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Die geheimen Mächte der Hypnose und der Suggestion

Evans Gordon: Die geheimen Mächte der Hypnose und der Suggestion - Kapitel 10
Quellenangabe
authorEvans Gordon
titleDie geheimen Mächte der Hypnose und der Suggestion
publisherRudolph'sche Verlagsbuchhandlung
printrun14. bis 21.(176. bis 215. Tausend)
editorErwin Le Mang
year1923
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20170218
projectid3c1cc026
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7. Kapitel.
Die Eignung zum Hypnotisieren und zum Hypnotisiertwerden.

Schon bei den allgemeinen Auseinandersetzungen über Suggestion haben wir betont, daß in erster Linie nur der erwarten darf, anderen seinen Willen aufzuzwingen, der wirklich im Besitze eines starken Willens ist und es außerdem versteht, ihn überzeugungsvoll zum Ausdruck zu bringen. Von diesem Gesichtspunkte aus sollte man meinen, daß nur charaktervolle, scharf umrissene Persönlichkeiten fähig wären, andere in einen suggestiblen Zustand oder in hypnotischen Schlaf zu versetzen. Wir haben aber dessen eingedenk zu sein, daß bei der engen seelischen Verknüpfung zwischen dem Hypnotiseur und seiner Versuchsperson noch etwas anderes hinzukommen muß, um die gewünschten Ergebnisse zu zeitigen. Wir können dieses andere Etwas mit dem Ausdruck »Sympathie« bezeichnen. Die geheimen Zusammenhänge zwischen Mensch und Mensch in Bezug auf Sympathie und Antipathie, die unter das Stichwort »Persönlicher Magnetismus« fallen, werden im letzten Kapitel dieses Buches im 3. Experimentiervortrag näher betrachtet werden. Hier wollen wir nur die Sympathie in der Bedeutung des gewöhnlichen Sprachgebrauchs behandeln, wo sie jene Zuneigung ohne bemerkbaren äußeren Grund bedeutet, durch welche zwei Personen wie durch eine Art Instinkt zu einander hingezogen werden oder welche eine Person unabweislich für eine andere empfindet, wobei diese andere nicht einmal diese Empfindung immer zu erwidern braucht. Es ist schon gedanklich und auch praktisch ausgeschlossen, daß eine tiefere seelische Beziehung von einem zum andern eintreten kann, wenn der eine dem anderen oder beide sich gegenseitig geradezu antipathisch sind. Nehmen wir an, ein Hypnotiseur soll auf Wunsch eines Dritten eine bestimmte Persönlichkeit hypnotisieren. Da ist es nicht nur eine Vorbedingung, daß die Versuchsperson dem Hypnotiseur sympathisch oder wenigstens nicht unsympathisch ist, sondern auch, daß der Hypnotiseur selber von sich aus jenes schwer benennbare Etwas ausstrahlt, das auf die Versuchsperson angenehm wirkt. Daraus geht hervor, daß sich also solche Leute von vornherein schlecht zum Hypnotisieren eignen, die einen hervorstechenden Wesenszug oder eine Äußerlichkeit an sich haben, welche an und für sich – wenigstens im Großen und Ganzen – unlusterregend wirkt. Es würden also z. B. auffällige Ausdünstungen, widerliche Unreinlichkeiten im Gesicht oder an den Händen, stechender unangenehmer Blick, abstoßende Häßlichkeit, durch keinen Zug der Güte, die auch dann noch aus den Augen strahlen kann, oder durch keine sympathische Stimme gemildert, von vornherein die Vornahme von Suggestionshandlungen erschweren. Auch weckt es in der Versuchsperson die nötige Sympathie, die die Vornahme von Suggestionshandlungen begünstigt, wenn sie das Bewußtsein haben kann, daß der Hypnotiseur ein ebenso willensstarker, wie menschlich hoch denkender und gütiger Mensch ist. So bilden also gewisse angenehme körperliche wie seelische Eigenschaften die Voraussetzung einer Sympathie-Erweckung und damit des Hypnose-Erfolges. Von diesen notwendigen Eigenschaften können sehr wohl einige anerzogen, gepflegt und gefördert werden.

