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Die Geheimnisse eines Wundermannes. Dritter Theil

Ludwig Bechstein: Die Geheimnisse eines Wundermannes. Dritter Theil - Kapitel 10
Quellenangabe
authorLudwig Bechstein
titleDie Geheimnisse eines Wundermannes. Dritter Theil
publisherW. Einhorn's Verlag/C. A. Hartleben
year1856
correctorreuters@abc.de
senderHerbert Niephaus
created20180917
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9.
Der Geleiter.

Schwer war die Zeit und trübe, und wollte nicht heller werden. Deutschland litt unter den Folgen seiner Schwäche und seiner inneren Zwietracht und Zerfällung. Hätte, wie es in Frankreich der Fall war, ein gewaltiger Wille, wäre es auch ein eiserner und unbeugsamer gewesen, Oesterreich und alle deutschen Völker vereint gegen Frankreich geführt, so wäre der Tag von Austerlitz nicht erlebt worden, und alle Leidenskelche späterer Schmach und tiefster Erniedrigung wären Deutschland vorüber gegangen. Preußen aber schloß den Frieden von Basel mit Frankreich, und wandte seine Kräfte gegen Polen; Oesterreich kämpfte gegen Frankreich und erlag in dem Kampfe. Jetzt erst beschloß Preußen gegen Napoleon neuen Krieg im Bunde mit Russland. Man blickte nun nach einem heldenmüthigen Feldherrn, man fand ihn auch, nur war es kein junger, feuriger Heid, es war ein Greis, es war wieder Herzog Carl Wilhelm Ferdinand von Braunschweig. Ankämpfend mit jugendlichem Geiste gegen die Schwächen des Alters und beseelt vom Hasse gegen Frankreich, folgte noch einmal der Herzog dem lockenden Winke Bellona's; mit Trauer sah sein treues Volk, sah sein Land ihn scheiden. Der Herzog reiste nach St. Petersburg, und bewog den kaiserlichen Hof, zum Feldzuge sich mit Preußen zu verbünden. Das Bündniß kam zu Stande und der Herzog übernahm den Oberbefehl über das preußische Heer. An der Spitze dieses Heeres stand der alternde Held in mißlicher Stellung; von vielen höheren Generalen beneidet, von verständigen Führern, die das kommende Unheil voraussahen, ängstlich beobachtet, und von unverständigen, und noch dazu vom Dünkel beseelten, weil der Dünkel stets mit dem Unverstande Hand in Hand geht, in allen Operationen bekritelt – selbst unentschlüssig und zögernd in Sachsen verweilend, statt rasch dem Feinde entgegenzuziehen, sah sich der Oberfeldherr von Napoleon umgangen und schon durch die Stellungen, die sein umsichtiger Gegner eingenommen hatte, besiegt, ehe noch eine Schlacht geschlagen war.

Es erfolgte das Gefecht bei Saalfeld am 10. October 1806, das dem französischen Heere den Paß durch das Saalthal öffnete, und bei welchem Prinz Ludwig von Preußen sich zwecklos opferte; bald darauf rollten die Kanonendonner der unglücklichen Schlachten von Jena und Auerstädt, unglücklich für Preußen, für Deutschland, für den Herzog – den ein Schuß in den Kopf auf das tödlichste verwundete, und doch nicht tödete, zu langen namenlosen Leiden ihn aufsparte.

Der Sohn des Herzogs, Friedrich Wilhelm, der noch unter den preußischen Fahnen stand, war durch Anfall des Erbe's von seinem Oheim, dem Herzoge Friedrich August, Herzog von Braunschweig-Oels und Bernstadt geworden, und jetzt der Abtheilung des Heeres zugetheilt, welche Herzog Carl August von Sachsen-Weimar-Eisenach befehligte; so nahm er an der Schlacht von Jena persönlich nicht Antheil, wohl aber zwang ihn deren trauriger Ausgang, an der Flucht Theil zu nehmen, zu der alle nicht vernichteten Heerestheile der preußischen Armee sich hinreißen ließen.

