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Die Geheimnisse eines Wundermannes. Dritter Theil

Ludwig Bechstein: Die Geheimnisse eines Wundermannes. Dritter Theil - Kapitel 12
Quellenangabe
authorLudwig Bechstein
titleDie Geheimnisse eines Wundermannes. Dritter Theil
publisherW. Einhorn's Verlag/C. A. Hartleben
year1856
correctorreuters@abc.de
senderHerbert Niephaus
created20180917
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11.
Die Scheidestunde.

Der Förster fand seinen Herrn Pathen nichts weniger als körperlich leidend, oder hinfällig, er fand ihn gefaßten, gesammelten Geistes, obschon schwach, im Ganzen zeigten sich selbst dessen Züge nur wenig verfallen. In gewohnter Weise freundlich aufgenommen, als liege nichts, gar nichts zwischen den beiden, kein früheres Verhältniß, kein eigenthümlich wunderbares Verhängniß, auch nicht der Jahre trennende Kette – wie ein jüngerer lieber Bekannter und naher Verwandter.

Der Professor hatte sich selbst bezwungen mit der ganzen ihm zu Gebote stehenden gewaltigen psychischen Macht und Kraft; er scheute nichts mehr, fürchtete nichts mehr, da er nichts mehr zu hoffen hatte, und so ließ er im Wohnzimmer an gewohnter Stelle, seinem Sessel gegenüber, Gottfried Platz nehmen, und setzte sich selbst zu traulichem Gespräche nieder.

Kein Wort vom gegenseitigen Verhältnisse, kein Wort vom alten Leonhard und dessen Angehörigen, kein Wort von sterben, Abschied nehmen, Testament machen und dergleichen, deren irgend eines Gottfried doch sicher erwartete, und erwarten zu müssen glaubte. Von der Hausfrau Gottfrieds begann der Professor zu sprechen, und fragte wie sie sich befinde? vom Rappen, ob er noch gut gehe? von der häuslichen Einrichtung im Neustädter Forsthaus, dann kam er auf das Königreich Westphalen, dessen Regimente er Ende und Untergang wünschte und prophezeihte.

Auf dem Tische stand ein kleines starkes auf zwei Seiten flaches Gläschen mit eingeriebenem Stöpsel, in demselben erblickte man ein rothes Pulver und ein kleines goldenes Löffelchen.

Von Zeit zu Zeit fielen die Blicke des Professors auf jenes Gläschen und blieben darauf haften, dadurch wurden um so mehr die Blicke Gottfrieds auch auf dasselbe hingelenkt, dennoch aber erwähnte es der Professor nicht in seinem Gespräche.

Der Sprechende durchwandelte im Geiste noch einmal sein Leben, und verweilte mit Vorliebe bei seinen Sammlungen, doch blickte dabei die Wehmuth hindurch, daß alles von ihm mit Mühe und großen Geldopfern zusammengebrachte, nach seinen Ableben in alle Winde zerstreut werden werde, und zwar bald. »Meine Erben« – sprach er: »können nicht alles beisammen erhalten, auch wenn sie es wollten. Es ist zu viel. Sie mögen sich theilen, sie mögen verkaufen, wenn nur jede Einzelsammlung beisammen bliebe. In diesen Aufzeichnungen meiner Hand findest Du, lieber Gottfried, vieles über meine Gemälde niedergeschrieben, die Grundlage zu einem Kataloge. Diesen sollst Du ausarbeiten, Du kennst ja jedes Stück – allein ich wünschte, daß Du es in französischer Sprache thust – und vergiß ja nicht, die Disticha beizufügen. Manches Distichon hat mich mehr erfreut, als das Gemälde selbst. Der Mensch ist nun einmal ein Egoist.«

»Die Münzsammlung, die Instrumente und Apparate, die Modelle, die Naturalien und Mineralien würden am geeignetsten aufbewahrt bleiben, wenn eine Hochschule dieselben ankaufte. Ich würde dieselben, oder doch einen Theil derselben unserer Julia Carolina als ein Andenken hinterlassen, sagte mir nicht eine zuversichtliche Ahnung, daß ihre letzte Stunde bald schlagen werde. So würde ich mein Hab' und Gut nur dem westphälischen Moloch opfern.«

