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Die Geheimnisse eines Wundermannes. Dritter Theil

Ludwig Bechstein: Die Geheimnisse eines Wundermannes. Dritter Theil - Kapitel 5
Quellenangabe
authorLudwig Bechstein
titleDie Geheimnisse eines Wundermannes. Dritter Theil
publisherW. Einhorn's Verlag/C. A. Hartleben
year1856
correctorreuters@abc.de
senderHerbert Niephaus
created20180917
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4.
Das hermetische Siegel.

Der Professor war in seinem Elemente, und die Zuhörer waren in Spannung, denn nun sollte es ja kommen, das längstersehnte sollte erörtert, erläutert werden; so hofften mindestens viele, und hätten nichts lieber gesehen, als wenn ein Kohlenbecken statt einer Bowle auf dem Tische gestanden, und statt des in letzterer glühroth schimmernden Cardinals, in welchem große Stücken Zucker sich lösten, adeptischer Purpur große Stücken Bleies in Gold verwandelt hätte. Der Professor aber nöthigte mit höchster Freundlichkeit seine Gäste zum zulangen der Leckereien des Nachtisches, wie zum trinken; er war weit entfernt, jenen langathmigen Tischrednern gleich, die kein Ende ihrer Tafelsermone finden, von den Gästen ausschließliche Aufmerksamkeit zu fordern, und sie darüber die Hauptsache entbehren zu lassen. Nur als er wahrnahm, daß aller Augen auf ihn ruhten und tiefe, erwartungsvolle Stille aufs neue sich über den Kreis lagerte, nahm er wiederum mittheilend das Wort: »Wenn wir die Benennung Goldpurpur aussprechen, so haben wir zwei wesentlich unterschiedene Präparate ins Auge zu fassen. Das eine ist der Goldpurpur der Chemiker, den alle Welt kennt, der von dem Chemiker Andreas Cassius erfunden ward, der aus der Fällung einer Goldlösung durch salzsaures Zinn gewonnen wird, und dazu dient, Glas purpurroth zu färben, und künstliche Rubinflüsse herzustellen. Eine ganz andere Beschaffenheit hat der Goldpurpur der Alchemie, es ist dieß nichts geringeres, als der Stein der Weisen selbst, auch die rothe Tinctur genannt. Dieses rothe Pulver verwandelt Metalle, und dient in kleinster Gabe und dann noch verdünnt und trinkbar flüssig, innerlich genommen, als eine Lebens-Panacee, die heilend und verjüngend wirkt. Von vielen wird dieses edle Präparat angezweifelt, und man kann nichts besseres thun, als die Zweifler zweifeln zu lassen, denn wozu jemanden überreden wollen, etwas zu glauben, gegen das sich seine Ueberzeugung sträubt? Ich will Sie mit einer Geschichte der Alchymie verschonen, aber hier ist das Resultat ihres ganzen und gesammten Strebens, hier ist der Goldpurpur, sehen Sie denselben mit Ihren Augen an.«

Bei diesen Worten zog der Professor ein kleines, starkes Gläschen, welches aber sehr fest verschlossen war, hervor, in welchem man allerdings einen rothen Staub entdeckte, der ganz die lebhafte Farbe hatte, mit welcher die Blüthe der Amaryllis formosissima prangt, und gegen die das Roth des feurigsten Carmins im tiefen Schatten steht.

»Mache es nun aber auch auf und zeige die Kraft dieses großen Magisteriums, großer Magus!« ließ sich Abt Henke's Stimme vernehmen, und andere aus der Gesellschaft stimmten diesem gerechten Wunsche bei.

»Oeffnen?« rief fragend der Professor. »O mit nichten! Als ich dieses Gläschen aus den Händen Teelsu's im Beisein Sehfelds empfing – gelobte ich mir selbst, es nie zu öffnen, denn wozu? Ich konnte mir ja selbst, wenn ich wollte, das Meisterwerk bereiten – ich dachte: Du willst es Deinen Erben überlassen, vielleicht macht es einen recht glücklich.«

Einen bedeutsamen Blick richtete der Professor jetzt auf den Förster, aber rasch war dieser Blick wie ein Blitzstrahl.

