Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Ludwig Bechstein >

Die Geheimnisse eines Wundermannes. Dritter Theil

Ludwig Bechstein: Die Geheimnisse eines Wundermannes. Dritter Theil - Kapitel 7
Quellenangabe
authorLudwig Bechstein
titleDie Geheimnisse eines Wundermannes. Dritter Theil
publisherW. Einhorn's Verlag/C. A. Hartleben
year1856
correctorreuters@abc.de
senderHerbert Niephaus
created20180917
Schließen

Navigation:

6.
Besuch von Goethe.

Als der Förster, äußerst wehvoll gestimmt, bereits Wolfenbüttel im Rücken hatte, und nun zur Linken der hügeliche Assewald sich vor ihm hob, drängte es ihn mächtig dort hinüber; es war ihm, als müsse er hinab in die Tiefe, und neben dem Sarge seiner Mutter die Augen schließen zum ewigen Schlafe. Farblos, wie der trübe, regenschwere Himmel, erschien ihm jetzt sein Leben – abgeblüht alles – dahinten alles – abgethan alles. »Sophie würde um mich weinen, doch harret ihrer kein trübes Wittwenloos, wenn ich vor ihr dahin gehe. Ha! Wenn ich so verschwände – an einem Orte, wo niemand mich sucht, niemand mich findet! Den Rappen müßte ich ins Weite jagen, den Hund – erschießen, denn der wiche sonst nicht von meiner Spur. Und wäre es nicht besser – so zu verschwinden, und für Sophie ein minderer Schmerz, mich auf diese Weise zu verlieren, als wenn Schergen mich packen, mich nach der Fronfeste schleppen und als Mörder mich ausschreien? Unentdeckt bleibt doch die Sache nicht – so oder so bin ich unglücklich.«

Es giebt Lagen im Leben und Stimmungen im Gemüthe, in denen alles schwarz, tiefschwarz erscheint, Gegenwart und Zukunft, in denen kein Strahl der Hoffnung und der Gnade zu leuchten scheint, in denen der Mensch sich gleich zu sterben sehnt und wünscht. Das wäre freilich das bequemste, wenn Jeden den ein trüber Tag des Erdendaseins verzweifeln macht am Leben und am Glück – alsbald der Tod erlösete. Der Mensch ist aber zunächst zum leben auf der Welt, und später erst zum sterben, wann er lange genug in vorbestimmter Thätigkeit wirkte, und strebsam den ihm zugewiesenen Antheil am großen Tagewerke der Menschheit mit erfüllte.

Der Förster ritt gleich hinter Wolfenbüttel links, der Asse zu. Bald umfing der herrliche Wald den schwermüthigen Reiter mit melancholischem schweigen. Ganz anders aber war es heute im Walde, wie damals, als Gottfried mit eigenthümlich-romantischem Gefühle am schönen Herbstabend zur Höhe der Trümmerveste empor wandelte. – Wie schnell waren seitdem schon Jahre vorüber gewandelt! –

Zur Ruine hinan wollte heute Gottfried nicht, er verfolgte einen Waldpfad, der nicht allzufern vom Rande des Waldes gegen das Ockerthal zu um den Burgberg sich herumwand, und der zu jenem Vorwerke leiten mußte, in welchem nach dem merkwürdigsten Abenteuer seines Lebens der Förster damals übernachtet hatte. Gottfried ritt und ritt, der Wald schien sich endlos zu dehnen, es kam kein Vorwerk, wol aber kam der Reiter endlich aus dem nebelvollen Walde, und befand sich an einer Stelle, wo mehrere Feldwege sanft zu Thale nach den in der Niederung verstreuten Dörfern führten.

Sonderbar! Gottfried mußte in Augenblicken seines gedankenvollen sinnens dem Vorwerke vorbeigeritten sein. Er wendete jetzt den Rappen und ritt zurück, wieder in den Wald hinein, und da kam er endlich an ein Stück alten Mauerschädels am Fuße des dicht bewaldeten Burgberges, der als südlicher Vorsprung des Assewaldes sich mäßig aufgipfelte.

