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Die Geheimnisse eines Wundermannes. Dritter Theil

Ludwig Bechstein: Die Geheimnisse eines Wundermannes. Dritter Theil - Kapitel 4
Quellenangabe
authorLudwig Bechstein
titleDie Geheimnisse eines Wundermannes. Dritter Theil
publisherW. Einhorn's Verlag/C. A. Hartleben
year1856
correctorreuters@abc.de
senderHerbert Niephaus
created20180917
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3.
Zur neuen Heimath.

Als Gottfried, im tiefsten Innern seines Gemüthes bewegt, die fromme Todenfeier des Herzens begangen hatte, indem er weinend und betend am Sarge seiner verklärten Mutter kniete, wandte er sich gegen die Greisin, und empfing deren Segen, und ließ es willig geschehen, daß die weinende Bianca ihn mit schmerzlicher Heftigkeit küßte. Dann führten ihn die Frauen durch einen Gang, der nach dem Vorwerk leitete, und überließen ihn dort in einem zwar kleinen aber äußerst reinlich gehaltenen Gemache dem Nachdenken und dem Schlummer. Es ward nur noch verabredet, daß mit einigen Zeilen Leonhards versehen, der Diener in früher Morgenstunde nach Groß-Denkte eilen, und dort Gottfrieds Pferd und Hund abholen sollte.

Jene Gänge und Gewölbe unter der Asseburg entstammten noch den Zeiten, als germanischer Götterkult auf den heiligen Assehügel geübt ward, bevor noch eine ritterliche Burgfeste sich auf demselben erhob. Es waren die Wohnungen der Priester oder Priesterinnen, und es finden sich solche, dem germanischen Heidenthum entstammende Gänge und Gewölbe auch an andern Orten und unter andern Burgen, die wenigsten sind aber zur Zeit wieder aufgefunden und eröffnet worden.

Lange fand Gottfried nicht den Schlummer. Zu viel fast hatte der vergangene Abend ihm zu denken gegeben, zuviel aufregendes war in seine Seele getreten, doch aber hatte der Anblick des engelschönen weiblichen Wesens, das hm das Leben gegeben haben sollte, beruhigend auf ihn gewirkt, wenn auch zugleich seltsam, befangend, ja fast bethörend. Noch nie war in seinem Leben ihm das ganz ungewöhnliche, wunderbare, räthsel- und zauberhafte Wesen der Romantik so nahe getreten, nur in Büchern hatte er wol früher dergleichen gelesen, aber stets alles berichtete nur für Phantasieausflüsse von deren Verfassern gehalten. In seinem Innern sträubte sich etwas gegen alles dieß geheimnißvolle, geheim gehaltene, fremdländische, und als der Schlummer ihm endlich genaht war, und phantastische Träume weiter gewirkt, in noch tiefere und verschlungenere Labyrinthe seine irrenden Gedanken geführt hatten und er nun erwachte, so glaubte er, alles nur geträumt zu haben, und sprang bestürzt vom Lager. Da er aber nun aus dem Anblick seiner höchst einfachen Umgebung wahrnahm, daß er nicht an gewohnter Lagerstätte, sondern an fremdem Orte weile, so bestürmten ihn neue Zweifel, fielen ihm neue Fragen ein.

Das Gemach, darin Gottfried geruht hatte, hatte nur ein einziges kleines Fenster, das eine Nische bildete, und durch die Mauern des alten Burgstadels gebrochen war, an welches das Waldhäuschen sich lehnte. Von der südwärts gekehrten Vorderseite des Häuschens war von diesem Gemache aus gar nichts zu erblicken. Der Blick ging in den tiefen Wald, der vom Nebel der herbstlichen Frühe überhüllt war, nur oben in Lüften hing etwas dunkles, wie eine schwarze Wolke, und überrascht heftete Gottfried den Blick empor – und siehe, da röthete sich's, und der Nebel, der es verhüllend umwallt hatte, sank ein wenig, und es war ein Stück der alten Warte der Asseburg, welche hochliegend, die Eichen des Forstes überragte, und den glühenden Kuß der Morgensonne empfing. Gottfried sprach nach frommer Gewohnheit seiner Jugendjahre einen Morgensegen, Und machte sich dann völlig reisefertig. Die Thüre seines Gemaches, welche er öffnete, führte unmittelbar zu einer roh gezimmerten alten knorrigen Treppe von Eichenholz, die ziemlich im Dunkel lag. Gottfried stieg hinab und gelangte in die Flur des nach vorn einstöckigen Gebäudes, das nur gegen die Mauer hin einige abgesonderte Gaden hatte.

