht darzubieten pflegte, am wenigsten von bedeutender Größe, wie die aufgetragenen.

In jedes der zu dieser Mahlzeit aufgestellten Weingläser war das Bild eines Krebses sauber geschnitten.

Der gütige Gastgeber brauchte nicht lange auf die gerechte Anerkennung seiner Prachtexcemplare zu harren; diese erfolgte bald genug, laut und übereinstimmend, was denn den Professor bewog, sich über die, in ihrer leuchtend rothen Farbe so schönen Thiere zu äußern.

»Ich verhehle nicht,« begann derselbe: »daß der Flußkrebs unter allen animalischen Genüssen, die ich kenne, mir der liebste ist. Auch ihm, wie so manchem anderen Producte der Natur, habe ich viel, sehr viel zu danken. Krebse haben mich aus Todesgefahr gerettet.«

Dieser Eingang war ganz geeignet, Aufmerksamkeit und Verwunderung zu erregen.

»Krebse sind nicht nur als Leckerbissen einer der vorzüglichsten, sie sind auch als Heilmittel eines der wirksamsten, belebendsten, ja ich darf es Ihnen, Verehrteste, wol offenbaren, sie sind ein Verjüngungsarcanum, wie ich mit lebendem Leibe Ihnen beweise.«

»Krebse? hm! hm! Da vernehmen wir wiederum etwas uns noch ganz neues!« sprach Goethe. »Ich entsinne mich, von sehr kundigen Aerzten die Ansicht ausgesprochen gehört zu haben, daß der Genuß von Krebsen, zumal der häufige, im Ganzen ungesund sei; sie seien schwer verdaulich, erzeugten leicht gastrische Fieber, regten auf, und ich selbst lernte Menschen kennen, denen der Krebsgenuß Nesselausschlag, selbst Nesselfieber hervorrief.«

»»Mit Verlaub, Excellenz!«« rief der Professor, indem er mit größter Geschicklichkeit einen der Krebse so scalpirte, daß er das Fleisch fast vollständig aus der Harnischhülle zog: »jene Aerzte waren keine Krebs- sondern Affenschwänze. Zu jener Zeit, als ich mit stetem Eifer gewissen tief in das innerste Leben der Natur eindringenden Studien mich hingab, als ich bei einem chemischen Proceße, der mir fast das Licht der Augen kostete, wobei ich von dem durch eine ganze Woche anhaltend nöthigen fortgesetzten wachen bei Tag und Nacht in eine völlige Apathie verfiel, und meine total erschöpfte Natur, schon bewußtlos und in den letzten Zügen gleichsam, da lag, da brachte ein Mann, dem viel an der Rettung meines Lebens lag, mir eine Schüssel gut gesottener Krebse, zu deren Genuße er fast gewaltsam mich, den widerstrebenden, nöthigte. Ich aß, und fand mich baldigst neu belebt. Was Wunder, daß ich nun fortan Krebse nicht nur zu meinem Lieblingsgerichte erkor, sondern auch in das Studium ihrer Natur mich vertiefte, und zu Geheimnissen gelangte, sie zur möchlichsten Entwickelung körperlicher Größe heranzuziehen. Stets finden Sie bei mir, aber auch nur bei mir, solche Krebse, wie diese hier – ich bitte, gütigst wacker zuzulangen, und sich nicht vor Uebersättigung zu fürchten. Gar manchen lebensgefährlich Kranken habe ich durch diese Panacee gerettet!«

»»Ich kann mir denken,«« scherzte Goethe: »daß in Vermählung mit einem Glase Champagners mancher Krankheit ein anderer Verlauf, will sagen ein Verlauf derselben aus dem Körper des Kranken, gegeben werden mag.«

»»Allen Naturen –«« äußerte Wolf; »dürfte dieses Mittel, ein heroisches ganz gewiß, da gepanzerte Ritter zum Angriffe gegen die Krankheit geschickt werden, dennoch nicht zusagen.«

