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Die Geheimnisse eines Wundermannes. Dritter Theil

Ludwig Bechstein: Die Geheimnisse eines Wundermannes. Dritter Theil - Kapitel 13
Quellenangabe
authorLudwig Bechstein
titleDie Geheimnisse eines Wundermannes. Dritter Theil
publisherW. Einhorn's Verlag/C. A. Hartleben
year1856
correctorreuters@abc.de
senderHerbert Niephaus
created20180917
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12.
Schluß.

Der Winter nahte, das Laub sank, die Fluren verödeten. Die Arbeiten, welche der Spätherbst in den Waldungen geboten hatte, waren beendet. Das Leben im Forsthause bei Neustadt unter der Harzburg war ein sehr stilles, fast einförmiges. Der Forstgehülfe versah allein die nöthigen Waldgänge, und verbrachte die freien Abende im Wirthshause zu Neustadt oder im nahen Eckerkruge, wo sich häufig zahlreiche Gesellschaft nachbarlicher Forst- und Jagdbeamten einfand, wo man kartete und tauchte, politisirte und dazu als Leckertrank trübselige Gose aus Goslar oder auch braunschweiger Mumme in ansehnlicher Menge genoß. Der Ort war ungemein günstig gelegen für das zusammentreffen braunschweigischer, kursächsischer und stolbergischer Weidwerksgenossen, lag dem Schimmerwalde und dessen Försterei ganz nahe, und hatte, da der stets belebte Weg von Ilsenburg nach Neustadt und Goslar dicht an ihm vorbeiführte, beständige Einkehr – bisweilen besuchte auch der Förster Leonhard dieses Gasthaus. Meist aber blieb er daheim, und las in jenen Büchern, mit denen er sich in reicherer Fülle, als ihm gut war, umgeben hatte.

Die Försterin schaltete und waltete als treue und sorgliche Hausfrau voll stiller Gemüthsruhe in ihrer wohlbestellten und gut eingerichteten Wirthschaft. Ihr Mann ließ sie nicht fühlen, was ihn bedrückte, und wenn sie die Sorgenfurchen seiner Stirn wahrnahm und beredete, so sprach er von allerlei Verdrüßlichkeiten seines Berufes und Geschäftslebens, und suchte sie zu beruhigen. Wozu hätte er ihr offenbaren sollen, daß er von Millionen Tonnen Goldes träumte, die er einst zu besitzen hoffte, um dann mit ihr in einer großen Residenzstadt ein Leben voll Glanz und Herrlichkeit zu führen? Um die Bücher, welche ihr Mann so eifrig las, kümmerte sich die Försterin wenig oder nicht; ihre Erziehung und ihr Bildungsgang hatten ihr keine Anleitung gegeben, Blicke in die verschiedenen Zweige wissenschaftlicher Literatur zu thun, und warf sie ja einmal einen Blick in ein solches Buch, so verstand sie ja doch nichts vom Inhalte, der in mystischer, seltsamer Sprache, reichlich untermischt mit Latein und mit mannichfaltigen hieroglyphischen Zeichen, ihr als eine unbekannte Welt entgegenstarrte.

Mit einem Male wurde die Einförmigkeit des Dahinlebens im Forsthause auf eine überraschende Weise unterbrochen.

Schon fielen Reif und Schnee; schon glitzerten Eisnadeln an den Ufern der nachbarlichen Gebirgsbäche, der Ocker, der Radau, und der, gleich der Ilse vom Brockenfuße herabrollenden Ecker – dichte graue Nebel schleierten Tagelang die Höhen des Gebirges ein, und umflorten selbst die weiten Ebenen des nördlichen Flachlandes. Der Abend sank nieder – die Försterin hatte so eben die trauliche Lampe draußen in der Küche entzündet und in die Stube getragen, in welcher ihr Mann im stattlichen Lehnstuhle saß, wo er in Christian Rosenkreuzers »chymischer Hochzeit« sich vertieft hatte, als die Dachshunde anschlugen, und der alte Tiro, der sich behaglich unter der Ofenbank reckte und streckte und wärmte, zu knurren begann – welche Zeichen offenbar auf die Nähe eines Fremden deuteten.