»Meine Edelsteinsammlung« – fuhr der Professor fort – »wer wird diese erhalten? Ich meine nicht empfangen, sondern aufbewahren. Es sind tode Schätze, aber die Gemmen sind lehrreich; ich wünsche, daß sie als Anhang im Kataloge meiner Gemälde mit aufgeführt werden. Ebenso meine Mosaiken, das schöne Stück von Bonavita Blank in Würzburg und andere, desgleichen die Sculpturen, die Wachsbilder, die Stickereien. Vergiß nicht, Gottfried, wenn Du diese Arbeit vornimmst, das schöne Stück, welches die Frau Schlözerin mir schenkte, voran zu stellen; dieser so trefflich ausgeführte Aesculap hat mich täglich erfreut. Nenne ja den Namen der freundlichen Geberin.«

Diese lebhafte Erinnerung an alle die so mannichfaltigen Schätze, welche das Glück und die Freude seines langen Lebens gewesen waren, und die er nun bald verlassen sollte, preßte dem alten Manne einige Thränen aus. Er trank ein Glas Wein und sprach weiter.

»Schade ist es doch, daß Du, Gottfried, keine Neigung hattest für die Chemie, für die Kunst der Farbenbereitung. Hoffentlich kommen die Recepte, die ich hinterlassen werde, dereinst einem verständigen Nacherben zu Gute – oder willst Du sie vielleicht haben?«

»»Meine Zeit und mein Beruf«« – wandte der Förster ablehnend ein. »Schon gut; es ist nichts für Dich – ich wußte es wohl.« –

»Siehe, lieber Gottfried, Du hattest Recht, daß Du Deiner Neigung gefolgt bist mit Ernst und Ausdauer, wie ich der meinigen. Ich hatte Unrecht, in Deinen jüngeren Jahren es anders zu wünschen. Der Besitz großen Reichthumes macht nicht glücklich – denn wir müssen doch sterben. Ich bin nicht mehr reich.«

»»Wie?«« fragte Gottfried verwundert. »Ihre Schätze, Ihr Diamant?«

»»Der Diamant ist nicht mehr!«« antwortete mit einem wehmüthigen Lächeln der Professor – »ich habe ihn den Elementen zurückgegeben.«

Mit sprachlosem Erstaunen vernahm der Förster diese Kunde – er vermochte sie weder zu fassen, noch zu glauben. Der Sprecher aber fuhr gelassen fort: »Der Diamant, der die Menschen wahrhaft glücklich macht, heißt Fleiß. Was die Natur uns roh zuwirft, macht nicht glücklich, unser Fleiß muß ihre Stoffe veredeln. Siehe, ich sage Dir ein Beispiel. Kein Verständiger wird die über mich umgehenden Märchen vom Gold machen und übernatürlichen Künsten geglaubt haben. Die richtige Behandlung der Cochenille, des Saflor, des Krapp und des Lasursteines – das war mein großes Magisterium. Aus diesen Stoffen zog ich Gold. Einst wird die Zeit kommen, wo man in meiner Heimath in Thüringen, um Mühlhausen, den Krappbau wieder in Flor bringt, den die Faulheit hat liegen lassen. Wer die von mir erfundenen Recepte einst besitzt und zur Anwendung bringt, wird zu schönem Vermögen gelangen. Durch sie wirke ich noch segensreich fort in der Zukunft. Die von mir bereiteten Krapplacke übertreffen an Feuer, Schönheit und Dauerbarkeit jene von Smyrna; sie haben die klarste Lasur, und es dürfen denselben keine Chemikalien hinzugesetzt werden, auch keine Cochenille, noch weniger Fernambuk, womit diese edle Farbe so häufig durch Pfuscher verfälscht wird. Genug davon – dieß zieht Dich doch nicht an. Du würdest meinen kostbaren grünen Carmin für Augentabak halten.« –

Wo will er nur mit all diesen Mittheilungen hinaus? fragte sich der Förster in Gedanken. Es scheint nicht, als ob seine Absicht sei, mich wesentlich zu bedenken, vielleicht erzeigt er mir die Ehre, mich zu seinem Testamentsvollstrecker zu ernennen – vielleicht soll ich für seine Erben gegen Schreibergebühr hier im Hause inventarisiren. Mit dem Auftrage zur Fertigung des Gemäldekataloges wäre damit schon ein Anfang gemacht. –

Der alte Mann, den trotz der Jahre sein Scharfblick noch nicht verlassen hatte – las in seines Zuhörers Seele, lächelte scoptisch – schwieg jetzt und sah still sinnend vor sich hin. Seine Züge veränderten sich, die Farbe des weißen Gesichtes begann erdfahl zu werden.

