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Die Geheimnisse eines Wundermannes. Dritter Theil

Ludwig Bechstein: Die Geheimnisse eines Wundermannes. Dritter Theil - Kapitel 6
Quellenangabe
authorLudwig Bechstein
titleDie Geheimnisse eines Wundermannes. Dritter Theil
publisherW. Einhorn's Verlag/C. A. Hartleben
year1856
correctorreuters@abc.de
senderHerbert Niephaus
created20180917
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5.
Ein Zweikampf.

Das junge Paar, welches seine Reise von Helmstädt auf dem kürzesten Wege über Schöningen und Hornburg an der Ilse ungefährdet zurückgelegt hatte, hielt am Bestimmungsorte heitern Einzug. Vom Kopfe des Sechzehnenders auf dem First des Forsthauses zu Neustadt flatterten grüne Bänder; Förster und Forstgehülfen aus der Nachbarschaft hatten dem neuen Collegen einen Ehrenbogen von Fichtenreißig an der Einfahrt in den Hof des Forsthauses errichtet, und empfingen den Wagen mit Büchsensalven und weidmännischen Fanfaren. Kreiser und Holzarbeiter ließen in Hoffnung auf ein Freibier unter fröhlichem Hüteschwenken manches aufrichtig gemeine Hoch ertönen, und die Köhler der Forste, denen Herr Leonhard künftig vorstehen sollte, hatten auf dem Hofe einen Meiler aufgeschichtet, welcher bekränzt war, den sie im Kreise ihrer Familien mit ihren Schürstangen umstanden, und der sich, als das freudig überraschte Paar sich dem Hause näherte, plötzlich öffnete, worauf einige sonntaglich geputzte hübsche Köhlermädchen mit Kränzen und mit auf einem blankgescheuerten Holzteller liegenden Beben (geröstete, mit frischer Butter bestrichene Schwarzbrotschnitte) hervortraten, und diese nebst einem kleinen Gedichte überreichten. Dieses alles machte auf Sophiens Gemüth einen sehr rührenden und doch auch beruhigenden Eindruck, denn sie sah sich von wohlwollenden Menschen umgeben und willkommen geheißen. Auch in den Stuben und sonstigen Räumen des Hauses fanden sich Zeichen mancher Aufmerksamkeit, merklich aber mußte es überraschen, als Sophie in die Küche trat, für die sie manches Geräthe an Blech- und Töpferwaaren aus der Heimath mitbrachte, das auf einem besonderm Rüstwagen nachkam, als sie rings werthvolles Geräthe stehend und hängend fand, eine Butte, Wasser und Gießkanne, auch eine Kohlenpfanne von nagelneu blankem Kupfer, ein halbes Dutzend blankeiserne Kuchenschüsseln, Suppen- und Bratenschüsseln, flache und tiefe Teller, wie Kaffee- und Milchkannen von Meißner Porzellan, und in saubern Futteralen schwere Vorlege-Eß- und Kaffeelöffel von feinem Silber. Das schien fast au Zauberei zu grenzen, und Sophie eilte mit freudigem Schreck zu ihrem Manne zurück, der mit den neuen Freunden und Nachbarn, unter denen auch mancher alter Bekannter war, rundum aus einem stattlichen Jagdhumpen den Willkommen und fröhliches Weidmannsheil trank und auf gute Freundschaft und Nachbarschaft. Die bereits im Hause waltende Dienerin aber drängte sich hinzu, und winkte bald darauf ihrer jungen Herrschaft, ihr kurze Zeit wieder auf den Hof zu folgen, wo beide mit Erstaunen einen Knecht mit zwei blanken Tränkeimern nach den Ställen gehen sahen, und das Staunen und die Verwunderung wuchsen und wuchsen, als im Stalle sich ein Paar stattliche Kühe zeigten, als aus dem Schweinekoben einige Läufer grunzten, und im Pferdestalle ein prachtvoller Rappe stand, mit welchem Tiro wedelnd schnelle Bekanntschaft machte. Herrliches Reitzeug nebst Sattel und Schabrake hingen am gehörigen Orte des reinlichen, lichthellen und warmen Stalles, und eine Fülle Strohes war dem Pferde unterbreitet.

In der Kammer hängend überraschte eine Garnitur Jagdgewehre aus Lüttich und Namur. Von Wem konnte alle diese Gabe gekommen sein, durch welche alsobald das Paar mit der Fülle der Wohlhabenheit und werthen Besitzthumes sich umgeben fand?