Auf kurzen Tagereisen wurde des Herzogs Vater, der verwundete, durch den Schuß des Augenlichtes beraubte Feldherr erst gefahren, dann, da sein Leiden dieß nicht mehr gestattete, getragen, und auch diese Art der Weiterbeförderung war voll Gefahr. Der Oberst von Kleist und der preußische Feldarzt Völker geleiteten den hohen Verwundeten. Von Auerstädt aus, wohin derselbe zunächst aus dem Getümmel der Schlacht zurück gebracht worden war, sollte der Weg über Weimar nach Erfurt zu eingeschlagen werden, allein dieser erschien bald nicht sicher genug, man mußte Richtwege verfolgen, um in möglichster Zeitkürze den Harz zu erreichen. Im Gebirgslande war eher auf bergende Orte zu hoffen, als im flachen, das der siegreiche Feind schon allwärts zu überbreiten begann. Der kleine Zug mit dem Kranken und seiner Umgebung gewann fast von Ort zu Ort neue Träger, und wandte sich, die Höhenzüge der Finne und der Schmücke zur Rechten, dem Engpasse bei der Sachsenburg zu. So sehr er eilte, das Gerücht lief ihm doch voran, daß ein schwer verwundeter Officier fürstlichen Ranges durch das Land getragen werde, und daß die Träger hohen Lohn erhielten, daher geschah es, daß allerlei Männer, denen nach diesem Lohne gelüstete, sich aus den Nachbarorten des eingeschlagenen Weges herbeidrängte., sich zu Trägern anboten und als solche meist willkommen waren.

Doppelt willkommen war ein solcher, schon ältlicher Mann von untersetzter Gestalt und verwüstetem Gesicht, der sich in braunschweigischer Volksmundart in der erwähnten Gegend zum Träger nicht nur, sondern zum Führer auf den einsamsten, sichersten Gebirgspfaden des Harzes anbot.

»Ik kenne man alle Holtwege un Stege up de ganze Hart. Ik ben en oles brunswiker Landskind, un ik hoawe gehört, daß unse ole Dorchlaucht, de Hertog Carl, su schwer blessirt is worn; sou bidde ik mik de Gnade ut, de Wege to wisen un de Dorchlaucht mit to tragen.«

Sah auch der Bittsteller nicht Vertrauen einflößend und reputirlich aus, und verrieth auch sein Anzug wie sein Geruch den Herabkömmling in die niedrigste Volkssphäre – sein Erbieten war dankenswerth; niemand konnte sich jetzt nützlicher erweisen, als ein treuer, zuverlässiger, und vor allem wegekundiger Führer, denn in jener Zeit waren auch die kleineren deutschen Binnengebirge nicht so von guterhaltenen einladenden Kunststraßen, wie in der Jetztzeit, durchzogen; vielmehr fand das Gegentheil statt, es war die größte Kunst, auf den abschreckenden Straßen fortzukommen, welche durch die Gebirge führten.

Die Begleitung des Herzogs nahm den Mann auf die Strecke von Heldrungen bis Blankenburg zum Führer an. Man hatte den Plan, den Harz zur linken liegen zu lassen, das Gebirge zu umgehen; von Alstedt über Sangerhausen, Harzgerode und Gernrode den Weg einzuschlagen, aber der neue Führer widerrieth dieß und berichtete, daß er am gestrigen Tage mit vielen anderen Leuten am Kaiser Friedrich auf dem Kiphäuser gestanden und gesehen habe, wie zahlreiche Abtheilungen französischer Truppen sich in der Gegend zwischen Mansfeld und Sangerhausen verbreitet hätten; wolle man ihnen nicht in die Hände fallen, so sei in möglichster Eile die goldene Aue zu durchschneiden, der Thalgrund nach Stolberg zu gewinnen, und dann, gedeckt vom Gebirge und unabsehbaren Forsten, mitten durch den Harz, doch auf nicht allzu beschwerlichen Pfaden über Hasselfelde Blankenburg zu erreichen.

Man sahe das überdachte dieses Vorschlages ein, und führte ihn aus. –

In Braunschweig verkündeten Eilboten das Unglück, das den Herzog, und dadurch Stadt und Land betroffen hatte, und beriefen die Leibärzte des Regenten Heyer und Spangenberg nach Blankenburg. Diese fuhren den gebahntesten und geradesten Weg über Neustadt unter Harzburg, denn die Wege von Hornburg über Osterwik und Derenberg waren durch die Regengüsse der letzten Tage völlig unfahrbar geworden.

