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Die geheimen Mächte der Hypnose und der Suggestion

Evans Gordon: Die geheimen Mächte der Hypnose und der Suggestion - Kapitel 7
Quellenangabe
authorEvans Gordon
titleDie geheimen Mächte der Hypnose und der Suggestion
publisherRudolph'sche Verlagsbuchhandlung
printrun14. bis 21.(176. bis 215. Tausend)
editorErwin Le Mang
year1923
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20170218
projectid3c1cc026
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4. Kapitel.
Begriff und Wesen der Hypnose und des hypnotischen Schlafes.

Hypnose ist ein von dem praktischen Arzt James Braid, Manchester, im Jahre 1843 eingeführter Ausdruck (ὑπνωτικός »einschläfernd« und auch »schläfrig«) zur Bezeichnung einer Gruppe von künstlich erzielbaren, dem Schlaf verwandten Zuständen mit Veränderungen der Funktionen des Gehirns, welche zwar eine große Mannigfaltigkeit der Erscheinungen darbieten, in dem einen Punkte aber darin übereinstimmen, daß sie nach einer anhaltenden, gleichförmigen, nicht ungewöhnlich starken und nicht aufregenden Reizung von Sinnesorganen eintreten, wenn die Aufmerksamkeit nicht abgelenkt ist und eine gewisse willige Stimmung, Willfährigkeit und Nachgiebigkeit, d. h. Suggerierbarkeit (Beeinflußbarkeit, Bestimmbarkeit, Willensschwäche oder Unterwürfigkeit mit Vertrauen zum Hypnotiseur und Leichtgläubigkeit verbunden) durch Einreden oder sonstige Mittel herbeigeführt worden ist oder natürlicherweise schon vorherrscht. ( Binswanger).

So kann man den Begriff Hypnose von der physiologischen Seite her erklären. Prof. Dr. A. A. Friedländer unterscheidet sehr richtig in seinem sich ebenso durch Begriffsklarheit, Ideenreichtum wie durch ausdrucksstarke Sprachknappheit auszeichnenden Werke »Die Hypnose und die Hypno-Narkose« (1920): Die Hypnose ist ein Vorgang und ein Zustand. Als Vorgang: Die Hypnose in ihrer reinen, nur ärztlichen Zwecken dienenden Form anwenden bedeutet: Mit Hilfe von Eingebungen eine Einengung des Bewußtseins herbeiführen, in der Absicht, dieses eingeengte Bewußtsein für bestimmte (heilende oder – im allgemeinen – günstig beeinflussende) Vorstellungen empfänglich zu machen. Als Zustand: In Hypnose sein bedeutet: Sich in einem auf suggestivem Wege herbeigeführten Schlafzustand befinden, in welchem man für die eingegebenen Vorstellungen empfänglich ist. Prof. A. Verworn hingegen sagt kurz und bündig (im 5. Bande des Handwörterbuchs der Naturwissenschaften 1914): Mit Hypnose wird ... in wenig glücklicher Weise ein Zustand bezeichnet, der mit dem Schlaf (ὓπνος) nicht das geringste zu tun hat. Bei der Hypnose handelt es sich vielmehr um einen Wachzustand, der durch manche Besonderheiten sich vom normalen Wachzustande in gewissem Grade unterscheidet, im übrigen aber genau wie dieser der physiologischen und psychologischen Analyse zugänglich ist.« Joire meint: »Die Hypnose ist ein physiologischer Zustand des Nervensystems, physiologisch charakterisiert durch Herabsetzung oder Aufhebung gewisser Fähigkeiten, durch Steigerung anderer und endlich durch das Auftreten oder die Entwicklung neuer oder unter anderen Umständen nicht bemerkter Fähigkeiten.« In dem » Lexikon des gesamten Sexuallebens« von Dr. med. Ernst Burchard nimmt der Arzt kurz unter zwei Stichworten Stellung zu der Bedeutung von Suggestion und Hypnose für die ärztliche Behandlung. Es wird da gesagt: » Suggestion ist die psychische Behandlungsmethode, die darauf ausgeht, die Psyche des Patienten – ohne, wie in der Hypnose, das Bewußtsein auszuschalten – dem Einfluß des Arztes zu unterwerfen.« Und weiter: » Hypnose« ist ein künstlich erzeugter Schlafzustand von größerer oder geringerer Tiefe, in dem der Wille von äußeren und inneren Einflüssen möglichst befreit, lediglich dem Einflusse des Arztes unterworfen ist.« Wir sehen aus dieser Gegenüberstellung, daß Hypnose als Schlafzustand in Gegensatz gebracht wird gegenüber Suggestion als Nichtschlafzustand. Ja, von der letzteren wird sogar behauptet, daß bei ihr im Suggestionierten das Bewußtsein nicht ausgeschaltet sei. Gedenken wir jedoch des im Kapitel »Suggestion« gegebenen tatsächlich durchgeführten Beispiels und überhaupt der Tatsache der sogenannten Wachsuggestion, so finden wir daran so recht unsere Meinung von den sehr schwankenden Vorstellungen bestätigt, die in den Kreisen der Wissenschaft über die Begriffe Hypnose und Suggestion herrschen. Erinnern wir uns aber des schon zitierten Ausspruches von Forel, »daß der verschwommene Begriff des Hypnotismus (Forel meint freilich: der hypnotischen Erscheinungen, der Hypnose) in dem Begriff der Suggestion aufzugehen hat,« so erkennen wir, daß im weiteren Sinne Suggestion und Hypnose identische, gleichartige Begriffe sind, und daß im engeren Sinne Hypnose höchstens als eine Steigerung des Begriffes, des Zustandes der Suggestion aufgefaßt werden kann. Zu dieser Begriffsbestimmung paßt es durchaus, wenn Charles Baudouin in seinem Werke »Suggestion und Autosuggestion«, die Suggestion in ihrer tatsächlichen Auswirkung – als die unterbewußte Verwirklichung einer Idee bezeichnet.