Die Stelle war es, das sahe jetzt der Reiter – aber wohnen – konnte hier kein Mensch mehr. Das Strohdach, welches früher das ärmliche Gebäude gedeckt, war nicht mehr da; die Wände, die einst wenige kleine Zimmer umfingen oder schieden, starrten nackt und verfallen empor – vom Holzwerk war jede Spur verschwunden. Der Brunnen war halb verschüttet, und enthielt in seiner Tiefe eine hohe Schicht zusammengewehten Laubes. Jene Treppe zu dem Gaden, darin Gottfried damals eine Nacht zugebracht, war nicht mehr zu finden, der Gaden eben so wenig, alles war herabgestürzt, zerstört, verfallen, verödet. Wer hätte über hohen Schutt, den schon wildwuchernde Waldesranken überspannen, noch weiter dringen und suchen mögen? Wer diesen Schutt aus- und durchwühlend nach Oeffnungen spähen, die in das Innere der Gewölbe führten, welche tief im Schooße des Burgberges geborgen, waren?

Hier war alles, alles vorbei, das sahe, das erkannte Gottfried mit neuem Schmerz an diesem trübsten Tage seines Lebens. Jene weiblichen Angehörigen waren ganz sicher nicht mehr in dieser Gegend zu finden. Aber wo waren sie hin? Möglich, daß die Greisin gestorben war, aber Bianca? Ein Weib, noch nicht zu alt, zehn Jahre, oder kaum, älter wie ihrer Schwester Sohn – wo war sie geblieben?

Und wie sich Gottfried so recht lebhaft Bianca's Gestalt und ganzes Wesen geistig vergegenwärtigte, da fiel ihm ihre Erscheinung und Prophezeihung auf der Harzburg schaudernd ein.

»Hüthe Dich vor rother Farbe – rothe Farbe bedeutet Blut!« –

Rothe Farbe bedeutet Blut – dachte durchschauert der Förster. Mit Rothwein hatte er gestern Abend des Freundes Wiedersehen gefeiert – vergossener Rothwein auf die rothen Aufschläge der preußischen Uniform eines Officiers hatte diesen zu unwürdig schmähender Aeußerung gereizt, in deren unglückseliger Folge jener junge Mann heute eine Leiche war. O wie furchtbar wahr hatte die rothe Farbe des gestrigen Abends heute Blut bedeutet! –

Leonhard stieg vom Pferde und band es an einen jungen Baum, er umkreiste mit dem Hunde rund um das Vorwerk den Wald, da fand er zwei Rasenhügel, dicht von hohem Grase übergrünt, der eine älter, niedrig – der andere offenbar ein Grab. Zwei Bäume standen zu Häupten der hier eingesenkten Todten, und in die Rinden hatte eine fromme Hand Kreuze und Namen geschnitten:

†                †   

ANTONIO. GIACOBBA.

Wo war Bianca? –

Einer lebte, der wußte gewiß heimlich von ihr, der konnte Auskunft geben über sie, volle Auskunft – der Mann in Helmstädt. Aber war dieser zu fragen? – Unmöglich. – Gottfried verließ die öde Stätte und ritt heimwärts. Als er Bienenburg im Gesichte hatte, hörte er hinter sich Hufschlag; eine jagende Staffette stieß ins Horn. Der Postknecht holte jenen ein und fragte: »Ist Er der Förster Leonhard?« – »»Ja, der bin ich,«« antwortete Gottfried und erblaßte. Er erblickte in der Depesche mit großem Siegel, welche jener hervorzog, schon den Verhaftsbefehl. »In Vienenburg« – sprach der Mann: »Er muß mir dort die richtige Bestellung bescheinigen.«

Nie war Gottfried mit solchem Herzklopfen geritten, als er die kurze Strecke ritt, die noch von Vienenburg ihn und seinen Begleiter trennte.