»Aus Sehfelds Geschichte werden Sie erfahren, wozu dieser Purpurstaub dient, dessen hermetisches Siegel ich nicht löse.«

»Sie wünschen Aufschluß über dieses Siegel, verehrteste Zuhörer, gut, ich will Ihnen denselben geben, denn Sie finden ihn in keinem Buche der Welt. Man soll mich nicht für einen Geheimnißkrämer ausschreien. Ich brauche Ihnen, um den Ausdruck: hermetisch, zu erläutern, nur anzudeuten, daß die Wissenschaft der Alchymie ihren Ursprung auf den Gott der alten Aegypter: Theuth, den die Griechen Hermes nannten, zurückleitet; er ist mit dem Römergotte Merkur identificirt worden, und nach der Hand mit einem Priester, Namens Hermon, der die ersten alchymistischen Geheimnisse auf eine Tafel von Smaragd schrieb, oder mindestens und wahrscheinlicher auf eine Tafel, die mit smaragdgrünem Wachse überzogen war. Man nannte Hermes den Dreimalgroßen, und da das, was er geschrieben haben soll, in der auf uns gekommenen Ueberlieferung sehr dunkel und geheimnißvoll erscheint, so wurde er selbst Symbol unergründlicher Geheimnisse. Nun aber birgt sich in einer Sache, die unter Siegeln liegt, ebenfalls ein Geheimniß, und wenn solche Siegel unerschließbar waren, durfte man das, was sie deckten, mit Fug hermetisch verschlossen nennen. Die Chemie braucht daher diesen Ausdruck noch immer für luftdicht verschlossene Gefäße. Der beste Verschluß, dessen wir uns bedienen, ist bei Metallgefäßen die Verlöthung, bei Glasgefäßen die Zuschmelzung. Jene krystallinische Flüssigkeit aber, deren Benjamin Jesse sich bediente, ersetzte die nicht überall anwendbare Zuschmelzung dadurch, daß sie glasartig erhärtete, halbweich den Eindruck eines Sigills noch annahm, und dann ganz glashart und eben so spröde wurde, so daß nur Gewalt oder die Anwendung besonderer Säuren diese Siegel auflösen konnte. Jenes Krystallwasser nun war nichts anderes, als ein Silikat, das heißt, es ist ein durch zusammenschmelzen reinster Kieselerde oder Bergkrystalles mit reinem Kali in bestimmten Mengetheilen und mit Zusatz von Kohle erzeugtes chemisches Glas, das dem Zwecke vollkommen entspricht.«

»Was nun den Spiegel Salomonis betrifft, nachdem wir das Siegel des Hermes erörtert,« fuhr der Sprecher im Kathedertone fort, ohne sich darum zu bekümmern, ob seine gegebene Erklärung den Zuhörern auch einleuchte und von ihnen begriffen werde – (eine sehr häufig begegnende und äußerst bequeme Gewohnheit sehr vieler Docenten) »so können Sie denselben in meiner Instrumentensammlung ebenfalls sehen; es ist ein physikalisches Kunstwerk und hat durchaus nichts von schwarzer Magie an sich. Elektricität und Magnetismus sind dabei thätig. In diesem Spiegel lese ich die Zahlen, welche Sie sich in die Gedanken genommen, Lösungen mathematischer Aufgaben, errathe die gezogenen Karten, erblicke Zahl und Werth der Geldstücke, die jemand heimlich in die Hand genommen, und zwar jedes in einem Augenblick, der nicht länger dauert, als ein Blitzstrahl, welcher über die Fläche dieses Spiegels hinzuckt. Mein geschätzter Freund Lichtenberg in Göttingen hat über dieses Kunstwerk geschrieben, auf meine Bitten aber mich nicht genannt. Mein Instrument ist ganz nach dem, das im Besitze Benjamin Jesse's war, gebaut, und nur durch mich noch vervollkommnet und von mir mit überraschenden Eigenschaften bereichert worden. Ich werde später einige Experimente mittelst dieses Spiegels meinen verehrten Gästen zum Besten geben.«

»Nun aber gelangen wir, meine Hochverehrtesten, zum Schlusse dieser Mittheilung über die in Benjamin Jesse's Betzimmer gefundenen Instrumente an die wunderbare Uhr, an deren Zifferblatte statt der Stundenzahlen die 24 Buchstaben des Alphabets befindlich waren. Wie nun ein Besitzer den Zeiger dieser Uhr rückte und je auf einem Buchstaben eine kleine Weile stehen ließ, so wurden dadurch Silben und Worte gebildet, die in Kürze gefaßt, den Besitzer einer gleichen Maschine in weiter Ferne, durch die völlig gleiche Zeigerbewegung anzeigten, was der befreundete Fernschreiber ihm verkündigte.« –

