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Die geheimen Mächte der Hypnose und der Suggestion

Evans Gordon: Die geheimen Mächte der Hypnose und der Suggestion - Kapitel 5
Quellenangabe
authorEvans Gordon
titleDie geheimen Mächte der Hypnose und der Suggestion
publisherRudolph'sche Verlagsbuchhandlung
printrun14. bis 21.(176. bis 215. Tausend)
editorErwin Le Mang
year1923
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20170218
projectid3c1cc026
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2. Kapitel.
Die Suggestion.

Gewiß ist der Kampf gegen die Fremdwörter ein sehr berechtigter, aber man kann nicht umhin, auch hierbei allerlei Ausnahmen zuzugestehen. Wenn von vornherein statt des Fremdwortes Suggestion seine ungefähre Verdeutschung »Eingebung«, vor allem in der medizinischen Praxis, gebraucht worden wäre, hätte sich wahrscheinlich das deutsche Wort eingebürgert. An ihm würden dann die ganzen Vorstellungen haften, die jetzt mit dem Ausdruck Suggestion verbunden sind. Es erscheint aber untunlich, bereits ins Allgemeinbewußtsein übergegangene Fremdwörter der Sprachreinigung zuliebe auszumerzen, und so bleiben wir nicht nur bei diesem Fremdworte, sondern auch noch bei so manchem anderen, das sich ebenfalls durch den Allgemeingebrauch sein Daseinsrecht erworben hat.

» Suggerierung, Suggestion«, kommt von dem lateinischen Zeitwort suggerere, d. h. unterlegen, unten an etwas hinbringen, darreichen; dann im übertragenen Sinne: an die Hand oder unter den Fuß geben, erinnern, raten. Im Spätlateinischen kennt man davon das Hauptwort suggestio, d. h. Hinzufügung, Anfügung, das-an-die-Hand-geben, Eingebung, Erinnerung, Raten. Das Zeitwort suggerieren kann passivisch nur von der Suggestion, nicht von dem beeinflußten Menschen gebraucht werden. Eine Suggestion wird suggeriert, nicht etwa ein Mensch wird suggeriert. Wollen wir das letztere ausdrücken, so muß man sagen: Jemandem wird (etwas) suggeriert. Allerdings kann man auch das Wort suggestionieren bilden und dann sagen: Ein Mensch, wird suggestioniert. Aber das Wort ist ungewöhnlich, führt auch leicht zu Mißverständnissen und so hilft man sich durch Umschreibungen, gebraucht zum Beispiel den Ausdruck: der oder die Hypnotisierte, ohne damit stets den Grad einer Voll-Hypnose bezeichnen zu wollen. Wir werden uns aber im Verlaufe unserer Ausführungen im gegebenen Falle auch des Wortes suggestionieren bedienen.

Das Hauptwort Suggestion wird in zweierlei Bedeutung gebraucht, bald als Bezeichnung der Tätigkeit – man nimmt eine Suggestion vor – bald als Ausdruck des Ziels, des Erfolges der gleichen Tätigkeit, z. B.: Der Hypnotisierte hat die Suggestion oder in der Alltagssprache: Der Mensch lebt in der Suggestion oder: Er schuf etwas aus der Suggestion heraus, wobei hier das Wort schon fast soviel wie Einbildung, Ueberzeugung bedeutet, mit dem Untertone, daß eben diese Ueberzeugung auf Grund einer zwangsmäßigen Eingebung entstanden ist. So viel über die sprachliche Bedeutung. Klarheit darin zu gewinnen, lehrt zugleich die Begriffe deutlich auseinanderhalten. Weiteres zur Wortbedeutung werden wir gelegentlich bei unseren späteren Erörterungen über Suggestion und Hypnose hören.

Wir haben im ersten Kapitel schon Einiges über die Beeinflussung der Menschen untereinander, aber nur ganz im allgemeinen, gehört.