Der Inhalt der Depesche lautete sehr lakonisch:

Wir, Carl Friedrich Wilhelm Ferdinand, Herzog zu Braunschweig-Wolfenbüttel u. s. w. u. s. w. ertheilen dem reitenden Förster Gottfried Leonhard zu Neustadt unter der Harzburg den nachgesuchten Urlaub zur Reise mit seiner Frau nach Thüringen vom heutigen Tage an auf vier Wochen. – Gegeben in Unserer Residenz im grauen Hause zu Braunschweig etc.

Gottfried hatte keinen Urlaub nachgesucht – er küßte im Geiste die Hand des gnädigen Helfers. – Am andern Morgen saß er mit Sophie im Reisewagen.

 


 

Der Professor in Helmstädt befand sich dauernd wohl und guten Muthes; er heilte seine Kranken, las seine Collegia und verhöhnte seine Collegen. Dabei blieb er immer derselbe, nicht geistig, nicht körperlich alternd, nicht anders werdend in seinem Gebahren, nicht ändern lassend den Schnitt seiner Kleidung, nicht darauf achtend, daß man diesen schon längst altmodisch nannte. Es wurde von ihm weiter gelehrt, gesammelt, laborirt, und die stillheimlich betriebene Farbenbereitung hatte ebenfalls ungehemmten Weitergang und stets goldeintragende Erfolge.

So ging der eigenthümliche Mann immer gleich regen Geistes aus dem alten in ein neues Jahrhundert hinüber, hold dem ewig belebenden Flügelwehen der Wissenschaft und des Fortschrittes, abhold dem Getriebe der Politik, ihren Länder erschütternden Wehen, Kämpfen und Krämpfen, ein abgesagter Feind Frankreichs und der von dessen Volke verkündeten, erträumten und bald genug verlorenen Freiheit. Mit Unwillen sah der Professor selbst Besonnene hingerissen in den Taumel, der die Menschen damals erfaßte, und der sie mit Schwindel-Ideen erfüllte, die keinen zum Heile dienten.

In gewohnter Thätigkeit und in der ruhigen Abgeschlossenheit friedlichen Schaffens, wie in der Freude an stets aufs neue zuströmenden Gegenständen für die verschiedenen Zweige seiner zahlreichen Sammlungen, ließ der Professor als ächter Weiser die weltbewegende Krisis der damaligen Politik über seinem Haupte hinziehen gleich einem schweren Hochgewitter, das, und wenn es noch so lange tobt und donnert, endlich doch mit seinen Donnern verrollen muß, und der ewigen reinen Bläue des Himmels wieder Raum geben.

Frankreich hatte sein Königshaus geschlachtet; es wollte, und vielleicht will es immer aufs neue dasselbe, ganz Europa mit dem Mordbrande der Revolution in Flammen setzen. Es fehlte auch in ganz Europa nicht an Gesinnungsgenossen, die in solchem Treiben etwas Gutes, eine heilsame Läuterung der Weltgeschichte und eine Heilung alter tiefgefressener Schäden, deren Dasein sich nicht wegläugnen ließ, erblickten. Heere durchwogten die Länder, Blut und Tod war die Losung, während Frankreich allerlei Versuche machte, sich zu regieren, und mitten in seiner maaßlosen Freiheit der Welt den Spiegel vorhielt, welch ein Unding die Volkssouverainität ist. Urversammlungen, Urwahlen, ein gesetzgebender Körper, der aus 750 Personen bestand, dem Rathe der Fünfhundert und dem Rathe der Alten, ein Directorium von fünf Gliedern waren die ephemeren Schemen einer Volksregierung ohne Haupt, bis Napoleons Stern emporstieg, bis dieses Mannes gewaltiger Geist dahin gelangte, dem blutleckenden Löwen der Revolution Zaum und Gebiß anzulegen, ihn mit Fußtritten zu bändigen, und allen den vielen sogenannten Verfassungen, deren eine der andern nachdrängte, wie Ei auf Ei aus einem Schlangenleibe, ein Ende zu machen. »Weil Napoleon der Erste die Souverainität des französischen Volkes auf eine glänzende Weise anerkannt hatte,« so lautete das sonderbare Argument: »so wählte dieses Volk ihn mit einem Plebiscit von drei Millionen, fünfmalhundert und achttausend, und noch fünfhundert Stimmen zum ersten Consul auf Lebenszeit.« Es gab ihm gleich einem Herrscher eine Civilliste von sechs Millionen Franken, erhob ihn bald darauf zum Kaiser, erklärte seine Dynastie für erblich, gab ihm nun fünfundzwanzig Millionen Civilliste, und so war das blut- und gräuelvolle Drama der französischen Republik zu Ende gespielt, und das Reich hatte wieder, was ihm gebührte, ein souveraines Oberhaupt. Zwar war noch viel von einer Republik Frankreich die Rede, allein die auswärtigen Monarchen, welche den Kaiser der Franzosen anerkannten, nahmen von einer französischen Republik, welche factisch nicht mehr bestand, keinerlei Notiz. Hatte doch der unfehlbare Papst nach der Salbung und Krönung von Kaiser und Kaiserin in der Notre Dame zu Paris gerufen: vivat imperator in aeternum! und keineswegs vivat republica in aeternum! Die Staaten Italiens, die versucht hatten, das Republikdrama gemäßigt nachzuspielen, sahen und gestanden ein, daß der italienischen Republik ein fester Haltpunkt und Dauerbarkeit der höchsten Gewalt fehle, und ernannten Napoleon zum erblichen Könige von Italien. Der Kaiser schuf nun in der Folge Königreiche, Herzogthümer, Fürstenthümer und dergleichen nach Herzenslust, und rettete das Prinzip der souverainen Macht der gekrönten Häupter. –