»»Irre ich mich nicht!«« fuhr Goethe jovial fort: »so wurde mir in diesen Tagen hier in jocoser Weise berichtet, Sie besäßen, hochverehrtester Herr Hofrath, das eigenthümliche Geheimniß, erlesene Kritzekrebse Weimarischer Provincialismus für Maikäfer. durch das geheimnißvolle Universale in wirkliche Krebse zu verwandeln und durch spagyrische Nahrung zu solcher merkwürdigen Größe aufzufüttern, wie wir hier vor uns stehen sehen, und bewundern.«

»»Dieses Märlein hat mein College Lichtenstein ersonnen, verehrtester Herr Geheimrath, der Spinnen- und Maikäferfresser! der Schwalbenschwanz!«« rief der Professor mit komischem Zorne. »Ganz andere Künste sind es, die ich anwende, diese nützlichen und schmackhaften Thiere in Menge zu erzeugen und sie groß zu ziehen – Geheimnisse, die allerdings über den Horizont beschränkter Hasenschwänze gehen.«

»»Die Sie uns Laien aber schwerlich offenbaren werden!«« warf Wolf hin.

»Oh, doch, Herr Geheimrath!« versetzte der Professor. »Ich bin kein Geheimnißkrämer. Das Hauptmittel für einen Krebszüchter, ausgezeichnet große Krebse erzielen, ist, die kleinen, die man im Netze mit herauszieht, stets wieder in den Behälter zurück zu werfen und die Krebse nicht eher zu essen, als bis sie groß und völlig ausgewachsen sind.«

Mit dieser Offenbarung ertheilte der Professor der philosophischkritischen Weisheit, die den oft handgreiflich nahe liegenden Grund der Dinge meist in weiten Fernen und in tiefen Geheimnissen wittert, eine ganz geeignete Lektion. Wolf schwieg betroffen, Goethe aber freute sich lachend der praktischen Lehre, und gelobte sich, in der Heimath derselben nach zu leben, und die leichte Cultur an Ilmkrebsen zu versuchen.

»Noch eins will ich bemerken,« nahm wieder der Professor das Wort: »jeder Besitzer eines Krebswassers mache sich und den seinen zur unerläßlichen Regel, niemals ein Krebsweibchen, zur Fangzeit an den Eiern, die es außerhalb seines Leibes trägt, leicht kenntlich, mit zu verspeisen, sondern jedes gefangene sogleich wieder seiner Freiheit zurückzugeben. Mit jedem Weibchen, das wir aufzehren, werden ganze Generationen der Zukunft vernichtet. Wird diese Regel befolgt, dann bedarf es keiner künstlichen Befruchtung.«

»»Künstliche Befruchtung?! Wie meinen Sie das? Was verstehen Sie darunter?«« fragten die Gäste.

»Es giebt eine solche!« erwiederte der Professor flüsternd: – »Niemand ahnet sie; ich habe sie versucht und bewährt befunden – sie hat mich vieles Nachdenken gekostet. Man muß nur zunächst Krebse haben, dann geeignete Behälter, dann die Weibchen von den Männchen zu unterscheiden wissen, bevor die Eier aus ihnen hervortreten, und das übrige findet sich dann – lege artis – wie die Pharmacopöen sagen.«

Auch in diesem Falle deutete der Professor den Besitz eines Geheimnisses an, ohne alle Neigung, dasselbe Preis zu geben. –