Suggestiv wirken aber nicht nur Personen, sondern sogar die Dinge auf uns und zwar meist mit einer unwillkürlichen Suggestion. Wir stehen vor einem Laden, sehen eine appetitliche Speise, haben vordem stundenlang weder Hungerfühl gehabt noch etwa gar an diese Speise gedacht. Jetzt auf einmal packt uns ein unbezwingliches Verlangen, das hier im Laden möglichst in diesem Augenblicke zu essen. – Wir betrachten ein Gemälde, ein Gesicht darauf erinnert uns an eine uns äußerst verhaßte Person. Flugs ist uns jedes objektive Urteil über den Wert des Bildes geraubt, von dem verhaßten Anblick suggeriert, können wir das Bild nicht mehr ansehen, wir wenden uns ab. Der lose Knopf am Rocke, der Schorf an einer Wunde, Sandkörnchen auf Schriftstücken, von Streusand herrührend, sie alle laden uns, ohne tieferen logischen Grund und ausreichendes Bedürfnis, immer wieder von Neuem ein, daran herumzudrehen oder zu kratzen. Wir erinnern ferner an den Biß (eines anderen) in eine Zitrone, der uns das Wasser im Munde zusammenlaufen macht, an das Gähnen der Mitreisenden, aus das hin meist auch die anderen Wageninsassen zu gähnen anfangen, an unangenehme Geräusche, Gerüche und Gefühle der verschiedensten Art, die alle so ungeheuer suggestiv wirken. Von der Suggestion aber, der gewaltigsten, die von dem äußeren Menschen, von dessen Teilen aus (Haar, Haut, Wuchs Gang, Kleidung usw.) in überraschender Fülle und Stärke ausgeht, also von dem Zusammenhang zwischen Suggestion und Sexualleben können wir aus Raumgründen hier nicht weiter sprechen. Wir verweisen dieserhalb auf das Werk von M. Rafaeli, Die geheimen Liebesmächte (siehe Anzeige am Schluß dieses Buches), worin dieses Thema ausführlich behandelt wird.

Die Dinge wirken absichtslos auf uns ein, die Menschen aber absichtslos und absichtlich. Wir wollen zunächst, wenn auch in aller Kürze, die persönliche Suggestion im Alltagsleben besprechen, bis wir zu dem ausdrücklich gewollten Suggestionsexperiment kommen.

Denken wir an das zufällige und absichtslose Eintreten eines Kriminalbeamten in ein Bureau, in dem Unregelmäßigkeiten vorgekommen sind. Das bloße Erscheinen genügt, um der Verdächtigen das Blut in die Wangen zu treiben oder sie sonst zu Selbstverratszeichen zu veranlassen. Suggestiv wirkt hier der Beamte, weil sich schon mit dem Anblick seiner Person für die Schuldige allerhand peinliche und furchterregende Vorstellungen von Entdeckung und Strafe verknüpfen. Der Beamte wirkt also weder direkt, etwa durch barsches Auftreten oder durch forschende Worte, noch absichtlich, und dennoch geht von ihm eine starke indirekte unabsichtliche Sachsuggestion aus. Würde er ins Zimmer treten mit den an den Bureauvorsteher gerichteten Worten: »Na, jetzt haben wir den Dieb!«, die er aber auf eine ganz andere Person gemünzt hat, so übte er eine indirekte unabsichtliche Wortsuggestion aus. Dies Beispiel mag hier genügen.