»Ich weiß, was Du denkst, Gottfried« – nahm er nach einer Weile wieder das Wort: »ich weiß, was Du erwartest – aber besser ist es, wir lassen alles, was mich aufregen müßte – unberührt. Betrachte Dich für Dich als den, der Du bist – ich sage für Dich, aber ehre mein, ehre Dein Geheimniß – nimm Dir aus meinem Nachlaß was Du willst, so viel Du willst; in diesem Kästchen liegen alle meine Schlüssel, den legitimen Erben bleibe, was Du übrig lässest – ich hinterlasse kein Testament – und bin Niemanden ein Inventar zu überliefern schuldig.« –

Auf Gottfrieds Wangen entbrannte bei diesen Worten des Greises eine Röthe des Unmuthes. »Nehmen – sagen Sie? Ich soll nehmen?« fragte er. »Nein – ich werde nichts nehmen, ich will Ihre legitimen Erben nicht um einer Stecknadel Werth bringen. Ich bin Beamter, und habe Gott sei Lob – mein Brod!« –

»»Ganz wie Du willst, mein Freund – ganz wie Du willst,«« sprach der Professor. »Du willst nichts nehmen? Ich meine annehmen – auch nicht dieses?«

Dabei deutete der Professor mit dem schmalen Knochenfinger und mit einem stechenden Blicke nach dem Gläschen mit dem rothen Pulver.

Gottfried folgte dem Fingerzeige mit seinen Augen, und es durchzuckte ihn wie ein electrischer Schlag. Da stand es vor ihm, das rothe Geheimniß, dessen Atome mit wunderbarer Verwandlungskraft aus Blei Silber, und aus diesem so gewonnenen Silber Gold erschufen. Das so oft besprochene, von vielen geläugnete, von noch mehreren aber geglaubte, fest geglaubte alchymistische Präparat – und ihm wurde es jetzt geboten, ihm damit die Fülle unermeßlichen Reichthum's.

Der Dämon Gold funkelte aus diesem Purpur mit glühendem Auge, er bezauberte mit Klapperschlangenblicken des Mannes Seele.

»Willst Du es, oder willst Du es nicht?« fragte der Professor ganz leise, und schien in eine völlige Erschöpfung zu verfallen. »Wenn Du es nicht nehmen willst, so sende ich's dem Diamanten nach,« fuhr er fort, und es schien ihm schon das sprechen schwer zu fallen. Er winkte, Gottfried solle ihm das Gläschen darreichen.

Gottfried gehorchte; er fand, daß das Gläschen im Verhältniß zu seiner Größe ziemlich schwer war.

»Oeffne!« hauchte der ermattete Greis.

Als auch diesem Gebote Folge geleistet war, griff der alte Herr nach dem Löffelchen, enthob dieses dem Glase, klopfte es an dessen Rande ab, so daß nur noch mikroscopische Theilchen des Farbenstaubes am Löffelchen hingen, und rührte das letztere im vor ihm stehenden Weine um – dann trank er von dem Weine, trocknete mit zitternder Hand das Löffelchen – steckte es wieder in das Glas und verschloß dieses mit seinem Stöpsel.

»Ah!« athmete er dann auf. »Es ist die wahre Panacee! Schon wird mir leichter. Noch ein Achtel Gran der Wurzel Sum, und die Parze Atropos hält immer noch auf eine Spanne Zeit die Scheere zurück.«

In der That besserte sich die Farbe im Angesichte des Professors.

Gottfried blickte unverwandt nach dem noch über die Hälfte vollen Gläschen – und staunte die so wunderbar schnell wirkende Heilkraft des Aurum potabile an.