Es klopfte; die Försterin rief: »Herein!« und der Förster beschwichtigte die Hunde, die aber nichts desto weniger, mit Ausnahme Tiros, einer eintretenden hohen weiblichen Gestalt, die ganz in schwarz gekleidet erschien, entgegenkläfften.

Sophie erschrak vor dieser Gestalt – es überlief sie ein leises: »Ach Herr Jesus!« flüsterte über ihre Lippen.

Noch einmal den Hunden Ruhe gebietend, erhob sich der Förster – die Fremde hob die Hand, warf ihr sie einhüllendes, leicht beschneites Kopftuch zurück – und sprach: »Guten Abend! Ich komme!«

»Bianca!« rief der Förster voller Verwunderung aus. »Bianca?« bebte es vom Munde der Försterin und eine Welt verwirrender, argwöhnender, unklarer Gedanken gingen bei diesem gegenseitigen grüßen und erkennen ihres Mannes und einer wildfremden Frau, deren Namen Sophie noch niemals hatte nennen hören, durch ihre Seele.

Der Förster sah Sophie erbleichen und beben, er fühlte, was in ihr vorging, und sprach mit schneller Fassung: »Eine Verwandte von mir, liebe Sophie!« und zu Bianca: »Gott grüße Dich! Hier siehst Du meine gute Frau, Bianca! Auch ihr wirst Du, wie mir, willkommen sein, wenn sie Dich kennen gelernt hat. Setze Dich nieder!«

Bianca's Gesicht hatte, bei großer Regelmäßigkeit, einen äußerst strengen Ausdruck – es lag in ihren Zügen etwas völlig abgeschlossenes, mit der Welt fertiges, ohne daß diese Züge abstoßend waren, auch wußte sie ihren Ernst zu mildern und sprach freundlich zu Sophie: »Ich freue mich, Sie kennen zu lernen; Sie werden mich bald nicht mehr als eine Fremde betrachten, werden die Heimathlose nicht von sich weisen, die nur auf kurze Zeit hier einspricht, um den Sohn einer theuern, unvergeßlichen Schwester noch einmal wieder zu sehen. – Ja, verehrte Frau Försterin, Ihr Mann ist mein Neffe, dieß löst Ihnen einfach das Räthsel meines erscheinens und läßt mich Ihrer Nachsicht und Güte vertrauen, selbst für den Fall, daß mein Besuch unwillkommen sein könnte.«

Sophie war über das alles bestürzt. Nie hatte ihr Mann einer solchen Verwandten erwähnt, nie hatte sie in Helmstädt vernommen, daß seinem Vater oder seiner Mutter eine Schwester lebe, und jenes verstorbene Ehepaar Leonhard noch außerhalb Helmstädt Angehörige habe – und diese Person sprach so ganz eigenthümlich, so fremdländisch. Der Förster selbst gerieth durch den so plötzlichen und unerwarteten Eintritt und Besuch Bianca's in eine erregte Stimmung und merkliche Bewegung seines Gemüthes. Er fühlte, wie seltsam und sonderbar dieser überraschende Besuch seiner Frau vorkommen müsse, und welche Gedanken derselbe anregen könne, und doch trug er nicht die mindeste Schuld, die irgend einen Argwohn gerechtfertigt hätte. Genug, Bianca war da, und ihm blieb weiter nichts übrig, als abzuwarten, wie sich ihr plötzliches erscheinen und hereintreten in seine Häuslichkeit rechtfertigen oder abspielen werde. Indeß trug das vollkommen ruhige, abgemessene Wesen Bianca's, ihr großer sittlicher Ernst und ihre völlige Unbefangenheit, die sich gar nicht merken ließ, daß sie die Bestürzung des Ehepaares wahrgenommen, bald dazu bei, jede Besorgniß zu verscheuchen, und sogar ihren Besuch als einen die Einförmigkeit des zusammenlebens im Forsthause angenehm unterbrechenden erscheinen zu lassen. Bianca's Scharfblick erkannte bald genug, daß Sophie gar nichts von ihr und von des Försters Verhältniß zu ihren nächsten Angehörigen wisse, daher lenkte sie auch ihre Gespräche sogleich von allem ab, was nach jenem deuten konnte.

