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Die Geheimnisse eines Wundermannes. Dritter Theil

Ludwig Bechstein: Die Geheimnisse eines Wundermannes. Dritter Theil - Kapitel 11
Quellenangabe
authorLudwig Bechstein
titleDie Geheimnisse eines Wundermannes. Dritter Theil
publisherW. Einhorn's Verlag/C. A. Hartleben
year1856
correctorreuters@abc.de
senderHerbert Niephaus
created20180917
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10.
Jubiläum.

Mitten in die trübe Zeit, welche durchlebt werden mußte, fiel für den nun bereits in hohen Greisenjahren stehenden Professor ein Freudentag, der noch einmal seine sinkende Lebenssonne hell aufflammen machte, und noch einmal die Mehrzahl der Personen ihm freundlich nahe brachte, welche zu solcher Annäherung eine natürliche oder gesellige Berechtigung hatten.

Ein halbes Jahrhundert war verflossen, seit der Professor nun in Helmstädt lebte, lehrte, und laborirte, und immer bot sein Aeußeres noch die gleiche Erscheinung dar, wie vor fünfzig Jahren, mit nur wenigen Spuren des Alters in dem feinen geistvolleren Gesichte. Immer noch der altmodische Anzug, das einfach gelockte, an den Schläfen fest anliegende Toupée, stark gepudert; immer noch die Brüsseler Kanten am Busentuche und an den großen Manschetten; immer noch das kleine dreieckige Hütchen, der Stahldegen, die schwarzen Seidenstrümpfe, die Demantschnallenschuhe – immer noch die graugrüne Tuchfarbe der stets sauberen Bekleidung, und dabei die fromme Haltung, der sichere Blick, beim Schreiben ohne Brille die feste, niemals zitternde Hand. Auch in dem Wohn- und Schlafzimmer, in den Sammlungen – nichts geändert, dasselbe Durcheinander der Gegenstände, Bücher, Bilder und Geräthe, und doch Ordnung im scheinbaren Chaos, ja gleichsam System in der Verwirrung. Auch in geistiger Beziehung, in seinen Vorträgen, in geselliger Unterhaltung, stets noch derselbe – so konnte dieser Mann im Jahre 1807 sein amtliches Dienstjubiläum feiern, und mit ruhigem selbstbefriedigtem Geiste, ohne sonderliche Gemüthsbewegung – dergleichen seine Sache nicht war – das Uhrwerk eines solchen, Andere insgemein mächtig aufregenden Tages sich ruhig abspielen lassen.

Akademische Feier, Glückwünsche, Cermonien, längliche und sehr lange Anreden, die kurz und schlagend erwiedert wurden, glückwünschende Deputationen des Magistrates und der Bürgerschaft, Festversammlung im eigenen Hause, das von Seiten des botanischen Gartens reich mit Blumen geschmückt war, das alles ließ der Professor mit gemüthlicher Heiterkeit, als müsse es gerade so und dürfe nicht anders sein, an sich vorüber gehen, eines nach dem andern, wie Scene an Scene eines Schauspieles sich einander anreihen. Alle näheren Freunde und ihre Frauen waren geladen, auch Leonhard war mit seiner Sophie gekommen; die Tafel war köstlich beschickt, die Freude entfaltete farbenhelle Schwingen. Selbst aus der Nachbarschaft wohnten befreundete Personen, in deren Familien der Professor lange Jahre als ärztlicher Helfer und Rathgeber heimisch war, dem Feste bei, das reine Gemüthlichkeit würzte und schön machte, während all jenes äußerliche mangelte, das sonst solchen festfeiernden Jubilaren nahe tritt. Da war kein fürstlicher Hofhalt, kein freigebiger Landesherr mehr da, um Verdienste anzuerkennen, der Gelegenheit froh, solche Anerkennung auszusprechen, und mit erhöhtem Range, mit Orden und Titeln beglückwünschend zu begaben. Fern dem Lande, fremd dem Lande verpraßte der König von Westphalen des Landes Einkünfte, und als ein Hohn und eine Tücke des Schicksals kam statt glückwünschenden Schreibens oder neuer Diplome zum Jubeltage ein königliches Kammer-Rescript aus Cassel, des Inhaltes, daß von nun an der am dortigen Hofe durch kriechende Plusmacher als überreich angegebene Professor eine solche Summe der neu einzuführenden Vermögenssteuer zahlen solle, wie keiner der höchstbesteuerten Reichen im ganzen vormaligen Herzogthume Braunschweig-Wolfenbüttel entrichtete.