Sophie dachte sogleich an den Herrn Pathen ihres Mannes, Gottfrieds Gedanken aber flogen nach der Asseburg. Beide hatten indeß jetzt keine Zeit zu gegenseitigem Austausche dessen, was sie über diese ungewöhnlich reiche Aussteuer dachten, und hätten sie diese gehabt, so würde doch unter allen Umständen Sophiens Ansicht als die richtige von Gottfried selbst bestätigt worden sein, denn er war nicht geneigt, das Gemüth seiner jungen unbefangenen Frau mit dem Geheimnisse seiner dunkeln Abkunft zu beschweren, und wollte die schmerzlichen Gefühle, die ihn um dieser Willen erfüllten, lieber in stiller verschwiegener Brust allein tragen. – Als alles verrauscht war, und die Neuverbundenen sich allein und zunächst auf sich selbst gewiesen fanden, durchlebten sie glückliche Honigmonde, und blieben, einander liebevoll angehörend, in treuer Eintracht verbunden. –

Der Professor hatte durch seine Erzählung von dem Adepten Sehfeld den Zweck, den er mit derselben erreichen wollte, vollkommen erreicht. Er hatte den Glauben an die Verwandlung der Metalle von sich ab auf andere gelenkt, und sich aufs neue als den Mann gezeigt, der im Besitze der mannichfaltigsten adeptischen Geheimnisse, ja selbst im Besitze des großen Magisteriums doch verschmähe, von demselben Gebrauch zu machen, weil er dessen nicht bedürfe, ja es geradezu zu verschmähen schien, auf so mühelose Weise sich Gold zu verschaffen. Indem er nun gezeigt hatte, wie wenig geneigt er sei, selbst auch nur versuchsweise experimentirend Gold zu machen, steigerte er seinen Nimbus der Kenntnisse und des Reichthums, denn welcher Mann lebte wol noch auf Erden, der aus Zinn und Silber Gold machen konnte, und dieß nicht that? während jeder andere sich keine nützlichere Thätigkeit denken konnte, als jeden halben Tag Gold zu machen, um dasselbe in der zweiten Tageshälfte menschenbeglückend und auch sich selbst vieles Gute dadurch erzeigend, zu verausgaben?

Soviel hatte der Professor nun endlich errungen, daß seine näheren Freunde und Freundinnen nicht ferner mit solchen Dingen in ihn drangen –

Es gingen einige Jahre im ruhigen Gleise vorüber. Auch der Förster Leonhard lebte friedlich seines Berufes und Dienstes; er hatte nicht die Plage mancher Forstbeamten, die jagdlustige Herren besitzen und es gab statt der Thierjagden zu viele Menschenjagden und Menschenschlächtereien in jener unruhevoll bewegten Zeit.

Das herzoglich Braunschweig-Lüneburgische Fürstenhaus hielt kein hohes Jagen mehr – die Jagdzeughäuser mit ihren Netzen und Garnen, Federlappen und Hundepanzern blieben lange verschlossen. Der regierende Herzog war ein Greis, wie sehr seine innere Kraft sich auch sträubte, den Mahnungen des Alters Folge zu leisten. Vieles trübte ihm Stimmung und Lebensfrohmuth, den kein Halali wieder zu erwecken vermochte. Der Erbprinz Carl kränkelte und nicht minder kränkelten dessen jüngere Brüder, die Prinzen Georg und August, in Folge verkehrter, schlechter, englischer Erziehung; der erste starb dann schon im Jahre 1806 nach einem kinderlosen Ehebande, die beiden andern Prinzen zeigten sich unfähig zur Regierungsnachfolge, und nur der jüngste Prinz, der heldenmüthige Friedrich Wilhelm entging dem Schauerlose der geistigen englischen Krankheit, war gesund an Leib und Seele, konnte sich aber unter dem strengen Zuchtscepter des alternden Vaters in Braunschweig nicht gefallen, und so focht er unter Preußens Fahnen als Obrist eines Regimentes mit Tapferkeit und Auszeichnung.

Von Zeit zu Zeit kam Prinz Friedrich Wilhelm, ein angehender Dreißiger von feurigem und lebhaftem Temperamente, nach Braunschweig, meist gefolgt von einem Schwarm von Officieren, theils vom eigenen, theils von andern preußischen Regimentern, welche der für eine Zeitlang zur Thatlosigkeit verurtheilte junge Fürst an sich zog und mit ihnen kameradschaftlich sympathisirte.

Just während einer solchen Zeit führte den Förster Leonhard ein dienstliches Geschäft nach der Herzogresidenz. Er umarmte Abschied nehmend seine liebe Hausfrau, bestieg seinen Rappen, der von ächt arabischer Zucht stammend, unmittelbar dem berühmten Gestüte von Bündheim, in Neustadts nächster Nähe, entnommen war, und ritt ruhig seines wolbekannten Weges hin. Der Tag war regentrüb; Nebelvorhänge verhüllten das Gebirge und auch die hügelichen Gehölze der Niederung zogen den athmosphärischen Niederschlag in den feinen Dunstbläschen dichten Nebels an. Kaum erkennbar starrte fern zur rechten über die Asse, die alte Warte jener Trümmer empor, die für Gottfried so merkwürdig geworden war.