Nehmen wir einen typischen Vorfall aus der Sphäre der Kunst, um die indirekte absichtliche Suggestion zu schildern. Eine Sängerin begehrt bei einer Probe, das Orchester möge die ihr zu hohe Arie einen Ton tiefer spielen. Der Kapellmeister ordnet es auch, aber nur zum Scheine, an; man spielt durchaus in der alten Tonart, aber die Sängerin merkt es nicht, sie war zufriedengestellt und singt genau so gut und so hoch wie vorher. Auch hier eine Suggestion ohne Worte, bloß durch anscheinend veränderte äußere Verhältnisse (nämlich durch angebliches Tieferspielen). Wir haben hier also eine absichtliche (vom Kapellmeister ausgehende) indirekte (das Ziel wird auf Umwegen erreicht) Sachsuggestion (es werden der Sängerin selbst gegenüber keine suggestiven Worte gebraucht, sie wird durch das angebliche Tieferspielen suggestioniert). Um eine indirekte absichtliche Wort suggestion zu verdeutlichen, genüge es auf den Chef eines Bureaus hinzuweisen, der an einem kalten Wintermorgen in das noch schlecht erwärmte Bureau, in dem alle noch mehr oder weniger frieren, unter behaglichem Händereiben mit den Worten tritt: »Ei der Tausend, hier ist es ja schon recht hübsch mollig warm!« Da wird in verschiedenen Bureaubeamten auf dem Umwege einer nur so hingeworfenen Bemerkung (indirekt), aber absichtlich (der Chef wollte die erzielte Wirkung hervorbringen) durch Wortsuggestion die Vorstellung einer größeren als tatsächlich vorhandenen Wärme erzeugt.

Bei der direkten Suggestion – immer noch im allgemeinen Sinne und nicht in dem des Suggestionsexperiments – handelt es sich stets um eine absichtliche, doch können wir auch hier Sach- und Wortsuggestionen unterscheiden. Die Grenzen sind dabei freilich etwas flüssig: Man könnte in manchen Fällen streiten, ob eine direkte oder indirekte Suggestion vorliege und hinter mancher Sachsuggestion stehen eigentlich auch nur unausgesprochene Worte. In einem Theater bricht Feuer aus, aber ein ungefährliches, leicht zu bewältigendes. Der Ruf »Feuer!« würde die verhängnisvollsten Wirkungen haben. Die Schauspieler wissen darum, absichtlich spielen sie unbekümmert weiter, sie erwecken dadurch die Suggestion, die Sache sei nicht gefährlich und das Publikum und die Vorstellung sind gerettet. – In diesem Zusammenhange könnte man auch die eindringliche Pantomime auf der Bühne erwähnen. Fenella, die stumme Heldin der Oper »Die Stumme von Portici« schildert nur mit Gebärden ihre Gefangenschaft und Befreiung aus dem Gefängnis. Ihr Spiel – allerdings von einer die bloß mimisch geschilderten Vorgänge sehr versinnlichenden Musik begleitet – erweckt in uns die direkte absichtliche Sachsuggestion, das angedeutete Drama mit zu erleben. Dies umso mehr, je rührender die Erscheinung der Fenella, je eindringlicher ihr Spiel ist.