Ein angenehmes Äußere, ein sympathisches Auftreten, eine ansprechende Ausdrucksform und Benehmensart, wohlwollende Haltung, das Bemühen, auf den anderen einzugehen – daß alles läßt sich mehr oder weniger anerziehen. Im Alltagsleben erfahren wir tagtäglich die Wichtigkeit des Satzes, daß Sympathieerweckung die Grundlage persönlicher wie geschäftlicher Erfolge ist. Zuweilen gehen von bestimmten Naturen so offenkundig sympathische Wellen aus, daß jedermann empfindet, daß man es hier mit einem höchst angenehmen Menschen zu tun hat, wobei nicht einmal immer die Einzelheiten angegeben werden können, die zu dem allseitig empfundenen freundlichen Gesamteindruck geführt haben. Im Geschäftsleben scheitern sehr häufig an und für sich aussichtsreiche Geschäfte an einer unbezwinglichen Antipathie, die der eine gegenüber dem anderen empfindet. Und umgekehrt kommen geschäftliche Verbindungen da zustande, wo nüchterne Erwägung sich vielleicht ablehnend verhalten hätte, aber der eine Partner dem anderen so sympathisch war, daß eben schon um deswillen das Geschäft doch abgeschlossen wurde. Wenn wir nun an die Notwendigkeit einer mitarbeitenden Autosuggestion der Versuchsperson denken, so sehen wir leicht ein, wie diese Autosuggestion, die ja nur wieder auf der Willfährigkeit und inneren Geneigtheit des Objektes beruht, nur zustande kommen kann, wenn der Hypnotiseur dem zu Hypnotisierenden sympathisch ist. Wir haben einen Fall erlebt, wo ein Nervenarzt einen Patienten, der an und für sich durchaus suggestibel war, nicht einmal in Schlaf versetzen konnte trotz vielmaliger Versuche, weil der Arzt Jahre vorher dem Patienten Beweise eines grundsätzlichen Nichtverstehens und Nichteingehens auf seinen Seelenzustand gegeben hatte. Der Arzt mochte dieser früheren tatsächlichen Stimmung dauernd eingedenk geblieben sein, wenn auch vielleicht nur unterbewußt, und so kam er selber nicht über eine kalte Fremdheit bei dem Versuche hypnotischer Behandlung hinaus, wodurch natürlich das Mißlingen der Versuche von vornherein gegeben war. Als ein anderer Arzt, der dem Patienten außerordentlich sympathisch war, die Eingebung versuchte, gelang sie sofort. Es kann hier nicht näher darauf eingegangen werden, was alles von vornherein Sympathie erweckend zu sein pflegt. Man müßte da ein Lehrbuch der Psychologie schreiben und außerdem ist es ja auch immer noch individuell verschieden, was auf diesen oder jenen sympathisch wirkt. Besonders wenn es sich um das Hypnotisieren weiblicher Persönlichkeiten handelt, kommen noch Kräfte der Anziehung in Frage, die auf dem Gebiete des Sexuallebens liegen, und hier können allerdings die merkwürdigsten Äußerlichkeiten den Anlaß einer für andere manchmal geradezu unverständlichen Sympathieerregung bilden. Hier auch freilich geschehen durch gewissenlose Menschen, die einmal auf suggestivem Wege über ein weibliches Wesen eine unzerstörbare Übermacht gewonnen haben, strafwürdige Ausbeutungen der weiblichen Willfährigkeit, worüber wir im 8. Kapitel noch Näheres hören werden. Aber so viel steht fest, daß zum Hypnotisieren nur der geeignet ist, der neben äußerlichen sympathischen Eigenschaften, neben der ausgesprochenen Energie des Willens eine gewisse geistige Höhe und Klarheit besitzt, die ihn auch in dieser Hinsicht zu einer Respektperson macht. Wenn jemand, der hypnotisiert werden soll, weiß, daß der Hypnotiseur – nach seiner Auffassung – ein Dummkopf und ungebildeter Mensch ist, dann wird er schwer geneigt sein, sich dessen Wünschen anzubequemen, auch wenn dem Hypnotiseur zufällig jene noch besonders zu erwähnenden Eigenheiten anhaften, die man unter der Bezeichnung »Persönlicher Magnetismus« zusammenfaßt.