»Es hat sich doch in der langen Zeit keine jener Angehörigen wieder blicken lassen, noch mir ein Lebens-Zeichen gegeben,« sprach Gottfried vor sich hin. »Wie weit liegt doch schon alles hinter mir – und ich bin zufrieden, daß es also ist. Ich denke an jene Begegnungen und Erzählungen nur wie an lebhafte Träume. Ich will auch nicht wieder hin.«

»Ein Thor war ich,« fuhr der Reiter im Selbstgespräche fort: »daß ich auch nur einen Augenblick, damals als wir in Neustadt anzogen, daran denken konnte, jene Frauen haben mir mit den überraschenden Hochzeitgaben Haus und Stallungen gefüllt. Der regierende Herzog, mein gnädigster Herr, hatte mir den Rappen nebst dem Reitzeug in das Haus bescheert, und der Herr Pathe, von dem wir lange nichts gehört haben, hatte alles übrige durch Vertraute besorgen lassen. Hinterdrein haben wir's wol erfahren – und ich war Anfangs nicht einmal erfreut, nicht recht dankbar, denn – so schien es mir – hieß nicht das ganze überreiche Geschenk so viel, als habe er mir mit nackten dürren Worten schwarz auf weiß geschrieben: Du willst nun einmal ein praktischer Forstwirth sein, und dabei mußt Du auch den Landwirth spielen können; wolan denn, habe was Du wünschest, sei ein Bauer; habe statt der Milch der Wissenschaft ein Paar frischmelkende Kühe, habe statt eines Gelehrten-Apparates Holzaxt und Schaufel, Mistgabel und Haue, Karst und Rechen, Gießkanne und Stalleimer; habe Ferkel in den Koben und allen Wust eines prosaischen Sauschwanzes. Das sind so seine Gedanken gewesen, darauf kenne ich ihn, selbst in der Wohlthat noch ein Hohn, im Geschenk noch eine Strafe. Das hat mich aufs neue erbittert, verbittert – wir sind geschieden – sind geschieden geblieben.«

»Und dennoch, wenn ich's recht und ruhig überlege, hatte er Unrecht? War ich denn nun noch von meinem Wege abzubringen, war noch etwas zu ändern? Sollte er mir wirklich das rothe Pulver geben? Wäre dieß mein Glück geworden? – Jetzt befinde ich mich in guter, behaglicher, erwünschter Lebenslage – habe Arbeit vollauf, aber nach der Tagesarbeit auch Genuß und ein liebes treues Weib und häuslichen Frieden. Was will ich mehr? Gott hat es gut gemacht, und der alte Herr hätte doch von mir einen bessern Dank verdient, als den ich ihm zollte.« –

Gottfried hatte seine Geschäfte in Braunschweig abgethan, und verzehrte, eingekehrt in einem der ersten Gasthöfe der Residenz, sein frugales Abendbrot, als die Thüre aufging und ein Fußwanderer eintrat von nicht großer Gestalt, aber voll und kräftig gebaut, mit leichtem Ränzel, unter dem Staubmantel seine schwarze Tuchkleidung, in allem übrigen mit dem Wesen eines jungen Gelehrten noch ziemlich studentisch, doch ohne Sporen und Rappiere. Tiro schlug an, und wollte an, den Fremden aufspringen, der strenge Ruf seines Herrn aber hielt ihn zurück.

Die beiden Gäste sahen einander an, einen fesselte der Blick des andern, sie sannen – sannen – bis endlich die Rufe: »Gottfried!« »Christian!« ertönten und die Freunde einander in den Armen lagen.

»Bist Du's, bist Du's denn wirklich? Wo kommst Du denn her? Weshalb hierher?« und nun ging es an ein erzählen, an ein freudiges erinnern, an ein herzliches mittheilen gegenseitiger Erlebnisse.

Christian hatte nach vollendeten Studienjahren, in denen er sich der strengen Philologie und klassischen Alterthumskunde mit Ernst und Eifer gewidmet hatte, einige Jahre auf Reisen zugebracht, auch einige Stellen als Erzieher in guten Häusern bekleidet, hatte den Doctorhut erworben, kam jetzt aus Italien, wo er Kunststudien obgelegen, und in der Absicht nach Braunschweig, um sich auf dem herzoglichen Consistorium für eine Lehrerstelle am Gymnasium seiner Vaterstadt verpflichten und vereidigen zu lassen.