Der alte Herr theilte seinen Gästen dieses Jubilar-Angebinde mit feinem Lächeln scherzhaft mit, indem er sprach: »Dieser Spaß ist trefflich ausgeklügelt, wir wollen aber denselben den Hundeschwänzen in Cassel gründlich versalzen. Sie schnappten mir am liebsten meinen Diamanten weg, und setzten ihn dem Herrn Hieronymus als neuen »Regent« in die Krone. Das könnte fürwahr die Herren lächern. Nein – meines Besitzes sollen sie nicht froh werden! Meinen alten gnädigsten Herzog und Herrn hätte ich alles gegeben, selbst mein Leben – der (hier verschluckte der Sprecher einen seiner beliebten Ehrentitel) in Cassel soll von mir nichts haben.«

»»Gebet dem Kaiser, was des Kaisers ist, und Gotte, was Gottes ist!«« rief Abt Henke scherzhaft aufziehend.

»Ja – so steht geschrieben, hochwürdiges Kirchenlicht!« versetzte der Professor. »Es steht aber nicht geschrieben: Gebet den Raubstaaten und den Staatenräubern!«

»»Alter edler Freund!«« rief Bergrath von Crell: »Male den Teufel nicht an die Wand, mit dem Diamanten könnte es Ernst werden!«

»»Auf dem Kopfe gewiß nicht, mein trauter Lorenz Florenz!«« entgegnete der Jubilar. »An den Kopf, wenn ich der kleine David mit der Schleuder wäre, und wäre gewiß, daß ich träfe, beim höchsten Gott, ich legte diesen Kieselstein in die Schleuder!«

Vertraute Freunde, die dem Professor näher standen, nahmen wahr, daß eine gewisse Gereiztheit aus ihm sprach, die man sonst nur selten an ihm gewahrte. Nicht nur waren die Worte, die er sprach, wie altpatriotisch sie auch klangen, höchst unvorsichtig und konnten, wenn sie verrathen und weiter getragen wurden, ungemein viel schaden, sowohl ihrem Sprecher, als noch mehr der Hochschule, der Stadt – sondern es mußte, wenn auch kein Judasohr lauschte, die Betonung ausfallen, die er auf das Wort Kieselstein legte, und die der höchste Hohn charakterisirte. Es wurde daher mit Absicht dieses Gespräch nicht weiter geführt, vielmehr ging man zu Tischreden über, die nicht in so scharfe Diamantenspitzen ausliefen.

Gottfried erschien an diesem Jubelmahle als ein Mann, den in mannichfacher Weise Verdienste zierten, welche nach und nach in den Mund der Menge gekommen waren. Seine kräftig männliche Gestalt, der sichere Blick, und ein zwar vollkommen selbstbewußtes, aber doch sehr bescheidenes, aller Anmaßung fremdes Wesen nahmen für ihn ein, und nicht minder gewann das noch immer lieblichschöne Stadtkind Helmstädts, des Försters anmuthige und sittige Hausfrau. Zudem man es dem Professor als eine That der Humanität gutschrieb, daß er den Sohn seines ehemaligen Dieners gleichsam öffentlich als eigenen Pflegesohn behandelte und als Verwandten des Hauses betrachtete und zum Feste geladen hatte, sah man mit Freude auch den jungen Gelehrten, den Sohn eines befreundeten Vaters an der Seite seiner thüringischen Verwandtin, die mit dessen junger Gattin bald und schnell ein inniges Freundschaftsbaud geschlossen hatte. Christian selbst aber hatte in einem lateinischen, aus wohlklingenden Hexametern gebauten Jubelgedichte gezeigt, wie tief er in das innerste Wesen klassischer Metrik eingedrungen war, und wie fein er zugleich zu loben verstand, ungleich feiner wie die Römer selbst und spätere deutsche Gelehrte, welche den von ihnen Gefeierten die Schmeicheleien in römischer Zunge in den übertriebensten Epitheten an den Kopf warfen, vor denen die deutsche Sprache erröthet.