Vor der Thüre, die auf den Hof führte, scharrte und wieherte ein Pferd; auf einem blanken Tische in der beschränkten Flur stand ein ländlicher Morgenimbis, wie ihn die Menschen jener Gegend gewohnt sind: Schinken, Speck, pumpernickelartiges Schwarzbrot, Rothwein, und um nach Belieben zu wählen, auch gebranntes Wasser. Die Thüre hatte keinen andern Verschluß, als zwei innen angebrachte starke hölzerne Riegel, und wie Gottfried dieselbe öffnete, sprang ihm, freudig Laut gebend, und schweifwedelnd, Tiro entgegen, und leckte ihm die streichelnden Hände! Sein Pferd stand angebunden an einem Ringe, der am Vorderpfosten des Waldhäuschens befestigt war. Um Tiro's Halsband war ein Papier geschlungen, welches er ihm abnahm. Es war auf demselben folgendes geschrieben: Ziehe mit Gott, Gofredo! Wir sehen – vielleicht – uns wieder. Vergiß uns nicht, doch forsche nicht nach uns; es würde vergebens sein. Dein Geheimniß bewahre so fest und treu, wie der Sarg die sterblichen Reste Deiner Mutter bewahre Lebe wohl!

Die Deinen.

In das Blatt war noch etwas gewickelt. In Gottfrieds öffnende Hände fiel der alte venetianische Pfennig. Gottfried blickte überrascht umher – er hatte gar nicht anders geglaubt, als man werde am Morgen noch ein Stündchen mit ihm plaudern, ihm noch mehr Eröffnungen machen; was hatte er nicht noch alles zu fragen, und fragen wollen! War ihm nicht auch Aufschluß über seine Zukunft zu geben versprochen worden? Hatten die Frauen nie eine Spur vom Mörder Antonio's erlangt? Wo war das Grab seines Großvaters? Kam sein Vater hierher, wenn er, wie oft geschah, aus Helmstädt zu Krankenbesuchen auf dem Lande, oder wenn er nach Wolfenbüttel fuhr? Nie hatte Gottfried diese beiden Frauen, Mutter und Tochter, in Helmstädt erblickt.

Jetzt sah er sich um auf dem kleinen Gehöft – nach Leuten, nach einem Verwalter – es ließ sich niemand blicken. Alles fehlte, was sonst am Morgen ländliche Vorwerke belebt: der Tauben muntere Schaar, der Hühner, Gänse und Enten gakerndes und schnatterndes Gewimmel, der treue Haus- und Hofhund – die schmiegsame Katze – kein Storchnest stand auf des Daches First, keine Schwalbe hatte unter das Gesims ihr braunes Nest geklebt. Trocken hing nun an verrosteter Kette der Eimer am bemoosten Ziehbrunnen. Der Nebel wurde ganz dicht, alles verhüllte sich dem Blick, und mehr und mehr erschien diese Waldeinöde wie verwünscht. Gottfried klinkte auf das Schloß einer Thüre, diese war verschlossen. Er klinkte auf eine andere – sie war offen, aber das Gemach, in das sie führte, war leer – so leer, und so einfach, wie eine Sennhütte im Alpenlande, die von Hirten und Vieh verlassen, aber unverschlossen ist, und in welcher der Gemsenjäger nichts findet, als höchstens eine Herdstätte, auf welcher er Feuer anzünden und sich seine Griesklöße zurichten kann, wenn er alles dazu nöthige mitgebracht hat, oder ein Obdach gegen den brausenden Föhn.

Gottfried ging nach der Tiefe des Häuschens, sein Blick suchte den Eingang zu dem unterirdischen Gang, durch den er hierher in dieses Haus geführt worden war – aber es war so düster, daß er nichts zu entdecken vermochte – und so hielt er endlich auch, da er sich schriftlich verabschiedet sah, nicht länger für schicklich, umherzuspüren, sondern schickte sich an, den unheimlichen Aufenthalt zu verlassen. Er genoß nur wenig von dem aufgestellten Frühstücke, gab dem Hunde, gab auch dem Pferde etwas Brod, mit einigem Branntwein schmackhaft und zum Leckerbissen für dasselbe gemacht, da er nicht wissen konnte, ob es schon sein gehöriges Futter bekommen, obschon es so schien, denn es war sehr munter, war auch gewaschen und glatt gekämmt und gestriegelt.