Wir sprachen oben von der Energie, als einer der Hauptquellen der Fähigkeit, zu hypnotisieren. Diese Energie muß nicht nur in dem leidenschaftlichen Wollen bestehen, den vorzunehmenden hypnotischen Akt glücklich durchzuführen, nicht nur darin, daß im bürgerlichen Leben der Betreffende ein energischer Charakter ist, sondern diese Energie muß eine innere Wesenheit des Hypnotiseurs geworden sein. Sie muß sich mit dem unbedingten Glauben an sein Können, seine Macht verbinden. Rein gedanklich dürfen in der Seele des Hypnotiseurs während der Suggestion gar keine Zweifel am Gelingen, keine Bedenken an der Methode der Durchführung aufsteigen. Denn die fein empfindende Seele des zu Hypnotisierenden würde eine solche innere Unsicherheit sofort herausspüren, auch wenn sie sich nicht in Worten oder Gesten äußert. So befindet sich der Hypnotiseur in einem Zustande der stärksten Willensanspannung, gewissermaßen ebenso wie sein Objekt in einem Zustande der Einengung seines Bewußtseins und Willens, insofern er an nichts anderes denkt und denken darf als an die Durchführung seiner Aufgabe. (Friedlaender, a. a. O., S. 18.)

Wenn in manchen populären Schriften gesagt wird, daß jedermann sowohl hypnotisieren wie auch andererseits hypnotisiert werden könne, so ist das natürlich an der Hand vorstehender Ausführungen nur mit erheblicher Einschränkung zu verstehen. Eine andere Frage ist die, wann überhaupt die Fähigkeit zu hypnotisieren in Erscheinung treten soll und darf. Da möchten wir uns ganz auf den Standpunkt der Wissenschaft stellen, die dafür eintritt, daß hypnotische Experimente eigentlich nur von Ärzten und wirklich sonst noch dazu Berufenen zu ärztlichen oder wissenschaftlichen Zwecken vorgenommen werden sollen. Man kann noch einen Schritt weitergehen und hypnotische Vorführungen im engsten Familien- oder Freundeskreise für erlaubt halten, sei es ebenfalls aus wissenschaftlichen Gründen oder sei es um diese interessanten Phänomene einmal praktisch kennen zu lernen. In letzterem Falle aber müssen alle Bedingungen vorliegen, die einen Mißbrauch der Hypnose ausschließen. Dazu gehört vor allem die Einwilligung der Versuchsperson und ferner der Ausschluß aller solcher Experimente, von denen man einen Nachteil auf das seelische oder körperliche Empfinden der Versuchsperson befürchten könnte. Dazu gehört außerdem die grundsätzliche Beobachtung der Regel, niemals solche Experimente ohne Zeugen vorzunehmen. Das Gegenteil kann besonders bei weiblichen Personen, die zu Hysterie neigen, zu höchst fatalen Folgen führen.