Darüber war nun Gottfrieds Freude groß und herzlich. Sein in geschäftlicher Einfachheit dahingegangenes Leben bot keinen Stoff zu langer Erzählung; Beide feierten bei edlem Rebensaft ein stillinniges Fest des Wiedersehens und erneuerten den Bund ihrer Freundschaft.

Störend fiel es in die gemüthliche Unterhaltung der Freunde, die sie schon in den späteren Theil des Abends hinein ausgedehnt hatten, und die, statt sich auf ihr Zimmer zurückzuziehen, das sie sogleich gemeinschaftlich nahmen, in der von sonstigen Gästen zufällig leeren Wirthsstube sitzen geblieben waren – daß jetzt lärmend die Thüre aufgerissen wurde und zwei Officiere vom Gefolge des Prinzen Friedrich Wilhelm überlaut lachend in das Zimmer traten, sich auf Stühle warfen und in ziemlich geistloser witzelnder Unterhaltung so laut fortfahren, als sei außer ihnen gar niemand in dem Zimmer zugegen. Ein flinker Kellner trug den beiden Herren bereits vor der Thüre von ihnen bestellten Wein auf, dem jene, schon ein wenig, mindestens schien es so, angetrunken, rasch zusprachen, und in stetem Gelächter fortfuhren, sich mit einander zu unterhalten.

Schon verständigten sich durch einen Wink die Freunde, sich zurückzuziehen, als der eine der Officiers zum andern sagte: »Du – Crolwitz, hast Du gesehen, wie heute nach der Tafel der Hauptmann von Tschockow auf einer Stelle stand, und die Augen hin und her rollte, wie ein Automat, weil er fürchtete; wenn er sich rege, so schlage er längelang in den Saal?«

»»Hahaha, hab's wol gesehen, Wallenborn!«« lachte der Angeredete. »Der gute Kamerad war en canone! Er stand, wie das Uhrwerk des – des – Professors drüben in dem Nest, in dem – dem Helmstädt – des – des –«

»Des – willst Du sagen, Crolwitz!« lachte der Hauptmann von Wallenborn, und nannte den Namen des Professors.

»Guter Junge, Du stotterst ja! Auf Ehre, Du bist nicht weit von Tschockow!«.

Wie der Officier jenen Namen nannte, durchfuhr es die beiden Freunde, sie warfen einander bedeutende Blicke zu und erhoben sich gleichzeitig von ihren Stühlen.

»Richtig! Des – des kleinen schnakischen Hexenmeisters, des Teufelsbanners – des Tausendkünstlers – ja; siehe, mein Kamerad, mit dem Uhrwerk, das so stand, wie von Tschockow – nicht doch – von Tschockow stand, wie das Uhrwerk – ist es so – soll es so sein – isi aber natürlich eine alberne Lüge: das Ding steht nämlich – woran es sehr wol thut und wenn nun der kleine Hexenmeister den Arm danach ausstreckt, so fängt es an zu gehen – dann zeigt es die richtige Stunde – und geht so lange jener den Arm ausstreckt – und wenn er den andern Arm ausstreckt, so spielt auch das Uhrwerk, von Tschockow wird aber heute Abend nicht spielen, auf Ehre, und wenn hundert kleine Hexenmeister ihre Arme gegen ihn ausstreckten – hahaha! es fragt sich sogar, ob von Tschockow noch geht?«

»»Verdammt witzig! Crolwitz! verdammt witzig! Hahaha! Sollst leben!«« lachte von Wallenborn, und klang an mit dem Kameraden, und stieß hart an sein Glas, daß es ihm in Scherben über die Hand fiel, und der Burgunder sich über die Hand und das Tischtuch ergoß. »Von Tschockow muß morgen früh aufgezogen werden, oder wir schicken ihn, wenn er da noch nicht gehen kann, nach Helmstädt zu dem alten Tausendkünstler zur Reparatur! Hahaha! Hahaha!«

»»Geh doch mit alle den Possen!«« grollte von Crolwitz, indem er mit dem Taschentuche sich reinigte. »Schüttest mir den Wein auf die neue Uniform! Es giebt keine solche Uhr und was kümmert uns die Uhr sammt ihrem Besitzer, dem alten Hanswurst!«

Jetzt hatte Gottfried genug. Er ging kerzengerade auf die Officiere zu, richtete sich soldatisch, und sagte zu von Crolwitz: »Meine Herren, Sie erlauben sich in Ausdrücken von einem ehrengeachteten Manne zu sprechen, die ich hiermit mir verbitte, Ihnen verbiete!«

Die Officiere fuhren beide von ihren Stühlen empor, wie eine entzündete Mine, aber Gottfried schaute sie aus großen Augen im starkbartigen Gesichte so trotzig und fest und herausfordernd an, daß der Sprüchhitze gleich der Dampf nachfolgte, obschon sie wie aus einem Munde schrien: »Herr! Herr! Wer sind Sie? Was wollen Sie? Was unterstehen Sie sich?«