Ein Geisteswerk, welches Christian im Herzen und im poetischen Gemüthe trug, und welches eben zu einer epischen Verklärung der Mythe von Amor und Psyche des Apulejus werden sollte, hatte zu seinem Jubelgedichte das schöne Motto geliefert:

                   

»Freue Dich jetzt und erheitre die Brust! Für das Uebrige wird schon
Sorgen die Macht, der treu-aufrichtige Liebe am Herzen Lieget.« –

welche Stelle ursprünglich lautete:

                   

»Exhilara vultus et pectora, Caetera diva
Curabit, cui verus amor pietasque fidesque
Sunt cordi.« –

Und dieser gute Wunsch ging in schöne Erfüllung, mindstens trübte nichts Aeußerliches das Fest und die Stimmung, ja der Jubilar bethätigte vor aller Augen noch einmal seine altherkömmliche Wunder- und Zauberkraft. Eine junge vornehme Dame aus einem der nachbarlichen Edelsitze, in deren nächster Nähe der Professor seinen Platz hatte, ließ, als man zum Nachtisch gekommen waren, eine dargereichte Schüssel voll reifer, duftender Erdbeeren dankend an sich vorübergehen, welches dem Blicke des Jubilars nicht entging, und dieser fragte daher sogleich: »Warum, Verehrteste, verschmähen Sie diese köstliche Waldfrucht?«

»»Ach nur zu gern genösse ich von diesen Erdbeeren!«« war die Antwort der Dame: »Allein ich darf nicht.«

»»Und weshalb nicht, wenn ich fragen darf?««

»Ich bekomme, und wenn ich noch so wenig solcher Beeren esse, sogleich Nesselfieber,« – versetzte die Dame.

»Bei mir nicht! bei mir dürfen Sie getrost Erdbeeren essen!« entgegnete der Professor, ergriff einen Teller von chinesischem Porcellan, aus welchem letzteren das ganze reiche Nachtischgeschirr bestand, füllte ihn mit Beeren, bestreute diese reichlich mit Zucker, goß einigen Wein daran, und verließ mit dem Teller auf wenige Augenblicke das Zimmer. Als er zurück kam, reichte er jener Dame den Teller, und sprach: »Jetzt, meine Gnädige, essen Sie getrost! Ich stehe Ihnen dafür, daß Sie kein Nesselfieber bekommen.«

»Es geht mit den Erdbeeren« – fuhr er, während jene Dame sich vertrauensvoll die Beeren vortrefflich munden ließ, gegen seine nähere Umgebung fort: »wie mit den Krebsen. Beide in ihrer Art treffliche und einzige Speisen, die ich nie genug empfehlen kann, rufen nicht selten bei Einzelpersonen Nesselfieber oder mindestens Nesselausschlag hervor. Ich besitze dagegen ein unfehlbares Vorbeugungsmittel.«

»»Das Sie mir gewiß gütigst mittheilen, lieber Hofrath!«« rief, im Voraus erfreut, ihres Genusses froh, jene Dame über den Tisch zu dem Gastgeber hinüber.

»Bedauere sehr, meine Gnädige!« versetzte der kundige Arzt: »Das Mittel ist ein Geheimniß; ich darf es nicht verrathen. Beehren aber Hochdieselben mich recht oft mit Ihrem Besuche! Sie sollen, so lange die schöne Jahreszeit dauert, stets Erdbeeren bei mir finden, und ohne Schaden davon genießen.«

Dabei mußte sich denn diese Dame beruhigen, und mit Resignation in die Bewunderung einstimmen, welche dem so eben geübten ärztlichen Wunder von den Festtheilnehmern gezollt wurde. –

 


 