Indem ruhigbeschauliche Geister den Gang der Zeiten, der Herrscher- und Völkergeschicke, den sie nicht anders zu lenken vermochten, über sich dahin gehen ließen, war es wohlthuend, zu gewahren, wie mitten im bewegten und allbewegenden politischen Leben auch in Deutschland, das ja so vielfach betheiligt war, die Dichter-Heroen der deutschen Nation ihr größtes und bestes leisteten, bis der leuchtende Stern Schillers allen Denkenden und Empfindenden zu früh in dem Jahre 1805 erlosch. Goethe rang in seiner Weise lange mit seinem großen und gerechten Schmerz um den verklärten Freund, bis Professor Wolf aus Halle heiter anregend und wohlthätig zerstreuend, in Weimar mit einer blühenden Tochter eintraf und Goethes Gast wurde. Mit diesem wurde nun über klassisches Alterthum, Kunst, Kunstgeschichte, Kunstsammlungen und dergleichen ungemein viel anregendes durchgesprochen, und ein dauerndes Band gegenseitiger Freundschaft und Hochachtung angeknüpft, welches Anlaß war, daß Goethe von Lauchstädt aus, wohin seine Theaterleitung ihn im August 1805 zog, der dringenden Einladung des Freundes Folge leistete, und nach Halle kam. Dort gastlichster Aufnahme sich erfreuend, lernte Goethe mehr und mehr Wolfs gründliches Wissen, seine umfassende Thätigkeit, seinen tiefen Kennerblick und die geistige Freiheit geschmackvoller Vorträge an die den Meister umgebende lernbegierige Jugend verehren und bewundern. Zu gleicher Zeit trat Doctor Gall in Halle mit Vorträgen über seine Schädellehre auf, welche dem Physiologen und Anatomen Goethe große Theilnahme abgewannen, bis Gall Halle verließ und sich mit seinen Vorträgen weiter und zunächst nach Göttingen wandte.