»Dieß also ist der Gebrauch?« fragte Gottfried den sich erholenden Professor.

»Ja, dieß ist ein Gebrauch« – bestätigte dieser: »und jedenfalls der wesentlichste, beste, dieses Universale's, dieser Quintessenz geheimnißvoller Naturkräfte. Ein zweiter Gebrauch ist die Wandlung. Nimmst Du es nun?« –

»»Ich nehme es!«« erwiederte Gottfried, und griff nach dem Gläschen.

»Halt!« sprach der Professor, und legte seine Hand auf dasselbe.

»Nicht so schnell, mein Freund! – Ziehen wir uns nicht früher aus, bis wir schlafen gehen. Laß es nur hier stehen – es bleibt Dir unverloren.«

»»Und wie ist die Anwendung beim zweiten Gebrauche?«« fragte Gottfried höchst gespannt.

»Einfach, ganz einfach – ein Gran auf ein Pfund Blei – und von so tingirtem Blei eine Drachme auf ein Pfund Silber, doch nicht empirisch, sondern adeptisch.«

»»Wie ist das letztere zu verstehen?«« fragte Gottfried, dem der letzte Zusatz die schon entfalteten Dämonenschwingen schwindelnder Hoffnungen lähmte.

»Sollst es erfahren – ich schreibe Dir es auf, morgen – dann lachst Du der lachenden Erben.« –

»Für heute genug – ich bedarf der Ruhe. Morgen! Lege Dich nieder – ich will es auch thun.«

Die Bedienung des Hauses wurde jetzt blos von einer alten Magd versehen – Bianca blieb unsichtbar.

Als Gottfried im Gastzimmer zur Ruhe gegangen war, fand er keinen Schlaf. Er sah immer nur das Gläschen, und die erregte Phantasie ließ es erglühen wie Karfunkel. Dann träumte er goldene Berge – dann rechnete er im Halbschlummer. Das Gläschen konnte, seinem Gewichte nach, noch zwei Unzen des Pulvers enthalten. »Eine Unze« rechnete Gottfried laut: – »hat acht Drachmen. Jede Drachme hat sechzig Gran, also sechzig mal acht, das sind vierhundert achtzig Gran, dieß verdoppelt, wären neunhundert und sechzig. Wenn ein Gran ein Pfund Blei in Silber verwandelt, so hätte ich – fast zehn Centner Silber – wenn nun eine Drachme dieses Silbers jedes Pfund andern Silbers in Gold verwandelt, so gäben das von der Unze acht Pfund Gold, vom bürgerlichen Pfunde zu sechzehn Unzen folglich einhundert und achtundzwanzig Pfund, ein Centner aber« – hier entschlief Gottfried, denn nichts ist ein besseres Mittel zum einschlafen, als rechnen. Die Anstrengung des Gehirnes unternimmt vergebens den Kampf mit den abgespannten Fasern der Gehirnnerven – die Gedanken verwirren sich – phantastisch tanzen Ziffern und Zahlen, und chaotisch um den Ruhenden her, bis er einschläft. Bald aber schreckte Gottfried aus dem Schlummer wieder empor – er hatte ganz deutlich eine Stimme gehört, und diese Stimme hatte warnend gerufen: – »hüte Dich vor der rothen Farbe!« ganz so wie einst auf der Harzburg Bianca's Stimme. – Dadurch ermuntert, hörte er anhaltend und heftig klingeln – es schien aus des Pathen Schlafstube zu kommen – rasch entzündete Gottfried ein Licht und fuhr in die Kleider.

Der Professor befand sich in einem sehr leidenden Zustande – ein ruhrartiger Krankheitanfall suchte ihn heim – er war äußerst matt – noch einmal griff er nach den eigenen Mitteln. Gottfried fragte, ob er nicht nach einem Arzte senden sollte?