Noch riß, bevor er von dannen ritt, Gottfried ein Blatt aus seiner Brieftasche, und schrieb darauf: Dank den Unsichtbaren!

Euer Gofredo.

Noch eine Strecke führte der thaufeuchte Weg durch den Wald, dessen bemooster Boden von schwellenden braunen und gelben, roth und weißbetupfelten Pilzen überwuchert war, und von Waldspinnen nach allen Richtungen hin übersponnen. Auch zwischen den Stämmen hingen weitausgespannte, beperlte Netze haselnußgroßer Kreuzspinnen, und wie ein Sonnenstrahle, der die Nebel bekämpft, durch sie hindurchbrach, erglänzten diese starken Gewebe in herrlicher Regenbogenfarbenpracht.

Die hohen umfangreichen Eichenstämme standen im hehrem schweigen, und hoben die noch belaubten Wipfel dem Strahle der Sonne entgegen, die tiefer und tiefer den Nebel herabdrückte, wo er noch lange verharrte, indeß die Höhen längst im reinsten Lichte glänzten.

Ueber Gottfried kam eine feierliche Stimmung. Von Natur fromm, wie der ächte Forstmann es früher immer war, und wie ein jeder es noch sein sollte, bewegte das herbstliche Naturleben sein Gemüth, und die Eindrücke, die dasselbe in voriger Nacht empfangen, hatten ohnehin seine Seele weich gestimmt. Jetzt erklangen durch die Waldesstille wieder die Pulse naher Glocken, die zum Frühgebet anschlugen, der Wald lichtete sich, der Himmel lachte wolkenlos auf die Fluren nieder, und von dem Wege, der aus der Asse sich ganz sanft abwärts senkte, ward die Aussicht frei auf eine unermeßliche Feldflur und in das Thal der Ocker, das zur rechten der Im, eine Waldparcelle, von ziemlich gleichem Umfang wie die Asse, weit begrenzte, zur linken aber Wiesen und Weiden, Aecker und Ortschaften schmückten. Vor dem Reiter, aber noch ziemlich weit, stand eine Nebelwand – sie überhüllte den »großen Bruch«, der sich bis in diese Gegend ausdehnte, und bei dem Vorwerke Tempelhof endete.

Endlich zertrieb ein frischer Ostwind auch die dichte Nebelschicht über dem großen Bruch; sie sank wie ein Vorhang der antiken Bühne nieder und in ihrem sinken enthüllte sich ein neuer Anblick voll Pracht und Herrlichkeit. Zur Wolkenhöhe ragten grüne Berggipfel empor – ein Haupt ward zuerst sichtbar, das königliche Haupt des gewaltigen Brocken, dann traten niedrigere Gipfel hervor, alle im Schmuck mannigfachen Laubgrüns, unter ihnen der Rammelsberg über Goßlar. Gottfrieds scharfes Auge vermochte bald, die Höhen der Mittelburg, die Klippen des Scharfenstein, die geringen Trümmer der Harzburg, die Felsen des Elfensteins und den weitvorspringenden Gipfel des Odensberges (Odinsberges) dicht hinter Ocker zu unterscheiden, und es wehte ihn im Dufte des frischen Morgens vom Hochgebirge an wie Heimathgrüße und wie Heimathfrieden. Dort lag seine neue Heimath, dort sollte er nun wirken und schaffen, des Glückes der Liebe, der Häuslichkeit des eigenen Heerdes theilhaft werden, und so zog es ihn mehr und mehr hinan mit mächtiger Sehnsucht. – Die hochfliegenden Gedanken der heutigen Nacht, die ihm das Fata-Morganabild einer unermeßlichen Erbschaft an Geld und Gut, an Seltenheiten aller Länder, an Geheimnissen aller Art einige Augenblicke vorgespiegelt, sie waren bald besseren Gedanken gewichen, den Gedanken an geregelte Thätigkeit, an Berufestreue, an ein selbstständiges, selbstverdientes, Fremden nicht verdanktes, wenn auch bescheidenes Glück. –