Völlig verwerfen wir die öffentliche Vorführung hypnotischer Experimente vor einem breiteren Publikum und selbst in sogenannten geschlossenen Gesellschaften. Letztere sind ja auch meist nur ein Umgehungsmittel beim etwaigen Bestehen gesetzlicher Verbote öffentlicher Vorstellungen, und in Wahrheit hat zu solchen geschlossenen Gesellschaften meist auch jedermann auf leichte Weise Zutritt. Wir verwerfen die öffentliche Vorführung aus verschiedenen Gründen. An und für sich hat die berufsmäßige Ausnützung dieser so tief ins Gemütsleben der Zuschauer eingreifenden Vorgänge zu reinen Gelderwerbsinteressen etwas Widerwärtiges. Während sich solche Darbietungen meist ein pseudowissenschaftliches Mäntelchen umhängen, fördern sie in Wahrheit die Sensationslust des Publikums und außerdem pflegen dabei alle Sicherungen gegen eine seelische und sittliche Schädigung der Versuchspersonen ebenso wegzufallen, wie die zu verlangende Schutzwehr gegen etwaige betrügliche Manipulationen, sei es des Vorführenden, sei es der Versuchsobjekte. Jeden fein und anständig empfindenden Menschen muß es nur abstoßen, wie im Gelingensfalle die Anschmiegung des Suggestionierten an den Befehl des Hypnotiseurs zu Handlungen führt, die zwar an und für sich ganz interessant sein mögen, aber doch erfahrungsgemäß bei einem bunt zusammengewürfelten Publikum sehr häufig ein abstoßendes Gelächter, das Echo befriedigter blöder Schaubegierde, zeitigen, wo wir nur stumm und ehrfürchtig die Wunder des seltsamen Vorganges anstaunen sollten. Vor allem aber ist dabei auch an die gefährliche Massensuggestion zu denken, die derartige Schaustellungen nach den verschiedensten Richtungen hin auszulösen pflegen. Solche Experimentalvorträge, wie sie von ihren geschäftstüchtigen Veranstaltern hochtrabend angekündigt werden, locken erfahrungsgemäß eine ganze Reihe von hysterischen Weibern, willensschwachen Menschen, verbrecherischen Elementen an, die alle mehr oder minder unwünschenswert beeindruckt werden. Geschmacksverwilderung, Sensationsgier, Verbrechensanreiz können durch solche öffentliche Schaustellungen nur zu leicht gefördert werden. Man bedenke, wie wahllos der Herr Podium-Hypnotiseur aus dem Publikum »geeignete« Personen heraussucht! Wenn er dann jemanden zur Verblüffung der Zuschauer einen Diebstahl, eine Brandstiftung, eine Urkundenfälschung begehen läßt, so kann er nie wissen, auf welchen Boden dieser Samen fällt. Eine solche hypnotische Spielerei kann die Bereitschaft wecken, im Ernstfalle einer Verführung, die ja auch eine Art Suggestion ist, leichter nachzugeben. Vor allem aber: im Zuschauerraum können Hypnotiseure mit verbrecherischen Instinkten sitzen, die sich diese oder jene öffentlich als leicht suggestibel gekennzeichnete Person merken, sich an sie heranmachen und sie zu unlauteren Zwecken ausnützen.

Vor weiteren verderblichen Folgen solcher öffentlicher Produktionen seien hier noch genannt: Furcht vor Hypnose, falsche Beurteilung der eigentlichen Zwecke und Ziele der Hypnose, Untergrabung des Vertrauens in den Arzt, der sich so trefflich der Hypnose zu Heilzwecken bedienen kann.

Mit unserer duldsamen Stellungnahme gegenüber hypnotischen Experimenten im engsten Familien- und Verwandtenkreise, von Laien ausgeführt, kann sich natürlich der Arzt nicht befreunden, der von seinem Standpunkt aus mit Recht die Hypnose lediglich zu ärztlichen Zwecken angewendet wissen will. Auch wir würdigen sehr wohl alle Bedenken, die dagegen sprechen, aber wir setzen bei hypnotischen Experimenten im engsten Kreise – um das gleich an dieser Stelle zu erwähnen – voraus, daß der Hypnotisierende seine Tätigkeit nicht als bloßen Spaß, sondern als einen ernsthaft zu nehmenden Versuch auffaßt, an sich selbst seine Fähigkeiten zum Hypnotisieren auszuprobieren, wie an der Versuchsperson das Vermögen, sich hypnotisieren zu lassen. Diese letztere wiederum muß ebenfalls überzeugt sein, daß man mit ihr nicht bloß so zum Scherze derartige Übungen vornehmen will, sondern daß sie aus dem Gelingen der Hypnose u. a. die Hoffnung schöpfen kann, im Ernstfälle – also beispielsweise bei Erkrankungen, Schmerzen, seelischen Leiden – durch vertrauensvolle Hingabe an einen sachverständigen Arzt geheilt werden zu können oder aber auch durch Autohypnose von dieser oder jener verhängnisvollen Neigung sich selbst zu heilen.

Wir schließen diese Betrachtungen, wer sich dazu eignet, zu hypnotisieren, damit: An und für sich jeder, der fähig ist zu strengster Konzentration, der mit natürlicher Herrschgewalt begabt, geistig höherstehend, leiblich nicht unterwertig ist, der sich mit der Wissenschaft vom Hypnotismus eingehend beschäftigt hat und von der Bedeutsamkeit der Hypnose besonders für Heilzwecke überzeugt ist. Diese Charakterisierung der Eignung zum Ausüben der Hypnose engen wir dahin ein, daß wir wünschten, daß möglichst nur der Arzt sich mit ihr praktisch befassen soll, der Nichtarzt aber nur ganz selten und nur unter gewissen von uns erwähnten Voraussetzungen.