Professor A. Bernheim, bekannt durch seine tiefgründigen Studien auf dem Gebiete des Hypnotismus, möchte überhaupt das Wort Hypnose nicht so eng an das Wort und den Begriff »Schlaf« (Hypnos) angegliedert sehen, wie es die Bedeutung des griechischen Wortes eigentlich bedingt. Denn der Zustand, der durch die verschiedenen Verfahren des Hypnotisierens erzielt werde, sei nicht immer ein Schlaf. »Es ist eine mehr oder minder tiefe Betäubung, Schläfrigkeit, Schlafsucht und nur in einer geringen Zahl von Fällen das, was die Magnetiseure Somnambulismus nennen«. (Husson.) Es gibt Hypnose ohne Schlaf, alle Phänomene der Hypnose können außerhalb des Schlafes bestehen. Und dieser abnorme Zustand, den wir durchaus nicht richtig Schlaf nennen, ist selbst nur ein Phänomen der Suggestion, gleichen Ursprungs wie Katalepsie, Anaesthesie und Halluzinationen. So möchte denn Professor Bernheim am liebsten den Ausdruck Hypnose gänzlich fallen lassen und ihn durch die Bezeichnung suggestiver Zustand ersetzen. Mit Recht sagt er, daß alle sogenannten Prozeduren darauf hinaus laufen, die suggestive Empfänglichkeit zu erweisen oder zu steigern. Und somit kommt Professor Bernheim zu folgender Definition: »Die Hypnose ist ein besonderer psychischer Zustand, der künstlich hervorgerufen werden kann und der die suggestive Empfänglichkeit, d. h. jene Fähigkeit, von einer vom Gehirn angenommenen Vorstellung beeinflußt zu werden und diese in Handlung umzusetzen, weckt oder steigert.« Die hypnotischen Phänomene sind also in Wirklichkeit nur Phänomene der suggestiven Empfänglichkeit.