»Sie sehen mich alle erstaunt und zweifelvoll an, meine Verehrtesten, weil Sie das, was ich Ihnen sage, nicht begreifen, und ich lese in Ihren Augen den Wunsch, Ihnen auch dieses Räthsel zu lösen; allein obschon ich fast alles weiß, so wage ich doch nicht die Behauptung laut werden zu lassen, auch dieses Geheimniß ganz zu kennen, ich kann Ihnen nur sagen, daß ich es ahne. Es erinnert lebhaft an einen animalischen Proceß, von dem Sie vielleicht schon hörten, und den man in Büchern aufgezeichnet findet, deren Inhalt sich mit magischen Künsten beschäftigt. Ich habe diese Vorschrift in Anwendung zu bringen nie Anlaß gefunden, kann daher auch für deren Zuverlässigkeit nicht bürgen, es hat aber dieses Experiment etwas psychisch und physisch geheimnißvolles, ich möchte sagen: schauriges. Ich will es Ihnen mittheilen. Zwei Freunde, die weit von einander reisen, und sich gegenseitig schneller von ihrem Befinden Nachricht geben wollen, als unsere Schneckenposten, und sogar noch ungleich schneller, als unsere Telegraphen zu bewirken im Stande sind, bedienen sich eines magischen Mittels, welches ich Ihnen sogleich nennen werde; ich will mir nur zuvor zwei Worte über die Zielschreibekunst, Fernschreibekunst, oder Telegraphie erlauben. Wir finden dieselbe schon im Agamemnon des Aeschylos angedeutet. Es waren zunächst Feuersignale. Im vorigen Jahrhunderte ersann man andere Arten von Zeichen, und zu Anfange des jetzigen wurden bereits durch den Engländer Hook die Zeichen erfunden, welche jetzt der Franzose Monsieur Chappe zu Paris so gütig und bescheiden ist, für seine Erfindung auszugeben. Chappe hat blos den Mechanismus der Maschinen verbessert und auch das ist allen Dankes werth. Wir werden uns noch eine lange Zeit des optischen Telegraphen bedienen müssen, denn daß es mit den Schalltelegraphen des Franzosen Linguet, der im Jahre zweiundachtzig damit auftrat, nichts war, werden sich viele unter Ihnen noch zu erinnern wissen. Und was Herrn Chappe's Erfindung betraf, so hatte schon im Jahre fünfundachtzig der Consistorialrath und Professor Doktor Bergsträßer zu Heidelberg begonnen, seine Synthematographik erscheinen zu lassen, in der unter dem Namen Signalpost das ausführlich angeführt war, was wir jetzt Telegraph nennen, und Bergsträßer drückte mit fünf Zeichen das aus, wozu Chappe hundert brauchte. Indessen telegraphirte Bergsträßer mit eitel Raketen, welches ein theuerer Spaß ist, den feuchtes Wetter und nasses Pulver noch dazu vereiteln können. Sie wissen, wie eifrig man neuerdings um die Zielschreiberei bemüht ist, gleichwohl ist diese Erfindung noch auf der Stufe der Kindheit. Buria und Achard in Baden, Beckmann in Carlsruhe verbesserten im vorigen Jahre, Wolke auf dem großfürstlichen Lustschlosse Gatschina bei Sanct Petersburg heuer die Telegraphie, die er Telephrasie nennt, weil die fern von einander befindlichen Personen so mit einander durch diese Kunst sprechen können, als wenn sie beisammen wären. Sprechen, in die Ferne sprechen, ist jedenfalls das richtige Wort, das auch in Zukunft in Anwendung kommen wird, und ich ahne es, ja ich sehe es mit Gewißheit voraus: es wird eine Zeit kommen, in welcher die Nachrichten und Mittheilungen schneller strömen, wie das Sonnenlicht, und so schnell wie die unberechnenbare Schnelle des Blitzes.«

Die Zuhörer des Professors erstaunten über diese kühne Voraussagung des kenntnißreichen Mannes, der mit gedankensprühender Lebendigkeit über ein Thema sprach, das schon zu seiner Zeit in allen gebildeten Kreisen wiederhallte, weil der Gegenstand desselben in dem Kriege, in welchem fast ganz Europa gegen Frankreich aufgestanden war, von so außerordentlicher Wichtigkeit sich bereits gezeigt hatte.