 


 

Die Erzählung des Professors vom Zöglinge des Adepten, von dem alten Abraham Jesse und dem verwaisten Knaben Benjamin Teelsu hatte dem Kreise, von welchem sie vernommen worden war, doch ungleich mehr Anregung gegeben, mindestens einigen Personen desselben, als diese damals sich selbst eingestehen mochten, und da der Erzähler nicht ohne Absicht nur ganz flüchtig die Geheimnisse jenes Betzimmers berührt, auch anderes, was in das alchymistische Gebiet fiel, mehr blos andeutend erwähnt hatte, so war man gern geneigt, noch mehr zu vernehmen, zumal die Antheilnehmenden nur auf diesem Wege zu stückweisen Andeutungen über das frühere, das Jugendleben ihres berühmten Zeitgenossen gelangten, über welches derselbe außerdem stumm war, wie das Grab. Ein anderes Geschlecht lebte jetzt, 1795, als jenes, das 1757 im Leben stand, und von anderem war auch die Zeit bewegt. Als der Professor, bevor er die verschiedenen Professuren zu Helmstädt übertragen bekam, eine Zeitlang am Braunschweiger Hofe gelebt, hatte sich aus jenem Zeitraume her eine Sage gebildet. Der Professor, so lautete diese, sei zur herzoglichen Tafel geladen worden und in einem schwarzen Rocke erschienen, was auffallen mußte, da die damalige Leib- und Hoffarbe das beliebte englische Roth war, und schwarz nur bei anbefohlener Hoftrauer angelegt wurde. Indessen war er nun einmal da, und man konnte ihn nicht wegweisen, ihm auch nicht den Vorwurf der Unachtsamkeit machen, denn er kam von fernen Reisen und kannte die damals bestehende Etikette der deutschen Höfe nicht. Da habe aber, so wurde erzählt, der Professor sich durch seine heimliche Kunst gar trefflich geholfen, denn während der Tafel und der Tischgespräche sei die Farbe seines Leibrockes aus dem schwarz in ein zartes braun übergegangen, welches allmählich roth und hochroth geworden, und völlig modisch, zuletzt aber, als der Besitzer sothanen changirenden Rockes nach Hause gekommen, sei letzterer, sonder Zweifel in Folge angewandten höllischen Pigmentes und feuerfarbener Satanshülfe, in Zunder zerfallen. Naturgemäß glaubte kein Vernünftiger noch im Jahre 1795 an solche längst veraltete Märlein – aber unter der Hand und im Stillen wurde doch noch an gar manches geglaubt, das der Lärm der gesteiften Aufklärung nicht zu verscheuchen im Stande war. Und hätten wir ein Recht, über jene Gläubigen zu spötteln, die es für gar nicht so unmöglich hielten, Gold zu machen, unedle Metalle in edle, und die Farbe eines Leibrockes während einer fürstlichen Tafel aus schwarz in roth sich verwandeln zu lassen, wenn wir von Seherinnen schreiben, wenn wir uns aufbinden lassen, daß Somnambülen Reisen durch Sonne, Mond und Sterne machen, wenn wir jeden Aberwitz glauben, den irgend ein müssiger und listiger Kopf uns auftischt, von Mondbewohnern, von geschwänzten Menschen, von Wasserschlangen, von Klopfgeistern und allem diesen letzteren beigesellten Humbug? Zu allen Zeiten ist ein Theil der Menschen, gebildete nicht ausgenommen, höchst leichtgläubig, höchst ununterrichtet, höchst wahngläubig, und geneigt, jeder Schwärmerei sich hinzugeben, und jede Gaukelei für etwas wahres und rechtes zu halten, welchem Gebiete: der Religion, der Politik, der Physik, der Wissenschaft überhaupt oder auch der absichtvollen Täuschung sie entnommen sei und entstamme, ja ohne alle Prüfung mit unbedingtem Vertrauen ihr sich hinzugeben. Dieß wird so lange dauern, als in den Predigten Hölle und Teufel ihre mittelalterlichen Rollen noch fortspielen.

Und nicht nur in Amerika, auch in jedem deutschen Lande würde ein Barnum sein Glück machen.