Es kam der letzte Tag, den Goethe mit seinen Begleitern Helmstädt zu widmen gedachte, und es wurde dem Manne, der doch dort vor allen am meisten anzuziehen und zu fesseln wußte, noch ein Morgenbesuch zum Abschiede zugedacht. Auf dem Wege dahin sprach Goethe zu Wolf: »Mir kommt alles, was wir bei unserem, immerhin schätzbaren Wundermanne bisher gesehen haben, wie das phantastische Geschmeiß vor, das aus Pandorens Büchse herausschnurrte, als Neugier den Deckel derselben lüftete. Aber die Hoffnung blieb am Boden, und zwar für uns; nämlich die, endlich doch auch den sagenhaften Diamanten mit Augen zu schauen, den, wie ich vernommen habe, von allen hier wohnenden Collegen des Professors kaum ein einziger gesehen hat. Er soll sogar auf Fragen danach erwiedern, er habe den Wunderstein nicht hier, ein Freund halte ihn verwahrt, ja er soll an zwölf auswärtige Freunde zwölf ganz gleiche, fest versiegelte Kästchen mit dem Beding, nie eins zu öffnen, gesendet haben, so daß jeder glaube, Hüter eines unermeßlichen Schatzes zu sein. Wir hoffen daher, sonder Zweifel vergebens.«

»Nun – es ist doch des Versuches werth; ich denke, es ist am besten, wir fragen geradezu danach. Des Mannes Eitelkeit wird durch Zweifel am wirklichen Besitze sicherlich angestachelt, das Kleinod erblicken zu lassen, er müßte denn allzusehr den Kennerblick des Mineralogen scheuen.«

So wurde denn nach wenigen gewechselten Reden der Versuch gemacht, und Goethe sprach mit kurzen Worten die Bitte aus: »Da wir nun von Ihnen mit Dank und Verehrung scheiden, werthester Herr Hofrath, so möchten wir nicht gehen, ohne des Anblickes Ihres größten Schatzes froh geworden zu sein – ich meine Ihrer Edelsteinsammlung.«

Geschmeichelt zeigte der Professor sich alsobald bereit, und erschloß den Schrein von schwarzem Ebenholze, darin er den reichen Vorrath geschliffener und geschnittener Steine aufbewahrte. Da gab es blitzende Bergkrystalle, Topase, Saphire, Amethyste, Chrysolithe und andere edele Steine mehr in Fülle zu bewundern, Stücke von seltener Größe, und in allen Formen der Krystallisation, des Schliffes, der Brillantirung. Ein Schiebefach nach dem andern öffnete sich; es erschienen Bergkrystalle in reiner Kugelform, in Herzform, in Eiform – kein Diamant. Ein Onyx wurde gezeigt, aus welchem ein Bildniß Christi geschnitten war, mit der kühnen Erklärung, daß auf Tiberius Befehl Dioscorides, der berühmteste Edelsteinschneider des Cäsar Augustus des Steines Urheber sei. Ein Kästchen enthielt ägyptische, griechische und florentinische Gemmen, Reliefs und Intaglio's, über 60 an der Zahl, ein anderes abermals 60, ein drittes 46 dergleichen, ein viertes 50. So ging es weiter. Ein kleines Etuis erschloß sich; es enthielt nur fünf, aber kostbare ägyptische Antiken, darunter einen Abraxas von seltener Größe. Rosenkränze und Hals-Ketten von Granaten, edlen Opalen, Korallen, u. s. w. folgten in bunter Menge. Auch der Rubin des Weltumseglers trat an das Licht. Aber kein Diamant. –

Dieß steigerte die Ungeduld Goethe's: »Der Vorhof Ihres Tempels und sein Schmuck ist überköstlich,« sprach er zum Professor. »Erscheinen unsere Augen Ihnen jedoch nicht allzuprofan, so möchten wir wol recht sehr bitten, den Anblick des Allerheiligsten uns zu gönnen, das wundersame Venerabile, davon der Ruf Europa bereits erfüllt.«

»»Mein Diamant!«« – erwiederte der Professor mit einem gewissen Stolze im Blick und Ton – schob alle Fächer des Schreines zu, sprach weiter nichts, und öffnete schweigend ein anderes kleineres Schränkchen. Das innere bot ein Kästchen dar, in welchem eine hübsche Anzahl kleinerer und größerer Diamanten beisammen lagen, und zum Theil im reinsten Glanze ihre Lichtströme ergossen.