Wer aber eignet sich nun zum Hypnotisiert werden? Die oft gehörte Behauptung, fast alle Menschen, bedarf doch wesentlicher Einschränkung. In den tieferen Grad der Hypnose läßt sich z. B. nach mehreren Autoren nur ein Bruchteil der Menschen versetzen. Wer aber unsere Ausführungen über Suggestion und Autosuggestion gelesen und begriffen hat, wer sich erinnert, daß es auf ein Mitwollen des zu Hypnotisierenden, ja auf eine Verwandlung der Suggestion in eine Autosuggestion ankommt, und durchaus nicht etwa auf eine Ausschaltung, Unterdrückung, Brechung des fremden Willens, der begreift leicht, daß gerade undisziplinierte, ihrer selbst nicht sichere Menschen, Nervöse, Willensschwache schwer oder gar nicht hypnotisierbar sind. Kinder nur, wenn schon ein gewisses Begreifen dessen, was man erstrebt, und ein williges Gewährenlassen vorliegt. Die Fälle, wo sehr junge Kinder erfolgreich suggestiv behandelt worden sind, dürfen wohl auf das Konto des Wortes: »Keine Regel ohne Ausnahme« gesetzt werden. Idioten, Blödsinnige sind überhaupt nicht hypnotisierbar. Geisteskranke nur mit Einschränkungen. Der Begriff geisteskrank ist ja medizinisch ein anderer als wie ihn der Laie auffaßt. Viele glauben, daß man jemandem Geisteskrankheit ansehen, daß sie sich in auch dem Laien deutlich wahrnehmbaren Äußerungen und Handlungen manifestieren müsse. Das ist keineswegs der Fall. Es laufen allenthalben unter unseren Mitmenschen Geisteskranke im ärztlichen Sinne herum, die es nur nach einer bestimmten Richtung hin sind, ohne im übrigen eine bemerkbare Handlungs- und Geschäftsunfähigkeit an den Tag zu legen. Solche Menschen mit einem besonderen Tick, Zwangsvorstellungen, eigenartigen Triebrichtungen, Manien u. s. w. sind meist nur bis an den Kreis ihrer krankhaften Vorstellungen suggestionierbar. In den Kreis dieser Vorstellungen hinein dringt der Wille des Hypnotiseurs nicht oder nur in den seltensten Fällen, wie uns das schon – gegen Ende des 6. Kapitels – durch das Zitat von Gerster bezeugt wird. Und das ist ja auch ganz begreiflich, denn eine Zwangsvorstellung ist ja in gewisser Hinsicht nicht viel anderes als eine beständige anfallweise Autohypnose, bedingt durch konstitutionelle Gehirnanomalie oder seelische Knickungen, Beeindruckungen. Gegen diese Autosuggestion, die – zumal auf erotischem Gebiete – noch von starken Lust- oder Unlustgefühlen begleitet zu sein pflegt, richtet ein fremder Wille nur in sogenannten leichten Fällen etwas aus. Daß weibliche Menschen leichter zu hypnotisieren wären als männliche, ist nach unserer Grundanschauung kaum mehr zu behaupten. Es ist wohl bloß mehr eine Zufälligkeit, daß im allgemeinen zu Versuchspersonen Frauen und Mädchen mehr benützt worden sind, als Männer. Bedenken wir, daß die Experimentatoren fast ausschließlich Männer waren und sind; es liegt doch nahe, daß sie annehmen, die weibliche Seele werde sich ihnen leichter unterordnen. Hierbei mag auch das jahrtausendlang eingewurzelte Hörigkeitsgefühl der Frau mitspielen, aus dem die immer wieder zu betonende Willfährigkeit zum Sichhypnotisierenlassen leichter hervorgehen mag. Hätten wir eine, große Zahl weiblicher Ärzte, denen wir einmal die Fähigkeit zu hypnotisieren beilegen wollen, so würden diese freilich mit männlichen Versuchsobjekten wohl nicht die gleiche Zahl guter Ergebnisse erzielen, weil über den besten subjektiven Willen, sich hypnotisieren zu lassen, hinweg dann doch wieder das uralte Herrschaftsgefühl des Mannes sich gegen den Gehorsam unter weiblichem Befehl aufbäumen würde. Solche Allgemeinzusammenhänge sprechen eben bei dem eminent psychischen Vorgange mit, der eine Hypnose darstellt.