In dem Kreise gelehrter Männer, der sich um zwei so bedeutende Geister, wie Goethe und Gall, die zufällig gleichzeitig Halle mit ihrem Besuche schmückten, und zu welchem auch Professor Klügel gehörte, welcher als Physiker sich lebhaft zu Goethe, dem Physiker, hingezogen fühlte – war wiederholt der berühmteste aller Professoren der Hochschule Helmstädt genannt worden; vielfach wurden dessen mannichfaltige Sammlungen erwähnt, und namentlich war es Klügel, der von letzteren beredte Schilderungen aus eigener vielfacher Anschau zu machen wußte, und der nicht minder die große Herzensgüte und Humanität des Eigenthümers derselben rühmte, so wie dessen nie ermüdende Bereitwilligkeit, Fremden seine Sammlungen zu zeigen. Dabei unterließ Klügel nicht, auch in schonender Weise einiger Eigenheiten jenes Mannes Erwähnung zu thun, insbesondere das bei hohen Jahren seltene vorwalten lebhaftester Phantasie und einen unerschütterlichen Glauben an das einmal behauptete, wenn dieses auch andern anders, vielleicht sogar irrig erschien und erscheinen mußte. Auf solche Mittheilungen hin erwachte in Goethe, der selbst ein Crösus an mannichfach erfreuenden und belehrenden Sammlungen, mit dem ausgebildetsten Sammeltalente begabt, und in so glückliche Lebenslage versetzt war, alles gesammelte auch beisammen halten zu können – der Wunsch, jene gepriesenen Sammlungen zu sehen, und deren merkwürdigen, in den Nimbus der Geheimnisse gehüllten Besitzer kennen zu lernen. Auch der Freund, Professor Wolf, theilte diese Neigung, obschon es hinwiederum nicht an von solchem Vorhaben abmahnenden und abrathenden Stimmen fehlte; denn das tägliche Leben läßt gewahren, wie ein jeder seine Neider und Tadler hat, die mit bösem Willen verkennen, sein Gutes mißachten und herabziehen, und dieß um so eifriger und heftiger, je weniger der Geschmähte und Verkannte ihrer achtet. Vor allen sind die Mitbürger gern geneigt, einen Mann zu beurtheilen, nicht wie er ist, sondern wie er ihrer besonderen Eigenthümlichkeit erscheint; steht er geistig höher, weiß er mehr, ist er nicht eines jeden Duzbruder, kannegießert, qualmt und kartet er nicht allabendlich mit in Harmonie, Erholung und Casino, so hat er es schon verschüttet, gilt als Sonderling, oder für stolz und hochmüthig, er sei sonst noch so wol zu leiden und achtbar, und daher das allbekannte Sprüchwort.

Daß von solchen kleinstädtischen Philistereien ein Geist wie Goethes sich nicht abhalten ließ, einen einmal gefaßten Vorsatz auszuführen, ist leicht denkbar, und so beschlossen Goethe und Wolf die gemeinsame Reise von Halle nach Helmstädt, und es ward auch Goethe's vierzehnjährigem Sohne August die Theilnahme an dieser manche Belehrung und manchen Genuß verheißenden Reise gern gestattet, welcher Genuß sich schon durch den glücklichen Humor, der die drei Reisenden belebte, einstellte. Professor Friedrich August Wolf, seit kurzem mit dem Titel eines Geheimrathes geehrt, der berühmte und ernste Durchforscher homerischer Dichtungen, konnte auch homerisch lachen und götterfröhlich sein; Goethe verschloß sich nie dem Scherz, wenn er ihn auch, wie alles, vornehm behandelte, und der hoffnungsvolle, dem Jünglingsalter zureifende Knabe August zeigte sich neckisch, witzig, und dabei doch wolgeartet, so daß der Vater wie der Freund ihre Freude über dessen offenes Darlegen von guten Gaben und schönen Talenten hatten.

Der geistvollste und größte deutsche Dichter und der geistvollste und größte deutsche Philolog und Kritiker reisten in trauter Gemeinschaft über Bernburg und Magdeburg; es wurde nach Alterthümern geforscht und gefragt, würdige Denkmale wurden betrachtet, und endlich ward das freundlich gelegene Helmstädt erreicht, und dort das gefunden, was sich nicht besser als mit Goethe's eigenen Worten schildern läßt: Annalen, 1805. »Gründliche Gelehrsamkeit, willige Mittheilungen, durch immer nachwachsende Jugend erhaltene Heiterkeit des Umganges, frohe Behaglichkeit bei ernsten und zweckmäßigen Beschäftigungen, das alles wirkte so schön in einander, wozu noch die Frauen mitwirkten, ältere durch gastfreie Häuslichkeit, jüngere Gattinnen mit Anmuth, Töchter in aller Liebenswürdigkeit, sämmtlich nur einer allgemeinen einzigen Familie anzugehören scheinend. Eben die großen Räume altherkömmlicher Häuser erlaubten zahlreiche Gastmahle und die besuchtesten Feste.«