»»Nur piano, meine Herren!«« antwortete Gottfried ganz gelassen, und zeigte seine stattliche, keineswegs hagere, sondern jetzt füllreicher gewordene Gestalt in ganzer Größe. »Ich werde Ihnen sogleich antworten. Ich bin herzoglich Braunschweigischer Forstbeamter, habe gedient, habe unter meinem gnädigsten Herzog und Herrn den Feldzug gegen Frankreich mitgemacht, und bin mit Oberlieutnantsrang in den Forstdienst getreten. Ich bin der Pflegesohn des Hofrathes und Professors in Helmstädt, dessen Namen Sie beschimpften, und ich will von Ihnen dafür Rechenschaft! Ich unterstehe mich, Ihnen zu sagen, daß Sie unüberlegt gesprochen haben!«

Mit Flüchen griffen die Officiere, der ältere braunschweigische Hauptmann von Wallenborn und der jüngere preußische Oberlieutenant von Crolwitz an die Griffe ihrer Degen, aber ganz kaltblütig sprach der Förster: »Meine Herren, ich hoffe nicht, daß wir hier ziehen. Mein Hirschfänger fürchtet sich nicht vor Ihren Klingen. Ich stehe Ihnen jederzeit zu Dienst, morgen mit dem frühesten, wenn es Ihnen gefällig ist. Sie haben über Zeit und Ort zu befehlen. Ich stelle Ihnen die Wahl der Waffen ganz anheim, und ersuche Sie, da ich nicht hier wohne, und nur meinen Hirschfänger bei mir trage, diese mitzubringen, so wie auch den Arzt.«

»»Und wenn wir uns nun nicht mit dem Herrn – Forstbeamten schlagen wollen? Ist der Herr – Forstbeamte von Adel?«« fragte Herr von Crolwitz übermüthig und mit höhnischem Lächeln – aber ehe noch der Förster eine herbe Antwort gegeben, sprach Hauptmann von Wallenborn schnell ernüchtert: »Herr Kamerad! Hier ist vom Adel keine Rede. Wir haben diesen Herrn in seinem kindlichen Gefühle, obschon ohne Absicht verletzt; der Herr hat gedient, und trägt des Herzogs von Braunschweig, meines gnädigsten Herrn, Rock und Epauletten. Wir müssen und werden ihm Satisfaktion geben. Also abgemacht. Wir secundiren uns gegenseitig. Haben Sie einen Secundanten, Herr Förster?«

»Hier steht schon der Secundant, meine Herren!« rief Christian. »Doctor Philosophiae et Philologiae rite promotus,« wechsel- und kugelwechselfähig, auch eingepaukt auf scharfe Hieber, krumme Säbel oder Pariser – wie es beliebt.«

»»Du? Oh, Du nicht!«« rief Gottfried.

»Nun wer denn sonst?« entgegnete dieser. »Wollen wir den Scandal erst stadtkundig machen? – Jetzt sind wir unter uns, reden wir es in aller Stille ab.«

»»Ich verlange kein Doppelduell!«« nahm der Förster das Wort. »Ich verzeihe die unbedachten Scherz-Reden – nur für den Hanswurst verlange ich Genugthuung, denn diese Beschimpfung eines wahren Ehrenmannes wurde nicht mit lachendem Munde, sie wurde im bittern Ernst ausgestoßen.«

Von Crolwitz biß die Zähne auf die Lippen und schwieg. In kurzen Worten wurde Ort und Stunde bestimmt, dann schieden die beiden Officiere, und die Freunde begaben sich auf ihr Zimmer.

Gottfried war sehr ernst. Er umarmte den jungen Freund und sagte: »ein dummer Handel, Christian! Deinetwegen thut es mir leid. Es kann Dir Deine ganze Laufbahn verderben – wenn die Sache laut wird – auch ich wage viel – das Duellmandat ist streng – aber sage selbst, konnte ich anders?«

»»Du konntest nicht anders, ich konnte nicht anders«« antwortete Christian. »Mir brannte es schon auf der Zunge, dem Burschen einen dummen Jungen zu stürzen – hätt's auch gethan, wenn Du noch eine Secunde geschwiegen hättest.«

»Meine Laufbahn! Lehrer der Classis tertia Lycei illustris Helmstadiensis in optima forma! Hahaha, Freund! Das Unglück wäre wahrhaftig noch zu ertragen! Darüber keine Grillen, Amice

Gottfried bat den Freund, sich. nieder zu legen, ließ sich noch Schreibzeug bringen und setzte einen letzten Willen auf, schrieb einen Brief an seine Sophie, und einen an den Mann, für dessen Ehre er morgen sich dem Tode entgegenstellen, und – sollte es sein – für sie bluten und sterben wollte.