»Mit gleicher Schnelligkeit soll nun wirken, soll, sage ich« – fuhr der Redende fort: »jene psychisch animalische Sympathie zwischen zwei Freunden, welche gleichzeitig sich am Zeigefinger der linken Hand mit einer Lanzette verwunden, in einen kupfernen oder silbernen Becher voll Wasser jeder drei Tropfen Blutes fallen lassen, die Mischung mit einem starken Magnetstabe umrühren, und dann gemeinschaftlich, indem sie sich gegenseitig die rechte Hand reichen, den Becher leeren.«

Die weiblichen Zuhörerinnen überliefen leise Schauer bei dieser Mittheilung, und jede schwur sich in Gedanken zu, diese Kunst nie zu versuchen, der Erzähler aber fuhr fort: »Mittlerweile die kleinen Wunden heilen, trennen sich die Freunde. Will nun einer dem andern Kunde geben, so sticht er mit einer magnetisirten Stahlnadel an die Stelle der Wunde so, daß er den Stich empfindet, ohne Blut hervorzurufen. In demselben Augenblick empfindet der entfernte Freund den Stich an derselben Stelle seines linken Zeigefingers. Haben sie nun verabredet, daß z. B. drei rasche Stiche das Zeichen geben: hab Acht! und der andere hat Zeit es zu erwiedern, so beginnt die Fernsprache je nach Uebereinkunft; jede beliebige Anzahl Stiche, wie deren raschere oder langsamere Aufeinanderfolge kann nun Wohl- oder Uebelbefinden anzeigen, oder Buchstaben bedeuten, und so ist ein psychisch-physisches Band in völlig wunderbarer Weise zwischen beiden vermittelt – indessen, meine Verehrtesten, noch einmal: relata refero – ich leiste keine Bürgschaft, gleichwohl schlummern in unserem Mikrokosmos noch Kräfte und Begabungen, die wir zur Zeit nicht ahnen, und das seelische Leben des Menschen birgt unserem Blick noch manches tiefe, zur Zeit noch unerforschliche und unbegreifliche Räthsel.« –

Nachdem so ein reicher Stoff zum nachdenken gleichsam spielend von dem Sprecher seiner Gesellschaft hingeworfen war, unterließ er nicht, abermals vom geistigen zum irdischen Stoffe genußreicher Unterhaltung hinzulenken, um Herren wie Damen zu nöthigen, ohne daran zu denken, daß er für den Augenblick mindestens einigen der letzteren den Appetit mit dem Blutgetränke seiner Erzählung recht gründlich verdorben hatte. Es lag in der Natur der Sache, daß lebhafte Meinungsverschiedenheit über das Für und Wider der Möglichkeit einer solchen psychisch-körperlichen Telegraphie sich mannichfaltig kund gab und laut wurde, und auch der Scherz fehlte nicht, denn Bergrath Crell meinte, es müsse sich besonders hübsch machen, wenn beide Freunde über den gegenseitigen Austausch ihrer Gedanken sich veruneinigten, sie würden dann wüthend auf einander losstechen, und ihre Zeigefinger völlig tätowiren, besonders wenn es Freundinnen wären – welcher kecke Witz dem Sprecher alsbald einige Stecknadelstiche von schönen Händen eintrug. Abt Henke warf spottend hin, daß er die Einführung dieser Fingersprachen nicht in Taubstummeninstituten befürworten werde, der Professor aber behielt die gewohnte ruhigernste Miene bei, die er um so mehr dann zeigte, wenn seine Freunde die Schleusen ihres gewohnten Spottes gegen ihn öffneten, und dann warf er, ehe jene sich's versahen, eine trockene Bemerkung hin, welche alsobald die Lacher auf seine Seite zog.

Bald lenkten sich in dem heitern Kreise wieder vereinzelte Fragen auf den Adepten Sehfeld, und zunächst war es der Förster selbst, den es innerlich drängte, mehr aus seines Herrn Pathen Munde über diesen Mann zu vernehmen, den der letztere selbst merkwürdig genannt, weil Gottfried halb und halb glaubte, der Professor meine Antonio Dersto, und schiebe nur einen erborgten Namen vor und unter, um freier und unbefangener zu bleiben, und jenen gar nicht zu erwähnen. Der Förster wußte freilich nicht, daß dieser Sehfeld wirklich gelebt hatte, und in der Geschichte der Alchemie eine nicht ganz unwichtige Rolle spielte.