Daher geschah es in jenen Tagen, daß der Professor von Freunden und Freundinnen wieder angegangen wurde, noch mehr mitzutheilen. Vornehmlich war es das Purpurpulver, über dessen Kraft und Eigenschaften Aufschluß gewünscht wurde. Gar zu gern wünschte man zu erfahren, wie es bereitet werde, und was man damit beginnen, so wie durch dasselbe erzielen könne. Auch der Spiegel Salomonis war ein gar zu anziehender Gegenstand; man wußte zwar; daß es einen magischen Traktat ähnlicher Benennung gebe, man hatte auch vom Ringe und vom Siegel Salomonis gehört, aber vom Spiegel Salomonis, als einem magischen Instrumente, noch nichts. Noch mehr gab die wunderbare Uhr zu denken und zu reden, mittelst deren zwei weit von einander wohnende Freunde sich mit einander verständigt und unterhalten, und deren Einrichtung um so unbegreiflicher schien, als man damals von dem elektrischen Telegraphen noch nicht die entfernteste Ahnung hatte, aber selbst dieser noch hinter einem solchen Instrumente zurückstehen müßte, da jenes ohne die verbindende Drathleitung wirksam gewesen sein sollte, was zur Zeit selbst uns noch unmöglich erscheint.

Endlich war noch ein Punkt unerörtert gelassen, der das Nachdenken der Freunde adeptischer Künste beschäftigte: das hermetische Siegel. Von diesem hatten jene wol schon oft gehört, es auch in Schriften erwähnt gefunden, aber was es eigentlich sei, das wußte keiner.

Daher wurde, als abermals ein befreundeter Kreis gesellig heiter beisammen war, den der Professor mit gewohnter Heiterkeit, Mittheilsamkeit und Eigenthümlichkeit belebte, an diesem verschiedentlich mit Bitten gebohrt, doch noch einige Aufschlüsse über jene, bei seiner letzten Erzählung von ihm nur allzu flüchtig angedeuteten Wunderdinge zu geben, die sich im Betzimmer des Benjamin Jesse befanden, und vornehmlich, welche Bewandniß es mit dem Purpurpulver habe.

Dieser erwähnte Kreis aber fand sich im Hause des Professors selbst versammelt, und die Veranlassung zur Einladung erlesener Gäste war keine andere, als der Besuch des Herrn Förster Gottfried Leonhard von Neustadt unter der Harzburg, welcher nach abgehaltener fröhlicher Hochzeit in Benshausen seine neuvermählte, junge, schöne und liebenswürdige Frau über Helmstädt nach der neuen Heimath geführt und den Umweg nicht gescheut hatte, um sie als sein errungenes Glück den Verwandten vorzustellen, und freundvetterlicher Wohlgewogenheit sie und sich allseits zu empfehlen. Der Herr Pathe hatte die natürlichste Veranlassung von der Welt, sich freundlich und antheilnehmend zu zeigen, auch dem alten, treuen Dienerpaare, das er in dessen Sohne, seinem Pathen, ehrte, einen Freudentag zu bereiten, nicht minder die stets freundschaftliche Gesinnung gegen den Inspektor des botanischen Gartens der Juliana Carolina aufs neue an den Tag zu legen. Es fehlte daher weder dieser, noch Henke, Crell und andere näher Befreundete mit ihren Frauen; die Ente war vorbereitet, ihre Künste zu machen, die Aeolsharfen waren neu gestimmt, der Flötenbläser abgestäubt, die automatische Uhr und der Mohr war frisch aufgezogen, in und außerhalb den Zimmern war alles festlich sauber hergestellt, und die Tafeln fanden sich mit erlesenen Speisen und Weinen beschwert.

Gottfried kam freilich nicht aus seiner befangenen Stimmung heraus – es kam ihm so ganz eigen vor, da als Gast zu sitzen, wo er sonst gleichsam dienend hinter dem Stuhle gestanden – und zu sehen, wie der gelehrte Mann heute selbst seinen ergrauten Diener, den alten Leonhard, bediente, und manches jetzt mit eigener Hand verrichtete, wozu er früher die hülfreichen Hände seiner Diener gebraucht hatte. Sophie war sorglos heiter und glücklich, wie nur immer eine junge, schöne Frau Försterin sein kann, die einen hübschen, stattlichen und braven Mann, und die Aussicht auf einen wohleingerichteten Hausstand und ein gesichertes Einkommen hat. Auch der Studiosus Christian, des Vaters Stolz und freudige Hoffnung, fehlte nicht, denn auch damals schon waren die academischen Ferien schier länger, wie die Zeit der Vorlesungen, und die Filii streckten in der Heimath mit urgemüthlichem Wohlbehagen die Füße unter der Väter Tische, voll des göttlichen Gefühles des burschikosen dolce far niente.