Vielleicht beurtheilt er mich dann anders – dachte Gottfried. Es war schon Mitternacht, als er endlich das Licht löschte, und das Lager suchte.

Früh wurden die Freunde geweckt, und verließen das Haus; der Ort des Stelldicheins war ein Buschholz dicht unter der Anhöhe, auf der das Kloster Remmelsberg seine Thürme zum Himmel streckte. Da es Schwierigkeiten hatte, daß Personen, welche nicht Militairs oder herzogliche Diener waren, zu früher Morgenstunde aus der wohlbewachten Residenz auspassiren durften, so hatte Hauptmann von Wallenborn dem Sekundanten des Försters einen Sitz im Wagen angeboten, und kam mit von Crolwitz und dem Militairarzte in graue Mäntel gehüllt, angefahren. An einer bezeichneten Straßenecke stieg Christian ein. Der Förster bestieg seinen Rappen. Bald war man zur Stelle, nur die nöthigsten Worte wurden gewechselt. Der Morgen war wie der gestrige, kühl und regentrüb.

Als Waffen wurden Degen beliebt, beide Secundanten prüften dieselben, der Förster wählte, er wog die Waffe in der Hand, er bog die Klinge – sie war trefflich. Noch einige Worte des Sühneversuches der Secundanten.

»Ich dürste nicht nach Blut,« sprach Gottfried auf diese Worte: »ich bin Familienvater, und auf der Spitze dieses Degens schwebt mein Verhängniß. Will mein Gegner, Herr Oberlieutenant von Crolwitz, das gestern Abend über meinen würdigen Pflegevater ausgestoßene ehrenrührige Wort zurücknehmen, und Ehrenerklärung und Abbitte leisten, so will ich zufrieden sein.«

»»Abbitten? Pah! Fällt mir nicht ein!«« erwiederte von Crolwitz höhnisch und leichtfertig. »Habe nichts gegen den alten Herrn, kenne ihn gar nicht – habe nur von andern gehört, daß er sei, was ich gesagt oder auch nicht sei – einerlei! Punktum.«

»»So lassen Sie uns ein Vaterunser beten!«« sprach der Förster mit feierlichem Ernst und zog seinen Hut ab.

Auch Christian that es, auch der Arzt. Crolwitz warf seinen Mantel ab, pfiff und drehte sich auf dem Absatze herum.

Auf die Mensur! – die Klingen kreuzen sich – frühe, regenkündende Morgenröthe spiegelt sich in ihrem Glanze – blutig. Ein Gang – nichts – noch ein Gang – nichts noch ein Gang – die preußische Armee hat einen Oberlieutenant weniger.

Mitten durchs Herz – ohne Laut, ohne Zucken sank Crolwitz nieder – der Arzt war überflüssig.

Tiefes ernstes schweigen. Gottfried stand stumm, im tiefsten Innern erschüttert. Er erwartete, daß jetzt der Hauptmann ihn zu einem Gange fordern werde; dieser that es aber nicht, er sprach: »Reiten Sie heim zu Ihrer Familie. Sie waren im Recht – wir im Unrecht – doch hätte es so ernst nicht enden sollen.« –

Erschüttert reichte Gottfried dem Hauptmanne die Hand und sprach: »Gott vergelte Ihnen Ihr Rechtsgefühl und Ihre Menschlichkeit. Von Ihrem Degen wäre ich gefallen, denn meine Hand zittert. Gott segne Dich, Christian. Umwandle die Stadt, und gehe mit Deinem Passe zu einem andern Thore hinein.« Er schwang sich auf den Rappen, nachdem er den im Gebüsche bei dem Mantel seines Herrn ruhig Wache haltenden Hund abgerufen, und sprengte, noch Grüße zurückwinkend, von dannen. Der Kutscher wurde nach dem Dörfchen Lentorf entsendet, Bauern zu holen, damit diese den auf ihrer Flurgemarkung Gefallenen nach ihrem Orte trügen, auf daß er dann in möglichster Stille dort beerdigt werde.

Ehe die Bauern kamen, ehe der Tode auf einer Tragbare nach Lentorf geschafft wurde, ehe der Ortsvorstand darüber Bericht aufnahm und nach Braunschweig sandte, verging fast der Tag. Aerztliche Besichtigung, Visum repertum, Vernehmungen der Bauern, die nichts zu sagen wußten, als daß ein fremder Kutscher ihnen zugeschrien, draußen im Busche liege ein todter Officier, verging ein zweiter Tag, und erst am dritten ging die Kunde durch ganz Braunschweig, daß ein preußischer Officier ohne Zweifel im Duell unterm Kloster Remmelsberg erstochen worden sei, denn jene Oertlichkeit war das Bois do Boulogne Braunschweigs, und an einen Meuchelmord war nicht zu denken, da Wagenspuren im feuchten Baden, Männerfußtapfen, ja selbst der Kampfplatz ganz deutlich einen Zweikampf anzeigten.