Beim Pferdewechsel in Neustadt traf der Förster des Ortes die beiden, ihm durch seine frühere dienstliche Stellung wohlbekannten Doktoren und erfuhr durch dieselben, was sich begeben. Von Schreck und Betrübniß erfüllt, eilte der Förster nach seiner Wohnung, theilte der Hausfrau die schmerzliche Nachricht mit und gebot dem Diener, auf der Stelle den Rappen zu satteln.

»Ich muß hinüber zu meinem guten alten Herrn, liebe Sophie!« sprach Gottfried mit Thränen im Blicke. »Das ist für uns ein unermeßliches Unglück, wenn wir den Herrn verlieren sollten. Vielleicht kann ich ihm einen Dienst leisten – mich kennt er, mir vertraut er – keine Minute hält es mich!« –

Noch vor Ilsenburg holte der reitende Förster den Wagen der Aerzte ein, und noch vor ihnen kam er in Blankenburg an, bereitete den überraschten Castellan auf die nächst bevorstehende Ankunft des Herzogs vor und half ihm alle nöthigen Anstalten zu dessen Aufnahme treffen. In doppelter Weise lagerte sich Angst und Besorgniß auf alle Mienen der Bewohner des sonst so friedlichen Harzstädtchens. Eine Nachricht jagte die andere; der Herzog sei tod, Prinz Wilhelm Ferdinand sei gefangen, der siegreiche Feind sei im Anmarsch, um aus Rache, daß die Fürsten Braunschweigs gegen ihn gefochten, das braunschweiger Land mit Feuer und Schwert zu verwüsten. Schon wollte man zwischen Quedlinburg und Halberstadt französische Colonnen sich ausbreiten gesehen, schon in der Richtung nach Bernburg zu – Kanonendonner gehört haben.

Jener Führer löste getreulich sein gegebenes Wort; er ging voran, half stellenweise tragen, eilte voraus, warb an geeigneten Orten neue Träger zur Ablösung der ermüdeten, horchte, forschte, fragte nach Nachrichten über Annäherung der Franzosen, fragte aber vergebens, denn in diesen friedlichen Thal- und Waldgründen, auf diesen einsamen Gebirgshöhen herrschte noch tiefe Ruhe, mit ihr aber auch zugleich schauriges, herbstliches Schweigen, das an Grabesstille mahnen konnte. Hier neigte sich die Natur, hier ein Heldenleben dem Schlummer zu.

Der Fluchtweg ging durch die Stolberger Thalengen, dann am Dorfe Breitenberg vorüber, am Lorbeerberge hinan. Am Lorbeerberge! Wie grausam höhnte das Schicksal! Am Lorbeerberge ruhte der geschlagene, schwer verwundete, unglückliche Held so vieler rühmlich erkämpfter Schlachten und Siege jetzt – aller Lorbeeren bar. Auf ihn häufte man alle Schmach, ihm allein schrieben viele das ganze Unglück der Schlacht von Auerstädt zu – Fürst von Hohenlohe, der bei Jena geschlagen wurde, ward kaum genannt; wie so manches schon in der Vorbereitung zu dieser Schlacht zu spät gewesen, so kam auch jetzt jede Rechtfertigung leider zu spät. Ueber Friedrichshöhe, an der Schanze vorüber, nach dem Flecken Stiege hinab, wo frische Träger gewonnen wurden, ging der Marsch, der nun dem Thale des Hasselbaches nach Hasselfelde folgte. Von da zog der Gebirgspfad sich wieder zum Mittelberg ziemlich steil hinan, senkte sich dann an der Leite des Kahlberges tief hinab zum Thale der durch felsige Schluchten mäandrisch sich schlängelnden Bode, die bei den vereinzelten Gebäuden des Gehöftes Wendefurt überschritten wurde. Dann ging es steil aufwärts und hernach wurde über einen langgestreckten Bergeskamm wandernd, unmittelbar die nächste Umgebung des Schlosses Blankenburg erreicht.