Von den direkten absichtlichen Wortsuggestionen könnte man leicht aus jedem menschlichen Wirkungsbereiche genügend viel Beispiele herholen. Denken wir an den Befehl autoritativer Persönlichkeiten, der selbst da Wirkungen zeitigt, wo beim Befehlsempfänger Ungläubigkeit und inneres Widerstreben vorliegt, so z. B. an den Arzt, der dem Patienten energisch zuredet: »Sie werden gar keinen Schmerz empfinden!«, an den Untersuchungsrichter der den Verdächtigten anherrscht: »Gestehen Sie, wir wissen so schon alles!«, auch an die kleine Solopartie des einen Gefangenen in Beethovens »Fidelio«, wo sein ekstatisch herausgesungener Zuruf: »Wir werden frei! Wir finden Ruh!« den Miteingekerkerten den Jubel über die erhoffte Freiheit auf die Lippen zwingt. Denken wir ferner an die fanatischen Beschwörungen der zu den Kreuzzügen aufrufenden Mönche des Mittelalters: »Auf nach Jerusalem! Gott will's!«. Denken wir schließlich (um bei der Überfülle der Beispiele mit der gemeinsten, widerwärtigsten und wohl erst in fernen – ach wie fernen! – Zeiten nicht mehr begriffenen direkten absichtlichen Wortsuggestion zu enden) an die den betörten Volksmassen von ihren sogenannten, hierbei fast stets bewußt schwindelnden Führern seit Jahrtausenden zugeschrieene Wortsuggestion: »Drauf auf den »Feind!« Zu den Waffen! Zum Kriege!« Denn in der Mehrzahl aller Kriege wird hüben wie drüben in der einen Volksmasse eben nur die Suggestion erweckt, die andere Volksmasse sei »der Feind«. In Wahrheit handelt es sich meist um Kabinetskriege, um Austragungen von Interessengegensätzen; einzelne Gruppen und ganze Völker müssen dafür büßen. Hier in diesem letzten Beispiele aus der Geschichte menschlichen Wahnwitzes feiert die direkte absichtliche Wortsuggestion ihre wüstesten Orgien, hier raubt sie dem Menschen all und jede Vernunft, hier erniedrigt sie ihn zum reißenden Tier, zum gemeinen Menschenschlächter. Und hierbei auch empört es besonders jeden wahrhaft sittlich Denkenden, daß die andere große Suggestion, die von dafür bezahlten Leuten ebenfalls dem nur allzu empfänglichen Volke eingegeben wird, nämlich die Suggestion, dieses Menschenschlachten billige auch noch der »himmlische Vater«, trotz des schreienden Widerspruches von der armseligen Menschheit willig angenommen wird. Die später zu beweisende Behauptung, daß fast alle Menschen mehr oder weniger für Eingebungen empfänglich (suggestibel) seien, wird durch diese welt- und kulturgeschichtlichen Tatsachen bereits zur Genüge erhärtet, denn wir alle haben es leider an uns selbst erlebt, daß wir trotz unserer besseren Einsicht der einen oder der anderen dieser mächtigen Suggestionen unterlegen sind. Etwas anderes ist natürlich der ruchlose Überfall eines friedlichen Volkes durch eine fremde Übermacht. Da bedarf es keiner Suggestion, da treten ewige Menschenrechte auf den Plan und eines bedrückten Volkes wahrhafter Befreiungskampf ist eine heilige Sache, bei der Führer und Geführte eines Willens sind.

Wir haben in begrifflicher Auseinandersetzung bisher die Suggestion im allgemeinen behandelt und kommen nun zu dem Begriff Suggestion als Experiment, sei es zu wissenschaftlichen Zwecken, sei es aus ärztlichen Gründen vorgenommen. Und hierbei werden wir so ganz besonders der unsicheren Grenzen inne, die zwischen Suggestion im eben erwähnten Sinne und der vollen Hypnose im hypnotischen Schlafe bestehen. Wir äußerten schon früher einmal, daß einen Menschen suggestionieren so viel bedeutet, wie ihn in einen schlafähnlichen Zustand versetzen. Und man braucht nur einmal einer öffentlichen Vorstellung – so wie sie z. B. schon seit Jahren der bekannte Psychologe Leo Erichsen betreibt – beigewohnt zu haben, um den unauslöschlichen Eindruck davon zu tragen, daß die hypnotisierten Personen, d. h. in diesem Falle Personen, die als Objekte des Suggerierenden sogenannte Wachsuggestionen befehlsmäßig ausführen, gleichsam wie in einem schlafwandlerischen Zustand befangen sind.

Wir meinen also im nachstehenden jene Wachsuggestion genannte Erscheinung, die, ganz volkstümlich ausgedrückt, darin besteht, daß ein bestimmter Mensch – unter Umständen können es auch gleichzeitig mehrere sein – von einem anderen bestimmten Menschen Weisungen erhält, die er schematisch befolgt. An der Hand der später zu erwähnenden Beispiele werden wir sehen, daß weder das Wort »Weisungen«, noch das Wort »befolgen« ausreicht, sondern noch viele Abstufungen dabei in Frage kommen. Aber für das erste möge diese volkstümliche Fassung der Begriffsbestimmung hier genügen.