Christian war wieder in die Stadt gegangen, hatte noch am ersten Tage seine Sendung erfüllt, und war jetzt in der Heimath als wohlbestallter Tertius seßhaft, mit der Anwartschaft, sich empor zu arbeiten, und dereinst, vielleicht nach zwanzig Jahren, höheren Classen vorzustehen.

Bald aber verduftete dennoch etwas von der Duell-Geschichte. Die Polizei erschloß alle ihre Spürorgane. Prinz Friedrich Wilhelm war wüthend – daß der Gefallene gerade ein Officier seines Regimentes, ein Preuße sein mußte, ein Unterthan des Königs, von dem er den schwarzen Adlerorden auf der Brust trug. Er wollte die Sache durchaus streng untersucht haben. Nur ein Officier konnte, so glaubte man allgemein, der Thäter gewesen sein – die Wunde selbst hatte von geschicktester Führung der Waffe in der Hand des Siegers gezeugt – aber welcher von den zahlreichen in Braunschweig anwesenden Officiers? Das ganze Corps wurde vernommen. Alle Einzelnen wurden im Militairgericht befragt, eben so die Aerzte. Das waren alte, längst dagewesene Geschichten. Nie gestand auch nur ein Einziger das mindeste, und wenn er auch noch so viel wußte. Die Thorwachen und die wachthabenden Officiers wurden scharf inquirirt. Sie hatten niemand gesehen, niemand erkannt.

Die Polizei sah die Fremdenbücher durch, vernahm die Wirthe, die Kellner. Dem thun und lassen jedes Fremden, der vor und am verhängnißvollen Tage des Duells die Stadt betreten, wurde eifrigst nachgeforscht. Da fanden sich denn in dem Gasthause, darinnen die Freunde übernachtet hatten, zwei Rubriken ausgefüllt:

Dr. Johann Christian E. Candidat des höheren Schulamtes aus Helmstädt. Zweck der Reise: Anstellung. Aufenthalt: 1 bis 2 Tage. Legitimation: vom Magistrate zu Helmstädt. Reist: zurück nach Helmstädt. »Der ist es nicht gewesen,« sprach die polizeiliche Weisheit. »Wer eine Anstellung sucht, sticht keine Officiere todt.«

Ein zweiter Fremder: G. Leonhard, herzoglicher reitender Förster, aus Neustadt unter Harzburg. Zweck der Reise: Herzogliche Dienstsache. Aufenthalt: 1 Tag. Legitimation: keine nöthig. Reist: zurück nach Neustadt. »Der war es auch nicht. Wie käme der dazu? – Doch den Kellner könnten wir immerhin vernehmen, da der Wirth schon sein Alibi nachgewiesen und von nichts wissen will.«

»Wer war am Abende des.. in der Gaststube?«

Antwort des Kellners: »Die beiden Herren Reisenden, die bei uns übernachteten.«

»Niemand weiter? Nicht früher? Nicht zugleich? Nicht später?« –

»»Zwei Herren Officiers; sie kamen, als die Reisenden, von denen der eine eben erst eingetroffen war, schon beisammen saßen.««

»Wie heißen die Officiers?«

»»Ich kenne sie nicht.««

»Wann kamen sie?«

»»Es mochte neun Uhr sein!««

»Was thaten sie?«

»»Sie tranken eine Flasche Burgunder, und lachten sehr.««

»Was thaten die andern beiden Fremden?«

»»Sie aßen und tranken zusammen zu Abend, und sprachen mit einander.««

»War Er zugegen, Kellner?«

»»Ich? Nein – ja – ich ging so ab und zu.««

»Wo war der Wirth?«

»»Er war nicht zu Hause. Er war in den Club gegangen, wie er jeden Abend thut.««

»Sprachen die Herren Officiers mit den Fremden?«

»»Ich denke – ja – ein wenig, aber nicht lange.««

»Sprachen sie laut oder leise mit einander?«

»»Ziemlich laut.««

»Was sprachen sie? War ihr Gespräch heiter oder ernst?«

»»Es schien mir ziemlich ernst.««

»Fiel sonst nichts auffallendes vor?«

»»Einer der Herren Officiers zerbrach ein Weinglas, und begoß das schöne neue Tafeltuch mit Burgunder.««