Dort empfingen den sich still und ruhig verhaltenden Herzog seine Aerzte, dort kniete sein treuer Leonhard an der Tragbahre und half ihn sanft auf das für den Herrn bereitete Lager betten, dort erfüllte das Wehklagen der Dienerschaft das ganze Schloß und mehrte die Bestürzung der Bürgerschaft des Städtchens, die nun um so mehr feindlichen Ueberfall fürchtete, und einzupacken begann.

Der Herzog hatte die thätig mit anordnende Stimme seines vormaligen Leibdieners vernommen, und nannte dessen Namen. Auf das schmerzlichste bewegt, drückte und küßte Gottfried die Hände seines Herzogs und Herrn.

»Ach Leonhard! Du bist bei mir!« seufzte der Herzog. »Sieh, ich bin nun ein armer blinder Mann! – Blind – blind – wie meine beiden älteren Söhne!«

»»O Gott! Euer Durchlaucht! Daß ich das erleben mußt Ich will Euer Durchlaucht Führer sein, ich will Sie sanft leiten! Nehmen Sie mich wieder zum Leibdiener an!««

»Nein, guter Leonhard!« erwiederte leise der Herzog. »Ich werde nicht lange mehr eines Führers und Dieners bedürfen – aber Leonhard – Du kannst mir doch einen Dienst leisten. Wo ist mein Sohn? Herzog Friedrich Wilhelm? Frage nach ihm, erkunde ihn, sage ihm, er solle eilend zu mir nach Braunschweig kommen, wir haben noch Wichtiges mit einander zu reden, wenn Gott nicht will, daß ich sterbe, ohne ihn zuvor gesegnet zu haben.« –

»Wir haben die Schlacht verloren! O Gott, welche Schande! Welche Schande! Also – Leonhard, schaff mir den Herzog, und ist das nicht möglich – so bringe mir Nachricht von ihm.« –

Während bei der Ankunft des Herzogs alles um seine hohe Person ausschließlich bemüht war, kümmerte sich niemand um den zerlumpten Gesellen, der der Begleitung des Herzogs als nützlicher Führer und Wegweiser gedient hatte – dieser hatte sich seitwärts gestellt, zechte aus einer Branntweinflasche und aß von einem Stück Schwarzbrot – seine stechenden Blicke aber wichen nicht von Gottfried, bis dieser den Herzog in das Schloß tragen half, und die inneren Thüren sich vor dem Zudrang Neugieriger schlossen.

»Treffe ich Dich hier wieder, Männchen!« murmelte der Mann. »Läuft mir wieder einmal der Hase übern Weg? Na warte, dasmal sollst Du mir nicht entgehen – aber zum Donner – noch immer hab' ich kein Gewehr!« –

»Doch, das schadet nichts – ein Messer thät' es auch! Aber nur harren und lauern, bis es Zeit ist, Seine Gestrengen abzuthun. Jetzt erst anhalten und betteln um ein Dienstchen für meinen gestrigen und heutigen Dienst – dann meine Zeit ersehen, und die große Bruchrechnung zum längst gehofften Facit bringen! Hab Acht Männchen! – Mit Deinem Blute schreib' ich Dir darunter: zu Dank vergnügt und im Nobiskruge sehen wir uns wieder!«

Herzog Friedrich Wilhelm war vor der Schlacht bei Jena mit dem Heere Herzog Carl Augusts durch den Thüringer Wald auf den Befehl des Oberfeldherrn gegen den Feind vorgerückt, eine Maaßregel, die nichts bewirkte, als daß durch ihre Ausführung das um Jena sich sammelnde preußische Heer getrennt und geschwächt wurde, und tüchtige Streitkräfte sich entzogen. Den Herzog von Weimar rief der König von Preußen vom Kriegsschauplatze ab – dem Herzoge von Braunschweig-Oels blieb nichts übrig, als die Flucht, wenn er dem Loose französischer Kriegsgefangenschaft entgehen wollte, das den Feldmarschall Möllendorf und den Prinzen von Oranien betroffen hatte, während sich von Weimar und Erfurt her ganze Heeresmassen Fliehender und Verfolgender nach der goldenen Aue zu wälzten, und bald auch die Gegenden jenseits des Harzes von Truppen wimmelten.