Daß nun bei solchen Festen, die den berühmten Gästen zu geben die akademische Lehrerwelt sich wechselsweise beeiferte, in welcher zwar mancher früher genannte Gelehrte nicht mehr wirkte, in der aber jetzt noch die Namen Henke, Crell, Pott, Bruns, Lichtenstein und Bredow glänzten, auch der Mann nicht fehlte, um dessentwillen die weite Reise eigentlich angetreten worden, (wenn gleich dieß einstweilen verschwiegen blieb) war sich von selbst verstehend, ja Goethe selbst schrieb über ihn nieder: »Er belebte durch seine heitere Gegenwart jedes Fest.« Er hatte sogar sich gastlich erboten, die Fremden in seine Wohnung aufzunehmen und sie bei sich zu bewirthen, dieß war dankend abgelehnt worden, um so bereitwilliger aber wurde öfterer Besuch zu Besichtigung der Sammlungen zugesagt.

Und so öffneten sich denn eines Tages jene wundersam ausgestatteten und mannichfach angefüllten Räume dem Eintritte Goethe's und Wolf's, welche des ersteren lernbegieriger Sohn begleitete, und es stellte sich die so viel besprochene und berühmte Sammlung vor den Blick der berühmten Männer. Der Eigenthümer, der sich in gleicher Eigenschaft ihnen zuzugesellen wagen durfte, war festlich angethan, und bereit, in seiner Weise den Cicerone zu machen. Er erschien nicht älter geworden, aber die Sammlung war gealtert. Nach den Automaten wurde zunächst gefragt, und so leitete der Professor die Schritte der Neugierigen sogleich aus der Flur nach dem Gartenhause, in welchem der Flötenspieler aufbewahrt wurde. Die Farbe der Gewänder, mit welchen diese automatische Figur angethan war, war verbleicht, verschossen; auch hatten Mäusemütter etwas weniges von diesem Kleide zur Auspolsterung ihrer Wochenbetten hinweggeführt; und gelähmt waren leider Arme und Finger, verstummt war die Flöte, vertrocknet der Hauch, der sie mit Tönen scheinbar belebt hatte.

»O unglückseliges Flötenspiel, das Dir niemals hätte einfallen sollen!« scherzte grausam mit Schillers Worten, die dem Eigenthümer einen Stich in das Herz gaben, Geheimrath Wolf.

»Alles in der Welt erreicht sein Ende, auch wir – selbst unser Ruhm,« entgegnete mit stoischer Ruhe, ohne Empfindlichkeit merken zu lassen, der Eigenthümer. »Mein Flötenspieler ist ein Opfer des hochgepriesenen Fortschrittes, dem wir ja huldigen müssen, wenn wir von der Mitwelt ungescholten bleiben wollen. Mir genügten die einfachen Stückchen alter Musik nicht mehr, welche dieses einst so treffliche Kunstwerk vortrug. Ich entnahm ihm die alte Walze, und ließ von Künstlern, die ich jahrelang in diesem meinem Hause verpflegte, ernährte und bezahlte, eine neue Walze einziehen. Aber Ihre Excellenzen wissen am besten, welche Räume der Zeit sich oft zwischen das beginnen und das vollenden drängen und lagern. Meine Künstler verließen mich, und hinterließen mir ein unvollendetes Werk, weil sie Vauconson's Werk nicht in ihr enges Gehirn brachten. Sie zogen ihre Hundeschwänze ein, und liefen als Hasenschwänze von dannen.«

»»Wir wollen dem Flötenspieler nicht zürnen,«« nahm Goethe das Wort: »daß er in einer so ernsten Zeit, wie die ist, in welcher wir leben, seine schäferlichen Schalmeienklänge nicht mehr ertönen läßt, denn es heißt:

                   

Rühre die Laute nicht, wenn ringsum Trommeln erschallen;
Führen Narren das Wort, schweige der Weise still.