Wir bezeichneten im Kapitel »Suggestion« den bei Wachsuggestionen erzeugten Zustand als einen schlafähnlichen, obschon dieser Zustand in keiner Weise etwa durch eine Wortsuggestion wie »Schlafen Sie« eingeleitet worden war. Bei hypnotischem Schlaf hingegen wird das Schlafen direkt befohlen, und er kennzeichnet sich auch äußerlich durch ein Herabsinken der Augenlider über den Augapfel, sodaß die Versuchsperson tatsächlich für unsere Auffassung zunächst – ruhig, mit geschlossenen Augen dasitzend oder daliegend – den Eindruck eines Schlafenden erregt. Nebenbei bemerkt kommt es natürlich auch vor, daß bei Wachsuggestionen der Suggestionierte, beeinflußt durch die Ruhe um ihn her, durch die innere Sammlung, vielleicht auch durch eine mit hineinspielende Autosuggestion, in diesen auch äußerlich sich als scheinbaren Schlaf kennzeichnenden Zustand gerät. Aber während ein wirklich tiefer Schlaf schon die Fähigkeit ausschließt, die mit gar nicht besonderem Stimmaufwand gesprochenen Worte zu verstehen, geschweige denn folgerichtig auf den Sachinhalt des Gesprochenen zu reagieren, erweist sich dieser hypnotische Schlaf nicht nur nicht als ein Hindernis für die wirksame Aufnahme der erteilten Suggestionen, sondern vielmehr als eine ausgiebige Förderung der Suggestibilität. Und wie andererseits unser gewöhnlicher normaler Schlaf zweifellos von einem Unterworfensein unter eine fremde oder eigene Hypnose frei ist, so ist dieser künstliche Schlaf untrennbar mit einem hypnotischen Zustande verknüpft, er ist es selbst. Im Schlaf reagieren wir auf Stiche fast immer, sei es durch Aufwachen oder ein halbes Aufschrecken und Abwehren. In der tiefen Hypnose jedoch bleibt jede Reaktion aus. Der künstliche Schlaf während eines hypnotischen Experiments hindert nicht, daß die Versuchsperson sich äußerst lebendig gebärdet. Im natürlichen Schlafe Gesunder kommt dergleichen nicht vor. Nachtwandeln, halluzinatorisches Handeln im Schlafe hat hier natürlich als rein krankhafter Natur auszuscheiden. Nur in einem Falle kann man vielleicht fast von einer Identität des natürlichen und künstlichen Schlafes reden. Wenn nämlich der Hypnotiseur aus therapeutischen Gründen der an Schlaflosigkeit leidenden Patientin befiehlt: »Heute abend schlafen Sie pünktlich 8 Uhr ein, Sie träumen nicht, sondern schlafen tief und fest, morgen früh um 7 Uhr wachen Sie frisch, wie neugestärkt auf!« und wenn diese Suggestion erfolgreich gewesen ist (und in Prof. v. Krafft-Ebings einschlägigen Schriften wird tatsächlich vielfach die Erzielung eines solchen Schlafes, selbst bis zu 22stündiger Dauer, protokollarisch bestätigt), so ist hier doch wohl ein Schlaf getan, der sich nach Art, Dauer und physiologischer wie psychologischer Wirkung – letztere ist das Wesentlichste! – kaum noch mehr von dem natürlichen Schlafe und dessen Wirkungen unterscheidet. Man nehme nun noch an, daß der Arzt zu allem übrigen noch die Suggestion gegeben hätte, die gewiß befolgt worden wäre: »Sie lassen sich durch nichts, auch nicht durch mich selbst, vor Ablauf der festgesetzten Zeit wecken! Sie schlafen genau so, wie Sie nach großen Anstrengungen einen natürlichen tiefen Schlaf tun!« Wenn diese Suggestion gelingt – und daran ist nicht zu zweifeln –, dann haben wir in der Tat das Bild eines anscheinend ganz natürlichen Schlafes vorliegen, obschon er künstlich erzeugt worden war und vielleicht zu den sonstigen Normalschlafleistungen der Versuchsperson in erheblichstem Gegensatze steht. Wenn wir auch anerkennen, daß beim normalen Schlaf eine gewisse Suggestibilität vorhanden sein kann, so bleibt doch der Normalschlaf, den wir gewöhnlich durchmachen, vom hypnotischen Schlaf verschieden.