Die Fachgelehrten haben sich gleichfalls lebhaft gemüht, für die Sache einen möglichst klaren Ausdruck zu finden. Aber schon daß für die gleiche Erscheinung so viele verschiedene Begriffsbeschreibungen möglich sind, beweist, daß es sich um etwas Vieldeutiges, nicht ganz Geklärtes handelt. Hören wir z. B.: »Suggestion ist die Hervorrufung eines Ereignisses durch die Erweckung seines psychischen Bildes.« (Moll.) »Suggestion ist das Eindringen der Vorstellung des betreffenden Phänomens durch das hypnotisierte Gehirn auf dem Wege des Wortes, der Gebärde, des Gefühles oder der Nachahmung.« (Bernheim). »Zur Suggestion gehören drei Dinge: 1. Einführung einer Idee in das Gehirn, 2. Annahme derselben und 3. Verwirklichung derselben, und zwar so, daß auch der Versuch der Realisation von seiten des Individuums schon für den Begriff der Suggestion genügt.« (Intern. Kongreß für physiologische Psychologie zu Paris 1889.) Dr. Hans Schmidkunz, dessen treffliche Monographie »Psychologie der Suggestion« (Stuttgart 1893) auch von neueren Werken nicht überholt ist und die wir unserer Arbeit vielfach mit zugrunde gelegt haben, meint, das Gesetz der Suggestion erhalte wohl am besten folgende Fassung:

Unter gewissen Umständen kann auf eine Seele so eingewirkt werden, daß sich die ihr beigebrachte Vorstellung eines Phänomens in dieses selbst umsetzt, oder: daß sich der Inhalt eines beigebrachten psychischen Phänomens selbst als Phänomen realisiert.

Wenn Professor Dr. August Forel schreibt: »Bei sehr suggestiven Menschen kann man, ohne den hypnotischen Schlaf einzuleiten, in vollem Wachen erfolgreiche Suggestionen anwenden und dabei alle Erscheinungen der Hypnose oder der posthypnotischen Suggestionen hervorrufen«, so deckt sich das durchaus mit unseren Erfahrungen. Gleichzeitig wirft aber dieser Satz ein helles Licht auf die Tatsache, die besonders festgehalten werden muß, daß nämlich hypnotisiert nicht nur derjenige genannt werden kann, der sich im echten hypnotischen Schlaf befindet, sondern auch derjenige, der im Zustande einer Wachsuggestion ist.

Durch welche Besonderheiten zeichnet sich nun also eine Wachsuggestion aus, in welcher Form treten suggestive Zustände auf?

Wir tun am besten, uns kurz einmal eine Wachsuggestion in ihrem tatsächlichen Verlaufe vorzustellen. Aus sprachlichen Gründen werden wir hier schon die Worte Hypnotiseur und Hypnotisierter gebrauchen; es hantiert sich mit ihnen leichter.

Der Hypnotiseur hat also eine geeignete Person herausgefunden, heißt sie, sich gehörig zu sammeln, alle Gedanken an andere Dinge auszuschalten und nur ruhig bestrebt zu sein, den Weisungen zu folgen. (Die Praktiken, die den Suggestionsakt zu unterstützen geeignet sind, die Fragen der Eignung sowohl des Hypnotiseurs wie des zu Hypnotisierenden werden in späteren Abschnitten selbständig erörtert werden.) Nehmen wir nun an, die Versuchsperson sei bereits in jenen Zustand der vollen Suggestibilität versetzt. Jetzt erfolgt die Suggestion:

»Dort steht ein Doppeldecker. Kommen Sie, wir wollen eine Luftfahrt mitmachen. Bitte, steigen Sie ein. So, drei Stufen. Sie sitzen jetzt bequem, vor sich eine Messingstange, die Sie anfassen. Schön, jetzt geht es los! Nicht wahr, wir fliegen rasch? Nur keine Furcht, passieren kann nichts! Aber zur Erwärmung hier ein Schluck Rum. – Jawohl, das schmeckt! Feurig ist der Rum, sagen Sie. Allerdings. Aber wir kommen jetzt auch in höhere Regionen. Zum Kuckuck, jetzt wird es aber tüchtig kalt! Sie haben auch schon ganz eisige Finger! Ich glaube, sie sind nahezu erstarrt! Sie können sie von der Messingstange gar nicht mehr loslösen! – – Aber jetzt geht es wieder abwärts. – Das Flugzeug fährt sehr rasch. Jetzt geht es über eine Fabrikstadt. Aber, was ist denn das, der ganze Ort brennt ja lichterloh!? Nicht wahr, Sie sehen auch die Feuersbrunst? Und wir fliegen grad drüber hin! Zum Teufel, jetzt wird es aber heiß! Sie geraten ja ganz in Schweiß! Ihre Hände sind ganz feucht! – Nun, wir sind über das Flammenmeer hinausgeflogen. – Dort auf der Wiese werden wir landen. Hoffentlich nicht gerade in die Herde Kühe dort mit den vielen Schellen am Halse. Jawohl, Sie hören auch das laute Kuhglockengeläute? – Endlich, jetzt sind wir am Ziel! Wir landen. Bitte, steigen Sie aus, so, drei Stufen abwärts. Unsere Fahrt ist zu Ende.«

