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Die gefiederte Schlange

Edgar Wallace: Die gefiederte Schlange - Kapitel 17
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typefiction
authorEdgar Wallace
titleDie gefiederte Schlange
publisherAufbau-Verlag Berlin und Weimar
translatorRavi Ravendro
correctorreuters@abc.de
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16

Wenn Daphne auch sehr gleichgültig tat – in Wirklichkeit wäre sie Peter am liebsten um den Hals gefallen, als er sie unerwartet besuchte. Die Aussicht, den Abend ganz allein verbringen zu müssen, war fürchterlich für sie gewesen. Mit ihren Nerven war sie so am Ende, daß sie bereits Geräusche – Fensterklappen und Türenknarren – hörte, die gar nicht existierten. Sie hatte eben einen Entschluß gefaßt, als Peter kam. Er war überrascht, daß sie seine Einladung zum Abendessen sofort annahm; fast hatte er befürchtet, daß sie ablehnen würde.

Auf einem Stuhl stand ihr kleiner gepackter Koffer.

»Wollen Sie etwa verreisen?«

»Ja«, sagte sie. »Eine halbe Stunde später hätten Sie mich nicht mehr angetroffen – ich nehme für eine Woche ein Zimmer im Ridley-Hotel. Es liegt in Bloomsbury, in einer sehr ruhigen Gegend. Ich habe eine Bekannte, die dort wohnt.«

»Wie kommen Sie bloß auf diese Idee? Hat man Ihnen die Wohnung gekündigt?«

Sie schüttelte den Kopf.

»Ich glaube, Sie haben Angst!«

Daphne errötete.

»Warum sollte ich Angst haben?« fragte sie abwehrend.

Peter sah sie nachdenklich an.

»Es ist ja eigentlich kein Grund dazu vorhanden – wahrscheinlich hat Sie aber der Mord so aus der Fassung gebracht. Daran habe ich gar nicht mehr gedacht!«

Sie versuchte, die Sache als belanglos hinzustellen, aber Peter ließ sich nicht so leicht täuschen.

»Ich weiß gar nicht, warum ich mich dazu entschlossen hatte«, sagte sie verlegen. »Es war so ein langweiliger Abend, und hier fiel mir alles auf die Nerven. Da rief ich das Hotel an. Sie denken wohl, ich sei sehr dumm?«

»Im Gegenteil, ich halte Sie für sehr klug«, sagte er ruhig. »Und obwohl ich nicht an eine Gefahr glaube ...«

In diesem Augenblick läutete das Telefon.

»Bitte tun Sie mir den Gefallen, und antworten Sie«, bat sie ihn ängstlich. »Es ist sicher Miss Creed. Sie wollte mich unbedingt heute abend sprechen, aber ich habe ihr gesagt, daß ich bereits eine andere Verabredung hätte.«

Peter nahm den Hörer ab, aber es war nicht Ella Creed. Jemand sprach mit tiefer, anscheinend verstellter Stimme.

»Ist dort Miss Olroyd?«

Im Apparat knackte es, während Peter bejahte. Er verstellte dabei sehr geschickt seine Stimme.

»Denken Sie auch noch daran«, sagte der Fremde. »Sie dürfen niemand etwas von den Ereignissen der letzten Nacht erzählen.«

Peter hörte noch ein Knacken, dann war alles still. Er legte langsam den Hörer auf und ging zu Daphne zurück.

»Wer hat angerufen?«

»Was ist Ihnen letzte Nacht passiert?« fragte er statt einer Antwort. Sie merkte, daß er beunruhigt war.

»Ich – kann es Ihnen nicht sagen!«

»Sie müssen, Daphne. Es ist wirklich sehr wichtig, daß Sie mir alles anvertrauen«, drängte Peter beharrlich.

Sie schüttelte nur schwach den Kopf.

»Ich – ich mußte versprechen, daß ich nicht darüber rede!«

Er legte ihr die Hände auf die Schultern und schaute sie ernst an.

»Ich frage Sie nicht deshalb, weil ich für meine Zeitung eine gute Geschichte brauche«, sagte er leise. »Ich bitte Sie, mir alles zu sagen, weil – weil ich Sie liebe, Daphne.«

Sie wurde abwechselnd rot und blaß und brachte kein Wort heraus. Er streichelte sacht ihren Arm.

»Bitte, Daphne!«

»Ich darf nicht – ich habe es doch versprochen ...«, stammelte sie. »Jemand holte mich vom Theater ab ...«

Und dann erfuhr Peter nach und nach die ganze unheimliche Geschichte ihres nächtlichen Abenteuers. Sie war sichtlich erleichtert, endlich sprechen zu können.

»Niemand hat mir etwas getan – sie waren sehr anständig. Ach, Peter, Sie dürfen kein Wort weitererzählen hören Sie! Und Sie dürfen auch nicht versuchen, den Ort ausfindig zu machen!«

Er legte seinen Arm um sie, als sie plötzlich zu schluchzen begann. Es dauerte lange, bis er sie beruhigt hatte.