»Was den Adepten Sehfeld betrifft,« – nahm der Professor die Rede wieder auf: »so gab dieser vor, er stamme aus Oberösterreich und ich lasse völlig dahingestellt, ob dieses Vorgeben wahr oder nicht. Er durchreiste manches Gebirgsland in Gesellschaft erfahrener Walen und suchte Gold und Krystalle in den Felsenadern der Alpenregionen, die um die ewigen Gletscher lagen. Eine Zeit lang nahm er Aufenthalt in einem Badeorte in der Nähe Wiens, Namens Rodaun. Dort arbeitete er, und da er nicht sorglich genug sein Geheimniß hüthete, erwachte Verdacht gegen ihn. Als er dieß wahrnahm, wandte er sich an Kaiser Franz den ersten, und erwarb von diesem einen Schutzbrief, um ungehindert und unverfolgt chemische Farben, wie er angab, zu bereiten. Diesen Schutzbrief bezahlte er jährlich mit dreißigtausend Gulden!«

Alles staunte, denn die Nennung großer Geldsummen, die ein einzelner Mensch zu verwenden hat, wirkt immer ganz eigenthümlich anregend auf Andre, die solchen Vermögens sich nicht erfreuen.

»Sehfeld benutzte auf das äußerste sein rothes Magisterium,« fuhr der Erzähler fort. »Es war ihm ein leichtes, der Verpflichtung nachzukommen, zu der er sich selbst erboten; er zahlte sein Schutzgeld pünktlich in Monatfristen, und arbeitet nächstdem für sich selbst. Er schmolz Zinn, streute das Pulver darauf, worauf alsbald das Metall zu schäumen begann, und Blasen warf, die in Irisfarben erglänzten. Nach einer Viertelstunde ließ das schäumen und aufwallen der flüssigen Metallmasse nach; das Metall wurde in die Form von Barren gegossen, zeigte hochgelbe Farbe, und war nach dem erkalten reines Gold.«

Die Verwunderung der Zuhörer stieg immer höher, der bescheidene Wunsch, dergleichen schöne Kunst auch üben zu können, regte sich in jeder Brust.

»Der Badewirth zu Rodaun trug dass Gold allwöchentlich zum Verkaufe in die kaiserlich königliche Münze, das war unklug und erregte Verdacht und Aufsehen, obgleich jeder Münzwardein nach strengster Prüfung das Gold für wirkliches erkennen mußte, und es kam die Kunde von dem Adepten zu Ohren der Kaiserin Maria Theresia. Diese, eigenmächtig und selbstherrschend, wie sie war, achtete den Schutzbrief ihres kaiserlichen Herrn und Gemahles keinen Pappenstiel werth, sie beschloß, den Wundermann zu ihrem eigenen Vortheil zu verwenden, denn nach Golde und Gelde strebt ja leider alles, alles – nach diesem leidigen nervo rerum gerendarum – und so ließ die Kaiserin den Adepten gefangen nehmen, und suchte, durch Anwendung roher Gewaltmittel, ihm die Offenbarung seines Geheimnisses abzuzwingen, was im Publicum, in welches die Sache drang, sehr starke Mißbilligung fand. Sehfeld gestand nicht das mindeste ein, und wurde endlich aus die Festung Temeswar in glimpfliche Hasft gebracht, die ihm der damalige Kommandant, General von Engelshofen, angedeihen ließ, der auch kein Mittel unversucht ließ, zu Gunsten Sehfelds und für dessen Befreiung zu wirken. Die Kaiserin achtete nicht darauf, sie wollte nicht eher glauben, bis sie schaute, und letzteres weigerte Sehfeld hartnäckig und unbedingt. Das Sehfeld widerfahrene Unrecht kam durch General Engelshofen auch dem Kaiser Franz zu Ohren, und verstimmte ihn sehr. Es hatte schon unangenehm berührt, daß die monatliche Geldrate von zweitausend fünfhundert Gulden mit einemmale ausgeblieben war, die vorher in die Privatschatulle einfloß. Der Kaiser stellte ein Sauhetze in dem Rodauner Forst an, und vernahm den Bademeister, bei welchem Sehfeld sich aufgehalten, in höchst eigener Person, und dieser war von der Aechtheit der Kunst des letzteren so sehr überzeugt, daß er sich hoch und theuer vermaß, er glaube an dieselbe, und wenn statt Seiner Majestät der liebe Gott selbst daran zweifle.«