»Nein – niemals« – war die fast heftig gegebene Antwort: »Wir sind alle Stümper, und welcher Andere soll helfen können – wenn ich nicht mehr helfen kann? Die hatten gar nicht Unrecht, die zuerst sprachen: Arzt, hilf Dir selber – und auch an mir erfüllt sich nun der Spruch: Andern hat er geholfen und kann sich selbst nicht helfen. Es giebt kein Specificum – keines.«

Dennoch versuchte der Kranke, als der Morgen gekommen war, sich ein Recept zu verschreiben – aber die Handschrift war fast unleserlich – die Vorschrift zeugte davon, daß seine Gedanken sich verwirrten, daß er nicht recht mehr bei sich war, als er die Formel niederschrieb. Die Arzenei konnte daher nicht bereitet werden.

Bald flog das Gerücht jenes erkrankens durch die Stadt – es kamen die Freunde – Henke, Crell, Lichtenstein und andere – der Förster mußte jeden von ihnen mit höflichem Bedauern empfangen, der Kranke wollte niemand vorgelassen haben, niemand annehmen. Am meisten verletzte dieß den Bergrath von Crell, und es sprach sich dieser unumwunden gegen Gottfried aus. »Ich hätte geglaubt, mehr Recht auf das Vertrauen unseres verehrten Kranken zu haben, Herr Förster. Er hat mir noch Mittheilungen zu machen versprochen, Recepte und Formeln für mein chemisches Archiv. Auch hat er in einem Gläschen ein rothes Pigment, eine Art dunkelrothen Zinnober, daran kenntlich, daß im Gläschen ein gelbliches Löffelchen steckt, dieses soll ich nach seinem Tode bekommen, den übrigens der Himmel noch fern halte. Sollte indeß der traurige Fall wieder verhoffen eintreten, so erzeigen Sie mir gewiß den Gefallen, Herr Förster, und beseitigen alsbald jenes Restchen der mir versprochenen an sich werthlosen Farbe.«

»Eine Art dunkelrothen Zinnober – so! Ihr gehorsamer Diener, Herr Bergrath!« spottete der Förster, als die Hausthüre sich hinter jenem geschlossen hatte, und ging wieder zu dem immer matter werdenden Kranken hinein.

»Wer war da?« fragte dieser mit schwacher Stimme, und als der Name genannt war – sprach er: »Ach, mein lieber Lorenz Florenz! Gehabe Dich wohl!«

»»Er sprach von einer rothen Farbe, die Sie ihm versprochen gehabt, Herr Pathe!«« theilte Gottfried mit.

»Der Schlaukopf – er meint – das Gläschen« – erwiederte der Kranke. »Glaube schon, daß zu dieser rothen Farbe sich viele Pinsel finden würden« und dann scherzte er doppelsinnig: »Der Lorenz Florenz wird ganz sicherlich mein Hinscheiden am aufrichtigsten bedauern.«

Als die Schwäche des Kranken im Laufe des Tages mehr und mehr überhand nahm, winkte er Gottfried ganz nahe zu sich heran, und flüsterte: »Ich will in früher Morgenstunde bestattet sein, ohne allen Prunk, ohne Conduct – und Du lebe glücklich – nimm Dich Bianca's an – lebe glücklich – mein Sohn!« –

Das war sein letztes Wort. Er athmete noch lange, frei von allen Schmerzen, und entschlief ohne Seufzer, ohne zucken. Niemand, als der Förster, war bei ihm.

Gottfried war still bewegt. Mit Gleichmuth sah er auf alle Schätze rings umher. Er rührte von allem nichts an, nur jenes Gläschen steckte er zu sich. Es war sein rechtmäßiges Eigenthum. Er sprach Bianca, er sagte ihr, was der Sterbende ihm aufgetragen. Sie lächelte schmerzlich. »Ich werde vielleicht kommen!« sagte sie. Eine Stunde darauf war sie aus dem Hause verschwunden – niemand wußte, wie, noch wohin? Der Förster Leonhard ging selbst auf das Gericht, und zeigte der Behörde das Ableben des Professors an, bat um die Versiegelung, und um Kundgebung des Todesfalles an die Erben. Er verweilte noch als Gast seines Freundes, des Doctor Christian, bis die stille Beerdigung vorüber war; es war der letzte Sarg, dem er folgte.

Dann ritt er von dannen, und betrat nie wieder das Haus seines Pathen, nie wieder Helmstädt.