»Ohne Zweifel kennen Sie, Verehrteste, die Geschichte der berühmtesten Diamanten wie deren Schätzung, und ich brauche nur in Kürze anzudeuten, daß bei Diamanten vom reinsten Wasser ein Karat acht Pfund Sterling kostet, aber dieß steigert sich in einem arithmetischen Verhältnisse so, daß acht Karat nicht acht Pfund, sondern funfhundert und zwölf Pfund, zwölf Karat eintausendeinhundert und zweiundfünfzig Pfund, zwanzig Karat dreitausendzweihundert Pfund kosten, fünfzig Karat zwanzigtausend Pfund und so weiter. Der kleine Diamant des Schahs von Persien, der den Namen See des Glanzes führt, ist auf vierunddreißigtausend Pfund geschätzt, der größere, Berg des Glanzes, auf hundertundfünfundvierzigtausend. Ich könnte eine Menge belegende Beispiele anführen, doch will ich mich nicht vermessen, zwei Herren Geheimen Räthen Rechnenstunde zu geben. Mit Uebergehung geringerer Größen nenne ich nur einige hervorragende Diamanten. Im russischen Kronschatze befindet sich einer von Eiform, wie der meine, welcher zweihundertsiebenundneunzigtausend Pfund Sterling geschätzt ist; der runde Brillant des Königs von Portugal ist dreihundertneunundsechzigtausend Pfund werth; ein Diamant des Großmoguls von Rosafarbe ist sechshundertundzweiunddreißig tausend Pfund gewürdigt; das alles sind kleine Diamanten. Ein großer Brillant im Scepter des Czaars von reinstem Wasser wiegt siebenhundertneunundsiebenzig Karat, und kostet vier Millionen achthundert und vierundfünfzigtausend Pfund Sterling. Ihn übertrifft aber weit der Krondiamant von Portugal, welcher ungeschliffen ist, wie auch der meine, fast so groß wie ein Truthahnei, nicht so groß wie der meine, mit einem kleinen Höker an der Seite, wie der meine; derselbe wiegt eintausend sechshundert und achtzig Karat, und ist auf fünf Millionen sechshundert und vierundvierzigtausend Pfund Sterling geschätzt.« –

»»Sie besitzen ein fabelhaftes Gedächtniß!«« belobte Wolf den endlich Odem schöpfenden Sprecher, der aber auf diese Bemerkung, als auf eine sich von selbst verstehende Wahrheit gar keine Antwort gab, sondern fortfuhr: »Mein Diamant ist fünfmal so schwer, wie der letzterwähnte des Königs von Portugal, berechnen Sie nun selbst mit Zugrundlegung der arithmetischen Steigerung seinen Werth.«

»Und wo bewahren Sie dieses, sonach völlig unbezahlbare Kleinod? In welchem geweihten Schreine, in welchem edlen Gefäße?« fragte Goethe.

»Es befindet sich gegenwärtig in keinem meiner Schränke, sondern an einem andern sehr sicheren Orte sehr gut aufbewahrt,« antwortete der Professor, und aus dieser Antwort ließe sich schließen, daß die Märe von den zwölf an Freunde vertheilten Kästchen zum Vorschein kommen werde, gleichwohl fragte Wolf: »Und soll es uns unsichtbar bleiben?«

Der Professor antwortete weder ja noch nein, sondern sprach: »Noch haben hier am Orte nur wenige Menschen meinen Diamanten mit Augen gesehen. Nur einmal zeigte ich ihn, als unser hochgnädigster Herzog mich in Begleitung des Prinzen Heinrich von Preußen, gefolgt von meinem würdigen Freunde Abt Henke und dem Hofrath Fein, mit Höchstseinem Besuche zu beehren geruhte.«

Der Professor griff nach einem zur Hand liegenden Buche und zeigte dessen Titel; es war die Reise nach der Levante des berühmten Botanikers Joseph Pitton de Tournefort, und schlug dann eine Bildtafel auf, welche mehrere natürliche Diamanten aus Indien darstellte, die eiförmig und nierenförmig gestaltet waren, indem er andeutete, daß auch sein Juwel in ähnlicher Form gebildet sei. Eine solche Abbildung aber in einem zu Anfange des vorigen Jahrhunderts erschienenen Buche, die ja doch nicht einmal jene des Originales war, konnte unmöglich genügen, und die Frage: »Wo haben Sie den Diamanten?« drängte sich aufs neue auf die Lippen.