Die Hausfrau zeigte sich nun zunächst bemüht, zur Bequemlichkeit des im eigentlichen Wortsinne gleichsam ins Haus herein geschneiten Gastes das ihrige in löblicher Weise beizutragen, bat um Entledigung überflüssiger Hüllen, fragte nach dem Gepäcke – und da lächelte Bianca seltsam und sagte:

»Es liegt draußen vor der Thüre, ich habe mirs leicht gemacht.« – Mit diesen Worten langte sie selbst hinaus, und brachte ein kleines Kleiderbündel herein, in ein grünes verschossenes Tuch gebunden – das war alles.

Dieses wenige befremdete Sophie, die gewohnt war, sich füllereichen Besitzthumes an Kleidern und Linnenbedarf nach Art deutscher Hausfrauen zu erfreuen, und sie erblickte mit unterdrücktem Schamgefühle in der Fremden, die sich als eine Verwandte aufdrängte, eine hab- und gutlose Bettlerin. Indeß fügte sie sich schweigend in die, wie es schien unabweißbare Nothwendigkeit, und der Bitte ihres Mannes, der Muhme ein besonderes Zimmer einzuräumen, und ihr ein gutes Nachtlager zu bereiten.

Als Sophie das Wohnzimmer verlassen hatte, und Bianca ihrem Neffen gegenüber saß, blickten beide einander lange schweigend an. Endlich fragte der Förster: »Bianca! Woher kommst Du so plötzlich?«

Bianca hatte keine Antwort auf diese Frage, sie seufzte leise und sprach: »Wie blickst Du so trübe und so düster mich an, Goffredo! Komme ich störend und ungelegen, so kann ich sogleich wieder gehen.«

»»Das gebiete ich Dir nicht, wie ich Dir es nicht würde verwehren können, wolltest Du es thun!«« antwortete er gedrückt. »Ich wünschte, Du fändest mich glücklicher. Als wir uns zum letzten male sahen, hoffte ich Dich in anderer Lage empfangen zu können. Warum entzogst Du Dich mir so schnell? Dein Rath wäre mir förderlich gewesen. Du weißt ganz sicher mehr, als andere, Du Walentochter! Das rothe Geheimniß – er gab es mir sterbend, aber den Schlüssel, die Vorschrift des transmutatorischen Gebrauches, nahm er mit ins Grab; seitdem suche ich rastlos und immer vergebens danach. Und doch trug ich nur dieses Magisterium mit mir von dannen, mein ganzes, einziges Erbe, ließ seinen Erben alles Uebrige – alles – den ganzen ungeheuren Reichthum.«

»Sprich, Bianca! Weißt Du den Gebrauch? Kennst Du den Schlüssel? Oder soll ich ferner mich fruchtlos abmühen, bis mir das vergebliche Streben das Hirn verwirrt und ich verrückt werde? Fast glaube ich, halb und halb bin ich's schon.« –

Mit ihrem ernsten Blicke, doch nicht ohne Mitleid, sah Bianca auf den unglücklichen Mann, und antwortete:

»Du hast meine treue Warnung nicht beachtet, Goffredo, die das prophetische ahnen meiner Seele über meine Lippen drängte. Ich warnte Dich vor der rothen Farbe, Du hast sie Dir dennoch zugeeignet, und ihre dämonische Gluth brennt nun in Deinem Hirne. Wirf es von Dir, jenes Fläschchen, schleudere es in eine Bergkluft, in einen Sumpf, in einen lohenden Hochofen, lade dieses Pulver in Deine Büchse und schieße es in die Lüfte – ja, gieb es den Elementen zurück dann wird Dir wieder leicht und wohl werden.«

»»Das kann ich nicht!«« murmelte dumpf der Förster. »Ich bin machtlos in des Dämons Banden.«

»So wirst Du untergehen durch ihn!« flüsterte Bianca tonlos.

»Du kennst den Gebrauch? Du, weißt, was hinzugesetzt werden muß, daß der Purpur verwandelnd wirke?« warf der Förster aufs neue die Frage auf, und schoß stechende Blicke auf Bianca, Blicke, vor denen diese in tiefster Seele erbebte, denn in diesen Blicken glühte beginnender Wahnsinn.