Die Frage, wozu sich die Hypnose eignet, haben wir eigentlich schon vorweg beantwortet. Im Grunde nur zu ärztlichen Zwecken, die aber so bedeutungsvoll sind, daß wir im Kapitel »Hypnose in der Medizin und im Strafrecht« einiges weitere darüber sagen müssen. Für Laienexperimente ist die Hypnose eigentlich gar nicht da. Weil aber dies Buch ja für den Laien geschrieben ist, so müssen wir damit rechnen, daß er sich an einer bloßen theoretischen Betrachtung über das Wesen der Hypnose, so lehrreich sie auch immer sein möge, nicht genügen lassen werde. Wollten wir nun von praktischen Versuchen gar nicht reden, wollten wir gar keine Beispiele einer Hypnosedurchführung bringen, so steht zu erwarten, daß der unberatene Laie sich aus allerhand minderwertigen Broschüren, die es ja auf diesem Gebiete leider immer noch gibt, die gewünschte Belehrung sucht. Er findet sie auch dort, aber ohne die wohlüberlegten Einschränkungen, die wir im Interesse der Sache, nach unserer Überzeugung und der öffentlichen Wohlfahrt eingedenk, machen zu müssen glaubten. Wenn wir also später praktische Anleitungen geben, so sollen diese beileibe keine Anreizung für jeden jungen Mann oder jedes junge Mädchen sein, nun mal zum Spaße zu sehen, ob Fräulein Schulze auf Befehl in eine imaginäre Droschke steigt und ob Herr Müller eine rohe Kartoffel für einen Pfannkuchen hält, sondern diese Anleitungen sollen nur eine Handhabe für die Ernsthaften unter unseren Lesern sein, die im engsten Freundes- und Familienkreise unter Beachtung der oben genannten Gesichtspunkte ihre vermeintlichen hypnotischen Fähigkeiten experimentell erproben wollen. Ernst muß bei der Sache sein, für flüchtige Unterhaltung unreifer Geister sind die Wunder der Hypnose zu schade. – Es gibt übrigens noch in breiteren Kreisen eine recht mißverständliche Auffassung vom Wesen der Hypnose, von ihrer Anwendbarkeit, die hier zu Nutz und Frommen unserer Leser kurz gestreift werden möge. Eben jene oben genugsam charakterisierten öffentlichen Vorführungen wie auch manche verantwortungslos geschriebenen sogenannten populären Darstellungen haben in manchen naiven Menschen den Glauben gezeitigt, daß mittels der Hypnose im bürgerlichen Leben, im persönlichen Verkehr andere so nebenbei, vielleicht gar noch ohne Wissen der Betreffenden in bestimmter Hinsicht beeinflußt werden könnten, das oder dies zu tun, zu unterlassen. Oft genug scheint man die Hypnose als eine Art modernen Liebeszauber aufzufassen und von ihr die Zähmung der Widerspenstigen zu erwarten. Das sind natürlich Mißverständnisse. Soweit eine Alltagssuggestion im Sinne der Einleitung dieses Werkes (vergl. S. 7 bis 9) in Frage kommen kann, mögen solche Wünsche Erfüllung finden; schwerlich aber durch eine ausgesprochene Hypnose, die ja dann – wenn sie überhaupt praktisch zustande kommt – eher eine Art seelische Vergewaltigung darstellt und niemals dauernden Segen bringen kann. Möglicher erschien eine derart gemeinte Beeinflussung durch Telepathie, die aber eine so selten anzutreffende Begabung ist, daß auch sie praktisch nicht weiter in Betracht kommt. Es bleibt schon so: im Alltagsleben erwirken letzthin doch die sicherste Beeinflussung unserer Mitmenschen die natürlichen Suggestionen durch die Kardinaltugenden der unverzagten Güte und selbstlosen Liebe.

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