»Jetzt brachte es der Kaiser bei seiner Gemahlin dahin, daß der Adept von der Festung entlassen wurde, doch war man keinesweges gewillt, den Goldvogel entwischen zu lassen. Er blieb unter die Aufsicht zweier, dem Kaiser hoch zur Treue verpflichteter Officiere gestellt, die ihn nicht aus den Augen lassen sollten, und genau Acht haben, wann und mit welchen Mitteln Sehfeld wieder Gold machen werde. Sehfeld lebte mit diesen beiden Herren, welches Lothringer waren, nun ganz vergnüglich, er machte vor ihren Augen die schönsten Farben und lehrte ihnen auch bereitwillig deren Bereitung. Die Herren Officiere verstanden nun zwar ihre Rekruten recht tüchtig zusammenzufuchteln, lernten aber weder Farben machen, noch chemische Experimente. Nur eins begriffen sie, und führten es auch aus: sie begriffen endlich, daß Sehfeld der Mann sei, der ihnen ein größeres Zukunftglück bieten könne, als Kaiser Franz, und eines Tages waren sie so flüchtig davon, wie der Merkur aus einer nicht hermetisch lutirten Retorte. Sie waren alle Drei nach Holland gegangen, und die Officiere wahrscheinlich nach Amerika oder sonst in einen andern Welttheil, denn niemals hörte man wieder von denselben. Sehfeld aber hatte sich in Amsterdam niedergelassen, wo er Freundschaft mit einem in gleicher Kunst wie er, bewanderten Juden schloß, der kein anderer war, als unser alter Benjamin Jesse. Damals lebten auch Abraham Jesse und Salomon Teelsu noch in Amsterdam. Als in Jesse's Familie eine, der Mehrzahl von Ihnen durch mich bereits bekannt gewordene Katastrophe eingetreten war, Benjamin sich nach Hamburg, Abraham aber, und gleichzeitig auch Salomon Teelsu sich nach der Schweiz gewendet hatten, ging Sehfeld, doch unter anderem Namen, nach Deutschland. In einer Apotheke zu Amsterdam stand ein Provisor, Namens Hurter aus Schafhausen, welcher Sehfeld kennen lernte, und durch ihn auch dessen jüdische Freunde. Der junge Hurter war mit Leib und Seele bei chemischen Processen, und sein Eifer, mehr und mehr zu lernen, gewann denselben die Neigung jener Freunde. Diese eröffneten ihm, daß sie ihm mancherlei Geheimnisse lehren wollten, wenn er ihnen in seinem Vaterlande Aufnahme und stilles Asyl bereiten könne. Dieses versprach Hurter und reiste mit jenen drei Juden in seine Heimath zu derselben Zeit, in welcher Sehfeld nach Deutschland ging. Dieser Letzte wandte sich nun nach Halle in Sachsen, wo bereits die großartige, unter dem Namen des Halleschen Waisenhauses bestehende Stiftung des unsterblichen Herrmann Franke in höchster Blüthe sich befand, palastähnliche Häuser, Schulen, Speisehäuser, Feld- und Garten-Oekonomie, Druckerei, Bibliothek, Naturalien- und Kunstsammlung und Buchhandlung besaß, und deren Apotheke die besteingerichtetste und begehrteste der Stadt war. In dieser Apotheke stand ein Gehülfe, Namens Reussing, den oft ein Fremder besuchte, stets eine Kleinigkeit kaufte, und sich vorzüglich gern mit dem Gehülfen über chemische Arbeiten unterhielt. Eines Sonntags unter der Kirche, einer Zeit, in welcher insgemein das Apothekergeschäft minder lebhaft ist, saß Reussing in das Lesen eines alchemistischen Buches vertieft; es war das wunderbare Rosarium philosophorum, als der Fremde wiederkam, und über dieses Buch mit Reussing sprach. Letzterer beklagte dessen dunkle, mystische Sprache, die er nicht vollkommen fasse. Der Fremde nahm den Autor in Schutz, erklärte manche dunkle Stelle, und lud Reussing ein, ihn zu besuchen, wenn er Ausgehetag habe. Dieß war schon am Nachmittage desselben Sonntags der Fall, und Reussing suchte den Fremden in dessen Wohnung beim Sägeschmied Weger in der Clausstraße auf. Die Stube des Fremden war ein völliges Laboratorium, und unter anderen Geräthen stand eine schöngearbeitete Büchse von Elfenbein auf dem Tische, welche Reussing hob, und sie außerordentlich schwer fand. Sie enthielt ein purpurrothes Pulver. Lächelnd sprach der Fremde: Hier habe ich ein Präparat, welches in Ihrem Laboratorium chemisch zu prüfen, ich Sie bitten will.«