Jene dunkele Wolke, die über der Stadt und der Julia Carolina gestanden, entlud sich drei Wochen nach dem Tode des berühmtesten Professors der letzteren in einem vernichtenden Strahle. Was der Verstorbene geahnet und vorausgesagt, ging pünktlich in Erfüllung. Er hatte wohlgethan, die Hochschule nicht zur Erbin eines Theiles seines Nachlasses zu machen; Seine Majestät Jerome Napoleon, König von Westphalen, geruheten in Gnaden, die bisher bestandene Hochschule zu Helmstädt aufzuheben. –

Vier Wochen nach dem Tode des Professors trafen die Erben desselben, oder deren Bevollmächtigte, aus Thüringen, aus den Städten Erfurt, Mühlhausen und dessen Umgegend, wie auch aus Westphalen ein; das Gericht löste die Siegel, die Erbvertheilung begann. Die Münzsammlung und ein Theil der Gemälde wanderte nach Erfurt, ein anderer Theil derselben, wie auch die Zauberuhr gelangte nach Mühlhausen. Die Uhr geht noch, aber sie gehorcht nicht mehr einem Zauberwinke. Noch ein Theil der Gemäldesammlung, ein Theil der Gemmen, der Raritäten, und auch das von Frau Schlözer gestickte Bild Aesculaps kamen auf ein Landgut in der Nähe Mühlhausens, dessen Name Weidensee. Das von Goethe so hochgepriesene Dürerbild zierte fortan ein Zimmer auf der Saline Königshofen bei Unna. Das meiste des übrigen Nachlasses kam unter den Hammer des Auctionators, und ging in alle Welt. Berlin ist so glücklich, in den Besitz der berühmten Ente gekommen zu sein. Man hat sie mit einer neuen Entenhaut überzogen, auch frißt sie noch – die Unverdaulichkeit hat aber, feit Goethe dieses Automat sah, nicht gehoben werden können.

Lange, lange suchten die Erben nach dem sagenhaft gewordenen Diamanten – er fand sich nirgends, zu ihrer großen Betrübniß. Sonst wäre er zuletzt auch getheilt worden, oder er wäre ganz, und als seltener Kiesel in der Mineraliensammlung geblieben.

Als der Förster nach Hause ritt, trug er das flache alterthümliche Gläschen mit dem rothen Pulver sorglich verwahrt auf seinem Herzen. Es erfüllte alle seine Gedanken – aber nicht mit Luft, sondern mit Qual. In der ersten Bestürzung über das rascher, als vermuthet, herbeigekommene Lebensende des Professors hatte Gottfried nicht daran gedacht, daß ja jener hinüber gegangen war in das unbekannte Land, ohne vermocht zu haben, niederzuschreiben, was er gemeint mit den Worten: »nicht empirisch, sondern adeptisch,« und daß er somit nur die Heilkraft des wundersamen Präparates kenne, nicht seine Transmutationskraft, mindestens nicht deren richtige Hervorrufung.

Er war gegangen, er hatte versiegeln lassen, ohne zuvor die zahlreichen Papiere des Verstorbenen zu durchsuchen, ohne in den vielen alchymistischen Handschriften der Büchersammlung nachzusehen – er hatte nun das Arcanum, und wußte die Anwendung nicht. Das kam ihm nicht aus dem Sinne und trübte ihm mehr Gedanken und Stimmung, als alles übrige, über welches unzufrieden zu sein, er die gerechteste Ursache hatte.

»Soll ich ein Wunderdoctor werden, und mit dem Pulver Curen machen?« sprach er zu sich in seinem Mißmuthe. »Geld in Fülle und Zulauf würde das bald genug verschaffen, aber auch den Zulauf der westphälischen Gesundheitspolizeibehörde zu dem nicht examinirten Doctor und nicht approbirtem Helfer. Soll mein ganzes Sohnesantheil vom Nachlasse des reichen Mannes ein präparirtes Hausmittel sein? Es wäre schrecklich, wenn ich so betrogen wäre, wenn ich das Geheimniß nicht ergründete, wie adeptisch mit dem Pulver gearbeitet wird. Was das nur heißen soll? Da hat man nun so mancherlei gelernt, und ist durch ein ganzes verlorenes Jugendleben hindurch Laborantengehülfe gewesen, kennt alle Säuren und Alkalien, und kennt nicht die volle Bedeutung des Wortes adeptisch.«

Der Förster Leonhard war nicht mehr glücklich, seit er sich im Besitze jenes Purpurs wußte; seine Zufriedenheit schwand, und die Sehnsucht nach dem Geheimniß, das der alte Herr mit ins Grab genommen, wurde stärker und stärker, sie bemächtigte sich seiner ganzen Thätigkeit.