Der Förster von Neustadt sah ein, daß bei der Lage der Dinge keine Minute Zeit zu verlieren war, er gelobte dem Herzoge, alles aufzubieten, selbst mit Gefahr seines Lebens den Herzog Friedrich Wilhelm zu suchen, zu geleiten.

Das war kein leichtes Werk. Wo einen Flüchtigen finden? jetzt, da die äußerste Gefahr so nahe heranrückte, daß bereits Blankenburg dem verwundeten Herzoge kein Asyl mehr bot? Er mußte mit seiner Begleitung aufbrechen – aufs neue drängte sich jener Mann, obschon man nun eines Führers nicht mehr bedurfte, unter die Schaar der Träger, deutete die stillsten, einsamsten Feldwege an, und trug in der That dazu bei, daß der Herzog auf einer Tragbahre in möglichst kurzer Zeit seine ihm schmerzvoll entgegen klagende Residenz erreichte.

Der Förster von Neustadt unter Harzburg bestieg seinen treuen Rappen und ritt stracks über Kettenstädt und Tinemanrode nach Thale. Wohlbekannt mit allen Förstern, Jägern und Waldleuten des ganzen Harzes, besonders aber in den ihm nachbarlichen blankenburgischen Forstgebieten, fragte er überall sorglich nach, gab Aufträge, gewann dem Laufe der Bode entgegen auf oft lebensgefährlichen Klippenpfaden für Mann und Roß durch wilde Felsenschluchten die Strecke, welche vorzugsweise die Engen Wege heißt, und dann das Oertchen Treseburg, mitten in einem Knotenpunkte dreier Harzthäler, von wo aus er nach kurzer Rast in der Blankschmiede wieder aufwärts dem kurzen Laufe der Lupbode entgegen ritt, die sich dort in den Kessel der großen Bode stürzt. Nach einer halben Stunde war eine freie, gegen Osten vorspringende Höhe erreicht, an deren Fuße Güntersberge liegt, und von welcher weiter Fernblick auf zahlreiche Berge und in viele Thäler vergönnt war. Dort zur linken ragten hoch die Felsen der Teufelsmühle über dem Uhlenkopf, tiefer zeigten sich die geringen Trümmerreste der Erichsburg, zwischen ihr und dem Uhlenkopfe war auch eine weite Strecke ein gebahnter Grenzweg von Harzgerode nach Gernrode zu erblicken; drüben zur rechten zog sich der Weg von Stolberg herab. Weit aufwärts vermochte der Blick dem Laufe der Selke zu folgen.

Es war gegen Abend am 15. October 1806.

Der Förster blickte scharf von seinem einen großen Theil des Harzgebirges beherrschenden Standpunkte nach allen Richtungen, da sah er auf einem Fußwege, der von Harzgerode herüber von einer mäßigen Höhe des linken Selkethales sich nieder zog, um eine Waldecke ein Piket französischer Uhlanen reiten, und plötzlich kamen ebenfalls zur linken um Güntersberge her zwei, wie es schien, versprengte Reiter in Soldatenmänteln, welche vor jenen nur einen Vorsprung von einer kleinen halben Stunde hatten, und jetzt den Weg nach dem Stolbergischen Vorwerke und Forsthaus Bernerode einschlugen, der über eine grüne Wiesenmatte hinlief. Kaum hatten die Uhlanen die Thalsohle erreicht, als sie ihren Pferden die Sporen gaben, und windschnell auf Güntersberge zuflogen. Da scholl droben von der Höhe hell und grell aus einem Histhorn ein braunschweigischer Jagdruf, ein Signal für Jäger, sich an dem Orte zu sammeln, wo dieser Ruf ertönte. Der vorderste jener Reiter kannte den Ruf, blickte zur Höhe, und sah dort einen Mann im Jägerkleide, der lebhaft Zeichen gab, sich nach ihm zu zuwenden, was ein sich sanft bergan ziehendes Stück Waldwiese ganz leicht machte. Hinter Güntersberge schallte schon näher und immer näher der Galloppschlag der Rosseshufe – und jene beiden Reiter bogen rasch um den waldigen Vorsprung, ritten das Gründchen hinan, und waren im Nu ihren Verfolgern aus den Augen, die den Weg nach Bärenroda unablässig verfolgten.