Lassen Sie uns, Verehrtester, die berühmte Ente sehen, hoffentlich ist sie noch bei gutem Appetit und huldigt dem conservativen Princip!«

Die Ente wurde vor Augen gestellt, und entlockte Wolf den Ausruf: »O weh, sie ist in der Mause!«

In der That glich die Ente fast einer gerupften; die Motten hatten ihr das Federwerk fast alles abgebissen, und sich so wenig an den aufgestreuten Camphor gekehrt, als die Sperlinge sich an einen Potzmann im Erbsenfelde kehren, und wenn er noch so unheimlich und grimmig drein schaut. Nun erregte es fast eine grauenhafte Empfindung, zu sehen, wie das fast völlig federlose Thiergebilde, durch dessen zerplatzten Balg man Einzeltheile des innern metallenen Mechanismus, und des Feder- und Räderwerkes erblickte, sich doch noch bewegte, und auch Hafer fraß. Da die Ente aber nicht auch das dem Fressen entgegengesetzte Geschäft jetzt übte, so wurde Spottlust auf's neue rege, indem Wolf klagte: »Das arme Thierchen, es leidet an Verstopfung und Unverdaulichkeit! Der Magen scheint verdorben zu sein!« Diese nicht eben feinen Witze belachte der junge August schallend, was ihm aber von Seiten des ernst betrachtenden Vaters einen strafenden Blick zuzog, der von den Worten begleitet war: »Es ist am Ende weit leichter, etwas unverdautes fallen zu lassen, als wie dieser immerhin kunstreiche Vogel thut, mit Anstand und dankbar, freundlich dargebotenes zu genießen.«

Ein dankender Blick des Besitzers blitzte an Goethe's stattlicher Gestalt empor, und fand in dessen Augen den Ausdruck des Wohlwollens und der Anerkennung, die ihn aufmunterten, mit gewohnter Lebhaftigkeit schon oft andern erzähltes von der Erwerbung dieser Automaten und ihren Eigenschaften zu wiederholen, wobei er ganz von selbst in die behagliche Breite seines Erzählertones fiel und in lieben Erinnerungen sich mittheilend erging, so daß die besuchenden Freunde ihm mehr Zeit zu schenken genöthigt waren, als sie sich für den ersten Besuch eigentlich vorgenommen hatten. Allein sie wurden auch keinesweges losgelassen, sondern nun in den Saal der Naturalien geführt.

In diesem fanden sich denn die herrlichen Schaustufen auserlesener Mineralien völlig gut erhalten, ja selbst vom Staube, der ihr Ansehen unscheinbar macht, befreit, allein die Vögel litten an derselben Krankheit, wie ihre von Menschenhand erschaffene Collegin, die Ente, was die Fremden jetzt nicht abermals mit Worten, sondern nur mit Mienen beklagten. Aber auch diese Mienen entgingen nicht dem Scharfblicke des Eigenthümers, der alsbald das Wort nahm: »Sie dürfen sich nicht wundern, Hochverehrteste, über die von übler Erhaltung zeugende Reihe dieser ausgestopften Vögel; in einem anderen Zimmer werden Sie tadellose Exemplare in gut verschlossenen Glaskästen erblicken. Diese stehen hier gleichsam als verlorene Posten, als Futter für Pulver. Sie sind dem Feinde, den Motten und Speckkäfern, gleichsam als Lockvögel hergesetzt, deren unaustilgbare Schwärme sich nun hier sammeln und die übrigen Zimmer meiden; es ist dieß eine erprobte Kriegslist, die ich jedem Sammler anrathen und empfehlen kann.«

»»Gegen welche sich doch auch manches einwenden ließe!«« bemerkte Goethe: »doch wollen wir unser Urtheil darüber Ihrer Erfahrung unterordnen.«