Als damals Gottfried so überraschend und unerwartet Bianca erblickt, und deren Namen laut ausgerufen hatte, war jene erschrocken, und legte bedeutsam den Finger auf den Mund, zum Zeichen des Schweigens. Dann huschte sie an ihm vorüber, und erschloß das Stübchen, darin das greise Dienerpaar eine so lange Reihe von Jahren gelebt und gewaltet hatte. Mit ihm betrat Gottfried den Schauplatz seiner Kinderjahre, und eine wehmüthige Erinnerung kam über ihn – doch wurde diese für den Augenblick überwältigt von dem unerwarteten begegnen, und dem hiersein Bianca's, hier, in diesem Hause.

»Du siehst mich forschend und verwundert an, Goffredo!« nahm sie das Wort, und winkte ihm, sich zu setzen, während sie stehen blieb. »Du möchtest wieder recht viel fragen –

                   

wo ich sei, und wo mich hingewendet,
als mein flücht'ger Schatten dir entschwebt? –

wie euer Schiller so schön sang; so höre denn: »bald nachdem wir uns zum letztenmale gesehen, begrub ich meine Mutter – Gott schenke ihrer Seele Frieden! Nun stand ich ganz allein. Ich hätte zu Dir kommen können, Du würdest mich sicher nicht verstoßen haben, allein ob Deiner Frau die Fremde lieb- und erträglich geworden wäre, mußte ich bezweifeln. Auch bin ich häuslichdeutschen Waltens ungewohnt, gäbe keine Gehülfin im Hauswesen, wie ihr sie braucht – ich spinne nicht, ich stricke nicht, ich weiß nicht wie man bäckt und wäscht und plättet, und kann nicht« – mit einem schmerzlichen Lächeln sprach sie das: »kann nicht umgehen mit Kindern – ich bin ein Vogel unter dem Himmel, und eine Lilie auf dem Felde – eine einsame, verblühte – und der himmlische Vater ernährt mich doch. So fand ich denn hier willkommenes Asyl – stilles – geheimes, und leiste die Hülfe, die ich zu leisten vermag, ich arbeite – im Laboratorium – ich diene für alle andern unsichtbar, sichtbar nur ihm. Er weiß noch nicht, daß wir uns kennen, und was wir Dir vertrauten tief unter der Asseburg. Er glaubt noch immer, daß Du für des alten Leonhard Sohn Dich hältst. So rächt sich auch an ihm das Schicksal. Er, der alles zu wissen behauptet, weiß das nächste nicht, das ihn angeht. Er ist heute zu einem Kranken über Land. Er darf nicht ahnen, daß wir uns gesprochen. Und sorge Dich nur nicht um ihn; ich überwache ihn – und wache, sorge auch für Dich, Goffredo; mit mehr Antheil, als Du wohl denkst, als Du mir dankst.«

»»Was soll ich Dir auch sonders danken, Bianca?«« erwiederte nicht rauh, aber verdüstert, in sich gekehrt, Gottfried.

»Euer Geheimthun brachte mich um Vaterliebe, knechtete meine Jugend, stempelte mich zu einem Sohne der Lüge, des Truges, ließ mich einen falschen Namen tragen, der auf meine Kinder vererben würde, hätte der Himmel deren mir bescheert – wir küßten nur ein Kind, und das haben wir begraben müssen. Aus diesem Hause hoffe ich nichts mehr – was sollte ich hoffen? Vaterliebe? Die kann ein kalter Greis, der lebenslänglich ihr sein Herz verschlossen, nahe am achtzigsten Jahre stehend, nicht mehr ausströmen. Reichthum? Schätze? Ich bedarf ihrer nicht; für Wen sollte ich sie häufen? Ein einfaches Bildchen wird als Andenken mir genügen. Und dann noch vielleicht ein Paar Bücher, die mir zur Quelle dienen könnten bei meiner Arbeit, die ich mir vorgenommen habe. Ich will eine Geschichte der Harzburg ausarbeiten – vielleicht kannst Du dabei mir helfen, Bianca? Du kennst ja wohl die Burg viel besser noch als ich!« –