Schade war es nur, daß Christian beim Professor nicht rauchen durfte. Auch der Mathematiker und Physiker Klügel war aus Halle wieder zum Besuche nach Helmstädt gekommen, und ein Gast bei dem Freudenmahle, das der Professor seinem Pathen und dessen junger Frau, wie ihren beiderseitigen nächsten Angehörigen am Orte ausrichtete. Der gastfreie Wirth hatte selbst allem erlesenen seiner Tafel wacker zugesprochen, und war in bester Stimmung. Es schien nun doch, als freue er sich jetzt über Gottfrieds Lebensstellung, fand auch an Sophie viel Wohlgefallen, die sich in den letzten Jahren zu einer kräftigen Gestalt entwickelt hatte, und in ihrem Wesen, in welchem sich die thüringische Ländlichkeit keinesweges verläugnete, doch viel angenehmes zeigte. Sophie sprach den nicht gerade schönen Dialekt ihres Heimathlandes sehr entschieden, und da der Professor nicht minder entschieden durch seine langen Jahre den ebenfalls nicht gerade schönen Dialekt der alten Reichsstadt Mühlhausen sprach, so gaben, wenn nun der alte Herr und die junge Frau in lebhaft lautes Gespräch mit einander geriethen, die Idiotismen von Mühlhausen und von Benshausen manchen Stoff zum Lachen, wogegen die platte, niedersächsische Mundart der Helmstädter, in der sich alles gehen ließ, bis auf Klügel und Christian, wieder jenen zum Stichblatte diente. Dagegen warf nun Professor Klügel das feinzugespitzte Hallische Hochdeutsch in das Gespräch, welches kaum wagt, ein tüchtiges sch auszusprechen, und es beim Lispeln des s bewenden läßt, und Christian versuchte sich im jenaischen Hochdeutsch, das auch nicht das schönste ist. Es ist schade, daß solche Sprachmischlingsunterhaltungen nicht wol mittheilbar sind, weil sie einestheils schwer zu schreiben, anderntheils überhaupt für das Ohr sind, nicht für das Auge. Ein gedruckter Dialekt ist wie gemalte Blumen, es fehlt Duft und Leben.

Als nun alles aufgeboten wurde, die Register der Redseligkeit des Professors zu ziehen, so zeigte derselbe sich endlich nachgiebig, und sprach: »Da so viele der verehrten Anwesenden äußerst geneigt sind, noch einiges bezüglich meiner letzten Mittheilung zu vernehmen, so will ich unter der Bedingung willfahren, daß diejenigen unter der hochverehrten Gesellschaft, die nichts hören wollen von Chemie und Alchymie, und vom Stein der Weisen, sich an den weißen Steinwein halten, der vor Ihnen im Glase perlt, und ebenso die an den purpurgoldenen Burgunder, welche diesen dem trockenen Goldpurpur der Adepten vorziehen. Volle Freiheit, hochverehrte Herrschaften! Volle Freiheit! Aber keine tolle Freiheit wie drüben in Frankreich! Kein Menschenblut für das Blut der Purpurtraube.«

»Ich erzählte Ihnen vor kurzem, wie ich in der Schweiz den Zögling eines amsterdam-hamburger Adepten genaht, und manches ihm danke. Dieser Zögling hieß Benjamin Teelsu. Ich lernte aber bei demselben noch einen anderen merkwürdigen Mann kennen.«

Hoch auf horchte plötzlich der Förster, wie sein Pathe den Namen Teelsu nannte. Alle seine Fiebern spannten sich, er zitterte leise. Gleich mußte der Name Antonio über des Erzählers Lippen kommen. Das Blut stieg Gottfried ins Gesicht, er wurde ganz unruhig, er war gespannt, wie jener und in welcher Weise des Großvaters, des Vaters Regina's erwähnen werde?