Der Förster Leonhard ritt den kommenden entgegen, seine Ahnung hatte ihn nicht getäuscht, er wußte, daß Herzog Friedrich Wilhelm, wenn er wirklich floh, die ihm wohlbekannten Richtwege einschlagen werde, hatte aber auch indeß Pistolen und Jagdbüchse in Stand gesetzt, nöthigenfalles, wenn jene Uhlanen nachkämen, sie nicht unvorbereitet zu empfangen.

Als der Herzog den einzelnen Jäger in dienstlichem Festschmucke gewahrte, rief er Gottfried verwundert an: »Wer jagt hier? Wer wagt in dieser Zeit Jagden zu halten, wo wir selbst gehetzt werden?«

»»Euer Durchlaucht, gnädigster Herzog! Willkommen aus braunschweigischem Grund und Boden!«« antwortete der Förster ruhig und fest. »Niemand wagt zu jagen. Der gnädigste regierende Herzog sandte mich mit dem Befehle, Höchstdieselben zu geleiten. Höchst Sie möchten so bald als möglich nach Braunschweig kommen. Es steht leider nicht gut um das Befinden des Herzogs.«

»»Weiß, weißt leider!«« entgegnete Friedrich Wilhelm.

Von Bärenroda heraus erklangen Reitersignale; andere aus dem Selkethale erwiederten – die sinkende Sonne fiel noch auf blitzende Waffen.

»Fort! fort! Wir werden umritten!« rief der Herzog dem ihn begleitenden Adjutanten zu. »Hier muß nach Stiege nicht mehr weit sein. Eilen wir! Von Hasselfelde aus reiten wir über Tanne nach Braunlage, dann ist der Weg nach Neustadt nicht zu fehlen.«

»»Nicht nach Stiege hinunter, gnädigster Herzog!«« warf der Förster ein: – »nicht nach Hasselfelde. Dorthin gelangen die Lanciers früher als wir! Wir müssen uns am Wolfsthalkopfe hinschlagen, auf der Höhe bleiben, und über den Lerchenberg hinunter, dann über den Hoppelberg geradenwegs nach Lange, dort können Eure Durchlaucht ganz sicher im Forsthause übernachten, und in diesen Gebirgswinkel dringt kein Franzose. Kämen aber ein Paar, so giebts dort beim Förster Leute und Gewehre genug, den Hallunken Respekt zu lehren. Aus der dortigen Stuterei nehmen morgen früh Eure Durchlaucht frische Pferde; ich biete noch in der Nacht die Hüttenmannschaft von Lange bis Elend durchs ganze Bodethal auf. Jede Hütte wird zum Bivuake, sie sollen nur kommen, über die Bode hinüber kommt keiner.«

»»Höre Mann, wer Du auch bist, Du scheinst gut braunschweigisch gesinnt zu sein. Wir wollen Deinem Rathe folgen. Anderthalb Stunden wird es ja noch leidlich hell bleiben, und werden unsere armen Thiere noch aushalten.««

Die Reiter ritten auf weichen Moos- und Rasenpfaden, fern hinter ihnen erstarben die Trompetensignale der Feinde, die ihr mühen erfolglos sahen.

Der Förster war der trefflichste Geleitsmann; wie gut kamen ihm jetzt seine Streifereien durch das Harzgebirge zu Statten.

»Du bist uns zu guter Stunde gekommen! Ein Engel gab unsers Herrn Vaters Liebden ein, Dich uns entgegen zu senden. Wer bist Du! Bist Du der Förster von Lange?« sagte und fragte nach einer Weile der Herzog.

Höher klopfte Gottfrieds Herz; er wußte, daß Friedrich Wilhelm ihm heftig zürnte, er suchte die Antwort zu umgehen.

»Eure Durchlaucht halten zu Gnaden!« erwiederte er: »der Förster von Lange bin ich nicht, aber ein Freund von ihm, ein guter Bekannter; unsere Forsteien liegen ziemlich –«

»Zum Donner! Wer Du bist, will ich ohne Umschweife wissen!« unterbrach der heftige, und ohnehin durch alles in diesen Tagen und durch den Eiltritt höchst aufgeregte Herzog.