Und von ihr irrten diese Blicke nach den dicht hinter seinem Sessel an der Wand hängenden Jägerwaffen – als wollten sie mit Mord drohen, wenn Bianca das Geheimniß, in dessen Besitz der Förster sie glaubte, nicht erschließe.

»Wirst Du es sagen? Wirst Du es sagen, Walentochter?« fuhr der Förster auf, und sein rechter Arm griff nach einer Kugelbüchse.

Ruhig, mit brennendem Blicke auf ihn blieb Bianca sitzen, sie zog einen langen dreischneidigen wälschen Dolch mit prächtigciselirtem Stahlgriffe aus ihrem Gewande und legte diesen vor sich hin, und sprach stark betonend: »Blut! Goffredo! Blut!«

Der Förster taumelte in den Sessel zurück, die Hand vor die Stirne schlagend, Bianca ließ ihren Dolch verschwinden, die Försterin trat wieder in die Stube.

 


 

Es war völliger Winter geworden, doch lag noch wenig Schnee; im Eckerkruge durchwärmten starkgeheizte Oefen die Trinkstuben, die einmal wieder recht wimmelvoll waren von Gästen, zumal in den Nachmittagstunden. In Goslar war Christmesse, und da ging es ab und zu von rückkehrenden Käufern aus den nahen blankenburgischen, sächsischen und stolbergischen Ortschaften am Harze. Auch der Einspruch von Forstleuten fehlte nicht, weil an solchen Tagen die Unterhaltung sich mehr als gewöhnlich belebte, und selbst der Bewohner des Neustadter Forsthauses war einmal, nach langem fernbleiben, wieder gekommen, und wurde von den Genossen seiner Stellung heiter begrüßt. Politisches wurde wenig in diesem Kreise verhandelt, ja kaum berührt, denn der französische Druck lähmte die Zungen; nicht der kleinste Kreis war sicher vor Spionen, und abschreckende Beispiele hatten Vorsicht gelehrt.

Eine für Jäger sehr anziehende Neuigkeit belebte das Gespräch; es waren im ganz nahe gelegenen Heinischenbruch, gegen Bettingerode und Bündheim ohnweit Neustadt, mehrere Winter-Möven Larus tridactylus. gesehen worden, welche sich ziemlich selten in diese Gegend, und nur zur Winterzeit, verirrten.

Das weckte Jagdlust und altes Verlangen in Gottfried's Seele – so viele Waldvögel er schon gefangen, geschossen und ausgestopft hatte, einer Winter-Möve war er noch niemals habhaft geworden, weil es seiner Gegend an großen Teichen fehlte.

Die Rede von den Möven, und das Verlangen des Neustadter Försters, einiger derselben habhaft zu werden, drang auch in die Nebenstube, die ganz von Tabaksqualm erfüllt, voll Marktgänger und Holzleute war. Unter ihnen befand sich auch ein Forstläufer, der dem Ernstburger Forste zugehörte, und seit einiger Zeit im nahen Ilsenburg wohnte. Dieser Mann horchte lebhaft hinüber, wo die Förster und deren Gehülfen saßen; die Thüre, welche beide Wirthsstuben verband, stand offen, und es entging ihm kein Wort der Gespräche jener Männer, während ihn selbst Niemand beachtete. Nicht lange währte es, so brach der Förster Leonhard auf; es folgte ihm niemand; sein einziger Begleiter war ein Dachshund; Tiro lag mehr altersschwach als krank, zu Hause.

Der Förster wandelte eine Strecke weit den gewöhnlichen und von Fußgängern und Fuhrwerken belebten Weg durch den Schimmerwald, schlug aber dann einen einsamen Fußpfad ein, der am Ottenhay vorüber, wo der Jäger den Wolfstein zur Linken ließ, in die Nähe des Heinischenbruchs führte. Es war gegen vier Uhr Nachmittags, und schneetrüb – die Nacht drohte bald einzubrechen. Die kürzesten Tage waren da. In einiger Entfernung folgte dem wandernden Jagdgänger jener Forstläufer mit dampfender Pfeife im Munde, mit einem Gewehre bewaffnet, nach, und hielt sich von dem Förster in wohlberechneter gleicher Entfernung, blieb aber noch weiter zurück, als der Wald ein Ende nahm, und der Westhimmel sich in etwas aufhellte.