»»Du spottest, weil ich damals Dir entging«« – erwiederte Bianca ernst. »Mich barg dicht neben dem Eingange in die Harzburghöhle ein breitbelaubter Haselbusch. Als Du Dich in die finstere Grotte, nach mir spähend, tapptest, entging ich behend, und zugleich betrübt. Ich floh vor Dir, weil ich Dich fürchtete – war ich zehn Jahre älter auch als Du, ein Mädchen war ich doch, Du warst ein Mann. Laß das alles uns vergessen. Ziehe heim und lebe glücklich! Bedarfst Du meiner, so sende einen Brief, mit B. bezeichnet, an den Wächter der Hinter-Pforte, bedarf ich Deiner, wird mein Bote Dich schon finden. Ich lasse Dich allein. A Dio!« Bianca huschte von dannen, der innere Riegel schloß hinter ihr die Gartenpforte zu.

Gottfried blickte ihr in trüben Gedanken nach, und voll tiefen Ernstes. »Auch ein verfehltes Leben!« seufzte er. »Schönheit, Jugend, Vollkraft, Feuer – verblüht, verwelkt, verlodert – ohne Ziel, ohne Genuß, ohne Glück! Arme Bianca! Armes Opfer unseliger Geheimnisse auch Du!« –

 


 

Mit jenem verhängnißvollen Worte hatte der Professor zum letztenmale vor Andern seines Diamanten gedacht. Der stille Schmerz, daß ein Besitzthum, welches er als sein höchstes gehalten, nicht das sein sollte, wofür er selbst es gehalten, nagte an seiner Seele. Voraus ahnen konnte er, daß jenes, obschon leise zu ihm gesprochene Wort Goethes, in dem er neben dem großen Dichter den Naturkundigen doch willig anerkennen mußte – dereinst seinen Wiederhall durch die ganze Welt finden, daß – auch für den Fall, der berühmte Mann habe sich geirrt in seinem Urtheile, die urtheillose Welt selbst den Irrthum des berühmten Mannes für Wahrheit nehmen werde, wie es so häufig der Fall ist. – Und was sollten seine Erben dann anfangen mit dem verdächtigten Kleinode? Welchen Rang nahm es dann ein? Was war es dann? Ein Stückchen in der Mineraliensammlung, neben dem man einst auf einem gedunkelten Papiere im Kästchen die Worte geschrieben fand: Dieß ist der, von seinem früheren Besitzer lange Zeit für einen unbezahlbaren Diamanten ausgegebene Kiesel von Madagaskar.

»Nein und tausendmal nein! Das soll nicht sein! Das sollen sie nicht erleben! Komm' Du schönstes Kleinod meines Lebens, nächst meiner verklärten Regina, meine kalten Greiseslippen küssen Dich, Du kalter Stein – komm' auch Du zur Verklärung! Löse Dich in Atome, schwebe zum Aether auf heiligen Strahlen, in heiligen Gluthen, grüße die Himmlische von mir als mein Bote, fliege voraus – bald komme auch ich – und der Erde Staub ist vergessen und abgeweht.« –

In einem Gemache, das niemand betrat, als der Professor, waltete dieser geheimnißvoll, und ganz allein. Er trug allerlei in dasselbe, seine geliebte, italienische Laute, eine Muffel, einen tragbaren Reverberirofen, seinen großen Tschirnhausenschen Brennspiegel, nahe an dessen Focus er eine mehr als zolldicke, große Glaslinse, die in einem Holzrahmen sich befand, mittelst eines Schraubengestelles befestigte. Dann schloß er das Zimmer ab.