Des Professors Blick traf auf Gottfried, wie damals im botanischen Collegium; er gewahrte dessen Bewegung, er schrieb sie vielleicht dem Weine zu, er ahnete nicht, daß sein Pathe aus einem Unwissenden ein Wissender geworden sei, aber dennoch kam der Name Antonio nicht über des Erzählers Lippen, der ruhig fortfuhr: »Dieser merkwürdige Mann nannte sich Sehfeld. Er war von Jugend auf mit voller Vorliebe Alchymist, er war mehr als Abraham Jesse und Benjamin Teelsu. Er hat sehr eigenthümliche Schicksale gehabt, die mir ganz genau bekannt sind, genauer vielleicht als jedem andern; mein Herr College Klügel aus Halle müßte denn noch mehr als ich von ihm wissen.«

»»Ich?«« fragte Professor Klügel ganz verwundert. »Wie käme ich dazu?«

»»Weil Sehfeld eine Zeitlang Halle zum Schauplatze seiner geheimen Wunderthaten machte,«« erwiederte der Professor: »und weil er dort noch in der Erinnerung alter Männer lebt«

Gottfried der jüngere beruhigte sich, als er wahrnahm, daß sein Pathe ablenkte, und einen Mann nannte, von dem in diesem Kreise niemand gehört, blieb aber noch im Zweifel, ob nicht der Erzähler einen fremden Namen unterschiebe, und ob nicht dieser Sehfeld mit Antonio Dersto zuletzt doch ein und dieselbe Person sei?

»Ich schloß mit Sehfeld eine sehr vertraute Bekanntschaft,« fuhr der Erzähler fort: »er war bedeutend älter als ich, und er schenkte mir das Wohlwollen, das ich auf meinem Lebensgange, Gott sei Dank, überall gefunden habe, nur nicht hier bei einigen meiner hochverehrten Herren Collegen, neidischen Hammelschwänzen. Er und Teelsu weihten mich, den strebenden noch jungen Mann, ein in die tiefsten Geheimnisse adeptischer Arbeiten, denen ich freilich schon als jenaischer Student mich mit Vorliebe hingab. Ich erfand dort den sogenannten mineralischen Kermes, das heißt, ich baute weiter auf einer alten Erfindung, die in Vergessenheit zu gerathen begann, und machte Gold aus Spießglanz. Verstehen Sie mich recht, meine hochverehrtesten Zuhörer: ich that dieß nicht unmittelbar, sondern mittelbar; meine Erfindung wurde mir zum Mittel, Gold für dieselbe zu erlangen. Ich brauche Ihnen nicht zu sagen, was eigentlich Kermes heißt. Kermes heißt auf arabisch Wurm, vorzugsweise aber bezeichnen wir mit diesem Worte eine Schildlaus, mit Ehren zu melden, welche eine rothe Farbe giebt, daher nennt man die rothfärbende Beete der Phytolacca decandra des amerikanischen Nachtschattens, ebenfalls Kermesbeere. In Sachsen und Polen findet man an den Wurzeln des Knauelkrautes, Scleranthus perennis, eine rothfärbende Schildlaus, deren man sich bediente, bevor aus Amerika die Cochenille eingeführt wurde, so wie auch der Weibchen jener Schildlaus, die sich auf der Kermeseiche finden, die aber keine Eiche ist, sondern ein südländischer Stechdorn: Ilex. Die Cochenille hielt man Anfangs für eine getrocknete Blüthe, gleich der Capper. Ich entdeckte bald, daß diese färbende Waare eine getrocknete Schildlaus sei. Nun hatten die Chemiker ein arzneikräftiges Präparat aus Spießglanz und Schwefel nach diesem animalischen Kermes, mineralischen genannt, weil es braunrothe Farbe hatte. Mein gelehrter Freund, der berühmte Graf Algarotti, verbesserte für den arzneilichen Zweck jenes Präparat, das einem Carthäuser seine erste Erfindung verdankt, so wesentlich, daß man dasselbe nicht mehr, wie früher, Carthäuserpulver, sondern Algarottipulver nennt; ich aber verbesserte jene Erfindung für technologische Zwecke, ja ich erfand den Mineralkermes gleichsam zum zweitenmale, und nutzte ihn als Farbe; die Bereitung ist bis jetzt mein ausschließliches Geheimniß; mein chemischer Mineralkermes ist so viel werth, als der berühmte Goldpurpur der Adepten, von welchem Sie gleich ein Mehreres hören sollen.«

 


 

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