Der Förster überflog mit scharfem Blicke die Fläche und das Geröhrig des Heinischen Bruches – es zeigte sich kein Vogel. Dann schritt er an dem schmalen Rücken, den der Butterberg wie eine lange Zunge bis fast an den Harzburger Floßteich streckte, und blickte scharf nach jenem Teiche.

Dort, über dem Eise schwebten und wiegten sich, anmuthig, wie ein Schwarm großer weißer Tauben, mit schön aschgrauem Rücken, die seltenen Vögel, tauchten an einer offenen Stelle nach jungen Forellen und erfüllten die dämmernde Abendluft mit Geschrei.

Hastvoll den Schritt verdoppelnd, näherte sich der Förster jener Eisfläche, indem er sich gewaltsam den Gedanken zu entreißen suchte, die ihn bisher begleitet hatten. Er hatte unwillkürlich jener Wanderung denken müssen, die ihn einst in anderer besserer Jahreszeit und in schönerer hoffnungreicher Stimmung fast dieselben Pfade geführt, nur daß er damals den Wolfstein zur Rechten gelassen hatte – aber die neuerwachende Jagdlust verscheuchte ihm jede fernere Erinnerung – sie trieb ihn unaufhaltsam dem Floßweiher zu.

Immer noch folgte ihm, Schritt auf Schritt, jener Forstläufer nach wie ein dunkler Schatten, und setzte seine Füße in die Fußstapfen dessen, der ihm voranschritt auf dem beschneiten Wege.

Um dieselbe Stunde wandelte auch Bianca nach jenem Weiher. War es eine Ahnung, welche sie antrieb? War es eine Absicht, oder eine innere Nöthigung? Vielleicht war sie sich selbst nicht bewußt, weshalb sie dorthin ging – aber sie ging. –

Noch schwebten, noch kreischten die Möven; man mußte über die ziemlich fest gefrorene Eisdecke des Weihers wandern, wenn man ihnen schußgerecht kommen wollte. Der Förster schritt sicher über das Eis, er hob die mit starken Schroten geladene Jagdflinte zum Anschlage, er zielte lange – er setzte einige Male wieder ab.

Der Tag erlosch – am Westhimmel, über Goslar, hing eine tiefdunkelroth gefärbte Schneewolke, vor ihr schwebten und schwirrten wie schwarze Raben, die Möven; ihre weiße Farbe war schon nicht mehr erkennbar. Der Wind pfiff schneidend kalt aus Osten – das Wetter schien wechseln zu wollen. Ringsum war alles still – todenstill.

»Flammt mir's doch vor den Augen, wie lauter Blut!« murmelte der Förster, und lag wieder im Anschlage – und hinter ihm – nur zwölf Gänge weit, lag der, welcher ihm gefolgt war, auch im Anschlage. Des Försters Dachshund witterte ihn nicht, weil der Wind von Ost nach West strich. – Plötzlich rief vom nahen Dorfe her eine weibliche Stimme gellend und angstvoll: »Goffredo! Blut! Blut!« Indem krachte des Försters Schuß, kreischend zerstiebte die Mövenschaar, einige getroffene sanken in die offene Stelle des Weihers, oder auch auf das Eis. In Gottfrieds Ohr war jener Angstruf gedrungen – verwirrt wandte er sich um – da sah er einen dunkeln Schützen im Anschlage liegen gegen sich, und stand ihm unbewehrt, mit abgedrückter Waffe gegenüber.

Mit teuflischer Hohnlache rief jener Mann: »Jetzt kommt unsere große Bruchrechnung zum Abschluß, jetzt fahre hin, Förster, zum Nobiskrug und zu seinem Gastwirth!« Voll Wuth und Entsetzen breitete der Förster beide Arme aus – der Schuß knallte; ein schriller Ton aus Gottfrieds Brust und rücklings stürzte er nieder.