Die von ihm mit vieler Vorliebe begonnene Arbeit über die Harzburg, zu welcher er eifrig sowohl Materialien als zahlreiche Subscribenten gesammelt hatte, vollendete er zwar, allein sie befriedigte, als sie endlich erschien, nicht die von ihr erregte Erwartung. Anderes hatte ihn hingenommen, anderes seine geistige Thätigkeit beansprucht.

Wenn auch der Förster die Pflichten seines Amtes und Berufes keinesweges vernachlässigte, so übte er sie doch eben nur als Pflichten, nicht mit der alten Freudigkeit. Der Raum, in welchem früher mancher brave Hirsch zerwirkt worden war, blieb jetzt stets verschlossen, nur der Förster hatte den Schlüssel, und wenn dieser dort arbeitete, war er allein, ohne Gehülfen, er hatte diesen Raum zu einem kleinen Labaratorium eingerichtet. Die Materialisten in Goslar, Wolfenbüttel und Braunschweig wunderten sich über die großen Mengen von Blei, die dieser eine Förster bezog; man hätte damit den ganzen Harz und Thüringerwald von allem Wild entvölkern können.

Auf der Bibliothek in Wolfenbüttel wunderten sich die Beamten, daß der Förster Leonhard fort und fort alchymistische Werke zum lesen erbat, und die Antiquarbuchhändler in den beiden braunschweigischen Residenzstädten, wie in Helmstädt, hatten von ihm in diesem Fache, nicht im Fache der forstwissenschaftlichen Literatur, den besten Kunden – er kaufte alle alten Scharteken der spagyrischen Wissenschaft zusammen.

Wohl brannten und knisterten die Kohlen in dem kleinen Laboratorium des Forsthauses bei Harzburg, wohl schmolz das Blei in gutgebrannten hessischen Tiegeln, wohl wog Leonhard manchen Gran des rothen Pulvers ab, und warf ihn in das fließende Metall. Da überbreitete ein rascher Gluthschimmer den Spiegel des schmelzenden Erzes, da schien und glänzte es in hoher Goldfarbe, aber wenn es ausgegossen und erkaltet war, so war es Blei und blieb Blei, denn die Arbeit war, mit noch so vielen den Büchern entnommenen Abänderungen, empirisch vorgenommen worden, und nicht adeptisch.

Häufig ging der Förster nach dem benachbarten Hüttenorte Ocker – und besprach sich vielfach mit den dort Angestellten über metallurgische Kunst, über die Methoden der Metallschmelzung, über Reinigung und Läuterung der Erzflüsse, und da er sich nicht nur antheilnehmend, sondern auch kenntnißreich bewieß, überhaupt ein wohl gelittener Mann im ganzen Umkreise war, so wurde ihm bereitwillig alles gezeigt, was er zu sehen und kennen zu lernen wünschte. Es hatte sogar den Anschein, als schlummere in des Försters Seele der heimliche Wunsch, die Forststelle aufzugeben, und sich als Berg- und Hüttenbeamter anstellen zu lassen, weil er so sehr eifrig sich zu unterrichten strebte – allein alle diese Arbeiten erfolgten nach festen, klaren, erfahrunggemäßen Regeln, Vorschriften und Handgriffen; es war dabei so gar nichts geheimnißvolles, nichts alchymistisches, sie wurden sammt und sonders empirisch betrieben, und keinesweges adeptisch.

Tag und Nacht trug Gottfried das Fläschchen mit dem rothen Pulver auf der Brust. Tag und Nacht sann er darüber. Alles schlug fehl –alles. Der gute Stern – der Stern der Seelenruhe, der Zufriedenheit des Försters – stand schon tief im Westen, neigte sich dem baldigen völligen Untergange zu.

 


 

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