Die geschilderte Suggestion, der wir selbst beiwohnten, gelang vorzüglich. (Daß sie übrigens in einer öffentlichen Vorführung hypnotischer Experimente, gegen die wir uns im Grundsatz an einer späteren Stelle unserer Schrift aussprechen, erfolgte, sei hier nur nebenbei erwähnt.) Alle Bewegungen, die zu machen waren, und soweit das Vortragspodium es zuließ, gemacht werden konnten, wurden von dem sehr rasch Hypnotisierten in scheinbar wachem Zustande, mit offenen Augen ausgeführt. Nun wäre ja für die Zuschauenden mit der Darstellung der zweckdienlich erscheinenden Bewegungen seitens des Suggestionierten noch kein Beweis gegeben, daß der letztere tatsächlich in der vom Experimentator gewünschten Einbildung lebe. Die Möglichkeit stände offen, daß die Berufsperson simuliere, das Erleben der angeblichen Vorgänge bloß vortäusche. Demgegenüber aber ist das Eintreten gewisser physiologischer Wirkungen zu beachten, wie es in diesem Falle von kontrollierenden Ärzten bestätigt wurde. Also erfolgte zum Beispiel auf das Verabreichen einer starken Salzwasserlösung an Stelle von Rum nicht die entsprechende Reaktion der Geschmacksnerven, sich in Mundverziehen und Drang zum Wiederausspucken kennzeichnend, sondern die Versuchsperson reagierte durch ihr Mienenspiel und ihre Äußerungen durchaus auf die Suggestion, Rum zu trinken. Besonders charakteristisch aber war das Verhalten bei vorgetäuschtem Emporsteigen in kältere Regionen. Die Hände wurden ebenso starr und eiskalt, wie sie sich nachher feuchtheiß anfühlten, als das Überfliegen der brennenden Stadt suggeriert wurde. Das sind denn doch objektive Erscheinungen, unabhängig vom Suggestionierten, und daher auch voll beweiskräftig, wenn auch wunderbar genug, da ja hier rein seelische Vorstellungen genügen, um organische Veränderungen hervorzubringen, denen sonst gemeinhin äußere physische Ursachen zugrunde zu liegen pflegen.

So hat also im vorliegenden Falle in der Tat gemäß der weiter oben gegebenen Definition eine solche Einwirkung aus eine Seele stattgefunden, daß die ihr beigebrachte bloße Vorstellung eines Phänomens (Phänomen = Erscheinung, Naturvorgang), also hier die Vorstellung von Kälte und Hitze, sich in den Naturvorgang selbst oder doch wenigstens in die einen solchen Naturvorgang begleitende Wirkung, nämlich Kälte- bezw. Hitzewirkung, umsetzte.

In Wahrheit ist also nur die Seele der Versuchsperson dem Befehle des Hypnotiseurs untertan, in ihr erzeugen sich die Vorstellungen und von ihr aus gehen die Wirkungen auf die Nervenbahnen, auf die Sinnesorgane aus. Das Gehirn des Suggestionierten ist der wahre Sitz der Empfindungen und der sich aus deren jeweiligem Zustande ergebenden organischen Veränderungen. So setzt sich die Suggestion im Grunde in eine gewaltige Autosuggestion um und wir müssen diese erst noch genauer kennen lernen, wenn wir später die Vorgänge bei der Hypnose richtig verstehen wollen.

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