Da war es plötzlich dem Mörder, als ob dunkele Fittiche über ihn rauschten, ein Geier ihn packe – seiner Hand entsank das Gewehr, seine Glieder schlugen – es umkrallte ihn ein furchtbares Wesen, ein Gespenst der Nacht, ein todbleiches Eumenidenantlitz starrte ihn an, zog ihn, zerrte ihn – der Schreck und der Gedanke an seine That machten ihn völlig machtlos, jene dunkle Gestalt aber, die sein Gewehr erfaßt hatte und festhielt, zerrte ihn weiter, immer weiter, nach der offenen Stelle des Weihers zu – wo die blutenden Möven lagen, bis unter der Wucht zweier ringender Körper die immer dünner werdende Decke des Eises krachend brach, und dort an des Weihers tiefster Stelle beide hinabsanken in die eiskalte, dunkele Fluth. –

Mit immer quälender werdenden Gedanken in ihrer Seele harrte an diesem Abende Sophie der Wiederkehr ihres Mannes, der in den letzten Tagen heiterer, hoffnungreicher als bisher erschienen war. Bianca's Nähe hatte wohlthuend auf ihn einzuwirken geschienen. Bianca selbst war ein stiller, nicht lästiger Gast, freilich sprach sie mehr mit dem Förster, als mit der Hausfrau, und von dieser unverständlichen und unbegreiflichen hohen Dingen. Jetzt kam Gottfried nicht heim – und Bianca fehlte. Das mußte Sophie ängstigen, mußte sie mit Gedanken des schlimmsten Argwohnes erfüllen.

Der Forstgehülfe war auch im Eckerkruge gewesen, aber erst später, nachdem sein Principal schon hinweggegangen. Er brachte die Nachricht, daß der Förster im Heinischen Bruch habe Möven schießen wollen.

Es hatte in der Nacht stark gefroren, und am frühen Morgen begann es zu schneien. Leonhard kam auch nicht zum Frühstück heim, und nun war es vorbei mit Sophiens Fassung und hoffender Geduld. Leute wurden aufgeboten, um die Spur des vermißten Mannes aufzusuchen. Der frische Schnee aber hatte jede Spur vertilgt. Man schritt den Ort hinab, Willens den ganzen Heinischen Bruch zu durchsuchen, man folgte dem Laufe der Radau – nahte dem Floßweiher – da winselte des Försters Dachshund – da lag, vom Hunde blosgescharrt, dunkel aus dem Schnee sichtbar des Ermordeten blutiger Leichnam – ein Anblick voll Grauen und Entsetzen – abgeschossen lag sein Gewehr nahe bei ihm; die Kugel hatte ein dickes Glas, das Leonhard in einem Lederbeutelchen auf der Brust trug, zersplittert, und war nebst einigen Glassplittern in das Herz gedrungen.

Welch ein Schmerz! Welch eine Aufregung im Hause, im Orte. Welche Urtheile und lieblose Muthmaßungen!

Der Chirurg holte die Kugel aus der Wunde – sie war von einem goldenen Reife umzogen – auch schien das geronnene Blut wie mit einem Goldschimmer überhaucht – das rothe Pulver, das sich noch in dem Gläschen befunden, hatte sich völlig mit Gottfrieds Blute gemischt. –

Die That blieb dunkel und unerklärt – sie konnte zwar auf Selbstmord deuten, und wurde von Vielen so gedeutet weil des Försters Gewehr losgeschossen neben der Leiche gefunden ward – aber die tödtliche Kugel war aus einer Büchse gekommen, und ihr Kaliber war zu klein für die Jagdflinte, welche Leonhard getragen hatte. Das unterschied freilich die urtheillose und lieblose Menge nicht.

Schleier des vergessens legten sich bald über dieses trübe Ereigniß. Sophie verließ Ort und Land, und wandte sich wieder in ihre Heimath, nicht ohne zuvor noch einmal mit wehmuthvollen Gefühlen Helmstädt zu besuchen, wo sie Christian, den lieben Jugendfreund, in beglückter Häuslichkeit und geachteter Wirksamkeit fand, dann lebte sie als Wittwe geehrt und geschätzt, ihren Verwandten eine treue Rathgeberin und Freundin, ihre Tage im patriarchalischen Frieden und in ländlicher Zurückgezogenheit und Stille.