Der hypnotische Schlafzustand selbst weist verschiedene Stärkegrade auf, die von der Wissenschaft verschieden bewertet und eingeteilt worden sind. So nimmt Liébeault sechs verschiedene Grade an: 1. Betäubung, Schläfrigkeit, Somnolenz (Benommenheit, 2. Berückung, Hypotaxie (Hauptkennzeichen: suggestive Katalepsie = Starrsucht, ein Spannungszustand der Muskeln, die aktiv nicht bewegt werden und passiven Bewegungen wechselnden Widerstand entgegensetzen), 3. automatische Bewegungen und suggestive Kontraktur (eine Steigerung der Katalepsie, insofern die passive Beweglichkeit der Glieder noch mehr vermindert wird), 4. ausschließlicher Rapport mit dem Hypnotiseur, dann 5. – schon im Zustande des ausgesprochenen Somnambulismus Man versteht darunter im engeren Sinne: Umherwandeln im Schlaf, Schlafwandeln oder auch Schlafhandeln; es ist aus den lateinischen Wörtern somnus = Schlaf und ambulare = umhergehen gebildet.fast vollständige Amnesie und 6. völlige Amnesie (Gedächtnisverlust). Die Bezeichnungen der hervorstechendsten Eigenheiten des betreffenden Grades schließen in sich, daß der jeweilige Grad die Wesenheiten der vorhergehenden außerdem mit umfaßt. Bernheim unterscheidet 1. teilweise Suggerierbarkeit, 2. Betäubung, Augenschluß, 3. suggestive Katalepsie, außer bei Herausforderung, 4. suggestive Katalepsie, auch bei Herausforderung, oft automatische Bewegungen, 5. suggestive Kontraktur, 6. automatischer Gehorsam, und nunmehr, schon im Zustande des ausgesprochenen Somnambulismus, 7. Amnesie, keine Halluzination, etwaiges Ausfallen früherer Erscheinungen, 8. intrahypnotische Halluzinationen, 9. posthypnotische Halluzinationen. Forel begnügt sich mit drei Einteilungen; 1. Somnolenz, 2. leichter Schlaf oder Hypotaxie oder Charme, 3. tiefer Schlaf oder Somnambulismus. Andere wieder kommen gar nur mit zwei Unterscheidungen aus, die in der Hauptsache auf eine Trennung in einen ersten und zweiten Grad der Hypnose hinauslaufen. –

So bietet abweichend vom Naturschlafe jeder hypnotische Schlaf bei jeder Versuchsperson einen besonderen Grad dar, je nach der psychischen Persönlichkeit überhaupt und nach der zur Zeit der Hypnose im besondern, sowie je nach der Persönlichkeit des Hypnotiseurs im allgemeinen und nach der Beschaffenheit seines Gehirndynamismus zur Zeit der Hypnose im besonderen. Man kann freilich aus Tausenden von Hypnosen eine Gradeinteilung versuchen, wie wir sie soeben an der Hand der Forschungen der Gelehrten mitgeteilt haben. Aber man muß auch jenem Psychologen beipflichten, der einer solchen Gradeinteilung keinen allzu großen Wert beimißt, weil das gesamte Versuchsmaterial zu einer anderen Zeit und bei einem anderen Hypnotiseur mehr oder weniger verschiedene Arten von Hypnose darzubieten pflegt, die schlecht in das Schema einer vorgefaßten Einteilung einzugliedern sind. Doch jedes Ding hat zwei Seiten und manches sogar mehrere. Und so berechtigt die eben genannten Erwägungen sind, so erscheint andererseits doch auch wieder theoretisch wie praktisch eine Einteilung der Stärke des hypnotischen Schlafes nach bestimmten Abschnitten geboten, so lange man sich nur eben bewußt bleibt, daß ein Schema immer nur das dürftige Skelett darstellt, und daß in der Praxis der Ausbau eines solchen Schemas sich von allein zu ergeben pflegt. So wird gerade der praktische Hypnotiseur aus seiner persönlichen Erfahrung heraus ebenso leicht zu einer Vereinfachung wie zu einer Erweiterung solcher schematischen Grundlagen kommen.

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