Jetzt dachte Gottfried lebhaft an das Schwert des Damokles, doch behielt er Fassung, und antwortete. »Ich war Scharfschütz unter den braunschweigischen Jägern, war mit in Frankreich, dann des gnädigst regierenden Herrn Leibjäger; ich bin Leonhard, Förster zu Neustadt unter der Harzburg, Eurer Durchlaucht zu dienen! –«

»»Du?«« rief der Herzog verwundert, und maaß Gottfried mit einem flammenden Blicke. »Ei, da sind wir ja alte Bekannte – Siehe da! Eurer Durchlaucht zu dienen!« spottete der Herzog nach.

»Du hast mir schon einmal sehr schön gedient! Zum Teufel auch – mein armer von Crolwitz. Danke Gott, daß Du mir damals nicht vor Augen und vor die Klinge kamst! Ich war wüthend über Dich – heute ist's ein anderes, heute dienst Du Seiner Durchlaucht besser. – Genug davon.«

Wieder ein Stein vom Herzen, und die Freude einer wackern That, die nach Wunsch gelungen, im Gemüthe.

Ohne Störung konnten sich der todmüde Herzog und Olfermann, sein Adjutant und Fluchtgefährte, der nöthigen Nachtruhe überlassen. In diese tiefen Schlüfte und Gründe des Harzgebirges drang noch zur Zeit kein Feind, dennoch galt es Eile, und rasch setzte sich am andern Morgen in der Frühe der Fluchtritt über Elbingerode nach Wernigerode fort; dorthin war schon die Kunde gedrungen, daß die Franzosen sich Blankenburg nähern, und viele Regimenter über Halberstadt gerade auf Wolfenbüttel und Braunschweig zu marschieren sollten. Da ging es im Eilfluge über Veckenstätt nach Osterwick, nach Wolfenbüttel, nach der Residenz.

Tief schmerzlich, erschütternd, war das Wiederbegegnen von Vater und Sohn im grauen Hause zu Braunschweig; ein Wiedersehen konnte man es ja nur von des Sohnes Seite nennen. Doch war es wichtig und folgenschwer für das braunschweiger Land. Der Vater nutzte die Zeit dieses kurzen Beisammenseins mitten unter der Folter seiner Schmerzen, den Ministerrath zu versammeln, und bestimmte den Sohn zu seinem Nachfolger in der Landesregierung, da am 20. September dieses unglückvollen Jahres der Erbprinz gestorben war, und die beiden nachfolgenden Prinzen sich unfähig zur Regierung zeigten, auch bereits auf dieselbe verzichtet hatten.

Herzog Friedrich Wilhelm von Braunschweig-Oels schied mit Schmerz von dem kranken Vater, und stieß wieder zum preußischen Heere. Der alte schwer kranke Herr hoffte, und alle die Seinen hofften es mit, der Sieger werde großmüthig sein. Der Herzog ließ ein Schreiben an Napoleon entwerfen, darin er seine Unterthanen und sein Land dem Edelmuthe des Kaisers dringend und mit ergreifenden Worten anempfahl. Die Antwort war die Besitznahme des Herzogthums durch französische Truppen, und der kranke Herzog mußte, wenn er nicht noch in seinen alten Tagen Kriegsgefangener werden wollte – seine Residenz, seine treuen Diener, sein Land verlassen – um dasselbe nie wieder zu betreten. –

Kurze Zeit darauf gab es kein Herzogthum Braunschweig-Wolfenbüttel mehr. Die Lande waren zu dem extemporirten Königreiche Westphalen geschlagen, und verfluchten ihren aufgedrungenen wälschen Tyrannen. Doch gab es auch der feilen Seelen genug, die schmeichlerisch den Thron des neuen Gewalthabers umkrochen.