Seitdem sind viele Jahre verflossen.

Einigemale führten Reisen den gelehrten jüngeren Helmstädter Professor durch Thüringen, wo die Verwandten nicht unbesucht blieben. Viel wußte er im Kreise dortiger Freunde aus Jugenderinnerungen über jenen längst verstorbenen Wundermann mitzutheilen, ja er zeichnete aus dem Gedächtnisse das ihm lebendig vor der Seele stehende Brustbild des alten Herrn, dessen Aehnlichkeit mit einem anderen, noch bei des Hofraths und Professors Leben in Kupfer gestochenen Bildnisse verglichen, unverkennbar ist, und das dieses Buch schmückt.

Eine Reise nach Mühlhausen gab merkwürdige Aufschlüsse, lieferte reichhaltigen Stoff. In jener altberühmten vormaligen thüringischen Reichsstadt, der Heimath des Wundermannes, blüht wieder der Anbau des Waids. Einer von jenes Wundermannes wackeren Nacherben hat mit kunstverständigem Sinne jenen Anbau aufs Neue für sich zur Goldquelle gemacht, und die Vermuthung liegt nahe, daß von ihm neben dem Weiterschreiten in der technischen Chemie bewährte Vorschriften aus dem Nachlasse des alten geheimnißvollen Herrn benutzt wurden.

Diesem würdigen Manne, der nun auch schon im achtundsechzigsten Lebensjahre steht, wiederfuhr die seltene und auszeichnende Anerkennung, daß ihm für seine untadelhaften und höchstpreiswürdigen Krappfarben bei der Industrie-Ausstellung zu London 1853 eine Preismedaille zu Theil ward.

Manches Einzelne aus des Wundermannes berühmten Sammlungen wurde dem Verfasser dieses Buches zu Theil – noch mangelte ein erwünschtes Autographon desselben. Lange suchte in überkommenen Papieren der Mühlhäuser Freund – nichts wollte sich finden. Endlich kam ein kleines eigenhändiges Blatt zum Vorschein, und wurde freundlich dargeboten, so wie, bei mangelnder Unterschrift von dem Großneffen des Wundermannes beglaubigt. Dasselbe trägt die Ueberschrift:

Eine schöne grüne Farbe.

Es ist die Vorschrift zum grünen Carmin. –

Freundlich beglückten holde Musen bis zum nun auch, nur leider zu früh, erfolgten Lebensende den gelehrten und kunstbefreundeten Gymnasial-Professor in Helmstädt. Das reizende Gedicht Amor und Psyche nach der Mythe des Apulejus, geschmückt mit gelungenen Zeichnungen von der Hand eines geliebten Sohnes, war sein Schwanenlied. Mild, gleich einer sanften Elegie, verklang sein Leben, und mit dem Hauche seines verklärten Geistes schließe sich in bedeutsamen Worten dieses Buch, mit Worten, die sich auf mehr als ein Leben, das hier dem Leserkreise denkend, fühlend und handelnd vorgeführt wurde, beziehen lassen.

                   

»Leben und Irren ist Eins. So ist's, mein freundlicher Leser!
Hast Du glücklich gelebt, dann war es ein lieblicher Irrthum;
Hat man das Leben verfehlt, dann war's nur bittere Täuschung.
Wahrlich es stammt von dem Himmel der Geist, ist göttlichen Ursprungs;
Erst wenn der Tod ihn befreit, rückkehrt er zur früheren Heimath.
Wir aus dieser verbannt, umsegeln fremde Gestade,
Hin durchs Meer und der Klippen Gebiet und umirren die Ufer.
Stets von dem Wahne getäuscht woll'n wir auskunden die Wahrheit;
Fürchtend das Dunkel der Nacht, dastehn wir vom Blitze geblendet.
Wollte jedoch in der Rechten ein Gott mir verleihen den Irrthum,
Und in der Linken zugleich Wahrheit; dann würd' ich ihn anflehn:
Heiliger, gieb mir die Rechte; für dich nur bleibe die Linke.« –

Ende des dritten Theils.

 

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