Hell brannte am wolkenlosen Himmel die Sonne, aber nur durch eine absichtliche Oeffnung fiel ihr Strahl in das außerdem verdunkelte Zimmer; zu hellerer Gluth auch entflammten sich die Schmiedekohlen, die Flammenzungen leckten empor und schlugen zusammen über der Capelle, und schlugen unter der Muffel zurück – durch deren hinteren Ausschnitt der blitzende Focus des verdoppelten optischen Brennapparates in den Mittelpunkt der Capelle fiel. In diese Gluth legte der Professor seinen Diamanten. Dann setzte er sich ruhig in einen Lehnsessel vor den Reverberirofen, und nahm seine Laute, seine Regina zur Hand. Die Kohlen knisterten und sprühten – die Saiten bebten. Des Professors Auge war starr auf den Diamanten gerichtet. Sonnenfeuer und Erdenfeuer wirkten mächtig, ja übermächtig – der Stein begann gelblich zu strahlen, und dieser Glanz durchlief rasch die ganze Tonleiter des gelb, bis zur blendenden Helle griechischen Weißfeuers, dann glühte er rosenroth und karminroth, wie Strontianflamme und immer reiner und höher, ging über in sanfte violette Färbung, doch immer feuriger, blitzte in tiefem Blau, das hell werdend in leuchtendes prächtiges Grün sich wandelte, und aus dem Grün wurde wieder das gelbe Feuerlicht, das einen wundersamen Glanz auf das Gemach warf, und an die Gestalt des alten Mannes, der so ruhig da saß, mit entzückten Blicken, verklärt gleichsam in diesem Verklärungsglanze.

Leise glitten seine zarten, reinen, jetzt vom Alter etwas abgemagerten Finger über die Saite der Laute. Accorde erklangen – Musik zum Leichenbrande des einzigen Diamanten, dessen Größe in der beständig gleich unterhaltenen Gluth nun schon erkennbar schwand. Aber wie dann die innere Krystallisation von dem solarischen Flammendolchstich getroffen ward, da brachen neue hellblitzende Regenbogenlichter durch die eintönigen wechselnden Farben, da war es, als ob zuckende leuchtende Irisfarbenflammen das ganze Zimmer erfüllten, wie wenn in dunkler Kammer ein facettirtes Glas bewegt an die Stelle gehalten wird, an welcher ein Sonnenstrahl einfällt, aber von einer Gluthhöhe der Farbentöne, für welche die Sprache keinen Ausdruck zu entsprechender Schilderung findet.

»So recht! So recht recht!« lispelte der Professor, tief aufathmend. »Schmilz doch einen Kiesel, guter Goethe, versuche, ob Du schaust, was ich schaue! Sprich doch zum Kiesel:

                   

Leucht' in Meteorenschöne
Sylphe!

und siehe, ob Dein Kiesel leuchtet!« –

»Ha, wie herrlich sich's erprobt und bewährt, mein Feuerkind! Ha, wie es aufloht in göttlicher Schönheit!« lispelte der Professor – und goß aus einer kleinen Phiole einige Tropfen Ambratinctur auf die Muffel, so daß im Nu das Gemach mit süßestem Arome sich erfüllte.

»So stirbt nach schöner antiker Mythe der Phönix im Brande seines Nestes von ceylonischem Zimmet; in solchen Farben lodert sein Flammengefieder gen Himmel auf.«

»Fahre wohl, mein Einziger, mein Solitarius! Mit wie unendlich tiefem Sinne nannten Dich die Alten, selbst noch im deutschen Mittelalter: den Waisen, den Orphanus, den Pupill! Fahre hin, Du, mein Augapfel, Du Stolz, Du schönste Freude meines Lebens!«

»Sang nicht ein deutscher Minnesänger von solchem Steine:

                   

Der Kunig so den waisen hat
Daz er ihn niman scheinen lat.« –

»Ha – das bin ich, ich bin der König, und lasse ihn niemand scheinen, niemand, als nur mir!«

»Dir dieß Brand-Opfer, Dir Regina! Dir und mir!«

»Dich wollte ich schmücken mit diesem Diamanten, Deine reine Stirne sollte er überstrahlen – Du solltest einen Schmuck tragen, wie keine Kaiserin der Erde ihn trägt und jemals ihn trug. Ha, ein einziger großer Diamant, einer nur, die Krone meiner Königin! Da neigte sich, da erbleichte das schöne Haupt.«

Immer herrlicher, immer wunderbarer glühten die Farben, der Stein war jetzt fast um die Hälfte kleiner geworden. Von Zeit zu Zeit ersetzte der Professor die verzehrten Kohlen mit neuen, und rückte nach der wandelnden Sonne den Focus des Brennspiegels und der biconvexen Linse.