»Ich bin so nervös und aufgeregt, aber es ist einfach furchtbar, wenn man sich bei keinem Menschen einen Rat holen kann«, sagte sie und ging ins Nebenzimmer, um sich zu erfrischen. Als sie zurückkam, konnte man trotzdem noch deutlich die Spuren ihrer Tränen sehen.

»Es war so schrecklich – und ich habe doch niemand etwas getan!«

Er nahm sie wieder in die Arme und strich vorsichtig über ihr Haar.

»Nein, du hast bestimmt nichts verbrochen. Als deine Entführer das merkten, ließen sie dich ja auch gleich gehen.«

»Wie meinst du das?« fragte sie verstört.

»Sie haben dich ganz einfach mit Ella Creed verwechselt. Du trugst ihren roten Regenumhang und bist etwa gleich groß. Als sie ihren Irrtum bemerkten, wurdest du schnell nach Hause geschickt. Der Raum, in dem du eingesperrt warst, sah wohl wie eine Gefängniszelle aus?«

Sie nickte entsetzt.

»Dann ist ja alles klar«, meinte er zufrieden. »Es war geplant, Ella Creed in dies kleine Gefängnis zu stecken, das man eigens für sie eingerichtet hatte – und es war alles so gut vorbereitet, daß sie dort wohl niemand entdeckt hätte.«

»Aber warum denn das?«

»Ich bin mir noch nicht ganz klar, warum Gucumatz ...«

»Wer ist Gucumatz?« fragte sie überrascht. »Den Namen habe ich noch nie gehört.«

»Ich weiß es noch nicht«, sagte er ablenkend. »Jedenfalls hat er mit Ella Creed zu tun. Ich habe die vergangene Nacht damit zugebracht, alle Einzelheiten des Falles William Lane nachzulesen. Die Creed erschien nicht vor Gericht, der einzige Zeuge der Bande, der auftrat, war Joe Farmer.«

»Du gibst mir immer mehr Rätsel zu lösen auf«, unterbrach sie ihn. »Ich weiß gar nicht, wovon du eigentlich sprichst. War Mr. Farmer denn mit dem Mann, der den komischen Namen hat, verfeindet?«

»Wir wollen jetzt essen gehen«, sagte Peter. Er küßte Daphne; dann nahm er ihren Koffer, und sie verließen das Haus.

»Findest du nicht, daß es dumm von mir ist, im Hotel zu schlafen?«

»Du hast ganz klug gehandelt; außer gefiederten Schlangen gibt es auch noch andere Gefahren.«

Als sie auf die Straße traten, sah Peter einen Mann vor dem Haus stehen, der ihm bekannt vorkam. Er rief nach einem Taxi, half Daphne beim Einsteigen und reichte ihr den Koffer hinein. Dann ging er auf den wartenden Mann zu.

»Wollen Sie mich sprechen, Hugg?« fragte er.

»Ja, Sir.« Huggs Stimme zitterte vor Erregung. »Heute abend habe ich ihn wieder gesehen.«

»William Lane?«

»Er war es ganz bestimmt!«

Dewin dachte einen Augenblick nach und fragte dann:

»Woher wußten Sie eigentlich, daß ich hier bin?«

»Ich ging zuerst in Ihre Wohnung und fand dort niemand vor. Von da ging ich zum Grosvenor Square, weil ich Mr. Crewe sprechen wollte. Aber auch der war nicht zu Hause. Ich fragte dann nach seiner Sekretärin und erfuhr, daß sie ihre Stellung gewechselt hätte. Man gab mir ihre Privatadresse, und so kam ich hierher und wollte mich nach Ihnen erkundigen ...«

»Woher wußten Sie denn, daß Miss Olroyd über mich Auskunft geben kann?«

Aber plötzlich änderte Peter seinen Ton.

»Also gut, wo haben Sie William Lane getroffen?«

»In einer ärmlichen Pension – er ist sehr krank und wird wohl nicht mehr lange leben. Ich habe ihm fünf Shilling geborgt, damit er nach Birmingham fahren kann, wo er Verwandte hat.«

Hugg wurde immer nervöser, während er sprach. Er konnte keinen Augenblick stillstehen und drehte sich dauernd um. Peter hätte schwören mögen, daß seine Zähne klapperten.

»Gut«, sagte er. »Kommen Sie morgen früh Punkt elf zu mir ins Büro.«

»Ich komme bestimmt«, entgegnete Hugg immer unruhiger.

Peter ging zum Wagen zurück und stieg ein.

»Ein alter Freund von mir«, erklärte er leichthin, erzählte aber nichts von der Unterhaltung, die er soeben geführt hatte. Während des Essens entschuldigte er sich einen Moment bei Daphne und rief Leicester Crewe an.

»Kommen Sie doch heute abend zu mir, wenn Sie mich sprechen wollen«, entgegnete Crewe ärgerlich, als er erfuhr, wer anrief.

»Haben Sie sich mit dem Herrn in Verbindung gesetzt, den ich Ihnen als eventuellen Käufer für Ihre Aktien nannte?« fragte Peter.

Crewe antwortete in gezwungenem liebenswürdigem Ton, daß er es schon getan hätte.