Nachdem der Professor auf manches vorzüglich sehenswerthe Exemplar der Naturaliensammlung einzeln aufmerksam gemacht, von vielen den Ort der Herkunft und die Preishöhe genannt hatte, erschloß er einen Schrank und zeigte die Lieberkühnschen Präparate, welche mit größtem Antheile betrachtet wurden. – Sie bestanden aus anatomischen Körpertheilen von Menschen und Thieren, in welchen auch die allerfeinsten Arterien und Venen mittelst größester Sorgfalt mit rothem oder blauem Wachse ausgespritzt waren, darunter manche von solcher Zartheit und Kleinheit, daß der Beschauer nur durch über den Präparaten angebrachte starke Vergrößerungsgläser die Verzweigung und Verästelung der Aederchen deutlich erkennen konnte. Auch diese Gläser hatte Doctor Johann Nathaniel Lieberkühn verfertigt.

»Diese Stücke haben Werth für alle Zeiten; sie sind bewunderungswürdig und unübertrefflich!« belobte Goethe. »Unschätzbar und unbezahlbar!« setzte der Professor lächelnd hinzu, und seine Augen gaben glänzend den innern Strahl und Ausdruck der Besitzesfreude zurück.

»Wer diese Präparate nicht kennt und nicht gesehen hat, hat keine richtige Vorstellung von den inneren Theilen des menschlichen und thierischen Körpers, von deren zartestem Organismus, folglich ist er eigentlich kein Arzt und noch weniger ein Anatom, und um ein gutes Theil reicher an gediegener Kenntniß als andere, treten die jungen Mediciner, die hier in Helmstädt studiren, und meine Collegia anatomica und physiologica besuchen, in das praktische Leben Nirgends giebt es eine derartige und so vollständige Sammlung, als ich besitze.«

»»Wenn ich nicht irre,«« warf Wolf ein: »so befindet sich eine noch reichere Sammlung solcher Präparate auch in Sanct Petersburg.«

»Ah so! In Petersburg? Waren Sie dort, Herr Geheimrath?« fragte mit listigem Lächeln der Professor.

»Nein, ich selbst war nicht dort« – entgegnete jener: »aber« –

»»Aber ich war dort, wenn Sie gütigst erlauben!«« unterbrach der Professor: »ich habe die Petersburger Sammlung gesehen – sie reicht der meinen das Wasser nicht, sie ist nicht von Lieberkühn, sie besteht auch nicht aus wirklichen anatomischen Präparaten, sondern aus Nachbildungen solcher Präparate von Wachs, mit welchen auch bei uns unter der Firma: Anatomisches Theater – hier und da einzelne Besitzer auf Vogelschießen und Jahrmärkten herumziehen. Die Petersburger sind von Giovanni Manzolini, und Anna seiner Frau, gefertigt, und in ihrer Art recht preiswürdig.«

Damit war die Anzweifelung niedergeschlagen, und die Präparate verschwanden. Ein neuer Schrank ward eröffnet, die Hahnische Rechnenmaschine wurde vorgezeigt, und den Beschauern eine Geschichte solcher Maschinen anzuhören, nicht erlassen. Bevor die Hahn'sche ihre Kunststücke machte, kam eine chinesische, von Li-Che-Ou erfunden, zum Vorschein, ganz so wie sie noch bis diese Stunde in China und Japan im Gebrauche sind. Dann gab es Rechnenstäbchen von Neper, Sexagonalstäbchen von Professor Reicher in Kiel erfunden, zu betrachten; eine Nachahmung der von Leibnitz erfundenen Rechnenmaschine wurde ebenfalls hervorgeholt, und mit allem, was er zeigte, machte der Professor auch ein stets richtig ausfallendes arithmetisches Experiment, welche oft staunende Ausrufe der Ueberraschung von Seiten der Beschauer erweckten, durch die der glückliche Besitzer so vieler Seltenheiten die innigste Genugthuung empfand.

 


 

 << Kapitel 6  Kapitel 8 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.