»Mit einem goldenen Löffelchen, nicht viel größer als ein Ohrlöffelchen, entnimmt der Fremde einige Grane des Pulvers, was Reussing zu der Bemerkung veranlaßt: mit einer solchen Kleinigkeit lasse sich kein Versuch anstellen. – Es ist noch viel zu viel, entgegnet der Fremde, schüttet fast alles wieder in die Büchse, und wischt nur die im Löffelchen hängenden Stäubchen mit etwas Baumwolle ab, wickelt diese in Papier und giebt sie dem staunenden Reussing mit dem Bemerken, er möge Silber schmelzen, das Papier auf das geschmolzene werfen, und letzteres dann ausgießen.«

»Ungläubig geht Reussing nach Hause, entzündet noch denselben Abend ein Feuer im Laboratorium und macht den Versuch, mit einem dritthalb Loth schweren silbernen Löffel. Das geschmolzene Silber wallt auf, so wie das Papier aus denselben sammt der Baumwolle zu Asche brennt, schäumt, wirft purpurrothe und herrlichirisirende Blasen, bis es sich wieder beruhigt, mit hellem Spiegel treibt, und Reussing es ausgießt. Er findet, daß das Metall gelb ist. Am andern Morgen ist Reussing zeitig genug im Laboratorium, prüft das Metall und findet, da keine Säure, außer dem Königswasser den Strich desselben auflößt, daß er eine drei Loth schwere Barre des feinsten Goldes in Händen hat. Jetzt thut ihm leid, von diesem edlen Pulver nicht mehr zu haben, er eilt nach der Wohnung des Fremden, in der er aber nichts findet, als so viel Geld als die Hausmiethe betrug, auf den Tisch gezählt, zerbrochene Gläser und Kohlenreste. Der Fremde war auf und davon; der Fremde war – Sehfeld. Reussing eilt zum Goldarbeiter Lemmerich in der Ulrichsstraße, und zeigt diesem sein Metall. Dieser erklärt es für das feinste Gold, daß ihm je vor Augen gekommen, erkennt es als chemisches Gold an, und zahlt sechsunddreißig Reichsthaler dafür.«

»Sehfeld hielt sich in Deutschland nicht für sicher. Des Kaisers Arm reichte weit, er wandte sich in die Schweiz, zu seinen Freunden, die bei Schafhausen ein Landhaus bewohnten, wo sie glücklich lebten, und wo nicht selten Genossen der großen Kunst ein- und ausgingen; dort war es, wo auch ich den jüngeren Teelsu und Sehfeld kennen lernte, und mich davon überzeugte, daß es noch Dinge giebt, von denen sich der menschliche Verstand, will sagen der Verstand gewöhnlicher Menschen nichts träumen läßt. Reussing, ein allen Glauben verdienender Mann, später Apotheker zu Löbejun im Saalkreise und Schwiegersohn des Kriegs- und Domänenrathes Doktor von Leysser, Berg- und Salinendirektor des Saalkreises – eines auch mir befreundeten, und von meinem Freunde Ritter von Linné hochgeschätzten Mannes, der eine Hallische Flora schrieb – hat diese wahrhafte Transmutationsgeschichte vielfach in den verschiedensten Kreisen erzählt und mitgetheilt.«

Damit endete der Professor, er machte kein Experiment, wie manche Zuhörer still gehofft. Der Förster athmete aus, es war ihm lieb, daß Antonio's in der ganzen Erzählung nicht erwähnt worden sei, aber es blieb etwas unbefriedigtes in ihm. Er empfand ein großes Verlangen nach dem Besitze eines Theiles mindestens von dem rothen Pulver.

Als am andern Tage Gottfried mit seiner Sophie im Reisewagen saß, der übervoll bepackt war von Hochzeitsgeschenken aus Sophiens Heimath und aus Helmstädt, fragte ihn die junge Frau: »Hat Dir denn dein Herr Pathe etwas zur Aussteuer gegeben?«

»Unbegreiflicher Weise nicht einen Deut!« erwiederte mit trübem Lächeln der Förster von Neustadt.

 


 

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