»Wann gingen die Herren Officiers?«

»»Es mochte gegen halb zehn Uhr sein.««

»Waren sie heiter oder ernst, als sie gingen?«

»»Sie waren sehr ernst und sprachen kein Wort; wie sie kamen, waren sie ausgelassen lustig.««

»Weiß Er sich nicht auf einzelne Worte zu besinnen, welche fielen?«

»»Einzelne Worte? Ja – ja! Von einem Czako war die Rede, von einer Uhr, einem Teufelsbanner, Hexenmeister – von dem Professor – dem Herrn Hofrath – in Helmstädt – der habe die Uhr.««

»Und der junge Herr Doctor war aus Helmstädt?«

»»Er hat sich so eingeschrieben.««

»Hatte der Förster sein Reitpferd mit hier?«

»»Sein Reitpferd, ja, und einen Hund.««

So hatte unter den Auspassirenden der Förster auch schon auf dem Thorzettel gestanden, und die Hufspur eines Reitpferdes, die Fußtapfenspur eines Hundes waren auf dem Zweikampfplatze ebenfalls entdeckt worden.

Schlußfolgerung der Polizei: Der Förster und der Candidat sind unmittelbare Landsleute, beide aus Helmstädt; die Rede kam auf den Professor, die Officiere haben über ihn gespöttelt, jene haben widersprochen, es gab Streit, gab eine Aufforderung, die Thäter oder doch einer derselben sind ermittelt. Jedenfalls ist der Doctor der Thäter. Daß der Braunschweigische Hauptmann von Wallendorf in Gemeinschaft mit dem Getödteten nach einer zum Gelage ausgearteten Mittagstafel beim Prinzen Friedrich Wilhelm ziemlich bezecht Arm in Arm und immerfort laut lachend in jenen Gasthof gewankt, wurde ebenfalls ermittelt, und es erfolgten nun zur völligen Feststellung der blutigen Thatsache die nöthigen ernsten Schritte.

Das war alles sehr klug und weise von der Residenz-Polizei der Stadt Braunschweig, aber weit eher als sie, wußte alles haarklein und jede Silbe der strengsten Wahrheit gemäß – der regierende Herzog. Von Wallendorf war zu ihm gegangen, hatte ihm seinen Degen zu Füßen gelegt, und alles bekannt, zunächst sich selbst angeklagt, im leichten Rausche zur größten Heiterkeit angeregt, die unglückliche Ursache jenes unglücklichen Gespräches und seines noch trüberen Ausganges geworden zu sein, Gnade und Verzeihung erflehend für den Förster, der nur eine Pflicht der Pietät, für den jungen Gelehrten, der als Secundant nur eine Pflicht der Freundschaft erfüllt habe, und jede Strafe auf sich zu nehmen, sich bereit erklärt.

»Das ist eine ganz fatale Geschichte, mein guter von Wallendorf« – sprach Herzog Carl Wilhelm Ferdinand. »Ihr bringt Uns in Conflict mit Unseres Herrn Sohnes Liebden! Seine Durchlaucht sind sehr wild und dringen auf Satisfaction. Was ist da zu machen? Von Rechtswegen müssen Sie, Hauptmann, ein halbes oder ganzes Jahr auf die Festung, Unser Förster Leonhard kommt ins Zuchthaus, der Candidat desgleichen, und nachher werden beide des Landes verwiesen und auf den Schub gebracht. So sind wir um ein Paar Unterthanen, um eines Windbeutels und seiner ungewaschenen Zunge Willen. Das soll nicht sein. Wir wollen dießmal Gnade für Recht ergehen lassen. Heben Sie Ihren Degen wieder auf, gehen Sie und beordern Sie den Polizei-Director zu Mir! Ich will die Sache niederschlagen, wünsche aber, daß derlei Geschichte nicht nochmals vorkomme.«

So ging das drohende Wehe über den Häuptern der Betheiligten vorüber – aber was erforscht war durch die Polizei, das war erforscht, das drang flüsternd und geheimnißvoll in das Publikum, und Prinz Friedrich Wilhelm schrie: »Ich erschieße den Kerl, sobald ich ihn treffe!« Mit dem Kerl meinte er den Förster Leonhard, dessen künftiger Landesherr zu werden, der Prinz ausersehen war.

Auch dem Professor in Helmstädt kam etwas von dieser Geschichte zu Ohren, die schon sehr sagenhaft gestaltet wurde. Den Thäter erfuhr er nicht, wol aber, daß sein Name dabei despektirlich genannt und seine Zauberuhr der Gegenstand des Streites geworden sei.

Der Einzige, der zu Helmstädt dem Professor die beste Auskunft hätte geben können, das war der neue Tertius. Dieser hüthete sich aber äußerst, auch nur im entferntesten zu berühren, wie lebendig seine rege Theilnahme an jenem Zweikampfe gewesen sei.

 


 

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