 


 

Das Weh der Zeit berührte vorerst den Professor in Helmstädt nur wenig unmittelbar; mittelbar aber traf es ihn hinlänglich und zwar durch die allgemeine Verstimmung, die sich wie ein Alp über alles deutsche Land lagerte. Der Verkehr stockte, die Hochschulen entvölkerten sich; Jerome preßte ein westphälisches Heer zusammen; der alte Diener Gottfried wurde schwach und unbrauchbar, seine treue Ehehälfte starb, seine Kinder zerstreuten sich. Alles geistige Leben wurde farblos, öde, die edle und heitere Geselligkeit schwand mehr und mehr. Jeder hatte mit sich zu thun, stille Kämpfe zu bestehen, heimliche Schmerzen durchzufühlen, und wenn es glückte, zu überwinden. Dem edlen deutschen Welfenstamme, dessen Häupter, Vater und Sohn, es von je erkannt hatten, was Deutschland von Frankreich zu hoffen habe, was Bündnisse mit Frankreich frommten, welche Basiliskeneier schon von der Zeit des deutschen Krieges bald nach der Reformation an bis zur Jetztzeit aus Frankreichs und seiner Beherrscher großer Gaukeltasche zu Deutschlands Verderben hervorgelangt wurden, drohte das Aeußerste.

Herzog Friedrich Wilhelm wurde nach der Schlacht in den Straßen Lübecks am 6. November 1806 sammt Blücher, 10 Generalen, 518 Officieren und 9500 Soldaten Kriegsgefangener – und am 10. November erlöste der Tod den Herzog Carl Wilhelm Ferdinand in Ottensen von seinen geistigen und körperlichen Schmerzen. Herzog Friedrich Wilhelm, bald nach seiner Gefangennehmung ausgewechselt, eilte nach Ottensen und sah den Vater – nur als Leiche wieder. – Als ein Fürst ohne Land, der nun Deutschland den Rücken kehren mußte, schwur er Frankreich Haß und Rache mit furchtbaren Eiden, und er hat sie gehalten bis zu seinem Heldentode, mit dem er den Sieg von Waterloo besiegelte. –

 


 

In friedlicher Thätigkeit seines Lehrerberufes verlebte der Lehrer Christian zu Helmstädt seine Tage, las und studierte fortdauernd fleißig die Alten; zeichnete und erfrischte seinen lebendigen Geist an der ewigen Kunst, welche die Seele läutert. Auch der Dichtkunst blieb er nicht fern; die Liebe lehrte ihn ihre Schwingen zu prüfen, nachdem er eine seiner würdige Jungfrau gefunden, die er zu seiner Lebensgefährtin erkor.

Christians Lieblingsschriftsteller unter den älteren Classikern war und blieb Apulejus, in dessen reizende Mythe von Amor und Psyche er sich mit sinnigem Geiste vertiefte.

Eines Tages erhielt der Förster zu Neustadt einen Brief des Freundes im Auftrage des Professors, der ihn nach Helmstädt berief. Mit eigenthümlichen Gefühlen und mit bewegtem Gemüthe theilte er den Inhalt seiner treuen Hausfrau mit.

»Ich soll wieder nach Helmstädt hinüber, Sophie, wieder zu einer Beerdigung – mein Vater, der alte Leonhard – ist nun auch gestorben – der Herr Pathe aber scheint frisch und gesund zu sein, er erreicht Methusalems Alter.«

»»Dieser Verlust wird dem alten Herrn doch empfindlich sein – er hat ja nun niemand mehr, der ihn wartet und ihm dient,«« äußerte Sophie.

»Oh, er wird sich schon Diener zu verschaffen wissen!« gab Gottfried zur Antwort, und traf dann Anstalten, sich reisefertig zu machen. Als die stille Beerdigung des treuen Dienergreises besorgt war, dessen Sarge der Förster Leonhard als Sohn folgte, und die von gemietheten Personen beschickt wurde – wobei der Professor sich überhaupt nicht sehen ließ, trat der Förster noch einmal in das von jenen Personen indeß verlassene, scheinbar ausgestorbene, schier schauerliche Haus, um den Kindern des Alten ihr kleines Erbe zu sichern und den geringen Nachlaß, der bereits unter Siegel gelegt war, zu überblicken. Die Thüre öffnete sich ihm, aber er fand niemanden im Flur, und alle Thüren verschlossen. Schon wollte er unmuthig das Haus wieder verlassen, als sich jene Thüre, die in den Garten führte, leise aufthat, und in ihr eine hohe, in schwarze Gewande gehüllte Gestalt mit ernstem marmorweißen Anlitze erschien.

Gottfried starrte überrascht und verwundert nach ihr hin, dann rief er laut, daß es dröhnend im gewölbten Raume der Flur wiederhallte: »Bianca!«

 


 

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