»Ich hoffe, daß ich mit ihm einig werde. Bis jetzt habe ich allerdings nur mit ihm telefoniert – morgen abend werde ich zu ihm gehen.«

Peter war den ganzen Abend in bester Stimmung. Nach dem Essen brachte er Daphne nach Hause und fuhr dann zu seiner Redaktion, um nach eventuellen Neuigkeiten zu fragen. Unter seiner Post fand er eine Benachrichtigung, daß die Totenschau für den kommenden Dienstag festgesetzt worden war und ein Schreiben von Oberinspektor Clarke, der ihn bat, möglichst bald in Scotland Yard vorzusprechen.

Er setzte sich an die Schreibmaschine und klapperte einen Artikel von etwa einer Spalte Länge herunter; der Nachtredakteur las ihn ohne große Begeisterung.

»Eine Meisterleistung ist das nicht – ist Ihnen nichts Interessanteres eingefallen?«

»Mir gefällt der Artikel ausgezeichnet«, entgegnete er unbekümmert und verschwand möglichst schnell.

Wenn Peter Dewin mit der Aufklärung eines Verbrechens beschäftigt war, kannte er keine Müdigkeit. Um Mitternacht streifte er durch die Victoria Dock Road und hatte das Glück, hier einen ihm bekannten Polizeisergeanten zu treffen, der seit vielen Jahren in diesem Distrikt Dienst tat.

»Hinter wem sind Sie denn schon wieder her? Neulich sah ich Sie mit Mr. Hugg, einem alten Bekannten der Polizei«, begrüßte ihn der Beamte. »Suchen Sie etwas Besonderes in meinem Bezirk ...? Etwa einer großen Sache auf der Spur?«

»Dem Mord an Farmer«, entgegnete Peter lakonisch.

Der andere nickte verständnisvoll.

»Er hatte hier früher das Lokal ›Rose und Krone‹, und ich bin fest davon überzeugt, daß er es nur für irgendwelche dunklen Geschäfte benutzte.«

»War er damals verheiratet?«

»Nein, bestimmt nicht.«

Peter erwähnte die Lewstons, aber der Sergeant zuckte die Schultern.

»Von denen habe ich nie was gehört.«

Sie schlenderten zusammen durch eine lange, dunkle Seitenstraße. Der Sergeant blieb stehen und zeigte auf ein Haus. »Das ist die ›Rose und Krone‹.«

Kein Fenster des kleinen, schmutzigen Gasthauses, das an der Ecke eines Gäßchens stand, war erleuchtet.

»In diesem Haus wurde die größte Razzia auf eine Falschmünzerbande durchgeführt, die ich jemals erlebt habe«, fügte der Beamte nachdenklich hinzu.

»Meinen Sie den Fall William Lane?«

»Ah, Sie erinnern sich daran – ja, es war Lane. Wir überraschten ihn in seiner Werkstatt – inmitten von Druckmaschinen, Photoapparaten und mehreren tausend Stück französischer Banknoten, die gerade fertig geworden waren. Irgend jemand hatte ihn verpfiffen, und es klappte alles wie am Schnürchen. Auf frischer Tat ertappt – er hat sieben Jahre bekommen. Farmer war übrigens der Hauptzeuge gegen ihn.«

»Können Sie mir sonst noch etwas von Lane erzählen?«

Der Sergeant schüttelte den Kopf, und sie gingen langsam auf das Haus zu.

»Nicht gerade viel, er war erst einige Wochen vor der Haussuchung dort eingezogen, und so kannte ihn keiner der Nachbarn näher. Wahrscheinlich hat er sein Handwerkszeug bei Nacht und Nebel in das Gebäude geschafft. Als er festgenommen wurde, legte er ein volles Geständnis ab. Er wollte sich auch keinen Anwalt nehmen, bis das Gericht ihm schließlich einen Pflichtverteidiger zuwies.«

Über Crewe konnte der Sergeant keine Auskunft geben.

»Es ist sehr schwierig, die Spur von solchen zweifelhaften Existenzen zu verfolgen. Dieses Haus war Absteigequartier von einigen berüchtigten Londoner Banden. Der Rauschgifthandel blühte, und die Polizei weiß heute noch nicht, wie viele gestohlene Waren hier gehandelt und weiterverkauft wurden.«

Von der gefiederten Schlange hatte der Beamte zum erstenmal in den Zeitungen gelesen, als sie über den Mord an Joe Farmer berichteten.

»Das ist ja ein merkwürdiger Fall. Ich glaube fast, daß der Mörder jemand war, der sich an Farmer rächen wollte.«

Plötzlich kam ihn ein Gedanke.

»Ob William Lane in diese Geschichte verwickelt ist? Soviel ich weiß, wurde er vor einigen Monaten entlassen, und ich glaube, daß er verschiedene Gründe hatte, um mit Joe abzurechnen!«

Seine Nachforschungen waren noch lange nicht beendet, als er sich von dem Beamten verabschiedete. Er kam erst um drei Uhr morgens nach Hause und ließ sich, ohne die Kleider auszuziehen, erschöpft auf das Bett fallen.

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