»Schwinde nur hin – schwinde zur Ferne – schwinde in die Unendlichkeit hin.«

»Wenn ich dich jetzt aus der Gluth, aus dem Flammentode erlöste, wärst Du verkäuflich, wärst Du bezahlbar – jetzt könnten die lachenden Erben Dich verschachern um ein Paar Millionen, vielleicht kaufte Dich der große Napoleon, und hing Dich als Trottel an seinen Hut, wie jener Hospodar den Rubin des Weltumseglers. »Pah! Sie sollen Dich nicht haben, mein Liebling. Kein Tyrann, kein Unterdrücker deutscher Völker und Länder soll mit geraubtem Golde Dich bezahlen, soll prahlen, soll strahlen mit Dir.«

Den Greis überkam es wie Wonne der Seligen, als die farbigen Flammenwellen mehr und mehr alles rings erfüllten, als Farben erschienen, die kein Maler je sah, noch zu nennen vermöchte, ein blitzendes funkelndes Chaos und doch nicht dem Auge feindlich die Sehkraft schwächend. Das waren Strahlen und Farben einer andern Welt, zu schön, um irdisch zu heißen, Strahlen, aus denen das Kleid der Gottheit gewebt sein müßte, trüge die Gottheit ein Kleid. –

Nach einer Stunde war von dem Diamanten kein Atem mehr übrig – der Professor lag, von Entzückungen fast aufgelöst, mehr als er saß, in seinem Lehnstuhle, nur noch leise athmend, die Laute war sanft seinen Händen entsunken, ihre Saiten tönten nicht mehr, die Flammen zuckten nicht mehr – die Sonne warf ihren Lichtpunkt durch die Oeffnung im Laden des dunkeln Zimmers nicht mehr auf den Brennspiegel. –

Nach diesem erhabenen, großen Akte, der sein Leben im tiefsten Marke erschüttert hatte, wandelte der greise Professor still umher; sprach wenig mehr, ordnete aber noch vieles in seinen Sammlungen, schrieb, legte Siegel an manche seiner Kästchen und Schreine, und bereitete sich nun allgemach vor, zu dem unvermeidlichen Schritte, den jeder Sterbliche einmal thun muß, zu jenem Gange, den wir Hinübergang nennen, ohne doch zu wissen, wo unser irdisches Auge dieses drüben suchen soll. Manches wollte der Professor noch schriftlich aufsetzen, was dann doch unterblieb. Auch bei ihm bewährte sich die allgemeine psychologische Erfahrung, daß der Mensch, je höhere Stufen des Lebensalters ihm zu überschreiten vergönnt werden, um so fester an allem hält und hängt, was er sein nennt, und wie der Gedanke, solches Besitzthum endlich doch anderen Händen überlassen zu müssen, den meisten ein äußerst unlieber, ja peinlicher ist.

Oft mahnte erinnernd die innere Stimme an Gottfried, aber dann erfaßte stets ein zagen den Greis – sollte er, da er bis zum Grabesrande geschwiegen, nun noch reden, sollte er sich selbst beschämen, sich selbst anklagen, sollte der Sohn als Richter vor dem Vater stehen?

Und doch fühlte der bereits achtzigjährige Mann, der kenntniß- und erfahrungenreiche Arzt die Annäherung der dunkeln Stunde, die nach frommer Verheißung uns zur Klarheit führen soll – und doch wollte er gerne Gottfried noch einmal sprechen, ehe sein Genius die Fackel neigte.

Und so geschahe es an einem Septembertage des Jahres 1809, daß ein Eilbote im Forsthause zu Neustadt eintraf, der den Förster nach Helmstädt und in das Haus seines Pathen beschied. Nur wenige Zeilen waren es, mit leise zitternder Hand von dem Professor selbst geschrieben.

Der Förster säumte nicht, der Ladung Folge zu leisten, und ritt im Fluge dem Sitze der Julia Carolina zu, über welcher eine dunkele Wolke schwebte.

 


 

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