»Wo ich ihn habe? Wo ich ihn habe?« fragte der Professor mit feinem Lächeln zurück. »Wenn die Herren das errathen, mögen Sie sich in den Besitz meines Kleinodes theilen.«

Man fand bald, daß diese Antwort auf einen Scherz gemünzt sei, und versuchte auch nur zum Scherz einiges rathen, um dem Besitzer den seinen nicht zu verderben, der nun endlich mit dem naiven Geständnisse herausplatzte: »Sie errathen es nicht! Ich habe ihn in meiner rechten Hosentasche!«

Blitzschnell fuhr die Hand des Professors an den bezeichneten Ort, blitzschnell wiederheraus – und da war der Diamant.

Der Diamant war so groß wie ein Gänseei, nicht geschliffen, aber vollkommen klar, völlig durchsichtig, an der Seite hatte er einen kleinen nierenförmigen Auswuchs.

Erst gab der glückliche besitzesfrohe Eigenthümer den Diamanten nicht aus der Hand. Er rieb ihn am Rocke, worauf derselbe leichte Papierstückchen, gleich dem Bernstein, anzog. Er strich ihn mit einer feinen englischen Feile, mit Amethyst, mit Topas, mit Saphir, keine Spur eines Eindruckes blieb, und begann nun die Erzählung, wie er in des Juwels Besitz gekommen, und wie er einst versucht, die Verflüchtigung an dem Diamanten zu probiren, und über der unbeschreiblichen Herrlichkeit des Schauspieles vergessen habe, die einwirkende Gluth zu unterbrechen, daher über eine Million an Werth bereits vom Wunderei hinweggeflogen. Endlich war Goethe der auserwählte, welcher den Stein in seine Hand bekam. Er wog denselben in dieser Hand, betrachtete ihn um und um, während der Besitzer sich über die Seltenheit der Krystallisation rühmend ergoß – und hielt ihn dann gegen das Licht, hindurchblickend die Fensterstäbe und deren Farbensäume betrachtend, bei welcher Bewegung er einige »Hm, hm!« nicht unterdrückte.

Mit verbindlicher Verneigung gab der hohe Mann den Stein wieder in die Hand seines Besitzers zurück.

Dieser erwartete, unbeschränkte Anerkennung zu finden.

Diese Anerkennung blieb unausgesprochen.

Das beunruhigte den Professor. – Er hielt beim scheiden Goethe sanft zurück und flüsterte: »Der Diamant! Excellenz vorenthalten mir Ihr Kennerurtheil!«

»»Herr Hofrath!«« entgegnete Göthe, sich flüsternd zum Ohre des Professors niederbeugend: »»Können Sie Urtheil ohne Vorurtheil vernehmen, und fühlen Sie sich reich genug auch ohne den problematischen Schatz? Dann darf ich wohl im Stillen einige bescheidene Zweifel gegen den Stein nähren, wohlverstanden – im Stillen – und ohne Sie undankbar zu kränken. Wissenschaftliche Gründe dringen mir die volle Ueberzeugung auf, daß Ihr Stein nichts ist, als ein sehr schöner, und dabei sehr seltener – Kiesel von Madagaskar.««

»Ein Kiesel von Madagaskar!« drängte sich's, wie ein halb unterdrückter Schreckensschrei aus dem Munde des Professors. Vor den Augen flirrte es ihm, sein Gebein erzitterte, sein Puls begann zu fiebern.

Jene Fremden waren längst aus dem Hause, als er immer noch stand, in der bebenden Hand den Stein – darauf hinstarrte, und vor sich hinflüsterte: »Mein Glück, mein Stolz, mein Reichthum, mein Idol, mein Fetisch – ein Kieselstein von Madagaskar!« –

 


 

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